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Save the Date: Theaterstück „Das Gewohnheitstier“

Heute hab ich euch wieder eine Kulturveranstaltung der besonderen Art herausgesucht: „Das Gewohnheitstier“ ein Theaterstück von Jacob Glötzl. Es wird nur zwei Aufführungen geben: am Freitag, 19. Juni und Sonntag, 21. Juni 2026. Ort: P8², Schauenburgstraße 5, 76135 Karlsruhe.

Theaterstück "Das Gewohnheitstier" in Karlsruhe. Alle Infos hier
„Das Gewohnheitstier“ wird in Karlsruhe aufgeführt. Quelle: Jacob Glötzl

Theaterstück „Das Gewohnheitstier“: Handlung

„Meine Gewohnheit flüstert mir ins Ort, wie ein Parasit nistet sie sich ein, wandert in mein Hirn, manipuliert mich und beeinflusst mein Verhalten. Sie wächst, bis ich mich wie eine Marionette fühle und keine Kontrolle mehr habe.“ So lautet der kleine Vorgeschmack auf das, was uns erwartet.

Das Stück beginnt mit dem Einzug der neuen Mitbewohnerin Sam. Ihr Auftreten verändert die bestehenden Strukturen der WG und bringt die eingespielten Routinen aus dem Gleichgewicht. Die Bewohner reagieren darauf mit Verunsicherung und ziehen sich zunehmend in ihre individuellen Verhaltensmuster zurück. Der Umgang miteinander verschiebt sich. Angst vor Veränderung prägt den Alltag. Im Verlauf steigert sich diese Dynamik. Wird es zu einer Eskalation kommen? Finden wir es raus.

Impressionen von den Proben. Quelle: Jacob Glötzl

Hintergründe zum Kulturprojekt

Ein Theaterprojekt, initiiert, inszeniert und organisiert von Jacob Glötzl (19 Jahre) gemeinsam entwickelt mit jungen Erwachsenen zum Thema „Gewohnheiten und Muster“.

Weitere Infos unter: www.werkraum-karlsruhe.org

  • Eintritt: 12.-/8.-
  • Abendkasse: 14.-/10.-
  • Kartenvorverkauf findet im Werkraum Karlsruhe statt

Titelbild: Jacob Glötzl

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Nicht verpassen: Kulturabend in Karlsruhe

Orte, Menschen, Zeitreisen: In diesem Format begeben sich am Freitag, 12. Juni, fünf Literatinnen, zwei Schauspielerinnen und zwei Musikerinnen auf eine künstlerische Spurensuche durch die Literaturgeschichte der Region Karlsruhe und Baden-Württemberg. Im Mittelpunkt stehen prägende historische Persönlichkeiten wie Anna Ettlinger, Bertha Pappenheim und Clara Schumann, die in einen Dialog mit heutigen Stimmen der regionalen Literaturszene sowie mit Zukunftsentwürfen treten.

Die szenische Lesung verbindet Literatur, Musik, Theater, Performance und Videokunst zu einem vielschichtigen Abend. Dabei werden die künstlerischen und historischen Verflechtungen sichtbar gemacht, in denen sich Mut, Solidarität und Transformation als wiederkehrende Kräfte zeigen. Ergänzend werden aktuelle Ideen und Initiativen vorgestellt, die als mögliche Ausgangspunkte für literarisches Arbeiten der Zukunft verstanden werden können.

Mit freundlicher Unterstützung der Stadt Karlsruhe und der Baden-Württemberg Stiftung.

Diese Veranstaltung will ich euch gerne ans Herz legen, sie wird von einer meiner Lieblingskommilitoninnen veranstaltet. Und ich sag euch eins: die Gedanken dieser Frau sind Gold wert. Wenn sie etwas sagt, dann geht das unter die Haut. Ich bin sehr neugierig auf den Abend, weiß aber derzeit noch nicht, ob ich anwesend sein kann.

Mit Mut und Zuversicht – literarische Visionen für morgen

Mitwirkende: Martina Bilke, Ondine Dietz, Silke Karl, Martine Lombard, Hedi Schulitz, Sabine Stern, Ursula Zetzmann sowie im Film Elisabeth Stephan-Geißler (Sopran) und Anna Wegmer (Klavier).

