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Ich liebe zwei Männer: Serj Tankian und Daron Malakian

„Komm auf die dunkle Seite.“ Mit diesem Satz drücken mir meine Freundinnen Phyllis und Julie in der siebenten Klasse ein Album in die Hand. Auf dem Cover stand „Toxicity“. Das Design erinnerte an den Hollywood-Schriftzug. Es war von System Of A Down.

Wenig später sitze ich zu Hause vor dem Recorder, nehme die CD aus der Hülle, lege sie ins Laufwerk und drücke auf Play. Prison läuft. Ich verliebe mich in diesen Song vom ersten Takt an, auf den diese künstlerische Pause folgt. Warum diese Musik mein 12-jähriges Gemüt so durchdrang, kann ich bis heute nicht vollständig erklären. Sie war irgendwie der Spiegel meiner Seele. Die Texte verstand ich damals noch nicht so.

System Of A Down - Prison Song (Music Video)

20 Jahre später flasht mich SOAD immer noch

Fast zwanzig Jahre später sitze ich da, höre Hypnotize, Toxicity, Mr. Jack, Aerials und denke über zwei Männer nach, die mich länger begleiten als die meisten Menschen in meinem Leben: Serj Tankian und Daron Malakian. Meine zwei unerforschten Lieben.

System Of A Down - Hypnotize (Official HD Video)
Banger. Ich kanns 60 Mal hintereinander hören und kriege auch beim 61sten Mal Gänsehaut.

Bei Serj ist es zunächst die markante Stimme. Noch faszinierender finde ich allerdings, dass er sich musikalisch jede Freiheit nimmt, seine Persönlichkeit auszuleben. Vielleicht mittlerweile nicht mehr so krass. Das, was ich bei den Bühnenauftritten sehe, ist, dass er möglicherweise die Schnauze langsam voll hat von dem Ganzen. Dennoch ist es immer noch der Serj, den wir kennen und lieben. Nur eben ein bisschen müde.

Serj Tankian ist neben seiner Musik auch Aktivist

Ich weiß, dass er Aktivist ist und sich seit Jahrzehnten für das armenische Volk einsetzt. Ehrlicherweise verstehe ich davon nicht besonders viel. Auch seine politische Haltung habe ich nie im Detail verfolgt. Ich weiß nur, dass vieles davon in den Songtexten steckt. Und diese Texte haben für mich Tiefe und Wahrheit. Wahrscheinlich höre ich diese Wahrheit aus meiner eigenen Position heraus. Das, was Serj sich dabei gedacht hat, geht vermutlich viel tiefer. Trotzdem erreichen mich seine Worte seit Jahren. Immer wieder aufs Neue. Außerdem liebe ich  Interviews, in denen er ungefiltert seinen schwarzen Humor raushaut. Manchmal sitze ich davor und denke: Dafür hat er mit Sicherheit Konsequenzen getragen.

|Serj’s Advice for young artists| #systemofadown #serjtankian

Und ja, ich finde Serj Tankian unnormal attraktiv. Vielleicht gerade deshalb, weil er kaum Körperlichkeit präsentiert. Er macht keine große Show aus seiner Männlichkeit und wirkt dabei zurückhaltend. Die klugen Augen und der Bart macht das Gesamtbild natürlich noch spannender. Meiner Meinung nach, einer der wenigen Männer, die mit Bart besser aussehen als ohne.

System Of A Down: Daron Malakian

Und dann gibt es da noch Daron Malakian. Lange habe ich ihn hauptsächlich als den zweiten Mann neben Serj wahrgenommen. Erst viel später wurde mir bewusst, wie wichtig er für die Band eigentlich ist. Tatsächlich stammt ein großer Teil der Musik von ihm. Vielleicht habe ich deshalb angefangen, ihn mit anderen Augen zu sehen. Heute finde ich ihn sogar fast schon anziehender.

