Kategorien
Kultur Kunst

Die Neue Fledermaus: Ein Salon der Avantgarde

Schon beim Betreten der Neuen Fledermaus fällt der Blick auf die königlichen Stühle und Sessel. An einer Wand hängt eine menschengroße Installation aus Zeitung und Pappmaché; darüber ein Projektor, daneben eine kleine Lampe an der Decke. Darunter der alte, massive Holztisch, an dem Rahsan Dogan aus ihrem Buch vorliest.

Es ist der spannungssteigernde Kontrast zwischen dem hellen Raum, in dem der Abend anbricht und Ondine Dietz in ihren schwarzen Gewändern. Hier wirkt sie anders als in unserer gewohnten Umgebung. Aber nicht minder Diva. Sie hat dieses Leuchten in den Augen, das ich von meinem Vater kenne, wenn er gerade über das Schwarze Meer segelt. Ondine ist der Puls und der Takt des Hauses: Aufmerksam, redegewandt, unterhaltend. Ich fühle mich wie in ein Portal gefallen, das mich in die Tiefe des menschlichen kreativen Geistes zieht. Jedes verwinkelte Zimmer, das weiter in das alte Haus führt, führt auch tiefer in Ondines Welt hinein. Irgendwie eine Art Wohnzimmer, mehr aber ein geheimer Salon.

Draußen bleiben Passanten vor einem Schaufenster mit geheimnisvollen Objekten stehen, das ich erst tief in der Nacht, nach dem Verlassen der Neuen Fledermaus, betrachtete. Als ich ging, hatte ich das Gefühl, einen neuen Einblick in Ondines Wesen gewonnen zu haben. Einen Überblick darüber, wie tief das eigentlich geht. Wofür sie lebt  wofür sie steht. Das hat sie mir bei unserem Interview in ihrer Küche erzählt…

Ondine Dietz in der Neuen Fledermaus in Karlsruhe
Das ist sie, die Frau der Stunde: Ondine Dietz in der Neuen Fledermaus. Foto-Credit: Christian Ulrich

Die Neue Fledermaus in Karlsruhe: Interview mit Ondine Dietz

avecMadlen: Erinnerst du dich an den Moment, in dem du beschlossen hast: „Ich mache das jetzt wirklich“? 

Ondine Dietz: Ich saß in deinem Stuhl. Sie deutet darauf. Und ich hatte eine Vision: einen Bogen zu spannen – von der historischen Karlsruher Avantgarde, über die leider viel zu wenig bekannt ist, bis hin zur heutigen, die durch ihre vielen Off Spaces so etwas wie eine geheime Kunstszene birgt.
„Die Neue Fledermaus“ – im Ohr klang der Name des berühmten Wiener Avantgarde Cabarets – sollte ein Ort der Recherche mittels Kunst werden; aber unbedingt auch ein produktives Museum der Avantgarde, das sich permanent selbst reflektiert. Es wurde eine Bühne, auf der jeden Abend die Show: „Kunst, Stadt, Mensch und Zeit“ aufgeführt wird.

SOLO-DARITÄT0721 - Folge 5: Ondine Dietz

Die Geschichte des Hauses und der Vision

Der Projektraum „Die Neue Fledermaus“ hat sich seit seinem Entstehen 2015 zur Aufgabe gemacht, Künstler*innen aus Karlsruhe und anderen Regionen sowie international tätigen Künstler*innen aller Disziplinen eine Plattform zu bieten; sie einzuladen, ein Stück (Karlsruher) Stadtgeschichte und somit auch Kulturgeschichte zu beschreiten. Vergangenheit und Zukunft, Mythos und Innovation/Intervention werden in den Veranstaltungen der „Neuen Fledermaus“ komplex und publikumsnah realisiert, in ihrer Komplexität analysiert und in ihren Verbindungen zueinander erfasst.

„Die Neue Fledermaus“ ist ein Ort der Begegnung, der Entdeckung, als Plattform eine Schnittmenge zwischen Realität und Fiktion, Kunsterschaffung und Urbanität. Sie lädt Künstler*innen und Publikum zum Mitgestalten von Kunst-Zeit und Kunst-Räumen in der Stadt und zum Dialog mittels stetig wachsender und ineinader greifenden Produktionen ein.

Vermutlich waren die Räumlichkeiten der Neuen Fledermaus ursprünglich ein Möbelgeschäft, das aber bleibt unklar. Was fest steht ist, dass dann eine Kneipe „Zur Fledermaus“ betrieben wurde.

Ondine Dietz: Das Kulturbüro vermittelte damals wie heute städtisch geförderte Ateliers an Künstler. Erst bekamen wir eine Absage. Dann bekamen wie es doch, über ein Aneinanderketten von glücklichen Umständen. Sie deutet auf ein Schild mit der Aufschrift: „Hier entsteht die Neue Fledermaus.“ Dieses legten wir in das Schaufenster. Dann fingen wir an.

Jean-Michel Dejasmin war von Anfang an eine Art von Performer seiner Rolle als Concierge des Hauses, verliebt in Geschichte und ihren Mysterien, wie wir beide es immer gewesen sind – zumindest ich. Wie bastelten an einem Mythos der Urbanität, an der urbanen Präsenz der Kunst , an einem realen Projekt einer sozialen Skulptur, im wahrsten Beuys’schen1 Sinn. Es sollte die Pforte zu einer nostalgischen Begehung sein, es sollte Kunst zeigen, Kunst schaffen und gleichzeitig auch dieses phänomenale Konglomerat2, die Städte in ihrer Geschichte sind, zeigen. Die Menschen sollten sich in den „heiligen Hallen“ selbst erschaffen.

Die nächtliche Fassade der Neuen Fledermaus. Fotocredit: Maria Männig

Einen Kunstraum schaffen

avecMadlen: Was kostet dich die Neue Fledermaus emotional? 
 
Ondine Dietz: Sie ist ein sehr liebes Kind von mir, oder ich ihre „Hohepriesterin“ eines Kunst-ist-absolut-Kults. Und ich würde fast meine Seele an den Teufel verkaufen, damit sie weiter existiert. 
 
avecMadlen: Welche Eigenschaft braucht man, um einen unabhängigen Kunstraum über Jahre am Leben zu halten? 
 
Ondine Dietz: Stoizismus3, eine sehr dicke Haut und Resilienz. Fanatismus braucht man.  
 
avecMadlen: Warum interessieren dich Mythos, Stadtgeschichte und Fiktion?

Ondine Dietz: Ich komme aus Temeswar. Jean-Michel Dejasmin, der alles was Bühnenbild -Ambiente, aber auch Technik in der Fledermaus betreut, aus Marseille. Karlsruhe war unsere erste Stadt außerhalb der jeweiligen „Heimat“. Beide kamen unabhängig voneinander, aber beide der Liebe folgend her… Hier in Karlsruhe waren wir Outsider. Wir hatten ein großes Liebesverhältnis zu unseren Städten, dessen core-Gefühl wir irgendwie auch auf Karlsruhe übertrugen. Über die Neue Fledermaus haben wir die Mysterien einer neuen Stadt erkundet.

Dieses Haus ist eine Reminiszenz4 dieser Zeit der liebevollen Aneignung. Mythen sind konzentrierte und erhabene Wahrheiten, die man für die Menschen der Zukunft schafft, damit sie über diese Brücke zu uns finden und uns von unserer Einsamkeit und unserem Beschränktsein erlösen…

Ein Salon der Avantgarde im Wandel. Foto Credit: Cristian Ulrich

Karlsruher Kultur zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fiktion

avecMadlen: Welche Disziplinen finden Raum in diesem Haus? 
 
Ondine Dietz: Musik, Literatur, Kunst. Es ist ein Ort der bildenden Kunst, aber auch ein Ort interdisziplinärer Künste. Zu 70 Prozent besteht das Programm aus Lesungen. Für Künstler ist das meistens ein immenser Aufwand. Ohne Anspruch auf Honorar.

avecMadlen: Welche kulturelle Stärke wird in Karlsruhe unterschätzt? 

