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Die größte Kandinsky-Erkenntnis, die ich bisher hatte

In der kunsthistorischen Rezeption von Wassily Wassiljewitsch Kandinsky hält sich ein Narrativ mit erstaunlicher Zähigkeit: Das Bild des genialen Synästhetikers, der Töne in Farben übersetzte, Musik auf die Leinwand bannte und im Rausch der Klänge die Abstraktion erfand. Auch ich habe bereits dieses „böse Gerücht“ verbreitet. Doch wie so oft bei wirkungsmächtigen Mythen der Moderne hält diese romantisierende Sichtweise einer wissenschaftlich-methodischen Überprüfung nur bedingt stand.

Wenn wir Kandinskys Werk betrachten, müssen wir uns fragen: Handelt es sich bei seinen musikalischen Bezügen um eine tatsächliche phänomenologische Sinnesüberschneidung oder vielmehr um die Metapher eines Menschen, der sich auf kreative Art und Weise ausdrücken konnte? Und vor allem: Handelte es sich überhaupt um ein Werkzeug zur Emanzipation der Malerei von der Gegenstandsnachahmung?

Porträt von Wassiky Kandinsky. Der Künstler sitzt am Tisch und schaut in die Kamera
Wassily Wassiljewich Kandinsky​ *4. Dezember (Greg.: 16.Dezember), 1866 in Moskau.​† 13. Dezember 1944 in ​Neuilly-sur-Seine.​ Copyright: xLebrechtxMusicxArtsx/xBridgemanxImagesx 3764577 Copyright: IMAGO / Bridgeman Images

Musikalische Malerei: Zeit- und Geisteskontext

Um Kandinskys Denken zu verstehen, müssen wir es im Geisteskontext seiner Zeit verankern. Die Idee einer „musikalischen Malerei“ war um die Jahrhundertwende keineswegs neu. Bereits um 1800 galt die Musik in der ästhetischen Theorie als die reinste, immateriellste aller Künste – eben weil sie von der Pflicht zur Gegenstandsnachahmung losgelöst war. Sie war das große Vorbild für eine Malerei, die nach eigener Autonomie strebte.

Ironisch ist, dass zeitgenössische Leser in Kandinskys Schriften vor allem die Analogien zur Musik aufsogen, während sie seine ausdrücklichen Erkenntnisse überlasen. So soll er es zumindest empfunden haben, weshalb er sich in seinen Schriften gegen oberflächliche Fehldeutungen gewehrt hatte. Er stellte klar: ihm sei es grund-unmöglich und gänzlich unerreicht, Musik malen zu wollen. Eine direkte Übertragung lehnte er als absurd ab.

Worum geht es Kandinsky wirklich?

Was schwebte ihm stattdessen vor? Thomas Steiert hat dies als eine „musikalisierte Malerei“ charakterisiert. Es ging Kandinsky nicht um die Imitation der Schwesterkunst, sondern um eine methodische Erweiterung des eigenen künstlerischen Handlungsspielraums.

Der Vergleich zwischen Malerei und Musik diente ihm dazu, die Wesensverschiedenheit beider Disziplinen zu schärfen. Die Notwendigkeit dieser kategorialen Trennung war für ihn unantastbar. Die Musik war für Kandinsky nicht die Schablone, sondern der Katalysator, um innerhalb der Malerei nach einer ebenbürtigen, autonomen Wirkungskraft zu suchen.

War Kandinsky Synästhetiker?

Die neuere Forschung, allen voran Andrea Gottdang, tritt dieser weit verbreiteten Annahme mit Skepsis entgegen. Gottdang weist nachdrücklich darauf hin, dass Kandinsky selbst nie explizit für sich in Anspruch nahm, über die neurologische Disposition Synästhesie zu verfügen. Die Behauptung stützt sich im Wesentlichen auf rückblickende Beschreibungen – wie etwa sein berühmtes Erlebnis bei einer Aufführung der Wagner-Oper Lohengrin in Moskau, bei der sich Farben vor seinem inneren Auge bewegten. Kandinskys wohl meist zitierte Äußerung überhaupt; die von der europäischen Kunstgeschichte so wahnsinnig gerne zurechtgeschnitten wird, ohne überhaupt den Aspekt berühren zu wollen, dass es dem Künstler nicht nur um den Farbklang ging, sondern um das Zusammenspiel von Farbe und seiner Heimatstadt – Moskau. Aber darüber rege ich mich an anderer Stelle noch mal ausgiebiger auf.

Wie dem auch sei. Aus kunsthistorisch-methodischer Sicht müssen wir hier strikt unterscheiden:

Erstens: Selbst wenn Kandinsky synästhetische Veranlagungen besaß, halfen ihm diese weder bei der konkreten Bildkonzeption noch beim avantgardistisch-historischen Durchbruch zur Abstraktion.

Zweitens: Das Verstreuen farbmusikalischer Metaphern in seinen Texten darf von Wissenschaftlern nicht als empirischer Nachweis missverstanden werden, dass seine Gemälde das Resultat synästhetischer Wahrnehmungsprozesse seien.

Kandinsky diskutierte intensiv mit Zeitgenossen wie etwa Franz Marc, August Macke oder Arnold Schönberg über Farb-Ton-Korrespondenzen. Doch alle sie stießen rasch an die Grenzen der Objektivierbarkeit. Thomas Steiert bringt es methodisch auf den Punkt: Die synästhetischen Verknüpfungen dienten Kandinsky lediglich als experimentelles Instrument – als eine Art theoretisches Modell, um die erweiterten Ausdrucksmöglichkeiten seiner malerischen Mittel zu erörtern.

Wie funktionierte nun Kandinskys Farbtheorie in der Praxis?

Er unterschied grundsätzlich zwischen einer rein physischen Wahrnehmung – dem Reiz des Auges – und einer psychischen Wirkung, die er gerne als „Seelenvibrationen“ betitelte.

Kandinsky begriff Farbwahrnehmung als ein multisensorisches Phänomen. Farben besitzen für ihn haptische und thermische Qualitäten: Sie sind glatt, samtig, warm oder kalt. usw. Ähnlich wie Goethe koppelte er die Farbwirkung an physikalische Erscheinungen, erweiterte dies jedoch. Farben besitzen für ihn exzentrische oder konzentrische Bewegungsmomente. Sie drängen auf den Betrachter zu oder weichen von ihm zurück; sie können darüber hinaus auch einen zeitlichen Ablauf im statischen Bild simulieren.

Man muss allerdings einräumen: Kandinskys Versuch, hierfür wissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten aufzustellen, scheiterte an der Subjektivität der menschlichen Empfindung. Seine Analysen zur synästhetischen Potenz einzelner Farben wirken oft willkürlich. Und verändern sich zudem noch im weiteren Verlauf seines Lebens. Wenn er Gelb als stechend, beunruhigend und dem Menschen zustrebend definiert, oder Schwarz und Weiß als Symbole von Existenz und Nicht-Existenz setzt, verlässt er den Boden der empirischen Wissenschaft. Aber nicht nur damit.

Wassily Kandinsky, Orientalisches, 1909, Öl auf Pappe, 69,5 x 96,5 cm,  Lenbachhaus​ München​. Copyright: Lehnbachhaus München.

Wassily Kandinsky und das Unerklärliche

Er wandte sich – dessen war er sich wohl bewusst – ab vom Erklärbaren und hin zum Unerklärlichen, etwa wenn er sich mit Chromotherapie oder theosophischem Gedankengut beschäftigte. Auch wenn unklar bleibt, inwiefern theosophische Lehren direkt in seine Malpraxis einflossen, zeigt sich hier Kandinskys Zielgruppe. Seine Theorie richtete sich nicht an die Masse, sondern an den „sensiblen Menschen“.

In diesem Kontext steht auch sein zentraler Begriff des „Klangs“. Wenn Kandinsky von „Farbklängen“ spricht, meint er keine akustische Übersetzung. Der „Klang“ ist für ihn der physiognomische Charakter der Farbe selbst – eine immaterielle, innere Qualität, die direkt auf das Gemüt wirkt.

Der entscheidende Schritt in Kandinskys Schaffen liegt darin, dass seine Hinwendung zur Abstraktion keinen Bruch mit der Kunstgeschichte darstellt. Ganz im Sinne Arnold Schönbergs wird die Abstraktion als eine Radikalisierung der Maltradition begriffen. Unter Kandinskys Prämissen löst sich die starre Grenze zwischen Gegenständlichkeit und Gegenstandslosigkeit langsam auf.

Wassily Kandinsky: Musikalische Terminologie in der Kunst

Die Terminologie, die er verwendete, um seine schöpferische Haltung zu manifestieren, oder zumindest zu betiteln, spiegelt sich in seiner Dreiteilung der Werkkategorien wider, die sich nicht nach dem Sujet richtet, sondern nach dem Grad der inneren Konstruktion:

Die Impression: Der direkte Eindruck äußerer Einflüsse.

Die Improvisation: Der unbewusste, spontane Ausdruck innerer Vorgänge.

Die Komposition: Als höchste Stufe. Hier bildet sich der innere Ausdruck in einem langen, fast pedantisch durchdachten Prozess heraus, der in zahlreichen Entwürfen geprüft wird.

Kandinsky lädt den Begriff der „Komposition“ doppelt auf: Er ist einerseits die Bezeichnung für seine ambitionierteste Werkgruppe, andererseits das allgemeine Konstruktionsprinzip, das jedem bedeutenden Kunstwerk zugrunde liegt.

Um diese Kompositionen zu strukturieren, greift er erneut auf musikalische Begrifflichkeiten zurück und unterscheidet zwei Hauptgruppen:

Die melodische Komposition: Sie basiert auf einfachen, geometrischen Formen und bleibt oft noch mit gegenständlichen Assoziationen verknüpft.

und die symphonische Komposition: Ein komplexes, vielschichtiges Gefüge, in dem viele kleine Einzelformen von einer verborgenen Hauptform zusammengehalten werden.

Sogar Tempobezeichnungen zog Kandinsky heran, um die Dynamik von Form und Farbe zu charakterisieren – wobei anzumerken ist, dass er laut seinen fertiggestellten Gemälden die Titel oft erst nachträglich zuschrieb.

Entliterarisierung der Kunst

Wichtig für eine methodische Bewertung ist der Begriff der „Entliterarisierung“. Indem die Malerei ihre erzählerische, literarische Funktion abwarf, erlangte ihr bildnerisches Material – Form und Farbe – eine Autonomie, die zuvor nur der Musik eigen war. Erst durch diese Freisetzung wurde es möglich, Begriffe wie „symphonisch“ oder „Harmonie“ rein strukturell auf die Malerei anzuwenden und ihre Wirkung in den Vordergrund zu stellen. Harmonie bedeutete für Kandinsky im Zeitalter der Moderne übrigens nicht mehr das gefällige Miteinander, sondern das Prinzip der Gegensätze und Widersprüche als eine zeitgemäße Auffassung einer neuen harmonischen Zusammenwirkung.

Eins der Schlüsselwerke von Wassily Kandinsky

Anhand eines der Schlüsselwerke Kandinskys lässt sich das Zusammenspiel von Musikerlebnis, Bildentstehung und methodischer Analyse exemplarisch sezieren: dem Gemälde Impression III (Konzert) aus dem Januar 1911.

Wassily Kandinsky, Impression III (Konzert), 1911, Öl auf Leinwand, 78,4 × 100,6 × 2 cm, München, Lenbachhaus.​ Copyright: Lehnbachhaus München.