Daron Malakian
Daron Malakian in jungen Jahren. Copyright IMAGO / ZUMA Press Wire

Daron ist für mich Chaos und Charisma. Exzentrisch, mit verrückten Augen – genau mein Geschmack. Am liebsten mag ich ihn, wenn er singt. Es gibt diesen einen Auftritt, den viele Fans hassen. Ein chaotisches Konzert, bei dem einige behaupten, die Band sei auf Drogen gewesen. Dabei hat sich System Of A Down immer klar gegen Drogen positioniert. Was ich auch sehr gut finde. Daron performt dort einen Song auf eine Weise, die auf keinem Album existiert. Seine Stimme, Emotion, Energie. Ich liebe alles daran. Sogar Darons Poporitze, die hin und wieder durch die Bühne blitzt. Ich würde mich wahnsinnig über ein Konzert freuen Live habe ich System Of A Down nie gesehen. Normalerweise gehe ich ausschließlich in klassische Konzerte. Trotzdem träume ich von einem SOAD-Konzert.

System Of A Down - DAM live [ROCK AM RING 2002]

Vielleicht liegt meine Faszination für Serj Tankian und Daron Malakian auch daran, dass sie Eigenschaften verkörpern, die ich grundsätzlich toll finde. Ich hab’s ein bisschen mit Musikern. Das hat mich in meinem Leben schon mehr als einmal in die Scheiße geritten. Ich mag Menschen, die ihre Gedanken klar und direkt formulieren. Menschen, die keine Angst vor Regierung oder Gesellschaft haben. Menschen, die frei und nicht ganz vollständig zurechnungsfähig sind. Das finde ich schon anziehend. Vielleicht ist genau das die Antwort auf eine Frage, die ich mir seit zwanzig Jahren stelle und womöglich liebe ich nicht nur Serj Tankian und Daron Malakian. Vielleicht liebe ich die künstlerische Freiheit, die beide verkörpern. So genau kann ich diese Faszination aber nicht erklären. Deshalb bleibt es wohl dabei: Eine unerforschte Liebe.


Copyright Titelbild: IMAGO / Berlinfoto

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Feine Gesellschaft & Kultur: Events am Wochenende

Jedes Wochenende frage ich mich aufs Neue: Was geht in Baden-Baden und Karlsruhe? Daher kommt hier für euch (und auch ein bisschen für mich) dieses neue Format, in dem ich euch die besten Veranstaltungen heraussuche, auf denen ihr euch intellektuell bereichern lassen, interessante Menschen kennenlernen und euch einfach mal inspirieren lassen könnt. Vielleicht sehen wir uns ja auf einer dieser Veranstaltungen am Wochenende vom 26. bis 28. Juni:

Freitag, den 26. Juni 2026

Ein echter Geheimtipp: Die Neue Fledermaus in Karlsruhe. Eine Lesung aus dem Kriminalroman „Das Geheimnis der hohen Eich“ von Rahsan Dogan. Musikalische Begleitung von Dunja Hofheinz. Start um 19 Uhr. Adresse: Am Künstlerhaus 20, 76131 Karlsruhe.

Die Neue Fledermaus Karlsruhe, Veranstaltung. Lesung, Kulturveranstaltung am Wochenende

Veranstaltungen am Samstag, den 27. Juni 2026

Theater Baden-Baden: Die Ballettschule unter der Leitung von Stefan Hammel lädt zu einer festlichen Gala ein: Tänzerinnen und Tänzer aller Altersstufen zeigen ihre Eleganz und Leidenschaft auf der Theaterbühne. 17 bis 19.20 Uhr. Tickets: 39€, ermäßigt 19,50€. Adresse: Goetheplatz 1, 76530 Baden-Baden

und

Galerie Supper in Baden-Baden: Vernissage mit Joerg Eyfferth: „Auf der Suche nach der Wirklichkeit“. 30 Jahre Malerei. 18 bis 20.30 Uhr. Adresse: Kreuzstraße 3, 76530 Baden-Baden.

