Schon beim Betreten der Neuen Fledermaus fällt der Blick auf die königlichen Stühle und Sessel. An einer Wand hängt eine menschengroße Installation aus Zeitung und Pappmaché; darüber ein Projektor, daneben eine kleine Lampe an der Decke. Darunter der alte, massive Holztisch, an dem Rahsan Dogan aus ihrem Buch vorliest.
Es ist der spannungssteigernde Kontrast zwischen dem hellen Raum, in dem der Abend anbricht und Ondine Dietz in ihren schwarzen Gewändern. Hier wirkt sie anders als in unserer gewohnten Umgebung. Aber nicht minder Diva. Sie hat dieses Leuchten in den Augen, das ich von meinem Vater kenne, wenn er gerade über das Schwarze Meer segelt. Ondine ist der Puls und der Takt des Hauses: Aufmerksam, redegewandt, unterhaltend. Ich fühle mich wie in ein Portal gefallen, das mich in die Tiefe des menschlichen kreativen Geistes zieht. Jedes verwinkelte Zimmer, das weiter in das alte Haus führt, führt auch tiefer in Ondines Welt hinein. Irgendwie eine Art Wohnzimmer, mehr aber ein geheimer Salon.
Draußen bleiben Passanten vor einem Schaufenster mit geheimnisvollen Objekten stehen, das ich erst tief in der Nacht, nach dem Verlassen der Neuen Fledermaus, betrachtete. Als ich ging, hatte ich das Gefühl, einen neuen Einblick in Ondines Wesen gewonnen zu haben. Einen Überblick darüber, wie tief das eigentlich geht. Wofür sie lebt – wofür sie steht. Das hat sie mir bei unserem Interview in ihrer Küche erzählt…

Die Neue Fledermaus in Karlsruhe: Interview mit Ondine Dietz
avecMadlen: Erinnerst du dich an den Moment, in dem du beschlossen hast: „Ich mache das jetzt wirklich“?
Ondine Dietz: Ich saß in deinem Stuhl. Sie deutet darauf. Und ich hatte eine Vision: einen Bogen zu spannen – von der historischen Karlsruher Avantgarde, über die leider viel zu wenig bekannt ist, bis hin zur heutigen, die durch ihre vielen Off Spaces so etwas wie eine geheime Kunstszene birgt.
„Die Neue Fledermaus“ – im Ohr klang der Name des berühmten Wiener Avantgarde Cabarets – sollte ein Ort der Recherche mittels Kunst werden; aber unbedingt auch ein produktives Museum der Avantgarde, das sich permanent selbst reflektiert. Es wurde eine Bühne, auf der jeden Abend die Show: „Kunst, Stadt, Mensch und Zeit“ aufgeführt wird.
Die Geschichte des Hauses und der Vision
Der Projektraum „Die Neue Fledermaus“ hat sich seit seinem Entstehen 2015 zur Aufgabe gemacht, Künstler*innen aus Karlsruhe und anderen Regionen sowie international tätigen Künstler*innen aller Disziplinen eine Plattform zu bieten; sie einzuladen, ein Stück (Karlsruher) Stadtgeschichte und somit auch Kulturgeschichte zu beschreiten. Vergangenheit und Zukunft, Mythos und Innovation/Intervention werden in den Veranstaltungen der „Neuen Fledermaus“ komplex und publikumsnah realisiert, in ihrer Komplexität analysiert und in ihren Verbindungen zueinander erfasst.
„Die Neue Fledermaus“ ist ein Ort der Begegnung, der Entdeckung, als Plattform eine Schnittmenge zwischen Realität und Fiktion, Kunsterschaffung und Urbanität. Sie lädt Künstler*innen und Publikum zum Mitgestalten von Kunst-Zeit und Kunst-Räumen in der Stadt und zum Dialog mittels stetig wachsender und ineinader greifenden Produktionen ein.
Vermutlich waren die Räumlichkeiten der Neuen Fledermaus ursprünglich ein Möbelgeschäft, das aber bleibt unklar. Was fest steht ist, dass dann eine Kneipe „Zur Fledermaus“ betrieben wurde.
