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Tieftauchen mit einer Künstlerin, die das Gute sichtbar macht

Ich sitze in der Wohnung von Elena Politowa und Lukas Buol. Ich spüre, wie hier in der Gestaltung die beiden Charaktere einander begegnen. Die Decken sind hoch, es ist viel Platz zum Nachdenken und Schaffen. Glatte, graue Betonwände, Fokus auf Holz und Stein, freche Lösungen, die ebenso ästhetisch wie praktisch sind – Lukas‘ Handschrift ist deutlich erkennbar. Ich entdecke viele Kunstbücher, hier und da blinkt ein Philosoph hervor.

Das besondere Augenmerk fällt auf die Wolkenbilder, die das Grau der Wände durchbrechen. Sie bewegen sich in einem zarten, aber leuchtenden Farbspektrum. Die Bilder hängen bewusst ohne Rahmen. „Ich will, dass es weitergeht“, sagt mir Elena Politowa mit einer Handbewegung, die grenzenlose Ferne andeutet. Dem Motiv soll durch das Framing keine physische Grenze gesetzt werden. Dadurch wirken die Bilder regelrecht wie Fenster – Fenster zu einer Welt, in der die Sonne immer auf- oder unterzugehen scheint.

Elena Politowa: „Es zerreißt mich“

Ihre künstlerischen Absichten sind klar definiert. „Ich will meinen Blick auf Emotionen richten, nicht auf Provokation.“ Heute erwartet man regelrecht eine versteckte politische Message von Künstlern. Doch es gibt auch die, die sich bewusst rausnehmen, weil sie sich von den massiven Aufdeckungen durch die Medien, Fehlgriffen der „großen Entscheider“, Kriegen und sonstigen Katastrophen, der die Menschen zur Zeit massiv ausgesetzt sind, überwältigt fühlen.

„Es zerreißt mich innerlich. Und wenn ich die Geschehnisse der Welt abbilden würde, würde ich auch andere damit zerreißen“, sagt mir Elena Politowa. Dieses Gefühl kenne ich gut. Denn auch ich konnte es eines Tages nicht mehr tragen, Frankfurts blutige Geschichten zu schreiben. Ich ließ all die Wut der Menschen durch mich hindurch, die politisch oder religiös oder sonst wie motivierte Taten begingen, und transportierte diesen Hass hinaus in die Welt. Klar, wurde das ganze gut und gerne gelesen – der Mensch interessiert sich nun mal für das Düstere, das neben ihm her lebt. Doch ich musste mich eines Tages fragen, ob es wirklich das ist, was ich bin. Und entschied mich dagegen. Daher freue ich mich um so mehr, euch heute auf einen Tieftauchgang mitzunehmen, vielleicht sogar ein bisschen buchstäblich, um eine Künstlerin vorzustellen, die hart daran arbeitet, das Gute in die Welt zu setzen – und damit Anklang findet.

Sie liebt es, den Himmel zu malen, „weil er niemanden angreift und niemandem weh tut.“ Sie probierte auch schon mal aus, politische Bilder zu malen. Es schmerzte sie sogar, die anzusehen. Dadurch erkannte sie die Wichtigkeit, „Gefühle in Bildsprache zu transportieren und mich dabei selbst nicht zu belügen.“ Sie will nicht das Medium sein, das Hass, Gewalt und politische Machtspielchen in die Welt trägt. „Ich war so übersättigt von dem Ganzen, dass ich anfing, Wolken zu malen. Es war so, als hätte ich nach langer Zeit wieder einatmen können“, teilt sie mit mir. Und fügt mit einem Schmunzeln an: „Es ist mir egal, ob sich die Bilder verkaufen oder nicht.“ Es sei ihr auch egal, was mit ihren Bildern nach ihrem Ableben passiert.

Ich frage sie, was Kunst für sie ist

Kunst ist für mich ein Fenster in die Freiheit. Ich bin offen für Themen, die das Schöne und das Positive dieser Welt beleuchten. Das mag kitschig sein, aber ich bin in dieser Phase meines Lebens, in der ich gerne den Himmel oder Tänzerinnen male, die kraftvoll, selbstbewusst und schön sind.“ Die Bilder wirken.

„Jeder Mensch hat eine Bestimmung. Wenn mir die Gabe zu malen gegeben wurde, wäre es Blasphemie, diese nicht zu nutzen.“ Elena hatte schon immer sehr viel Humor und eine solch endlose Energie, von der ich bis heute gar nicht verstehe, woher sie sie nimmt und wie sie die überhaupt aufrechterhalten kann. Vielleicht verrät sie es mir eines Tages.

Fest steht, dass sie diese Energie nimmt und sie mit Farben auf die Leinwand bringt. Der Entstehungsprozess ist für Elena eine Art Workout da er viel Armbewegungen und Sprünge erfordert, die man als Betrachter meint, erkennen zu können.

Ihre Wolkenbilder transportieren die Emotion, die sie fühlt, während sie sie malt: Harmonie, Energie, Leichtigkeit und Zartheit. Sie deutet auf mein Lieblingswerk in ihrer Wohnung: „So eins kann ich nicht nochmal schaffen“, findet sie. Das Gemälde ist wirklich einzigartig: Leuchtkraft und frablicher Einklang. Ich kann und will nicht wegsehen. Es ist Bewegung und Stillstand drin, pastellige und leuchtende Töne, einzelne Wolken, ein sanft angedeuteter Horizont. Vor allem aber: Tiefe. Unklar, wo der Betrachter positioniert ist – mitten im Flug durch die Wolken, am Strand oder auf einer Anhöhe. Ich meine, dass unsere Künstlerin hier aus ihrem Kopf heraus gemalt haben könnte, da die Farben so fantasievoll wirken. Außerdem sind die Pinselstriche sehr geladen und frei; mitunter eines der Gründe, weshalb sie großformatige Leinwände bevorzugt. „Du gibst dem Pinsel die Möglichkeit, dich zu führen.“ Und das bracht Platz. „Ich berühre die Leinwand und ich spüre die elektrisch geladene Energie, die durch mich fließt. Dann geht’s los mit Farbe – ohne Vorzeichnung, ohne Skizze“, sagt sie zum Entstehungsprozess.

Warum macht Elena Politowa Kunst?

Sie zitiert eine chinesische Weisheit: „Frag den Vogel nicht, warum er singt.“ Die Chinesen meinten damit so viel wie: Schönheit, Kreativität oder Ausdruck brauchen keine Erklärung. Bzw.: Manche Dinge geschehen einfach aus innerem Antrieb, und nicht, weil sie einen Zweck erfüllen müssen. „Ich will nichts erklären“, sagt sie. „Ich will einen Raum schaffen, der auf die Menschen wirkt. Damit sie die Leichtigkeit und Zartheit nachempfinden, die ich in dem Moment empfand.“

Seit sie ein kleines Mädchen ist, malt sie gerne. Mit 12 malte sie unaufhörlich Autos. Das führte sie irgendwann in die Architektur, und später in die Kunst.

Im Atelier mit Elena Politowa

Wir kommen in das Atelier. Neue Bildthemen hängen hier an den Wänden: Unterwasserszenen, ein unerklärliches Objekt im Wasser. Ich frage, was das ist. Elena sagt ganz selbstverständlich: „ich weiß es nicht“. Es könne etwas Lebendes sein, ein Schatten, ein Portal. Ich liebe es, dass sie sich selbst und den Betrachtern Interpretationsraum lässt.

Doch diese Bilder gehen tiefer. Das höchst belastende Zeitgeschehen veranlasst Politowa dazu, sich zurückziehen zu wollen. „Ins Wasser, da wo es energetisch ist, da wo es sicher ist, wie im Mutterleib.“ Auch die Gefahr der Unterwasserwelt spiele dabei eine Rolle. Vielleicht verarbeite sie dadurch sogar eine schwierige Erfahrung. Als kleines Mädchen ertrank sie beinahe und vermutet, dass das Bedürfnis, Unterwasserszenen abzubilden, die Aufarbeitung dieses einschneidenden Erlebnisses sein könnte.

Wann weißt du, wann ein Bild fertig ist?