Joerg Eyfferth in der Galerie Supper. Copyright liegt bei der Galerie Supper Baden-Baden.

oder

Festspielhaus Baden-Baden: Kammermusik mit „Yannick & Friends“. Der prominente der Met-Chefdirigent und Kurator der Sommerfestspiele Yannick Nézet-Séguin präsentiert an diesem Abend Kammermusik in wechselnden Besetzungen. Start um 18 Uhr. Tickets ab 45€. Adresse: Beim Alten Bahnhof 2 76530 Baden-Baden.

Mahler - Symphonie Nr. 1 | Yannick Nézet-Séguin | BRSO
Da die Pressemappe des Festspielhauses zum Heulen unübersichtlich ist und ich kein aktuelles Bild von Yannick Nézet-Séguin bekomme, hier ein Konzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks von vor etwa 7 Jahren. Zwar kein Kammerkonzert, aber sehr schöne Ausführung. Nézet-Séguin am Dirigentenpult.

Event am Sonntag, den 28. Juni 2026

Theater Baden-Baden: Erneut das Gala-Balett der Baden-Badener Ballettschule. 17 bis 19.20 Uhr. Tickets: 39€, ermäßigt 19,50€. Adresse: Goetheplatz 1 · 76530 Baden-Baden.

Durchgehend am Wochenende (vom 26. – 28. Juni)

Außerdem bietet es sich über das gesamte Wochenende an, in Baden-Baden folgende Ausstellungen zu besuchen:

Frieder Burda: Wettstreit mit der Wirklichkeit, 60 Jahre Fotorealismus. Absolut sehenswert. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Tickets kosten 16€ p.P., ermäßigt: 12€. Hier geht’s zu allen weiteren Ticketpreisen / Kombitickets. Adresse: Lichtentaler Allee 8B, 76530 Baden-Baden.

Fotorealismus im Museum Frieder Burda, Baden-Baden
Alexandra Averbach, Aurora, 2025, Öl auf Leinwand, 122 x 97 cm, Plus One Gallery, London © Alexandra Averbach, courtesy Plus One Gallery, London, 2026, Foto: Plus One Gallery, London

Staatliche Kunsthalle Baden-Baden: Bloom Up! Die Sprache der Blumen. Eintrittspreis regulär 10€, ermäßigt 7€. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 Uhr bis 18 Uhr. Alle weiteren Infos unter kunsthalle-baden-baden.de. Adresse: Lichtentaler Allee 8A, 76530 Baden-Baden.


Titelbild von Tanya Prodaan auf Unsplash

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Nicht verpassen: Kulturabend in Karlsruhe

Orte, Menschen, Zeitreisen: In diesem Format begeben sich am Freitag, 12. Juni, fünf Literatinnen, zwei Schauspielerinnen und zwei Musikerinnen auf eine künstlerische Spurensuche durch die Literaturgeschichte der Region Karlsruhe und Baden-Württemberg. Im Mittelpunkt stehen prägende historische Persönlichkeiten wie Anna Ettlinger, Bertha Pappenheim und Clara Schumann, die in einen Dialog mit heutigen Stimmen der regionalen Literaturszene sowie mit Zukunftsentwürfen treten.

Die szenische Lesung verbindet Literatur, Musik, Theater, Performance und Videokunst zu einem vielschichtigen Abend. Dabei werden die künstlerischen und historischen Verflechtungen sichtbar gemacht, in denen sich Mut, Solidarität und Transformation als wiederkehrende Kräfte zeigen. Ergänzend werden aktuelle Ideen und Initiativen vorgestellt, die als mögliche Ausgangspunkte für literarisches Arbeiten der Zukunft verstanden werden können.

Mit freundlicher Unterstützung der Stadt Karlsruhe und der Baden-Württemberg Stiftung.

Diese Veranstaltung will ich euch gerne ans Herz legen, sie wird von einer meiner Lieblingskommilitoninnen veranstaltet. Und ich sag euch eins: die Gedanken dieser Frau sind Gold wert. Wenn sie etwas sagt, dann geht das unter die Haut. Ich bin sehr neugierig auf den Abend, weiß aber derzeit noch nicht, ob ich anwesend sein kann.

