Mit jeder Treppe wird die Musik etwas lauter. Als ich „Jazz Upstairs“ betrete, ist der Laden bumsvoll. Ich muss erstmal suchen, bis ich einen Sitzplatz finde. Fuchsiafarbene Lichter funkeln mir von der Bühne entgegen, auf der sich vier junge Männer der Musik hingeben. Gerade erklingen Country angehauchte Gitarrenriffs, begleitet von einer Mundharmonika. Ich bin überrumpelt von der Energie, die mir entgegenströmt.
Eine ausgefallene Jazzbar in einem unscheinbaren Haus
Das „Jazz Upstairs“ liegt an der Lazimpat Road in Kathmandu. Das Haus, in dem sich die Bar befindet, ist vollkommen unscheinbar. Es sieht ein bisschen aus wie ein Wohnhaus. Drinnen ist es gemütlich. Die Wände sind, wie so vieles in Kathmandu, aus Ziegelsteinen. Über den Gästen hängt eine ganz außergewöhnlich verzierte Decke. Darauf sind Porträts zu sehen. Es gibt eine große Bar mit einer beachtlichen Cocktailauswahl sowie auch eine spannende Speisekarte.
Vor allem fällt mir aber das Publikum auf. Gen Z. Fast ausschließlich. Alle sind sexy gekleidet. Sehr modisch, ausgefallen, teilweise crazy. Zumindest vom Kleidungsstil unterscheidet sich das Publikum stark von den Menschen, die tagsüber durch die Straßen gehen. Es fühlt sich an wie eine ganz eigene Insel des Jazz. Des Erlebens dieser Musik.
In Kathmandu verbindet der Jazz
Ich sehe durch die Menge. Die einen haben ihre Augen geschlossen und jammen im Takt mit der Musik. Die anderen haben ihren Kopf nach hinten gelehnt und blicken entspannt in die Höhe oder auf die Bühne. Die Dritten sitzen eingekuschelt in den niedrigen Sesseln und sind einfach voll im Moment.
Die Menschen sind wegen der Musik da. Aber es ist auch ein schönes Gemeinschaftserlebnis. Fremde sitzen zusammen an einem Tisch, trinken etwas und richten ihre Aufmerksamkeit immer wieder auf die Bühne. Ich sitze mit einem jungen Mann und dessen Freund. Später gesellt sich eine Europäerin und deren Freundin zu uns an einem Tisch. Wir fünf sitzen direkt bei den Verstärkern. Es ist zu laut, um uns wirklich zu verständigen. Unser aller Augen sind auf die Bühne gerichtet.
„Shesh the Blues Outfit“ – die Band des Abends
Dort spielt „Shesh the Blues Outfit“. Die Band gewinnt den Raum mit jeder Note für sich. Von diesen schönen, talentierten jungen Männern kann man kaum ein Auge lösen. Man sieht ihnen an, wie sie ihren Auftritt, ihre Instrumente und die gemeinsame Harmonie genießen.
Plötzlich steht der junge Mann auf, der mit mir zusammen am Tisch sitzt. Er wirkt freundlich und entspannt. Sein Outfit unscheinbar. Als er ans Mikrofon tritt, präsentiert er seine dunkle, fast dramatische Bassstimme. Dazu spielt er Mundharmonika. Die Stimme scheint gar nicht zu seinem lockeren Auftritt zu passen, was bei mir einen wahnsinnigen Überraschungseffekt hervorruft. Aus dem Staunen komme ich gar nicht mehr raus.
Und während ich durch den Raum blicke, spüre ich ganz deutlich, wie diese jungen Menschen den Abend genießen. Sie sind da, weil sie Jazz lieben. Sie lassen sich auf die Musik ein, lassen sie durch den gesamten Körper strömen, wirken ganz aufgeladen davon und strahlen eine unendliche Zufriedenheit aus. Es wärmt mir das Herz, zu sehen, wie junge Menschen sich für Jazz begeistern können. Alles zusammen einfach wild, sexy, highclass. Das ist das „Jazz Upstairs“, das ihr unbedingt besuchen solltet, wenn ihr in Nepal seid.
1: Die Decke mit all den Portraits, die ich vorhin erwähnt habe. 2: Da hab ich versucht, diese affengeile Karikatur einzufangen.
Nepal, ich liebe dich
Ich trinke zuerst einen Daiquiri, danach ein Bier und zum Schluss einen Manhattan. Zwei nette Männer lerne ich dort kennen. Ich genieße unsere Gespräche. Sie sind einfach so locker und freundschaftlich, dass ich wirklich sagen muss: so nett habe ich mich in keinem anderen Land der Welt unterhalten. Dieser Respekt und das ruhige Interesse, das mir dort als Mensch entgegengebracht wird, ist schon einzigartig. Und das erlebe ich an vielen Orten Nepals. Es ist ein Umgang, den ich so noch gar nicht kenne und der meine Seele heilt. Einfach schön. Aber auch schwer in Worte zu fassen, da es, wie so vieles andere in Nepal auch, einfach erlebt werden sollte.
Ihr habt sicher von der verheerenden Flutkatastrophe in Nepal gehört. Ihr könnt auf unterschiedliche Weise helfen. Zum einen könnt ihr das Land besuchen. Die Menschen dort warten sehnsüchtig auf euch. Viele Existenzen sind direkt vom Tourismus abhängig. Ich will nicht propagieren, dass es dort besonders sicher sei. Schließlich war es am Himalaya grundsätzlich noch nie so richtig sicher. Ich würde jedenfalls sofort wieder gehen. Aber das ist jedem selbst überlassen.
Wenn ihr von Deutschland aus helfen wollt, könnt ihr das über den Verein Freundeskreis Nepalhilfe e.V. tun. (Link führt direkt auf die Website).
„Warum schaut ihr euch diesen Scheiß an?“, wirft Guido irgendwann ins Publikum. Wann das Stück „Die Fledermaus im Placeborausch“ losging, weiß ich gar nicht. Einen klaren Moment, in dem plötzlich der Vorhang fiel und die Performance begann, gab es an diesem Abend nicht. Stattdessen habe ich das Gefühl, Schritt für Schritt hineingezogen zu werden. Die Bühne ist der gesamte Raum der Neuen Fledermaus. Das Publikum sitzt dicht um die Performer herum. So nah, dass die Grenze zwischen Zuschauen und Dabeisein zu verschwimmen scheint.
Eine schöne, intime Atmosphäre, die ich so sehr an der Neuen Fledermaus in Karlsruhe schätze. Sie macht die Kunst und Kultur, die dort stattfindet so erlebbar.
Stars der Stunde: Die Erbengemeinschaft Felix Gordon
Die „Erbengemeinschaft Felix Gordon“ ist ein interdisziplinäres Performance-Kollektiv, das seit 1999 besteht. Charakteristisch für die Arbeit der Künstler ist das gleichzeitige Geschehen mehrerer Ereignisse und Prozesse. Dadurch kann jeder Zuschauer seinen eigenen Ausschnitt wahrnehmen und möglicherweise eine ganz andere Geschichte aus der Performance mitnehmen als sein Sitznachbar. Die Stücke sind zwar vorbereitet und geübt, jedoch nicht einstudiert. Vieles entsteht spontan, manche Ideen entwickeln sich erst während der Aufführung. So gleicht keine Performance der anderen. Irritation sei dabei, so der BNN-Journalist Gereon Hoffmann, eine durchaus übliche Reaktion des Publikums.
Zunächst wirken die Bühnenkostüme beinahe zurückhaltend, teilweise sogar alltagstauglich. Dann betritt Guido den Raum – mit Schnuller und Windel. Und ich frage mich, was jetzt kommt, was das Ganze zu bedeuten hat. In meinem Kopf entstehen erste eigene Bilder und Geschichten. Später werde ich Guido davon erzählen.
Johanna zwischen Akkordeonspiel und spontaner Ausdruckskraft
Johanna ist an diesem Abend die einzige Frau im Erbenkollektiv. Sie wollte ihre Zuschauer zum Nachdenken anregen. Eigentlich hatte sie vor, etwas anderes zu zeigen. „Aber das ist oft so“, verrät sie mir. Und während ich sie sprechen höre, frage ich mich, ob das nicht genau die geheime Zutat ist, durch die diese Spontanität in ihrer Kunst entfalten kann. „Ich fands für mich spannend“, sagt Johanna schließlich. Denn sie wusste am Anfang noch gar nicht, wie das Stück am Ende werden würde. Sie spielt an diesem Abend mein Lieblingsinstrument: das Akkordeon.
Sie erzählt mir, wie sie in verschiedenen Vereinen gespielt hatte. Und wie das Instrument danach lange Zeit im Keller stand. Eines Tages spielte sie es aber doch wieder. „Ich habe es genutzt, um die alten Menschen zu beglücken, mit denen ich gearbeitet habe.“
Als sie uns in der Fledermaus mit ihrer Melodie beglückt, ist diese ruhig, sanft, beinahe fröhlich. Die drei anderen Performer lassen sich von der Musik leiten, bewegen sich dazu, breiten die Arme aus, singen – fühlen es. Jeder scheint gleichzeitig etwas Eigenes zu tun und ist doch mit den anderen verbunden. Aktionen überlagern sich, greifen ineinander, lösen neue Bewegungen aus. Nichts wirkt wie eine Abfolge. Ich merke, dass ich hier etwas miterlebe, das ich so zuvor noch nicht kannte. Ondine hat mir also nicht zu viel versprochen.
„Die Fledermaus im Placeborausch“: So erlebt Stefan die Aufführung
Irgendwann reicht Stefan mir eine bemalte Spielkarte. Kurz darauf schlucke ich ein Placebo und bin damit nicht mehr nur Beobachterin, sondern ganz klar in der Mittäterschaft. Und vielleicht heißt das, dass sich die Bedeutung nicht allein auf der Bühne befindet, sondern irgendwo dazwischen entsteht – zwischen den Menschen, dem Raum und den eigenen Gedanken. Ich nehme meine ganz persönlichen Themen wahr, meine eigenen Geschichten. Andere im Raum werden vermutlich etwas völlig anderes gesehen haben.
„Es ist ein Grandioses Gefühl, wenn der Funke rüber springt“, sagt Stefan. „Das Stück passiert einfach“, beschreibt er. Zu den Utensilien sagt er: „Man hat was dabei, aber die Spontanität entsteht durch den Moment. Durch die Energien. Durch den Raum und das Publikum.“ So gehöre es für die Erbengemeinschaft Felix Gordon einfach dazu, dass nicht alles, was man zuvor für das Stück vorbereitet hatte, auch tatsächlich zum Einsatz kommt.
Unmittelbar vor dem Auftritt verlassen Stefan die Gedanken. Eine gewisse Leere macht sich breit. „Wir sind die Medien. Deshalb geht es durch einen hindurch.“ Nach dem Auftritt begleitet ihn tagelang ein Glücksgefühl. Und nach den Proben schläft er „wie ein Baby“.
Guido durchlebt ein Spektrum zwischen sich selbst und seinen Rollen
Guidos Ziel ist es, für seinen Zuschauer „unterhaltend und belustigend“ zu sein. Jeder soll die Performance so interpretieren, wie er will. Denn die Zuschauer „sollen das sehen, was sie sehen wollen.“ Dabei nimmt Guido sich selbst nicht all zu ernst. Sein recht gewagtes Bühnenkostüm und auch der Auftritt selbst kosten ihn Überwindung, wenn auch nicht all zu viel. „Wir sind keine Schauspieler. Aber andererseits wir sind doch Schauspieler“, sagt Guido.