„Nie. Manche Bilder rühre ich einfach nicht mehr an. Je abstrakter ich male, desto lauter ist das Gefühl, wenn etwas fertig ist.“

Ich frage: „Wirst du als Künstlerin, mit Betonung auf Frau, anders gelesen oder anders behandelt als männliche Kollgen?“

Sie sagt: „Nein. Ich habe viel maskuline Energie in mir.“

Das äußert sich für mich in einer praktischen Angehensweise der Künstlerin. Sie ist strukturiert, bei ihr funktioniert der Tagesablauf „nach System“, sie ist eine Macherin – keine Theoretikerin – ich habe sie als furchtlose Kraft erlebt. Eine, die rettet und hilft, eine die sich vor allem gegen gewaltvolle Männer auftürmt und als Beschützerin der Frauen und Kinder auftritt. Und wenn sie das macht, hat sie in ihren Augen nicht die Spur von Angst. Ich kriege beim Schreiben (jetzt auch beim Redigieren wieder) gerade nasse Augen, weil ich noch sehr klein war, als ich Elena in dieser Rolle erlebt habe. Aus erster Hand, versteht sich.

Für mich wird sie deshalb immer eine kraftvolle Frauenrolle sein. Ein Vorbild, das mir gezeigt hat, wie geil es ist, vor nichts und niemandem Angst zu haben. Ihr wisst wahrscheinlich aber, wie ich es hin und wieder mit meinem riskanten Verhalten übertreibe.

Was war das Risikoreichste, das Elena Politowa gemacht hat?

„Das Riskanteste war es wohl, Künstlerin zu werden. 2003 neigte sich mein Architekturstudium dem Ende zu. Ich hörte von einigen Jungarchitekten, dass die Chancen auf dem Arbeitsmarkt eher schlecht stehen“, es war 2003. Elena musste neue Wege finden. Sie malte.

2011 kommt ein neuer Schritt hinzu: Elena Politowa gründet ihre eigene Kunstschule, wo wir später zusammen sitzen. Ich kenne die Räumlichkeiten noch von früher. Damals war es nämlich ihr Atelier. Nach und nach baute sie es aus. Das Atelier verwandelte sich in eine Kunstschule mit Staffeleien, einer beachtlichen Sammlung an Pinseln, Monitoren, Stiften, Farben und sonstigen Materialien.

In der Kunstschule Elena Politowa

Die Wände werden geziert von Elenas großformatigen Unterwasserbildern (circa 7,5 (!) x 2 Meter). Die auch noch ganz neue Dimensionen des Farbauftrags eröffnen, sofern man UV- oder Schwarzlicht darauf richtet. Ich fühle mich wie auf einem unerforschten Planeten, während wir da sitzen und reden. Alles leuchtet violett und neon, die Unterwasserwesen umgeben uns und die eigenwillige Heizung gurgelt leise vor sich hin.

Lenchik lacht. So habe ich sie all die Jahre in Erinnerung behalten. Es ist gemeingefährlich, mit dieser Frau unterwegs zu sein, denn das garantiert am nächsten Tag ein leichtes Ziehen im Bereich der Lachmuskulatur.

2014 entdeckte sie durch Zufall, dass manche Bilder ganz anders wirken, wenn man das spezielle Licht hinzunimmt. Sie findet großen Gefallen daran und entwickelt diese Technik weiter. Ich frage die Künstlerin, wie die Arbeit mit Kindern ihre Kunst beeinflusst hat.

„Sehr stark“, sagt sie, „Wenn ich mit Kindern interagiere, sehe ich, wie wenig es sie interessiert, was andere über ihre Werke denken. Sie haben extrem viele Ideen und eine Leichtigkeit in der Auffassung unserer Welt. Diese kindliche Leichtigkeit ist das Wichtigste, was du in der Kunstschöpfung hast. Du darfs keine Angst haben. Natürlich braucht es Mut, um das zu machen was man will. Willst du etwa ohne Punkt und Comma Wolken zeichnen? Tu das. Sei offen. Egal, was du machst, es führt dich zu einem positiven Ergebnis. Hab keine Angst, irgend etwas falsch zu machen, etwa Farben oder Material zu verschwenden. Das macht alles nichts. Es kann ja neues gekauft werden.“

Elena Politowas Vision: „Es ist mir wichtig, dass die Kinder ihr Talent genießen, dass sie selbstbewusster werden.“


Hier geht’s zu der Website der Künstlerin.

Hier geht’s zu ihrer Kunstschule.

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Hans Baldung Grien: Loth und seine Töchter

Wir haben über dieses Gemälde bereits gesprochen: Hans Baldungs Loth und seine Töchter aus dem Jahr 1535/1540. Doch jetzt vertiefen wir das ganze ein kleines bisschen.

Loth und seine Töchter: Prä-ikonografische Beschreibung

Das Karlsruher Gemälde existiert heute in zusammengesetzten Fragmenten, die die ursprüngliche Komposition zeigen. In einem dieser ist ein liegender weiblicher Akt auf einer tiefroten Polsterfläche mit ausgestrecktem, fast bleichen Körper zu sehen. Der aufgerichtete Torso sowie die Gliedmaßen sind entkleidet dargestellt. Ein weißes Lendentuch verbirgt den Schambereich, doch betont zugleich subtil die entblößte, akkurate Brust. Der Blick der jungen Frau ist zum Betrachter gerichtet.

Urheberrechte bei der Kunsthalle Karlsruhe

Nach der Restaurierung wirken die Farben rein und vibrant. Vor allem der liegende Akt weist einen hohen Kontrast zum dunklen Hintergrund auf.

Ein zweites Fragment zeigt den in ein pelzverziertes Gewand gekleideten Oberkörper eines bärtigen Alten. Über seinem Kopf, der verhältnismäßig auffällig größer ist, als der Kopf der jungen Frau, obschon der Mann tiefer im Bild steht, steht die Inschrift „LOTT“. Seine Körperhaltung wirkt leicht nach vorn, in Richtung des liegenden Aktes, geneigt. Er hält ein güldenes Gefäß mit flüssigem Inhalt in beiden Händen. Der Blick ist auf das dritte Fragment gerichtet, das derzeit durch eine schwarz-weiß-Fotografie des verschollenen Originals ersetzt wird. Darauf ist ein zweiter weiblicher Akt zu sehen, der die Szene im Vordergrund hinter einem Vorhang hervor zu beobachten scheint.

Zustand vor der Restaurierung. Urheberrechte bei der Kunsthalle Karlsruhe

Viertes Fragment: die brennende Stadt

Fragment Nummer vier stellt eine brennende städtische Architektur dar, in der Flammen und Zerstörung sichtbar sind. In diesem Teil sind auch fragmentarisch Formen von Gebäuden und hell leuchtenden Orangetönen erkennbar. Eine Nachtszene. Davor ist eine weiße Säule erkennbar, die eine weibliche Silhouette andeutet. Abgegrenzt wird die Szene des Feuers durch einen Sockel, auf dem ein Weinfass positioniert ist.

Urheberrechte bei der Kunsthalle Karlsruhe

Die Fragmente sind auf Holztafeln gemalt. Farblich dominieren helle Töne für Haut und rote für Stoffe, begleitet von kontrastreichen Bereichen des lodernden Feuers im Hintergrund und dunkleren Partien im Umfeld der Figuren. Ihre Körper sind plastisch modelliert dargestellt. Die Blickrichtungen der Figuren sind voneinander abgewendet.

Hans Baldungs Lot und seine Töchter: Die Ikonografie

Hier erfährst du übrigens den Unterschied zwischen prä-ikonografischer Beschreibung, Ikonografie und Ikonologie.

Baldungs Historienbild Lot und seine Töchter greift das alttestamentliche Motiv aus Genesis 19 auf: Nach der Zerstörung Sodoms flieht der betont fromme, „gerechte“, Lot samt Frau und den beiden Töchtern aus der Stadt. Seine Frau erstarrt zu einer Salzsäule, als sie ihren Blick nach hinten auf die brennende Stadt richtet, obwohl einer der Engel, der die Familie errettet, davon abrät.

Lot und seine beiden Töchter ziehen weiter und finden Zuflucht in einer Höhle. Da es durch die Folgen der Zerstörung nun keine Männer mehr gibt, sind die Töchter voller Sorge, keine Nachkommen zeugen zu können. Die ältere Tochter kommt auf eine „glänzende“ Idee. Sie sagt zu ihrer Schwester: „So komm, lass uns unserm Vater Wein zu trinken geben und uns zu ihm legen, dass wir und Nachkommen schaffen von unserm Vater.“ In der Kunst der Renaissance dient dieses Thema häufig als moralisches Exempel, als Warnung vor Trunkenheit, Kontrollverlust, sexueller Grenzüberschreitung und letztlich auch das Offensichtlichste: Inzest.

