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Exklusiv: Interview mit Cellist Vasily Bystroff

Beschreitet er die Bühne, spüren auch die letzten Reihen seine Präsenz. Er ist humorvoll, freundlich, energiegeladen – und vermutlich der geborene Entertainer; oder aber er machte sich selbst zu einem. Vasily Bystroff ist der vielseitigste Cellist unserer Region. Und wie einige andere Musiker, bei denen ich die Ehre hatte, hinter die Fassade blicken zu dürfen, hat er eines: ganz viel Leben ins sich. Gestern kamen wir ins Gespräch.

Vasily kam 2006 aus St. Petersburg, Russland, zunächst nach Berlin, später führte ihn sein Weg zu uns nach Karlsruhe. Musik prägte seine Familie seit Generationen: Der Urgroßvater war Dirigent, mütterlicherseits spielten nahezu alle Klavier. Der Vater sang, die Mutter und die Großeltern musizierten ebenfalls. Eigentlich schien immer irgendwie klar, dass auch Vasily Musiker werden würde. Nur das Instrument war offen. Während seine Schwester eher unter familiärem Erwartungsdruck stand, entwickelte sich bei ihm der Wunsch aus eigenem Antrieb. Er wollte besser werden. Erst verliebte er sich ins Klavier, dann durfte er sich schließlich ein Instrument aussuchen. Dass es das Cello wurde, daran hatte seine Mutter wohl nicht ganz unbeteiligt Anteil.

Vocalise by S.Rachmaninoff dedicated to my first teacher Tolbukhina N. (Cello & Piano)

Heute bewegt sich Vasily Bystroff zwischen klassischer Musik, Popproduktionen, kleinen Konzerten und großen Bühnen. SAVE THE DATE: Sein nächstes Konzert spielt er am 29. August auf Burg Stettenfels bei Heilbronn gemeinsam mit seiner atemberaubenden Freundin Sia (ebenfalls Cello). Im Gespräch mit mir (Madlen von avecMadlen) spricht er über russische Musiktraditionen, Chaos, Energie auf der Bühne und darüber, warum Kunst Menschen verbinden sollte.

avecMadlen: War Musik in deiner Kindheit Alltag oder etwas Heiliges?

Vasily Bystroff: Totaler Alltag. Mein Opa war wahnsinnig talentiert. Viel talentierter als ich. Er wurde sehr streng erzogen. Dementsprechend war er genial, in dem was er tat. In gewissen Kreisen genoss er später besondere Anerkennung. So kamen etwa einige seiner Schüler groß raus.

avecMadlen: Ist das Cello wirklich das „menschlichste“ Instrument?

Vasily Bystroff: Wer hat das gesagt? Fragt er, ich hab natürlich gar keinen Plan. Ja. Von der Tonalität ist es einem Menschen sehr ähnlich. Im Russischen ist das Cello kein Neutrum, sondern ein Femininum. Er deutet die Form des Instruments an, das an weibliche Kurven erinnert.

avecMadlen: Was unterscheidet russische und deutsche Musiktradition?

Vasily Bystroff: Russisch: konservativ und diszipliniert. Wenn du aus der Reihe tanzt, wirst du belächelt. Die einzige Chance auf Anerkennung ist es, andere zu übertrumpfen. Wenn du einfach besser bist, als andere. Wenn du die Seele der Musik mit technischen Stärken beherrschst. In Deutschland gibt es weniger Druck. Auch in Russland ist es aber mittlerweile entspannter geworden. Ich habe einige Merkmale sowohl von dem als auch von dem System aufgenommen.

avecMadlen: Wie viel russische Melancholie steckt in deiner Musik?

Vasily Bystroff: In meiner Musik nicht immer, aber in mir sehr viel.

avecMadlen: Klassische oder andere Genres? Ich stellte diese Frage, weil Vassily ein Repertoire an Klassischer Musik, Pop, Rock, Electro und Co. hat.

Vasily Bystroff: Beides.

avecMadlen: Warum?