Ich frage ihn, ob es er selbst war, den wir da gerade gesehen haben. Und er sagt: „Das bin schon ich. Aber auch jemand anderes. Es ist ein Spektrum.“ Das Wichtigste für ihn: „Bei uns macht jeder, was er will. Dennoch achten wir immer aufeinander.“
Frieders erster Auftritt in der Neuen Fledermaus
Frieder steht heute zum ersten Mal auf der Bühne. „Das Stück heißt ja ‚Fledermaus im Placeborausch‘. Für mich steht das Tier für Transformation, daher war es mir wichtig, auch eine Transformation zu durchleben. Aus mir raus zu kommen. Es fühlte sich befreiend an“, teilt er mit mir.
Besonders faszinierend war für ihn die Symbiose zwischen ihm und den anderen Erben der Gemeinschaft. „Wir wussten ja gar nicht, was als nächstes passiert“, sagt er. Daher habe es ihn ebenfalls Überwindung gekostet. Vor dem Auftritt in der Neuen Fledermaus war Frieder auf einem Festival in der Natur. Dort freute er sich bereits darauf und erzählte auch einigen Menschen von seiner Vorfreude, die er zu genießen schien.
Er wird nachdenklich und sagt: „Die Seele vor einem Publikum zu entfalten ist wie vorwärts zu gehen und kein Zurück mehr zu haben.“
Die Neue Fledermaus: Ein Ort gelebter Kunst
Gastgeberin Ondine ist sichtlich gerührt. Sie spricht von einer wahren gelebten Avantgarde. „Alles, was in diesem Kollektiv gemacht wird, ist reine Kunst“ – in all ihren Ausdrucksformen. Für sie zeigt das Stück die Fragilität der menschlichen Psyche. Sie spüre regelrecht, dass der Kunstmoment zwischen den Akteuren passiert, beschreibt sie.
Als ich später aus der Tür der Neuen Fledermaus trete, habe ich viele Fragen. Aber vor allem bin ich glücklich. Nicht, weil ich das Stück vollständig verstanden hätte. Aber vielleicht gerade deshalb. Vor allem bin froh über den Austausch mit den Menschen, die diesen ungewöhnlichen Raum geschaffen haben.
Ein normaler Tag in der nepalesischen Stadt Bhaktapur beginnt bei vielen Bewohnern bereits um 4 Uhr morgens. Nach dem Tempelbesuch geht bei einigen von ihnen das Gemüsegeschäft los; dicht gefolgt vom Einkaufen, etwas Kleines zu frühstücken (z. B. Tee und Kekse), die Kinder für die Schule vorzubereiten und dann das Mittagessen zu kochen.
Nepals Leckereien mit Ursprung in Bhaktapur
Zwei besondere Spezialtäten lohnt es sich unbedingt zu probieren, wenn ihr in Bhaktapur seid. Neben Dal Bhat, dem nepalesische Nationalgericht schlechthin, bestehend aus Linsensuppe (Dal), gekochtem Reis (Bhat) und Gemüsecurry, gibt es in Bhaktapur nämlich auch die eine oder andere authentische Spezialität. So etwa Yomari, die bekannteste Süßspeise der Newar (der indigenen Bevölkerung von Bhaktapur). Es handelt sich um etwas, was wir mit Dampfnudeln aus Reismehlteig vergleichen würden. Befüllt werden sie mit Chaku, einer dicken Melasse oder Rohrzuckermasse, und Sesamsamen. Eine moderne und sehr beliebte Variante wird mit Khuwa gefüllt – einer festen Kondensmilch-Masse.
Juju Dhau, der „Königsjoghurt“ kommt ebenfalls aus Bhaktapur und ist in ganz Nepal berühmt. Er wird aus cremiger Büffelmilch hergestellt, mit Honig oder Gewürzen gesüßt und traditionell in unglasierten Tontöpfen (Katarhi) gereift, die dem Joghurt seine typische, dickflüssige Textur und sein leicht nussiges Aroma verleihen.
Das Leben in Bhaktapur im Vergleich zu Kathmandu
Im Vergleich zu Kathmandu etwa ist das Leben ihn Bhaktapur ein ganz anderes, sagt mir mein Guide Bipin Pradhananga. Zwar hat man hier nicht die vielen Büros und entsprechend auch Bürojobs und auch nicht die unmittelbare Nähe zum Flughafen. Dafür aber frischere Luft und Sauberkeit. Außerdem kennt man sich im Ort. Während Bipin mich rumführt treffen wir vermehrt auf seine Bekannten und Freunde. Mir scheint es zudem ein noch traditionelleres Leben zu sein, als das in Kathmandu. Obwohl Kathmandu im Vergleich zu jeder europäischen Stadt, die ich kenne, durchsetzt ist von Traditionen. Bhaktapur hebt mein Verständnis vom Bewahren traditioneller Werte, Bräuche, Bauweisen und Berufe auf ein ganz anderes Level.
Bipin und ich gehen durch die steinernen Gassen, während ich an jeder Ecke stehenbleibe, um zu staunen. An den Begegnungsstätten treffen wir auf Männer, die mit voller Konzentration Schach spielen. Die geschlossenen Räume über ihnen werden genutzt, um gemeinsam Geburtstage zu feiern, erklärt Bipin. Die Anmietung erfolge über die Stadt und sei durchaus bekömmlich, sodass sich jede Familie eine solche Feier leisten könne.
Eine Bekanntschaft wird zur Freundschaft
Bipin ist ein Multitalent. Viel zu weise für sein Alter. Er spricht Hindi, Newari, Nepali, Pakistani und Englisch. Sein Opa, 98 Jahre alt, war einer der führenden Priester in Bhaktapur. Dieser sorgte während seiner Amtszeit dafür, dass die Kindergottheit Kumari einen Lohn bekommt. Er war der erste in Nepal, der sich dafür einsetzte, erzählt mir Bipin voller stolz. Heute wird das Amt von einem seiner jüngeren Verwandten weitergeführt.
Ich frage ihn: „Was bedeutet es für die Menschen, aus Bhaktapur zu kommen?“ und er antwortet: „Wir glauben, dass wir in unserem letzten Leben besonders gutes Karma hatten. Es ist ein großer Segen, hier zu leben.“ Tourguide ist er nicht immer gewesen, obwohl er für diese Aufgabe wie geschaffen ist. Davor hatte er ein kleines Business: traditionelle Papierherstellung von Lokta-Papierbögen, die es nur in Nepal gibt.
Bipin Pradhananga überbrachte mir heute (1. September 2026) die traurige Nachricht: Wie bereits vermutet, ging der internationale Tourismus in Nepal nach der Flutkatastophe rapide zurück. Bipin schickte mir Bilder einer menschenleeren Innenstadt.
Bipin Pradhananga engagiert sich ehrenamtlich für die Organisation Thanaka. Normalerweise hilft die Ortsgruppe dabei, Reparaturen an Schulen in Bhaktapur vorzunehmen, oder Mädchen und Frauen handwerklich auszubilden, damit sie durch den Verkauf von Strick oder Töpferei die Chance auf finanzielle Stabilität haben. Seit der verheerenden Flut vom 26. August 2026 kümmert sich Thanaka um die Notversorgung der Flutopfer. Trinkwasser, Reis, Feldbetten und Co. stellen die Mitglieder der Hilfsorganisation denen zur Verfügung, die es am meisten brauchen. Spenden könnt ihr über das non-profit- System „Hello Asso“ oder direkt an meinen Freund Bipin unter folgenden Bankdaten:
Bipin Pradhananga Kontonummer: 0020 5080 0021 37 SWIFT: NIBLNPKT Nepal Investment Mega Bank (Bhaktapur Suryabinak Branch) Betreff: Donation Flood
Nepal nutzt das IBAN-System nicht, daher Kontonummer in Kombination mit SWIFT.
Bhaktapur in Nepal: Schule, Familie und Gesellschaft
Newari ist die indigene Sprache, die die Kinder von Bhaktapur in der Schule lernen. Außerhalb der Schule haben sie die Möglichkeit, verschiedene Musikinstrumente in kleineren vereinsähnlichen Gruppen zu erlernen. Auch traditionelle Holzschnitzerei wird ihnen in diesem Rahmen beigebracht. Dabei zeigen ältere Handwerker der jungen Generation, wie’s geht. So wird die Tradition weitergereicht und gelebt.
Jene, die ein Handwerk, wie etwa das Holzschnitzen, zum Beruf machen, können davon leben, ohne auf eine zweite Einnahmequelle angewiesen zu sein, meint Bipin. Aber sie müssen schon Vollprofis sein.
Viele Jugendliche verlassen ihre Heimat aber auch zum Studieren. Einige gehen dafür ins Ausland. Es sei schwer, danach wieder zurück nach Nepal zu kommen und einen Job zu finden, der genügend Geld einbringt, meint Bipin. Doch das ist nicht die einzige Herausforderung im Land. Während meiner Reise durch Nepal erzählen mir ganz unterschiedliche Menschen, dass es an zwei Fronten besonders brennt: Bildung und medizinische Versorgung. Die Infrastruktur ist ebenfalls ein Kapitel für sich, doch die Nepalesen scheinen sich damit ganz gut arrangieren zu können.
Die Gründung der Stadt Bhaktapur geht auf das 9. Jahrhundert zurück. Traditionell wird oft das Jahr 889 n. Chr. unter König Ananda Deva genannt. Vom 12. Jahrhundert bis ins späte 15. Jahrhundert war Bhaktapur die Hauptstadt des gesamten Kathmandu-Tals unter der Malla-Dynastie.
Nach dem Tod von König Yaksha Malla im Jahr 1482 wurde das Reich unter seinen Söhnen aufgeteilt: in Kathmandu, Patan und Bhaktapur. Bhaktapur blieb ab dem 16. Jahrhundert bis zur nepalesischen Wiedervereinigung im 18. Jahrhundert die Hauptstadt des gleichnamigen Teilkönigreichs.
Vor vielen Jahren umgaben Stadtmauern und Stadttore den Ort. Eines der Stadttore ist heute noch erhalten. Bhaktapur lag an der historischen Handelsroute zwischen Indien und Tibet. Zwar verlief die Hauptstrecke der klassischen nordchinesischen „Seidenstraße“ weiter nördlich, der Handelsweg durch Bhaktapur gilt jedoch als wichtiger Himalaya-Zweig dieser Straße.
Random Facts über Bhaktapur
Der Grundriss der Altstadt wird häufig mit einer fliegenden Taube (manchmal mit einem fliegenden Pfau) verglichen. Der Name Bhaktapur stammt aus dem Sanskrit (Bhakta = Gläubiger/Verehrer, Pura = Stadt). Die gebräuchliche Übersetzung lautet daher „Stadt der Gläubigen“ oder „Stadt der Devoten“.
Das Kathmandu-Tal, zu dem der Bhaktapur Durbar Square gehört, wurde 1979 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Die offizielle Höhenangabe der Stadt liegt bei 1.401 Metern über dem Meeresspiegel.
Bernardo Bertoluccis berühmter Spielfilm „Little Buddha“ (1993) mit Keanu Reeves wurde zu großen Teilen auf dem Durbar Square in Bhaktapur gedreht (der Ort diente als Kulisse für das historische Kapilavastu). Auch in einigen Bollywood-Filmen sind Teile Bhaktapurs zu sehen.
