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Allein an Weihnachten? Ideen jenseits von Kitsch und Zwang

Unsere Gesellschaft scheint immer weiter zu vereinsamen. Das führt dazu, dass wir auch an vermeintlich „wichtigen Tagen“ mit uns selbst alleine sind – an Weihnachten etwa. Zwei Dinge will ich dir mitgeben, bevor ich weiterschreibe. Erstens: So wie dir geht es gerade auch mindestens 6 Millionen anderen Menschen in Deutschland. Und zweitens: Wir sollten von unserer bis in die Perversion romantisierten Vorstellung vom perfekten Weihnachtsfest im Kreise der Familie ablassen. Diese Erwartungshaltung führt überhaupt erst dazu, dass wir das Gefühl der Einsamkeit nur schwer ertragen können. Wenn es allerdings bereits dabei ist aufzukommen, tun wir Folgendes.

Ein paar Wochen noch bis Weihnachten? Easy!

Wir planen eine Single-Party bei uns zu Hause. Für all jene, die an Weihnachten auch alleine sind. Wir müssen jetzt nicht komplett übertreiben, aber ein Kuchen, ein paar Häppchen und Cocktails sollten drin sein. Auch wenn es „nur“ eine Party aus drei Personen wird. Es wird für alle drei sicherlich besser, als einer depressiven Episode zu verfallen.

Wenn wir allerdings gar keine Freunde haben und wenn es die Arbeit, Finanzen und Zeit zulässt, buchen wir uns eine Reise. Egal wohin. Hauptsache, wir katapultieren uns aus der Realität irgendwo hin, wo es schön und neu ist. Damit sind eigentlich auch alle weihnachtlichen Probleme gelöst. Vorausgesetzt, wir suchen uns ein Land, das nicht gerade streng katholisch ist und wo uns die Tradition, mit der gesamten Familie zu feiern, noch ordentlich unter die Nase gerieben wird. Dennoch können wir auch da einfach raus in die Natur oder ans Meer oder den Ozean, um alle Gedanken und Gefühle besser verarbeiten zu können. Natürlich ist nicht jeder so privilegiert, einfach abzuhauen, wenn ihm danach ist. Ich bin es dieses Jahr ebenso wenig. Daher müssen wir noch kreativer werden.

Ein paar Tage vor dem Weihnachtsfest

Wenige Tage davor werden viele von uns bereits wissen, dass sie Weihnachten auf sich selbst gestellt sind. Und deshalb besorgen wir uns einen kleinen (oder großen) Weihnachtsbaum, schmücken ihn ganz nach unserem Geschmack – kitschig, monochrom, mit Lametta oder Bonbons – am besten so, wie wir lustig sind. Dann backen wir Plätzchen und verschenken sie NICHT. Die sind nämlich für uns. So können wir das Weihnachtsfeeling auskosten, sind aber nicht auf die Anwesenheit anderer Menschen gestellt.

Oder wir buchen uns ein Solo-Dinner in einem völlig überteuerten Restaurant, das wir schon lange mal besuchen wollten, kochen alternativ ein 5-Gänge-Menü zu Hause, lassen uns am 24. Dezember tätowieren, vorausgesetzt unser Tattoo-Artist macht da mit, oder fangen endlich das neue Hobby an, das wir seit Jahren vor uns her schieben. Wie wir damit anfangen ist egal. Ob wir gleich loslegen, ob wir uns auf YouTube Tutorials zu unserem Traum-Hobby reinziehen oder die ersten Vorbereitungen dafür treffen – alles macht Sinn.

(Freiwillige) Arbeit an Weihnachten

Oder wir gehen halt arbeiten. Bisher hat mir noch nie ein Arbeitgeber gesagt „nein, du bleibst zu Hause.“ In der Heidelberger Redaktion hatte ich das große Glück, dass meine Lieblingskollegin an Heiligabend mit mir zusammen die Stellung hielt. Recht still, aber fokussiert saßen wir den ganzen Abend nebeneinander und hauten in die Tasten. Jene, die selbständig sind, wissen sowieso, was zu tun ist: sich derart mit Arbeit zuzuladen, bis wir vergessen, wo oben und unten ist. Natürlich ist nicht jeder Job so und deshalb suchen wir nach einer anderen sinnvollen Aufgabe.

Ehrenamt: Manche Gemeinden (etwa Rastatt und Baden-Baden) organisieren an Heiligabend ein gemeinsames Abendessen für Leute, die alleine feiern müssen und dies nur schwer ertragen können. Als Gast würde ich da persönlich nicht hingehen, da ich Aktivität brauche. Als freiwillige Helferin hingegen schon. Letztens hatte ich ein Interview mit den Organisatoren der Baden-Badener Initiative „Gemeinsam an Heiligabend“. Es war sehr spannend, was die zu erzählen hatten und eine Message kann ich davon an euch weitertragen: Helfende Hände werden niemals abgelehnt. Selbst wenn alle Posten vergeben sind, könnt ihr durch den Saal gehen und die Gäste, die vielleicht genauso einsam sind, wie ihr es gerade seid, bespaßen, sie kennenlernen und ihnen ein gutes Gefühl geben. Meistens sind es, zumindest bei uns in der Region, ältere Frauen, die ein solches Angebot in Anspruch nehmen. Wenn ihr ihnen etwas von eurer Wärme und Aufmerksamkeit schenkt, fühlt ihr euch nicht mehr so alleine und habt dabei das Prinzip der Nächstenliebe erfüllt. Informiert euch über Angebote in eurer Stadt. Selbst wenn ihr spontan hingeht, wird euch kaum jemand vor die Tür setzen und eure Hilfe ablehnen.

O-oh, es ist bereits Heiligabend! Was tun?

Das Erste, was wir an Heiligabend machen: wir machen uns hübsch. Frisieren uns, cremen uns ein, parfümieren uns, wenn wir Lidschatten benutzen, dann den richtig extravaganten, für den wir bisher nicht den passenden Anlass hatten – wir schaffen eine Full-Glam-Eskalation, ziehen unsere schönsten „Ornate“ und den üppigsten Schmuck an und genießen uns selbst.

Foto von yunona uritsky auf Unsplash

An Heiligabend, wenn es nicht gerade ein Sonntag ist, haben die Läden bis zur Mittagszeit noch offen. Wir nutzen das, gehen noch ein bisschen bummeln, gehen durch die Stadt, trinken dort einen Tee oder Kaffe, gehen vielleicht sogar zum Gottesdienst, auch wenn wir nicht katholisch sind, aber unser Glaube es zulässt, eine Kirche zu betreten.

Allein an Weihnachten: Wanderung und Unterhaltungsprogramm

Wir könnten auch wandern gehen. Für Baden-Württemberg und Hessen habe ich hier ein paar schöne Ausflugstipps publiziert. Die können wir nutzen, wenn das Wetter mitmacht. Oder wir gehen eben „all in“ bei Schlamm und Regen – ist auch recht abenteuerlich und mit Sicherheit nur schwer zu vergessen. Und wer will nicht eines Tages jemandem erzählen, wie er mal an Heiligabend die Offenbarung erlangt hatte, als er knöcheltief im nassen Dreck auf einem Berg mitten im Schwarzwald stand?

Alternativ schauen wir, ob es noch Tickets für die Oper, Theater, Konzert, Kino, Comedy-Show – egal was – gibt. Single-Plätze sind in letzter Minute wesentlich einfacher zu ergattern.