Mit Mut und Zuversicht – literarische Visionen für morgen

Mitwirkende: Martina Bilke, Ondine Dietz, Silke Karl, Martine Lombard, Hedi Schulitz, Sabine Stern, Ursula Zetzmann sowie im Film Elisabeth Stephan-Geißler (Sopran) und Anna Wegmer (Klavier).

Eine Veranstaltung des Literatursommers 2026 der Baden-Württemberg Stiftung (literatursommer.de) und der GEDOK Karlsruhe in Kooperation mit dem Roten Haus.

Eintritt frei, Spenden willkommen.


Quelle: karlsruhe-erleben.com

Weitere Infos: gedok-karlsruhe.de

Titelbild: Foto von nadi borodina auf Unsplash

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Exklusiv: Interview mit Cellist Vasily Bystroff

Beschreitet er die Bühne, spüren auch die letzten Reihen seine Präsenz. Er ist humorvoll, freundlich, energiegeladen – und vermutlich der geborene Entertainer; oder aber er machte sich selbst zu einem. Vasily Bystroff ist der vielseitigste Cellist unserer Region. Und wie einige andere Musiker, bei denen ich die Ehre hatte, hinter die Fassade blicken zu dürfen, hat er eines: ganz viel Leben ins sich. Gestern kamen wir ins Gespräch.

Vasily kam 2006 aus St. Petersburg, Russland, zunächst nach Berlin, später führte ihn sein Weg zu uns nach Karlsruhe. Musik prägte seine Familie seit Generationen: Der Urgroßvater war Dirigent, mütterlicherseits spielten nahezu alle Klavier. Der Vater sang, die Mutter und die Großeltern musizierten ebenfalls. Eigentlich schien immer irgendwie klar, dass auch Vasily Musiker werden würde. Nur das Instrument war offen. Während seine Schwester eher unter familiärem Erwartungsdruck stand, entwickelte sich bei ihm der Wunsch aus eigenem Antrieb. Er wollte besser werden. Erst verliebte er sich ins Klavier, dann durfte er sich schließlich ein Instrument aussuchen. Dass es das Cello wurde, daran hatte seine Mutter wohl nicht ganz unbeteiligt Anteil.

Vocalise by S.Rachmaninoff dedicated to my first teacher Tolbukhina N. (Cello & Piano)

Heute bewegt sich Vasily Bystroff zwischen klassischer Musik, Popproduktionen, kleinen Konzerten und großen Bühnen. SAVE THE DATE: Sein nächstes Konzert spielt er am 29. August auf Burg Stettenfels bei Heilbronn gemeinsam mit seiner atemberaubenden Freundin Sia (ebenfalls Cello). Im Gespräch mit mir (Madlen von avecMadlen) spricht er über russische Musiktraditionen, Chaos, Energie auf der Bühne und darüber, warum Kunst Menschen verbinden sollte.

avecMadlen: War Musik in deiner Kindheit Alltag oder etwas Heiliges?

Vasily Bystroff: Totaler Alltag. Mein Opa war wahnsinnig talentiert. Viel talentierter als ich. Er wurde sehr streng erzogen. Dementsprechend war er genial, in dem was er tat. In gewissen Kreisen genoss er später besondere Anerkennung. So kamen etwa einige seiner Schüler groß raus.

avecMadlen: Ist das Cello wirklich das „menschlichste“ Instrument?

Vasily Bystroff: Wer hat das gesagt? Fragt er, ich hab natürlich gar keinen Plan. Ja. Von der Tonalität ist es einem Menschen sehr ähnlich. Im Russischen ist das Cello kein Neutrum, sondern ein Femininum. Er deutet die Form des Instruments an, das an weibliche Kurven erinnert.

avecMadlen: Was unterscheidet russische und deutsche Musiktradition?