So wird laut Bipin die Tradition weiterhin bewahrt werden können
Ich frage Bipin: Was darf sich in Bhaktapur aus deiner Sicht niemals verändern? Die Optik darf sich niemals verändern, die Festivals und das Verbot für Außenstehende, dort Immobilien kaufen zu dürfen. Was sich aber ruhig ändern könnte: Bipin ist für ein strenges Rauchverbot, obwohl er selbst Kette raucht. Als er das ausspricht, glaube ich es kaum. Zum einen, weil seine Haut fantastisch hydriert ist, andererseits weil er während dieser Stunden keine einzige Zigarette geraucht hatte.
Falls ihr gerne spenden würdet, euch das Ganze aber zu heikel erscheint, weil ihr die ehrliche nepalesische Mentalität einfach noch nicht kennt, gibt es natürlich auch deutsche Vereine, die sich für die Versorgung der Flutopfer einsetzen. Einer davon ist der Freundeskreis Nepalhilfe e.V. (Link führt zur Website). Es ist ein Verein, der die Spendengelder 1 zu 1 an die Menschen überbringt, die es gerade wirklich brauchen. Alles, was ich euch empfehle, habe ich selbst gegengecheckt und kenne die Menschen, die dahinter stehen, persönlich. Daher bin ich sowohl von Bipin als auch vom Freundeskreis selbst überzeugt, und weiß, dass diese Menschen am besten wissen, wo unser Geld am effektivsten eingesetzt werden kann. Daher spendet, was ihr könnt, denn jeder einzelne Euro zählt.
Festliche Kleidungsstücke und Tikkas aus rot gefärbtem Reis schmücken die vielen Menschen, die barfuß über das Kopfsteinpflaster der heiligen Stätte Pashupatinath schreiten. Familien bewegen sich langsam durch die Anlage, Kinder laufen zwischen Erwachsenen hindurch, Frauen nehmen einander in den Arm und machen Erinnerungsfotos. Es herrscht diese friedvolle und feierliche Stimmung, die das Herzstück der nepalesischen Mentalität ist.
Dann bemerke ich den dichten, gelben Rauch in der Ferne, der über den Dächern der Tempel emporsteigt. Eigentlich weiß ich sofort, was für ein Rauch das ist.
Je näher ich komme, desto häufiger muss ich husten. Es ist ein warmer, sonniger Tag mit dieser leichten Luftfeuchtigkeit, an die Kathmandu gewöhnt ist. Der Geruch von brennendem Heu liegt in der Luft.
Pashupatinath: Der heilige Tempel Nepals
Pashupatinath ist eine der heiligsten Stätten des nepalesischen Hinduismus. Ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, um zu beten, ihre Kultur zu leben, ihre Familien zu treffen. Und ein Ort, an dem Menschen ihre Verstorbenen verabschieden.
Ich betrete ihn vorsichtig, mit Respekt und reinem Herzen. Es ist eigentlich für alle bereits von Weitem klar, dass ich mit meinem osteuropäischen Gesicht und meiner Kleidung nicht Teil der Glaubensgemeinde bin. Ich möchte niemanden stören. Nicht zu neugierig wirken. Obwohl ich es durchaus bin. Mehr noch: ich bin bis auf die Knochen fasziniert.
Mein Guide spricht neben starkem Englisch auch ein wenig Deutsch. Er erklärt mir die Symbolik der Steinmetzarbeiten, beantwortet meine Fragen, führt mich durch die Anlage. Sachlich und ruhig scheint er sich über meine Neugier zu freuen.
Er führt mich auf eine Plattform. Von dort kann ich die Verbrennungsstätten sehen. Mönche und Verwandte schreiten im Uhrzeigersinn um eine verstorbene Person auf dem Holzstoß. Weiter hinten weint eine Frau ihren Frust aus sich heraus, während sie einen Leichenzug anführt. Hinter dem gelben Rauch und den Gemäuern blicken festlich gekleidete Mädchen mit ruhiger Freude und Demut auf die Dächer der Tempel.
Der heilige Tempel Pashupatinath zwischen Leben und Tod
Tod und Leben vermischen sich hier in Pashupatinath. Ich höre die sanften Stimmen der Nepalesen mit ihrer melodischen Sprache, Glocken, das Knacken des brennenden Holzes unter den Verstorbenen. Mein Guide führt mich weiter. Er zeigt mir die letzte Waschung. Für mich die erste Konfrontation mit einem leblosen Menschen. Der Körper liegt dort auf einer steinernen Plattform am Fluss. Umgeben von Menschen, die ihn geliebt und gekannt haben und die ihn nun auf seine letzte Reise vorbereiten.
Die Angehörigen schöpfen mit den Händen Wasser aus dem heiligen Fluss Bagmati und übergießen die in orangefarbene Laken gehüllte Person mit dem Wasser. Dann erklingt ein Horn. Der Körper wird in weitere Stoffe gewickelt, auf eine Trage gehoben und zu einer der Verbrennungsplattformen getragen. Blütenblätter überall. Die Trauer der Angehörigen ist am anderen Ufer des Flusses, wo ich stehe, spürbar. Ruhig und in sich gekehrt stehen sie beisammen.
Mein Guide merkt, dass mich die Waschung emotional aufwühlt und passt sein Tempo meinem an. Er drängt mich nicht weiter. Ich darf bleiben und mittrauern.
Nepal braucht uns. Die Flutkatastrophe riss viele hundert Menschen aus dem Leben. Über Tausend werden vermisst. Für die Rettung und Notversorgung könnt ihr hier spenden:
Ich vertraue diesem Verein und weiß, dass die Spendengelder ohne Abzüge in Nepal bei den Menschen ankommen, die es am meisten brauchen.
Darf ich überhaupt hier sein?
Ich habe ihn ständig gefragt, ob ich überhaupt dort sein darf. Ob mein Blick auf einen verstorbenen Menschen bereits eine Grenzüberschreitung ist. Ob ich gerade in eine Intimsphäre eindringe, die mir nicht gehört.
Er und mehrere Mitarbeiter von der Touristinfo vor Ort erklären mir, wo ich hin darf, wie ich mich verhalten soll und was in Ordnung ist. Die Regeln sind erstaunlich entspannt und offen. Wie auch der Rest Nepals.
Trauern in der Gemeinschaft
Eine Trauerfeier ist keine abgeschottete Angelegenheit. Angehörige trauern gemeinsam mit anderen. Menschen sehen zu, Fremde stehen in der Nähe. Rituale werden in einer Gemeinschaft vollzogen. Für mich entsteht eine Symbiose aus Öffentlichkeit und etwas zutiefst Intimem.
Und irgendwann erkenne ich, dass Menschen im Pashupatinath ihre Trauer nicht verstecken müssen. Sie dürfen sie mit allen um sich herum teilen.
Eine Begegnung in der Tempelanlage
Ich verabschiede mich nach einiger Zeit von meinem Guide und erkunde die Tempelanlage allein. Dann setze mich auf den staubigen Boden und beobachte das Verbrennungsritual jener Person, deren Waschung ich zuvor gesehen habe.
Ein Mann kommt zu mir. Er fragt mich ganz vorsichtig nach einem Selfie und ich stimme zu. Dann bleibt er noch einen Moment neben mir sitzen und wir blicken gemeinsam auf die Verbrennungsstätten, die nun alle belegt und in Flammen sind. „Fühlst du dich friedlich an diesem Ort?“, fragt er mich. Ich bejahe. Und mir wird klar, dass ich mich selten so friedlich gefühlt habe.
Ich bleibe noch einige Zeit sitzen und schaue ins Feuer und in den Rauch, der mal langsam, mal schneller nach oben steigt. Ich schaue auf die Menschen und die Tempel. Auf das Leben, das neben dem Tod einfach weitergeht.
Ein heiliger Ort der Symbiose aus Gegensätzen
Irgendwann gehe ich weiter und ich erkenne den Pashupatinath als einen Ort der Zusammenkunft. Einen Ort, an dem das Leben selbst und das Ende des Lebens gewürdigt werden. Einen Ort für Junge und Alte, Arme und Reiche. Gläubige, Ungläubige und Andersgläubige. Einen Ort der Tränen und des Lächelns.
Hin und wieder sehe ich, wie heilige Stiere mit puschelig gebürstetem Fell zwischen den Menschen hindurchgehen, als würde der Pashupatinath ganz ihnen gehören.
Danke, Pashupatinath
Die Offenheit der Menschen, mich ihre Kultur so hautnah miterleben zu lassen, macht mich unfassbar demütig und dankbar und ich muss mich irgendwie auch fragen, warum sie das tun. Vielleicht, weil sie ein Stück ihrer wertvollen Kultur mit mir teilen oder sich mir als Menschen zeigen wollen. Nicht indem sie mir etwas erklären, sondern mich teilhaben lassen.
Was bleibt ist, dass der Pashupatinath eine Tür in mir geöffnet hat, die über das bereits Gesehene hinausgeht. Der heilige Tempel stellte meine Vorstellung von Leben, Tod und Glauben regelrecht auf den Kopf. Und ich sehne mich nach einem baldigen Wiedersehen.
Nepal Disaster: The Second Day Of Devastation, Rescue And Recovery People observe the aftermath of flooding in Nuwakot, Nepal, on August 27, 2026, following an outburst of a glacial lake in Tibet. Nuwakot Nepal
Als ich aus dem Flugzeug steige, erfahre ich von der Katastrophe. Sofort schreibe ich allen neu gewonnenen Freunden aus Nepal. Alle sie waren am Leben und in Sicherheit.
Einer meiner Freunde kommt direkt aus der Katastrophenregion Rasuwa (weitere betroffene Orte: Nuwakot und Dhading). Er und seine Familie sind wohl auf. Der Mann war meine allererste Informationsquelle. Am laufenden Band liefert er Videos von vor Ort: Menschen, die um ihr Leben rennen, als sie die Flut sehen. Brücken, die von den Wassermassen weggerissen werden. Leblose Körper, die die nepalesischen Soldaten versuchen aus dem Fluss Trishuli zu ziehen. Sie versuchen es zu sechst, zu siebt, zu acht, bis sie es schaffen, gegen die heftigen Wasserströme anzukommen. Bilder einer Katastrophe, die uns mit dpa und Imago hier schlicht nicht gezeigt werden können.
IMAGO / NurPhoto
Weitere Freunde von der Naturkatastrophe betroffen
Ich saß völlig machtlos in Deutschland und sah dabei zu, was in dem Land passierte, das ich gerade erst verlassen hatte. Das ich gerade erst so tief ins Herz geschlossen hatte. Die Natur kann so wütend sein. So grausam.
Die Familie einer Freundin trug erhebliche Schäden am Grundstück davon. Ein Freund aus TikTok berichtete mir ebenfalls, dass seine Familie von materiellen Schäden betroffen sei. In Sicherheit zu sein bedeutet eben nicht, dass alles in Ordnung ist. Denn für viele Menschen in den betroffenen Regionen bedeutet eine solche Katastrophe nicht nur ein paar Tage Angst. Wenn Infrastruktur zerstört wird, wenn Straßen und Brücken verschwinden, wenn abgelegene Dörfer vom Rest des Landes abgeschnitten werden, kann plötzlich die Grundlage des gesamten Lebens wegbrechen. Von dem Tod zahlreicher Menschen ganz zu schweigen.