Ondine Dietz: Karlsruhe ist eine offene, kulturelle Stadt und hat seit 20 bis 30 Jahren eine richtige Identität als Stadt der Artist Run Spaces, nota bene: Der Artist Run Spaces professioneller Künstler, die Künstlerinnen-orientierten Kunst betreiben, die Arbeit internationaler Künstlerinnen-Netzwerken zeigen und jenseits der Kunstmarkts , Kunst generieren, auch als sozialen Beitrag. 
 
avecMadlen: Welche Entwicklung macht dir aktuell Sorgen? 

Ondine Dietz: Die Karlsruher Kunstszene ist boomend eplodiert, dies Dank eines Giesskannen-Prinzips der Projektförderung seitens des Kulturbüros entstanden ist. Jetzt ist die Projektförderung stark reduziert worden. 

avecMadlen: Was fehlt unserer Gesellschaft heute am meisten? 

Ondine Dietz: Die Überwindung der Skepsis und der Trägheit, die aktive Solidarität. Altruismus5.

Meine, mittlerweile, liebste Frage zur Politik in der Kunst

avecMadlen: Muss Kunst wirklich immer politisch sein? 
 
Ondine Dietz: Kunst ist absolut und ist Freiheit. Aber eine Kunst, die nicht für das Wohl der Menschen einsteht, hat keinen Tiefgang. Das Politische liegt dabei nicht in der Rhetorik des Politischen, sondern in einer solidarischen Haltung gegenüber den Menschen. 

Bettermakers - Ondine Dietz über Rembrandt
hahaha ich liebe sie einfach. In einem Moment haut sie Terminologie raus, die weit zu hoch für mich ist, im nächsten nimmt sie sich selbst und die Welt nicht all zu ernst. Dieser lebendige Geist…

avecMadlen: Welche Begegnung in diesem Raum wirst du nie vergessen? 

Ondine Dietz: Was ich gewiss nicht vergessen werde: Den Autor Alban Nicolai Herbst (bürgerlich Alexander Michael von Ribbentrop). Er hat eine komplexe Familiengeschichte. Genauer: Er ist Großneffe von Joachim von Ribbentrop, dem Außenminister des NS-Regimes von 1938 bis 1945. Er ist ein fantastischer Autor, ein faszinierenden Mensch, ein Demokrat und Humanist und litt lange unter dieser Bürde der Herkunft.
 
Ich komme aus einer jüdischen Familie,  und sogar die Nichtjuden meiner Familie hatten durch das NS-Regime alles verloren: Identität, sowas wie Normalität  Ribbentrop war ein sehr oft genannter Name, meist wehklagend, in meiner Kindheit. Ein hässliches Tattoo auf der Seelenhaut. Ich kannte Albans Herkunft  ursprünglich nicht. Das war eine Art geschichtliche Serendipidy 6zum Guten hin, zur Heilung, zum „Exorzismus“ der Traumaheilung…  Aber auch ein gewaltiger Schock.  
 
Doch jede einzelne Künstlerin hat Spuren hier hinterlassen, die wir sakrosankt7 verehren und dokumentieren. 

avecMadlen: Was soll von deinem Projekt in den Archiven bleiben? 
 
Ondine Dietz: Dass wir ein Museum der Karlsruher historischen Künstleravantgarde aus dem Projekt entstehen lassen können. Für die Ewigkeit. Die Vergangenheit und die Gegenwart archivieren. Das ist uns wichtig. Letztlich ist das das Herzensprojekt. 
 
avecMadlen: Wenn ich dich heute Abend nicht als Gründerin interviewen würde, sondern als Mensch: Worüber würdest du eigentlich am liebsten sprechen? 
 
Ondine lacht. „Du weißt, worüber.“  


Mehr zur Neuen Fledermaus und der Karlsruher Avantgarde gibt es hier von Maria Männig.


  1. „im Beuys’schen Sinn“ oder „im Beuysschen Sinn“ bezieht sich auf den deutschen Künstler Joseph Beuys und dessen Konzept der „Sozialen Plastik“ (auch „Soziale Skulptur“). ↩︎
  2. Konglomerat: Gemisch [aus sehr Verschiedenartigem]; Zusammenballung ↩︎
  3. Stoizismus: von der Stoa ausgehende Philosophie und Geisteshaltung, die besonders durch Gelassenheit, Freiheit von Neigungen und Affekten, durch Rationalismus und Determinismus gekennzeichnet ist ↩︎
  4. Reminiszenz: Erinnerung von einer gewissen Bedeutsamkeit ↩︎
  5. Altruismus: Selbstloses, uneigennütziges Handeln zum Wohle anderer, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. ↩︎
  6. Serendipität oder Serendipity: Eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue Entdeckung erweist. Serendipität betont eine über einen Zufallsfund hinausgehende Schlussfolgerung oder Findigkeit in Form einer Bereitschaft, den Zufall zu erkennen und ihn dann zu nutzen. ↩︎
  7. sakrosankt: unantastbar. Der Duden führt hierfür als Beispiel sakrosankte Rechte und /oder Prinzipien auf. ↩︎
Kategorien
Kultur

Ich liebe zwei Männer: Serj Tankian und Daron Malakian

„Komm auf die dunkle Seite.“ Mit diesem Satz drücken mir meine Freundinnen Phyllis und Julie in der siebenten Klasse ein Album in die Hand. Auf dem Cover stand „Toxicity“. Das Design erinnerte an den Hollywood-Schriftzug. Es war von System Of A Down.

Wenig später sitze ich zu Hause vor dem Recorder, nehme die CD aus der Hülle, lege sie ins Laufwerk und drücke auf Play. Prison läuft. Ich verliebe mich in diesen Song vom ersten Takt an, auf den diese künstlerische Pause folgt. Warum diese Musik mein 12-jähriges Gemüt so durchdrang, kann ich bis heute nicht vollständig erklären. Sie war irgendwie der Spiegel meiner Seele. Die Texte verstand ich damals noch nicht so.

System Of A Down - Prison Song (Music Video)

20 Jahre später flasht mich SOAD immer noch

Fast zwanzig Jahre später sitze ich da, höre Hypnotize, Toxicity, Mr. Jack, Aerials und denke über zwei Männer nach, die mich länger begleiten als die meisten Menschen in meinem Leben: Serj Tankian und Daron Malakian. Meine zwei unerforschten Lieben.

System Of A Down - Hypnotize (Official HD Video)
Banger. Ich kanns 60 Mal hintereinander hören und kriege auch beim 61sten Mal Gänsehaut.

Bei Serj ist es zunächst die markante Stimme. Noch faszinierender finde ich allerdings, dass er sich musikalisch jede Freiheit nimmt, seine Persönlichkeit auszuleben. Vielleicht mittlerweile nicht mehr so krass. Das, was ich bei den Bühnenauftritten sehe, ist, dass er möglicherweise die Schnauze langsam voll hat von dem Ganzen. Dennoch ist es immer noch der Serj, den wir kennen und lieben. Nur eben ein bisschen müde.

Serj Tankian ist neben seiner Musik auch Aktivist

Ich weiß, dass er Aktivist ist und sich seit Jahrzehnten für das armenische Volk einsetzt. Ehrlicherweise verstehe ich davon nicht besonders viel. Auch seine politische Haltung habe ich nie im Detail verfolgt. Ich weiß nur, dass vieles davon in den Songtexten steckt. Und diese Texte haben für mich Tiefe und Wahrheit. Wahrscheinlich höre ich diese Wahrheit aus meiner eigenen Position heraus. Das, was Serj sich dabei gedacht hat, geht vermutlich viel tiefer. Trotzdem erreichen mich seine Worte seit Jahren. Immer wieder aufs Neue. Außerdem liebe ich  Interviews, in denen er ungefiltert seinen schwarzen Humor raushaut. Manchmal sitze ich davor und denke: Dafür hat er mit Sicherheit Konsequenzen getragen.

|Serj’s Advice for young artists| #systemofadown #serjtankian

Und ja, ich finde Serj Tankian unnormal attraktiv. Vielleicht gerade deshalb, weil er kaum Körperlichkeit präsentiert. Er macht keine große Show aus seiner Männlichkeit und wirkt dabei zurückhaltend. Die klugen Augen und der Bart macht das Gesamtbild natürlich noch spannender. Meiner Meinung nach, einer der wenigen Männer, die mit Bart besser aussehen als ohne.