Interview zur Großen Landesausstellung „Hans Baldung Grien. heilig | unheilig“

Wird die Frage nach der Schuld thematisiert?

Baldung scheint nicht primär Lots Schuld zu akzentuieren, sondern verschiebt die Gewichtung auf die Töchter und den Wein, wenn man den vollen, übergroßen Becher, die dominierende weinrote Farbe, das Eichenfass im Vordergrund rechts unten im Bild, und sogar den Bildträger, Eichenholz, beachtet.

Doch die körperliche Präsenz der älteren Tochter, dessen Namen uns im alten Testament nicht offenbart wird, ihre Schönheit und ihre Jugend stehen Vordergrund und geben im gesamten Gemälde den Ton an. Sie ist es, die das gesamte Bild mit einer höchst erotischen Atmosphäre erfüllt. Der alte Mann hingegen scheint passiv, wenn nicht sogar durch Alkohol entmachtet. Der Becher, den er grade zu Munde führt, fungiert ikonografisch als Zeichen der Trunkenheit und des Verlusts rationaler Selbstkontrolle. Damit wird Lot weniger als handelndes Subjekt denn als Objekt sündhafter Fremdeinwirkungen gezeigt.

Gleichzeitig sieht Lot auf dem Gemälde nicht ganz unschuldig aus. Es gibt so manch eine Dissonanz, die ich vernehme. Sein Blick, die verengten Augen deuten eine bewusste Handlung an. Als wäre er gerade im Prozess, sich für die Sünde zu entscheiden. In der Bibelstelle bemerkt er gar nicht, dass sich die beiden Töchter in aufeinanderfolgenden Nächten zu ihm legen. Hier scheint Hans Baldung die Szene gezielt anders zu interpretieren. Doch was das eigentliche Ziel ist, lässt sich vermutlich nur erahnen.

Erotik

Die beiden weiblichen Akte sind nicht idealisiert im klassischen Sinn, sondern betont körperlich und sinnlich. Solche Frauengestalten könnten für Verführung, Gefahr und moralische Ambivalenz stehen. Spannungsfeld zwischen Intimität und Übergriff. Erotik und moralische Warnung fallen hier bewusst zusammen.

Ihr seht es selbst: auch hier macht Hans Baldung ein Spannungsfeld auf. Durch die höchst erotische Darstellung des weiblichen liegenden Aktes versteht der Betrachter, welcher Versuchung Lot ausgesetzt war. Zudem zieht der Blick der jungen Frau uns regelrecht in die Mittäterschaft. Als würde er sagen wollen: das kann auch dir passieren.

Hans Baldung Grien: Lot und seine Töchter (1535/1540)

Die möglichen Absichten des Künstlers

Die brennende Stadt im Hintergrund ist als Sodom identifizierbar. Ikonografisch verweist sie auf göttliches Strafgericht und bildet den moralischen Rahmen der Szene. Während im Hintergrund göttliche Ordnung durch Zerstörung wiederhergestellt wird, entfaltet sich im Vordergrund ein weiterer moralischer Grenzfall. Baldung stellt damit nicht Erlösung, sondern eine Kette von Verfehlungen dar.

Typisch für Baldung ist die Verbindung von biblischem Sujet mit zeitgenössischen Diskursen über Weiblichkeit, Sexualität und Sünde. Das Motiv wird nicht erhaben oder distanziert behandelt, sondern körperlich zugespitzt. Ikonografisch bewegt sich das Werk zwischen moralischer Mahnung und voyeuristischer Reizsetzung. Gerade diese Ambivalenz ist programmatisch: Das Bild verurteilt nicht eindeutig, sondern zwingt den Betrachter in eine unangenehme Mitverantwortung des Sehens.

In der Tradition der deutschen Renaissance steht Baldungs Gemälde „Lot und seine Töchter“ damit weniger für Frömmigkeit als für eine schonungslose Auseinandersetzung mit menschlicher Triebhaftigkeit und der Brüchigkeit moralischer Ordnung.

Hans Baldung Grien

Hans Baldung war einer der eigenwilligsten und radikalsten Künstler der deutschen Renaissance. Als Schüler Albrecht Dürers hatte er eine technisch hochentwickelte Zeichen- und Malweise, formte jedoch seinen eigenen Stil mit hohem Wiedererkennungswert. Baldung interessierte sich weniger für ideale Harmonie als für Grenzzustände menschlicher Existenz: Erotik, Tod, Hexerei und Vergänglichkeit gehören zu den zentralen Motiven seines Werks. Dabei verband er christliche Bildthemen mit einer bis dahin – zumindest in Deutschland – nicht dagewesenen Sinnlichkeit und psychologischen Schärfe. Besonders seine Frauendarstellungen changieren zwischen Anziehung und Bedrohung, idealisierter Schönheit und moralischer Warnung.

Hans Baldung Grien: Markgraf Christoph I. mit Familie vor der heiligen Anna Selbdritt (um 1509-12)

Damit unterlief Baldung bewusst die gängigen Bildkonventionen seiner Zeit und schuf Werke, die irritieren, provozieren und bis heute eine teils verstörende Wirkung entfalten. Seine Kunst ist geprägt von einer Lust am Experiment, von starken Farbkontrasten und von einer übersteigerten Körperlichkeit und Stilisierung. Baldung war ein eigenständiger Bildschöpfer, der das Unheimliche, Abgründige und das Unkontrollierbare ins Zentrum der deutschen Renaissancekunst rückte. Dabei versetzte er die traditionelle christliche Ikonographie mit unkonventionellem persönlichen Akzent, der den sakralen Sinn neu hervortreten lässt.

Hans Baldungs Werk: Zwischen Erotik, Sünde, und Religion

Er malte Werke, die von einer tief empfundenen Religiosität erfüllt sind. Wechselt aber auch zwischen sakralen und profanen Themen. Bei einigen Bildern Baldungs wird deutlich das Erotische und Sündhafte betont. Um zu verstehen, wie Hans Baldung in seinen Bildern die moralische Uneindeutigkeit biblischer Figuren darstellt, ist es sinnvoll, auch andere Werke zu betrachten, in denen er sich mit sündhaftem Verhalten auseinandersetzt. Etwa seine Eva mit Schlange aus dem Jahr 1510. „Als Adam mag oder soll sich der männliche Betrachter fühlen, denn ihm wendet sich die vollkommen nackte Eva in ihrer ganzen Schönheit zu. Sie ergreift den verhängnisvollen Apfel, wendet den Blick jedoch ernst und nachdenklich zur Seite: Ihr Sündenfall vollzieht sich nicht naiv oder übermütig, sondern mit Bedacht…“. Eva ist nur eines seiner Bilder, die bewusst so angelegt sind, dass sie den Betrachter zum Nachdenken verleihen.

Das „ungleiche Paar“

Das Gemälde kann sich im Kontext der frühneuzeitlichen Thematik des ungleichen Paares betrachten lassen. Immerhin ist die Ungleichheit zwischen Lot und seiner älteren Tochter auffällig. Sie kommt nicht nur durch den Alters- und Rollenunterschied zum Ausdruck, sondern wird auch durch unterschiedliche Gesichtsausdrücke und Inkarnate hervorgehoben. Zudem ist sie jung – er hingegen alt. Sie entkleidet – er in Oberbekleidung dargestellt.

Lucas Cranach d.Ä: "Das ungleiche Paar" Gemälde im Germanischen Nationalmuseum
Die Thematik des ungleichen Paares am Beispiel von Lucas Cranach d.Ä.

Weibermacht

Der verführerisch wirkende Blick der älteren Tochter in Richtung des Betrachters ist präsent, selbstbewusst und tritt vielleicht sogar kontrollierend auf. Sie erscheint dadurch als Initiatorin des unheiligen Vorhabens. Untermauert wird dies zudem durch ihre Nüchternheit, die sich, wenn man bedenkt, dass Loth des Alkohols wegen errötet sein könnte und sie hingegen bleich ist. Diese Konstellation verweist auf zeitgenössische Darstellungen der sogenannten Weibermacht, in denen männliche Selbstbeherrschung untergraben und weibliche Verführungsmacht ins Zentrum gerückt wird. Im 16. Jahrhundert gilt diese Spannung für viele als besonders interessant.