Eine kleine anonyme Freude

Wir könnten auch einfach jemandem ganz anonym ein Geschenk vor die Tür legen. Dafür steigern wir uns maximal in die Situation rein, tun so als seien wir 007 höchstpersönlich und platzieren es mit übertriebener Dramaturgie am Zielort. Tut dies aber NICHT bei Ex-Partnern oder Situationships. Wir wollen Spaß haben und nicht noch weiter in unserer Verzweiflung versinken. Hierfür eignen sich eher neutrale Personen besonders gut: Nachbarn, alte Klassenkameraden, ehemalige Kollegen, Omis und Opis in eurer Stadt, von denen ihr genau wisst, dass sie an Weihnachten ebenso einsam sein könnten. Ein Päckchen eurer selbstgebackenen Plätzchen, die ihr eigentlich für euch selbst geplant habt, wären etwa eine nette Geste.

Foto von Jess Bailey auf Unsplash

Abends zu Hause schauen wir uns dann einen schönen Film an. Nicht gerade einen weihnachtlichen, da in den Hollywoodfilmen dieses überromantisierte Familiengesülze oftmals stark propagiert wird. Und das ist das aller Letzte, was wir brauchen. Wir schauen uns irgend etwas Neutraleres an. Etwa eine nicht romantische Komödie, eine Biographie, einen Cartoon, eine Doku, avecMadlen auf YouTube, Tatort in der ARD-Mediathek oder, wenn es uns richtig dreckig geht, etwas Blutigeres: Quentin Tarantino Filme, Krimis, Horrorfilme, mörderische Dokumentationen. Wenn wir erstmal abgetrennte Körperextremitäten sehen, erkennen wir schnell, wie gut es uns eigentlich geht.

Allein an Weihnachten: Das lassen wir schön bleiben

Was wir NICHT machen: Saufen, Drogen nehmen, auf fragwürdige Dates gehen oder einfach weinend im Bett liegen. Ich verbiete euch das. Vor ein paar Jahren wollte ich mich betrinken, um das ganze zu vergessen, aber mein Nervensystem hat den Alkohol komplett blockiert. Also war mir einfach nur schlecht und mein Kopf war völlig nüchtern. Ich erkannte: das war ein schlechter Plan. Sorry fürs oversharen, aber es ist wie es ist. Schaut auch bei meinem Artikel „Allein an Valentinstag“ vorbei. Dort findet ihr weitere Ideen, die ihr auch an Weihnachten machen könnt. Und wenn’s gar nicht geht: schreibt mir bei Insta. Ich werde safe die meiste Zeit auch alleine sein und mich über eine nette Nachricht freuen.

Ho-ho-haltet die Ohren steif und denkt daran: wir alle gestalten unsere eigene Realität. Fühlt euch gedrückt und frohe Weihnachten. Eure Madlen.


Resume Installation

Copyright: Beitragsbild von Callum Blacoe auf Unsplash

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Erich Maria Remarque: Dieses Buch verändert dich

Allen, die ich liebe, empfehle ich immer ein und dasselbe Buch: „Der schwarze Obelisk“ von Erich Maria Remarque. Dieser Ausnahmeautor gehört zu meinen absoluten Lieblingen im deutschsprachigen Raum. Schwierige Sachverhalte erklärt er einfach und mit Leichtigkeit. Seine Gabe, fesselnd, emotional und poetisch zu schreiben sowie den Zeitgeist seiner Lebensjahre wiederzugeben entführt mich jedes Mal aufs Neue in eine unbekannte Welt, die ich, trotz Themen wie Tod, Nationalsozialismus und Krieg, nicht verlassen will. Ich kann seine Bücher während eines Tages runterbingen und dabei die Welt um mich herum vergessen. Es ist erstaunlich, dass er beim deutschen Publikum derart unterschätzt wird.

Ein schwarzer Obelisk zur Veranschaulichung (Symbolbild). Hierbei handelt es sich um die Grabstätte des virtuosen Komponisten und Pianisten Frédéric Chopin. Copyright: IMAGO / Depositphotos

„Der Schwarze Obelisk“

Remarque veröffentlichte seinen Zwischenkriegs-Roman „Der schwarze Obelisk“ im Jahr 1956. Darin schildert er das Leben der Überlebenden des Ersten Weltkriegs und deren Schwierigkeiten, nach ihren Kriegserfahrungen ein „normales“ Leben aufzubauen. Die Handlung spielt vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise und der galoppierenden Inflation in Deutschland.

Der Roman ist eine thematische Fortsetzung von Remarques Werken „Im Westen nichts Neues“ und „Der Weg zurück“. Die Vorarbeiten zu „Der schwarze Obelisk“ leistete der Autor bereits in den 1920er- und 1930er-Jahren, parallel zu seiner Arbeit an „Drei Kameraden“. Wer diese Bücher direkt nacheinander liest, bemerkt den einen oder anderen Charakter aus einer neuen Perspektive – Gänsehaut, Leute.

Darum geht es in Remarques Roman

Die Geschichte wird aus der Perspektive des Ich-Erzählers Ludwig Bodmer erzählt und spielt im Jahr 1923 in der fiktiven Stadt Werdenbrück. Ludwig arbeitet als Grabsteinverkäufer und spielt gelegentlich Orgel im örtlichen Irrenhaus. Dort trifft er oft auf Geneviève Terhoven, die unter einer Persönlichkeitsstörung leidet. Ludwig empfindet eine mehr oder minder platonische Liebe für sie und philosophiert mit ihr.

Den Beruf des Grabsteinverkäufers führt Ludwig mit einer gehörigen Portion Sarkasmus aus – eine Haltung, die er sich während des Krieges angeeignet hat. Seinen Humor verpackt Erich Maria Remarque in seine Figuren teils trocken, teils schwarz, aber immer hochintellektuell und pointiert.

Der Erste Weltkrieg hat tiefe Spuren bei den Charakteren hinterlassen. Sie sprechen häufig über ihre Erlebnisse, die wir als Leser auch gut historisch verordnen können. Gemeinsam mit seinem Chef Georg Kroll führt Ludwig das Geschäft, das durch die Inflation immer schwieriger wird, obwohl uns während des gesamten Romans immer vor Augen geführt wird, dass Menschen fortwährend sterben müssen. Doch die aufeinanderfolgenden Krisen beeinflussen sogar dieses lukrative Geschäft, um nun bei der zynischen Ausdrucksweise der Protagonisten zu bleiben.

Erich Maria Remarques Umgang mit Frauen

Remarque reflektiert in seinem Werk auch die Überlebensstrategien der Menschen in dieser Zeit. Frauen suchen sich reiche Männer zum Heiraten, was zu Verwirrung und Eifersucht bei Ludwig führt, als er seine große Liebe an einen wohlhabenden Mann verliert. Wie in jedem seiner Romane zeigt er auch hier seine wunderbare Gabe, Frauen als mystische, intellektuelle und vielschichtige Wesen darzustellen. Ich spürte in jedem Wort, das er dazu nutzt, um Frauen zu beschreiben, wie sehr er sie liebt, respektiert und bewundert. Es ist zutiefst berührend.

Ein bedeutender Aspekt des Romans ist der aufkommende Nationalsozialismus, dargestellt durch einen Kriegerverein, der sich zunehmend nach rechts ausrichtet.