Nepal kurz vor der Sturzflut
Kurz vor der Flut erlebte ich Nepal so friedlich. So entspannt, freundlich und voller Liebe zur Welt, zur Natur, zu mir. Die Menschen haben mir alles zu erleben und zu erforschen erlaubt. Mehr noch: Sie nahmen mich bei der Hand und führten mich ins Herz dessen, was sie als Gesellschaft ausmacht.
Ich fühlte mich wie ein wertvoller Teil davon. Als würde ich dazugehören. Und ich sage es ehrlich: Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich das Gefühl hatte, dazuzugehören. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb mich das, was gerade passiert, so trifft, dass ich zwischen Tränen und Berechnung, wie ich für dieses Land nützlich sein kann, hin und her gerissen bin.
Diese liebenswerten Menschen, die mit deutlich weniger auskommen als wir in Europa und sich dabei dieses Lebens freuen. Trotz aller Schwierigkeiten. Man kann sie nur lieb haben und beschützen wollen. Ihre Art und ihr Umgang mit Gemeinschaft sind jedenfalls etwas, wovon ich noch viel lernen kann. Dabei scheint es für die Nepalesen das Normalste der Welt zu sein.
Auslöser der Flut in Nepal
Der unmittelbare Auslöser der Flut war der Gletscher. Die Katastrophe lässt sich nicht völlig losgelöst von dem betrachten, was Nepal schon seit Jahren erlebt. Bei meinen Recherchen zum Erdbeben 2015 stieß ich immer wieder auf die Folgen der globalen Erwärmung, die Nepal mit voller Wucht zu spüren bekommt: Immer heftiger werdende Monsune, Verschiebungen der Jahreszeiten, von denen auch die wirtschaftlichen Einnahmen durch Tourismus abhängen.
Und während wir in Europa solche Ereignisse häufig als Nachrichtenmeldungen sehen, sind sie für die Menschen vor Ort eine Frage des Überlebens. Dabei vergessen wir oft, dass das genau dieselben Menschen sind, wie wir auch – nur freundlicher. Sie haben dieselben Gefühle, dasselbe Blut durch ihre Adern fließen und im Moment leider ganz andere Sorgen, als wir.
Problematische Infrastruktur und medizinische Versorgung
Ein Freund erzählte mir während meiner Reise, dass die medizinische Versorgung und die Infrastruktur an zwei Fronten brennen. Mit einer solchen Flut spitzt sich die Situation noch weiter zu.
Zudem habe ich während meiner Reise gesehen, wie wichtig eine funktionierende Infrastruktur für die Menschen ist. Doch ich habe auch gesehen, wenn auch nur mit laienhaftem Auge, dass es dort schwierig ist, eine Infrastruktur überhaupt erst zu errichten. Oder in Stand zu halten.
Auswirkungen der Flut auf das reale Leben der Menschen
Eine zerstörte Brücke ist in Nepal daher nicht einfach eine zerstörte Brücke. Für abgelegene Dörfer kann sie bedeuten, dass Menschen möglicherweise nicht mehr an Nahrung, medizinische Versorgung, Wasser oder Gas kommen. Sie könnten auf unbestimmte Zeit auf sich selbst gestellt sein.
Für einen Guide etwa kann ein zerstörter Trekkingweg den Verlust seiner Existenzgrundlage bedeuten. Und wenn er während der Flut mit Touris unterwegs war, könnte es bedeuten, dass sein Rückweg durch die Naturgewalt blockiert ist und er nun für das Überleben der ganzen Wandergruppe kämpfen muss.
Für eine Familie, deren Grundstück oder Haus zerstört wurde, kann es bedeuten, wieder bei null anfangen zu müssen.
Mit Mut und Kraft machen sie unaufhörlich weiter
Doch ich möchte die Menschen Nepals nicht als völlig hilflos darstellen. Sie sind meine ganz persönlichen Helden, denn sie kennen ihr Land, ihre Wälder und Berge. Und so, wie ich sie während meines Aufenthalts erlebt habe, traue ich ihnen zu, dass sie selbst unter widrigsten Umständen überleben und anderen beim Überleben helfen können. Ich bete daher dafür, dass so viele Vermisste wie möglich, wieder gefunden werden.
Ich sehe die Nepalis als Menschen, die in diesen Verhältnissen funktionieren und weiterkämpfen, ohne zu vergessen, wer sie sind, woher sie kommen und was sie als Volk und Gemeinschaft ausmacht.
Das nächste Problem könnte bald schon Realität werden
Und jetzt beginnt bei mir eine andere Sorge. Die Katastrophe trifft Nepal zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Die touristische Saison beginnt. Viele Menschen leben direkt oder indirekt vom Tourismus. Ich habe Angst davor, dass Menschen in Europa jetzt in die Hosen scheißen und sich dazu entscheiden, nicht nach Nepal zu gehen. Diese Entscheidung könnte für viele Menschen vor Ort eine weitere, diesmal finanzielle, Katastrophe bedeuten.
Ich bin derzeit selbst noch dabei, konkrete Möglichkeiten zu prüfen, wie Spenden seriös dorthin gelangen, wo sie tatsächlich gebraucht werden. Eine Möglichkeit, die mir bislang seriös erscheint, sind die Spendenaufrufe von Help4Nepal Karlsruhe. Die halfen dabei, eine Schule nahe des heutigen Katastrophengebiets zu errichten und sammeln nun Spenden für die Notversorgung der Opfer der Flutkatastrophe.
Seriöse Hilfe: Schnell und direkt vor Ort
Des Weiteren möchte ich euch die Einrichtung Thanaka vorstellen. Wir stehen in engem Austausch miteinander und ich werde fast stündlich auf dem Laufenden gehalten, was passiert, was benötigt wird und wer von den Helfern vor Ort ist. Mein Informant ist ein Mann aus Bhaktapur, dem ich buchstäblich mein Leben anvertrauen würde. Daher schätze ich persönlich Thanaka als überaus zuverlässig für Spenden ein. Sie sammeln über das non-profit- System Hello Asso.
Wer sich mit Hello Asso nicht auskennt, kann auch direkt auf das Konto meines Freundes spenden. Er ist Teil der Thanaka Einrichtung und stellte mir seine persönlichen Daten frei zur Verfügung:
Bipin Pradhananga Kontonummer: 0020 5080 0021 37 SWIFT: NIBLNPKT Nepal Investment Mega Bank (Bhaktapur Suryabinak Branch) Betreff: Donation Flood
Nepal nutzt das IBAN-System nicht, daher Kontonummer in Kombination mit SWIFT.
Deutscher Verein Hilft Nepal und übermittelt Spenden 1:1
Ein weiterer Verein, der sich mit Herz für die Notversorgung der Flutopfer in Nepal einsetzt, ist der Freundeskreis Nepalhilfe e.V. (Link führt zur Website). Es ist ein Verein, der die Spendengelder 1 zu 1 an die Menschen überbringt, die es gerade wirklich brauchen. Alles, was ich euch empfehle, habe ich selbst gegengecheckt und kenne die Menschen, die dahinter stehen, persönlich. Daher bin ich sowohl von Bipin als auch vom Freundeskreis selbst überzeugt, und weiß, dass diese Menschen am besten wissen, wo unser Geld am effektivsten eingesetzt werden kann. Spendet, was ihr könnt, denn jeder einzelne Euro zählt.
Sachspenden halte ich persönlich momentan nicht für sinnvoll. Aber es ist meine persönliche Meinung. Sobald es der Kontext erlaubt, werde ich die Menschen vor Ort dazu befragen, was sie davon halten. Jetzt gerade haben sie alle Hände voll zu tun und das muss man mit Respekt behandeln. Was jedenfalls sicher ist: Der Transport von Sachspenden ist teuer und kompliziert. Nepal hat grundsätzlich Zugang zu den Dingen, die auch wir hier kaufen können – und vieles davon ist dort deutlich günstiger. Mit medizinischer Versorgung sieht es aber schon anders aus. Fachpersonal und medizinische Geräte sind bittere Mangelware.
Meine Faustregel: Die Menschen vor Ort wissen selbst am besten, was sie benötigen und wo Geld eingesetzt werden kann. Daher würde ich immer erst darauf hören, was sie zu sagen haben.
Nach einem aufregenden Tag am Strand von Baler saß ich in der Außenküche meiner Unterkunft und chillte am Handy. Ich schnitt TikToks und ließ Revue passieren, was für einen unnormal geilen Tag ich hatte. Ich war einfach unendlich dankbar, mitten in der Natur auf den Philippinen zu sein – umgeben von gigantischen Schmetterlingen, flitzenden Eidechsen und Meeresrauschen. Es war etwa halb zwei in der Früh. Ich versuche hier so spät wie möglich schlafen zu gehen, um nicht mitten in der Nacht von Kakerlaken aufgeweckt zu werden. Das stresst mich nämlich. Tagsüber aber lassen die mich in Ruhe.
Die waren überall 🙂
Plötzlich sah ich aus dem Seitenwinkel, wie jemand durch das Tor kommt. „Wohnst du hier?“, fragte er auf englisch. „Vielleicht, wieso fragst du?“, sagte ich deutlich entgeistert. „Ich wohne auch hier“, sagte er. Ich dachte kurz, dass das möglicherweise der Besitzer meiner Hütte sei und entspannte für den Bruchteil einer Sekunde. Im nächsten Satz konkretisierte er jedoch, dass er hier in der Straße wohne. „Ich hab dich beobachtet“, sagte er weiter, „du bist hier immer allein unterwegs. Reist du etwa alleine?“
Ja, Bitch, ich reise alleine, und es ist das Beste, was ich in meinem Leben mache. Wenn niemand meinen Frieden stört.
Er will einfach nicht verschwinden
„Fuck, es ist soweit“, dachte ich mir, „War das das Ende meines perfekten Lebens?“
„Nein, ich bin mit meinem Mann unterwegs. Warum fragst du?“, sagte ich, ohne von meinem Handy hochzublicken. „Ich hab hier keinen Mann gesehen. Immer nur dich allein.“ Zu diesem Zeitpunkt war ich hier seit gerade mal zwei Tagen und würde erst 10 Tage später den Ort verlassen. „Mein Mann arbeitet ja auch. Und ich chille“, log ich weiter. „Wo ist er jetzt?“ – „Er schläft“ – „Hier?“, er deutete auf meine Unterkunft. „Ja, hier“, antwortete ich schon gereizt.
Er glaubte mir nicht. Das sah ich in seinen Augen. Ich machte eine Handbewegung mit meiner rechten Hand und deutete mit der Linken Hand einen Ring den ich immer trage. Zwar trage ich den auf dem Mittelfinger, das war mir in dem Moment aber egal. Ich musste zumindest versuchen, ihn zu verwirren. „Mein Mann wird nicht begeistert sein, wenn er mitbekommt, dass du mich hier mitten in der Nacht ansprichst. Bitte geh weg.“
Doch die Diskussion ging weiter. Er war relativ aufdringlich und ich artikulierte deutlich, dass ich absolut kein Bock auf diese Unterhaltung habe. Ich vermied den Blickkontakt, damit er mein Desinteresse noch deutlicher spürt. Brachte leider nichts. Aggressiv wollte ich noch nicht werden, weil wir alle wissen, was mit manchen Männern passiert, wenn man denen mit Aggression begegnet. Die hebe ich mir wahrscheinlich für eine nächste ungewollte Begegnung mit ihm auf. „Bitte, geh einfach weg“, wiederholte ich.