Schon der Gattungsbegriff der „Impression“ suggeriert nach Kandinskys Systematik, wie wir wissen, die unmittelbare, fast reflexhafte Umsetzung eines äußeren Eindrucks – in diesem Fall des Besuchs jenes Münchner Neujahreskonzerts mit Werken Arnold Schönbergs. Doch die bildanalytische Betrachtung entlarvt den populären Mythos des spontanen, synästhetischen Farbrausches auf der Leinwand.

Zwei Skizzen die der Bezeichnung „Impression“ widersprechen

Wie der Kunsthistoriker Günter Brucher nachdrücklich herausgearbeitet hat, verlief die Genese keineswegs im Affekt. Andrea Gottdang greift diesen Befund auf und notiert: „Dass die Umsetzung des Konzerterlebnisses in Öl auf Pappe nicht ganz so spontan erfolgte, hat Brucher unter Hinweis auf die beiden vorbereitenden Skizzen hervorgehoben.“

Die zwei erhaltenen Skizzen dokumentieren einen Abstraktionsprozess: Die erste Skizze verortet das Geschehen noch ganz figurativ im realen Raum: Wir erkennen die räumliche Kulisse, das Publikum und den schwarzen Konzertflügel.

Wassily Kandinsky, Studie zu Impression III (Konzert), 1911, Kreide auf Papier, 10 × 14,9 cm, Paris, Centre Pompidou, Centre de création industrielle.​

Die zweite, abstraktere, Skizze löst den räumlichen Sog vollkommen auf. Die Perspektive weicht einer autonomen Farb- und Formdynamik. Ich sage Farbdynamik, weil Kandinsky hier die Farben bereits schriftlich bestimmt hat.

Wassily Kandinsky, Studie zu Impression III (Konzert), 1911, Kohle auf Papier, 10 × 14,8 cm, Paris, Centre Pompidou, Cabinet d’art graphique.

Kunsthistoriker analysieren Kandinskys Gemälde

Bedeutsam ist hierbei die Platzierung der gelben Fläche: Sie steigt nicht direkt aus dem schwarzen Flügel auf – wie eine triviale Übersetzung von Ton in Pigment vermuten ließe –, sondern drängt als mächtige Diagonale von links unten nach rechts oben. Kandinsky setzt hier primär auf rein malerische Dissonanzen: Das geheimnisvolle Schwarz des Flügels steht im harten, spannungsvollen Kontrast zur Bewegung des Gelbs.

Thomas Steiert bemerkt hierzu, bei Impression III vermische sich „das Sichtbare mit dem Hörbaren“. Andrea Gottdang präzisiert diese Wechselwirkung jedoch auf einer rein bildtheoretischen Ebene:

„Ist die Annahme richtig, dass dieses Gelb hier eine Chiffre für Musik ist, so gilt für die Musik im übertragenen Sinn alles, was für die Farbe festgestellt wurde. Klang umfängt die Hörerschar, sickert in sie hinein, wird durch die Farbe sichtbar gemacht, von ihr aufgenommen oder legt sich wie ein Dunstschleier über sie.“

Es handelt sich bei Impression III folglich weder um das verbildlichte Protokoll eines synästhetischen Erlebnisses noch war es Kandinsky wichtig, dass der Betrachter exakt Schönbergs Aufführung als solche entziffert. Das Gelb fungiert als autonome bildnerische Chiffre für das Phänomen der akustischen Raumdurchdringung.

Kandinskys „mentale Matrix“: Den „gelben Klang“ gibt es schon längst als Konzept

An dieser Stelle drängt sich eine grundlegende Frage auf: Woher stammt diese spezifische energetische Aufladung der Farbe Gelb als Raum greifender Klang?

Um dies zu beantworten, müssen wir den Blick auf Kandinskys abstrakte Bühnenkomposition „Der Gelbe Klang“ lenken, verfasst zwischen 1909 und 1910 und schließlich 1912 im Manifest der frühen Avantgarde „Der Blaue Reiter“ publiziert.

„Der Gelbe Klang“ ist ein Pionierwerk des abstrakten Tontheaters. Es verzichtet auf Handlung, Dialoge und psychologische Figuren. Die eigentlichen Akteure sind das Licht, die Farbe, die menschliche Bewegung und der Klang. Die Farbe Gelb tritt darin als exzentrische, drängende Kraft auf, die den Raum flutet und mit dunklen, violetten Nuancen im Konflikt steht.

Wenn die Bühnenkomposition bereits 1909/1910 fertiggestellt war, dann lebte das Konzept des „Gelben Klangs“ bereits als mentale Matrix in Kandinskys Geist, lange bevor er das Schönberg-Konzert im Januar 1911 besuchte.

Haben wir Schönbergs Konzert zu viel Bedeutung zugeschrieben?

Damit boten Schönbergs Dissonanzen Kandinsky den äußeren Anlass, um eine längst ausgereifte, theoretische Konzeption nun auch malerisch zu entfesseln. Behaupt ich jetzt einfach mal. Impression III ist nicht die Abbildung eines Schönberg-Stücks – es ist die visuelle Manifestation des bereits existierenden „Gelben Klangs“.

Dass diese chronologische Trennung zwingend ist, verdanken wir den Untersuchungen des Musikwissenschaftlers*Werner Keil aus dem Jahr 2000. Keil hat mit den gängigen Mythen der Forschung aufgeräumt:

„Eine enge persönliche Freundschaft zwischen Kandinsky und Schönberg und die dichte künstlerische Ereignisfolge 1911/12 haben die musikwissenschaftliche wie kunsthistorische Forschung schon früh veranlasst, nach Parallelen zwischen beiden Künstlern zu suchen und wechselseitige Beeinflussungen nachzuweisen. Es lag insbesondere nahe zu vermuten, Kandinskys Bühnenkomposition ‚Der gelbe Klang‘ und seine Farbtheorien hätten Schönberg bei der Fertigstellung der ‚Glücklichen Hand‘ geleitet; umgekehrt soll unter dem starken Eindruck des Münchener Konzerts Kandinskys Impression III entstanden sein.“

Keil weist nach: Kandinsky und Schönberg kannten sich vor dem 2. Januar 1911 schlichtweg nicht. Eine wechselseitige Beeinflussung vor 1911 soll quellenkritisch ausgeschlossen sein.

An dieser Stelle offenbart sich ein faszinierendes methodisches Lehrstück

Blickt man in die Arbeit von Andrea Gottdang, stellt man fest, dass sie Werner Keils Studie zwar ordnungsgemäß in ihren Quellen aufführt, seine Ergebnisse jedoch ausgesprochen selektiv instrumentalisiert. Gottdang filtert aus Keils Befunden exakt jene Aspekte heraus, die ihre eigene These – die radikale Demontage der Synästhesie – untermauern. Die breitere, komplementäre Komplexität von Keils Argumentation blendet sie weitgehend aus, um das eigene theoretische Narrativ nicht zu gefährden.

Das Erstaunliche daran ist: Gottdang hätte diese selektive Rezeption gar nicht nötig gehabt. Ihre Entzauberung des Synästhesie-Mythos steht auch so auf festem Fundament. Dass sie die Quelle Dennoch so einseitig zuschneidet, zeigt uns auf der Ebene der Wissenschaftstheorie, wie schnell auch neuere Forschungsliteratur dazu neigt, historische Quellen passfähig zu machen.


Quellen: Gottdang, Andrea: Vorbild Musik. Die Geschichte einer Idee in der Malerei im deutschsprachigen Raum 1780–1915. München/Berlin: Deutscher Kunstverlag 2004, S. 371–405.​

Keil, Werner K.: „Die innere Notwendigkeit. Gedanken zu Musik, Malerei und Bühne bei Schönberg, Kandinsky und anderen“. In: Reifenscheid, Beate (Hrsg.): Die innere Notwendigkeit. Gedanken zu Musik, Malerei und Bühne bei Schönberg, Kandinsky und anderen. Bielefeld: Kerber Verlag 2000, S. 23–42.​

Steiert, Thomas: Das Kunstwerk in seinem Verhältnis zu den Künsten. Beziehung zwischen Musik und Malerei. Frankfurt am Main: Peter Lang GmbH, Europäischer Verlag der Wissenschaften 1995, S. 100–109.​


Anmerkung: Das war ein Referat vom 27. Juli 2026 (bisserl nachredigiert). Ich hatte zwei Tage zuvor „voll die Eingebung“. Mitten in der Nacht im Bett. War so geflasht davon. Allerdings fand niemand meine Idee so knorke, wie ich selbst hahaha. Wie immer halt. Aber zum Glück geht es mir hierbei egoistischerweise ausschließlich um mich und meine eigenen Erkenntnisse. Daher würde ich euch, meine aller liebsten Lieblingsleser, zu einer Diskussionsrunde in den Kommentaren einladen. Wenn ihr euch traut.

Und liebe Frau Prof. Dr. Gottdang, es ging unter, wie genial ihr Text ist, bitte verklagen Sie mich nicht für meine anmaßende Einordnung. Es ist lediglich ein leihenhafter Gedankenspaziergang einer Person, die Ihre umfassende Arbeit bewundert.

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Reisen

Lohnt sich der Nachtmarkt in Brinchang?

Ja.

Es sind die letzten Tage Malaysia und ich fuhr von Taiping ins Cameron Highland. Dort suchte ich mir während der Fahrt ein Hotel aus. Großer Fehler: ich hab diesmal ChatGPT gefragt, in welchem Dorf ich am besten rumlümmeln soll. Er nannte mir den Ort Brinchang. Großer fucking Fehler, dies nicht 3 Mal gegenrecherchiert zu haben. Aber egal. Wenigstens hab ich hier bislang noch keine Europäer gesehen. Nichts gegen Europäer, ich liebe sie. Aber wenn ich nach Asien gehe, will ich Asiaten sehen. Ist das verwerflich? Wahrscheinlich schon. Ist mir das egal? Höchstwahrscheinlich ja.

In Brinchang ist es ein bisschen unchillig. Auch das Hotel macht mich traurig, obwohl es eines der teuersten ist, in denen ich in Malaysia blieb. Viel Asphalt und viele Autos. Nicht gerade DIE Teeplantagen-Idylle, die ich mir ChatGPT fälschlicherweise ausgemalt hatte, aber wenn man beide Augen zudrückt, passabel. Ich kam ohnehin erst abends an und ging, oder genauer humpelte,  ein bisschen durch den Ort, aß die geilste Erdbeertorte meines Lebens und trank Erdbeertee. Dann ging ich zum Nachtmarkt.

Nachtmarkt in Brinchang, Cameron Highlands

Auf dem Nachtmarkt herrschte eine Energie, die ich noch nie erlebt habe. Der Duft heimischer Erdbeeren (rot und weiß) schwebte durch die Lüfte. Jeder Stand war besonders. Ich musste mich ganz doll darauf konzentrieren, um nicht gleich in den ersten Sekunden ein Vermögen liegen zu lassen. Gemüsestände mit heimischen Bergkartoffeln, Ursorten Mais – roh, gedünstet und gegrillt, irgendwelche asiatischen Wurzelarten, die ich zuvor nur in Sochi gesehen hatte, etwas weiter hinten der Kleidermarkt mit Shirts und süßen Nachthemdchen mit Erdbeerprint.

Grüner dünner Spargel, irgendwelche Gräser, dunkler Blütenhonig, Erdbeershakes, jede Menge Streetfood: Malaysische Burger, Würstchen im Schlafrock, halale Fleischbällchen (Fleisch ist nicht so mein Fall, aber ich habe sie probiert.), virale Teigkügelchen mit Oktopus drin (köstlich). Weiter vorne wieder indische Düfte, Reis, frittierte Hühnerpfoten, chinesische Nudeln mit Ente, Schwein, Huhn, Fisch – was immer das multikulturelle Herz begehrt.

