Auf den ersten Blick wirkt das Gemälde „Raub der Sabinerinnen“ von Nicolas Poussin wie eine schwer überschaubare Menge. Frauen, Soldaten, Alte sind durchmischt und befinden sich in einer Art Kampf, der jedoch ohne blutige Szenen auskommt. Sehen wir doch mal genauer hin, was Poussin in seinem Gemälde macht.

Die Geschichte der Sabinerinnen
Die Raub-Geschichte gehört zu den Gründungsmythen der Stadt Rom. Das neue Gemeinwesen, so heißt es, war Zufluchtsort heimatloser, oft krimineller Männer. Der rauen Gesellschaft fehlten Frauen. Romulus, ihr Anführer, wollte sie beschaffen.
Er ließ das Gerücht verbreiten, er habe unter der Erde den Altar eines Gottes gefunden, schrieb der griechische Schriftsteller Plutarch, und veranstaltete aus diesem Anlass ein üppiges Fest. Mit den Gästen kam auch das benachbart lebende Volk der Sabiner zur Feier. Auf ein Zeichen des Romulus zogen die Römer die Schwerter und stürzten mit Geschrei auf die Menge los. Sie raubten die Töchter der Sabiner. Männer, Kinder und Alte ließen sie davonziehen.
Plutarch rechtfertigte den Bruch der Gastfreundschaft mit der Notwendigkeit, dem zukünftigen Rom eine eigene Bevölkerung zu geben. Der Gewaltakt diente also einem höheren Ziel, was auch bei Poussin deutlich zur Geltung kommt.

So setzt Poussin die Szene in seine Bildsprache
Romulus mit Krone und Rüstung steht erhöht über der Menschenmenge. Das verabredete Zeichen für den Überfall war, so schrieb Plutarch, dass er aufstehen, den Purpurmantel auseinanderfalten und ihn dann wieder umnehmen sollte. Poussin malt also die auslösende Geste, zeigt den ersten Schrecken der Sabiner, den ersten Zugriff der Römer.
Der Stadtgründer muss ein unzivilisierter Gewaltmensch gewesen sein: Von Wölfen war er aufgezogen worden, seinen Zwillingsbruder Remus hatte er im Kampf um die Vorherrschaft erschlagen, Frauen besorgte er sich mit List und Brutalität. Poussin jedoch malt ihn nach dem Schema eines edlen und schönen Menschen.
Die Darstellung eines Herrschers
Romulus steht nicht, wie üblicherweise ein Mann beim Erteilen von Befehlen, mit beiden Füßen fest auf der Erde: Nach antikem Kunstmuster ruht sein Körper auf nur einem Bein, das andere hat ihm der Künstler als Spielbein nach hinten gesetzt und dazu die Hüfte leicht vorgeschoben. Und die Arme: der eine vor, der andere zum harmonischen Ausgleich hinter dem Körper.
Frederic Poussin zeigt ein Ideal, die Schönheit des Menschen, wobei Schönheit immer auch für einen
edlen Charakter stand. Poussin gehörte zu den vielen Künstlern, die dieses Ideal in den Kunstwerken der Antike verkörpert sahen. Studieren ließen sie sich am besten in Rom.
Raub der Sabinerinnen von Nicolas Poussin: Ein Blick in die Menschenmenge
Auf seinem Gemälde komponiert er die aufgewühlte Menge aus einzelnen Gruppen. Links im Vordergrund hebt ein Römer eine Sabinerin hoch und verliert dabei seinen Helm. Die Frau reißt mit der einen Hand den Kopf des Entführers an den Haaren zurück. Mit der anderen hätte sie ihm das Gesicht zerkratzen oder die Augen eindrücken können, stattdessen hebt sie Arm flehend in die Höhe. Poussin hielt sich hier nicht an realistische Möglichkeiten, sondern an die Kunst: Die Zweiergruppe ist einem 1583 von Giambologna geformten Relief nachgebildet.