System Of A Down: Daron Malakian

Und dann gibt es da noch Daron Malakian. Lange habe ich ihn hauptsächlich als den zweiten Mann neben Serj wahrgenommen. Erst viel später wurde mir bewusst, wie wichtig er für die Band eigentlich ist. Tatsächlich stammt ein großer Teil der Musik von ihm. Vielleicht habe ich deshalb angefangen, ihn mit anderen Augen zu sehen. Heute finde ich ihn sogar fast schon anziehender.

Daron Malakian
Daron Malakian in jungen Jahren. Copyright IMAGO / ZUMA Press Wire

Daron ist für mich Chaos und Charisma. Exzentrisch, mit verrückten Augen – genau mein Geschmack. Am liebsten mag ich ihn, wenn er singt. Es gibt diesen einen Auftritt, den viele Fans hassen. Ein chaotisches Konzert, bei dem einige behaupten, die Band sei auf Drogen gewesen. Dabei hat sich System Of A Down immer klar gegen Drogen positioniert. Was ich auch sehr gut finde. Daron performt dort einen Song auf eine Weise, die auf keinem Album existiert. Seine Stimme, Emotion, Energie. Ich liebe alles daran. Sogar Darons Poporitze, die hin und wieder durch die Bühne blitzt. Ich würde mich wahnsinnig über ein Konzert freuen Live habe ich System Of A Down nie gesehen. Normalerweise gehe ich ausschließlich in klassische Konzerte. Trotzdem träume ich von einem SOAD-Konzert.

System Of A Down - DAM live [ROCK AM RING 2002]

Vielleicht liegt meine Faszination für Serj Tankian und Daron Malakian auch daran, dass sie Eigenschaften verkörpern, die ich grundsätzlich toll finde. Ich hab’s ein bisschen mit Musikern. Das hat mich in meinem Leben schon mehr als einmal in die Scheiße geritten. Ich mag Menschen, die ihre Gedanken klar und direkt formulieren. Menschen, die keine Angst vor Regierung oder Gesellschaft haben. Menschen, die frei und nicht ganz vollständig zurechnungsfähig sind. Das finde ich schon anziehend. Vielleicht ist genau das die Antwort auf eine Frage, die ich mir seit zwanzig Jahren stelle und womöglich liebe ich nicht nur Serj Tankian und Daron Malakian. Vielleicht liebe ich die künstlerische Freiheit, die beide verkörpern. So genau kann ich diese Faszination aber nicht erklären. Deshalb bleibt es wohl dabei: Eine unerforschte Liebe.


Copyright Titelbild: IMAGO / Berlinfoto

Kategorien
Kultur

Buchempfehlung: „Das Geheimnis der hohen Eich“ von Rahsan Dogan

Wie wirkt sich eine Diktatur auf das Leben und die Entscheidungen einzelner Menschen aus? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Lesung von Buchautorin Rahsan Dogan in der Neuen Fledermaus in Karlsruhe. Mit der musikalischen Begleitung von Dunja Hofheinz stellt sie ihren Roman „Das Geheimnis der hohen Eich“ vor, der den Bogen zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der Gegenwart spannt. Unsere Buchautorin ist gleichzeitig Rechtsanwältin für Scheidungen und Erbrecht während die Musikerin Standesbeamtin ist. Die beiden Frauen, dessen Berufswahl kaum gegensätzlicher sein könnte, verbindet die Kunst und Kultur.

Die Neue Fledermaus Karlsruhe, Veranstaltung. Lesung, Kulturveranstaltung am Wochenende

Lesung in der Neuen Fledermaus

Für mich ist das der erste Besuch in dem ungewöhnlichen Kulturraum „Die Neue Fledermaus“ in Karlsruhe. Durch die Fenster fällt sommerliches Tageslicht. Vor Beginn wird noch gelacht und gestaunt: Ein Paar aus dem Publikum erzählt, wie es einst unbeabsichtigt in Handschellen geheiratet habe, nachdem sich der Trauzeuge einen Scherz erlaubt hatte. Wenige Minuten später weicht die heitere Stimmung einer fast greifbaren Konzentration.

In dem Roman steht der Ort die Hohe Eich bei Karlsruhe im Fokus. Die erzählende Protagonistin ist Juristin, wie auch die Autorin. Sie findet einen künstlich angelegten Erdwall im Wald, im Bereich der Hohen Eich. Die Neugierde packt sie und sie gelangt in die kleine Hütte, die seit dem Zweiten Weltkrieg kaum von einer anderen Person betreten wurde. Der Fund, den sie dort macht, verschlägt ihr die Sprache: Ein Jutesack mit Reichsadler, ein Hakenkreuz.

Rahsan Dogan: Stil, Spannung, Sprache

Rahsan Dogan benutzt eine klare, bildliche Sprache. Die Spannung baut sie Schritt für Schritt auf. Während sie aus ihrem Buch vorliest, habe ich das Gefühl, mitten in der Szene zu stehen. Fast alle meine Sinne werden angesprochen. Ich kann mir genau vorstellen, wie diese gottverlassene Hütte von innen aussieht, wie es darin riecht. Dogan liest konzentriert, zugleich lebhaft. Im Publikum herrscht absolute Stille.

In der Hütte findet die Erzählerin einen Blechkasten. Der Inhalt: amtliche Papiere, ein Stoffbeutel, Kennkarten eines Mannes und einer Frau. Er hatte ein Rangabzeichen der Waffen-SS. Die dritte Kennkarte war ohne Bild. Dafür mit einem großen „J“ gekennzeichnet. In dem kleinen Beutel ein Ring mit zwei Herzen. Des weiteren findet die Erzählerin ein Tagebucht, das sie in die Kriegsjahre zurückversetzt. Es gehörte Rudolf Heinrichs, dem SS-Mann. Das darin festgehaltene Gedankengut war allerdings nicht SS-typisch.

Er beschreibt heimliche Treffen mit und die Liebe zu einer Jüdin. Laut Einträgen hieß sie Frieda und lebte im Wald. Wohl, um sich vor den Nazis versteckt zu halten. Heinrichs beschrieb sie als die perfekte Frau, „mit einem Makel“.

Lesung musikalisch unterrahmt

Das Programm wird durch musikalische Zwischenspiele abgerundet, die Dunja Hofheinz zurückhaltend einsetzt. Sie spielt und singt etwa Ozzy Osburnes „Changes“, sehr gefühlvoll und fast tragisch. Die Musik verbindet die Zeitebenen des Romans miteinander, und gibt der Lesung eine sehr individuelle und emotionale Note. Die Gäste der Neuen Fledermaus werden nachdenklich.

Es wird spürbar, wie der NS im Verlauf des Regimes immer weiter in die Intimsphäre der Menschen eingreift. Damit verändert sich auch das Denken und Handeln der Menschen. Letztlich finden Bücherverbrennungen statt, die von den Nazis gezielt vorbereitet wurden. Während Rudolf Heinrichs dem SS-Regime anfangs noch misstrauisch gegenüber war, schien er im weiteren Verlauf die Bücherverbrennung zu befürworten, wenn auch etwas zwiespältig. Zudem suchte er sich eine neue Liebschaft, mit der er sich öffentlich blicken lassen konnte. Sie ist eine Denunziantin, die voll und ganz hinter dem Führer zu stehen scheint. Ein Tagebucheintrag aus dem Jahr 1943 beschreibt, wie er die neue Frau in seinem Leben Frieda gegenüber erwähnt. Daraufhin will Frieda nicht mehr leben. Damit enden die Einblicke in den Roman von Rahsan Dogan.