Wenige Stunden vor meiner ungewollten Bekanntschaft: gleiche Außenküche, gleiches Outfit, gleiches Pokerface.
So wurde ich ihn dann doch los
„Ich will nur eine Freundschaft mit dir schließen.“ „Danke, aber ich habe kein Interesse. Du solltest lieber gehen, bevor mein Mann aufwacht. Er kann ziemlich wütend werden.“ Er schwieg und sah mich an, als hätte ich ihn aus dem Konzept gebracht. „Please go“, bat ich ihn mit flehendem Blick. „Just go away, please.“ Eigentlich ein sehr hübscher Kerl: Groß, markante Gesichtszüge, gute Frisur. Aber ich fand ihn und sein Verhalten maximal gruselig. Ich hätte am liebsten geweint.
„Weißt du, ich will dich kennenlernen.“ Er ließ einfach nicht locker. „Willst du ein Bier für deinen Nachhauseweg?“, fragte ich, nachdem ich eine Weile durch ihn hindurch starrte. Er erwiderte: „nein, ich muss gehen“ und ging langsam rückwärts aus dem Tor hinaus, durch das er auch rein kam, während er mich mit seinem Blick fixierte.
So friedlich sah das Ganze tagsüber und mit offenem Tor aus.
Er geht, doch die Angst bleibt
Ob er nun einer Konfrontation mit meinem ausgedachten Mann entgehen wollte, oder einfach nur dachte, dass ich nicht mehr alle Latten am Zaun habe, weiß ich nicht. Jedenfalls dankte ich Gott dafür, dass er sich endlich verpisst hatte. Doch das nächste Problem war nicht weit. Die Tür zu meinem Zimmer ließ sich nämlich weder von außen noch von innen verschließen. Ich blieb bis in die Morgenstunden wach. Mit Licht an. Mich ließ die Situation nicht los. Ich hatte Angst um meine Sicherheit. Mein inneres System schlus Alarm. Und ich bin ein sehr instinktiver Mensch. Ich spüre sofort, wenn etwas nicht stimmt.
Ich hatte richtig Angst. Der Typ war ortskundig, er wusste genau, dass ich allein war. Ich hatte Angst, dass er womöglich auf die Idee kommt, mich zu vergewaltigen, oder auszurauben, oder abzustechen. Wenn er noch drei weitere Freunde mitgenommen hätte, wär vorbei. Ich hatte in Baler nicht einen einzigen Polizisten gesehen. Ein paar Security-Leute vor der Bank vielleicht. Es war eine Nacht des Horrors.
Der Reiseveranstalter reagiert
ChatGPT brachte mich auf die Idee, den Reiseveranstalter, CHECK24, zu kontaktieren. Ich schrieb eine Mail und bekam innerhalb weniger Minuten einen Rückruf. Die junge Frau war am Telefon riet mir, Bilder vom Schloss und der defekten Verriegelung zu machen, damit CHECK24 entsprechend reagieren könnte. Sie sprach mit mir, was mich einigermaßen beruhigte. Ein Hotelwechsel stand im Raum.
Am nächsten Morgen kamen die Besitzer und fragten mich, was los sei. Ich weiß nicht, ob sie alles verstanden haben, was ich ihnen erzählte, aber ich bekam eine nagelneue Verriegelung auf die Tür geschraubt. Ja, ich fühle mich jetzt sicherer, traue mich aber nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr raus. Am nächsten Tag wechselte ich das Hotel.
Was hat die Situation mit mir gemacht?
Zum Zeitpunkt, zu dem ich das schreibe, sind keine 24 Stunden vergangen, daher bin ich noch leicht aufgewühlt. Ich habe bemerkt, dass die Freude und Leichtigkeit der letzten Tage weg ist. Zumindest war es heute so. Ich habe richtig Angst vor allen mir unbekannten Männern und schaue mich ständig paranoid um, weil ich das Gefühl habe, dauerhaft beobachtet zu werden. Ich zucke zusammen, wenn mir jemand hupt, oder mir „hi!“ zuruft.
Die, die sich jetzt denken, dass ich komplett übertreibe, waren wahrscheinlich noch nie in einer solchen Situation. Die aller meisten Frauen werden das aber gut nachfühlen können. Ich hatte mich weder provokativ verhalten oder angezogen oder sonst was. Ich saß nachts auf dem Gelände meiner Unterkunft – in meinem Safespace sogesehen – und habe niemandem was getan. Niemanden dazu eingeladen mir Gesellschaft zu leisten. Weder verbal noch nonverbal. Ich will einfach nur in Ruhe gelassen werden. Warum kann ich das als Frau nicht? „Dann reise halt nicht allein“ – FICKT euch.
Stell dir mal vor, hier mit dem Menschen zu stehen, der dich noch nie enttäuscht hat und immer für dich da war – mit dir selbst. Damn…
Mann oder Bär?
Und nein, es ist auf den Philippinen nicht üblich, sich so zu verhalten, wie der unbekannte Mann. Die Philippinos sind super freundlich und es gehört hier zum guten Ton neugierig zu sein und nach dem Namen, der Herkunft oder sonstigen Dingen zu fragen. Mitten in der Nacht auf ein Privatgelände zu gehen und einer Frau zu erzählen, dass man sie beobachtet habe, ist jedoch ganz und gar nicht normal. Sie vollzulabern, obwohl sie deutliches Desinteresse an einer Unterhaltung mit dir ausdrückt ist ebenfalls nicht normal.
Auf die Frage, ob ich lieber einem Mann oder einem Bär im Wald begegnen würde, würde ich immer, immer, IMMER den Bären wählen. Immer. Ich liebe Männer, aber ich hasse es, dass viele von ihnen schlechte Menschen sind. Wollt ihr noch eine Gruselgeschichte? Auf Malaysia machte ich eine Nahtoderfahrung.
Das Titelbild ist nur ein Symbolfoto. Aber der Vibe war genauso. Sogar der Hintergrund schreit „Baler“. Das Foto ist von Amaury Gutierrez auf Unsplash.
Wer lesen kann, ist klar im Vorteil: Hätte ich mich vor meiner Reise nach Teneriffa über die Wetterverhältnisse im April informiert, wüsste ich wahrscheinlich, dass es durchaus kalt, windig, regnerisch und dann wieder heiß und sonnig werden kann. Die Sonne empfand ich als relativ aggressiv. Nach meinem ersten Sonnenbad auf dem „verbotenen Strand“ hatte ich recht heftige Rötungen im Gesicht. So gut wie alle Touris, die dort rumlaufen, waren feuerrot. An meinem ersten Tag in Puerto de la Cruz hingegen fror ich mir regelrecht den Allerwertesten ab. Wer also im April reist, sollte das gesamte Klamottenspektrum einpacken und sich auf wildes „ADHS-Wetter“ gefasst machen.
Strandurlaub auf Teneriffa? Fehlanzeige.
Dass der Playa Jardin wegen Abwasserproblemen geschlossen hat, wusste ich zuvor schon. Doch dass es auch so gut wie der einzige Strand der Stadt ist, war eine kleine Überraschung für mich. Wer sich also einen klassischen Strandurlaub herbeisehnt, ist auf Teneriffa wahrscheinlich nicht so ganz richtig. Mir persönlich machte hier das Wandern und Entdecken mehr Spaß. Nun ja. Was heißt hier „einziger Strand“? Immerhin gibt es einige Badestellen, es gibt natürlich auch den „verbotenen Strand“, der zu dem Zeitpunkt, wie ihr es sicherlich schon ahnen könnt, nicht betreten werden durfte.
Eine Möglichkeit besteht auch, direkt am Hafen zu baden. Doch auch wenn da so gut wie gar kein Verkehr stattfindet, finde ich sowas immer ein bisschen zu arg. Der Rest der Küste, zumindest all das, was ich dort sah, besteht aus Riffs (??) Baden praktisch unmöglich. Zumal der Atlantische Ozean ja ohnehin etwas schroffer ist als andere Gewässer. Was mir aber nichts ausmachte, weil ich dort sowieso genug zu tun hatte.
Einfach geil man… Ich kann das gar nicht anders ausdrücken, mir fehlen jegliche Worte.
Die Natur auf der Kanarischen Insel Teneriffa
Definitiv nicht vorbereitet war ich auf die Vielfalt der Natur. Die hat mich komplett von den Socken gehauen. Das Gelände selbst verändert sich gefühlt alle 25 Kilometer. Mal ist es Steppe, mal ist es eine Hügellandschaft, mal sind es spitze Berge, mal dichter Wald. Und hoch oben in der Nähe des Vulkans Teide, ist es kahl, vulkanig, riecht hier und da etwas verbrannt. Es war wunderschön und ich komme wieder.
Hier geht’s zu meinen anderen Teneriffa-Abenteuern:
In der kunsthistorischen Rezeption von Wassily Wassiljewitsch Kandinsky hält sich ein Narrativ mit erstaunlicher Zähigkeit: Das Bild des genialen Synästhetikers, der Töne in Farben übersetzte, Musik auf die Leinwand bannte und im Rausch der Klänge die Abstraktion erfand. Auch ich habe bereits dieses „böse Gerücht“ verbreitet. Doch wie so oft bei wirkungsmächtigen Mythen der Moderne hält diese romantisierende Sichtweise einer wissenschaftlich-methodischen Überprüfung nur bedingt stand.
Wenn wir Kandinskys Werk betrachten, müssen wir uns fragen: Handelt es sich bei seinen musikalischen Bezügen um eine tatsächliche phänomenologische Sinnesüberschneidung oder vielmehr um die Metapher eines Menschen, der sich auf kreative Art und Weise ausdrücken konnte? Und vor allem: Handelte es sich überhaupt um ein Werkzeug zur Emanzipation der Malerei von der Gegenstandsnachahmung?
Wassily Wassiljewich Kandinsky *4. Dezember (Greg.: 16.Dezember), 1866 in Moskau.† 13. Dezember 1944 in Neuilly-sur-Seine. Copyright: xLebrechtxMusicxArtsx/xBridgemanxImagesx 3764577 Copyright: IMAGO / Bridgeman Images
Musikalische Malerei: Zeit- und Geisteskontext
Um Kandinskys Denken zu verstehen, müssen wir es im Geisteskontext seiner Zeit verankern. Die Idee einer „musikalischen Malerei“ war um die Jahrhundertwende keineswegs neu. Bereits um 1800 galt die Musik in der ästhetischen Theorie als die reinste, immateriellste aller Künste – eben weil sie von der Pflicht zur Gegenstandsnachahmung losgelöst war. Sie war das große Vorbild für eine Malerei, die nach eigener Autonomie strebte.
Ironisch ist, dass zeitgenössische Leser in Kandinskys Schriften vor allem die Analogien zur Musik aufsogen, während sie seine ausdrücklichen Erkenntnisse überlasen. So soll er es zumindest empfunden haben, weshalb er sich in seinen Schriften gegen oberflächliche Fehldeutungen gewehrt hatte. Er stellte klar: ihm sei es grund-unmöglich und gänzlich unerreicht, Musik malen zu wollen. Eine direkte Übertragung lehnte er als absurd ab.
Worum geht es Kandinsky wirklich?
Was schwebte ihm stattdessen vor? Thomas Steiert hat dies als eine „musikalisierte Malerei“ charakterisiert. Es ging Kandinsky nicht um die Imitation der Schwesterkunst, sondern um eine methodische Erweiterung des eigenen künstlerischen Handlungsspielraums.
