Wie oft bin ich in der letzten Zeit eigentlich schon durchs Murgtal gefahren? Und bis gestern wusste ich nichts von der Gernsbacher Altstadt. Deshalb musste ich einfach hin, und mir das Ganze genauer ansehen.
Das Erstaunlichste, was einem sofort ins Auge sticht: diese unglaubliche Sauberkeit und die fast schon ehrfürchtige Hingabe, mit der die historischen Fachwerkhäuser hier gepflegt werden. Echtes, liebevoll erhaltenes Handwerk – ohne Kitsch und ohne touristischer Inszenierung. Jedes Holzgebälk wirkt so makellos restauriert, als wollte man der Geschichte jeden Tag aufs Neue danken. Ich schlenderte über das Kopfsteinpflaster, schaute an den reich verzierten Fassaden empor und spürte mit jedem Schritt, wie viel Herzblut die Bewohner in ihr Städtchen stecken.


- Schon gewusst? Hier stehen die ältesten Fachwerke Deutschlands (Spoiler-Alarm: nicht in Gernsbach)
Gernsbach: Ein Städtchen aus dem Mittelalter
Hinter all diesem beschaulichen Charme verbirgt sich eine mächtige Historie. Als Gernsbach 1219 erstmals unter dem Namen „Genrespach“ erwähnt wurde, bestand der Ort eigentlich aus zwei Teilen: Neben einem kleinen Kirchdorf gab es bereits ein Marktdorf. Dieses lag auf dem sogenannten „Stadtbuckel“ – einem Bergrücken zwischen Wald- und Ziegelbach. Im Jahr 1243 wurde Gernsbach dann erstmals offiziell als Stadt (oppidum) erwähnt.
Dass das kleine Städtchen im Nordschwarzwald einst ein wirtschaftliches Schwergewicht war, verdankte es vor allem dem Holz. Hier schlug das Herz der Murgschifferschaft – eine der ältesten Holzhandelsgenossenschaften Deutschlands, deren erste geschriebene Ordnung bereits auf das Jahr 1488 zurückgeht. Die Flößer brachten das Holz aus den tiefen Schwarzwaldwäldern über die Murg bis auf den Rhein hinaus in die Welt.
Ein Stückchen Heidelberg in Gernsbach
Der Wohlstand dieses gigantischen Holzhandels spiegelt sich bis heute im Stadtbild wider: Das imposante Alte Rathaus, 1617/1618 von dem Heidelberger Hofbaumeister Johannes Schoch für den einflussreichen Holzhändler Johann Jakob Kast im Spätrenaissance-Stil erbaut, gehört zu den prächtigsten Profanbauten der gesamten Region. Wenn ihr davor steht, spürt ihr sofort den Heidelberger Vibe.
Fun fact am Rande: Zu den bedeutendsten Bauten Johannes (oder Johann, oder Hans) Schochs geöhrt das Schloss Gottesaue (Karlsruher Musikhochschule) und der Friedrichsbau des Heidelberger Schlosses. Eine eindeutige Zuordnung des Gernsbacher Rathauses gibt es zwar nicht, aber der Stil spricht für sich.


Friedricht Weinbrenner baute die Altstadt wieder auf
Dass die Altstadt in Gernsbach heute so harmonisch und geordnet wirkt, ist übrigens auch zwei tragischen Katastrophen zu verdanken: Nach verheerenden Stadtbränden in den Jahren 1787 und 1798 wurde Gernsbach nach den Plänen des berühmten Karlsruher Klassizismus-Baumeisters Friedrich Weinbrenner neu aufgebaut. Und den kennen wir ja bereits vom Wiederaufbau des Alten Schlosses in Baden-Baden. Und von sämtlichen anderen historischen Bauten in der Kurstadt und Umgebung.
Es war ein aufregender Spaziergang durch die alten Steingässchen. Manchmal liegen die schönsten Entdeckungen eben direkt vor der eigenen Haustür…

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