Fazit: Rahsan Dogans Roman „Das Geheimnis der hohen Eich“

Ein historisch gut recherchierter Roman, der auch mit etwas Fiktion spielt, die wiederum gar nicht so abwegig zu sein scheint, da sie vielmehr die Legenden, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, befeuert. Dogan legt hohen Wert darauf, einen exakten Bezug zu der Region zu haben, über die sie schreibt, kann Stimmungen besonders markant wiedergeben und die Spannung bis ins unermessliche steigern. Daher ist ihr Roman „Das Geheimnis der hohen Eich“ eine klare Buchempfehlung, die sich nicht nur für Menschen aus der Region eignet, sondern alle, die außergewöhnliche Liebesgeschichten, Krimis und Kriegsromane lieben.

Das Buch kann überall bestellt werden und kostet 16 Euro. ISBN: 978-3-95505-547-9.

Gerne – ich habe den Text nur geglättet, Wiederholungen reduziert und die Reihenfolge etwas logischer gemacht, ohne Inhalte hinzuzufügen.

Rahsan Dogan als Autorin aus und für Karlsruhe

Ein brandneues Buch von Preisträgerin Rahsan Dogan: Der Fall Augustenberg. Viel verrät sich nicht über die Handlung, nur grob, dass es um eine Suche nach Kunst und Epochen geht. Während der Literaturtage wird Dogan daraus öffentlich lesen.

So beginnen bei ihr die Ideen:  „Ich sehe Orte und denke mir: Da könnte etwas passiert sein.“ Sie lässt sich von ihrer Stadt und dessen Historie inspirieren. Geboren ist sie in Karlsruhe und war schon immer neugierig auf ihre Umgebung. Je nach Stadtteil habe sich die Stadt sehr unterschiedlich entwickelt, was ein besonderes Spannungsfeld schafft. „Meine Geschichten müssen hier spielen. So authentisch wie möglich, damit sich der Leser besonders unwohl fühlt, wenn er die Tatorte in meinen Romanen auch noch gut kennt. Für die Menschen wirkt das realistischer.“

Geschichten, die man schreibt – egal in welchem Genre –, brauchen einen nachvollziehbaren Lokalbezug, findet Dogan. Ganz fiktive Orte liest sie selbst nicht so gerne. „Dafür bin ich zu realistisch. Eine erfundene Insel ist mir daher viel zu abstrakt.“

Und was das Schreiben über den zweiten Weltkrieg angeht: „Ich frage mich immer: Worüber reden die Menschen noch heute? Aus welcher Vergangenheit?“ Dabei habe sie festgestellt: „Der Krieg beschäftigt viele bis heute.“


Weitere Infos gibt es hier.

Eckdaten zur Autorin findet ihr hier.

Kategorien
Kultur

Ballett-Gala Baden-Baden: Die Sprache der Seele

Die schwere Struktur des roten Samtvorhangs wird von den Scheinwerfern erleuchtet. Acht kleine Spalten zwischen seinem Ende und dem Boden der Bühne gewähren einen Einblick in das Blaue, noch Undefinierbare, das sich dahinter verbirgt. Wenn ich mich im Saal des Theaters in Baden-Baden umsehe, zähle ich viele Fächer und hin und her wedelnde Programmblätter und spüre die heiße Sommerluft. Jeden Moment geht es los.

Vorhang auf im Theater Baden-Baden

Dann fällt der Vorhang. Nach und nach füllt sich die Bühne mit sechs, dann zwölf, dann 18 Grazien, die das Publikum mit ihrem synchronen Tanz in den Bann ziehen. Das Bühnenbild bleibt fast vollständig leer. Nichts lenkt ab. Die Leere scheint mir gewollt. Sie gibt den Tänzerinnen und Tänzern den Raum, jede Bewegung, jede Geste und jede Emotion in den Mittelpunkt zu stellen.

Mit den ersten Takten beginnt eine Reise ohne Worte. Zartheit, Freude, Liebe, Schmerz, Sehnsucht. Sie liegen sowohl in den Choreografien, als auch in den Gesichtern der Tänzerinnen. Selbst die kleinsten Ballerinas erzählen mit ihrer Mimik Geschichten. Sie wirken konzentriert, stolz, einfach entzückend. Es ist, als würden sie das Publikum an die Hand nehmen und in ihre Welt führen. Vor allem der putzige Dalmatiner wird kaum einem Zuschauer aus dem Sinn gehen.

Emotionale Momente während der Ballett-Gala in Baden-Baden

Als die beiden Mädchen, die ich wenige Tage zuvor im Interview kennengelernt hatte, die Bühne betreten, trifft mich die Aufführung mit voller Wucht. Ich wartete bereits auf Mashas und Victorias Auftritte. Nach meinem Gespräch mit Masha Pavlova war ich so überwältigt davon, wie reflektiert und weltoffen sie mit ihren 14 Jahren auf mich wirkte. Wie elegant sie sich artikulieren konnte. Als ich sie während der Ballett-Gala auf der Bühne sehe, erscheint sie mir in einem ganz neuen Charakter: So schwebend und mit dieser glänzenden Hoffnung in den Augen, während sie, wie sie selbst sagte, eins mit der Musik wird.

Und dann das erste Highlight: Die beiden Mädchen tanzen zusammen auf der Theaterbühne.

Masha Pavlova und Victoria Thomas auf der Theaterbühne bei der Ballett-Gala in Baden-Baden.

Immer wieder entstehen Momente, in denen der Saal den Atem anzuhalten scheint. Einer davon ist die „Sehnsucht nach Vergangenheit“. Es geht dabei um eine erwachsene Ballerina, die ihrer Jugend gedenkt. Die Blicke zwischen den beiden Tänzerinnen wirkten so intensiv, dass sie fast greifbar werden. Die Choreographie ist ruhig, mit Bedacht. Kein Wort fällt. Es braucht keines. Jede Bewegung erzählt, wo Sprache gar nicht greifen kann.

Gänsehaut-Momente mit Victoria Thomas als der „sterbende Schwan“

Der „sterbende Schwan“ hinterlässt besonders tiefe Spuren. Ein einzelner Lichtkegel zeichnet Victoria auf der dunklen Bühne. Jeder Flügelschlag ihrer Arme wirkt zerbrechlich, jeder Schritt wie ein letzter Versuch, sich gegen das Unvermeidliche aufzubäumen. Sie ist im Moment; und das Publikum hält den Atem an. 

Neben mir beginnt eine Frau zu weinen. Erst laufen mir die Tränen über das Gesicht, wenig später ihr. Irgendwann sitzen wir einfach gemeinsam in diesem Moment. Zwei Fremde, verbunden durch das, was auf der Bühne geschieht. Als die Musik verklingt, folgt der wahrscheinlich lauteste Applaus des Abends. Wie hat Victoria all das in weniger als drei Jahren gelernt? Das muss mir mal jemand genauer erklären.

Ich habe schon lange nicht mehr geweint. Weder bei klassischen Konzerten, noch in Ausstellungen und schon gar nicht im Theater. Sorry, Theater. Manchmal werde ich emotional, wenn ich vor einem Gemälde stehe, das ich seit meiner Kindheit kenne und es erstmals in Natura sehe. Das kann passieren. Aber Ballett? Das ergriff mich in einem unerwarteten Ausmaß.

Ballett-Gala: Ein Ensemble aus Lebensfreude und Tragödie

Immer wieder wechseln die Stimmungen. Das Programm ist dramaturgisch sehr gekonnt aufgebaut. So können etwa besonders empfindliche Menschen, sich von der Tragik erholen, während kleine Blümchen in bunten Tutus mit ihren fröhlichen Bewegungen wieder für ein kleines Schmunzelchen sorgen.

Kurz darauf sitzen geheimnisvolle Nymphen in einem dunklen Kreis. Eine nach der anderen tritt in die Mitte, tanzt, verschwindet wieder in der Gemeinschaft. Dann wieder füllt Lebensfreude die Bühne, Leichtigkeit löst Schmerz ab.