Eine Veranstaltung des Literatursommers 2026 der Baden-Württemberg Stiftung (literatursommer.de) und der GEDOK Karlsruhe in Kooperation mit dem Roten Haus.

Eintritt frei, Spenden willkommen.


Quelle: karlsruhe-erleben.com

Weitere Infos: gedok-karlsruhe.de

Titelbild: Foto von nadi borodina auf Unsplash

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Exklusiv: Interview mit Cellist Vasily Bystroff

Beschreitet er die Bühne, spüren auch die letzten Reihen seine Präsenz. Er ist humorvoll, freundlich, energiegeladen – und vermutlich der geborene Entertainer; oder aber er machte sich selbst zu einem. Vasily Bystroff ist der vielseitigste Cellist unserer Region. Und wie einige andere Musiker, bei denen ich die Ehre hatte, hinter die Fassade blicken zu dürfen, hat er eines: ganz viel Leben ins sich. Gestern kamen wir ins Gespräch.

Vasily kam 2006 aus St. Petersburg, Russland, zunächst nach Berlin, später führte ihn sein Weg zu uns nach Karlsruhe. Musik prägte seine Familie seit Generationen: Der Urgroßvater war Dirigent, mütterlicherseits spielten nahezu alle Klavier. Der Vater sang, die Mutter und die Großeltern musizierten ebenfalls. Eigentlich schien immer irgendwie klar, dass auch Vasily Musiker werden würde. Nur das Instrument war offen. Während seine Schwester eher unter familiärem Erwartungsdruck stand, entwickelte sich bei ihm der Wunsch aus eigenem Antrieb. Er wollte besser werden. Erst verliebte er sich ins Klavier, dann durfte er sich schließlich ein Instrument aussuchen. Dass es das Cello wurde, daran hatte seine Mutter wohl nicht ganz unbeteiligt Anteil.

Vocalise by S.Rachmaninoff dedicated to my first teacher Tolbukhina N. (Cello & Piano)

Heute bewegt sich Vasily Bystroff zwischen klassischer Musik, Popproduktionen, kleinen Konzerten und großen Bühnen. SAVE THE DATE: Sein nächstes Konzert spielt er am 29. August auf Burg Stettenfels bei Heilbronn gemeinsam mit seiner atemberaubenden Freundin Sia (ebenfalls Cello). Im Gespräch mit mir (Madlen von avecMadlen) spricht er über russische Musiktraditionen, Chaos, Energie auf der Bühne und darüber, warum Kunst Menschen verbinden sollte.

avecMadlen: War Musik in deiner Kindheit Alltag oder etwas Heiliges?

Vasily Bystroff: Totaler Alltag. Mein Opa war wahnsinnig talentiert. Viel talentierter als ich. Er wurde sehr streng erzogen. Dementsprechend war er genial, in dem was er tat. In gewissen Kreisen genoss er später besondere Anerkennung. So kamen etwa einige seiner Schüler groß raus.

avecMadlen: Ist das Cello wirklich das „menschlichste“ Instrument?

Vasily Bystroff: Wer hat das gesagt? Fragt er, ich hab natürlich gar keinen Plan. Ja. Von der Tonalität ist es einem Menschen sehr ähnlich. Im Russischen ist das Cello kein Neutrum, sondern ein Femininum. Er deutet die Form des Instruments an, das an weibliche Kurven erinnert.

avecMadlen: Was unterscheidet russische und deutsche Musiktradition?

Vasily Bystroff: Russisch: konservativ und diszipliniert. Wenn du aus der Reihe tanzt, wirst du belächelt. Die einzige Chance auf Anerkennung ist es, andere zu übertrumpfen. Wenn du einfach besser bist, als andere. Wenn du die Seele der Musik mit technischen Stärken beherrschst. In Deutschland gibt es weniger Druck. Auch in Russland ist es aber mittlerweile entspannter geworden. Ich habe einige Merkmale sowohl von dem als auch von dem System aufgenommen.

avecMadlen: Wie viel russische Melancholie steckt in deiner Musik?