Gegen Ende des Buches tritt Ludwig eine Stelle bei einer Zeitung an und wird in Roggenmark bezahlt – einer Währung, die aufgrund der Hyperinflation diskutiert wurde.

Das letzte Kapitel bietet einen Einblick ins Jahr 1955 auf das weitere Schicksal der Figuren. Was mit den meisten Freunden Ludwigs während des zweiten Weltkrieges passiert ist, werdet ihr selbst herausfinden müssen.

Symbolik: Schwarzer Obelisk

Das zentrale Symbol des Romans ist ein schwarzer Obelisk aus Mikrogabbro, bekannt unter dem Kürzel „SS“. Dieser Grabstein wird einerseits als Warnung vor drohender Aufrüstung interpretiert, andererseits als Symbol bürgerlichen Herrschaftsanspruchs gesehen. Der Verkauf des Steins an eine Bordellbesitzerin verdeutlicht den Verfall bürgerlicher Werte. Das aber habe ich erst jetzt während meiner Recherche herausgefunden. Mind=blown.

Hier findest du ein Mini-Detail zum Mikrogabbro

Fälschlicherweise wurde dieser Naturstein wegen seiner Härte als Granit bezeichnet und in Deutschland als Schwarz-Schwedisch bekannt und mit „SS“ abgekürzt.

Der Protagonist Ludwig Bodmer weist viele autobiografische Züge von Remarque selbst auf. Beide waren nach dem Ersten Weltkrieg kurzzeitig Volksschullehrer, verkauften Grabsteine und spielten Orgel im Irrenhaus. Werdenbrück entspricht weitgehend Remarques Heimatstadt Osnabrück.

Erich Maria Remarques Schlüsselroman

„Der schwarze Obelisk“ wird oft als Schlüsselroman gelesen. Viele Figuren basieren auf realen Personen aus Osnabrück. Remarque verwendet diese historischen Anspielungen, um die Wurzeln des Nationalsozialismus im Kleinbürgertum seiner Heimatstadt offenzulegen.

Wenn ich du wäre, würde ich zunächst andere Werke Remarques lesen, falls nicht ohnehin schon passiert. Die perfekte Reihenfolge für mich war: Zeit zu leben und Zeit zu sterben – Arc de Triomphe – Im Westen nichts Neues (für alle die Bock auf Depressionen haben) – Die drei Kameraden und zu guter Letzt Der schwarze Obelisk, den ich immer und immer wieder lesen würde.


Beitragsbild Quelle: IMAGO / Bridgeman Images

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Deep Rouge: Eine Ode an Erotik und Überschuss

Aus dem Nebel erscheint eine Grazie in Schwarz und betritt die Bühne. Ihr Charakter verkörpert den Zeitgeist Zentraleuropas der späten 1930er Jahre. Anmutig schreitet sie über die rote Bühne, während die Plastik ihrer Bewegungen französisch spricht und die Musik im Hintergrund an Marlene Dietrich erinnert. Ihr strenger, verführender Blick hat auch etwas Deutsches an sich. Er durchdringt den Körper des Zuschauers bis in die Zehenspitzen. Wie gebannt sind alle Augen im Salon auf sie gerichtet. Herrschaftlich registriert sie das und erwidert jene, die es würdig sind. Als die Spannung kaum auszuhalten ist, streift sie ihren rechten seidenen Handschuh ab und lässt ihn zu Boden fallen. Später würde sie ihrem Publikum einen Blick auf ihre makellose Porzellanhaut gewähren, die zunächst jedoch von einem Mieder mit güldenen Inkrustationen verdeckt blieb. Was dann im Salon Marlene passierte, hättet ihr mit eigenen Augen sehen sollen.

„Deep Rouge“-Showgirl Tara D’Arson

Tara D’Arson liebt das Spiel zwischen Fantasie und Wirklichkeit. „Wenn ich die Bühne betrete, bin ich eine andere – ich kann sein, wer ich will“, erzählt sie mir nach Showende. Der Moment, der ihr von jedem Abend in Baden-Baden bleibt, ist, als sie ihre Choreografie im Hosenanzug und Zylinder aufführt: „Ich merkte, wie die Zeit plötzlich stillstand.“ Ein Zustand, in dem sie eine unausgesprochene Verbindung mit ihrem Publikum eingeht und spürt, wie alles den Atem anhält. „Vor allem beobachte ich gerne die Paare im Publikum; wie sich etwas Elektrisierendes zwischen ihnen aufbaut. Ich liebe den Gedanken daran, dass sie Sex haben, wenn sie nach der Show nach Hause gehen“, sagt sie mir, während ich meinen Blick nicht von ihren zweifarbig schimmernden Augen abwenden kann.

Copyright: Tanja Dammert 

Tara genoss eine klassische Ballettausbildung, tanzte später Cabaret im Pariser Moulin Rouge und auf den Bühnen von Bordeaux. „Als ich zum ersten Mal eine Broulesque-Show erlebte, wusste ich, dass das meine Bestimmung ist.“ Zehn Jahre lebte sie in Berlin und arbeitete auch dort als Showgirl. Meine Frage, was sie auf der Bühne fühlt, beantwortet sie leidenschaftlich mit „everything“. Ihre Message an die Frauenwelt: „Jede hat diese erotische Energie in sich. Nur hat jede ihren ganz eigenen Weg, um sie nach außen zu tragen.“ Ihre Porzellanpuppenfigur verwöhnt die kürzlich gewordene Mutter mit viel Tanz, Yoga und Pilates; „everything soft“, formuliert sie. Zudem unterrichtet sie Heels, Broulesque und etwas Ballett.

Kulisse der „Deep Rouge“-Show war das Casino Baden-Baden. Entstanden aus der Kooperation von Rizzi & Co. und Industrial Theater verkörpert das neue Format etwas, was es in unserer Stadt noch nicht gab. Zumindest nicht zu meiner Zeit hier.

Venedig-Vibes mit der temperamentvollen Jacky Lu

Als die im üppigen Federkleid gekleidete Jacky Lu den Salon stürmt, wird es wild und zügellos. Sie hat nämlich das Temperament einer Diva, das Gesicht einer Pin-up-Malerei und den Körper eines Mannequins. Spielend flirtet sie mit dem einen Kopf kleineren Conférencier und zeigt uns das Funkeln der Strasssteine, die sie unter den pinken Federn trägt. Ihr Tanz scheint Spontanität und Freiheit zu verkörpern – der Blick verrät, dass sie jeden Moment davon genießt. Zusammen mit den Federn legt sie auch den letzten Funken ihrer gespielten Schüchternheit ab und beherrscht die rote Bühne mit ihrer lauten, unantastbaren Erotik.

„I enjoyed myself very much tonigt“, verrät sie mir später, „When I’m on stage, I feel like a queen, I feel like I own everything.“ Sie liebt die glühenden Blicke aus dem Publikum und fühlt sich bei jeder ihrer Shows wie ein vollkommen neuer Charakter. Wie Tara auch, liebt Jacky Lu es, verschiedene Rollen zu spielen, die sie während ihrer Auftritte zu erschaffen scheint. Jede ihrer Shows ist daher anders, oft tanzt die Künstlerin freestyle, obwohl sie sich auch an die Choreographien hält, die ihre kleine Schwester für sie konzipiert. Währenddessen kreiert die große Schwester ihre Bühnenkostüme. Die DNA ihrer Designs ist im venezianischen Carneval verankert. Draußen trägt Jacky Lu meistens Baggy – auch diesen Stil feiert sie. Die, buchstäblich, glanzvollen Roben hebt sie sich aber für die Bühne auf.