Wieder beeindruckt mich Victoria. Diesmal mit ihrem Stimmungskontrast. Einmal scheint jede Bewegung von Leid geprägt, im Stück „Giselle Variation“ strahlt sie jedoch wieder eine Leichtigkeit und Glückseligkeit aus, die den gesamten Raum verändert. Die Musik trägt all das.

Mehrere Stücke werden live von der Sopranistin Rebecca Mahfoudhi und der Pianistin Anna Stanimak begleitet. Auch zwischen ihnen und den Tänzerinnen entstehen wortlose Dialoge. Ein kurzer Blick, ein gemeinsamer Atemzug, ein Einsatz im genau richtigen Moment. Musik und Tanz verschmelzen zu einer einzigen Erzählung.

Die Menschen sind begeistert

Im Publikum sitzen viele Kinder. Manche warten voller Aufregung auf den Auftritt ihrer Schwester, Cousine oder Freundin. Andere verfolgen jede Bewegung auf der Bühne mit großen Augen. Während der Schlussapplaus immer lauter wird, springen die ersten Besucher auf. Standing Ovations.

Der Applaus will kaum enden. Menschen jubeln, rufen, klatschen minutenlang. Einen derart langen und lauten Schlussapplaus habe ich im Theater Baden-Baden bislang noch nicht erlebt. Ich war aber auch nicht bei jeder Aufführung. Es dauert, bis sich der Saal sich langsam leert. Viele verlassen ihre Plätze nur zögerlich. Manche lächeln. Andere wirken nachdenklich. Einige trocknen sich unauffällig die Augen. Die Hingabe, mit der alle Beteiligten diese Kunst auf die Bühne brachten, zeigt ihre Wirkung. 

Stefan Hammel, Sie sind ein Genie!

Wer Stefan Hammel schon ein Mal erlebt hat, spürt schnell, wie viel seiner Seele in dieser Arbeit steckt. Seine Leidenschaft endet nicht bei ihm. Sie lebt weiter in den Kindern, Jugendlichen und Tänzerinnen. Seine Impulse werden größer, weil sie von so vielen Menschen weitergetragen werden und diese Kunst am Leben halten.

Vielleicht war es auch dieses Gefühl, das mich so tief berührt hat: dass an diesem Abend etwas sichtbar wurde, das in Baden-Baden längst nicht mehr selbstverständlich ist eine große Balletttradition, getragen von Menschen, die sie mit Leidenschaft und Hingabe lebendig halten.

Der Vorhang schließt, die Gala neigt sich dem Ende

Als sich der Vorhang endgültig schließt, bleibt davon mehr zurück als die Erinnerung an einen gelungenen Galaabend. Es bleibt das Gefühl, dass manche Geschichten keine Worte brauchen.

Für mich ist es erstaunlich, was Stefan Hammel aus den Mädchen (es sind überwiegend Mädchen, aber nicht ausschließlich) rausholt. Im Tanz zeigen sie sich frei, diszipliniert, majestätisch. Die Choreographien, das Kostüm und das Selbstbewusstsein der Frauen und Mädchen waren für mich ein Hinweis darauf, dass Hammel Frauen als die göttlichsten aller Geschöpfe sieht. Ich fand es richtig schön, wie stolz er bei unserem Interview erzählt hatte, dass bei ihm alle Bodytypes mittanzen. Diese Vielfalt an Körperformen, Charakteren, Temperamenten, Nationalitäten durch den Ballett vereint zu sehen, war ergreifend.

Besonders nach dieser Gala sehe ich ihn als „Человек с большой буквы“. Ich meine, durch den Tanz erkannt zu haben, wie er in den jungen Menschen, die in seine Ballettschule kommen, Anmut, Eleganz und Ausdruck ausbaut. Wie er Kinder zu Künstlern macht. Wie er den Theatersaal füllt, Standing Ovations und Zurufe der Begeisterung auslöst. Er lebt für die Kunst. Egal, wie sehr das manchmal wehtun kann (ich projiziere da an dieser Stelle einfach mal meine eigene Erfahrung und die vieler anderer, die für die Kunst leben, hinein.) Ich warte sehnsüchtig auf das nächste Konzert und bin schon ganz gespannt darauf, ob wir auch den Maestro mal persönlich auf der Bühne sehen.

In ewigem Applaus,

Madlen.

Kategorien
Kultur

Feine Gesellschaft & Kultur: Events am Wochenende

Jedes Wochenende frage ich mich aufs Neue: Was geht in Baden-Baden und Karlsruhe? Daher kommt hier für euch (und auch ein bisschen für mich) dieses neue Format, in dem ich euch die besten Veranstaltungen heraussuche, auf denen ihr euch intellektuell bereichern lassen, interessante Menschen kennenlernen und euch einfach mal inspirieren lassen könnt. Vielleicht sehen wir uns ja auf einer dieser Veranstaltungen am Wochenende vom 26. bis 28. Juni:

Freitag, den 26. Juni 2026

Ein echter Geheimtipp: Die Neue Fledermaus in Karlsruhe. Eine Lesung aus dem Kriminalroman „Das Geheimnis der hohen Eich“ von Rahsan Dogan. Musikalische Begleitung von Dunja Hofheinz. Start um 19 Uhr. Adresse: Am Künstlerhaus 20, 76131 Karlsruhe.

Die Neue Fledermaus Karlsruhe, Veranstaltung. Lesung, Kulturveranstaltung am Wochenende

Veranstaltungen am Samstag, den 27. Juni 2026

Theater Baden-Baden: Die Ballettschule unter der Leitung von Stefan Hammel lädt zu einer festlichen Gala ein: Tänzerinnen und Tänzer aller Altersstufen zeigen ihre Eleganz und Leidenschaft auf der Theaterbühne. 17 bis 19.20 Uhr. Tickets: 39€, ermäßigt 19,50€. Adresse: Goetheplatz 1, 76530 Baden-Baden

und

Galerie Supper in Baden-Baden: Vernissage mit Joerg Eyfferth: „Auf der Suche nach der Wirklichkeit“. 30 Jahre Malerei. 18 bis 20.30 Uhr. Adresse: Kreuzstraße 3, 76530 Baden-Baden.

Joerg Eyfferth in der Galerie Supper. Copyright liegt bei der Galerie Supper Baden-Baden.

oder

Festspielhaus Baden-Baden: Kammermusik mit „Yannick & Friends“. Der prominente der Met-Chefdirigent und Kurator der Sommerfestspiele Yannick Nézet-Séguin präsentiert an diesem Abend Kammermusik in wechselnden Besetzungen. Start um 18 Uhr. Tickets ab 45€. Adresse: Beim Alten Bahnhof 2 76530 Baden-Baden.

Mahler - Symphonie Nr. 1 | Yannick Nézet-Séguin | BRSO
Da die Pressemappe des Festspielhauses zum Heulen unübersichtlich ist und ich kein aktuelles Bild von Yannick Nézet-Séguin bekomme, hier ein Konzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks von vor etwa 7 Jahren. Zwar kein Kammerkonzert, aber sehr schöne Ausführung. Nézet-Séguin am Dirigentenpult.

Event am Sonntag, den 28. Juni 2026

Theater Baden-Baden: Erneut das Gala-Balett der Baden-Badener Ballettschule. 17 bis 19.20 Uhr. Tickets: 39€, ermäßigt 19,50€. Adresse: Goetheplatz 1 · 76530 Baden-Baden.

Durchgehend am Wochenende (vom 26. – 28. Juni)

Außerdem bietet es sich über das gesamte Wochenende an, in Baden-Baden folgende Ausstellungen zu besuchen:

Frieder Burda: Wettstreit mit der Wirklichkeit, 60 Jahre Fotorealismus. Absolut sehenswert. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Tickets kosten 16€ p.P., ermäßigt: 12€. Hier geht’s zu allen weiteren Ticketpreisen / Kombitickets. Adresse: Lichtentaler Allee 8B, 76530 Baden-Baden.