Vasily Bystroff: In meiner Musik nicht immer, aber in mir sehr viel.

avecMadlen: Klassische oder andere Genres? Ich stellte diese Frage, weil Vassily ein Repertoire an Klassischer Musik, Pop, Rock, Electro und Co. hat.

Vasily Bystroff: Beides.

avecMadlen: Warum?

Vasily Bystroff: Ich kam mit 15 nach Deutschland. Allein. Damals hatte mein Leben nichts mit Popmusik zu tun. Ich wollte ein großer Cellist werden. Etwa so, wie mein Vorbild Mstislaw Rostropovitsch. Meine Eltern beschlossen, mich nach Deutschland zu schicken. Sie sahen dort bessere Chancen, sicherer war es auch. Die deutschen Behörden waren allerdings nicht sehr begeistert von einem minderjährigen Jungmusiker, der allein nach Deutschland kommen sollte. Es dauerte also ein paar Jahre, bis ich tatsächlich hier war. Er denkt kurz nach. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich so viele Schwierigkeiten auf meinem Lebensweg hatte.

Als ich das Studium in Karlsruhe an der Musikhochschule anfing, suchte ich nach allen Möglichkeiten, Geld zu verlieren. Plötzlich bekam ich das Angebot, Popmusik in einem Studio aufzunehmen für eine holländische Sängerin. Ich nahm den Gig an. Später kam ein Geiger auf mich zu. Zwei Musiker wollten Simon and Garfunkel mit Streichquartett spielen. Der erste Termin kam nicht zustande, aber ich blieb dran. Vasily spielt bis zum heutigen Tag in der Simon & Garfunkel Tribute Show „Graceland“.

Simon & Garfunkel Tribute meets Classic - Duo Graceland

avecMadlen: Gibt es Stücke, die dich emotional an Grenzen bringen?

Vasily Bystroff: Ich versuche mich manchmal absichtlich an emotionale Grenzen zu bringen, um das Gefühl ans Publikum zu tragen. Aber da muss ich echt aufpassen, damit ich danach nicht so fertig bin. Alles, was um mich herum passiert, nehme ich als Klangraum wahr. Vielleicht.

avecMadlen: Wie viel Chaos braucht große Musik?

Vasily Bystroff: Es hängt sehr davon ab, wer die Musik macht. Menschen sind unterschiedlich. Einige Artisten sind extrem chaotisch, aber extrem genial. Einige versuchen das Chaos mit Struktur zu bekämpfen und werden dadurch groß. Ich brauche sehr viel Chaos, aber für den Erfolg brauche ich jemanden an meiner Seite, der mich strukturiert.

avecMadlen: Was reizt dich an kleinen Konzerten?

Vasily Bystroff: Es gibt nichts Schöneres. Jeder Mensch ist ein eigenes Universum. Wenn ich auf der großen Bühne stehe, bekomme ich die geballte Energie. Bum. Eine 30-Meter-Welle, die schier überrollt. Danach bist du echt platt, weil du dieser Energie entgegengewirkt hast, um nicht in ihr zu versinken. Das ist besser als jede Droge, so eine große Bühne.

Wenn du so ein kleines Konzert hast, oder auf der Straße spielst, ist es leichter, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Auch mit solchen, die kaum Berührungspunkte mit Musik haben. Diese Kontakte bereichern meine Seele. Bei einem kleinen Konzert ist mein Anspruch, dass die Leute die Energie bekommen, die ich auch auf der großen Bühne gebe. Aus zwei Metern Distanz spürst du sie nämlich genau. Das ist schon einzigartig.

avecMadlen: Was war dein schwierigster Auftritt?

Vasily Bystroff: Es gibt immer Sachen, die du zum ersten Mal machst. Solche Momente sind nicht selten. Zum ersten Mal das Konzert auf Deutsch moderieren, zum ersten Mal neben einem Schlagzeug spielen und mit der Lautstärke klarkommen, zum ersten Mal mit einem Mikrofon spielen. Das Cello klingt nämlich ganz anders mit Mikro. Technische Momente, die unverhofft kommen, sind Teil unseres Jobs. Improvisieren muss man deshalb können. Hier geht es darum, Verantwortung für die Situation zu übernehmen und einen Übergang zu schaffen, der beim Zuhörer so ankommt, als wäre er teil des Programms.