Doch das ist nicht das einzige, was Hans Baldung mit seinem Gemälde zu kommunizieren scheint. Da es naheliegt, dass er dieses Bild für einen adeligen bis hochadeligen Auftraggeber fertigte, könnte es auch die Thematik der höfischen Moralvorstellungen anschneiden, die insbesondere die Kontrolle über die eigenen Gefühle als Zeichen sittlicher Integrität verstanden. Außerdem enthält das Bild eine mahnende Dimension. Es kann als Warnung vor dem Verlust der Selbstkontrolle gelesen werden, sei es durch Trunkenheit oder durch das Eingehen sündiger Liebesbeziehungen zu den eigenen Kindern.


Quellen:

  • 1. Buch Mose 19
  • Essay: Lot und seine Töchter oder: Heiliges und Unheiliges bei Baldung, Holger Jacob-Friesen aus dem Sammelband Hans Baldung Grien heilig / unheilig, Deutscher Kunstverlag, 2019 (S. 23-39 und 380-382)
  • kunsthalle-karlsruhe.de
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Single am Valentinstag? Das ist dein Notfall-Plan

Single am Valentinstag und etwas verzweifelt? Ich auch. Wir wissen beide: Der Valentinstag wird oft mit romantischen Gesten und verliebten Paaren in Verbindung gebracht. Doch dieser Tag bietet auch Singles wie dir und mir die perfekte Gelegenheit, unser Single-Dasein noch mehr wertzuschätzen. Das sind meine Vorschläge für dieses Jahr:

Single am Valentinstag? Bleib daheim

Schritt Nummer eins (unumgänglich): Kauf dir einen üppigen Strauß Blumen. Verbringe dann einen semi-langweiligen Wellness-Tag zu Hause: Verwandle dein Zuhause in deine persönliche Spa-Oase. Gönn dir eine ausgiebige Pflegeroutine, wirf einen Blick auf mein Masken-Einmaleins und nimm ein entspannendes Bad – vorausgesetzt, du hast eine Wanne. Selbstfürsorge ist an solchen Tagen das A und O, um dich von dir selbst verwöhnt zu fühlen.

Bei tüll & trüffel gibt es weitere Beauty-Inspirationen für dich!

Wage ein kulinarisches Experiment: Nutze den Valentinstag, um ein neues Rezept auszuprobieren, das du schon immer mal kochen oder backen wolltest. Ob es sich um ein komplexes Gericht handelt oder um etwas einfaches, ist egal. Hauptsache es ist neu und erfordert etwas Konzentration. Denn Spaß am Kochen kann sich oftmals richtig gut anfühlen – und vor allem ablenkend sein. Mach einen Rotwein auf, wenn du drauf stehst. Aber sauf dir bloß nicht die Hucke voll – das macht alles nur noch schlimmer. Wenn du gerade, wie ich, Alkohol-Detox machst, dann kauf dir einen hochwertigen alkoholfreien Prosecco. Stößchen!

Kochen am Valentinstag: die perfekte Ablenkung
Foto von Jason Jarrach auf Unsplash

Valentins-Abfuck? Sofort das Haus verlassen

Stürze dich in ein Outdoor-Abenteuer (hier findest du Anregungen und Reiseziele): Nutze die Gelegenheit, die Natur zu erkunden. Eine Wanderung, ein Spaziergang im Park oder ein Tag am Wasser können Wunder für deine Stimmung und dein allgemeines Wohlbefinden bewirken. Auch bei schlechtem Wetter, wohlgemerkt. Die frische Luft und die Schönheit der Natur bieten eine perfekte Kulisse, um den Valentinstag als Single zu genießen.

Zieh dir Kunst und Kultur rein: Besuche ein Museum, eine Kunstgalerie oder ein Theater in deiner Nähe. Kulturelle Aktivitäten können bereichernd sein und bieten eine wunderbare Möglichkeit, den Tag alleine zu verbringen, während du dich von der Kunst inspirieren lässt und schöne optische Eindrücke sammelst.

Geh in ein kostspieliges Restaurant: Wer frühzeitig einen Tisch reserviert, ist klar im Vorteil. Wenn du Schwierigkeiten hast, alleine zu gehen, nimm deine Mutter, deine Freundin oder eine Single-Kollegin mit.

Zugegeben: Diese Szenerie nachzuspielen, wird schwer, wenn du dich gerade in Deutschland befindest. Aber du weißt bestimmt, worauf ich hinaus will. Foto von Holger Woizick auf Unsplash

Mach was für Körper und Geist

Starte einen Lese-Marathon: Hast du Bücher, die du schon lange lesen wolltest, aber nie die Zeit dafür gefunden hast? Der Valentinstag könnte der perfekte Tag sein, um dich mit einem guten Buch zurückzuziehen und in andere Welten einzutauchen. Oder lese dich einfach durch avecmadlen.com.

Geh ins Gym: Setz dir eine sportliche Herausforderung für den Tag. Ob es ein neues Workout ist, ein Yoga-Kurs, eine Runde Joggen oder nein neuer TikTok-Tanz ist – die Bewegung wird Endorphine freisetzen und dir ein positives Gefühl geben.

Tipp: Auch für Zuhause gibt es auf YouTube jede menge Workouts. Such dir einfach das spannendste aus und leg los! Foto von Dane Wetton auf Unsplash.

Single-Freunde und kreative Hobbies

Kruschel dein kreatives Hobby aus der Kiste: Nutze den Tag, um deinen liebsten Hobbys nachzugehen, oder um ein neues auszuprobieren. Ob Malen, Schreiben, Musik oder Handwerk – kreative Aktivitäten können therapeutisch wirken und große Freude bereiten.

Rufe einen anderen Single an und beklage dich über deine Einsamkeit. Manchmal hilft auch das. Wenn du keine Lust hast, dich zu beklagen, dann ruf deine Freunde auch einfach mal so an – sie freuen sich sicherlich. Oder schreib mir auf Instagram, ich freu mich auch immer, wenn ich nützlich sein kann.

Der Valentinstag muss nicht ausschließlich Paaren vorbehalten sein. Als Single hast du die Freiheit, den Tag auf eine Weise zu gestalten, die allein dir Freude bereitet und dein Wohlbefinden fördert. Denke daran, dass Selbstliebe die wichtigste Form der Liebe ist, die es zu feiern gilt. Wichtiger Hinweis: Ohne Kerzen und Rosenblüten, die überall in deinem Zuhause verteilt sind, brauchst du gar nicht erst feiern. Besorge sie dir im Vorfeld.

Hier geht’s zu Ideen an Weihnachten – für alle, die alleine feiern.

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Auf den Spuren der Markgrafen: Altes Schloss von Baden-Baden

Aus der Baden-Badener Innenstadt ist es nur ein Katzensprung zum Battert mit dem Alten Schloß (auch Schlossruine Hohenbaden genannt). Das erste Residenzschloss der badischen Markgrafenlag seit Beginn des 19. Jahrhunderts mehr als 200 Jahre im Dornröschenschlaf. Es wurde durch die Bemühungen von Friedrich Weinbrenner und seinem Neffen Johann Ludwig Weinbrenner wieder zum Leben erweckt. Das Architekten-Duo entdeckte die Ruine neu und machte sie durch den Bau neuer Wege und die Sicherung der Bausubstanz für die Öffentlichkeit zugänglich.

Das Alte Schloss, das Ende des 16. Jahrhunderts durch einen Brand zerstört wurde, bekam durch die Weinbrenners auch eine brandneue (höhö verstehste?) Stabilität. Sie stützten es ab, verfugten es neu und versahen es mit Treppen, Brücken, Aussichtsplattformen und Schlossgaststätten. Seitdem ist das Schloss zugänglich und zieht Romantiker, Künstler, Spaziergänger und Wanderer aus aller Welt an.