Gemüsestand auf dem Night Market in Brinchang, Cameron Highlands Malaysia: Lohnt sich diese Sehenswürdigkeit für deine Malaysia-Reise?

Asien: Deshalb liebe ich es hier so sehr

Es war wahnsinnig lecker. Und spannend. Es war zwar schon dunkel, aber die Atmosphäre war sehr familär. Viele Kinder, Familien, Paare – genau das sorgt dafür, dass ich mich besonders sicher fühle. Diese südostasiatischen Länder in denen ich war, sind alle sehr familiär geprägt. Und das ist einfach etwas, wo man gar nicht anders kann, als sich wohlzufühlen. Da, wo Kinder Lachen und Frauen plaudernd durch die Gegend spazieren, ist es einfach viel angenehmer, als etwa in einer Frankfurter Innenstadt, wo herumlungernde einsame Männer auf die Jagd gehen, um die nächste Person zu belästigen. Das ist mitunter einer der Faktoren, weshalb es mich immer wieder nach Asien zieht: das traditionelle Familienbild. Just my unpopular opinion.

Bleiben wir aber mal beim Nachtmarkt in Brinchang. Alles, was ich probiert habe, war köstlich. Die Menschenmengen waren sehr dicht, aber rücksichtsvoll und freundlich. Es war so schön. Es hat mich total aufgeladen. Das Essen, die Musik, das Bummeln, die gute Laune, die lächelnden malaysischen Frauen mit ihren perfekt gebügelten Kopftüchern, ihren hübschen Gesichtern und ihren sanften Gemütern. Daher finde ich, dass der Nachtmarkt ein absolutes must-see ist. Erfahre, welche schicksalhafte Begegnung ich kurz darauf hatte.

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Kultur Kunst

Die Neue Fledermaus: Ein Salon der Avantgarde

Schon beim Betreten der Neuen Fledermaus fällt der Blick auf die königlichen Stühle und Sessel. An einer Wand hängt eine menschengroße Installation aus Zeitung und Pappmaché; darüber ein Projektor, daneben eine kleine Lampe an der Decke. Darunter der alte, massive Holztisch, an dem Rahsan Dogan aus ihrem Buch vorliest.

Es ist der spannungssteigernde Kontrast zwischen dem hellen Raum, in dem der Abend anbricht und Ondine Dietz in ihren schwarzen Gewändern. Hier wirkt sie anders als in unserer gewohnten Umgebung. Aber nicht minder Diva. Sie hat dieses Leuchten in den Augen, das ich von meinem Vater kenne, wenn er gerade über das Schwarze Meer segelt. Ondine ist der Puls und der Takt des Hauses: Aufmerksam, redegewandt, unterhaltend. Ich fühle mich wie in ein Portal gefallen, das mich in die Tiefe des menschlichen kreativen Geistes zieht. Jedes verwinkelte Zimmer, das weiter in das alte Haus führt, führt auch tiefer in Ondines Welt hinein. Irgendwie eine Art Wohnzimmer, mehr aber ein geheimer Salon.

Draußen bleiben Passanten vor einem Schaufenster mit geheimnisvollen Objekten stehen, das ich erst tief in der Nacht, nach dem Verlassen der Neuen Fledermaus, betrachtete. Als ich ging, hatte ich das Gefühl, einen neuen Einblick in Ondines Wesen gewonnen zu haben. Einen Überblick darüber, wie tief das eigentlich geht. Wofür sie lebt  wofür sie steht. Das hat sie mir bei unserem Interview in ihrer Küche erzählt…

Ondine Dietz in der Neuen Fledermaus in Karlsruhe
Das ist sie, die Frau der Stunde: Ondine Dietz in der Neuen Fledermaus. Foto-Credit: Christian Ulrich

Die Neue Fledermaus in Karlsruhe: Interview mit Ondine Dietz

avecMadlen: Erinnerst du dich an den Moment, in dem du beschlossen hast: „Ich mache das jetzt wirklich“? 

Ondine Dietz: Ich saß in deinem Stuhl. Sie deutet darauf. Und ich hatte eine Vision: einen Bogen zu spannen – von der historischen Karlsruher Avantgarde, über die leider viel zu wenig bekannt ist, bis hin zur heutigen, die durch ihre vielen Off Spaces so etwas wie eine geheime Kunstszene birgt.
„Die Neue Fledermaus“ – im Ohr klang der Name des berühmten Wiener Avantgarde Cabarets – sollte ein Ort der Recherche mittels Kunst werden; aber unbedingt auch ein produktives Museum der Avantgarde, das sich permanent selbst reflektiert. Es wurde eine Bühne, auf der jeden Abend die Show: „Kunst, Stadt, Mensch und Zeit“ aufgeführt wird.

SOLO-DARITÄT0721 - Folge 5: Ondine Dietz

Die Geschichte des Hauses und der Vision

Der Projektraum „Die Neue Fledermaus“ hat sich seit seinem Entstehen 2015 zur Aufgabe gemacht, Künstler*innen aus Karlsruhe und anderen Regionen sowie international tätigen Künstler*innen aller Disziplinen eine Plattform zu bieten; sie einzuladen, ein Stück (Karlsruher) Stadtgeschichte und somit auch Kulturgeschichte zu beschreiten. Vergangenheit und Zukunft, Mythos und Innovation/Intervention werden in den Veranstaltungen der „Neuen Fledermaus“ komplex und publikumsnah realisiert, in ihrer Komplexität analysiert und in ihren Verbindungen zueinander erfasst.

„Die Neue Fledermaus“ ist ein Ort der Begegnung, der Entdeckung, als Plattform eine Schnittmenge zwischen Realität und Fiktion, Kunsterschaffung und Urbanität. Sie lädt Künstler*innen und Publikum zum Mitgestalten von Kunst-Zeit und Kunst-Räumen in der Stadt und zum Dialog mittels stetig wachsender und ineinader greifenden Produktionen ein.

Vermutlich waren die Räumlichkeiten der Neuen Fledermaus ursprünglich ein Möbelgeschäft, das aber bleibt unklar. Was fest steht ist, dass dann eine Kneipe „Zur Fledermaus“ betrieben wurde.

Ondine Dietz: Das Kulturbüro vermittelte damals wie heute städtisch geförderte Ateliers an Künstler. Erst bekamen wir eine Absage. Dann bekamen wie es doch, über ein Aneinanderketten von glücklichen Umständen. Sie deutet auf ein Schild mit der Aufschrift: „Hier entsteht die Neue Fledermaus.“ Dieses legten wir in das Schaufenster. Dann fingen wir an.

Jean-Michel Dejasmin war von Anfang an eine Art von Performer seiner Rolle als Concierge des Hauses, verliebt in Geschichte und ihren Mysterien, wie wir beide es immer gewesen sind – zumindest ich. Wie bastelten an einem Mythos der Urbanität, an der urbanen Präsenz der Kunst , an einem realen Projekt einer sozialen Skulptur, im wahrsten Beuys’schen1 Sinn. Es sollte die Pforte zu einer nostalgischen Begehung sein, es sollte Kunst zeigen, Kunst schaffen und gleichzeitig auch dieses phänomenale Konglomerat2, die Städte in ihrer Geschichte sind, zeigen. Die Menschen sollten sich in den „heiligen Hallen“ selbst erschaffen.

Die nächtliche Fassade der Neuen Fledermaus. Fotocredit: Maria Männig

Einen Kunstraum schaffen

avecMadlen: Was kostet dich die Neue Fledermaus emotional? 
 
Ondine Dietz: Sie ist ein sehr liebes Kind von mir, oder ich ihre „Hohepriesterin“ eines Kunst-ist-absolut-Kults. Und ich würde fast meine Seele an den Teufel verkaufen, damit sie weiter existiert. 
 
avecMadlen: Welche Eigenschaft braucht man, um einen unabhängigen Kunstraum über Jahre am Leben zu halten? 
 
Ondine Dietz: Stoizismus3, eine sehr dicke Haut und Resilienz. Fanatismus braucht man.  
 
avecMadlen: Warum interessieren dich Mythos, Stadtgeschichte und Fiktion?

Ondine Dietz: Ich komme aus Temeswar. Jean-Michel Dejasmin, der alles was Bühnenbild -Ambiente, aber auch Technik in der Fledermaus betreut, aus Marseille. Karlsruhe war unsere erste Stadt außerhalb der jeweiligen „Heimat“. Beide kamen unabhängig voneinander, aber beide der Liebe folgend her… Hier in Karlsruhe waren wir Outsider. Wir hatten ein großes Liebesverhältnis zu unseren Städten, dessen core-Gefühl wir irgendwie auch auf Karlsruhe übertrugen. Über die Neue Fledermaus haben wir die Mysterien einer neuen Stadt erkundet.

Dieses Haus ist eine Reminiszenz4 dieser Zeit der liebevollen Aneignung. Mythen sind konzentrierte und erhabene Wahrheiten, die man für die Menschen der Zukunft schafft, damit sie über diese Brücke zu uns finden und uns von unserer Einsamkeit und unserem Beschränktsein erlösen…

Ein Salon der Avantgarde im Wandel. Foto Credit: Cristian Ulrich

Karlsruher Kultur zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fiktion

avecMadlen: Welche Disziplinen finden Raum in diesem Haus? 
 
Ondine Dietz: Musik, Literatur, Kunst. Es ist ein Ort der bildenden Kunst, aber auch ein Ort interdisziplinärer Künste. Zu 70 Prozent besteht das Programm aus Lesungen. Für Künstler ist das meistens ein immenser Aufwand. Ohne Anspruch auf Honorar.

avecMadlen: Welche kulturelle Stärke wird in Karlsruhe unterschätzt? 

Ondine Dietz: Karlsruhe ist eine offene, kulturelle Stadt und hat seit 20 bis 30 Jahren eine richtige Identität als Stadt der Artist Run Spaces, nota bene: Der Artist Run Spaces professioneller Künstler, die Künstlerinnen-orientierten Kunst betreiben, die Arbeit internationaler Künstlerinnen-Netzwerken zeigen und jenseits der Kunstmarkts , Kunst generieren, auch als sozialen Beitrag. 
 
avecMadlen: Welche Entwicklung macht dir aktuell Sorgen? 

Ondine Dietz: Die Karlsruher Kunstszene ist boomend eplodiert, dies Dank eines Giesskannen-Prinzips der Projektförderung seitens des Kulturbüros entstanden ist. Jetzt ist die Projektförderung stark reduziert worden. 

avecMadlen: Was fehlt unserer Gesellschaft heute am meisten? 

Ondine Dietz: Die Überwindung der Skepsis und der Trägheit, die aktive Solidarität. Altruismus5.

Meine, mittlerweile, liebste Frage zur Politik in der Kunst

avecMadlen: Muss Kunst wirklich immer politisch sein? 
 
Ondine Dietz: Kunst ist absolut und ist Freiheit. Aber eine Kunst, die nicht für das Wohl der Menschen einsteht, hat keinen Tiefgang. Das Politische liegt dabei nicht in der Rhetorik des Politischen, sondern in einer solidarischen Haltung gegenüber den Menschen. 

Bettermakers - Ondine Dietz über Rembrandt
hahaha ich liebe sie einfach. In einem Moment haut sie Terminologie raus, die weit zu hoch für mich ist, im nächsten nimmt sie sich selbst und die Welt nicht all zu ernst. Dieser lebendige Geist…

avecMadlen: Welche Begegnung in diesem Raum wirst du nie vergessen? 