Die über den Kopf erhobene Hand, möglichst mit der Handfläche nach oben, gehört zum klassischen Gestenrepertoire und bedeutet Klage, Verzweiflung oder Hilferuf. Immer charakterisiert sie einen Schwächeren gegenüber einem Stärkeren. Auf diesem Gemälde wird sie fast stereotypisch allen jungen Sabinerinnen zugeordnet. Gebärden spielen eine dominierende Rolle auf diesem Gemälde: die graziöse Pose des Romulus, der zurückgestreckte Arm des Flüchtenden vorne rechts, die flehend erhobenen Hände der knienden Alten, die muskulösen Arme der zupackenden Römer. Mit Gebärden erzählt der Maler, was passiert, und der Betrachter soll es sofort verstehen.
Raub der Sabinerinnen: Gesichter, Mimik und Physiognomien
Die Individualisierung und der Ausdruck der Gesichter soll Poussin hingegen nur wenig interessiert haben. Nur bei dreien der jungen Sabinerinnen hat er die Köpfe genauer ausgeführt, sie sind dem Betrachter zugewandt – und stammen alle vom selben Modell: blond, Mittelscheitel, dunkle zusammengezogene Augenbrauen.
Dem Profil des Romulus fehlt jeder Ausdruck, die Mimik des zurückschauenden Sabiners vornerechts ist einer Theatermaske nachgebildet. Poussin hat sich an antiken Statuen orientiert, bei denen das Individuelle einem Ideal angeglichen wurde. Er wählte seine Themen aus der Bibel, der Geschichte und den antiken Mythen. Es sind große Themen, die Formate jedoch sind eher bescheiden – zumindest nach den Maßstäben des Barock.
Format, unsichtbare Linien und Frederic Poussins Arbeitsweise
Der „Raub der Sabinerinnen“ misst 159 mal 206 Zentimeter. Mittlere und kleine Formate gehörten zu Poussins Programm. Er wollte jeden Pinselstrich selber setzen und verzichtete, selbst nachdem er Erfolg hatte, auf ein Atelier mit Lehrlingen und Gesellen. Er meinte, der Maler könne mit seinem Werk Menschen „erziehen“. Der ethische Anspruch verpflichte ihn zu größtmöglicher Perfektion.
Bei der Durchleuchtung des Gemäldes wurden Hilfslinien entdeckt, die sternförmig im Kopf des berittenen Römers mit dem Helmbusch zusammenlaufen. Dieser Punkt liegt direkt neben der senkrechten Mittelachse. Sie wird in der oberen Bildhälfte unübersehbar gemacht durch die senkrechte Wand hinter dem Tempel, verläuft zwischen Helmbusch und dem emporgeworfenen Unterarm der Sabinerin. Die waagerechte Mittelachse wird durch das Podest markiert, auf dem Romulus steht.
Beide Achsen werden jeweils nur an einer Stelle sichtbar gemacht, sonst verwischt und umspielt, um den Eindruck steriler Proportionalität zu vermeiden. Dennoch: Ausgewogen sollte alles sein. Also hat Poussin der armewerfenden Sabinerin in der Mitte eine auf der linken und eine auf der rechten Bildseite zugeordnet, einem Schimmel links einen Schimmel rechts. Der Dreiergruppe mit Romulus gegenüber steht eine Zweiergruppe rechts auf der Galerie – zwar viel kleiner, aber dafür wird der ruhigen Tempelfassade auf der linken Bildhälfte eine dynamisch wirkende Perspektive rechts entgegengesetzt.
Das alles entsprach den aus der Antike überlieferten Vorstellungen von Symmetrie und Ausgewogenheit, ohne die, so hieß es, ein Kunstwerk nicht als schön empfunden werden kann.
Quelle: Hagen, Rainer; Hagen, Rose-Marie: „Nicolas Poussin. Der Raub der Sabinerinnen. Im Chaos steckt die Idee
einer höheren Ordnung“. In: art – Das Kunstmagazin, 1979.