Fotorealismus im Museum Frieder Burda, Baden-Baden
Alexandra Averbach, Aurora, 2025, Öl auf Leinwand, 122 x 97 cm, Plus One Gallery, London © Alexandra Averbach, courtesy Plus One Gallery, London, 2026, Foto: Plus One Gallery, London

Staatliche Kunsthalle Baden-Baden: Bloom Up! Die Sprache der Blumen. Eintrittspreis regulär 10€, ermäßigt 7€. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 Uhr bis 18 Uhr. Alle weiteren Infos unter kunsthalle-baden-baden.de. Adresse: Lichtentaler Allee 8A, 76530 Baden-Baden.


Titelbild von Tanya Prodaan auf Unsplash

Kategorien
Kultur

Save the Date: Theaterstück „Das Gewohnheitstier“

Heute hab ich euch wieder eine Kulturveranstaltung der besonderen Art herausgesucht: „Das Gewohnheitstier“ ein Theaterstück von Jacob Glötzl. Es wird nur zwei Aufführungen geben: am Freitag, 19. Juni und Sonntag, 21. Juni 2026. Ort: P8², Schauenburgstraße 5, 76135 Karlsruhe.

Theaterstück "Das Gewohnheitstier" in Karlsruhe. Alle Infos hier
„Das Gewohnheitstier“ wird in Karlsruhe aufgeführt. Quelle: Jacob Glötzl

Theaterstück „Das Gewohnheitstier“: Handlung

„Meine Gewohnheit flüstert mir ins Ort, wie ein Parasit nistet sie sich ein, wandert in mein Hirn, manipuliert mich und beeinflusst mein Verhalten. Sie wächst, bis ich mich wie eine Marionette fühle und keine Kontrolle mehr habe.“ So lautet der kleine Vorgeschmack auf das, was uns erwartet.

Das Stück beginnt mit dem Einzug der neuen Mitbewohnerin Sam. Ihr Auftreten verändert die bestehenden Strukturen der WG und bringt die eingespielten Routinen aus dem Gleichgewicht. Die Bewohner reagieren darauf mit Verunsicherung und ziehen sich zunehmend in ihre individuellen Verhaltensmuster zurück. Der Umgang miteinander verschiebt sich. Angst vor Veränderung prägt den Alltag. Im Verlauf steigert sich diese Dynamik. Wird es zu einer Eskalation kommen? Finden wir es raus.

Impressionen von den Proben. Quelle: Jacob Glötzl

Hintergründe zum Kulturprojekt

Ein Theaterprojekt, initiiert, inszeniert und organisiert von Jacob Glötzl (19 Jahre) gemeinsam entwickelt mit jungen Erwachsenen zum Thema „Gewohnheiten und Muster“.

Weitere Infos unter: www.werkraum-karlsruhe.org

  • Eintritt: 12.-/8.-
  • Abendkasse: 14.-/10.-
  • Kartenvorverkauf findet im Werkraum Karlsruhe statt

Titelbild: Jacob Glötzl

Kategorien
Kultur

Nicht verpassen: Kulturabend in Karlsruhe

Orte, Menschen, Zeitreisen: In diesem Format begeben sich am Freitag, 12. Juni, fünf Literatinnen, zwei Schauspielerinnen und zwei Musikerinnen auf eine künstlerische Spurensuche durch die Literaturgeschichte der Region Karlsruhe und Baden-Württemberg. Im Mittelpunkt stehen prägende historische Persönlichkeiten wie Anna Ettlinger, Bertha Pappenheim und Clara Schumann, die in einen Dialog mit heutigen Stimmen der regionalen Literaturszene sowie mit Zukunftsentwürfen treten.

Die szenische Lesung verbindet Literatur, Musik, Theater, Performance und Videokunst zu einem vielschichtigen Abend. Dabei werden die künstlerischen und historischen Verflechtungen sichtbar gemacht, in denen sich Mut, Solidarität und Transformation als wiederkehrende Kräfte zeigen. Ergänzend werden aktuelle Ideen und Initiativen vorgestellt, die als mögliche Ausgangspunkte für literarisches Arbeiten der Zukunft verstanden werden können.

Mit freundlicher Unterstützung der Stadt Karlsruhe und der Baden-Württemberg Stiftung.

Diese Veranstaltung will ich euch gerne ans Herz legen, sie wird von einer meiner Lieblingskommilitoninnen veranstaltet. Und ich sag euch eins: die Gedanken dieser Frau sind Gold wert. Wenn sie etwas sagt, dann geht das unter die Haut. Ich bin sehr neugierig auf den Abend, weiß aber derzeit noch nicht, ob ich anwesend sein kann.

Mit Mut und Zuversicht – literarische Visionen für morgen

Mitwirkende: Martina Bilke, Ondine Dietz, Silke Karl, Martine Lombard, Hedi Schulitz, Sabine Stern, Ursula Zetzmann sowie im Film Elisabeth Stephan-Geißler (Sopran) und Anna Wegmer (Klavier).

Eine Veranstaltung des Literatursommers 2026 der Baden-Württemberg Stiftung (literatursommer.de) und der GEDOK Karlsruhe in Kooperation mit dem Roten Haus.

Eintritt frei, Spenden willkommen.


Quelle: karlsruhe-erleben.com

Weitere Infos: gedok-karlsruhe.de

Titelbild: Foto von nadi borodina auf Unsplash

Kategorien
Kultur

Exklusiv: Interview mit Cellist Vasily Bystroff

Beschreitet er die Bühne, spüren auch die letzten Reihen seine Präsenz. Er ist humorvoll, freundlich, energiegeladen – und vermutlich der geborene Entertainer; oder aber er machte sich selbst zu einem. Vasily Bystroff ist der vielseitigste Cellist unserer Region. Und wie einige andere Musiker, bei denen ich die Ehre hatte, hinter die Fassade blicken zu dürfen, hat er eines: ganz viel Leben ins sich. Gestern kamen wir ins Gespräch.

Vasily kam 2006 aus St. Petersburg, Russland, zunächst nach Berlin, später führte ihn sein Weg zu uns nach Karlsruhe. Musik prägte seine Familie seit Generationen: Der Urgroßvater war Dirigent, mütterlicherseits spielten nahezu alle Klavier. Der Vater sang, die Mutter und die Großeltern musizierten ebenfalls. Eigentlich schien immer irgendwie klar, dass auch Vasily Musiker werden würde. Nur das Instrument war offen. Während seine Schwester eher unter familiärem Erwartungsdruck stand, entwickelte sich bei ihm der Wunsch aus eigenem Antrieb. Er wollte besser werden. Erst verliebte er sich ins Klavier, dann durfte er sich schließlich ein Instrument aussuchen. Dass es das Cello wurde, daran hatte seine Mutter wohl nicht ganz unbeteiligt Anteil.

Vocalise by S.Rachmaninoff dedicated to my first teacher Tolbukhina N. (Cello & Piano)

Heute bewegt sich Vasily Bystroff zwischen klassischer Musik, Popproduktionen, kleinen Konzerten und großen Bühnen. SAVE THE DATE: Sein nächstes Konzert spielt er am 29. August auf Burg Stettenfels bei Heilbronn gemeinsam mit seiner atemberaubenden Freundin Sia (ebenfalls Cello). Im Gespräch mit mir (Madlen von avecMadlen) spricht er über russische Musiktraditionen, Chaos, Energie auf der Bühne und darüber, warum Kunst Menschen verbinden sollte.

avecMadlen: War Musik in deiner Kindheit Alltag oder etwas Heiliges?

Vasily Bystroff: Totaler Alltag. Mein Opa war wahnsinnig talentiert. Viel talentierter als ich. Er wurde sehr streng erzogen. Dementsprechend war er genial, in dem was er tat. In gewissen Kreisen genoss er später besondere Anerkennung. So kamen etwa einige seiner Schüler groß raus.

avecMadlen: Ist das Cello wirklich das „menschlichste“ Instrument?