Ondine Dietz: Das Kulturbüro vermittelte damals wie heute städtisch geförderte Ateliers an Künstler. Erst bekamen wir eine Absage. Dann bekamen wie es doch, über ein Aneinanderketten von glücklichen Umständen. Sie deutet auf ein Schild mit der Aufschrift: „Hier entsteht die Neue Fledermaus.“ Dieses legten wir in das Schaufenster. Dann fingen wir an.
Jean-Michel Dejasmin war von Anfang an eine Art von Performer seiner Rolle als Concierge des Hauses, verliebt in Geschichte und ihren Mysterien, wie wir beide es immer gewesen sind – zumindest ich. Wie bastelten an einem Mythos der Urbanität, an der urbanen Präsenz der Kunst , an einem realen Projekt einer sozialen Skulptur, im wahrsten Beuys’schen1 Sinn. Es sollte die Pforte zu einer nostalgischen Begehung sein, es sollte Kunst zeigen, Kunst schaffen und gleichzeitig auch dieses phänomenale Konglomerat2, die Städte in ihrer Geschichte sind, zeigen. Die Menschen sollten sich in den „heiligen Hallen“ selbst erschaffen.

Einen Kunstraum schaffen
avecMadlen: Was kostet dich die Neue Fledermaus emotional?
Ondine Dietz: Sie ist ein sehr liebes Kind von mir, oder ich ihre „Hohepriesterin“ eines Kunst-ist-absolut-Kults. Und ich würde fast meine Seele an den Teufel verkaufen, damit sie weiter existiert.
avecMadlen: Welche Eigenschaft braucht man, um einen unabhängigen Kunstraum über Jahre am Leben zu halten?
Ondine Dietz: Stoizismus3, eine sehr dicke Haut und Resilienz. Fanatismus braucht man.
avecMadlen: Warum interessieren dich Mythos, Stadtgeschichte und Fiktion?
Ondine Dietz: Ich komme aus Temeswar. Jean-Michel Dejasmin, der alles was Bühnenbild -Ambiente, aber auch Technik in der Fledermaus betreut, aus Marseille. Karlsruhe war unsere erste Stadt außerhalb der jeweiligen „Heimat“. Beide kamen unabhängig voneinander, aber beide der Liebe folgend her… Hier in Karlsruhe waren wir Outsider. Wir hatten ein großes Liebesverhältnis zu unseren Städten, dessen core-Gefühl wir irgendwie auch auf Karlsruhe übertrugen. Über die Neue Fledermaus haben wir die Mysterien einer neuen Stadt erkundet.
Dieses Haus ist eine Reminiszenz4 dieser Zeit der liebevollen Aneignung. Mythen sind konzentrierte und erhabene Wahrheiten, die man für die Menschen der Zukunft schafft, damit sie über diese Brücke zu uns finden und uns von unserer Einsamkeit und unserem Beschränktsein erlösen…

Karlsruher Kultur zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fiktion
avecMadlen: Welche Disziplinen finden Raum in diesem Haus?
Ondine Dietz: Musik, Literatur, Kunst. Es ist ein Ort der bildenden Kunst, aber auch ein Ort interdisziplinärer Künste. Zu 70 Prozent besteht das Programm aus Lesungen. Für Künstler ist das meistens ein immenser Aufwand. Ohne Anspruch auf Honorar.
avecMadlen: Welche kulturelle Stärke wird in Karlsruhe unterschätzt?
Ondine Dietz: Karlsruhe ist eine offene, kulturelle Stadt und hat seit 20 bis 30 Jahren eine richtige Identität als Stadt der Artist Run Spaces, nota bene: Der Artist Run Spaces professioneller Künstler, die Künstlerinnen-orientierten Kunst betreiben, die Arbeit internationaler Künstlerinnen-Netzwerken zeigen und jenseits der Kunstmarkts , Kunst generieren, auch als sozialen Beitrag.
avecMadlen: Welche Entwicklung macht dir aktuell Sorgen?