Ich frage sie, was wir Nicht-Showgirls tun können, um unsere Erotik zu entfachen. Sie gibt mir eine Anleitung zum ausprobieren: „Schließ deine Augen, hab Spaß, mach deine Lieblingsmusik an und stell dir vor, du würdest für jemanden Tanzen, den du richtig gern hast.“

Carlo geleitet uns mit seinem Wiener Charme durch den Abend

Einen festen Platz in der Late-Night-Show hat auch der zierliche Conférencier Carlo aus Wien. Bescheiden beschreibt er sich selbst als „den roten Faden“ des Abends. Dabei nimmt er sowohl die Rolle eines Showmans als auch die eines Zuschauers ein. Nachdem er die Tänzerinnen ankündigt und sie die Bühne zum Leben erwecken, positioniert er sich im Raum und schaut ihnen mit gewisser Theatralik zu – etwa in einer güldenen Badewanne.

Sein Ziel ist es, dem Publikum Freude geben. Er verpackt es in eine Metapher: „Ein Glas zu zerbrechen ist einfach. Eines herzustellen ist die schwierige Aufgabe und erfordert seine Zeit.“ Doch der Artist in vierter Generation weiß genau: „Wenn die Menschen im Publikum sitzen, lassen sie alles hinter sich.“ Alle Nachrichten, Krisen, Medien – all die Reizüberflutung, der der moderne Mensch ausgesetzt ist. Mitten in der Show wirft er ein: „Eine Stadt, in der keine Orgie stattfindet ist eine tote Stadt.“ Meine Augen weiten sich.

Auf ein Wort mit Regisseur Enno-Ilka Uhde

„Eine Orgie kann auch eine Baustelle sein“, löst Regisseur Enno-Ilka Uhde auf. Meinen ersten interpretativen Gedanken fand ich zwar lustiger, der wahre Sinn dieser Phrase ist jedoch auch ganz schlüssig. Für ihn ist „Kunst immer Politik“ und seine Shows seien voll davon. Für die meisten Zuschauer allerdings oft ungreifbar, da subtil hineingeflochten. In der Musikwahl etwa finden wir Indizien dafür: „Die Stücke aus Klassik, Rock, Jazz und Elektro gehen abrupt ineinander über. Der Zuschauer kann nicht erahnen, was als nächstes kommt – wie im Leben selbst.“ Uhde scheint gut damit leben zu können, dass seine versteckten Botschaften nicht bei jedem ankommen und betont: „die Künstler verstehen es aber.“

Ob das die Magie hinter seiner Show ist, können wir nur erahnen. Als er die folgende Phrase ausspricht, muss ich lange in die Leere starren, bis ich wieder auf der Erde ankomme: „Das Überschüssige ist das höchst Notwendige.“ Damit brachte er die Atmosphäre dieser Nacht auf den Punkt und hielt auch mir ganz unverhofft einen kleinen Spiegel hin. Ich fragre ihn, was in ihm passiere, wenn er eine Show, die vorher nur in seiner Fantasie lebte, in die Realität umsetzt. „Depression.“ Wieder weiten sich meine Augen. „Wenn die Show stattfand, ist sie tot.“ Der einzige Weg, mit diesem Schmerz umzugehen, sei es, die nächste Show zu schaffen.

Copyright: Tanja Dammert 

„Deep Rouge“ geht schon bald in die nächste Runde

Die nächste „Deep Rouge“-Show wird es im Salon Marlene schon bald wieder geben. Hier gehts zum Veranstaltungskalender und den Tickets. Vielleicht haben die Gäste auch bei den kommenden Shows das Vergnügen, ein paar Worte mit dem Gastgeber Maurice Schreck zu wechseln. Für ihn wird die Einführung der Late-Night-Show zum Erfolg. „Wir sind happy“, teilt er mit Blick nach vorne und will erstmal noch tiefer in die Materie der Dinnershows einsteigen.

An dieser Stelle verabschiede ich mich von euch, da ich nämlich hohen Besuch erwarte. Und wenn ihr bald auch unsere Stadt beehren wollt, um Jacky Lu und Tara D’Arson live zu erleben, dann nehmt euch am besten Zeit für euren unvergesslichen Abend und die Nacht im Casino Baden-Baden. Zieht eure prunkvollsten Ornate an, trinkt an der Bar, verspielt euer Geld beim Blackjack und Poker, genießt die Show, lauscht den Cellos von Sia und Vassily Bystroff, dem Gesang von Liangliang und geht anschließend im Club Bernstein tanzen. Wir wissen ja, was Enno-Ilka Uhde uns zum Thema Überschuss erzählt hat.

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Würzig duftende Tagetes: Deshalb sind sie so liebenswert

Zugegeben, ich habe sie immer angepflanzt, weil sie mich an meine Kindheit erinnern und mich vor allem ästhetisch ansprechen. Doch diese kleinen Schätze können mehr, als einfach nur gut aussehen! Studentenblumen, auch bekannt als Tagetes, beschäftigen mich, da ich sie selbst seit Jahren anbaue und sie mir von April bis in die Wintermonate viel Freude bereiten. Dieses Jahr hab ich es mit Vorkultur probiert. Für nächstes Jahr habe ich mich dazu entschieden, beides zu machen: Einen Teil der Samen nach den ersten warmen Tagen im März in die Erde zu werfen und zu gucken, was passiert. Und den anderen Teil drinnen vorzuziehen. Beides hat seinen Reiz – die Blumen entwickeln sich jeweils etwas anders und das finde ich so spannend zu beobachten.

An den robusten, würzig duftenden Pflänzchen habe ich gleich mehrere Sachen gern: Sie blühen lange, sind pflegeleicht und ich weiß nie, in welcher Farbkombination sie erblühen, da ich die Samen unsortiert in einem Bottich lagere. Werden sie vollständig rot oder kommen sie mit leuchtend orangenem Saum oder sogar ganz orange? Mit einer oder mit mehreren Blütenblätterreihen? Ihre Vielfalt entzückt mich immer wieder aufs Neue.

Insekten und Tagetes: Wen schreckt sie ab? Wen zieht sie an?

Meine Oma pflanzte sie an den Rand der Kräuter- und Gemüsebeete. Bestimmt wusste sie, dass der intensive Duft der Studentenblumen Schnecken anzieht, die man dort vor Ort dann einfach einsammeln kann. Somit gilt die Pflanze als natürlicher Schneckenschutz. Hinzu kommt, dass chemische Prozesse in ihren Wurzeln beim Reinigen der Erde helfen. Fadenwürmer und anderes Ungeziefer bleiben fern.

Gleichzeitig ist die Studentenblume eine echte Stütze für heimische Wild- und Honigbienen sowie Hummeln. Man könnte sagen: Sie fliegen auf sie. Vor allem dann, wenn im Spätsommer bereits alle anderen Blumen verblüht sind, stellen die Tagetes eine zuverlässige Nahrungsquelle dar.

Entscheidend ist jedoch, dass die Blüten ungefüllt sind. Der Unterschied zwischen „gefüllt“ und „ungefüllt“ ist, dass die gefüllten Blüten überzüchtet sind. Der Eingang zu Ihren Pollen und dem Nektar wird durch die zusätzlichen Blütenblätterreihen verengt. Die Folge: Insekten können nicht ins Blüteninnere gelangen und gehen hungrig aus.