Ich versuche mich immer an Schwierigkeiten mit einer positiven Note zu erinnern. Mein erster DJ-Gig zum Beispiel. Ja, Vasily ist auch DJ. Da ging technisch einiges schief. Plus die Aufregung… Er schüttelt den Kopf. Immerhin hat er an jenem Abend einiges gelernt.

avecMadlen: Wird man als Musiker mit den Jahren freier oder strenger?

Vasily Bystroff: Ich würde sagen freier. Durch die Hochschulausbildung wirst du in einen strengen Rahmen gesteckt. Dann gehst du auf die Straße und improvisierst. Du fragst dich: Was passiert, wenn ich Bach mit Vibrato spiele? Oh, den Leuten gefällt’s ja.

avecMadlen: Fühlst du dich eher russisch oder europäisch?

Vasily Bystroff: Beides. Europäisch und russisch liegen viel näher beieinander, als man glaubt. Viele Stereotypen hindern uns aber daran, dies zu erkennen.

avecMadlen: Hat sich das Klima für russische Künstler verändert?

Vasily Bystroff: Kunst und Sport sind die einzigen Dinge, die die Menschen vereinen müssen. Dass man die Leute da ausgrenzt, finde ich von beiden Seiten falsch. Eine Leidenschaft, und das ist das, was ich in Kunst und Sport erkenne, ist eine Sprache, über die man kommuniziert und sich näher kommt.

avecMadlen: Welche Komponisten stehen dir am nächsten?

Vasily Bystroff: Dvořák, Rachmaninoff und Skryptonite

avecMadlen: Gibt es Musik, die du privat nie hören würdest?

Vasily Bystroff: Nein. Er grinst. Es gebe für jede Lebenssituation den passenden Soundtrack.

avecMadlen: Boheme oder harte Arbeit?

Vasily Bystroff: Ich brauche beides. Am liebsten 14 Tage pausenlos arbeiten und dann fünf Tage nichts tun.

avecMadlen: Was macht einen großen Musiker aus?

Vasily Bystroff: Disziplin, Ehrlichkeit – vor allem zu sich selbst –, Glück und heutzutage auch die richtige Selbstwahrnehmung.

avecMadlen: Würdest du denselben Weg nochmal gehen?

Vasily Bystroff: Joa. Wenn ich den Weg mit dem Wissen, das ich heute habe, gegangen wäre, wäre das wahrscheinlich effektiv, aber langweilig.

avecMadlen: Bewunderung oder Gefühl — was soll bei deinen Zuhörern bleiben?

Vasily Bystroff: Gefühl. Aber jeder soll für sich selbst entscheiden, was er braucht.

Kennengelernt habe ich Vassily bei der Show Deep Rouge im Casino. Er spielte dort mit Sia im Duett. Sia durfte ich sogar schon früher einmal hören, bei einem Weihnachtskonzert, das ein großer Medienkonzern, für den ich tätig war, intern organisiert hatte.

Haltet gerne Ausschau nach den beiden. Sie sind außergewöhnlich und machen ganz viele spannende Sachen. Alle Insta-Profile habe ich euch oben verlinkt.

UND: ich suche eine Begleitung für deren gemeinsames Konzert am 29. Mai. DM me on Insta.

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Wassily Kandinsky: Nur Bilder

Porträt von Wassiky Kandinsky. Der Künstler sitzt am Tisch und schaut in die Kamera
Wassily Kandinsky in seinem Atelier, 1912. Geboren: 16. Dezember 1866 (nach gregorianischem Kalender), gestorben am 13. Dezember, 1944. Copyright: IMAGO / Bridgeman Images

Improvisationen

Improvisation 13 (1910), ZKM Kunsthalle Karlsruhe
Improvisation Klamm (1914), Lenbachhaus München

Unbenannte Improvisation I (1914), Lenbachhaus München

Kompositionen

Komposition (1922), Lenbachhaus München
Komposition 8 (1923),  Guggenheim Museum New York
Entwurf zu Komposition VII (1913), Lenbachhaus München
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Erich Maria Remarque: Dieses Buch verändert dich