Vasily Bystroff: Russisch: konservativ und diszipliniert. Wenn du aus der Reihe tanzt, wirst du belächelt. Die einzige Chance auf Anerkennung ist es, andere zu übertrumpfen. Wenn du einfach besser bist, als andere. Wenn du die Seele der Musik mit technischen Stärken beherrschst. In Deutschland gibt es weniger Druck. Auch in Russland ist es aber mittlerweile entspannter geworden. Ich habe einige Merkmale sowohl von dem als auch von dem System aufgenommen.

avecMadlen: Wie viel russische Melancholie steckt in deiner Musik?

Vasily Bystroff: In meiner Musik nicht immer, aber in mir sehr viel.

avecMadlen: Klassische oder andere Genres? Ich stellte diese Frage, weil Vassily ein Repertoire an Klassischer Musik, Pop, Rock, Electro und Co. hat.

Vasily Bystroff: Beides.

avecMadlen: Warum?

Vasily Bystroff: Ich kam mit 15 nach Deutschland. Allein. Damals hatte mein Leben nichts mit Popmusik zu tun. Ich wollte ein großer Cellist werden. Etwa so, wie mein Vorbild Mstislaw Rostropovitsch. Meine Eltern beschlossen, mich nach Deutschland zu schicken. Sie sahen dort bessere Chancen, sicherer war es auch. Die deutschen Behörden waren allerdings nicht sehr begeistert von einem minderjährigen Jungmusiker, der allein nach Deutschland kommen sollte. Es dauerte also ein paar Jahre, bis ich tatsächlich hier war. Er denkt kurz nach. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich so viele Schwierigkeiten auf meinem Lebensweg hatte.

Als ich das Studium in Karlsruhe an der Musikhochschule anfing, suchte ich nach allen Möglichkeiten, Geld zu verlieren. Plötzlich bekam ich das Angebot, Popmusik in einem Studio aufzunehmen für eine holländische Sängerin. Ich nahm den Gig an. Später kam ein Geiger auf mich zu. Zwei Musiker wollten Simon and Garfunkel mit Streichquartett spielen. Der erste Termin kam nicht zustande, aber ich blieb dran. Vasily spielt bis zum heutigen Tag in der Simon & Garfunkel Tribute Show „Graceland“.

Simon & Garfunkel Tribute meets Classic - Duo Graceland

avecMadlen: Gibt es Stücke, die dich emotional an Grenzen bringen?

Vasily Bystroff: Ich versuche mich manchmal absichtlich an emotionale Grenzen zu bringen, um das Gefühl ans Publikum zu tragen. Aber da muss ich echt aufpassen, damit ich danach nicht so fertig bin. Alles, was um mich herum passiert, nehme ich als Klangraum wahr. Vielleicht.

avecMadlen: Wie viel Chaos braucht große Musik?

Vasily Bystroff: Es hängt sehr davon ab, wer die Musik macht. Menschen sind unterschiedlich. Einige Artisten sind extrem chaotisch, aber extrem genial. Einige versuchen das Chaos mit Struktur zu bekämpfen und werden dadurch groß. Ich brauche sehr viel Chaos, aber für den Erfolg brauche ich jemanden an meiner Seite, der mich strukturiert.

avecMadlen: Was reizt dich an kleinen Konzerten?

Vasily Bystroff: Es gibt nichts Schöneres. Jeder Mensch ist ein eigenes Universum. Wenn ich auf der großen Bühne stehe, bekomme ich die geballte Energie. Bum. Eine 30-Meter-Welle, die schier überrollt. Danach bist du echt platt, weil du dieser Energie entgegengewirkt hast, um nicht in ihr zu versinken. Das ist besser als jede Droge, so eine große Bühne.

Wenn du so ein kleines Konzert hast, oder auf der Straße spielst, ist es leichter, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Auch mit solchen, die kaum Berührungspunkte mit Musik haben. Diese Kontakte bereichern meine Seele. Bei einem kleinen Konzert ist mein Anspruch, dass die Leute die Energie bekommen, die ich auch auf der großen Bühne gebe. Aus zwei Metern Distanz spürst du sie nämlich genau. Das ist schon einzigartig.

avecMadlen: Was war dein schwierigster Auftritt?