Ich habe beide Sorten. Dieses Jahr wuchsen die mit den ungefüllten Blüten gut in die Höhe. Die gefüllten sind wirklich schön anzusehen, duften auch intensiv nach Tagetes (bitte schreibt mich an, wenn jemand ein Parfüm rausbringt, das danach duftet), sind für Bienen allerdings nur eine traurige Mogelpackung.

Was macht man mit überzüchteten Sorten?

Haben die überzüchteten Blumen denn überhaupt noch eine positive Auswirkung auf die Erdqualität? Grundsätzlich schon. Denn die Wurzelaktivitäten hängen nicht von der Blütenoptik ab. Bei stark überzüchteten Sorten tritt jedoch die natürliche Wirkung der Pflanze zugunsten der Optik in den Hintergrund. Weshalb wohl viele Sorten, die es im Handel gibt, nur noch einen minimalen Nutzen für die Flora und Fauna im Garten haben.

Ich züchte sie schon bald seit zehn Jahren. Einen Teil meiner aller ersten Samen kaufte ich auf konventionellem Wege. Den anderen… naja. Ich war damals noch jung und wild und hatte es eines Nachts auf verblühte Blumen eines städtischen Beets abgesehen. Ich entwendete sie, um ihre Samen im darauffolgenden Jahr einpflanzen zu können. Ein bisschen experimentieren eben.

Darf ich vorstellen? Die Nachkommen.

Kann sich eine überzüchtete Tagetes zurückbilden?

Mittlerweile sehen meine Studentenblumen ganz anders aus, als damals als ich sie gekl..auft habe. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sich in diesen vielen Jahren einfach zurückentwickelt haben. Denn die vom städtischen Beet hatten gigantische gelbe Köpfe und waren alle vollständig gefüllt. Ihre Nachkommen hingegen zeigen teils sogar einzelne Blütenblätterreihen und sind jetzt einfach orange.

Tatsächlich kann es passieren, dass überzüchtete Tagetes sich durch gezielte Aussaat über mehrere Generationen wieder zu einfacheren, bienenfreundlichen Blüten zurückentwickeln. Zwar ist das Ergebnis nicht exakt vorhersehbar, doch mit Geduld und konsequenter Selektion können Gartenliebhaber aus pompösen Zuchtformen nach zwei bis drei Generationen wieder natürliche, ungefüllte Tagetes kultivieren. Wie ihr euch sicher denken könnt: Selektion habe ich bisher noch nicht betrieben, sondern es eher dem Schicksal überlassen. Ich behalte jede einzelne Blüte, ob schmächtig oder prächtig, lasse sie trocknen und entnehme ihr alle Samen für meinen Bottich. Ihr erinnert euch an ihn, nicht wahr?

Pflege und Co.: Spannende Fakten zur Studentenblume

Manche Sorten der Tagetes kann man essen. Nicht alle. Probiert habe ich es noch nicht, aber vielleicht ist heute ja die Nacht der Nächte, in der ich mich endlich traue. Manche nehmen die Blütenblätter als eine Art Farbakzent für den Salat.

Zum Abschluss ein paar wichtige Pflegehinweise für alle Tagetes-Fans: Die Pflänzchen sind ziemlich durstig, mögen aber keine Staunässe. An sehr heißen Tagen gieße ich sie zwei Mal täglich und schaue einfach, wie sie aussehen und wie der Zustand der Blüten und Blätter ist. Wenn die Sonne weg ist, besprühe ich sie gerne mal mit Wasser und entferne ausgetrocknete Blätter. Das Verblühte schneide ich mit einer scharfen sauberen Schere ab, lasse es trocknen und lagere die entnommenen Samen an einem dunklen Ort. Wenn ich jemanden sehr mag, verschenke ich meine Babys auch gerne mal.

Die Exemplare, die jetzt gerade auf meinem Balkon in Baden-Baden wachsen, werden von Bienen und Hummeln gut angenommen und erinnern mich gleichzeitig daran, wie ich sie damals ergattert habe. Beides bringt mich regelmäßig zum Schmunzeln, weshalb ich sie wahrscheinlich immer anpflanzen werde.


Bebilderung

Quellen

  • mdr Garten: „Tausendsassa Tagetes: Was die Studentenblume alles kann“
  • samen.de: „Bunte Blüten für Bienen und Biodiversität: Studentenblumen im Garten“
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Selbstbetrug durch kognitive Dissonanz

Heute sprechen wir über mein zurzeit geliebtes Thema: Kognitive Dissonanz. Gemeint ist damit der innere Zwiespalt, wenn sich zwei widersprüchliche Gedanken oder Gefühle gleichzeitig bemerkbar machen – ein innerer Kampf zweier Motive, der uns hin- und herreißt. Und während wir in jenem Zustand sind, stellt sich (hoffentlich) die leise Frage: „Was bin ich eigentlich für ein Mensch?“

Treten wir etwa nach außen hin überzeugt auf, während in uns Zweifel nagen, zeigt sich darin oft eine kognitive Dissonanz. Dieses unbewusste psychologische Phänomen tritt mit einem Spannungsgefühl auf. Es entsteht immer dann, wenn unser Denken, Fühlen und Handeln nicht im Einklang stehen. Doch was genau bedeutet das – und warum ist es so schwer, diese innere Spannung auszuhalten?

Kognitive Dissonanz: Ein Begriff aus der Psychologie

Den Begriff prägte der US-amerikanische Sozialpsychologe Leon Festinger im Jahr 1957. Seine Theorie besagt: Menschen streben grundsätzlich nach konsistentem Denken – also danach, dass ihre Überzeugungen, Einstellungen und Handlungen zueinander passen. Gerät dieses innere Gleichgewicht ins Wanken, empfinden wir Unbehagen.

Beispiele aus dem Alltag:

  • Eine Raucherin weiß, dass Zigaretten schädlich sind, raucht aber trotzdem.
  • Jemand will ein guter Partner sein, betrügt seine Verlobte aber mit 35 anderen Frauen.
  • Konsumenten kaufen ein überteuertes, aber prestigevolles Smartphone, das objektiv kaum mehr Funktionen bietet, und rechtfertigen dies später mit angeblichem „besserem Design“.
  • Eine Frau befindet sich seit Jahren in einer Beziehung mit emotionalen Missbrauch, leidet darunter, erkennt dies auch, doch beendet es trotzdem nicht.
  • Ein Vater schlägt sein Kind regelmäßig und erzählt ihm im Erwachsenenalter, er sei ein sehr schwieriges Kind gewesen.

Meine persönliche kognitive Dissonanzen:

Natürlich hat mein Verhalten seine Gründe und Ursprünge. Doch dadurch werden die Bedürfnisse, die in mir koexistieren nicht weniger widersprüchlich. Was ist hier also los?

Der Mensch versucht, seine Dissonanzen aktiv abzubauen – meist unbewusst. Das funktioniert etwa durch Rechtfertigung, Bagatellisierung1 oder das Ignorieren widersprüchlicher Impulse und Bedürfnisse.

Warum erleben wir Dissonanzen?

Da die Theorie auf der Annahme basiert, dass psychisches Wohlbefinden stark mit kognitiver Konsistenz2 verbunden ist, stellen Widersprüche zwischen Wissen, Überzeugungen und Verhalten eine Bedrohung für das Selbstbild dar. Die Folge: Menschen sind bereit, teils absurde Erklärungen zu akzeptieren oder Informationen zu verzerren, um den inneren Konflikt zu lindern.

