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Ballett-Gala Baden-Baden: Die Sprache der Seele

Die schwere Struktur des roten Samtvorhangs wird von den Scheinwerfern erleuchtet. Acht kleine Spalten zwischen seinem Ende und dem Boden der Bühne gewähren einen Einblick in das Blaue, noch Undefinierbare, das sich dahinter verbirgt. Wenn ich mich im Saal des Theaters in Baden-Baden umsehe, zähle ich viele Fächer und hin und her wedelnde Programmblätter und spüre die heiße Sommerluft. Jeden Moment geht es los.

Vorhang auf im Theater Baden-Baden

Dann fällt der Vorhang. Nach und nach füllt sich die Bühne mit sechs, dann zwölf, dann 18 Grazien, die das Publikum mit ihrem synchronen Tanz in den Bann ziehen. Das Bühnenbild bleibt fast vollständig leer. Nichts lenkt ab. Die Leere scheint mir gewollt. Sie gibt den Tänzerinnen und Tänzern den Raum, jede Bewegung, jede Geste und jede Emotion in den Mittelpunkt zu stellen.

Mit den ersten Takten beginnt eine Reise ohne Worte. Zartheit, Freude, Liebe, Schmerz, Sehnsucht. Sie liegen sowohl in den Choreografien, als auch in den Gesichtern der Tänzerinnen. Selbst die kleinsten Ballerinas erzählen mit ihrer Mimik Geschichten. Sie wirken konzentriert, stolz, einfach entzückend. Es ist, als würden sie das Publikum an die Hand nehmen und in ihre Welt führen. Vor allem der putzige Dalmatiner wird kaum einem Zuschauer aus dem Sinn gehen.

Emotionale Momente während der Ballett-Gala in Baden-Baden

Als die beiden Mädchen, die ich wenige Tage zuvor im Interview kennengelernt hatte, die Bühne betreten, trifft mich die Aufführung mit voller Wucht. Ich wartete bereits auf Mashas und Victorias Auftritte. Nach meinem Gespräch mit Masha Pavlova war ich so überwältigt davon, wie reflektiert und weltoffen sie mit ihren 14 Jahren auf mich wirkte. Wie elegant sie sich artikulieren konnte. Als ich sie während der Ballett-Gala auf der Bühne sehe, erscheint sie mir in einem ganz neuen Charakter: So schwebend und mit dieser glänzenden Hoffnung in den Augen, während sie, wie sie selbst sagte, eins mit der Musik wird.

Und dann das erste Highlight: Die beiden Mädchen tanzen zusammen auf der Theaterbühne.

Masha Pavlova und Victoria Thomas auf der Theaterbühne bei der Ballett-Gala in Baden-Baden.

Immer wieder entstehen Momente, in denen der Saal den Atem anzuhalten scheint. Einer davon ist die „Sehnsucht nach Vergangenheit“. Es geht dabei um eine erwachsene Ballerina, die ihrer Jugend gedenkt. Die Blicke zwischen den beiden Tänzerinnen wirkten so intensiv, dass sie fast greifbar werden. Die Choreographie ist ruhig, mit Bedacht. Kein Wort fällt. Es braucht keines. Jede Bewegung erzählt, wo Sprache gar nicht greifen kann.

Gänsehaut-Momente mit Victoria Thomas als der „sterbende Schwan“

Der „sterbende Schwan“ hinterlässt besonders tiefe Spuren. Ein einzelner Lichtkegel zeichnet Victoria auf der dunklen Bühne. Jeder Flügelschlag ihrer Arme wirkt zerbrechlich, jeder Schritt wie ein letzter Versuch, sich gegen das Unvermeidliche aufzubäumen. Sie ist im Moment; und das Publikum hält den Atem an. 

Neben mir beginnt eine Frau zu weinen. Erst laufen mir die Tränen über das Gesicht, wenig später ihr. Irgendwann sitzen wir einfach gemeinsam in diesem Moment. Zwei Fremde, verbunden durch das, was auf der Bühne geschieht. Als die Musik verklingt, folgt der wahrscheinlich lauteste Applaus des Abends. Wie hat Victoria all das in weniger als drei Jahren gelernt? Das muss mir mal jemand genauer erklären.

Ich habe schon lange nicht mehr geweint. Weder bei klassischen Konzerten, noch in Ausstellungen und schon gar nicht im Theater. Sorry, Theater. Manchmal werde ich emotional, wenn ich vor einem Gemälde stehe, das ich seit meiner Kindheit kenne und es erstmals in Natura sehe. Das kann passieren. Aber Ballett? Das ergriff mich in einem unerwarteten Ausmaß.