Ondine Dietz: Was ich gewiss nicht vergessen werde: Den Autor Alban Nicolai Herbst (bürgerlich Alexander Michael von Ribbentrop). Er hat eine komplexe Familiengeschichte. Genauer: Er ist Großneffe von Joachim von Ribbentrop, dem Außenminister des NS-Regimes von 1938 bis 1945. Er ist ein fantastischer Autor, ein faszinierenden Mensch, ein Demokrat und Humanist und litt lange unter dieser Bürde der Herkunft.
 
Ich komme aus einer jüdischen Familie,  und sogar die Nichtjuden meiner Familie hatten durch das NS-Regime alles verloren: Identität, sowas wie Normalität  Ribbentrop war ein sehr oft genannter Name, meist wehklagend, in meiner Kindheit. Ein hässliches Tattoo auf der Seelenhaut. Ich kannte Albans Herkunft  ursprünglich nicht. Das war eine Art geschichtliche Serendipidy 6zum Guten hin, zur Heilung, zum „Exorzismus“ der Traumaheilung…  Aber auch ein gewaltiger Schock.  
 
Doch jede einzelne Künstlerin hat Spuren hier hinterlassen, die wir sakrosankt7 verehren und dokumentieren. 

avecMadlen: Was soll von deinem Projekt in den Archiven bleiben? 
 
Ondine Dietz: Dass wir ein Museum der Karlsruher historischen Künstleravantgarde aus dem Projekt entstehen lassen können. Für die Ewigkeit. Die Vergangenheit und die Gegenwart archivieren. Das ist uns wichtig. Letztlich ist das das Herzensprojekt. 
 
avecMadlen: Wenn ich dich heute Abend nicht als Gründerin interviewen würde, sondern als Mensch: Worüber würdest du eigentlich am liebsten sprechen? 
 
Ondine lacht. „Du weißt, worüber.“  


Mehr zur Neuen Fledermaus und der Karlsruher Avantgarde gibt es hier von Maria Männig.


  1. „im Beuys’schen Sinn“ oder „im Beuysschen Sinn“ bezieht sich auf den deutschen Künstler Joseph Beuys und dessen Konzept der „Sozialen Plastik“ (auch „Soziale Skulptur“). ↩︎
  2. Konglomerat: Gemisch [aus sehr Verschiedenartigem]; Zusammenballung ↩︎
  3. Stoizismus: von der Stoa ausgehende Philosophie und Geisteshaltung, die besonders durch Gelassenheit, Freiheit von Neigungen und Affekten, durch Rationalismus und Determinismus gekennzeichnet ist ↩︎
  4. Reminiszenz: Erinnerung von einer gewissen Bedeutsamkeit ↩︎
  5. Altruismus: Selbstloses, uneigennütziges Handeln zum Wohle anderer, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. ↩︎
  6. Serendipität oder Serendipity: Eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue Entdeckung erweist. Serendipität betont eine über einen Zufallsfund hinausgehende Schlussfolgerung oder Findigkeit in Form einer Bereitschaft, den Zufall zu erkennen und ihn dann zu nutzen. ↩︎
  7. sakrosankt: unantastbar. Der Duden führt hierfür als Beispiel sakrosankte Rechte und /oder Prinzipien auf. ↩︎
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Kunst

Der psychologische Blick auf Egon Schiele

EIN SELBSTBILD.

ICH BIN FÜR MICH UND DIE, DENEN
DIE DURSTIGE TRUNKSUCHT NACH
FREISEIN BEI MIR ALLES SCHENKT,
UND AUCH FÜR ALLE, WEIL ALLE
ICH AUCH LIEBE, – LIEBE.

ICH BIN VON VORNEHMSTEN
DER VORNEHMSTE
UND VON RÜCKGEBERN
DER RÜCKGEBIGSTE

ICH BIN MENSCH, ICH LIEBE
DEN TOD UND LIEBE
DAS LEBEN.

Egon Schiele (1910)

Egon Schiele (1890-1918), österreichischer Künstler. Fotografiert in seinem Atelier. Credit: IMAGO / GRANGER Historical Picture Archive

Die Forschungsfrage verändert sich

Kaum ein Künstler des frühen Expressionismus wirkt auf den ersten Blick so psychologisch lesbar wie Egon Schiele. Seine verwinkelten Körper, die düsteren, Gestalten, Grimassen und die intensiven Blicke vermitteln den Eindruck, als würde uns der Künstler seine Seele offenlegen. Es entsteht die Vorstellung eines zerrissenen, leidenden Menschen. Heute stellt sich die Forschung nicht mehr die Frage: Was verraten Schieles Bilder über seine Psyche? Sondern: Warum wirken sie überhaupt so psychologisch aufgeladen?

In den letzten Jahrzehnten hat sich der Blick auf Schiele deutlich verändert. Und zwar nach und nach.

Egon Schiele: Ein Rebell seiner Zeit

Das Bild Egon Schieles ist bis heute eng mit seiner Biografie verbunden. Er galt als Rebell, wurde wegen der Verbreitung obszöner Zeichnungen inhaftiert und entwickelte schon früh einen außergewöhnlich expressiven Zeichenstil. Über ihn wird erzählt, er habe niemals einen Radiergummi benutzt und Zeichnungen innerhalb weniger Minuten gefertigt.

In einem Brief schrieb Schiele: „Ich habe zweifellos furchtbare Bilder gemalt. Aber glauben die wirklich, dass ich es mit Absicht getan habe? Nur um das spießige Bürgertum zu erschrecken? Das war nie der Fall. Aber es gibt Gespenster, die aus einem Verlangen heraus entstehen. Und ich habe diese Gespenster gemalt. Nicht weil es mir Freude machte, sondern weil ich es musste.“

Hier geht’s zu der Online-Sammlung des Leopold Museums. Dort findet ihr eine unfassbare Vielfalt an Schiele-Werken in höchster Qualität. Da die urheberrechtlichen Fragen noch nicht geklärt sind, sehe ich bisweilen von einem Download ab.

Spuren in der Kindheit und Familie

Auch seine Kindheit scheint eine psychologische Deutung nahezulegen. Sein Vater war cholerisch und förderte zwar zunächst das zeichnerische Talent seines Sohnes, verbrannte später jedoch einen großen Teil seiner Zeichnungen, weil sie ihm übermäßig erschienen. Nachdem der Vater an Syphilis erkrankte, schien er verrückt zu werden. Er verbrannte den gesamten Aktienbesitz der Familie und starb wenig später.

Es liegt nahe, darin mögliche Ursachen für Schieles Bildwelt zu suchen. Doch erlauben uns die Einblicke in seine Bilder tatsächlich einen Blick in seine Psyche? Oder projizieren wir diesen Blick erst nachträglich hinein?

Egon Schiele (österreich. Maler des Expressionismus 1890-1918)

Egon Schieles Bilder: psychischer Selbstausdruck?

Pia Müller-Tamm setzt sich zunächst mit der Schiele-Interpretation des Kunsthistorikers Werner Hofmann auseinander. Hofmann prägte über Jahrzehnte das Bild Schieles als Künstler des psychischen Selbstausdrucks. Für ihn spiegeln die scheinbar deformierten Körper und nervösen Linien unmittelbar die seelische Verfassung des Künstlers wider.

Immer wieder werden Gegensätze hervorgehoben:

  • Entblößung und Verhüllung
  • Offenbarung und Distanz
  • Verzweiflung und Übersteigerung

Hoffmann beschreibt Schieles Körper in den Selbstbildnissen sogar als einen Leib, der „wie eine einzige Wunde“ erscheint. Der Körper werde damit zum unmittelbaren Ausdruck seelischen Leidens.

Egon Schiele, Aktselbstbildnis 1916. Bleistift, Deckfarben auf Papier. Maße: 29,5 × 45,8 cm. Credit: ALBERTINA, Wien.

Unterstützt wird diese Position durch den Philosophen Jacques LeRider. Er beschreibt Wien um 1900 als eine Kultur der Identitätskrise. Der rasante Modernisierungsprozess habe bei vielen Künstlern ein tiefes Gefühl von Verlust ausgelöst. Schiele erscheint dadurch als besonders sensibler Künstler einer krisenhaften Zeit.

Auch einzelne Werke wurden entsprechend interpretiert

Beim Selbstbildnis mit Hand an der Wange galt etwa das Herunterziehen des Augenlids lange als Symbol von Melancholie oder sogar als bewusste Umdeutung des Schmerzensmannes. Die Augen wurden als Spiegel des Inneren verstanden.

Egon Schiele: „Selbstbildnis mit Hand an der Wange“, 1910​. Gouache, Aquarell und Kohle auf Papier​, 44,3 × 30,5 cm. Credit: IMAGO / GRANGER Historical Picture Archive

Mit den 1990er Jahren kommt der Perspektivwechsel. Pia Müller-Tamm macht deutlich, dass Schieles Selbstporträts nicht mehr als spontane Bekenntnisse gelesen werden können. Vielmehr entstehen sie in einem Spannungsfeld zwischen Selbstentfremdung und bewusster Selbstinszenierung.

Seine Bilder seien keine unmittelbaren Einblicke in seine Persönlichkeit, sondern sorgfältig gestaltete Konstruktionen. Auch seinen schriftlichen Äußerungen begegnet die Forschung nun mit größerer Vorsicht. Sie gelten nicht mehr automatisch als Schlüssel zum Verständnis seiner Kunst. Stattdessen zeigt sich, dass Schiele zahlreiche Bildtraditionen übernimmt und neu kombiniert.

Er greife kunsthistorische Bildformeln ebenso auf wie Fotografien psychisch Kranker oder zeitgenössische pornografische Fotografien. Hinzu kommt ein weiteres Detail: Während seiner Jugend wohnte Schiele im Haus der Familie Holzknecht. Der Sohn der Gastfamilie war Mediziner und beschäftigte sich intensiv mit der damals neuen Radiologie. Schiele zeigte großes Interesse an diesen anatomischen Bildern – Bildern, die damals fast ausschließlich Ärzten und Wissenschaftlern zugänglich waren.

Egon Schiele: geschlechtergeschichtliche Perspektive

Katharina Sykora erweitert diese Gedanken um eine geschlechtergeschichtliche Perspektive. Um 1900 herrschte eine äußerst strenge Trennung zwischen männlichen und weiblichen Rollenbildern. Schiele soll diese Grenze bewusst überschritten haben. Mit seinen Akt-Selbstbildnissen macht er erstmals den männlichen Körper selbst zum Objekt des begehrenden Blickes. Darstellungen, die zuvor fast ausschließlich Frauen – insbesondere Prostituierten in pornografischen Fotografien – vorbehalten waren, überträgt er auf sich selbst.

Der Spiegel dient dabei nicht lediglich der Selbstbeobachtung. Sykora beschreibt ihn vielmehr als eine Art Pornokamera, in der sich Schiele den traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit verweigert. Seine Figuren schwanken häufig zwischen männlichen und weiblichen Merkmalen. Besonders deutlich wird dies etwa im Aktselbstbildnis grimassierend von 1910. Dieses Bild kann so gelesen werden, als hätte sich Schiele mit weiblichen Genitalien dargestellt.

Egon Schiele: Grimassierendes Aktselbstbildnis, 1910​

Bleistift, Kohle, Pinsel, ​

Deckfarben mit proteinhaltigen Bindemitteln, ​

Deckweiß auf Packpapier​
55,8 × 36,7 cm​
Egon Schiele: Grimassierendes Aktselbstbildnis, 1910​. Bleistift, Kohle, Pinsel, ​Deckfarben mit proteinhaltigen Bindemitteln, Deckweiß auf Packpapier​. 55,8 × 36,7 cm​. Credit: ALBERTINA, Wien

Ein kurzer Exkurs

Hier ein Beispiel erotischer Fotografie um 1900, das ebenfalls weit über die damaligen Konventionen hinausgeht. Es scheint fast so, als ob das Bedürfnis nach Tabubrüchen nicht nur Schiele, sondern auch andere Künstler und Fotografen dieser Zeit erfasst.