Altes Schloss in Baden-Baden

Mittelalter in Baden-Baden: Aus Burg wird Schlossanlage

Vermutlich strebte Hermann II (gest. 1130), der erste badische Markgraf, den Bau einer verteidigungsfähigen Burg an. Zuverlässige Quellen, die das belegen können, gibt es jedoch nicht. Nach ihm und den Markgrafen Hermann III. bis Hermann VI. ist auch der nördliche Teil mit dem viereckigen Bergfried (1) in der ersten Bauphase im 12. Jahrhundert als Hermannsbau (3) bezeichnet. Er bildet den höchstgelegenen Teil der Schlossanlage und wird auch Oberburg genannt. Im 13. und beginnenden 14. Jahrhundert wurde die Oberburg durch Markgraf Rudolf I. und seine Nachfolger ausgebaut und verstärkt.

Altes Schloss Baden-Baden Grundriss mit Bezifferung.
Volià der Grundriss. Quelle: Helmuth Bischoff – Baden-Baden, die romantische Bäderstadt im Tal der Oos; Kurbetrieb zwischen Casino, Park und Kloster (1996)

Rudolf I. hat im Jahre 1257 erstmals eine Urkunde mit „in castro Baden“ signiert. In dieser Bauphase bekam die Burg einen Festungscharakter durch vorgeschobene Zwinger im Süden und Osten. Wenn ich mich nicht komplett irre, ist das genau der Teil des Alten Schlosses, der die letzten Jahre über restauriert wurde und somit nicht für die Öffentlichkeit zugänglich war. Bei meinem letzten Besuch jedoch konnte ich endlich einen Blick in den Kerker werfen. Es war dunkel und gruselig. Ich machte schnell Bilder, dann wurde es Zeit, um mein Leben zu rennen.

Bauphasen des Alten Schlosses im 14. Jahrhundert

Im 14. Jahrhundert brachte Markgraf Bernhard I., neben Gebietserweiterungen für Baden, auch Verbesserungen für das Alte Schloss mit sich: Der sogenannte Bernhardsbau (5), ein mächtiger Palast mit einem Rittersaal, entstand um das Jahr 1400.

Bernhards Sohn Jakob I., führte die Tradition fort und erweiterte die Burg von 1437 bis 1453 um den Jakobsbau (6). Damit beendete er auch dises Tradition, denn dieser vierstöckige Wohnbau war die letzte Erweiterung des Alten Schlosses. Dies Objekt wurde als Überbauung der Kapelle im Ostbereich zwischen Oberburg und Bernhardsbau platziert. Parallel zur letzten Ausbautätigkeit am Schloss Hohenbaden beginnt Jakob I. 1430 mit dem Bau des Neuen Schlosses. 1479 wird dieses von Markgraf Christoph I. bezogen. Zum Neuen Schloss gibt es hier bald auch einen Beitrag. Nur Geduld.

Tore des Schlosses: Romanische und gotische Spuren

An keiner Stelle des Alten Schlosses lassen sich die romanischen und gotischen Bauphasen so gut nachvollziehen wie an den Haupttoren: Wenn ich das richtig verstehe, datiert der Autor des vorliegenden Buches einen Torbogen auf um 1300 und einen Spitzbogen auf 1400. Dort seien frühgotische Abschlüsse der Erweiterungsbauten zu erkennen, während die beiden am Burgweg (9) folgenden romanischen Tore (12./13. Jahrhundert) mit ihren Rundbögen auf die ersten Bauphasen des Schlosses hinweisen. Kapiert? Ich auch nicht. Zu viele Tore und zu viele Himmelsrichtungen.

Grüße aus dem Schloss Hohenbaden

Eines aber kann ich über das Alte Schloss sagen: Es ist eine geile Nummer und immer einen Besuch wert. Ich liebe es, jedes Mal aufs Neue durch den Wald zum Schloss zu laufen und kurz vor dem Ziel noch mal Halt in der kleinen Kapelle zu machen. Das bereitet mir einfach Glücksmomente. Und dir bestimmt auch.


Quelle: Helmuth Bischoff – Baden-Baden, die romantische Bäderstadt im Tal der Oos; Kurbetrieb zwischen Casino, Park und Kloster (1996)

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Kunst

Galerist im Gespräch: Kunst als Ware?

Ich bin hier gerade auf der art karlsruhe 2026 und komme ins Gespräch mit Galeristen. Ein interessantes Gespräch kam mit Kurt Mühlfeld-Hemprich aus der Frankfurter Galerie mühlfeld+stroher zustande.

avecMadlen: Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welche Künstler Sie vertreten oder fördern?

Kurt Mühlfeld-Hemprich: Nach dem Programm der Galerie. Wenn ein Künstler reinpasst, wähle ich ihn aus. Mein Programm ist Figuration, ich richte es nach dem Publikum aus, daher ist es wichtig, dass der Künstler in mein Programm passt. Das ist ein Ausschlusskriterium.

avecMadlen: Woran erkennen Sie bei einem Künstler Entwicklungspotenzial?

Kurt Mühlfeld-Hemprich: Wenn ich das, was er produziert noch nie zuvor gesehen habe. Wenn er einen eigenständigen Stil hat und bei niemandem abschaut.

avecMadlen: Inwieweit spielt bei der Auswahl der Künstler ihr eigenes ästhetisches Empfinden?

Kurt Mühlfeld-Hemprich: Es spielt schon eine Rolle. Es muss aber auch eine Vertrauensbasis zwischen mir und dem Künstler sein. Wir sind immerhin ein Wirtschaftsunternehmen.

avecMadlen: Welche Arten von Positionen halten Sie aktuell für besonders förderungswürdig?

Kurt Mühlfeld-Hemprich: Keine. Wenn man Kunst fördern muss [hat das sowieso keinen Sinn]1. Der Markt entscheidet. Wenn man etwas fördern muss, kann es auf dem Markt nicht bestehen. Ich bin auch kein Freund von Förderprogrammen.

Fazit

Nach der Beendigung des Gesprächs, bin ich sehr angetan, denn ich habe gerade jemanden kennengelernt, der eine ganz andere Auffassung von Kunst hat, als ich: nüchtern und wirtschaftlich. Ich frage mich, ob Kunst nur Ware ist für ihn. Jedenfalls schwingt ein leichter Touch mit. Doch wenn wir ehrlich sind: War Kunst nicht schon immer irgendwie auch Ware? Klar, verstanden sich die großen Künstler der Renaissance plötzlich als Schöpfer, weniger als Handwerker. Dennoch ging es auch um Verkauf, Arbeitsplätze, Markt…

Was ich wirklich kraftvoll finde, ist seine Haltung zur Kunstförderung. Ist da nicht was Wahres dran?


  1. Phrase nur sinngemäß rekonstruiert, war so erstaunt über seine Haltung, dass ich vergaß mitzuschreiben. ↩︎

Website der Galerie: galerie-muehlfeld-stohrer.de

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Kunst

art karlsruhe 2026: Das kommt auf uns zu

Vom 5. bis 8. Februar 2026 findet die art karlsruhe mit rund 180 Galerien aus 18 Ländern statt. Und avecMadlen ist mit dabei! Juhu. Hier geht’s zum Rückblick auf die vergangene Karlsruher Kunstmesse.

Die Messe richtet ihren kuratorischen Blick auf aktuelle Entwicklungen des Kunstmarkts. Ein zentrales Thema ist der Dialog zwischen historischer und zeitgenössischer Kunst. Von Ernst Ludwig Kirchner bis Mary-Audrey Ramirez, von Joan Miró bis hin zu einer interaktiven KI-Installation spannt die Messe einen Bogen über 125 Jahre Kunstgeschichte und versteht sich als offenes Forum für Austausch und Entdeckungen.

Impressionen art karlsruhe 2025
Credit: Messe Karlsruhe/Jürgen Rösner

Neben langjährig vertretenen Galerien sind auch neue Teilnehmer und Rückkehrer vertreten. Gleichzeitig wächst das Interesse internationaler Galerien weiter. Für den Beirat der art karlsruhe ist das ein Zeichen dafür, dass die Messe für Galerien, Publikum und Markt gleichermaßen relevant bleibt.

art karlsruhe: Offizieller Start mit prominenten Gästen

Der offizielle Auftakt ist das art:opening am 5. Februar um 14:30 Uhr in Halle 3. Staatssekretär Arne Braun, Karlsruhes Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup, Messegeschäftsführerin Britta Wirtz sowie das Leitungsteam der art karlsruhe, Olga Blaß und Kristian Jarmuschek werden anwesend sein.