Neurobiologisch lässt sich dieses Unbehagen sogar messen. Während einer Dissonanzsituation wird vor allem der anterior cinguläre Cortex aktiviert wird – ein Hirnareal, das an der Verarbeitung von Konflikten und Fehlern beteiligt ist.

Mechanismen der Dissonanzreduktion

Menschen nutzen verschiedene Strategien, um kognitive Dissonanz abzubauen:

  • Verhaltensänderung: Das eigene Handeln wird an die Überzeugung angepasst (Beispiel: Das Rauchen wird aufgegeben).
  • Einstellungsänderung: Überzeugungen werden angepasst, um das Verhalten zu rechtfertigen („So schlimm ist Rauchen gar nicht“).
  • Informationsvermeidung: Widersprechende Informationen werden ausgeblendet oder ignoriert.
  • Selektive Wahrnehmung: Nur Informationen, die das eigene Verhalten unterstützen, werden wahrgenommen.

Diese Anpassungsmechanismen dienen weniger der objektiven Wahrheitsfindung, sondern eher der psychischen Entlastung.

Kognitive Dissonanz im Konsum und in der Gesellschaft

Besonders in der Werbung und im Marketing spielt das Phänomen eine zentrale Rolle. Unternehmen nutzen gezielt das Bedürfnis nach Konsistenz:

  • Hochpreisige Produkte werden als „Lifestyle“ verkauft – wer sie nicht kauft, muss sich fragen, ob er „außerhalb des Trends“ lebt, außerhalb der Zugehörigkeit zum Kollektiv, das den meisten Menschen ein wohliges Gefühl beschert.

Auch in gesellschaftlichen Kontexten begegnet uns das Prinzip:

  • Menschen bleiben in Gruppierungen oder Ideologien, obwohl ihnen innere Zweifel kommen – aus Angst vor dem Verlust ihres Weltbilds oder sozialen Status.
  • Politische Polarisierung kann teilweise als Schutzmechanismus gegen kognitive Dissonanz verstanden werden: Informationen, die das eigene Weltbild in Frage stellen, werden abgewehrt.

Ein gesundes Maß an Dissonanz gehört zum Leben

Kognitive Dissonanz ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein zutiefst menschlicher Mechanismus. Sie hilft, ein konsistentes Selbstbild aufrechtzuerhalten und psychische Belastung zu vermeiden. Doch nur wer sich der eigenen Widersprüche bewusst wird, kann lernen, differenzierter und freier zu denken.

Psychologen raten: Statt jede Dissonanz sofort aufzulösen, lohnt es sich manchmal, das Spannungsgefühl auszuhalten. Es kann der Ausgangspunkt für persönliche Weiterentwicklung und echte Veränderung sein. Wird das aber zu intensiv, kann man sich die gegebene Situation auch aus unterschiedlichen Perspektiven ansehen:

Was genau bringt mir diese Kippe gerade? Beruhigt sie mich wirklich, oder ist sie der Ausdruck meines Suchtverhaltens? Was passiert, wenn ich in diesem Tempo so weiterrauche? Welche sofortigen Konsequenzen trage ich davon, wenn ich sie jetzt qualme? Wodurch könnte ich die Fluppe ersetzen? Gibt es eigentlich auch was Positives daran, bis auf das kurzfristige Gefühl der inneren Fülle? Welcher Mensch will ich sein? Einer, der raucht, stinkt und seiner Gesundheit schadet, oder einer, der dieses Problem in den Griff bekommen will und dies auch aktiv versucht?

No hate an die Raucher an dieser Stelle, ich rauche in bestimmten Lebenslagen selbst mal gerne eine. Meine Motive dahinter: Ich finde es ästhetisch ansprechend, wie das Zigarettchen da so elegant zwischen meinen Fingern glüht oder in anderen Szenarien auch meine ungeschliffene, maskuline Seite zum Vorschein bringt. Oder einfach nur nach außen trägt, wie verloren ich mich gerade fühle und mit sehnlichst wünsche, dass es von irgend einem anderen Lebewesen auf diesem Planeten bemerkt wird. Egal, welche Motivation dahinter steckt: Ich rauche, obwohl ich weiß, dass es mir schadet. Und das ist meine kognitive Dissonanz. Und was ist deine?


Artikelbild von Dasha Yukhymyuk auf Unsplash

Quellen:

Fußnoten:

  1. Bagatellisierung bedeutet, ein Problem herunterzuspielen; einen Fehler oder eine unangenehme Wahrheit kleinzureden oder als unwichtig darzustellen – obwohl es objektiv betrachtet durchaus bedeutend oder ernst sein könnte.

    Beispiele:

    Jemand sagt nach einem Autounfall: „War doch nur ein kleiner Kratzer“, obwohl der Schaden erheblich ist.
    In einer missbräuchlichen Beziehung: „Er hat mich angeschrien, aber ich kann das mittlerweile total gut ausblenden.“
    Oder die Raucherin: „Rauchen? Ach, mein Großvater hat auch geraucht und ist 90 geworden.“
    Oder ich, nachdem ich ein Törtchen inhaliert habe: „Ohne Törtchen fühlt sich die innere Leere in mir unerträglich an.“

    Bagatellisierung ist eine Strategie zur psychischen Entlastung. Etwa um Schuldgefühle zu vermeiden oder kognitive Dissonanz abzubauen. Das Problem wird verharmlost, um sich selbst besser zu fühlen oder um Kritik abzuwehren. ↩︎
  2. Kognitive Konsistenz bezeichnet in der Psychologie das innere Gleichgewicht eines Menschen, bei dem seine Überzeugungen, Einstellungen und Handlungen widerspruchsfrei und im Einklang miteinander sind.

    Im Zustand kognitiver Konsistenz:
    Passen Gedanken, Gefühle und Handlungen zusammen.
    Erlebt eine Person keine innere Spannung oder Unruhe.
    Das eigene Selbstbild bleibt stabil und logisch nachvollziehbar.

    Beispiel:
    Eine Person glaubt, Umweltschutz sei wichtig (Überzeugung).
    Sie fährt deshalb Fahrrad statt Auto (Handlung).
    Sie fühlt sich dabei gut (Gefühl).

    Alles passt zusammen – es besteht kognitive Konsistenz. Das Streben nach kognitiver Konsistenz gilt als ein grundlegendes psychologisches Bedürfnis, weil es das Selbstwertgefühl stabilisiert und emotionale Belastungen reduziert. Gerät dieses Gleichgewicht ins Wanken (etwa durch widersprüchliches Verhalten), entsteht kognitive Dissonanz. ↩︎
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Was ist der Unterschied zwischen Sanieren und Renovieren?

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Sanieren und Renovieren? Wer ein Haus kauft oder eine Wohnung übernimmt, hört beide Begriffe oft in einem Satz. Und dennoch bedeuten sie nicht das Gleiche. Kurz gesagt: Renovieren verschönert, Sanieren rettet. Schauen wir mal genauer hin.