Allen, die ich liebe, empfehle ich immer ein und dasselbe Buch: „Der schwarze Obelisk“ von Erich Maria Remarque. Dieser Ausnahmeautor gehört zu meinen absoluten Lieblingen im deutschsprachigen Raum. Schwierige Sachverhalte erklärt er einfach und mit Leichtigkeit. Seine Gabe, fesselnd, emotional und poetisch zu schreiben sowie den Zeitgeist seiner Lebensjahre wiederzugeben entführt mich jedes Mal aufs Neue in eine unbekannte Welt, die ich, trotz Themen wie Tod, Nationalsozialismus und Krieg, nicht verlassen will. Ich kann seine Bücher während eines Tages runterbingen und dabei die Welt um mich herum vergessen. Es ist erstaunlich, dass er beim deutschen Publikum derart unterschätzt wird.

Ein schwarzer Obelisk zur Veranschaulichung (Symbolbild). Hierbei handelt es sich um die Grabstätte des virtuosen Komponisten und Pianisten Frédéric Chopin. Copyright: IMAGO / Depositphotos

„Der Schwarze Obelisk“

Remarque veröffentlichte seinen Zwischenkriegs-Roman „Der schwarze Obelisk“ im Jahr 1956. Darin schildert er das Leben der Überlebenden des Ersten Weltkriegs und deren Schwierigkeiten, nach ihren Kriegserfahrungen ein „normales“ Leben aufzubauen. Die Handlung spielt vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise und der galoppierenden Inflation in Deutschland.

Der Roman ist eine thematische Fortsetzung von Remarques Werken „Im Westen nichts Neues“ und „Der Weg zurück“. Die Vorarbeiten zu „Der schwarze Obelisk“ leistete der Autor bereits in den 1920er- und 1930er-Jahren, parallel zu seiner Arbeit an „Drei Kameraden“. Wer diese Bücher direkt nacheinander liest, bemerkt den einen oder anderen Charakter aus einer neuen Perspektive – Gänsehaut, Leute.

Darum geht es in Remarques Roman

Die Geschichte wird aus der Perspektive des Ich-Erzählers Ludwig Bodmer erzählt und spielt im Jahr 1923 in der fiktiven Stadt Werdenbrück. Ludwig arbeitet als Grabsteinverkäufer und spielt gelegentlich Orgel im örtlichen Irrenhaus. Dort trifft er oft auf Geneviève Terhoven, die unter einer Persönlichkeitsstörung leidet. Ludwig empfindet eine mehr oder minder platonische Liebe für sie und philosophiert mit ihr.

Den Beruf des Grabsteinverkäufers führt Ludwig mit einer gehörigen Portion Sarkasmus aus – eine Haltung, die er sich während des Krieges angeeignet hat. Seinen Humor verpackt Erich Maria Remarque in seine Figuren teils trocken, teils schwarz, aber immer hochintellektuell und pointiert.

Der Erste Weltkrieg hat tiefe Spuren bei den Charakteren hinterlassen. Sie sprechen häufig über ihre Erlebnisse, die wir als Leser auch gut historisch verordnen können. Gemeinsam mit seinem Chef Georg Kroll führt Ludwig das Geschäft, das durch die Inflation immer schwieriger wird, obwohl uns während des gesamten Romans immer vor Augen geführt wird, dass Menschen fortwährend sterben müssen. Doch die aufeinanderfolgenden Krisen beeinflussen sogar dieses lukrative Geschäft, um nun bei der zynischen Ausdrucksweise der Protagonisten zu bleiben.

Erich Maria Remarques Umgang mit Frauen

Remarque reflektiert in seinem Werk auch die Überlebensstrategien der Menschen in dieser Zeit. Frauen suchen sich reiche Männer zum Heiraten, was zu Verwirrung und Eifersucht bei Ludwig führt, als er seine große Liebe an einen wohlhabenden Mann verliert. Wie in jedem seiner Romane zeigt er auch hier seine wunderbare Gabe, Frauen als mystische, intellektuelle und vielschichtige Wesen darzustellen. Ich spürte in jedem Wort, das er dazu nutzt, um Frauen zu beschreiben, wie sehr er sie liebt, respektiert und bewundert. Es ist zutiefst berührend.

