„Warum schaut ihr euch diesen Scheiß an?“, wirft Guido irgendwann ins Publikum. Wann das Stück „Die Fledermaus im Placeborausch“ losging, weiß ich gar nicht. Einen klaren Moment, in dem plötzlich der Vorhang fiel und die Performance begann, gab es an diesem Abend nicht. Stattdessen habe ich das Gefühl, Schritt für Schritt hineingezogen zu werden. Die Bühne ist der gesamte Raum der Neuen Fledermaus. Das Publikum sitzt dicht um die Performer herum. So nah, dass die Grenze zwischen Zuschauen und Dabeisein zu verschwimmen scheint.

Stars der Stunde: Die Erbengemeinschaft Felix Gordon
Die „Erbengemeinschaft Felix Gordon“ ist ein interdisziplinäres Performance-Kollektiv, das seit 1999 besteht. Charakteristisch für die Arbeit der Künstler ist das gleichzeitige Geschehen mehrerer Ereignisse und Prozesse. Dadurch kann jeder Zuschauer seinen eigenen Ausschnitt wahrnehmen und möglicherweise eine ganz andere Geschichte aus der Performance mitnehmen als sein Sitznachbar. Die Stücke sind zwar vorbereitet und geübt, jedoch nicht einstudiert. Vieles entsteht spontan, manche Ideen entwickeln sich erst während der Aufführung. So gleicht keine Performance der anderen. Irritation sei dabei, so der BNN-Journalist Gereon Hoffmann, eine durchaus übliche Reaktion des Publikums.
Zunächst wirken die Bühnenkostüme beinahe zurückhaltend, teilweise sogar alltagstauglich. Dann betritt Guido den Raum – mit Schnuller und Windel. Und ich frage mich, was jetzt kommt, was das Ganze zu bedeuten hat. In meinem Kopf entstehen erste eigene Bilder und Geschichten. Später werde ich Guido davon erzählen.
Johanna zwischen Akkordeonspiel und spontaner Ausdruckskraft
Johanna ist an diesem Abend die einzige Frau im Erbenkollektiv. Sie wollte ihre Zuschauer zum Nachdenken anregen. Eigentlich hatte sie vor, etwas anderes zu zeigen. „Aber das ist oft so“, verrät sie mir. Und während ich sie sprechen höre, frage ich mich, ob das nicht genau die geheime Zutat ist, durch die diese Spontanität in ihrer Kunst entfalten kann. „Ich fands für mich spannend“, sagt Johanna schließlich. Denn sie wusste am Anfang noch gar nicht, wie das Stück am Ende werden würde. Sie spielt an diesem Abend mein Lieblingsinstrument: das Akkordeon.

Sie erzählt mir, wie sie in verschiedenen Vereinen gespielt hatte. Und wie das Instrument danach lange Zeit im Keller stand. Eines Tages spielte sie es aber doch wieder. „Ich habe es genutzt, um die alten Menschen zu beglücken, mit denen ich gearbeitet habe.“
Als sie uns in der Fledermaus mit ihrer Melodie beglückt, ist diese ruhig, sanft, beinahe fröhlich. Die drei anderen Performer lassen sich von der Musik leiten, bewegen sich dazu, breiten die Arme aus, singen – fühlen es. Jeder scheint gleichzeitig etwas Eigenes zu tun und ist doch mit den anderen verbunden. Aktionen überlagern sich, greifen ineinander, lösen neue Bewegungen aus. Nichts wirkt wie eine Abfolge. Ich merke, dass ich hier etwas miterlebe, das ich so zuvor noch nicht kannte. Ondine hat mir also nicht zu viel versprochen.
„Die Fledermaus im Placeborausch“: So erlebt Stefan die Aufführung
Irgendwann reicht Stefan mir eine bemalte Spielkarte. Kurz darauf schlucke ich ein Placebo und bin damit nicht mehr nur Beobachterin, sondern ganz klar in der Mittäterschaft. Und vielleicht heißt das, dass sich die Bedeutung nicht allein auf der Bühne befindet, sondern irgendwo dazwischen entsteht – zwischen den Menschen, dem Raum und den eigenen Gedanken. Ich nehme meine ganz persönlichen Themen wahr, meine eigenen Geschichten. Andere im Raum werden vermutlich etwas völlig anderes gesehen haben.
„Es ist ein Grandioses Gefühl, wenn der Funke rüber springt“, sagt Stefan. „Das Stück passiert einfach“, beschreibt er. Zu den Utensilien sagt er: „Man hat was dabei, aber die Spontanität entsteht durch den Moment. Durch die Energien. Durch den Raum und das Publikum.“ So gehöre es für die Erbengemeinschaft Felix Gordon einfach dazu, dass nicht alles, was man zuvor für das Stück vorbereitet hatte, auch tatsächlich zum Einsatz kommt.
Unmittelbar vor dem Auftritt verlassen Stefan die Gedanken. Eine gewisse Leere macht sich breit. „Wir sind die Medien. Deshalb geht es durch einen hindurch.“ Nach dem Auftritt begleitet ihn tagelang ein Glücksgefühl. Und nach den Proben schläft er „wie ein Baby“.