Im Mittelpunkt steht die Verleihung des art karlsruhe Preises, der vom Land Baden-Württemberg und der Stadt Karlsruhe vergeben wird. Der mit 15.000 Euro dotierte Preis zeichnet die überzeugendste one:artist Show aus. Alle one:artist-Präsentationen der Messe sind automatisch nominiert. Das ausgewählte Werk wird vom Kunstmuseum Karlsruhe (ehemals Städtische Galerie Karlsruhe) angekauft.

Skulptur als prägendes Element

Seit ihren Anfängen spielt die Skulptur eine zentrale Rolle auf der Kunstmesse. Auch 2026 bleibt sie ihr charakteristisches Medium. In den Hallen 1, 2 und 4 sind insgesamt 18 großzügige Skulpturenplätze eingerichtet, die Raum für unterschiedliche Materialien und Ausdrucksformen bieten. Ergänzt werden sie durch ausgewählte Skulpturenspots in den Messeumläufen.

Loth Skulpturenpreis 2025: Skultpur der Preisträgerin Eva Hild
Credit: Messe Karlsruhe/Jürgen Rösner
Loth Skulpturenpreis 2025: Skultpur der Preisträgerin Eva Hild
Credit: Messe Karlsruhe/Jürgen Rösner

Kunst sammeln: Zugänge und Einstiegsformate

Ein weiteres Anliegen der art karlsruhe ist das Thema Kunstsammeln. Damit richtet sich die Messe auch an Menschen, die sich erstmals intensiver mit dem Thema beschäftigen wollen. Der start:block zeigt Werkvorschläge für den Einstieg.

re:discover und re:frame

Mit den Formaten re:discover und re:frame rückt die art karlsruhe Künstlerbiografien und Nachlässe in den Fokus, die bislang wenig Aufmerksamkeit erhalten haben oder neu betrachtet werden sollen.

Vera Mercer, Kevin Clarke, Detel Aurand oder Oliver Braig stehen 2026 exemplarisch für diesen Ansatz. re:frame zeigt zudem, wie Nachlassarbeit aktiv gestaltet werden kann, etwa durch das Schaulager Adlmannstein oder den Nachlass des 2024 verstorbenen Karlsruher Künstlers Andreas Lau.

Sonderausstellungen mit thematischem Fokus

Sonderausstellungen wird es ebenfalls geben. Die LBBW präsentiert unter dem Titel Digital Traces künstlerische Positionen zur digitalen Gegenwart, darunter Arbeiten von Isa Genzken und Avery Gia Sophie Schramm.

Eine von Stefanie Patruno, Direktorin des Kunstmuseums Karlsruhe, kuratierte Ausstellung widmet sich dem Werk des international bekannten Karlsruher Künstlers Rolf Behm. Die Sammlung Dietmar Kohlrusch zeigt erstmals in Karlsruhe zentrale Werke der Pop Art, unter anderem von Andy Warhol, Keith Haring und Roy Lichtenstein.

Rahmenprogramm und Gespräche

Begleitend zur Messe werden täglich geführte Rundgänge mit Kunsthistorikern angeboten, darunter Touren zu aktuellen Tendenzen, Sonderausstellungen oder als Orientierungshilfe für den Einstieg ins Sammeln. Auf mehreren Bühnen stehen Gespräche und Panels auf dem Programm. Das ARTIMA art meeting widmet sich Fragen des zeitgenössischen Sammelns.

Museumsvertreter geben Einblicke in ihre Arbeit und die Herausforderungen institutioneller Sammlungen. Weitere Beiträge beschäftigen sich mit Themen wie Künstlermarketing, Künstliche Intelligenz oder dem Zugang junger Positionen zum Markt.

Impressionen art karlsruhe 2025
Credit: Messe Karlsruhe/Carlotta Roob

Kunst in der Stadt

Während der Messetage reicht das Programm über die Hallen hinaus in die Stadt. Am 5. Februar findet die Eröffnungsparty im Foyer des ZKM statt. Das Kunstrauschen folgt am 6. Februar und geht in eine lange Nacht der Projekträume, mit über 20 beteiligten Offspaces, über. Am selben Abend lädt die After art Party im Nachtwerk mit internationalem DJ-Line-up ein. Am Samstag, 7. Februar, öffnen Karlsruher Galerien zur gallery:night mit anschließendem Afterglow im Hirschhof. Ein kostenloser Shuttle verbindet Messe und Innenstadt.

Impressionen Hallenbauparty im ZKM 2025
Credit: Messe Karlsruhe/Carlotta Roob

Weitere Infos auf art-karlsruhe.de.


Titelbild Credit: Messe Karlsruhe/Carlotta Roob

Quelle: Pressemitteilung der art Karlsruhe

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Kunst

Viktor Knack: Ein heller Stern der Gegenwart

Viktor Knack lernte ich kennen, als ich gerade Mal 10 Jahre alt war. Seine Leidenschaft erkannte ich bereits als Kind. Das Feuer in seinen Augen, die Liebe zu den Farben, die Suche nach der perfekten Perspektive – und der leise Ausruf der Freude, wenn er sie dann endlich fand. Er malte seine toskanischen Landschaften mit einem Lächeln im Gesicht. Für mich waren diese Momente eines: Frieden.

Viktor Knack: Amazonen – 1.800 Euro

18 Jahre später treffe ich Viktor Knack in Baden-Baden

Ihn heute wieder zu sehen, war für mich eine Ehre. Ich interviewte ihn vor einem seiner ausgestellten Gemälde in Baden-Baden und nahm das Gesagte auf. Als er aufhörte zu erzählen, rutschte mir vor lauter Nervosität der Finger aus. Ich löschte die Aufnahme. What? Aber ich wäre keine gute Reporterin, wenn ich im Kopfe nicht auch mitschneiden könnte. Er erzählte mir die Geschichte des Bildes, das vor uns hing: Blumenpflückerinnen (2003).

Viktor Knack: Blumenpflückerinnen
Viktor Knack: Blumenpflückerinnen (2003) – 1.100 Euro

„Das Bild, das vor uns hängt, ist mein Versuch, eines meiner anderen Bilder wieder ins Leben zu rufen. Damals malte ich es und wollte es anschließend auf dem Dach meines Autos transportieren“, erzählte Viktor Knack. „Einige Zeit später hielt ich an. Ich hatte das Gefühl, dass ich die Gemälde nicht richtig fixiert hatte. Ich stieg aus – meine Bilder weg.“ Viktor hatte die beiden Kunstwerke während der Fahrt vom Autodach verloren. Als er den Weg wieder abfuhr, waren sie weg. Ich hoffe, der glückliche Mensch, der seine Gemälde damals auf der Straße fand, ehrt und liebt sie so sehr, wie ich es tun würde.

Mit dem Motiv „Blumenpflückerinnen“ versuchte Viktor Knack den Zauber des verlorenen Bildes wiederherzustellen. Obschon ich nie erfahren werde, wie das ursprüngliche Werk aussah, kann ich darüber spekulieren, dass ihm das gut gelungen ist. Viktor stellt hier, nach meiner Auffassung, die Weiblichkeit in ihrem zartesten Licht dar. „Ich denke, es ist mir gelungen, die Komposition des Ursprungsbildes zu wiederholen – vielleicht sogar die Farbenwelt“, sagt er mit seiner Bescheidenheit, die er über all die Jahre beibehalten hat.

Viktor studierte Kunst an der Universität in Almaty, Kasachstan. Seither war er in zahlreichen Funktionen tätig: Ob als freischaffender Künstler, Dozent oder Leiter verschiedener Kunstschulen.

Blumenpflückerinnen: Viktor verwendete Theaterfarben

Gemalt hat er das Bild mit Theaterfarben. Daher erscheinen sie durch und durch Matt. An vereinzelten Stellen glänzt es – etwa an den Konturen der Frauenfiguren. Viktor sagt, dies sei am Anfang gar nicht so geplant gewesen. Ich finde: Es ist ein glücklicher Zufall, der dem Gemälde eine markante Einzigartigkeit verleiht. Obwohl die Blumenpflückerinnen durch die Farbwahl, Maltechnik und das Spiel mit der Perspektive ohnehin unnachahmlich sind. Das Bild malte Viktor Knack mit einem dicken Pinsel. Er findet, die Pinselstriche passen gut zu der matten Farbe..

Gerne arbeitet der Künstler auch mit Spachtel. Als Kind erkannte ich in ihnen eine sehr hohe Ästhetik. Daran scheint sich bis heute nichts geändert zu haben. Diese Darstellungen sind aber eine ganz eigene Geschichte: Mache dir auf seiner Webseite am besten selbst einen Eindruck.