Ein bedeutender Aspekt des Romans ist der aufkommende Nationalsozialismus, dargestellt durch einen Kriegerverein, der sich zunehmend nach rechts ausrichtet.

Gegen Ende des Buches tritt Ludwig eine Stelle bei einer Zeitung an und wird in Roggenmark bezahlt – einer Währung, die aufgrund der Hyperinflation diskutiert wurde.

Das letzte Kapitel bietet einen Einblick ins Jahr 1955 auf das weitere Schicksal der Figuren. Was mit den meisten Freunden Ludwigs während des zweiten Weltkrieges passiert ist, werdet ihr selbst herausfinden müssen.

Symbolik: Schwarzer Obelisk

Das zentrale Symbol des Romans ist ein schwarzer Obelisk aus Mikrogabbro, bekannt unter dem Kürzel „SS“. Dieser Grabstein wird einerseits als Warnung vor drohender Aufrüstung interpretiert, andererseits als Symbol bürgerlichen Herrschaftsanspruchs gesehen. Der Verkauf des Steins an eine Bordellbesitzerin verdeutlicht den Verfall bürgerlicher Werte. Das aber habe ich erst jetzt während meiner Recherche herausgefunden. Mind=blown.

Hier findest du ein Mini-Detail zum Mikrogabbro

Fälschlicherweise wurde dieser Naturstein wegen seiner Härte als Granit bezeichnet und in Deutschland als Schwarz-Schwedisch bekannt und mit „SS“ abgekürzt.

Der Protagonist Ludwig Bodmer weist viele autobiografische Züge von Remarque selbst auf. Beide waren nach dem Ersten Weltkrieg kurzzeitig Volksschullehrer, verkauften Grabsteine und spielten Orgel im Irrenhaus. Werdenbrück entspricht weitgehend Remarques Heimatstadt Osnabrück.

Erich Maria Remarques Schlüsselroman

„Der schwarze Obelisk“ wird oft als Schlüsselroman gelesen. Viele Figuren basieren auf realen Personen aus Osnabrück. Remarque verwendet diese historischen Anspielungen, um die Wurzeln des Nationalsozialismus im Kleinbürgertum seiner Heimatstadt offenzulegen.

Wenn ich du wäre, würde ich zunächst andere Werke Remarques lesen, falls nicht ohnehin schon passiert. Die perfekte Reihenfolge für mich war: Zeit zu leben und Zeit zu sterben – Arc de Triomphe – Im Westen nichts Neues (für alle die Bock auf Depressionen haben) – Die drei Kameraden und zu guter Letzt Der schwarze Obelisk, den ich immer und immer wieder lesen würde.


Beitragsbild Quelle: IMAGO / Bridgeman Images

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Deep Rouge: Eine Ode an Erotik und Überschuss

Aus dem Nebel erscheint eine Grazie in Schwarz und betritt die Bühne. Ihr Charakter verkörpert den Zeitgeist Zentraleuropas der späten 1930er Jahre. Anmutig schreitet sie über die rote Bühne, während die Plastik ihrer Bewegungen französisch spricht und die Musik im Hintergrund an Marlene Dietrich erinnert. Ihr strenger, verführender Blick hat auch etwas Deutsches an sich. Er durchdringt den Körper des Zuschauers bis in die Zehenspitzen. Wie gebannt sind alle Augen im Salon auf sie gerichtet. Herrschaftlich registriert sie das und erwidert jene, die es würdig sind. Als die Spannung kaum auszuhalten ist, streift sie ihren rechten seidenen Handschuh ab und lässt ihn zu Boden fallen. Später würde sie ihrem Publikum einen Blick auf ihre makellose Porzellanhaut gewähren, die zunächst jedoch von einem Mieder mit güldenen Inkrustationen verdeckt blieb. Was dann im Salon Marlene passierte, hättet ihr mit eigenen Augen sehen sollen.