Ballett-Gala: Ein Ensemble aus Lebensfreude und Tragödie

Immer wieder wechseln die Stimmungen. Das Programm ist dramaturgisch sehr gekonnt aufgebaut. So können etwa besonders empfindliche Menschen, sich von der Tragik erholen, während kleine Blümchen in bunten Tutus mit ihren fröhlichen Bewegungen wieder für ein kleines Schmunzelchen sorgen.

Kurz darauf sitzen geheimnisvolle Nymphen in einem dunklen Kreis. Eine nach der anderen tritt in die Mitte, tanzt, verschwindet wieder in der Gemeinschaft. Dann wieder füllt Lebensfreude die Bühne, Leichtigkeit löst Schmerz ab.

Wieder beeindruckt mich Victoria. Diesmal mit ihrem Stimmungskontrast. Einmal scheint jede Bewegung von Leid geprägt, im Stück „Giselle Variation“ strahlt sie jedoch wieder eine Leichtigkeit und Glückseligkeit aus, die den gesamten Raum verändert. Die Musik trägt all das.

Mehrere Stücke werden live von der Sopranistin Rebecca Mahfoudhi und der Pianistin Anna Stanimak begleitet. Auch zwischen ihnen und den Tänzerinnen entstehen wortlose Dialoge. Ein kurzer Blick, ein gemeinsamer Atemzug, ein Einsatz im genau richtigen Moment. Musik und Tanz verschmelzen zu einer einzigen Erzählung.

Die Menschen sind begeistert

Im Publikum sitzen viele Kinder. Manche warten voller Aufregung auf den Auftritt ihrer Schwester, Cousine oder Freundin. Andere verfolgen jede Bewegung auf der Bühne mit großen Augen. Während der Schlussapplaus immer lauter wird, springen die ersten Besucher auf. Standing Ovations.

Der Applaus will kaum enden. Menschen jubeln, rufen, klatschen minutenlang. Einen derart langen und lauten Schlussapplaus habe ich im Theater Baden-Baden bislang noch nicht erlebt. Ich war aber auch nicht bei jeder Aufführung. Es dauert, bis sich der Saal sich langsam leert. Viele verlassen ihre Plätze nur zögerlich. Manche lächeln. Andere wirken nachdenklich. Einige trocknen sich unauffällig die Augen. Die Hingabe, mit der alle Beteiligten diese Kunst auf die Bühne brachten, zeigt ihre Wirkung. 

Stefan Hammel, Sie sind ein Genie!

Wer Stefan Hammel schon ein Mal erlebt hat, spürt schnell, wie viel seiner Seele in dieser Arbeit steckt. Seine Leidenschaft endet nicht bei ihm. Sie lebt weiter in den Kindern, Jugendlichen und Tänzerinnen. Seine Impulse werden größer, weil sie von so vielen Menschen weitergetragen werden und diese Kunst am Leben halten.

Vielleicht war es auch dieses Gefühl, das mich so tief berührt hat: dass an diesem Abend etwas sichtbar wurde, das in Baden-Baden längst nicht mehr selbstverständlich ist eine große Balletttradition, getragen von Menschen, die sie mit Leidenschaft und Hingabe lebendig halten.

Der Vorhang schließt, die Gala neigt sich dem Ende

Als sich der Vorhang endgültig schließt, bleibt davon mehr zurück als die Erinnerung an einen gelungenen Galaabend. Es bleibt das Gefühl, dass manche Geschichten keine Worte brauchen.

Für mich ist es erstaunlich, was Stefan Hammel aus den Mädchen (es sind überwiegend Mädchen, aber nicht ausschließlich) rausholt. Im Tanz zeigen sie sich frei, diszipliniert, majestätisch. Die Choreographien, das Kostüm und das Selbstbewusstsein der Frauen und Mädchen waren für mich ein Hinweis darauf, dass Hammel Frauen als die göttlichsten aller Geschöpfe sieht. Ich fand es richtig schön, wie stolz er bei unserem Interview erzählt hatte, dass bei ihm alle Bodytypes mittanzen. Diese Vielfalt an Körperformen, Charakteren, Temperamenten, Nationalitäten durch den Ballett vereint zu sehen, war ergreifend.

Besonders nach dieser Gala sehe ich ihn als „Человек с большой буквы“. Ich meine, durch den Tanz erkannt zu haben, wie er in den jungen Menschen, die in seine Ballettschule kommen, Anmut, Eleganz und Ausdruck ausbaut. Wie er Kinder zu Künstlern macht. Wie er den Theatersaal füllt, Standing Ovations und Zurufe der Begeisterung auslöst. Er lebt für die Kunst. Egal, wie sehr das manchmal wehtun kann (ich projiziere da an dieser Stelle einfach mal meine eigene Erfahrung und die vieler anderer, die für die Kunst leben, hinein.) Ich warte sehnsüchtig auf das nächste Konzert und bin schon ganz gespannt darauf, ob wir auch den Maestro mal persönlich auf der Bühne sehen.

In ewigem Applaus,

Madlen.

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