Guido durchlebt ein Spektrum zwischen sich selbst und seinen Rollen
Guidos Ziel ist es, für seinen Zuschauer „unterhaltend und belustigend“ zu sein. Jeder soll die Performance so interpretieren, wie er will. Denn die Zuschauer „sollen das sehen, was sie sehen wollen.“ Dabei nimmt Guido sich selbst nicht all zu ernst. Sein recht gewagtes Bühnenkostüm und auch der Auftritt selbst kosten ihn Überwindung, wenn auch nicht all zu viel. „Wir sind keine Schauspieler. Aber andererseits wir sind doch Schauspieler“, sagt Guido.
Ich frage ihn, ob es er selbst war, den wir da gerade gesehen haben. Und er sagt: „Das bin schon ich. Aber auch jemand anderes. Es ist ein Spektrum.“ Das Wichtigste für ihn: „Bei uns macht jeder, was er will. Dennoch achten wir immer aufeinander.“


Frieders erster Auftritt in der Neuen Fledermaus
Frieder steht heute zum ersten Mal auf der Bühne. „Das Stück heißt ja ‚Fledermaus im Placeborausch‘. Für mich steht das Tier für Transformation, daher war es mir wichtig, auch eine Transformation zu durchleben. Aus mir raus zu kommen. Es fühlte sich befreiend an“, teilt er mit mir.
Besonders faszinierend war für ihn die Symbiose zwischen ihm und den anderen Erben der Gemeinschaft. „Wir wussten ja gar nicht, was als nächstes passiert“, sagt er. Daher habe es ihn ebenfalls Überwindung gekostet. Vor dem Auftritt in der Neuen Fledermaus war Frieder auf einem Festival in der Natur. Dort freute er sich bereits darauf und erzählte auch einigen Menschen von seiner Vorfreude, die er zu genießen schien.
Er wird nachdenklich und sagt: „Die Seele vor einem Publikum zu entfalten ist wie vorwärts zu gehen und kein Zurück mehr zu haben.“
Die Neue Fledermaus: Ein Ort gelebter Kunst
Gastgeberin Ondine ist sichtlich gerührt. Sie spricht von einer wahren gelebten Avantgarde. „Alles, was in diesem Kollektiv gemacht wird, ist reine Kunst“ – in all ihren Ausdrucksformen. Für sie zeigt das Stück die Fragilität der menschlichen Psyche. Sie spüre regelrecht, dass der Kunstmoment zwischen den Akteuren passiert, beschreibt sie.
Als ich später aus der Tür der Neuen Fledermaus trete, habe ich viele Fragen. Aber vor allem bin ich glücklich. Nicht, weil ich das Stück vollständig verstanden hätte. Aber vielleicht gerade deshalb. Vor allem bin froh über den Austausch mit den Menschen, die diesen ungewöhnlichen Raum geschaffen haben.
Vielen herzlichen Dank, liebe Madlen, für die eingefangene Essenz des Happenings.