Vasily Bystroff: Es gibt immer Sachen, die du zum ersten Mal machst. Solche Momente sind nicht selten. Zum ersten Mal das Konzert auf Deutsch moderieren, zum ersten Mal neben einem Schlagzeug spielen und mit der Lautstärke klarkommen, zum ersten Mal mit einem Mikrofon spielen. Das Cello klingt nämlich ganz anders mit Mikro. Technische Momente, die unverhofft kommen, sind Teil unseres Jobs. Improvisieren muss man deshalb können. Hier geht es darum, Verantwortung für die Situation zu übernehmen und einen Übergang zu schaffen, der beim Zuhörer so ankommt, als wäre er teil des Programms.

Ich versuche mich immer an Schwierigkeiten mit einer positiven Note zu erinnern. Mein erster DJ-Gig zum Beispiel. Ja, Vasily ist auch DJ. Da ging technisch einiges schief. Plus die Aufregung… Er schüttelt den Kopf. Immerhin hat er an jenem Abend einiges gelernt.

avecMadlen: Wird man als Musiker mit den Jahren freier oder strenger?

Vasily Bystroff: Ich würde sagen freier. Durch die Hochschulausbildung wirst du in einen strengen Rahmen gesteckt. Dann gehst du auf die Straße und improvisierst. Du fragst dich: Was passiert, wenn ich Bach mit Vibrato spiele? Oh, den Leuten gefällt’s ja.

avecMadlen: Fühlst du dich eher russisch oder europäisch?

Vasily Bystroff: Beides. Europäisch und russisch liegen viel näher beieinander, als man glaubt. Viele Stereotypen hindern uns aber daran, dies zu erkennen.

avecMadlen: Hat sich das Klima für russische Künstler verändert?

Vasily Bystroff: Kunst und Sport sind die einzigen Dinge, die die Menschen vereinen müssen. Dass man die Leute da ausgrenzt, finde ich von beiden Seiten falsch. Eine Leidenschaft, und das ist das, was ich in Kunst und Sport erkenne, ist eine Sprache, über die man kommuniziert und sich näher kommt.

avecMadlen: Welche Komponisten stehen dir am nächsten?

Vasily Bystroff: Dvořák, Rachmaninoff und Skryptonite

avecMadlen: Gibt es Musik, die du privat nie hören würdest?

Vasily Bystroff: Nein. Er grinst. Es gebe für jede Lebenssituation den passenden Soundtrack.

avecMadlen: Boheme oder harte Arbeit?

Vasily Bystroff: Ich brauche beides. Am liebsten 14 Tage pausenlos arbeiten und dann fünf Tage nichts tun.

avecMadlen: Was macht einen großen Musiker aus?

Vasily Bystroff: Disziplin, Ehrlichkeit – vor allem zu sich selbst –, Glück und heutzutage auch die richtige Selbstwahrnehmung.

avecMadlen: Würdest du denselben Weg nochmal gehen?

Vasily Bystroff: Joa. Wenn ich den Weg mit dem Wissen, das ich heute habe, gegangen wäre, wäre das wahrscheinlich effektiv, aber langweilig.

avecMadlen: Bewunderung oder Gefühl — was soll bei deinen Zuhörern bleiben?

Vasily Bystroff: Gefühl. Aber jeder soll für sich selbst entscheiden, was er braucht.

Kennengelernt habe ich Vassily bei der Show Deep Rouge im Casino. Er spielte dort mit Sia im Duett. Sia durfte ich sogar schon früher einmal hören, bei einem Weihnachtskonzert, das ein großer Medienkonzern, für den ich tätig war, intern organisiert hatte.

Haltet gerne Ausschau nach den beiden. Sie sind außergewöhnlich und machen ganz viele spannende Sachen. Alle Insta-Profile habe ich euch oben verlinkt.

UND: ich suche eine Begleitung für deren gemeinsames Konzert am 29. Mai. DM me on Insta.

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