Weitere Einblicke in diese Entwicklung könnte die derzeitige Ausstellung The First Homosexuals – Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939 im Kunstmuseum Basel liefern, die ich selbst allerdings noch nicht besucht habe. Läuft noch bis 2. August 2026.

Je neuer die Forschung, desto adäquater die Psychoanalyse

Eine Aussage aus dem Ausstellungskatalog „Wien 1900″ aus dem Jahr 2011 greift Schieles Grimassenbilder auf. Dort heißt es ausdrücklich, solche Selbstbildnisse würden „keineswegs Auskunft über das Psychogramm des Künstlers [geben], sondern sind vielmehr als theatralische Inszenierungen zu verstehen.“

Damit wird der gesamte psychologisierende Zugang grundsätzlich infrage gestellt.

Egon Schiele: Ein weiterer Widerspruch zwischen Persönlichkeit und Bildsprache

Schieles Werke kreisen zwar ständig um Themen wie Melancholie, Einsamkeit, Leiden und Tod. Zeitzeugen beschreiben ihn jedoch als lebensfrohen Menschen mit vielen Freunden. Ähnlich wie Kafka.

Vielleicht liegt die größte psychologische Leistung Egon Schieles also gar nicht darin, seine Seele gezeigt zu haben – sondern darin, uns bis heute glauben zu lassen, wir könnten sie sehen. Ob die Nachwelt wohl jemals seine geheimnisvollen Gebärden deuten können wird? Wohl kaum.


Quellen:

Müller-Tamm, Pia: Sehen zeigen – sehen lassen. Blickinszenierung und Betrachteransprache in Schieles figürlichen Darstellungen. In: Müller-Tamm, Pia (Hrsg.): Egon Schiele. Inszenierung und Identität. Köln 1995, S. 16–43.​

Samola, Franz: Egon Schiele: Symbolistische Todesnähe und expressionistische Gebärde. In: Steffen, Barbara (Hrsg.): Wien 1900. Klimt, Schiele und ihre Zeit. Ein Gesamtkunstwerk. Riehen/Basel 2010, S. 91–95.​

Sykora, Katharina: Performative Selbstinszenierung und Geschlechterirritation bei Egon Schiele. In: Müller-Tamm, Pia (Hrsg.): Egon Schiele. Inszenierung und Identität. Köln 1995, S. 44–65.​

Egon Schiele (österreichischer Maler des Expressionismus 1890–1918). Dokumentarfilm. Regie: Herbert Eisenschenk. Österreich 2018. Erstausstrahlung: ARTE, 21.10.2018. Online verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=n7OZysP3v8I (Zugriff: 14.07.2026).​ (Weiter oben eingebettet).

Schiele, Egon: Ein Selbstbild (Gedicht, 1910). In: Egon Schiele Datenbank der Autografen. Online verfügbar unter: egonschiele.at (Zugriff: 15.07.2026).

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Kunst

War Wassily Kandinsky wirklich Synästhetiker?

Die allermeisten Quellen zu Wassily Wassilivitsch Kandinsky, die uns in der Kunstgeschichte begegnen werden, beteuern, er sei Synästhetiker gewesen. Nicht Prof. Dr. Andrea Gottdang. In ihrem Buch Vorbild Musik: Die Geschichte einer Idee in der Malerei im deutschsprachigen Raum rollt sie diese Behauptung wieder auf und fechtet sie an. Sie zeigt, dass ebensowenig Anhaltspunkte vorliegen, um dem Künstler eine Synästhesie zuzuschreiben als auch abzuschreiben. Letztlich stellt sie, wenn auch nur subtil, die Frage, ob dies denn überhaupt eine außerordentliche Rolle für sein Lebenswerk spielen würde. Wenn ihr mich fragt: nö.

Porträt von Wassiky Kandinsky. Der Künstler sitzt am Tisch und schaut in die Kamera
Wassily Kandinsky 1912/13. Copyright: IMAGO / Bridgeman Images

Wassily Kandinsky: Wie wirkt Farbe auf den Menschen?

Ein zentrales Anliegen Wassily Kandinskys war die Frage, wie Farbe auf den Menschen wirkt. Dabei unterschied er zwischen einer rein physischen und einer psychischen Wirkung der Farbe.

Während die physische Wirkung das unmittelbare Sehen samt körperlicher Reaktion darauf betrifft, richtet sich die psychische Wirkung an die Seele des Betrachters. In Über das Geistige in der Kunst formuliert Kandinsky, dass „jede Farbe die Erinnerung an ein anderes, physisches Agens weckt, das ähnliche seelische Vibrationen verursachte wie die Farbe selbst“. Für ihn beschränkte sich Farbwahrnehmung daher nicht allein auf das Sehen. Vielmehr seien alle Sinne beteiligt: Farben könnten als glatt oder rau, samtig, weich oder hart empfunden werden. Auch das weit verbreitete Empfinden warmer und kalter Farben stammte daher.

Kandinsky versuchte, diese Überlegungen durch zahlreiche Beispiele zu untermauern. Gleichzeitig hoffte er, dass eines Tages allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten der Farbwirkung wissenschaftlich nachgewiesen und systematisiert werden könnten. Ihm war jedoch bewusst, dass jede Farbempfindung immer auch vom individuellen Menschen abhängt. Eine wissenschaftlich fundierte Farbtheorie müsse deshalb gerade auch die Sonder- und Ausnahmefälle erklären können.

Farben und ihre Wirkung

Die Bedeutung der Farben changierte bei Kandinsky im Verlauf der Schaffensjahre. So beschrieb er zunächst die Wirkung der Farben.

Rot wirkte auf ihn lebendig bis unruhig

blau: himmlisch und trat auch als die Farbe des Geistigen auf.

gelb: Aktivität und Helligkeit

grün: Passivität und Selbstzufriedenheit

Später ging er sogar so weit, einzelnen Farben bestimmte Musikinstrumente zuzuordnen. Das Cello etwa klang für ihn blau und die Flöte gelb.

Improvisation 10, 1910

Einflüsse auf Kandinskys Frabtheorien

Bei seiner Suche nach Erklärungsmodellen beschäftigte sich Kandinsky nachweislich unter anderem mit dem theosophischen Gedankengut. Dass er entsprechende Schriften kannte, gilt als gesichert. Weniger eindeutig ist jedoch die Frage, ob diese Vorstellungen seine künstlerische Praxis tatsächlich beeinflussten. Auffällig ist jedenfalls, dass er sich teilweise vom naturwissenschaftlich Erklärbaren ab- und spekulativeren Konzepten zuwandte. Dazu zählt etwa die Chromotherapie, die davon ausgeht, Krankheiten durch die gezielte Anwendung bestimmter Farben heilen zu können. Gleichzeitig scheint Kandinsky durchaus bewusst gewesen zu sein, dass sich seine Überlegungen nicht an jedermann richteten, sondern vielmehr an besonders sensible Menschen.

In diesem Zusammenhang spielen die sogenannten Gedankenformen von Annie Besant und Charles W. Leadbeater eine wichtige Rolle. Diese sollten veranschaulichen, dass Gedanken und Gefühle nicht unsichtbar bleiben, sondern eine eigene Form annehmen können. Ähnlich wie die theosophische Aura seien Gedankenformen nur für besonders sensible Menschen wahrnehmbar. Während die Aura jedoch ein Individuum wie eine Wolke umhüllt, seien Gedankenformen weder persönlicher Natur noch an eine bestimmte Person gebunden, sondern bewegten sich frei im Raum.

Jetzt wird’s esoterisch: Die drei Klassen von Gedankenformen

Besant und Leadbeater unterscheiden drei Klassen von Gedankenformen. Die erste Klasse nimmt die Gestalt des denkenden Menschen an, etwa wenn dieser sich gedanklich an einen anderen Ort versetzt, wo seine Gedankenform von Hellsehern bemerkt werden kann. Die zweite Klasse bildet konkrete Vorstellungen nach, beispielsweise Personen oder Landschaften. Erst die dritte Klasse kann in eigenständige, abstrakte Formen übersetzt werden. Sie bringt Gefühle wie Liebe, Andacht oder Zorn sowie Gemütsbewegungen bei außergewöhnlichen Ereignissen wie einem Schiffbruch oder einer Theaterpremiere zum Ausdruck. Gerade diese dritte Klasse gilt als bildlich darstellbar, da die beiden ersten Klassen lediglich wie gewöhnliche Porträts oder Landschaften erscheinen würden. Lassen wir einfach mal so stehen.

Besant übertrug dieses Modell sogar auf die Musik. Nach ihrer Auffassung besitzt jedes Musikstück eine eigene Gedankenform. Wie diese im Einzelnen ausgesehen haben soll, lässt sich heute allerdings kaum noch nachvollziehen.

Musik in der Kunst von Wassily Kandinsky

Dass Musik für Kandinsky eine zentrale Rolle spielte, zeigt sich auch unabhängig von der Theosophie. Er stand im Austausch mit Arnold Schönberg, einem Musiker, und lebte in einer Zeit, in der die Vorstellung einer „musikalischen Malerei“ sich immer weiter verbreitete.

Die Namensgebungen vieler seiner abstrakten Werke, also Improvisationen und Kompositionen sind auf die Verbindung von Malerei und Musik zurückzuführen. Werke wie Improvisation 2 (1909), gehen sogar noch konkreter auf einzelne Musikwerke ein, in diesem bestimmten Fall etwa Chopins Trauermarsch.

Studie zu Improvisation Nr. 2 (Trauer-marsch), 1909. Quelle: Lenbachhaus München

Das ist de Anhaltspunkt für Kandinskys angebliche Synästhesie

Um nun auf den Anfang zurückzukommen: Immer wieder wird in diesem Zusammenhang behauptet, Kandinsky sei Synästhetiker gewesen. Tatsächlich hat er selbst dies jedoch nie von sich behauptet, obwohl er sich dieses Phänomens bewusst war. Zumal es zu seiner Zeit auch en Vogue war, solche Phänomene bei sich selbst zu beobachten.

Die Annahme des Farbenhörens bei Kandinsky stützt sich vor allem auf seine Schilderung einer Aufführung von Wagners Lohengrin, bei der sich Farben vor sein inneres Auge geschoben hätten, wie er selbst beschrieb. Dieses Erlebnis gilt häufig als wichtigster Beleg für eine synästhetische Wahrnehmung. Wo Andrea Gottdang Gott sei dang höhö wiederum den Finger reinlegt und sagt: nein. Das ist viel zu, achtung, abstrakt. Ne, hat sie natürlich nicht so gesagt, aber auch gezeigt, dass es nicht als das Schlüsselereignis angesehen werden kann, warum Kandinsky erstens in die Kunst ging, obwohl er eigentlich Anwalt war, und zweitens später dann abstrakte Kunst machte und somit eine völlig neue Art schuf, Kunst zu machen, die, wenn wir uns den heutigen Kunstmarkt ansehen, dominierend auftritt.

Wassily Kandinsky - Die Welt hinter den Dingen (russischer Maler, abstrakte Kunst, 1866-1944)
Tolle Reportage! Aber auch hier wird Kandinskys Synästhesie als unanfechtbares Faktum aufgeführt.

Unbefriedigendes Fazit: War Wassily Kandinsky nun Synästhetiker?