Der Vergleich zwischen Malerei und Musik diente ihm dazu, die Wesensverschiedenheit beider Disziplinen zu schärfen. Die Notwendigkeit dieser kategorialen Trennung war für ihn unantastbar. Die Musik war für Kandinsky nicht die Schablone, sondern der Katalysator, um innerhalb der Malerei nach einer ebenbürtigen, autonomen Wirkungskraft zu suchen.
War Kandinsky Synästhetiker?
Die neuere Forschung, allen voran Andrea Gottdang, tritt dieser weit verbreiteten Annahme mit Skepsis entgegen. Gottdang weist nachdrücklich darauf hin, dass Kandinsky selbst nie explizit für sich in Anspruch nahm, über die neurologische Disposition Synästhesie zu verfügen. Die Behauptung stützt sich im Wesentlichen auf rückblickende Beschreibungen – wie etwa sein berühmtes Erlebnis bei einer Aufführung der Wagner-Oper Lohengrin in Moskau, bei der sich Farben vor seinem inneren Auge bewegten. Kandinskys wohl meist zitierte Äußerung überhaupt; die von der europäischen Kunstgeschichte so wahnsinnig gerne zurechtgeschnitten wird, ohne überhaupt den Aspekt berühren zu wollen, dass es dem Künstler nicht nur um den Farbklang ging, sondern um das Zusammenspiel von Farbe und seiner Heimatstadt – Moskau. Aber darüber rege ich mich an anderer Stelle noch mal ausgiebiger auf.
Wie dem auch sei. Aus kunsthistorisch-methodischer Sicht müssen wir hier strikt unterscheiden:
Erstens: Selbst wenn Kandinsky synästhetische Veranlagungen besaß, halfen ihm diese weder bei der konkreten Bildkonzeption noch beim avantgardistisch-historischen Durchbruch zur Abstraktion.
Zweitens: Das Verstreuen farbmusikalischer Metaphern in seinen Texten darf von Wissenschaftlern nicht als empirischer Nachweis missverstanden werden, dass seine Gemälde das Resultat synästhetischer Wahrnehmungsprozesse seien.
Kandinsky diskutierte intensiv mit Zeitgenossen wie etwa Franz Marc, August Macke oder Arnold Schönberg über Farb-Ton-Korrespondenzen. Doch alle sie stießen rasch an die Grenzen der Objektivierbarkeit. Thomas Steiert bringt es methodisch auf den Punkt: Die synästhetischen Verknüpfungen dienten Kandinsky lediglich als experimentelles Instrument – als eine Art theoretisches Modell, um die erweiterten Ausdrucksmöglichkeiten seiner malerischen Mittel zu erörtern.
Wie funktionierte nun Kandinskys Farbtheorie in der Praxis?
Er unterschied grundsätzlich zwischen einer rein physischen Wahrnehmung – dem Reiz des Auges – und einer psychischen Wirkung, die er gerne als „Seelenvibrationen“ betitelte.
Kandinsky begriff Farbwahrnehmung als ein multisensorisches Phänomen. Farben besitzen für ihn haptische und thermische Qualitäten: Sie sind glatt, samtig, warm oder kalt. usw. Ähnlich wie Goethe koppelte er die Farbwirkung an physikalische Erscheinungen, erweiterte dies jedoch. Farben besitzen für ihn exzentrische oder konzentrische Bewegungsmomente. Sie drängen auf den Betrachter zu oder weichen von ihm zurück; sie können darüber hinaus auch einen zeitlichen Ablauf im statischen Bild simulieren.
Man muss allerdings einräumen: Kandinskys Versuch, hierfür wissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten aufzustellen, scheiterte an der Subjektivität der menschlichen Empfindung. Seine Analysen zur synästhetischen Potenz einzelner Farben wirken oft willkürlich. Und verändern sich zudem noch im weiteren Verlauf seines Lebens. Wenn er Gelb als stechend, beunruhigend und dem Menschen zustrebend definiert, oder Schwarz und Weiß als Symbole von Existenz und Nicht-Existenz setzt, verlässt er den Boden der empirischen Wissenschaft. Aber nicht nur damit.
Wassily Kandinsky, Orientalisches, 1909, Öl auf Pappe, 69,5 x 96,5 cm, Lenbachhaus München. Copyright: Lehnbachhaus München.
Wassily Kandinsky und das Unerklärliche
Er wandte sich – dessen war er sich wohl bewusst – ab vom Erklärbaren und hin zum Unerklärlichen, etwa wenn er sich mit Chromotherapie oder theosophischem Gedankengut beschäftigte. Auch wenn unklar bleibt, inwiefern theosophische Lehren direkt in seine Malpraxis einflossen, zeigt sich hier Kandinskys Zielgruppe. Seine Theorie richtete sich nicht an die Masse, sondern an den „sensiblen Menschen“.
In diesem Kontext steht auch sein zentraler Begriff des „Klangs“. Wenn Kandinsky von „Farbklängen“ spricht, meint er keine akustische Übersetzung. Der „Klang“ ist für ihn der physiognomische Charakter der Farbe selbst – eine immaterielle, innere Qualität, die direkt auf das Gemüt wirkt.
Der entscheidende Schritt in Kandinskys Schaffen liegt darin, dass seine Hinwendung zur Abstraktion keinen Bruch mit der Kunstgeschichte darstellt. Ganz im Sinne Arnold Schönbergs wird die Abstraktion als eine Radikalisierung der Maltradition begriffen. Unter Kandinskys Prämissen löst sich die starre Grenze zwischen Gegenständlichkeit und Gegenstandslosigkeit langsam auf.
Wassily Kandinsky: Musikalische Terminologie in der Kunst
Die Terminologie, die er verwendete, um seine schöpferische Haltung zu manifestieren, oder zumindest zu betiteln, spiegelt sich in seiner Dreiteilung der Werkkategorien wider, die sich nicht nach dem Sujet richtet, sondern nach dem Grad der inneren Konstruktion:
Die Impression: Der direkte Eindruck äußerer Einflüsse.
Die Improvisation: Der unbewusste, spontane Ausdruck innerer Vorgänge.
Die Komposition: Als höchste Stufe. Hier bildet sich der innere Ausdruck in einem langen, fast pedantisch durchdachten Prozess heraus, der in zahlreichen Entwürfen geprüft wird.
Kandinsky lädt den Begriff der „Komposition“ doppelt auf: Er ist einerseits die Bezeichnung für seine ambitionierteste Werkgruppe, andererseits das allgemeine Konstruktionsprinzip, das jedem bedeutenden Kunstwerk zugrunde liegt.
Um diese Kompositionen zu strukturieren, greift er erneut auf musikalische Begrifflichkeiten zurück und unterscheidet zwei Hauptgruppen:
Die melodische Komposition: Sie basiert auf einfachen, geometrischen Formen und bleibt oft noch mit gegenständlichen Assoziationen verknüpft.
und die symphonische Komposition: Ein komplexes, vielschichtiges Gefüge, in dem viele kleine Einzelformen von einer verborgenen Hauptform zusammengehalten werden.
Sogar Tempobezeichnungen zog Kandinsky heran, um die Dynamik von Form und Farbe zu charakterisieren – wobei anzumerken ist, dass er laut seinen fertiggestellten Gemälden die Titel oft erst nachträglich zuschrieb.
Entliterarisierung der Kunst
Wichtig für eine methodische Bewertung ist der Begriff der „Entliterarisierung“. Indem die Malerei ihre erzählerische, literarische Funktion abwarf, erlangte ihr bildnerisches Material – Form und Farbe – eine Autonomie, die zuvor nur der Musik eigen war. Erst durch diese Freisetzung wurde es möglich, Begriffe wie „symphonisch“ oder „Harmonie“ rein strukturell auf die Malerei anzuwenden und ihre Wirkung in den Vordergrund zu stellen. Harmonie bedeutete für Kandinsky im Zeitalter der Moderne übrigens nicht mehr das gefällige Miteinander, sondern das Prinzip der Gegensätze und Widersprüche als eine zeitgemäße Auffassung einer neuen harmonischen Zusammenwirkung.
Eins der Schlüsselwerke von Wassily Kandinsky
Anhand eines der Schlüsselwerke Kandinskys lässt sich das Zusammenspiel von Musikerlebnis, Bildentstehung und methodischer Analyse exemplarisch sezieren: dem Gemälde Impression III (Konzert) aus dem Januar 1911.
Wassily Kandinsky, Impression III (Konzert), 1911, Öl auf Leinwand, 78,4 × 100,6 × 2 cm, München, Lenbachhaus.Copyright: Lehnbachhaus München.
Schon der Gattungsbegriff der „Impression“ suggeriert nach Kandinskys Systematik, wie wir wissen, die unmittelbare, fast reflexhafte Umsetzung eines äußeren Eindrucks – in diesem Fall des Besuchs jenes Münchner Neujahreskonzerts mit Werken Arnold Schönbergs. Doch die bildanalytische Betrachtung entlarvt den populären Mythos des spontanen, synästhetischen Farbrausches auf der Leinwand.
Zwei Skizzen die der Bezeichnung „Impression“ widersprechen
Wie der Kunsthistoriker Günter Brucher nachdrücklich herausgearbeitet hat, verlief die Genese keineswegs im Affekt. Andrea Gottdang greift diesen Befund auf und notiert: „Dass die Umsetzung des Konzerterlebnisses in Öl auf Pappe nicht ganz so spontan erfolgte, hat Brucher unter Hinweis auf die beiden vorbereitenden Skizzen hervorgehoben.“
Die zwei erhaltenen Skizzen dokumentieren einen Abstraktionsprozess: Die erste Skizze verortet das Geschehen noch ganz figurativ im realen Raum: Wir erkennen die räumliche Kulisse, das Publikum und den schwarzen Konzertflügel.
Wassily Kandinsky, Studie zu Impression III (Konzert), 1911, Kreide auf Papier, 10 × 14,9 cm, Paris, Centre Pompidou, Centre de création industrielle.
Die zweite, abstraktere, Skizze löst den räumlichen Sog vollkommen auf. Die Perspektive weicht einer autonomen Farb- und Formdynamik. Ich sage Farbdynamik, weil Kandinsky hier die Farben bereits schriftlich bestimmt hat.
Wassily Kandinsky, Studie zu Impression III (Konzert), 1911, Kohle auf Papier, 10 × 14,8 cm, Paris, Centre Pompidou, Cabinet d’art graphique.
Kunsthistoriker analysieren Kandinskys Gemälde
Bedeutsam ist hierbei die Platzierung der gelben Fläche: Sie steigt nicht direkt aus dem schwarzen Flügel auf – wie eine triviale Übersetzung von Ton in Pigment vermuten ließe –, sondern drängt als mächtige Diagonale von links unten nach rechts oben. Kandinsky setzt hier primär auf rein malerische Dissonanzen: Das geheimnisvolle Schwarz des Flügels steht im harten, spannungsvollen Kontrast zur Bewegung des Gelbs.