Vasily Bystroff: Ich kam mit 15 nach Deutschland. Allein. Damals hatte mein Leben nichts mit Popmusik zu tun. Ich wollte ein großer Cellist werden. Etwa so, wie mein Vorbild Mstislaw Rostropovitsch. Meine Eltern beschlossen, mich nach Deutschland zu schicken. Sie sahen dort bessere Chancen, sicherer war es auch. Die deutschen Behörden waren allerdings nicht sehr begeistert von einem minderjährigen Jungmusiker, der allein nach Deutschland kommen sollte. Es dauerte also ein paar Jahre, bis ich tatsächlich hier war. Er denkt kurz nach. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich so viele Schwierigkeiten auf meinem Lebensweg hatte.

Als ich das Studium in Karlsruhe an der Musikhochschule anfing, suchte ich nach allen Möglichkeiten, Geld zu verlieren. Plötzlich bekam ich das Angebot, Popmusik in einem Studio aufzunehmen für eine holländische Sängerin. Ich nahm den Gig an. Später kam ein Geiger auf mich zu. Zwei Musiker wollten Simon and Garfunkel mit Streichquartett spielen. Der erste Termin kam nicht zustande, aber ich blieb dran. Vasily spielt bis zum heutigen Tag in der Simon & Garfunkel Tribute Show „Graceland“.

Simon & Garfunkel Tribute meets Classic - Duo Graceland

avecMadlen: Gibt es Stücke, die dich emotional an Grenzen bringen?

Vasily Bystroff: Ich versuche mich manchmal absichtlich an emotionale Grenzen zu bringen, um das Gefühl ans Publikum zu tragen. Aber da muss ich echt aufpassen, damit ich danach nicht so fertig bin. Alles, was um mich herum passiert, nehme ich als Klangraum wahr. Vielleicht.

avecMadlen: Wie viel Chaos braucht große Musik?

Vasily Bystroff: Es hängt sehr davon ab, wer die Musik macht. Menschen sind unterschiedlich. Einige Artisten sind extrem chaotisch, aber extrem genial. Einige versuchen das Chaos mit Struktur zu bekämpfen und werden dadurch groß. Ich brauche sehr viel Chaos, aber für den Erfolg brauche ich jemanden an meiner Seite, der mich strukturiert.

avecMadlen: Was reizt dich an kleinen Konzerten?

Vasily Bystroff: Es gibt nichts Schöneres. Jeder Mensch ist ein eigenes Universum. Wenn ich auf der großen Bühne stehe, bekomme ich die geballte Energie. Bum. Eine 30-Meter-Welle, die schier überrollt. Danach bist du echt platt, weil du dieser Energie entgegengewirkt hast, um nicht in ihr zu versinken. Das ist besser als jede Droge, so eine große Bühne.

Wenn du so ein kleines Konzert hast, oder auf der Straße spielst, ist es leichter, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Auch mit solchen, die kaum Berührungspunkte mit Musik haben. Diese Kontakte bereichern meine Seele. Bei einem kleinen Konzert ist mein Anspruch, dass die Leute die Energie bekommen, die ich auch auf der großen Bühne gebe. Aus zwei Metern Distanz spürst du sie nämlich genau. Das ist schon einzigartig.

avecMadlen: Was war dein schwierigster Auftritt?

Vasily Bystroff: Es gibt immer Sachen, die du zum ersten Mal machst. Solche Momente sind nicht selten. Zum ersten Mal das Konzert auf Deutsch moderieren, zum ersten Mal neben einem Schlagzeug spielen und mit der Lautstärke klarkommen, zum ersten Mal mit einem Mikrofon spielen. Das Cello klingt nämlich ganz anders mit Mikro. Technische Momente, die unverhofft kommen, sind Teil unseres Jobs. Improvisieren muss man deshalb können. Hier geht es darum, Verantwortung für die Situation zu übernehmen und einen Übergang zu schaffen, der beim Zuhörer so ankommt, als wäre er teil des Programms.