Ondine Dietz: Die Karlsruher Kunstszene ist boomend eplodiert, dies Dank eines Giesskannen-Prinzips der Projektförderung seitens des Kulturbüros entstanden ist. Jetzt ist die Projektförderung stark reduziert worden.
avecMadlen: Was fehlt unserer Gesellschaft heute am meisten?
Ondine Dietz: Die Überwindung der Skepsis und der Trägheit, die aktive Solidarität. Altruismus5.
Meine, mittlerweile, liebste Frage zur Politik in der Kunst
avecMadlen: Muss Kunst wirklich immer politisch sein?
Ondine Dietz: Kunst ist absolut und ist Freiheit. Aber eine Kunst, die nicht für das Wohl der Menschen einsteht, hat keinen Tiefgang. Das Politische liegt dabei nicht in der Rhetorik des Politischen, sondern in einer solidarischen Haltung gegenüber den Menschen.
avecMadlen: Welche Begegnung in diesem Raum wirst du nie vergessen?
Ondine Dietz: Was ich gewiss nicht vergessen werde: Den Autor Alban Nicolai Herbst (bürgerlich Alexander Michael von Ribbentrop). Er hat eine komplexe Familiengeschichte. Genauer: Er ist Großneffe von Joachim von Ribbentrop, dem Außenminister des NS-Regimes von 1938 bis 1945. Er ist ein fantastischer Autor, ein faszinierenden Mensch, ein Demokrat und Humanist und litt lange unter dieser Bürde der Herkunft.
Ich komme aus einer jüdischen Familie, und sogar die Nichtjuden meiner Familie hatten durch das NS-Regime alles verloren: Identität, sowas wie Normalität – Ribbentrop war ein sehr oft genannter Name, meist wehklagend, in meiner Kindheit. Ein hässliches Tattoo auf der Seelenhaut. Ich kannte Albans Herkunft ursprünglich nicht. Das war eine Art geschichtliche Serendipidy 6zum Guten hin, zur Heilung, zum „Exorzismus“ der Traumaheilung… Aber auch ein gewaltiger Schock.
Doch jede einzelne Künstlerin hat Spuren hier hinterlassen, die wir sakrosankt7 verehren und dokumentieren.
avecMadlen: Was soll von deinem Projekt in den Archiven bleiben?
Ondine Dietz: Dass wir ein Museum der Karlsruher historischen Künstleravantgarde aus dem Projekt entstehen lassen können. Für die Ewigkeit. Die Vergangenheit und die Gegenwart archivieren. Das ist uns wichtig. Letztlich ist das das Herzensprojekt.
avecMadlen: Wenn ich dich heute Abend nicht als Gründerin interviewen würde, sondern als Mensch: Worüber würdest du eigentlich am liebsten sprechen?
Ondine lacht. „Du weißt, worüber.“
Mehr zur Neuen Fledermaus und der Karlsruher Avantgarde gibt es hier von Maria Männig.
- „im Beuys’schen Sinn“ oder „im Beuysschen Sinn“ bezieht sich auf den deutschen Künstler Joseph Beuys und dessen Konzept der „Sozialen Plastik“ (auch „Soziale Skulptur“). ↩︎
- Konglomerat: Gemisch [aus sehr Verschiedenartigem]; Zusammenballung ↩︎
- Stoizismus: von der Stoa ausgehende Philosophie und Geisteshaltung, die besonders durch Gelassenheit, Freiheit von Neigungen und Affekten, durch Rationalismus und Determinismus gekennzeichnet ist ↩︎
- Reminiszenz: Erinnerung von einer gewissen Bedeutsamkeit ↩︎
- Altruismus: Selbstloses, uneigennütziges Handeln zum Wohle anderer, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. ↩︎
- Serendipität oder Serendipity: Eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue Entdeckung erweist. Serendipität betont eine über einen Zufallsfund hinausgehende Schlussfolgerung oder Findigkeit in Form einer Bereitschaft, den Zufall zu erkennen und ihn dann zu nutzen. ↩︎
- sakrosankt: unantastbar. Der Duden führt hierfür als Beispiel sakrosankte Rechte und /oder Prinzipien auf. ↩︎