Thomas Steiert bemerkt hierzu, bei Impression III vermische sich „das Sichtbare mit dem Hörbaren“. Andrea Gottdang präzisiert diese Wechselwirkung jedoch auf einer rein bildtheoretischen Ebene:
„Ist die Annahme richtig, dass dieses Gelb hier eine Chiffre für Musik ist, so gilt für die Musik im übertragenen Sinn alles, was für die Farbe festgestellt wurde. Klang umfängt die Hörerschar, sickert in sie hinein, wird durch die Farbe sichtbar gemacht, von ihr aufgenommen oder legt sich wie ein Dunstschleier über sie.“
Es handelt sich bei Impression III folglich weder um das verbildlichte Protokoll eines synästhetischen Erlebnisses noch war es Kandinsky wichtig, dass der Betrachter exakt Schönbergs Aufführung als solche entziffert. Das Gelb fungiert als autonome bildnerische Chiffre für das Phänomen der akustischen Raumdurchdringung.
Kandinskys „mentale Matrix“: Den „gelben Klang“ gibt es schon längst als Konzept
An dieser Stelle drängt sich eine grundlegende Frage auf: Woher stammt diese spezifische energetische Aufladung der Farbe Gelb als Raum greifender Klang?
Um dies zu beantworten, müssen wir den Blick auf Kandinskys abstrakte Bühnenkomposition „Der Gelbe Klang“ lenken, verfasst zwischen 1909 und 1910 und schließlich 1912 im Manifest der frühen Avantgarde „Der Blaue Reiter“ publiziert.
„Der Gelbe Klang“ ist ein Pionierwerk des abstrakten Tontheaters. Es verzichtet auf Handlung, Dialoge und psychologische Figuren. Die eigentlichen Akteure sind das Licht, die Farbe, die menschliche Bewegung und der Klang. Die Farbe Gelb tritt darin als exzentrische, drängende Kraft auf, die den Raum flutet und mit dunklen, violetten Nuancen im Konflikt steht.
Wenn die Bühnenkomposition bereits 1909/1910 fertiggestellt war, dann lebte das Konzept des „Gelben Klangs“ bereits als mentale Matrix in Kandinskys Geist, lange bevor er das Schönberg-Konzert im Januar 1911 besuchte.
Haben wir Schönbergs Konzert zu viel Bedeutung zugeschrieben?
Damit boten Schönbergs Dissonanzen Kandinsky den äußeren Anlass, um eine längst ausgereifte, theoretische Konzeption nun auch malerisch zu entfesseln. Behaupt ich jetzt einfach mal. Impression III ist nicht die Abbildung eines Schönberg-Stücks – es ist die visuelle Manifestation des bereits existierenden „Gelben Klangs“.
Dass diese chronologische Trennung zwingend ist, verdanken wir den Untersuchungen des Musikwissenschaftlers*Werner Keil aus dem Jahr 2000. Keil hat mit den gängigen Mythen der Forschung aufgeräumt:
„Eine enge persönliche Freundschaft zwischen Kandinsky und Schönberg und die dichte künstlerische Ereignisfolge 1911/12 haben die musikwissenschaftliche wie kunsthistorische Forschung schon früh veranlasst, nach Parallelen zwischen beiden Künstlern zu suchen und wechselseitige Beeinflussungen nachzuweisen. Es lag insbesondere nahe zu vermuten, Kandinskys Bühnenkomposition ‚Der gelbe Klang‘ und seine Farbtheorien hätten Schönberg bei der Fertigstellung der ‚Glücklichen Hand‘ geleitet; umgekehrt soll unter dem starken Eindruck des Münchener Konzerts Kandinskys Impression III entstanden sein.“
Keil weist nach: Kandinsky und Schönberg kannten sich vor dem 2. Januar 1911 schlichtweg nicht. Eine wechselseitige Beeinflussung vor 1911 soll quellenkritisch ausgeschlossen sein.
An dieser Stelle offenbart sich ein faszinierendes methodisches Lehrstück
Blickt man in die Arbeit von Andrea Gottdang, stellt man fest, dass sie Werner Keils Studie zwar ordnungsgemäß in ihren Quellen aufführt, seine Ergebnisse jedoch ausgesprochen selektiv instrumentalisiert. Gottdang filtert aus Keils Befunden exakt jene Aspekte heraus, die ihre eigene These – die radikale Demontage der Synästhesie – untermauern. Die breitere, komplementäre Komplexität von Keils Argumentation blendet sie weitgehend aus, um das eigene theoretische Narrativ nicht zu gefährden.
Das Erstaunliche daran ist: Gottdang hätte diese selektive Rezeption gar nicht nötig gehabt. Ihre Entzauberung des Synästhesie-Mythos steht auch so auf festem Fundament. Dass sie die Quelle Dennoch so einseitig zuschneidet, zeigt uns auf der Ebene der Wissenschaftstheorie, wie schnell auch neuere Forschungsliteratur dazu neigt, historische Quellen passfähig zu machen.
Quellen: Gottdang, Andrea: Vorbild Musik. Die Geschichte einer Idee in der Malerei im deutschsprachigen Raum 1780–1915. München/Berlin: Deutscher Kunstverlag 2004, S. 371–405.
Keil, Werner K.: „Die innere Notwendigkeit. Gedanken zu Musik, Malerei und Bühne bei Schönberg, Kandinsky und anderen“. In: Reifenscheid, Beate (Hrsg.): Die innere Notwendigkeit. Gedanken zu Musik, Malerei und Bühne bei Schönberg, Kandinsky und anderen. Bielefeld: Kerber Verlag 2000, S. 23–42.
Steiert, Thomas: Das Kunstwerk in seinem Verhältnis zu den Künsten. Beziehung zwischen Musik und Malerei. Frankfurt am Main: Peter Lang GmbH, Europäischer Verlag der Wissenschaften 1995, S. 100–109.
Anmerkung: Das war ein Referat vom 27. Juli 2026 (bisserl nachredigiert). Ich hatte zwei Tage zuvor „voll die Eingebung“. Mitten in der Nacht im Bett. War so geflasht davon. Allerdings fand niemand meine Idee so knorke, wie ich selbst hahaha. Wie immer halt. Aber zum Glück geht es mir hierbei egoistischerweise ausschließlich um mich und meine eigenen Erkenntnisse. Daher würde ich euch, meine aller liebsten Lieblingsleser, zu einer Diskussionsrunde in den Kommentaren einladen. Wenn ihr euch traut.
Und liebe Frau Prof. Dr. Gottdang, es ging unter, wie genial ihr Text ist, bitte verklagen Sie mich nicht für meine anmaßende Einordnung. Es ist lediglich ein leihenhafter Gedankenspaziergang einer Person, die Ihre umfassende Arbeit bewundert.
Es sind die letzten Tage Malaysia und ich fuhr von Taiping ins Cameron Highland. Dort suchte ich mir während der Fahrt ein Hotel aus. Großer Fehler: ich hab diesmal ChatGPT gefragt, in welchem Dorf ich am besten rumlümmeln soll. Er nannte mir den Ort Brinchang. Großer fucking Fehler, dies nicht 3 Mal gegenrecherchiert zu haben. Aber egal. Wenigstens hab ich hier bislang noch keine Europäer gesehen. Nichts gegen Europäer, ich liebe sie. Aber wenn ich nach Asien gehe, will ich Asiaten sehen. Ist das verwerflich? Wahrscheinlich schon. Ist mir das egal? Höchstwahrscheinlich ja.
In Brinchang ist es ein bisschen unchillig. Auch das Hotel macht mich traurig, obwohl es eines der teuersten ist, in denen ich in Malaysia blieb. Viel Asphalt und viele Autos. Nicht gerade DIE Teeplantagen-Idylle, die ich mir ChatGPT fälschlicherweise ausgemalt hatte, aber wenn man beide Augen zudrückt, passabel. Ich kam ohnehin erst abends an und ging, oder genauer humpelte, ein bisschen durch den Ort, aß die geilste Erdbeertorte meines Lebens und trank Erdbeertee. Dann ging ich zum Nachtmarkt.
Nachtmarkt in Brinchang, Cameron Highlands
Auf dem Nachtmarkt herrschte eine Energie, die ich noch nie erlebt habe. Der Duft heimischer Erdbeeren (rot und weiß) schwebte durch die Lüfte. Jeder Stand war besonders. Ich musste mich ganz doll darauf konzentrieren, um nicht gleich in den ersten Sekunden ein Vermögen liegen zu lassen. Gemüsestände mit heimischen Bergkartoffeln, Ursorten Mais – roh, gedünstet und gegrillt, irgendwelche asiatischen Wurzelarten, die ich zuvor nur in Sochi gesehen hatte, etwas weiter hinten der Kleidermarkt mit Shirts und süßen Nachthemdchen mit Erdbeerprint.
Grüner dünner Spargel, irgendwelche Gräser, dunkler Blütenhonig, Erdbeershakes, jede Menge Streetfood: Malaysische Burger, Würstchen im Schlafrock, halale Fleischbällchen (Fleisch ist nicht so mein Fall, aber ich habe sie probiert.), virale Teigkügelchen mit Oktopus drin (köstlich). Weiter vorne wieder indische Düfte, Reis, frittierte Hühnerpfoten, chinesische Nudeln mit Ente, Schwein, Huhn, Fisch – was immer das multikulturelle Herz begehrt.
Asien: Deshalb liebe ich es hier so sehr
Es war wahnsinnig lecker. Und spannend. Es war zwar schon dunkel, aber die Atmosphäre war sehr familär. Viele Kinder, Familien, Paare – genau das sorgt dafür, dass ich mich besonders sicher fühle. Diese südostasiatischen Länder in denen ich war, sind alle sehr familiär geprägt. Und das ist einfach etwas, wo man gar nicht anders kann, als sich wohlzufühlen. Da, wo Kinder Lachen und Frauen plaudernd durch die Gegend spazieren, ist es einfach viel angenehmer, als etwa in einer Frankfurter Innenstadt, wo herumlungernde einsame Männer auf die Jagd gehen, um die nächste Person zu belästigen. Das ist mitunter einer der Faktoren, weshalb es mich immer wieder nach Asien zieht: das traditionelle Familienbild. Just my unpopular opinion.
Bleiben wir aber mal beim Nachtmarkt in Brinchang. Alles, was ich probiert habe, war köstlich. Die Menschenmengen waren sehr dicht, aber rücksichtsvoll und freundlich. Es war so schön. Es hat mich total aufgeladen. Das Essen, die Musik, das Bummeln, die gute Laune, die lächelnden malaysischen Frauen mit ihren perfekt gebügelten Kopftüchern, ihren hübschen Gesichtern und ihren sanften Gemütern. Daher finde ich, dass der Nachtmarkt ein absolutes must-see ist. Erfahre, welche schicksalhafte Begegnung ich kurz darauf hatte.
Schon beim Betreten der Neuen Fledermaus fällt der Blick auf die königlichen Stühle und Sessel. An einer Wand hängt eine menschengroße Installation aus Zeitung und Pappmaché; darüber ein Projektor, daneben eine kleine Lampe an der Decke. Darunter der alte, massive Holztisch, an dem Rahsan Dogan aus ihrem Buch vorliest.
Es ist der spannungssteigernde Kontrast zwischen dem hellen Raum, in dem der Abend anbricht und Ondine Dietz in ihren schwarzen Gewändern. Hier wirkt sie anders als in unserer gewohnten Umgebung. Aber nicht minder Diva. Sie hat dieses Leuchten in den Augen, das ich von meinem Vater kenne, wenn er gerade über das Schwarze Meer segelt. Ondine ist der Puls und der Takt des Hauses: Aufmerksam, redegewandt, unterhaltend. Ich fühle mich wie in ein Portal gefallen, das mich in die Tiefe des menschlichen kreativen Geistes zieht. Jedes verwinkelte Zimmer, das weiter in das alte Haus führt, führt auch tiefer in Ondines Welt hinein. Irgendwie eine Art Wohnzimmer, mehr aber ein geheimer Salon.