Ich versuche mich immer an Schwierigkeiten mit einer positiven Note zu erinnern. Mein erster DJ-Gig zum Beispiel. Ja, Vasily ist auch DJ. Da ging technisch einiges schief. Plus die Aufregung… Er schüttelt den Kopf. Immerhin hat er an jenem Abend einiges gelernt.

avecMadlen: Wird man als Musiker mit den Jahren freier oder strenger?

Vasily Bystroff: Ich würde sagen freier. Durch die Hochschulausbildung wirst du in einen strengen Rahmen gesteckt. Dann gehst du auf die Straße und improvisierst. Du fragst dich: Was passiert, wenn ich Bach mit Vibrato spiele? Oh, den Leuten gefällt’s ja.

avecMadlen: Fühlst du dich eher russisch oder europäisch?

Vasily Bystroff: Beides. Europäisch und russisch liegen viel näher beieinander, als man glaubt. Viele Stereotypen hindern uns aber daran, dies zu erkennen.

avecMadlen: Hat sich das Klima für russische Künstler verändert?

Vasily Bystroff: Kunst und Sport sind die einzigen Dinge, die die Menschen vereinen müssen. Dass man die Leute da ausgrenzt, finde ich von beiden Seiten falsch. Eine Leidenschaft, und das ist das, was ich in Kunst und Sport erkenne, ist eine Sprache, über die man kommuniziert und sich näher kommt.

avecMadlen: Welche Komponisten stehen dir am nächsten?

Vasily Bystroff: Dvořák, Rachmaninoff und Skryptonite

avecMadlen: Gibt es Musik, die du privat nie hören würdest?

Vasily Bystroff: Nein. Er grinst. Es gebe für jede Lebenssituation den passenden Soundtrack.

avecMadlen: Boheme oder harte Arbeit?

Vasily Bystroff: Ich brauche beides. Am liebsten 14 Tage pausenlos arbeiten und dann fünf Tage nichts tun.

avecMadlen: Was macht einen großen Musiker aus?

Vasily Bystroff: Disziplin, Ehrlichkeit – vor allem zu sich selbst –, Glück und heutzutage auch die richtige Selbstwahrnehmung.

avecMadlen: Würdest du denselben Weg nochmal gehen?

Vasily Bystroff: Joa. Wenn ich den Weg mit dem Wissen, das ich heute habe, gegangen wäre, wäre das wahrscheinlich effektiv, aber langweilig.

avecMadlen: Bewunderung oder Gefühl — was soll bei deinen Zuhörern bleiben?

Vasily Bystroff: Gefühl. Aber jeder soll für sich selbst entscheiden, was er braucht.

Kennengelernt habe ich Vassily bei der Show Deep Rouge im Casino. Er spielte dort mit Sia im Duett. Sia durfte ich sogar schon früher einmal hören, bei einem Weihnachtskonzert, das ein großer Medienkonzern, für den ich tätig war, intern organisiert hatte.

Haltet gerne Ausschau nach den beiden. Sie sind außergewöhnlich und machen ganz viele spannende Sachen. Alle Insta-Profile habe ich euch oben verlinkt.

UND: ich suche eine Begleitung für deren gemeinsames Konzert am 29. Mai. DM me on Insta.

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Kunst

Tieftauchen mit einer Künstlerin, die das Gute sichtbar macht

Ich sitze in der Wohnung von Elena Politowa und Lukas Buol. Ich spüre, wie hier in der Gestaltung die beiden Charaktere einander begegnen. Die Decken sind hoch, es ist viel Platz zum Nachdenken und Schaffen. Glatte, graue Betonwände, Fokus auf Holz und Stein, freche Lösungen, die ebenso ästhetisch wie praktisch sind – Lukas‘ Handschrift ist deutlich erkennbar. Ich entdecke viele Kunstbücher, hier und da blinkt ein Philosoph hervor.