Vasily Bystroff: Wer hat das gesagt? Fragt er, ich hab natürlich gar keinen Plan. Ja. Von der Tonalität ist es einem Menschen sehr ähnlich. Im Russischen ist das Cello kein Neutrum, sondern ein Femininum. Er deutet die Form des Instruments an, das an weibliche Kurven erinnert.

avecMadlen: Was unterscheidet russische und deutsche Musiktradition?

Vasily Bystroff: Russisch: konservativ und diszipliniert. Wenn du aus der Reihe tanzt, wirst du belächelt. Die einzige Chance auf Anerkennung ist es, andere zu übertrumpfen. Wenn du einfach besser bist, als andere. Wenn du die Seele der Musik mit technischen Stärken beherrschst. In Deutschland gibt es weniger Druck. Auch in Russland ist es aber mittlerweile entspannter geworden. Ich habe einige Merkmale sowohl von dem als auch von dem System aufgenommen.

avecMadlen: Wie viel russische Melancholie steckt in deiner Musik?

Vasily Bystroff: In meiner Musik nicht immer, aber in mir sehr viel.

avecMadlen: Klassische oder andere Genres? Ich stellte diese Frage, weil Vassily ein Repertoire an Klassischer Musik, Pop, Rock, Electro und Co. hat.

Vasily Bystroff: Beides.

avecMadlen: Warum?

Vasily Bystroff: Ich kam mit 15 nach Deutschland. Allein. Damals hatte mein Leben nichts mit Popmusik zu tun. Ich wollte ein großer Cellist werden. Etwa so, wie mein Vorbild Mstislaw Rostropovitsch. Meine Eltern beschlossen, mich nach Deutschland zu schicken. Sie sahen dort bessere Chancen, sicherer war es auch. Die deutschen Behörden waren allerdings nicht sehr begeistert von einem minderjährigen Jungmusiker, der allein nach Deutschland kommen sollte. Es dauerte also ein paar Jahre, bis ich tatsächlich hier war. Er denkt kurz nach. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich so viele Schwierigkeiten auf meinem Lebensweg hatte.

Als ich das Studium in Karlsruhe an der Musikhochschule anfing, suchte ich nach allen Möglichkeiten, Geld zu verlieren. Plötzlich bekam ich das Angebot, Popmusik in einem Studio aufzunehmen für eine holländische Sängerin. Ich nahm den Gig an. Später kam ein Geiger auf mich zu. Zwei Musiker wollten Simon and Garfunkel mit Streichquartett spielen. Der erste Termin kam nicht zustande, aber ich blieb dran. Vasily spielt bis zum heutigen Tag in der Simon & Garfunkel Tribute Show „Graceland“.

Simon & Garfunkel Tribute meets Classic - Duo Graceland

avecMadlen: Gibt es Stücke, die dich emotional an Grenzen bringen?

Vasily Bystroff: Ich versuche mich manchmal absichtlich an emotionale Grenzen zu bringen, um das Gefühl ans Publikum zu tragen. Aber da muss ich echt aufpassen, damit ich danach nicht so fertig bin. Alles, was um mich herum passiert, nehme ich als Klangraum wahr. Vielleicht.

avecMadlen: Wie viel Chaos braucht große Musik?

Vasily Bystroff: Es hängt sehr davon ab, wer die Musik macht. Menschen sind unterschiedlich. Einige Artisten sind extrem chaotisch, aber extrem genial. Einige versuchen das Chaos mit Struktur zu bekämpfen und werden dadurch groß. Ich brauche sehr viel Chaos, aber für den Erfolg brauche ich jemanden an meiner Seite, der mich strukturiert.

avecMadlen: Was reizt dich an kleinen Konzerten?

Vasily Bystroff: Es gibt nichts Schöneres. Jeder Mensch ist ein eigenes Universum. Wenn ich auf der großen Bühne stehe, bekomme ich die geballte Energie. Bum. Eine 30-Meter-Welle, die schier überrollt. Danach bist du echt platt, weil du dieser Energie entgegengewirkt hast, um nicht in ihr zu versinken. Das ist besser als jede Droge, so eine große Bühne.

Wenn du so ein kleines Konzert hast, oder auf der Straße spielst, ist es leichter, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Auch mit solchen, die kaum Berührungspunkte mit Musik haben. Diese Kontakte bereichern meine Seele. Bei einem kleinen Konzert ist mein Anspruch, dass die Leute die Energie bekommen, die ich auch auf der großen Bühne gebe. Aus zwei Metern Distanz spürst du sie nämlich genau. Das ist schon einzigartig.

avecMadlen: Was war dein schwierigster Auftritt?

Vasily Bystroff: Es gibt immer Sachen, die du zum ersten Mal machst. Solche Momente sind nicht selten. Zum ersten Mal das Konzert auf Deutsch moderieren, zum ersten Mal neben einem Schlagzeug spielen und mit der Lautstärke klarkommen, zum ersten Mal mit einem Mikrofon spielen. Das Cello klingt nämlich ganz anders mit Mikro. Technische Momente, die unverhofft kommen, sind Teil unseres Jobs. Improvisieren muss man deshalb können. Hier geht es darum, Verantwortung für die Situation zu übernehmen und einen Übergang zu schaffen, der beim Zuhörer so ankommt, als wäre er teil des Programms.

Ich versuche mich immer an Schwierigkeiten mit einer positiven Note zu erinnern. Mein erster DJ-Gig zum Beispiel. Ja, Vasily ist auch DJ. Da ging technisch einiges schief. Plus die Aufregung… Er schüttelt den Kopf. Immerhin hat er an jenem Abend einiges gelernt.

avecMadlen: Wird man als Musiker mit den Jahren freier oder strenger?

Vasily Bystroff: Ich würde sagen freier. Durch die Hochschulausbildung wirst du in einen strengen Rahmen gesteckt. Dann gehst du auf die Straße und improvisierst. Du fragst dich: Was passiert, wenn ich Bach mit Vibrato spiele? Oh, den Leuten gefällt’s ja.

avecMadlen: Fühlst du dich eher russisch oder europäisch?

Vasily Bystroff: Beides. Europäisch und russisch liegen viel näher beieinander, als man glaubt. Viele Stereotypen hindern uns aber daran, dies zu erkennen.

avecMadlen: Hat sich das Klima für russische Künstler verändert?

Vasily Bystroff: Kunst und Sport sind die einzigen Dinge, die die Menschen vereinen müssen. Dass man die Leute da ausgrenzt, finde ich von beiden Seiten falsch. Eine Leidenschaft, und das ist das, was ich in Kunst und Sport erkenne, ist eine Sprache, über die man kommuniziert und sich näher kommt.

avecMadlen: Welche Komponisten stehen dir am nächsten?

Vasily Bystroff: Dvořák, Rachmaninoff und Skryptonite

avecMadlen: Gibt es Musik, die du privat nie hören würdest?

Vasily Bystroff: Nein. Er grinst. Es gebe für jede Lebenssituation den passenden Soundtrack.

avecMadlen: Boheme oder harte Arbeit?

Vasily Bystroff: Ich brauche beides. Am liebsten 14 Tage pausenlos arbeiten und dann fünf Tage nichts tun.

avecMadlen: Was macht einen großen Musiker aus?

Vasily Bystroff: Disziplin, Ehrlichkeit – vor allem zu sich selbst –, Glück und heutzutage auch die richtige Selbstwahrnehmung.

avecMadlen: Würdest du denselben Weg nochmal gehen?

Vasily Bystroff: Joa. Wenn ich den Weg mit dem Wissen, das ich heute habe, gegangen wäre, wäre das wahrscheinlich effektiv, aber langweilig.

avecMadlen: Bewunderung oder Gefühl — was soll bei deinen Zuhörern bleiben?

Vasily Bystroff: Gefühl. Aber jeder soll für sich selbst entscheiden, was er braucht.

Kennengelernt habe ich Vassily bei der Show Deep Rouge im Casino. Er spielte dort mit Sia im Duett. Sia durfte ich sogar schon früher einmal hören, bei einem Weihnachtskonzert, das ein großer Medienkonzern, für den ich tätig war, intern organisiert hatte.