Das meinen Vermieter und Makler mit „Renovieren“

Renovieren bedeutet, etwas optisch aufzufrischen. Hier geht es darum, den normalen Verschleiß zu beheben und Räume wieder wohnlich zu machen. Typische Renovierungsarbeiten sind zum Beispiel:

  • Wände neu streichen oder tapezieren
  • Böden verlegen oder abschleifen
  • Türen und Fenster lackieren
  • Kleine Risse im Putz ausbessern

Das Ziel: Die Wohnung oder das Haus soll wieder hübsch und gepflegt aussehen. Renovieren ist also eher oberflächlich, vergleichbar mit leichten Tagesmakeup für deine vier Wände.

Foto von Kenny Eliason auf Unsplash

Beim Sanieren geht’s ans Eingemachte

Sanieren greift tiefer. Hier werden Schäden beseitigt oder das Gebäude technisch auf den neuesten Stand gebracht. Sanierungen können nötig werden, wenn das Haus in die Jahre gekommen ist oder versteckte Mängel entdeckt werden. Dazu zählen beispielsweise:

  • Erneuerung der Elektrik oder Wasserleitungen
  • Austausch einer alten Heizung
  • Wärmedämmung für Dach oder Fassade
  • Schimmelbekämpfung oder Abdichtung gegen Feuchtigkeit

Auch interessant: Das solltest du unbedingt wissen, bevor du in eine Altbauwohnung ziehst

Hier wird eindeutig saniert. Foto von Alex Plesovskich auf Unsplash

Sanieren und Renovieren

Während das Renovieren also eher der Optik dient, zielt das Sanieren darauf ab, die Immobilie überhaupt bewohnbar, sicher und energieeffizient zu halten. Sanieren bedeutet: Substanz sichern und Lebensdauer verlängern. Beispiel: Wir streichen in einer Altbauwohnung die Wände und verlegen neuen Parkettboden – also renovieren wir. Müssen wir jedoch die maroden Stromleitungen ersetzen und das Dach dämmen, sanieren wir.

Beides kann Hand in Hand gehen, muss es aber nicht. Deshalb lohnt es sich, genau hinzuschauen, wenn (vor allem beim Kauf einer Immobilie) von „ein bisschen was machen“ die Rede ist. Denn ob du nur streichst oder das Haus technisch auf Vordermann bringen musst, macht finanziell einen gewaltigen Unterschied.


Beitragsbild von Brina Blum auf Unsplash

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Bevor du einziehst: Altbau-Check in 3 Minuten

Knarrende Dielen, hohe Decken, stuckverzierte Träume – eine Altbauwohnung ist für viele die pure Wohnromantik. Aber bevor du dein Pinterest-Board Realität werden lässt, solltest du ein paar Dinge genauer unter die Lupe nehmen. Denn wo Charme ist, ist manchmal auch Chaos.

Altbauwohnungen sind nicht jedermanns Sache. Aber die, die sie lieben, wissen, warum sie es tun. Foto von Strange Happenings auf Unsplash

Heizung, Fenster & Co. in der Altbauwohnung: Der Wintertest

Die meisten Altbauten wurden lange vor der Ölkrise gebaut – sprich: Energieeffizienz war damals noch kein Thema. Wenn die Fenster nicht mindestens doppelt verglast oder die Heizkörper vor dem Zweiten Weltkrieg montiert worden sind, zahlst du im Winter Unmengen an Geld.

Diese Checkliste kannst du bei einer Wohnungsbesichtigung durchgehen:

  • Sind die Fenster dicht oder zieht’s bei Wind aus den Ritzen?
  • Wann wurde die Heizanlage zuletzt gewartet oder erneuert?
  • Gibt es Thermostatventile? (Viele Altbauheizkörper laufen noch auf gut Glück.)
  • Lass dir außerdem die letzten Heizkostenabrechnungen zeigen – das sagt mehr als tausend Worte.
Was für fantastische Fenster! Bleibt nur noch herauszufinden, wie gut sie isoliert sind. Foto von Florence Gray auf Unsplash

Wände mit Geschichte – und Überraschungen

Altbauten haben den ultimativen Old-Money-Charme – und das ist toll. Aber manchmal verbirgt sich hinter dem Putz nicht nur Charakter, sondern auch Schimmel, Asbest oder Bleirohre.

Fragen, die du dem Makler / Eigentümer stellen könntest (und solltest):

Strom und Kabelsalat aus der Nachkriegszeit?

In vielen Altbauten ist der Sicherungskasten ein kleines Museum. Zu wenige Steckdosen, keine FI-Schalter und Kabel, die schon vor Jahrzehnten überfordert waren.

Wichtig zu wissen:

  • Ein veralteter Stromkreislauf ist nicht nur nervig – er ist gefährlich.
  • Frag gezielt nach einem E-Check oder dem letzten Elektrikerbesuch.
So verkabelt sollte weder eine Klingelanlage, noch der Telefonanschluss noch der Stromkasten aussehen. Foto von Yung Chang auf Unsplash

Hellhörig? Ja. Schön? Nicht immer.

Das klassische Altbauproblem: Trittschall. Die Nachbarn über dir könnten genauso gut auf deiner Couch sitzen, wenn sie morgens barfuß zur Kaffeemaschine schlendern.

Akustik-Test: Geh am besten zu verschiedenen Uhrzeiten in die Wohnung – wenn das überhaupt möglich ist. Ich weiß ja selbst, wie gestresst man bei der Wohnungssuche sein kann. Höre und horche genauer hin, wie der Lautstärkenpegel ist. Hältst du das auf Dauer aus? Frage ruhig nach, ob der Boden entkoppelt ist. Teppiche könnten auch ein bisschen dabei helfen, um den Lärm der Hausgemeinschaft zu dämmen.

So sehr wir diese alten Dielen lieben: Sie sind nicht immer so praktisch, wie wir sie gerne hätten. Foto von Nathan Bang auf Unsplash

Eigentümer-Egonummer? Wirf einen Blick in die Protokolle

Altbauten werden oft von WEGs (Wohnungseigentümergemeinschaften) verwaltet. Klingt harmlos, kann aber zur Geduldsprobe werden. Wer blockiert notwendige Sanierungen? Gibt es Rücklagen für Reparaturen? Steht eine Dachsanierung an? Tipp: Protokolle der Eigentümerversammlungen geben Aufschluss über Streitpunkte und Baustellen.

Stilvoll leben im Altbau bedeutet auch, seine Schwächen zu kennen. Foto von Kseniia Zapiatkina auf Unsplash

Deine Altbauwohnung ist ein Denkmal?

Wenn dein Altbau unter Denkmalschutz steht, kannst du nicht mal eben neue Fenster einsetzen oder die Fassade streichen lassen. Auch der Einbau moderner Bäder oder Balkone kann eingeschränkt sein.

Daher unbedingt vorab klären:

  • Steht das Haus unter Denkmalschutz?
  • Welche baulichen Veränderungen sind erlaubt – und welche nicht?

Ja, Altbau kann anstrengend sein. Aber auch wunderbar. Es gibt kaum etwas Schöneres, als morgens auf alten Dielen in eine lichtdurchflutete Küche zu tappen, in der schon vor 100 Jahren jemand Kaffee gekocht hat. Wenn du weißt, worauf du achten musst, wird der Einzug nicht zum bösen Erwachen – sondern zum Neuanfang mit Geschichte.


Artikelbild von Aleksander Stypczynski auf Unsplash

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Das ist dein Zeichen, mit Tiktok anzufangen

Vor etwa einem Monat habe ich angefangen, TikTok zu nutzen. Ich wollte ein neues Auditorium für meine Blogs avecMadlen und Tüll & Trüffel finden, war neugierig und hatte das Bedürfnis, meine Erlebnisse mit anderen zu teilen. Aber ich hab mich nicht getraut. Ich hatte schlicht keine Lust auf Haterkommentare, wollte etwas wirklich sinnvolles produzieren und fragte mich fortwährend, ob meine Ideen überhaupt gut oder spannend genug sind für ein Format wie Tiktok.