„Deep Rouge“-Showgirl Tara D’Arson

Tara D’Arson liebt das Spiel zwischen Fantasie und Wirklichkeit. „Wenn ich die Bühne betrete, bin ich eine andere – ich kann sein, wer ich will“, erzählt sie mir nach Showende. Der Moment, der ihr von jedem Abend in Baden-Baden bleibt, ist, als sie ihre Choreografie im Hosenanzug und Zylinder aufführt: „Ich merkte, wie die Zeit plötzlich stillstand.“ Ein Zustand, in dem sie eine unausgesprochene Verbindung mit ihrem Publikum eingeht und spürt, wie alles den Atem anhält. „Vor allem beobachte ich gerne die Paare im Publikum; wie sich etwas Elektrisierendes zwischen ihnen aufbaut. Ich liebe den Gedanken daran, dass sie Sex haben, wenn sie nach der Show nach Hause gehen“, sagt sie mir, während ich meinen Blick nicht von ihren zweifarbig schimmernden Augen abwenden kann.

Copyright: Tanja Dammert 

Tara genoss eine klassische Ballettausbildung, tanzte später Cabaret im Pariser Moulin Rouge und auf den Bühnen von Bordeaux. „Als ich zum ersten Mal eine Broulesque-Show erlebte, wusste ich, dass das meine Bestimmung ist.“ Zehn Jahre lebte sie in Berlin und arbeitete auch dort als Showgirl. Meine Frage, was sie auf der Bühne fühlt, beantwortet sie leidenschaftlich mit „everything“. Ihre Message an die Frauenwelt: „Jede hat diese erotische Energie in sich. Nur hat jede ihren ganz eigenen Weg, um sie nach außen zu tragen.“ Ihre Porzellanpuppenfigur verwöhnt die kürzlich gewordene Mutter mit viel Tanz, Yoga und Pilates; „everything soft“, formuliert sie. Zudem unterrichtet sie Heels, Broulesque und etwas Ballett.

Kulisse der „Deep Rouge“-Show war das Casino Baden-Baden. Entstanden aus der Kooperation von Rizzi & Co. und Industrial Theater verkörpert das neue Format etwas, was es in unserer Stadt noch nicht gab. Zumindest nicht zu meiner Zeit hier.

Venedig-Vibes mit der temperamentvollen Jacky Lu

Als die im üppigen Federkleid gekleidete Jacky Lu den Salon stürmt, wird es wild und zügellos. Sie hat nämlich das Temperament einer Diva, das Gesicht einer Pin-up-Malerei und den Körper eines Mannequins. Spielend flirtet sie mit dem einen Kopf kleineren Conférencier und zeigt uns das Funkeln der Strasssteine, die sie unter den pinken Federn trägt. Ihr Tanz scheint Spontanität und Freiheit zu verkörpern – der Blick verrät, dass sie jeden Moment davon genießt. Zusammen mit den Federn legt sie auch den letzten Funken ihrer gespielten Schüchternheit ab und beherrscht die rote Bühne mit ihrer lauten, unantastbaren Erotik.

„I enjoyed myself very much tonigt“, verrät sie mir später, „When I’m on stage, I feel like a queen, I feel like I own everything.“ Sie liebt die glühenden Blicke aus dem Publikum und fühlt sich bei jeder ihrer Shows wie ein vollkommen neuer Charakter. Wie Tara auch, liebt Jacky Lu es, verschiedene Rollen zu spielen, die sie während ihrer Auftritte zu erschaffen scheint. Jede ihrer Shows ist daher anders, oft tanzt die Künstlerin freestyle, obwohl sie sich auch an die Choreographien hält, die ihre kleine Schwester für sie konzipiert. Währenddessen kreiert die große Schwester ihre Bühnenkostüme. Die DNA ihrer Designs ist im venezianischen Carneval verankert. Draußen trägt Jacky Lu meistens Baggy – auch diesen Stil feiert sie. Die, buchstäblich, glanzvollen Roben hebt sie sich aber für die Bühne auf.