Draußen bleiben Passanten vor einem Schaufenster mit geheimnisvollen Objekten stehen, das ich erst tief in der Nacht, nach dem Verlassen der Neuen Fledermaus, betrachtete. Als ich ging, hatte ich das Gefühl, einen neuen Einblick in Ondines Wesen gewonnen zu haben. Einen Überblick darüber, wie tief das eigentlich geht. Wofür sie lebt – wofür sie steht. Das hat sie mir bei unserem Interview in ihrer Küche erzählt…
Das ist sie, die Frau der Stunde: Ondine Dietz in der Neuen Fledermaus. Foto-Credit: Christian Ulrich
Die Neue Fledermaus in Karlsruhe: Interview mit Ondine Dietz
avecMadlen: Erinnerst du dich an den Moment, in dem du beschlossen hast: „Ich mache das jetzt wirklich“?
Ondine Dietz: Ich saß in deinem Stuhl. Sie deutet darauf. Und ich hatte eine Vision: einen Bogen zu spannen – von der historischen Karlsruher Avantgarde, über die leider viel zu wenig bekannt ist, bis hin zur heutigen, die durch ihre vielen Off Spaces so etwas wie eine geheime Kunstszene birgt. „Die Neue Fledermaus“ – im Ohr klang der Name des berühmten Wiener Avantgarde Cabarets – sollte ein Ort der Recherche mittels Kunst werden; aber unbedingt auch ein produktives Museum der Avantgarde, das sich permanent selbst reflektiert. Es wurde eine Bühne, auf der jeden Abend die Show: „Kunst, Stadt, Mensch und Zeit“ aufgeführt wird.
Die Geschichte des Hauses und der Vision
Der Projektraum „Die Neue Fledermaus“ hat sich seit seinem Entstehen 2015 zur Aufgabe gemacht, Künstler*innen aus Karlsruhe und anderen Regionen sowie international tätigen Künstler*innen aller Disziplinen eine Plattform zu bieten; sie einzuladen, ein Stück (Karlsruher) Stadtgeschichte und somit auch Kulturgeschichte zu beschreiten. Vergangenheit und Zukunft, Mythos und Innovation/Intervention werden in den Veranstaltungen der „Neuen Fledermaus“ komplex und publikumsnah realisiert, in ihrer Komplexität analysiert und in ihren Verbindungen zueinander erfasst.
„Die Neue Fledermaus“ ist ein Ort der Begegnung, der Entdeckung, als Plattform eine Schnittmenge zwischen Realität und Fiktion, Kunsterschaffung und Urbanität. Sie lädt Künstler*innen und Publikum zum Mitgestalten von Kunst-Zeit und Kunst-Räumen in der Stadt und zum Dialog mittels stetig wachsender und ineinader greifenden Produktionen ein.
Vermutlich waren die Räumlichkeiten der Neuen Fledermaus ursprünglich ein Möbelgeschäft, das aber bleibt unklar. Was fest steht ist, dass dann eine Kneipe „Zur Fledermaus“ betrieben wurde.
Ondine Dietz: Das Kulturbüro vermittelte damals wie heute städtisch geförderte Ateliers an Künstler. Erst bekamen wir eine Absage. Dann bekamen wie es doch, über ein Aneinanderketten von glücklichen Umständen. Sie deutet auf ein Schild mit der Aufschrift: „Hier entsteht die Neue Fledermaus.“ Dieses legten wir in das Schaufenster. Dann fingen wir an.
Jean-Michel Dejasmin war von Anfang an eine Art von Performer seiner Rolle als Concierge des Hauses, verliebt in Geschichte und ihren Mysterien, wie wir beide es immer gewesen sind – zumindest ich. Wie bastelten an einem Mythos der Urbanität, an der urbanen Präsenz der Kunst , an einem realen Projekt einer sozialen Skulptur, im wahrsten Beuys’schen1 Sinn. Es sollte die Pforte zu einer nostalgischen Begehung sein, es sollte Kunst zeigen, Kunst schaffen und gleichzeitig auch dieses phänomenale Konglomerat2, die Städte in ihrer Geschichte sind, zeigen. Die Menschen sollten sich in den „heiligen Hallen“ selbst erschaffen.
Die nächtliche Fassade der Neuen Fledermaus. Fotocredit: Maria Männig
Einen Kunstraum schaffen
avecMadlen: Was kostet dich die Neue Fledermaus emotional?
Ondine Dietz: Sie ist ein sehr liebes Kind von mir, oder ich ihre „Hohepriesterin“ eines Kunst-ist-absolut-Kults. Und ich würde fast meine Seele an den Teufel verkaufen, damit sie weiter existiert.
avecMadlen: Welche Eigenschaft braucht man, um einen unabhängigen Kunstraum über Jahre am Leben zu halten?
Ondine Dietz: Stoizismus3, eine sehr dicke Haut und Resilienz. Fanatismus braucht man.
avecMadlen: Warum interessieren dich Mythos, Stadtgeschichte und Fiktion?
Ondine Dietz: Ich komme aus Temeswar. Jean-Michel Dejasmin, der alles was Bühnenbild -Ambiente, aber auch Technik in der Fledermaus betreut, aus Marseille. Karlsruhe war unsere erste Stadt außerhalb der jeweiligen „Heimat“. Beide kamen unabhängig voneinander, aber beide der Liebe folgend her… Hier in Karlsruhe waren wir Outsider. Wir hatten ein großes Liebesverhältnis zu unseren Städten, dessen core-Gefühl wir irgendwie auch auf Karlsruhe übertrugen. Über die Neue Fledermaus haben wir die Mysterien einer neuen Stadt erkundet.
Dieses Haus ist eine Reminiszenz4 dieser Zeit der liebevollen Aneignung. Mythen sind konzentrierte und erhabene Wahrheiten, die man für die Menschen der Zukunft schafft, damit sie über diese Brücke zu uns finden und uns von unserer Einsamkeit und unserem Beschränktsein erlösen…
Ein Salon der Avantgarde im Wandel. Foto Credit: Cristian Ulrich
Karlsruher Kultur zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fiktion
avecMadlen: Welche Disziplinen finden Raum in diesem Haus?
Ondine Dietz:Musik, Literatur, Kunst. Es ist ein Ort der bildenden Kunst, aber auch ein Ort interdisziplinärer Künste. Zu 70 Prozent besteht das Programm aus Lesungen. Für Künstler ist das meistens ein immenser Aufwand. Ohne Anspruch auf Honorar.
avecMadlen: Welche kulturelle Stärke wird in Karlsruhe unterschätzt?
Ondine Dietz: Karlsruhe ist eine offene, kulturelle Stadt und hat seit 20 bis 30 Jahren eine richtige Identität als Stadt der Artist Run Spaces, nota bene: Der Artist Run Spaces professioneller Künstler, die Künstlerinnen-orientierten Kunst betreiben, die Arbeit internationaler Künstlerinnen-Netzwerken zeigen und jenseits der Kunstmarkts , Kunst generieren, auch als sozialen Beitrag.
avecMadlen: Welche Entwicklung macht dir aktuell Sorgen?
Ondine Dietz: Die Karlsruher Kunstszene ist boomend eplodiert, dies Dank eines Giesskannen-Prinzips der Projektförderung seitens des Kulturbüros entstanden ist. Jetzt ist die Projektförderung stark reduziert worden.
avecMadlen: Was fehlt unserer Gesellschaft heute am meisten?
Ondine Dietz: Die Überwindung der Skepsis und der Trägheit, die aktive Solidarität. Altruismus5.
Meine, mittlerweile, liebste Frage zur Politik in der Kunst
avecMadlen: Muss Kunst wirklich immer politisch sein?
Ondine Dietz: Kunst ist absolut und ist Freiheit. Aber eine Kunst, die nicht für das Wohl der Menschen einsteht, hat keinen Tiefgang. Das Politische liegt dabei nicht in der Rhetorik des Politischen, sondern in einer solidarischen Haltung gegenüber den Menschen.
hahaha ich liebe sie einfach. In einem Moment haut sie Terminologie raus, die weit zu hoch für mich ist, im nächsten nimmt sie sich selbst und die Welt nicht all zu ernst. Dieser lebendige Geist…
avecMadlen: Welche Begegnung in diesem Raum wirst du nie vergessen?
Ondine Dietz: Was ich gewiss nicht vergessen werde: Den Autor Alban Nicolai Herbst (bürgerlich Alexander Michael von Ribbentrop). Er hat eine komplexe Familiengeschichte. Genauer: Er ist Großneffe von Joachim von Ribbentrop, dem Außenminister des NS-Regimes von 1938 bis 1945. Er ist ein fantastischer Autor, ein faszinierenden Mensch, ein Demokrat und Humanist und litt lange unter dieser Bürde der Herkunft.
Ich komme aus einer jüdischen Familie, und sogar die Nichtjuden meiner Familie hatten durch das NS-Regime alles verloren: Identität, sowas wie Normalität – Ribbentrop war ein sehr oft genannter Name, meist wehklagend, in meiner Kindheit. Ein hässliches Tattoo auf der Seelenhaut. Ich kannte Albans Herkunft ursprünglich nicht. Das war eine Art geschichtliche Serendipidy 6zum Guten hin, zur Heilung, zum „Exorzismus“ der Traumaheilung… Aber auch ein gewaltiger Schock.
Doch jede einzelne Künstlerin hat Spuren hier hinterlassen, die wir sakrosankt7 verehren und dokumentieren.
avecMadlen: Was soll von deinem Projekt in den Archiven bleiben?
Ondine Dietz: Dass wir ein Museum der Karlsruher historischen Künstleravantgarde aus dem Projekt entstehen lassen können. Für die Ewigkeit. Die Vergangenheit und die Gegenwart archivieren. Das ist uns wichtig. Letztlich ist das das Herzensprojekt.
avecMadlen: Wenn ich dich heute Abend nicht als Gründerin interviewen würde, sondern als Mensch: Worüber würdest du eigentlich am liebsten sprechen?
Ondine lacht. „Du weißt, worüber.“
Mehr zur Neuen Fledermaus und der Karlsruher Avantgarde gibt es hier von Maria Männig.
Konglomerat: Gemisch [aus sehr Verschiedenartigem]; Zusammenballung ↩︎
Stoizismus: von der Stoa ausgehende Philosophie und Geisteshaltung, die besonders durch Gelassenheit, Freiheit von Neigungen und Affekten, durch Rationalismus und Determinismus gekennzeichnet ist ↩︎
Reminiszenz: Erinnerung von einer gewissen Bedeutsamkeit ↩︎
Altruismus: Selbstloses, uneigennütziges Handeln zum Wohle anderer, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. ↩︎
Serendipität oder Serendipity: Eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue Entdeckung erweist. Serendipität betont eine über einen Zufallsfund hinausgehende Schlussfolgerung oder Findigkeit in Form einer Bereitschaft, den Zufall zu erkennen und ihn dann zu nutzen. ↩︎
sakrosankt: unantastbar. Der Duden führt hierfür als Beispiel sakrosankte Rechte und /oder Prinzipien auf. ↩︎