Als ich ihn auf das Nächste aufmerksam mache, lacht er dezent: „Ja, ich male Frauen gerne – ich finde sie schön.“ Auch Pferde und Landschaften gehören zu dem beständigen Repertoire des aus Syktywkar (Russland) stammenden Künstlers. Übrigens war er damals derjenige, der mir beibrachte, eine Kunstausstellung zuerst ausgiebig anzusehen und zum krönenden Abschluss nochmal einen kurzen Schnelldurchlauf draufzupacken.

Viktor Knack: Gefesselte Pferde (1992) – 1.700 Euro

Lese hier noch ein weiteres Künstlerinterview mit Igor Kaplun.


Anmerkung: Das Interview wurde Januar 2024 geführt. Ich habe es republished.

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Reisen

Die Menschen von Haiphong

Wenn ich daran denke, wie die Vietnamesen zu mir waren, kommen mir die Tränen. Noch nie in meinem gesamten Leben wurde ich so herzlich in einem Land empfangen, wie in Vietnam. Die Menschen winken mir zu, geben mir die Hand, geben mir Fünf, grüßen vom Weiten oder im Vorbeifahren, machen Komplimente und teilen ihr Essen mit mir, sind neugierig. Und das den lieben langen Tag.

Sie wollen wissen, woher ich komme, und wenn ich es Ihnen verrate, fängt die ältere Generation an, ihre Sprachkenntnisse auszupacken, traditionelle Lieder zu singen, oder mir zu sagen, was sie mit meinem Volk gemein haben. Eine schöne Abwechslung.

An einem der Tage war ich allerdings ein bisschen überreizt und wollte für mich sein. Erstaunlich fand ich, dass alle Menschen, die mir an jenem Tag begegneten, das wohl gespürt haben und mir meinen Freiraum ließen. Sie staunten leise darüber, dass sie mir begegneten.

Haiphong: Ich rauche Thuoc Lao und finde neue Freunde

Heute ging ich durch Haiphong, am Fluss entlang. Ein Fischer teilte mit mir seine frittierten Sesambällchen und versuchte mir zu erklären, wie sein heutiger Fang war.

Haiphong, Vietman: Fischer stehen am Fluss mit ihren Angeln und fischen.

Auf die fast gleichen Bällchen, nur mit krümeliger Zuckerglasur und eine Runde Thuoc Lao luden mich vier Jungs vor einer Autowerkstatt ein. Ich teilte dafür meine Mandarinen vom Markt mit ihnen. Sie brachten mir bei zu rauchen, wir unterhielten uns mithilfe von Google Übersetzer und ich zog nach einiger Zeit von dannen. Nun sind wir alle Facebook-Freunde.

lol 🙂

Der Effekt der alleinreisenden Frau

Ich vermute, dass die Leute so auf mich reagieren, weil ich runde Augen und super weiße Haut habe – und Osteuropäerinnen hier nicht all zu oft rumlaufen. Schon gar nicht alleine. Aber der Respekt, die Gastfreundschaft, Neugierde und Aufgeschlossenheit der Einheimischen – so etwas habe ich noch nie erlebt. Obwohl auch die Portugiesen – wahnsinnig freundlich und sichtlich erfreut über meine Anwesenheit – immer versuchten, mit mir trotz Sprachbarriere zu kommunizieren.

Die Vietnamesen geben mir ein Gefühl, dass ich in ihrem Land willkommen bin; dass sie sich über mich freuen und dass sie mich mutmaßlich für etwas besonderes halten. Danke, dass ihr dieses Gefühl in mir freigeschaltet habt. Ich kannte es bisher nämlich gar nicht. Zumindest nicht in dem Ausmaß.

Menschen von Haiphong: Eine vietnamesische Marktfrau an ihrem Kräuter- und Gemüsestand

Die Straßen von Haiphong sind nicht ansatzweise so voll, wie die von Hanoi. Ich bin wieder zu Fuß unterwegs. Wie üblich sind aber die Gehsteige meistens von Cafés, Autos, Mopeds, Motorrädern oder Verkaufswaren jeglicher Art blockiert. Heute werde ich wieder nur Einheimischen begegnen und ihre Regeln und Geheimnisse des Lebens lernen.

Hier erfährst du, wie ich die Umgebung in Haiphong erkundet habe.

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Reisen

Xin chào Việt Nam: Ich lande in der falschen Stadt

Mein Traum wird wahr: ich lande in Vietnam. Eigentlich dachte ich, ich lande in Haiphong, doch irgendwie war es am Ende doch Hanoi. Frag nicht wie. Entweder ich hab mir all den Weg lang hart eingebildet, ich würde nach Haiphong fliegen, obwohl das gar nicht der Fall war, oder es kam zu spontanen Änderungen. Völlig verballert war und bin ich so oder so. Das würde jedenfalls erklären, warum die junge Frau am Frankfurter Flughafen mich mehrere Male skeptisch nach meinem Reiseziel fragte.

Als ich dann allmählich im vietnamesischen Airport herausfand, in welcher Stadt ich mich befand, dacht ich mir kurz: „Wtf geht bei mir schon wieder?“ und kurz darauf: „Scheiß auf mein Luxushotel in Haiphong, ich bleibe hier und schau mir die Hauptstadt an.“ Hatte ich ja sowieso vor. Das Schicksal entschied, dass es jetzt sein würde und Schlafen wollte ich nach dem Langstreckenflug sowieso nicht. Wofür auch?

Guten Morgen aus Hanoi: An diesem brutalistischen Meisterwerk konnte ich nicht einfach vorbei gehen.

In Hanoi besuche ich das Museum

Ich buchte mir für rund 15 Euro ein kleines Zimmer nahe der Innenstadt, ließ meinen Koffer darin und zog gleich los. Mein erstes Ziel war das Hanoi Museum. Verblüfft war ich, als ich erfuhr, dass der Eintritt für alle umsonst ist. Dort sah ich Malereien und Skulpturen von Gegenwartskünstler. Es war expressiv und gefiel mir sehr gut. So etwas habe ich davor noch nicht gesehen. Vor allem gaben die Werke des Künstlers Hoàng Hồng (ich finde online leider keinerlei Infos zu ihm) den Ton an.

Es gibt Ärger

Als nächstes wollte ich losziehen um mir die Cafés und Shops, die direkt an den Gleisen liegen, anzusehen. Daraus jedoch wurde vorerst nichts. Ich verlief mich und hatte schwachen Akku. Zudem machte meine Mutter Theater am Telefon und befahl mir sofort schlafen zu gehen, da sie der Meinung war, mein Zustand nach dem Jetlag sei lebensgefährlich.

Dann machte sie noch mehr Theater, als sie erfuhr, dass ich Eistee mit Eis getrunken hatte. Sie hatte nämlich gelesen, dass das vietnamesische Leitungswasser nicht unbedingt von allen Mägen gut aufgenommen werde. Ich aber konnte der Versuchung nicht widerstehen. Als ich an den Gehwegen entlang der Straßen diese vielen kleinen Cafés aus winzigen Plastikstühlchen, Tischchen, Schirm und Getränkestand sah, wollte ich dort unbedingt Gast sein. Ich sah, wie gemütlich die Einheimischen dort verweilten und das leuchtend gelbe, kalte Getränk schlürften. Also ging ich das vermeintliche Risiko ein und kann nun sagen: Mir ist während der ganzen Zeit in Vietnam nichts passiert, obschon ich mir jeden Tag Eiswürfel en masse reingeschallert habe.

Den Eistee machen Vietnamesen aus einem starken Grüntee, den sie mit Wasser verdünnen. Das servieren sie dann auf Eis. So etwas Einfaches und gleichzeitig Geniales… Ich war hin und weg und zog mir gleich zwei Gläser rein. Die Temperatur lag bei schwülen 28 Grad. Wir hatten November, wohlbemerkt. Hanoi war an diesem Tag ein wenig versmogt. Daher schien die Sonne etwas schleimig auf die Erde herab und verbrannte meine Haut in weniger als einer halben Stunde.