Das besondere Augenmerk fällt auf die Wolkenbilder, die das Grau der Wände durchbrechen. Sie bewegen sich in einem zarten, aber leuchtenden Farbspektrum. Die Bilder hängen bewusst ohne Rahmen. „Ich will, dass es weitergeht“, sagt mir Elena Politowa mit einer Handbewegung, die grenzenlose Ferne andeutet. Dem Motiv soll durch das Framing keine physische Grenze gesetzt werden. Dadurch wirken die Bilder regelrecht wie Fenster – Fenster zu einer Welt, in der die Sonne immer auf- oder unterzugehen scheint.

Elena Politowa: „Es zerreißt mich“

Ihre künstlerischen Absichten sind klar definiert. „Ich will meinen Blick auf Emotionen richten, nicht auf Provokation.“ Heute erwartet man regelrecht eine versteckte politische Message von Künstlern. Doch es gibt auch die, die sich bewusst rausnehmen, weil sie sich von den massiven Aufdeckungen durch die Medien, Fehlgriffen der „großen Entscheider“, Kriegen und sonstigen Katastrophen, der die Menschen zur Zeit massiv ausgesetzt sind, überwältigt fühlen.

„Es zerreißt mich innerlich. Und wenn ich die Geschehnisse der Welt abbilden würde, würde ich auch andere damit zerreißen“, sagt mir Elena Politowa. Dieses Gefühl kenne ich gut. Denn auch ich konnte es eines Tages nicht mehr tragen, Frankfurts blutige Geschichten zu schreiben. Ich ließ all die Wut der Menschen durch mich hindurch, die politisch oder religiös oder sonst wie motivierte Taten begingen, und transportierte diesen Hass hinaus in die Welt. Klar, wurde das ganze gut und gerne gelesen – der Mensch interessiert sich nun mal für das Düstere, das neben ihm her lebt. Doch ich musste mich eines Tages fragen, ob es wirklich das ist, was ich bin. Und entschied mich dagegen. Daher freue ich mich um so mehr, euch heute auf einen Tieftauchgang mitzunehmen, vielleicht sogar ein bisschen buchstäblich, um eine Künstlerin vorzustellen, die hart daran arbeitet, das Gute in die Welt zu setzen – und damit Anklang findet.

Sie liebt es, den Himmel zu malen, „weil er niemanden angreift und niemandem weh tut.“ Sie probierte auch schon mal aus, politische Bilder zu malen. Es schmerzte sie sogar, die anzusehen. Dadurch erkannte sie die Wichtigkeit, „Gefühle in Bildsprache zu transportieren und mich dabei selbst nicht zu belügen.“ Sie will nicht das Medium sein, das Hass, Gewalt und politische Machtspielchen in die Welt trägt. „Ich war so übersättigt von dem Ganzen, dass ich anfing, Wolken zu malen. Es war so, als hätte ich nach langer Zeit wieder einatmen können“, teilt sie mit mir. Und fügt mit einem Schmunzeln an: „Es ist mir egal, ob sich die Bilder verkaufen oder nicht.“ Es sei ihr auch egal, was mit ihren Bildern nach ihrem Ableben passiert.

Ich frage sie, was Kunst für sie ist

Kunst ist für mich ein Fenster in die Freiheit. Ich bin offen für Themen, die das Schöne und das Positive dieser Welt beleuchten. Das mag kitschig sein, aber ich bin in dieser Phase meines Lebens, in der ich gerne den Himmel oder Tänzerinnen male, die kraftvoll, selbstbewusst und schön sind.“ Die Bilder wirken.

„Jeder Mensch hat eine Bestimmung. Wenn mir die Gabe zu malen gegeben wurde, wäre es Blasphemie, diese nicht zu nutzen.“ Elena hatte schon immer sehr viel Humor und eine solch endlose Energie, von der ich bis heute gar nicht verstehe, woher sie sie nimmt und wie sie die überhaupt aufrechterhalten kann. Vielleicht verrät sie es mir eines Tages.

Fest steht, dass sie diese Energie nimmt und sie mit Farben auf die Leinwand bringt. Der Entstehungsprozess ist für Elena eine Art Workout da er viel Armbewegungen und Sprünge erfordert, die man als Betrachter meint, erkennen zu können.