Haltet gerne Ausschau nach den beiden. Sie sind außergewöhnlich und machen ganz viele spannende Sachen. Alle Insta-Profile habe ich euch oben verlinkt.

UND: ich suche eine Begleitung für deren gemeinsames Konzert am 29. Mai. DM me on Insta.

Kategorien
Kultur

Wassily Kandinsky: Nur Bilder

Porträt von Wassiky Kandinsky. Der Künstler sitzt am Tisch und schaut in die Kamera
Wassily Kandinsky in seinem Atelier, 1912. Geboren: 16. Dezember 1866 (nach gregorianischem Kalender), gestorben am 13. Dezember, 1944. Copyright: IMAGO / Bridgeman Images

Improvisationen

Improvisation 13 (1910), ZKM Kunsthalle Karlsruhe
Improvisation Klamm (1914), Lenbachhaus München

Unbenannte Improvisation I (1914), Lenbachhaus München

Kompositionen

Komposition (1922), Lenbachhaus München
Komposition 8 (1923),  Guggenheim Museum New York
Entwurf zu Komposition VII (1913), Lenbachhaus München
Kategorien
Blog Kultur

Erich Maria Remarque: Dieses Buch verändert dich

Allen, die ich liebe, empfehle ich immer ein und dasselbe Buch: „Der schwarze Obelisk“ von Erich Maria Remarque. Dieser Ausnahmeautor gehört zu meinen absoluten Lieblingen im deutschsprachigen Raum. Schwierige Sachverhalte erklärt er einfach und mit Leichtigkeit. Seine Gabe, fesselnd, emotional und poetisch zu schreiben sowie den Zeitgeist seiner Lebensjahre wiederzugeben entführt mich jedes Mal aufs Neue in eine unbekannte Welt, die ich, trotz Themen wie Tod, Nationalsozialismus und Krieg, nicht verlassen will. Ich kann seine Bücher während eines Tages runterbingen und dabei die Welt um mich herum vergessen. Es ist erstaunlich, dass er beim deutschen Publikum derart unterschätzt wird.

Ein schwarzer Obelisk zur Veranschaulichung (Symbolbild). Hierbei handelt es sich um die Grabstätte des virtuosen Komponisten und Pianisten Frédéric Chopin. Copyright: IMAGO / Depositphotos

„Der Schwarze Obelisk“

Remarque veröffentlichte seinen Zwischenkriegs-Roman „Der schwarze Obelisk“ im Jahr 1956. Darin schildert er das Leben der Überlebenden des Ersten Weltkriegs und deren Schwierigkeiten, nach ihren Kriegserfahrungen ein „normales“ Leben aufzubauen. Die Handlung spielt vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise und der galoppierenden Inflation in Deutschland.

Der Roman ist eine thematische Fortsetzung von Remarques Werken „Im Westen nichts Neues“ und „Der Weg zurück“. Die Vorarbeiten zu „Der schwarze Obelisk“ leistete der Autor bereits in den 1920er- und 1930er-Jahren, parallel zu seiner Arbeit an „Drei Kameraden“. Wer diese Bücher direkt nacheinander liest, bemerkt den einen oder anderen Charakter aus einer neuen Perspektive – Gänsehaut, Leute.

Darum geht es in Remarques Roman

Die Geschichte wird aus der Perspektive des Ich-Erzählers Ludwig Bodmer erzählt und spielt im Jahr 1923 in der fiktiven Stadt Werdenbrück. Ludwig arbeitet als Grabsteinverkäufer und spielt gelegentlich Orgel im örtlichen Irrenhaus. Dort trifft er oft auf Geneviève Terhoven, die unter einer Persönlichkeitsstörung leidet. Ludwig empfindet eine mehr oder minder platonische Liebe für sie und philosophiert mit ihr.

Den Beruf des Grabsteinverkäufers führt Ludwig mit einer gehörigen Portion Sarkasmus aus – eine Haltung, die er sich während des Krieges angeeignet hat. Seinen Humor verpackt Erich Maria Remarque in seine Figuren teils trocken, teils schwarz, aber immer hochintellektuell und pointiert.

Der Erste Weltkrieg hat tiefe Spuren bei den Charakteren hinterlassen. Sie sprechen häufig über ihre Erlebnisse, die wir als Leser auch gut historisch verordnen können. Gemeinsam mit seinem Chef Georg Kroll führt Ludwig das Geschäft, das durch die Inflation immer schwieriger wird, obwohl uns während des gesamten Romans immer vor Augen geführt wird, dass Menschen fortwährend sterben müssen. Doch die aufeinanderfolgenden Krisen beeinflussen sogar dieses lukrative Geschäft, um nun bei der zynischen Ausdrucksweise der Protagonisten zu bleiben.

Erich Maria Remarques Umgang mit Frauen

Remarque reflektiert in seinem Werk auch die Überlebensstrategien der Menschen in dieser Zeit. Frauen suchen sich reiche Männer zum Heiraten, was zu Verwirrung und Eifersucht bei Ludwig führt, als er seine große Liebe an einen wohlhabenden Mann verliert. Wie in jedem seiner Romane zeigt er auch hier seine wunderbare Gabe, Frauen als mystische, intellektuelle und vielschichtige Wesen darzustellen. Ich spürte in jedem Wort, das er dazu nutzt, um Frauen zu beschreiben, wie sehr er sie liebt, respektiert und bewundert. Es ist zutiefst berührend.

Ein bedeutender Aspekt des Romans ist der aufkommende Nationalsozialismus, dargestellt durch einen Kriegerverein, der sich zunehmend nach rechts ausrichtet.

Gegen Ende des Buches tritt Ludwig eine Stelle bei einer Zeitung an und wird in Roggenmark bezahlt – einer Währung, die aufgrund der Hyperinflation diskutiert wurde.

Das letzte Kapitel bietet einen Einblick ins Jahr 1955 auf das weitere Schicksal der Figuren. Was mit den meisten Freunden Ludwigs während des zweiten Weltkrieges passiert ist, werdet ihr selbst herausfinden müssen.

Symbolik: Schwarzer Obelisk

Das zentrale Symbol des Romans ist ein schwarzer Obelisk aus Mikrogabbro, bekannt unter dem Kürzel „SS“. Dieser Grabstein wird einerseits als Warnung vor drohender Aufrüstung interpretiert, andererseits als Symbol bürgerlichen Herrschaftsanspruchs gesehen. Der Verkauf des Steins an eine Bordellbesitzerin verdeutlicht den Verfall bürgerlicher Werte. Das aber habe ich erst jetzt während meiner Recherche herausgefunden. Mind=blown.

Hier findest du ein Mini-Detail zum Mikrogabbro

Fälschlicherweise wurde dieser Naturstein wegen seiner Härte als Granit bezeichnet und in Deutschland als Schwarz-Schwedisch bekannt und mit „SS“ abgekürzt.

Der Protagonist Ludwig Bodmer weist viele autobiografische Züge von Remarque selbst auf. Beide waren nach dem Ersten Weltkrieg kurzzeitig Volksschullehrer, verkauften Grabsteine und spielten Orgel im Irrenhaus. Werdenbrück entspricht weitgehend Remarques Heimatstadt Osnabrück.

Erich Maria Remarques Schlüsselroman

„Der schwarze Obelisk“ wird oft als Schlüsselroman gelesen. Viele Figuren basieren auf realen Personen aus Osnabrück. Remarque verwendet diese historischen Anspielungen, um die Wurzeln des Nationalsozialismus im Kleinbürgertum seiner Heimatstadt offenzulegen.

Wenn ich du wäre, würde ich zunächst andere Werke Remarques lesen, falls nicht ohnehin schon passiert. Die perfekte Reihenfolge für mich war: Zeit zu leben und Zeit zu sterben – Arc de Triomphe – Im Westen nichts Neues (für alle die Bock auf Depressionen haben) – Die drei Kameraden und zu guter Letzt Der schwarze Obelisk, den ich immer und immer wieder lesen würde.


Beitragsbild Quelle: IMAGO / Bridgeman Images

Die mobile Version verlassen