Wild, wilder, Straßenverkehr in Vietnam

Als ich meine rote Haut sah, verstand ich, warum vor allem die Vietnamesinnen lange Kleidung trugen, obwohl es so warm war. Auch die allermeisten Moped- und Motorradfahrerinnen schützten sich vor der intensiven Sonne. Lange Röcke, lange Ärmel oder gar Handschuhe, Masken, Kapuzen, darunter Schirmmützen, darüber Helme – und ab die Post. Zigtausende Mopedfahrer. Hupen: Bürgerpflicht. Hier liest du einen sehr spannenden Artikel von welt.de, der die Situation auf den Straßen Hanois gut wiedergibt.

Ich fand es erstaunlich, wie die Menschen in Vietnam im totalen Verkehrschaos elegant und völlig stressfrei einen spontanen U-Turn einlegen konnten, wie sie auf jeder Spur in jede Himmelsrichtung fuhren, wie sie rote Ampeln ignorierten und dabei nie den Überblick verloren. Da verstand ich, dass Vietnamesen die Welt anders sehen als Europäer. Auch, wie langsam und bewusst die wenigen Fußgänger, die ich dort wahrgenommen hatte, dicht befahrene Straßen überquerten. Fast meditativ, als seien sie eins mit dem Verkehr und als könne ihnen nichts passieren, wenn sie sich nur langsam genug bewegten. Ich habe es dann auch selbst ausprobiert. Funktioniert 10 von 10.


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Kunst

Baldungs erotisch geladene Maria mit Kind und Edelsteinen

Hans Baldung malte 1530 seine Maria mit Kind und Edelsteinen. Die Muttergottes sitzt vor einer prächtigen, aber auch etwas unklaren Thronarchitektur und wird von einem sanften Engelputto betrachtet. In ihrer demütigen Hingabe hat sie ihre Brust freigelegt, um das Christuskind zu stillen, das auf ihrem Schoß steht. Ein Fuß des Kindes ruht auf den Seiten des heiligen Buches, das die Mutter in ihren Händen hält. Währenddessen legt der Knabe seinen Arm um Marias Hals und drückt sein Gesicht an das ihre, um einen Kuss anzudeuten. Marias Rechte Hand umschließt das Kind mütterlich am Kopf. Die Körperhaltung beider zeigt die innige Verbundenheit, die uns die menschliche Seite der beiden Heiligen zeigt.

Im Hintergrund links unten befinden sich verschiedene Edelsteine. Sie liegen auf der Armstütze der Thronarchitektur, dessen Farblichkeit an künstlichen Marmor erinnert. Die Steine stehen in ihrem kühlen Glanz im Kontrast zur warmen Szene der Mutter mit Kind. Doch ihre Bedeutung bleibt für uns verschleiert. Zudem verleiht die Farbpalette, die Hans Baldung hier benutzt, dem Bild zusätzlich eine gewisse Mysteriosität.

Hans Baldung Grien – Maria mit Kind und Edelsteinen
Hans Baldungs (1484/85 bis 1545) Maria mit Kind und Edelsteinen (1530) im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg: Malerei auf Lindenholz. Höhe 99 cm; Breite 68 cm.

Maria mit Kind und Edelsteinen: Baldung schafft Mysterium

In dieser Darstellung spiegelt sich eine geheimnisvolle Aura wider, die dem Betrachter Raum für Interpretation und Reflexion bietet. Interessanterweise basiert dieses Motiv auf einem Gemälde des Künstlers Mabuse. Jedoch fehlen bei Mabuse die schwierig zu deutenden Edelsteine.

Ebenso mysteriös ist Baldungs stillende Madonna mit den Papageien. Kein Wunder, dass die beiden Gemälde im selben Raum im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg hängen.

Hans Baldung Grien – ein Künstler im Schatten Dürers

Hans Baldung Grien, trotz seiner Anerkennung in Fachkreisen, stand und steht in der breiten Öffentlichkeit immer im Schatten des berühmten Nürnberger Meisters Albrecht Dürer. Geboren wurde er im Jahr 1484 in Schwäbisch-Gmünd, doch seine Eltern zogen bald darauf ins elsässische Strasbourg um. Nach einer Lehrzeit bei einem unbekannten Maler ebenda verschlug es ihn nach Nürnberg. Dort arbeitete er ab 1503 in Dürers Werkstatt. Damals erhielt er wahrscheinlich den Beinamen „Grien,“ der auf die Farbe Grün hinweist. Über den genauen Ursprung dieses Namen kann jedoch spekuliert werden kann.

Hans Baldung Grien - Leben und Wirken
Mystische Bildnisse – mystische Persönlichkeiten. Hier erfährst Du ein paar Fakten über Hans Baldungs Leben.

Schon bald wurde er zu Dürers rechter Hand und leitete seine Werkstatt während Dürers Italien-Reise. Im Jahr 1507 verließ Baldung zwar Nürnberg, blieb jedoch eng mit seinem Lehrmeister verbunden. Er profitierte von dessen wichtigen Einflüssen für seine eigene Arbeiten. Nach einem kurzen Aufenthalt in Halle kehrte er nach Strasbourg zurück. Doch in den Jahren 1512 bis 1516 verlagerte er seine künstlerische Tätigkeit nach Freiburg im Breisgau, wo er mit dem Hochaltar des Münsters sein bedeutendstes Werk schuf.

Im Jahr 1517 kehrte Hans Baldung Grien schließlich endgültig in seine Heimatstadt zurück, wo er als Hofmaler tätig war. Bald darauf wurde er zum Mitglied des Hohen Rates von Strasbourg ernannt. Aus dieser Zeit stammen einige seiner meisterlichen, großformatigen Werke, darunter Darstellungen von Adam und Eva (heute in Budapest), der Venus mit Cupido (im Rijksmuseum Kröller-Müller) und Judith (im Germanischen Nationalmuseum).

Auch diese Madonna ist von Hand Baldung: Auffallend ungewöhnlich ist der flächig rote Hintergrund, der die Aufmerksamkeit auf die plastische Darstellung der Muttergottes in den Vordergrund lenkt. Das schlummernde Kind weist symbolisch auf den bevorstehenden Opfertod Christi hin. Auf der Tafel ist das charakteristische Monogramm von Baldung zu sehen, und in Bezug auf die Datierung gibt es unterschiedliche Lesarten: Einige interpretieren sie als 1514, während andere eine Kombination aus arabischen und römischen Ziffern sehen, die auf 1520 (1510 + X) hinweisen könnten.
Hans Baldung: Adam und Eva im Museum in Budapest
Hier die erwähnten Bildnisse von Adam und Eva (um 1525) im Szépművészeti Múzeum Budapest.

Erotik in Baldungs Andachtsbildern

Obwohl Hans Baldung in der Zeit der Reformation die geistige Befreiung begrüßte, blieb er dem „neuen Glauben“ gegenüber zurückhaltend und trat nicht selbst dazu über. Neben seinen mythologischen Themen, bei denen gelegentlich eine fast schon pornografische Erotik zum Ausdruck kam, schuf er auch zahlreiche Andachtsbilder.

Ebenfalls ein erotisch geladenes Gemälde, aber mit schauderhafter Inzest-Ikonographie: Lot und Seine Töchter.

Die Späten Jahre des Künstlers

Ähnlich wie Albrecht Dürer blieb auch Hans Baldung Grien in seinen späteren, zum Teil schon manieristisch geprägten Werken ein leidenschaftlicher Beobachter der Natur. Trotz ihrer Sinnlichkeit stellen seine zahlreichen Akte keine überidealisierten Schönheiten dar, wie wir das etwa von Lucas Cranach dem Älteren kennen.

Von Baldung sind etwa 100 Ölgemälde erhalten geblieben. Darüber hinaus auch eine beträchtliche Anzahl von Zeichnungen und beinahe 600 Holzschnitten und anderen Druckgrafiken. Ab dem Jahr 1510 signierte er seine Werke mit dem charakteristischen Monogramm, bestehend aus den Buchstaben HBG. Er genoss einen hohen Ruf und verstarb im September 1545 in Strasbourg.


Quellen

  • fotocommunity.de: „Die Renaissance – Bilder einer Epoche“ mit einem Random Textstück (abgerufen am 15.1.2024)
  • objektkatalog.gnm.de: „Maria mit Kind und Edelsteinen“ (abgerufen am 15.1.2024)
  • onlinesammlung.freiburg.de: „Maria mit dem schlafenden Kind, 1520“ (abgerufen am 15.1.2024)
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