Um es auf den Punkt zu bringen: Ob Kandinsky tatsächlich Synästhetiker war, sollte durchaus kritisch betrachtet werden. Und das ist der wahrscheinlich wichtigste Impuls, den Gottdang ihrem Leser mitgibt: nicht einfach das hinzunehmen, was jahrzehntelang von Quelle zu Quelle abgeschrieben wird. Denn viele dieser Ansätze scheitern an ihrer fehlenden Objektivierbarkeit. Das bloße Verwenden farbmusikalischer Metaphern reicht dafür nicht aus, um Kandinsky nachträglich irgend eine Art von Diagnose zuzuschreiben. Ebenso seriös wäre es, mit unseren heutigen Kenntnissen von der sehr ungenauen Wissenschaft Psychologie, Kandinksy nachträglich ins autistische Spektrum einzuordnen, wenn es auch darauf den einen oder anderen Hinweis gibt.

Und gerade diese kritische Einordnung macht deutlich, dass zwischen Kandinskys theoretischen Überlegungen, möglichen theosophischen Einflüssen und seiner tatsächlichen Malerei sorgfältig unterschieden werden muss. Zumal auch die große Vielfalt an Einflüssen auf Kandinskys Kunst beachtet werden sollte. Lebensumstände, wie etwa mehrere Fluchten wegen politischer Umstände in Russland und Deutschland, Kandinskys grenzenlose Offenheit gegenüber interdisziplinären avantgardistischen Strömungen, seine Spiritualität, sowohl im esoterischen als auch religiösem Sinne, natürlich die Musik, Kunst und Philosophie all das sind unter anderem Bausteine, die Kandinskys Geist befeuerten, sodass er seine Kunst schuf. Und: er war ständig auf der Suche nach diesen Eindrücken.

Heiliger Wladimir​ (1911)
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Kultur

Ich liebe zwei Männer: Serj Tankian und Daron Malakian

„Komm auf die dunkle Seite.“ Mit diesem Satz drücken mir meine Freundinnen Phyllis und Julie in der siebenten Klasse ein Album in die Hand. Auf dem Cover stand „Toxicity“. Das Design erinnerte an den Hollywood-Schriftzug. Es war von System Of A Down.

Wenig später sitze ich zu Hause vor dem Recorder, nehme die CD aus der Hülle, lege sie ins Laufwerk und drücke auf Play. Prison läuft. Ich verliebe mich in diesen Song vom ersten Takt an, auf den diese künstlerische Pause folgt. Warum diese Musik mein 12-jähriges Gemüt so durchdrang, kann ich bis heute nicht vollständig erklären. Sie war irgendwie der Spiegel meiner Seele. Die Texte verstand ich damals noch nicht so.

System Of A Down - Prison Song (Music Video)

20 Jahre später flasht mich SOAD immer noch

Fast zwanzig Jahre später sitze ich da, höre Hypnotize, Toxicity, Mr. Jack, Aerials und denke über zwei Männer nach, die mich länger begleiten als die meisten Menschen in meinem Leben: Serj Tankian und Daron Malakian. Meine zwei unerforschten Lieben.

System Of A Down - Hypnotize (Official HD Video)
Banger. Ich kanns 60 Mal hintereinander hören und kriege auch beim 61sten Mal Gänsehaut.

Bei Serj ist es zunächst die markante Stimme. Noch faszinierender finde ich allerdings, dass er sich musikalisch jede Freiheit nimmt, seine Persönlichkeit auszuleben. Vielleicht mittlerweile nicht mehr so krass. Das, was ich bei den Bühnenauftritten sehe, ist, dass er möglicherweise die Schnauze langsam voll hat von dem Ganzen. Dennoch ist es immer noch der Serj, den wir kennen und lieben. Nur eben ein bisschen müde.

Serj Tankian ist neben seiner Musik auch Aktivist

Ich weiß, dass er Aktivist ist und sich seit Jahrzehnten für das armenische Volk einsetzt. Ehrlicherweise verstehe ich davon nicht besonders viel. Auch seine politische Haltung habe ich nie im Detail verfolgt. Ich weiß nur, dass vieles davon in den Songtexten steckt. Und diese Texte haben für mich Tiefe und Wahrheit. Wahrscheinlich höre ich diese Wahrheit aus meiner eigenen Position heraus. Das, was Serj sich dabei gedacht hat, geht vermutlich viel tiefer. Trotzdem erreichen mich seine Worte seit Jahren. Immer wieder aufs Neue. Außerdem liebe ich  Interviews, in denen er ungefiltert seinen schwarzen Humor raushaut. Manchmal sitze ich davor und denke: Dafür hat er mit Sicherheit Konsequenzen getragen.

|Serj’s Advice for young artists| #systemofadown #serjtankian

Und ja, ich finde Serj Tankian unnormal attraktiv. Vielleicht gerade deshalb, weil er kaum Körperlichkeit präsentiert. Er macht keine große Show aus seiner Männlichkeit und wirkt dabei zurückhaltend. Die klugen Augen und der Bart macht das Gesamtbild natürlich noch spannender. Meiner Meinung nach, einer der wenigen Männer, die mit Bart besser aussehen als ohne.

System Of A Down: Daron Malakian

Und dann gibt es da noch Daron Malakian. Lange habe ich ihn hauptsächlich als den zweiten Mann neben Serj wahrgenommen. Erst viel später wurde mir bewusst, wie wichtig er für die Band eigentlich ist. Tatsächlich stammt ein großer Teil der Musik von ihm. Vielleicht habe ich deshalb angefangen, ihn mit anderen Augen zu sehen. Heute finde ich ihn sogar fast schon anziehender.

Daron Malakian
Daron Malakian in jungen Jahren. Copyright IMAGO / ZUMA Press Wire

Daron ist für mich Chaos und Charisma. Exzentrisch, mit verrückten Augen – genau mein Geschmack. Am liebsten mag ich ihn, wenn er singt. Es gibt diesen einen Auftritt, den viele Fans hassen. Ein chaotisches Konzert, bei dem einige behaupten, die Band sei auf Drogen gewesen. Dabei hat sich System Of A Down immer klar gegen Drogen positioniert. Was ich auch sehr gut finde. Daron performt dort einen Song auf eine Weise, die auf keinem Album existiert. Seine Stimme, Emotion, Energie. Ich liebe alles daran. Sogar Darons Poporitze, die hin und wieder durch die Bühne blitzt. Ich würde mich wahnsinnig über ein Konzert freuen Live habe ich System Of A Down nie gesehen. Normalerweise gehe ich ausschließlich in klassische Konzerte. Trotzdem träume ich von einem SOAD-Konzert.

System Of A Down - DAM live [ROCK AM RING 2002]

Vielleicht liegt meine Faszination für Serj Tankian und Daron Malakian auch daran, dass sie Eigenschaften verkörpern, die ich grundsätzlich toll finde. Ich hab’s ein bisschen mit Musikern. Das hat mich in meinem Leben schon mehr als einmal in die Scheiße geritten. Ich mag Menschen, die ihre Gedanken klar und direkt formulieren. Menschen, die keine Angst vor Regierung oder Gesellschaft haben. Menschen, die frei und nicht ganz vollständig zurechnungsfähig sind. Das finde ich schon anziehend. Vielleicht ist genau das die Antwort auf eine Frage, die ich mir seit zwanzig Jahren stelle und womöglich liebe ich nicht nur Serj Tankian und Daron Malakian. Vielleicht liebe ich die künstlerische Freiheit, die beide verkörpern. So genau kann ich diese Faszination aber nicht erklären. Deshalb bleibt es wohl dabei: Eine unerforschte Liebe.


Copyright Titelbild: IMAGO / Berlinfoto

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Kunst

Joerg Eyfferth: Ein Realist der Extraklasse

Faszination Glas und Metall: In der Galerie Supper in Baden-Baden wird derzeit ein außergewöhnlicher Künstler des Realismus ausgestellt: Joerg Eyfferth. Bis zum 12. Juli 2026 könnt ihr dort seine Werke sehen. Bis zum 12. September ist dies nur noch nach Terminvereinbarung möglich.

Was steckt hinter seinen Gemälden? Bei seiner Vernissage verriet er es mir.

So entwicktelte sich Joerg Eyfferths Kunst

Kaum ein anderer Künstler kann Glas und Metall so lebendig und hyperrealistisch wiedergeben wie Eyfferth. Alles begann mit einer Schale. Im Kurzfilm unten zeigt er sie sogar. Zunächst wollte er ihre Oberfläche erkunden. Später kamen Transparenz und Farbigkeit hinzu. Einen festen Plan habe es dabei nie gegeben, sagt er. Seine Ideen entstehen nicht nach Konzept. „Ich sehe etwas, bin begeistert und muss es machen.“ Entscheidend sei, dass ihn ein Motiv wirklich packe. Er müsse dafür brennen, „richtig Bock drauf haben“. Erst wenn es ihm „in den Fingern juckt“, beginnt der Schaffensprozess.

Mit der Zeit richtet sich sein Blick immer stärker auf winzige Details. In Metallschalen entdeckt er Spiegelungen, die er hin und wieder ins Sujet einbaut. Äpfel und Kirschen betrachtet er so genau, dass ihm selbst die feinsten Sprenkel unter ihrer Oberfläche auffallen. Diese Beobachtungen werden zu einem sehr wichtigen Punkt seiner Arbeiten.

Joerg Eyfferth 2009
Ein Film mit und über Joerg Eyfferth aus dem Jahr 2009, der sehr gut das Wesen und die Arbeitsweise wiedergibt.

Kunst und Politik

Was mich immer wieder interessiert, ist, was Künstler über die Aussage meines Professors der Kunstgeschichte „Jede Kunst ist politisch, auch wenn sie unpolitisch ist“ denken. Es beschäftigt mich, weil ich einerseits weiß, dass der Mann wohl gute Gründe hat, um so etwas zu äußern, andererseits bin ich als Journalistin sehr vorsichtig mit solch absolutistischen Feststellungen, die zudem auch der Politik eine Macht zuschreiben, die sie gar nicht haben sollte.

Joerg Eyfferths Position finde ich dabei sehr kraftvoll: „Politische Kunst ist eine individuelle Lebenseinstellung. Die Kunst muss nicht politisch sein. Die Kunst muss gar nichts“, sagt er mir. Eine Botschaft wolle er nicht transportieren. „Politik hat keinen Platz in meiner Kunst.“

Das innere Bedürfnis

Malen ist für Eyfferth ohnehin keine Frage der Umstände. „Ich würde auch auf einer einsamen Insel malen“, sagt er; er muss das einfach machen, anders geht es gar nicht. Während des Malens denke er an nichts. Vielmehr stehe der Prozess selbst im Mittelpunkt. Darüber hinaus tragen die heutigen Bilder bewusst keine Titel. Sie sind durchnummeriert, was einen Interpretationsraum durchaus klein hält.

Mit dieser Technik arbeitet Joerg Eyfferth

Ölfarben waren nicht von Anfang an sein Medium. Im Laufe der Zeit experimentierte Jörg Eyfferth mit Beschleunigern und Verzögerern, mittlerweile arbeitet er am liebsten mit Leinöl. Seine Bilder entstehen in mehreren Schichten – etwa sieben sind es, die er in feinen Lasuren übereinanderlegt.

Auch die Rahmung gehört für ihn zum Werk. Zwischen Bild und Rahmen bleibt immer ein schmaler Spalt. Wichtig sei ihm, dass das Werk von der Wand getrennt ist und zugleich für sich selbst steht. Die Rahmen sind schlicht und elegant, meistens grau. Mittlerweile macht Eyfferth sie selbst.