Ich frage sie, was wir Nicht-Showgirls tun können, um unsere Erotik zu entfachen. Sie gibt mir eine Anleitung zum ausprobieren: „Schließ deine Augen, hab Spaß, mach deine Lieblingsmusik an und stell dir vor, du würdest für jemanden Tanzen, den du richtig gern hast.“

Carlo geleitet uns mit seinem Wiener Charme durch den Abend

Einen festen Platz in der Late-Night-Show hat auch der zierliche Conférencier Carlo aus Wien. Bescheiden beschreibt er sich selbst als „den roten Faden“ des Abends. Dabei nimmt er sowohl die Rolle eines Showmans als auch die eines Zuschauers ein. Nachdem er die Tänzerinnen ankündigt und sie die Bühne zum Leben erwecken, positioniert er sich im Raum und schaut ihnen mit gewisser Theatralik zu – etwa in einer güldenen Badewanne.

Sein Ziel ist es, dem Publikum Freude geben. Er verpackt es in eine Metapher: „Ein Glas zu zerbrechen ist einfach. Eines herzustellen ist die schwierige Aufgabe und erfordert seine Zeit.“ Doch der Artist in vierter Generation weiß genau: „Wenn die Menschen im Publikum sitzen, lassen sie alles hinter sich.“ Alle Nachrichten, Krisen, Medien – all die Reizüberflutung, der der moderne Mensch ausgesetzt ist. Mitten in der Show wirft er ein: „Eine Stadt, in der keine Orgie stattfindet ist eine tote Stadt.“ Meine Augen weiten sich.

Auf ein Wort mit Regisseur Enno-Ilka Uhde

„Eine Orgie kann auch eine Baustelle sein“, löst Regisseur Enno-Ilka Uhde auf. Meinen ersten interpretativen Gedanken fand ich zwar lustiger, der wahre Sinn dieser Phrase ist jedoch auch ganz schlüssig. Für ihn ist „Kunst immer Politik“ und seine Shows seien voll davon. Für die meisten Zuschauer allerdings oft ungreifbar, da subtil hineingeflochten. In der Musikwahl etwa finden wir Indizien dafür: „Die Stücke aus Klassik, Rock, Jazz und Elektro gehen abrupt ineinander über. Der Zuschauer kann nicht erahnen, was als nächstes kommt – wie im Leben selbst.“ Uhde scheint gut damit leben zu können, dass seine versteckten Botschaften nicht bei jedem ankommen und betont: „die Künstler verstehen es aber.“

Ob das die Magie hinter seiner Show ist, können wir nur erahnen. Als er die folgende Phrase ausspricht, muss ich lange in die Leere starren, bis ich wieder auf der Erde ankomme: „Das Überschüssige ist das höchst Notwendige.“ Damit brachte er die Atmosphäre dieser Nacht auf den Punkt und hielt auch mir ganz unverhofft einen kleinen Spiegel hin. Ich fragre ihn, was in ihm passiere, wenn er eine Show, die vorher nur in seiner Fantasie lebte, in die Realität umsetzt. „Depression.“ Wieder weiten sich meine Augen. „Wenn die Show stattfand, ist sie tot.“ Der einzige Weg, mit diesem Schmerz umzugehen, sei es, die nächste Show zu schaffen.

Copyright: Tanja Dammert 

„Deep Rouge“ geht schon bald in die nächste Runde

Die nächste „Deep Rouge“-Show wird es im Salon Marlene schon bald wieder geben. Hier gehts zum Veranstaltungskalender und den Tickets. Vielleicht haben die Gäste auch bei den kommenden Shows das Vergnügen, ein paar Worte mit dem Gastgeber Maurice Schreck zu wechseln. Für ihn wird die Einführung der Late-Night-Show zum Erfolg. „Wir sind happy“, teilt er mit Blick nach vorne und will erstmal noch tiefer in die Materie der Dinnershows einsteigen.

An dieser Stelle verabschiede ich mich von euch, da ich nämlich hohen Besuch erwarte. Und wenn ihr bald auch unsere Stadt beehren wollt, um Jacky Lu und Tara D’Arson live zu erleben, dann nehmt euch am besten Zeit für euren unvergesslichen Abend und die Nacht im Casino Baden-Baden. Zieht eure prunkvollsten Ornate an, trinkt an der Bar, verspielt euer Geld beim Blackjack und Poker, genießt die Show, lauscht den Cellos von Sia und Vassily Bystroff, dem Gesang von Liangliang und geht anschließend im Club Bernstein tanzen. Wir wissen ja, was Enno-Ilka Uhde uns zum Thema Überschuss erzählt hat.

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