Ihre Wolkenbilder transportieren die Emotion, die sie fühlt, während sie sie malt: Harmonie, Energie, Leichtigkeit und Zartheit. Sie deutet auf mein Lieblingswerk in ihrer Wohnung: „So eins kann ich nicht nochmal schaffen“, findet sie. Das Gemälde ist wirklich einzigartig: Leuchtkraft und frablicher Einklang. Ich kann und will nicht wegsehen. Es ist Bewegung und Stillstand drin, pastellige und leuchtende Töne, einzelne Wolken, ein sanft angedeuteter Horizont. Vor allem aber: Tiefe. Unklar, wo der Betrachter positioniert ist – mitten im Flug durch die Wolken, am Strand oder auf einer Anhöhe. Ich meine, dass unsere Künstlerin hier aus ihrem Kopf heraus gemalt haben könnte, da die Farben so fantasievoll wirken. Außerdem sind die Pinselstriche sehr geladen und frei; mitunter eines der Gründe, weshalb sie großformatige Leinwände bevorzugt. „Du gibst dem Pinsel die Möglichkeit, dich zu führen.“ Und das bracht Platz. „Ich berühre die Leinwand und ich spüre die elektrisch geladene Energie, die durch mich fließt. Dann geht’s los mit Farbe – ohne Vorzeichnung, ohne Skizze“, sagt sie zum Entstehungsprozess.

Warum macht Elena Politowa Kunst?

Sie zitiert eine chinesische Weisheit: „Frag den Vogel nicht, warum er singt.“ Die Chinesen meinten damit so viel wie: Schönheit, Kreativität oder Ausdruck brauchen keine Erklärung. Bzw.: Manche Dinge geschehen einfach aus innerem Antrieb, und nicht, weil sie einen Zweck erfüllen müssen. „Ich will nichts erklären“, sagt sie. „Ich will einen Raum schaffen, der auf die Menschen wirkt. Damit sie die Leichtigkeit und Zartheit nachempfinden, die ich in dem Moment empfand.“

Seit sie ein kleines Mädchen ist, malt sie gerne. Mit 12 malte sie unaufhörlich Autos. Das führte sie irgendwann in die Architektur, und später in die Kunst.

Im Atelier mit Elena Politowa

Wir kommen in das Atelier. Neue Bildthemen hängen hier an den Wänden: Unterwasserszenen, ein unerklärliches Objekt im Wasser. Ich frage, was das ist. Elena sagt ganz selbstverständlich: „ich weiß es nicht“. Es könne etwas Lebendes sein, ein Schatten, ein Portal. Ich liebe es, dass sie sich selbst und den Betrachtern Interpretationsraum lässt.

Doch diese Bilder gehen tiefer. Das höchst belastende Zeitgeschehen veranlasst Politowa dazu, sich zurückziehen zu wollen. „Ins Wasser, da wo es energetisch ist, da wo es sicher ist, wie im Mutterleib.“ Auch die Gefahr der Unterwasserwelt spiele dabei eine Rolle. Vielleicht verarbeite sie dadurch sogar eine schwierige Erfahrung. Als kleines Mädchen ertrank sie beinahe und vermutet, dass das Bedürfnis, Unterwasserszenen abzubilden, die Aufarbeitung dieses einschneidenden Erlebnisses sein könnte.

Wann weißt du, wann ein Bild fertig ist?