Werke und Motive

Auf mehreren Gemälden sind Flaschenhälse zu sehen. Die hat der Künstler wie Porträts aufgebaut: Kopf, Hals, Körper. So wirken die Glasflaschen beinahe personifiziert. Aber das wäre wieder zu interpretativ formuliert. Vielmehr ist es wahrscheinlich wieder der Respekt des Künstlers dem Material Glas gegenüber. Stillleben mit Gläsern und Tüchern hatte er in einer Schaffensphase auch vermehrt gemalt, doch hatte sich irgendwann an ihnen sattgesehen.

Für eines der Bilder, das derzeit in der Galerie Supper ausgestellt wird, hat Joerg Eyfferth 28 Jahre gebraucht. „Es kam immer wieder was dazwischen. Das eine Bild, das andere“, erklärt er mir schmunzelnd. Er arbeitet immer parallel an mehreren Bildern.

Künstlerische Entwicklung und Vita

Sein Talent entdeckt er früh. „Ich war schon immer der in der Schule, der zur Tafel geholt wurde, wenn etwas gemalt werden musste“, erinnert er sich. Er hielt an seiner Gabe fest, arbeitete im jugendlichen Alter viel mit Pop-Art. Die erste Ausstellungsbeteiligung folgte mit 17 Jahren. Später war er mehrere Jahre vorübergehend in der Musik unterwegs, lebte sozusagen einen Rock’N’Roll Lifestyle, wie es sich gehört. Hier findet ihr konkrete Eckdaten zu Vita, Engagement und Preisen.

Das sagt Galerist Dirk Supper

„Die Schau in der Galerie entstand relativ kurzfristig. Wir sahen die Ausstellung ‚Wettstreit mit der Wirklichkeit 60 Jahre Fotorealismus‚ und dachten uns, dass unbedingt auch ein deutscher Realist in Baden-Baden repräsentiert werden muss.“


Weitere Infos zum Künstler findet ihr hier.

Zur Website der Galerie Supper geht’s hier.

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Kultur

Buchempfehlung: „Das Geheimnis der hohen Eich“ von Rahsan Dogan

Wie wirkt sich eine Diktatur auf das Leben und die Entscheidungen einzelner Menschen aus? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Lesung von Buchautorin Rahsan Dogan in der Neuen Fledermaus in Karlsruhe. Mit der musikalischen Begleitung von Dunja Hofheinz stellt sie ihren Roman „Das Geheimnis der hohen Eich“ vor, der den Bogen zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der Gegenwart spannt. Unsere Buchautorin ist gleichzeitig Rechtsanwältin für Scheidungen und Erbrecht während die Musikerin Standesbeamtin ist. Die beiden Frauen, dessen Berufswahl kaum gegensätzlicher sein könnte, verbindet die Kunst und Kultur.

Die Neue Fledermaus Karlsruhe, Veranstaltung. Lesung, Kulturveranstaltung am Wochenende

Lesung in der Neuen Fledermaus

Für mich ist das der erste Besuch in dem ungewöhnlichen Kulturraum „Die Neue Fledermaus“ in Karlsruhe. Durch die Fenster fällt sommerliches Tageslicht. Vor Beginn wird noch gelacht und gestaunt: Ein Paar aus dem Publikum erzählt, wie es einst unbeabsichtigt in Handschellen geheiratet habe, nachdem sich der Trauzeuge einen Scherz erlaubt hatte. Wenige Minuten später weicht die heitere Stimmung einer fast greifbaren Konzentration.

In dem Roman steht der Ort die Hohe Eich bei Karlsruhe im Fokus. Die erzählende Protagonistin ist Juristin, wie auch die Autorin. Sie findet einen künstlich angelegten Erdwall im Wald, im Bereich der Hohen Eich. Die Neugierde packt sie und sie gelangt in die kleine Hütte, die seit dem Zweiten Weltkrieg kaum von einer anderen Person betreten wurde. Der Fund, den sie dort macht, verschlägt ihr die Sprache: Ein Jutesack mit Reichsadler, ein Hakenkreuz.

Rahsan Dogan: Stil, Spannung, Sprache

Rahsan Dogan benutzt eine klare, bildliche Sprache. Die Spannung baut sie Schritt für Schritt auf. Während sie aus ihrem Buch vorliest, habe ich das Gefühl, mitten in der Szene zu stehen. Fast alle meine Sinne werden angesprochen. Ich kann mir genau vorstellen, wie diese gottverlassene Hütte von innen aussieht, wie es darin riecht. Dogan liest konzentriert, zugleich lebhaft. Im Publikum herrscht absolute Stille.

In der Hütte findet die Erzählerin einen Blechkasten. Der Inhalt: amtliche Papiere, ein Stoffbeutel, Kennkarten eines Mannes und einer Frau. Er hatte ein Rangabzeichen der Waffen-SS. Die dritte Kennkarte war ohne Bild. Dafür mit einem großen „J“ gekennzeichnet. In dem kleinen Beutel ein Ring mit zwei Herzen. Des weiteren findet die Erzählerin ein Tagebucht, das sie in die Kriegsjahre zurückversetzt. Es gehörte Rudolf Heinrichs, dem SS-Mann. Das darin festgehaltene Gedankengut war allerdings nicht SS-typisch.

Er beschreibt heimliche Treffen mit und die Liebe zu einer Jüdin. Laut Einträgen hieß sie Frieda und lebte im Wald. Wohl, um sich vor den Nazis versteckt zu halten. Heinrichs beschrieb sie als die perfekte Frau, „mit einem Makel“.

Lesung musikalisch unterrahmt

Das Programm wird durch musikalische Zwischenspiele abgerundet, die Dunja Hofheinz zurückhaltend einsetzt. Sie spielt und singt etwa Ozzy Osburnes „Changes“, sehr gefühlvoll und fast tragisch. Die Musik verbindet die Zeitebenen des Romans miteinander, und gibt der Lesung eine sehr individuelle und emotionale Note. Die Gäste der Neuen Fledermaus werden nachdenklich.

Es wird spürbar, wie der NS im Verlauf des Regimes immer weiter in die Intimsphäre der Menschen eingreift. Damit verändert sich auch das Denken und Handeln der Menschen. Letztlich finden Bücherverbrennungen statt, die von den Nazis gezielt vorbereitet wurden. Während Rudolf Heinrichs dem SS-Regime anfangs noch misstrauisch gegenüber war, schien er im weiteren Verlauf die Bücherverbrennung zu befürworten, wenn auch etwas zwiespältig. Zudem suchte er sich eine neue Liebschaft, mit der er sich öffentlich blicken lassen konnte. Sie ist eine Denunziantin, die voll und ganz hinter dem Führer zu stehen scheint. Ein Tagebucheintrag aus dem Jahr 1943 beschreibt, wie er die neue Frau in seinem Leben Frieda gegenüber erwähnt. Daraufhin will Frieda nicht mehr leben. Damit enden die Einblicke in den Roman von Rahsan Dogan.

Fazit: Rahsan Dogans Roman „Das Geheimnis der hohen Eich“

Ein historisch gut recherchierter Roman, der auch mit etwas Fiktion spielt, die wiederum gar nicht so abwegig zu sein scheint, da sie vielmehr die Legenden, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, befeuert. Dogan legt hohen Wert darauf, einen exakten Bezug zu der Region zu haben, über die sie schreibt, kann Stimmungen besonders markant wiedergeben und die Spannung bis ins unermessliche steigern. Daher ist ihr Roman „Das Geheimnis der hohen Eich“ eine klare Buchempfehlung, die sich nicht nur für Menschen aus der Region eignet, sondern alle, die außergewöhnliche Liebesgeschichten, Krimis und Kriegsromane lieben.

Das Buch kann überall bestellt werden und kostet 16 Euro. ISBN: 978-3-95505-547-9.

Gerne – ich habe den Text nur geglättet, Wiederholungen reduziert und die Reihenfolge etwas logischer gemacht, ohne Inhalte hinzuzufügen.

Rahsan Dogan als Autorin aus und für Karlsruhe

Ein brandneues Buch von Preisträgerin Rahsan Dogan: Der Fall Augustenberg. Viel verrät sich nicht über die Handlung, nur grob, dass es um eine Suche nach Kunst und Epochen geht. Während der Literaturtage wird Dogan daraus öffentlich lesen.

So beginnen bei ihr die Ideen:  „Ich sehe Orte und denke mir: Da könnte etwas passiert sein.“ Sie lässt sich von ihrer Stadt und dessen Historie inspirieren. Geboren ist sie in Karlsruhe und war schon immer neugierig auf ihre Umgebung. Je nach Stadtteil habe sich die Stadt sehr unterschiedlich entwickelt, was ein besonderes Spannungsfeld schafft. „Meine Geschichten müssen hier spielen. So authentisch wie möglich, damit sich der Leser besonders unwohl fühlt, wenn er die Tatorte in meinen Romanen auch noch gut kennt. Für die Menschen wirkt das realistischer.“

Geschichten, die man schreibt – egal in welchem Genre –, brauchen einen nachvollziehbaren Lokalbezug, findet Dogan. Ganz fiktive Orte liest sie selbst nicht so gerne. „Dafür bin ich zu realistisch. Eine erfundene Insel ist mir daher viel zu abstrakt.“

Und was das Schreiben über den zweiten Weltkrieg angeht: „Ich frage mich immer: Worüber reden die Menschen noch heute? Aus welcher Vergangenheit?“ Dabei habe sie festgestellt: „Der Krieg beschäftigt viele bis heute.“


Weitere Infos gibt es hier.

Eckdaten zur Autorin findet ihr hier.

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Reisen

Der „verbotene Strand“ von Teneriffa

Wenn ich nicht weiß, was ich auf einer Reise unternehmen soll, gehe ich tief in mich hinein. Dort lausche ich dann meinem Herzen, meinen Bedürfnissen. Am Tag vor meiner Abreise hatte ich wohl Lust auf den „verbotenen Strand“, auf dem ich die Tage zuvor bereits war. Also machte ich mich auf den Weg, kletterte über jenen Zaun, passierte das Baustellennetz mit den Verbotsschildern und ging den steilen Pfad hinunter.

Verboten war das Betreten des Strandes wegen Einsturzgefahr. Die betraf definitiv den Pfad, der zum Strand hinunter führte. An einer Stelle war er wohl wegen eines Erdrutschs bereits eingestürzt und somit nicht sicher. Mich und vereinzelte andere Abenteuerlustige hielt das aber nicht davon ab, unseren Spaß zu haben. Die meisten ließen sich jedoch von den Verbotsschildern einschüchtern. Besser für uns so hatten wir alle viel mehr von unserem „verbotenen Strand“.

Erstmals betrat ich ihn zu meinem 30sten Geburtstag. Ich fand ihn durch Zufall. Hier kannst du genauer nachlesen, wie es dazu kam. Der Ausblick war wuchtig. Hier hatte man freie Sicht auf zwei gigantische Vulkanfelsen, die über Jahre vom Salz der mächtigen Wellen abgetragen wurden, sodass einer von beiden wie eine naturgemachte Arc de Triumphe aus dem Wasser empor ragte.

Teneriffas Vielfalt an Gesteinsarten und Meeresbewohnern

Alle Steine hier waren erstaunlich. Ein Bereich bestand aus glatten, runden Steinen. Schwarz, Grau; manche porös wie es sich für Vulkangestein eben gehört. Perfekt rund, dadurch dass sie alle vermutlich schon lange dem Salz des Ozeans ausgesetzt sind. Ein weiterer Abschnitt war durch mächtige Gesteinklotzen besetzt, die in der Sonne glänzten so, als seien sie nass. Waren sie aber gar nicht. Vielmehr waren sie trocken und warm; nur hatten sie diese faszinierend glatte Oberfläche. Auf ihnen lebten kleine Krabben, Muscheln, und Meeresschnecken, die sich mit jedem Schritt, den ich näher kam immer weiter verkrochen.

Als ich die glänzenden Steine näher begutachtete, bekam ich große Lust, über sie zu spazieren. Von einem Stein auf den anderen zu hüpfen. Zu sehen, wie die Wellen alles mit ihrem Schaum bedecken. Neue Blickwinkel meines „verbotenen Strandes“ zu entdecken. Ich liebte alles an meinem Strand. Meine Lust zu klettern brachte mir fast den Tod. Daher achtet, wenn ihr sowas macht, auf das richtige Schuhwerk. Aber damit war meine Lust nach Adrenalin nicht gestillt. Von einem Stein aus sah ich eine natürliche Höhle, die wie eine kleine Lounge für Meeresfreaks aussah.

Ab zum Wildpfad

Und da auch die nicht genug war, kletterte ich den Berg hinauf, der mich zum Wildpfad führen würde. Ich hatte Angst, aber auch viel zu viel Spaß. Der weg war trocken, staubig, eng. Auch hier bestand höchstwahrscheinlich Einsturzgefahr. Die Aussicht war es aber wert. Hier oben fand ich Frieden.

Oben angekommen kletterte ich erneut über Zäune, um wieder auf den „legalen“ Pfad zu gelangen. Ich hatte richtig Spaß. Am schönsten fand ich die Vegetation: Kakteen, Löwenzahn, der ganz und gar nicht so aussieht wie der bei uns, Kamille, wilde Blümchen, fikusartige Gewächse. Für mich war diese Vielfalt auf Teneriffa pure Exotik. Besonders beeindruckend fand ich es, die gigantischen Wellen auch mal von Hinten zu sehen. Wie sie langsam in Richtung Strand ankommen, sich auftürmen, wie sie sich an den Steinen zerschlagen einfach traumhaft schön.

Ich könnte wetten, dass dieser wilde Strand bald schon wieder zugänglich und ungefährlich ist. So können ihn viel mehr Menschen aus der Nähe erleben.

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Kultur

Ballett-Gala Baden-Baden: Die Sprache der Seele

Die schwere Struktur des roten Samtvorhangs wird von den Scheinwerfern erleuchtet. Acht kleine Spalten zwischen seinem Ende und dem Boden der Bühne gewähren einen Einblick in das Blaue, noch Undefinierbare, das sich dahinter verbirgt. Wenn ich mich im Saal des Theaters in Baden-Baden umsehe, zähle ich viele Fächer und hin und her wedelnde Programmblätter und spüre die heiße Sommerluft. Jeden Moment geht es los.

Vorhang auf im Theater Baden-Baden

Dann fällt der Vorhang. Nach und nach füllt sich die Bühne mit sechs, dann zwölf, dann 18 Grazien, die das Publikum mit ihrem synchronen Tanz in den Bann ziehen. Das Bühnenbild bleibt fast vollständig leer. Nichts lenkt ab. Die Leere scheint mir gewollt. Sie gibt den Tänzerinnen und Tänzern den Raum, jede Bewegung, jede Geste und jede Emotion in den Mittelpunkt zu stellen.

Mit den ersten Takten beginnt eine Reise ohne Worte. Zartheit, Freude, Liebe, Schmerz, Sehnsucht. Sie liegen sowohl in den Choreografien, als auch in den Gesichtern der Tänzerinnen. Selbst die kleinsten Ballerinas erzählen mit ihrer Mimik Geschichten. Sie wirken konzentriert, stolz, einfach entzückend. Es ist, als würden sie das Publikum an die Hand nehmen und in ihre Welt führen. Vor allem der putzige Dalmatiner wird kaum einem Zuschauer aus dem Sinn gehen.

Emotionale Momente während der Ballett-Gala in Baden-Baden

Als die beiden Mädchen, die ich wenige Tage zuvor im Interview kennengelernt hatte, die Bühne betreten, trifft mich die Aufführung mit voller Wucht. Ich wartete bereits auf Mashas und Victorias Auftritte. Nach meinem Gespräch mit Masha Pavlova war ich so überwältigt davon, wie reflektiert und weltoffen sie mit ihren 14 Jahren auf mich wirkte. Wie elegant sie sich artikulieren konnte. Als ich sie während der Ballett-Gala auf der Bühne sehe, erscheint sie mir in einem ganz neuen Charakter: So schwebend und mit dieser glänzenden Hoffnung in den Augen, während sie, wie sie selbst sagte, eins mit der Musik wird.

Und dann das erste Highlight: Die beiden Mädchen tanzen zusammen auf der Theaterbühne.

Masha Pavlova und Victoria Thomas auf der Theaterbühne bei der Ballett-Gala in Baden-Baden.

Immer wieder entstehen Momente, in denen der Saal den Atem anzuhalten scheint. Einer davon ist die „Sehnsucht nach Vergangenheit“. Es geht dabei um eine erwachsene Ballerina, die ihrer Jugend gedenkt. Die Blicke zwischen den beiden Tänzerinnen wirkten so intensiv, dass sie fast greifbar werden. Die Choreographie ist ruhig, mit Bedacht. Kein Wort fällt. Es braucht keines. Jede Bewegung erzählt, wo Sprache gar nicht greifen kann.

Gänsehaut-Momente mit Victoria Thomas als der „sterbende Schwan“

Der „sterbende Schwan“ hinterlässt besonders tiefe Spuren. Ein einzelner Lichtkegel zeichnet Victoria auf der dunklen Bühne. Jeder Flügelschlag ihrer Arme wirkt zerbrechlich, jeder Schritt wie ein letzter Versuch, sich gegen das Unvermeidliche aufzubäumen. Sie ist im Moment; und das Publikum hält den Atem an. 

Neben mir beginnt eine Frau zu weinen. Erst laufen mir die Tränen über das Gesicht, wenig später ihr. Irgendwann sitzen wir einfach gemeinsam in diesem Moment. Zwei Fremde, verbunden durch das, was auf der Bühne geschieht. Als die Musik verklingt, folgt der wahrscheinlich lauteste Applaus des Abends. Wie hat Victoria all das in weniger als drei Jahren gelernt? Das muss mir mal jemand genauer erklären.

Ich habe schon lange nicht mehr geweint. Weder bei klassischen Konzerten, noch in Ausstellungen und schon gar nicht im Theater. Sorry, Theater. Manchmal werde ich emotional, wenn ich vor einem Gemälde stehe, das ich seit meiner Kindheit kenne und es erstmals in Natura sehe. Das kann passieren. Aber Ballett? Das ergriff mich in einem unerwarteten Ausmaß.

Ballett-Gala: Ein Ensemble aus Lebensfreude und Tragödie

Immer wieder wechseln die Stimmungen. Das Programm ist dramaturgisch sehr gekonnt aufgebaut. So können etwa besonders empfindliche Menschen, sich von der Tragik erholen, während kleine Blümchen in bunten Tutus mit ihren fröhlichen Bewegungen wieder für ein kleines Schmunzelchen sorgen.

Kurz darauf sitzen geheimnisvolle Nymphen in einem dunklen Kreis. Eine nach der anderen tritt in die Mitte, tanzt, verschwindet wieder in der Gemeinschaft. Dann wieder füllt Lebensfreude die Bühne, Leichtigkeit löst Schmerz ab.

Wieder beeindruckt mich Victoria. Diesmal mit ihrem Stimmungskontrast. Einmal scheint jede Bewegung von Leid geprägt, im Stück „Giselle Variation“ strahlt sie jedoch wieder eine Leichtigkeit und Glückseligkeit aus, die den gesamten Raum verändert. Die Musik trägt all das.

Mehrere Stücke werden live von der Sopranistin Rebecca Mahfoudhi und der Pianistin Anna Stanimak begleitet. Auch zwischen ihnen und den Tänzerinnen entstehen wortlose Dialoge. Ein kurzer Blick, ein gemeinsamer Atemzug, ein Einsatz im genau richtigen Moment. Musik und Tanz verschmelzen zu einer einzigen Erzählung.

Die Menschen sind begeistert

Im Publikum sitzen viele Kinder. Manche warten voller Aufregung auf den Auftritt ihrer Schwester, Cousine oder Freundin. Andere verfolgen jede Bewegung auf der Bühne mit großen Augen. Während der Schlussapplaus immer lauter wird, springen die ersten Besucher auf. Standing Ovations.

Der Applaus will kaum enden. Menschen jubeln, rufen, klatschen minutenlang. Einen derart langen und lauten Schlussapplaus habe ich im Theater Baden-Baden bislang noch nicht erlebt. Ich war aber auch nicht bei jeder Aufführung. Es dauert, bis sich der Saal sich langsam leert. Viele verlassen ihre Plätze nur zögerlich. Manche lächeln. Andere wirken nachdenklich. Einige trocknen sich unauffällig die Augen. Die Hingabe, mit der alle Beteiligten diese Kunst auf die Bühne brachten, zeigt ihre Wirkung. 

Stefan Hammel, Sie sind ein Genie!

Wer Stefan Hammel schon ein Mal erlebt hat, spürt schnell, wie viel seiner Seele in dieser Arbeit steckt. Seine Leidenschaft endet nicht bei ihm. Sie lebt weiter in den Kindern, Jugendlichen und Tänzerinnen. Seine Impulse werden größer, weil sie von so vielen Menschen weitergetragen werden und diese Kunst am Leben halten.

Vielleicht war es auch dieses Gefühl, das mich so tief berührt hat: dass an diesem Abend etwas sichtbar wurde, das in Baden-Baden längst nicht mehr selbstverständlich ist eine große Balletttradition, getragen von Menschen, die sie mit Leidenschaft und Hingabe lebendig halten.

Der Vorhang schließt, die Gala neigt sich dem Ende

Als sich der Vorhang endgültig schließt, bleibt davon mehr zurück als die Erinnerung an einen gelungenen Galaabend. Es bleibt das Gefühl, dass manche Geschichten keine Worte brauchen.

Für mich ist es erstaunlich, was Stefan Hammel aus den Mädchen (es sind überwiegend Mädchen, aber nicht ausschließlich) rausholt. Im Tanz zeigen sie sich frei, diszipliniert, majestätisch. Die Choreographien, das Kostüm und das Selbstbewusstsein der Frauen und Mädchen waren für mich ein Hinweis darauf, dass Hammel Frauen als die göttlichsten aller Geschöpfe sieht. Ich fand es richtig schön, wie stolz er bei unserem Interview erzählt hatte, dass bei ihm alle Bodytypes mittanzen. Diese Vielfalt an Körperformen, Charakteren, Temperamenten, Nationalitäten durch den Ballett vereint zu sehen, war ergreifend.

Besonders nach dieser Gala sehe ich ihn als „Человек с большой буквы“. Ich meine, durch den Tanz erkannt zu haben, wie er in den jungen Menschen, die in seine Ballettschule kommen, Anmut, Eleganz und Ausdruck ausbaut. Wie er Kinder zu Künstlern macht. Wie er den Theatersaal füllt, Standing Ovations und Zurufe der Begeisterung auslöst. Er lebt für die Kunst. Egal, wie sehr das manchmal wehtun kann (ich projiziere da an dieser Stelle einfach mal meine eigene Erfahrung und die vieler anderer, die für die Kunst leben, hinein.) Ich warte sehnsüchtig auf das nächste Konzert und bin schon ganz gespannt darauf, ob wir auch den Maestro mal persönlich auf der Bühne sehen.

In ewigem Applaus,

Madlen.

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