„Nie. Manche Bilder rühre ich einfach nicht mehr an. Je abstrakter ich male, desto lauter ist das Gefühl, wenn etwas fertig ist.“

Ich frage: „Wirst du als Künstlerin, mit Betonung auf Frau, anders gelesen oder anders behandelt als männliche Kollgen?“

Sie sagt: „Nein. Ich habe viel maskuline Energie in mir.“

Das äußert sich für mich in einer praktischen Angehensweise der Künstlerin. Sie ist strukturiert, bei ihr funktioniert der Tagesablauf „nach System“, sie ist eine Macherin – keine Theoretikerin – ich habe sie als furchtlose Kraft erlebt. Eine, die rettet und hilft, eine die sich vor allem gegen gewaltvolle Männer auftürmt und als Beschützerin der Frauen und Kinder auftritt. Und wenn sie das macht, hat sie in ihren Augen nicht die Spur von Angst. Ich kriege beim Schreiben (jetzt auch beim Redigieren wieder) gerade nasse Augen, weil ich noch sehr klein war, als ich Elena in dieser Rolle erlebt habe. Aus erster Hand, versteht sich.

Für mich wird sie deshalb immer eine kraftvolle Frauenrolle sein. Ein Vorbild, das mir gezeigt hat, wie geil es ist, vor nichts und niemandem Angst zu haben. Ihr wisst wahrscheinlich aber, wie ich es hin und wieder mit meinem riskanten Verhalten übertreibe.

Was war das Risikoreichste, das Elena Politowa gemacht hat?

„Das Riskanteste war es wohl, Künstlerin zu werden. 2003 neigte sich mein Architekturstudium dem Ende zu. Ich hörte von einigen Jungarchitekten, dass die Chancen auf dem Arbeitsmarkt eher schlecht stehen“, es war 2003. Elena musste neue Wege finden. Sie malte.

2011 kommt ein neuer Schritt hinzu: Elena Politowa gründet ihre eigene Kunstschule, wo wir später zusammen sitzen. Ich kenne die Räumlichkeiten noch von früher. Damals war es nämlich ihr Atelier. Nach und nach baute sie es aus. Das Atelier verwandelte sich in eine Kunstschule mit Staffeleien, einer beachtlichen Sammlung an Pinseln, Monitoren, Stiften, Farben und sonstigen Materialien.

In der Kunstschule Elena Politowa

Die Wände werden geziert von Elenas großformatigen Unterwasserbildern (circa 7,5 (!) x 2 Meter). Die auch noch ganz neue Dimensionen des Farbauftrags eröffnen, sofern man UV- oder Schwarzlicht darauf richtet. Ich fühle mich wie auf einem unerforschten Planeten, während wir da sitzen und reden. Alles leuchtet violett und neon, die Unterwasserwesen umgeben uns und die eigenwillige Heizung gurgelt leise vor sich hin.

Lenchik lacht. So habe ich sie all die Jahre in Erinnerung behalten. Es ist gemeingefährlich, mit dieser Frau unterwegs zu sein, denn das garantiert am nächsten Tag ein leichtes Ziehen im Bereich der Lachmuskulatur.

2014 entdeckte sie durch Zufall, dass manche Bilder ganz anders wirken, wenn man das spezielle Licht hinzunimmt. Sie findet großen Gefallen daran und entwickelt diese Technik weiter. Ich frage die Künstlerin, wie die Arbeit mit Kindern ihre Kunst beeinflusst hat.

„Sehr stark“, sagt sie, „Wenn ich mit Kindern interagiere, sehe ich, wie wenig es sie interessiert, was andere über ihre Werke denken. Sie haben extrem viele Ideen und eine Leichtigkeit in der Auffassung unserer Welt. Diese kindliche Leichtigkeit ist das Wichtigste, was du in der Kunstschöpfung hast. Du darfs keine Angst haben. Natürlich braucht es Mut, um das zu machen was man will. Willst du etwa ohne Punkt und Comma Wolken zeichnen? Tu das. Sei offen. Egal, was du machst, es führt dich zu einem positiven Ergebnis. Hab keine Angst, irgend etwas falsch zu machen, etwa Farben oder Material zu verschwenden. Das macht alles nichts. Es kann ja neues gekauft werden.“

Elena Politowas Vision: „Es ist mir wichtig, dass die Kinder ihr Talent genießen, dass sie selbstbewusster werden.“


Hier geht’s zu der Website der Künstlerin.

Hier geht’s zu ihrer Kunstschule.

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