Irgendwann hab ich mich dann mit ChatGPT beraten – er schlug mir vor, einfach mal Landschaften mit cooler Musik zu posten. Ich hielt das für eine gute und vor allem sichere Idee, dachte noch eine Weile darüber nach… und dann, eines Nachts, hab ich einfach meine ersten Videos rausgeballert.

Hier geht’s zu meinem Tiktok-Account

So fühlt es sich an, endlich Tiktoks zu machen

Es fühlte sich erstaunlicherweise total geil und richtig an. Ich dachte mir: „Yeah, i did it!“ Nach all den Jahren voller Zweifel. TikTok hat jetzt nicht mein Leben umgekrempelt. Aber: Ich filme neben dem Fotografieren für meine Blogs inzwischen auch kurze Clips. Ganz automatisch. Und das fühlt sich an wie eine natürliche Erweiterung meiner Arbeit.

Blonde Frau, die am Strand hockt mit dem Handy die Wellen filmt.
Ist doch scheißegal, wie das auf andere wirkt: Hauptsache du bist in deiner Schaffensphase und hast (hoffentlich) auch noch Spaß dabei. Foto von Patti Black auf Unsplash

Was ich dabei gelernt habe: Ich kann tatsächlich Videos schneiden. Außerdem kann ich sie so gestalten, dass ich selbst Freude daran habe – und ein paar andere Menschen auch. Und das Schönste: Jedes Mal, wenn ich meine Clips anschaue, sie zusammenschneide und mich mit ihnen beschäftige, erlebe ich meine Reisen noch einmal. Sehr intensiv sogar. Es fühlt sich an, als wäre ich wieder mittendrin – in all diesen schönsten Momenten meines Lebens. Dieses Material wird dadurch zum Input für mich selbst. Es inspiriert mich über einen langen Zeitraum – zu Texten, zu neuen TikToks, sogar zu kleinen Malereien oder Comics. Es ist irgendwie ein Kreislauf, den ich mir da selbst schaffe, durch den ich mich wieder auflade und inspiriere.

Kurz zum Equipment: Ich habe eine gute Handykamera, nutze das Xiaomi Mi 14T pro mit Leica-Kamera. Ich bin wirklich begeistert davon. Fotos und Videos sehen damit wild aus. Licht, Mikrofon, andere Kameras habe (oder nutze) ich bis jetzt noch nicht. Bin demnächst dann wahrscheinlich aber offen für Anschaffungen.

Kamera- und Handy-Equipment für Blogger. Stative, Objektive, Mikrofone, künstliches Licht, Gopro und viel mehr.
Du kannst mit dem Equipment übertreiben, du musst aber nicht. Foto von Jakob Owens auf Unsplash

Trau dich, Schatz. Wenn ich es kann, kannst du es auch

TikTok hat mich in diesen Wochen mutiger gemacht und mir beigebracht, dass ich einfach losgehen kann. Ohne Masterplan und Rücksicht auf Perfektion. Ohne alles zu zerdenken und einfach mal Gleichgesinnte zu inspirieren und mich von ihnen inspirieren zu lassen. Kunst, Kulturen und die Liebe zu Abenteuern auch an die Jungs und Mädchen weiterzugeben, die noch gar nicht wissen, wie sehr sie das alles lieben könnten. Quasi all das, was ich auch mit avecMadlen versuche umzusetzen.

Und falls du denkst, TikTok wäre nur Trash-Content oder man müsste direkt mit dem ersten Video viral gehen: Das habe ich auch geglaubt. Beides trifft für mich aber nicht zu. Mit meinen kleinen Videos mache ich jetzt einfach mal stabil weiter. Weil ich stur bin, weil es wahnsinnig viel Spaß macht; und weil ich nach nur einem Monat sehe, dass es vorwärts geht – langsam, aber spürbar. Falls du also selbst überlegst, dort anzufangen: Warte nicht so lange wie ich.


Beitragsbild von J A N U P R A S A D auf Unsplash

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Single am Valentinstag? Das ist dein Notfall-Plan

Single am Valentinstag und etwas verzweifelt? Ich auch. Wir wissen beide: Der Valentinstag wird oft mit romantischen Gesten und verliebten Paaren in Verbindung gebracht. Doch dieser Tag bietet auch Singles wie dir und mir die perfekte Gelegenheit, unser Single-Dasein noch mehr wertzuschätzen. Das sind meine Vorschläge für dieses Jahr:

Single am Valentinstag? Bleib daheim

Schritt Nummer eins (unumgänglich): Kauf dir einen üppigen Strauß Blumen. Verbringe dann einen semi-langweiligen Wellness-Tag zu Hause: Verwandle dein Zuhause in deine persönliche Spa-Oase. Gönn dir eine ausgiebige Pflegeroutine, wirf einen Blick auf mein Masken-Einmaleins und nimm ein entspannendes Bad – vorausgesetzt, du hast eine Wanne. Selbstfürsorge ist an solchen Tagen das A und O, um dich von dir selbst verwöhnt zu fühlen.

Bei tüll & trüffel gibt es weitere Beauty-Inspirationen für dich!

Wage ein kulinarisches Experiment: Nutze den Valentinstag, um ein neues Rezept auszuprobieren, das du schon immer mal kochen oder backen wolltest. Ob es sich um ein komplexes Gericht handelt oder um etwas einfaches, ist egal. Hauptsache es ist neu und erfordert etwas Konzentration. Denn Spaß am Kochen kann sich oftmals richtig gut anfühlen – und vor allem ablenkend sein. Mach einen Rotwein auf, wenn du drauf stehst. Aber sauf dir bloß nicht die Hucke voll – das macht alles nur noch schlimmer. Wenn du gerade, wie ich, Alkohol-Detox machst, dann kauf dir einen hochwertigen alkoholfreien Prosecco. Stößchen!

Kochen am Valentinstag: die perfekte Ablenkung
Foto von Jason Jarrach auf Unsplash

Valentins-Abfuck? Sofort das Haus verlassen

Stürze dich in ein Outdoor-Abenteuer (hier findest du Anregungen und Reiseziele): Nutze die Gelegenheit, die Natur zu erkunden. Eine Wanderung, ein Spaziergang im Park oder ein Tag am Wasser können Wunder für deine Stimmung und dein allgemeines Wohlbefinden bewirken. Auch bei schlechtem Wetter, wohlgemerkt. Die frische Luft und die Schönheit der Natur bieten eine perfekte Kulisse, um den Valentinstag als Single zu genießen.

Zieh dir Kunst und Kultur rein: Besuche ein Museum, eine Kunstgalerie oder ein Theater in deiner Nähe. Kulturelle Aktivitäten können bereichernd sein und bieten eine wunderbare Möglichkeit, den Tag alleine zu verbringen, während du dich von der Kunst inspirieren lässt und schöne optische Eindrücke sammelst.

Geh in ein kostspieliges Restaurant: Wer frühzeitig einen Tisch reserviert, ist klar im Vorteil. Wenn du Schwierigkeiten hast, alleine zu gehen, nimm deine Mutter, deine Freundin oder eine Single-Kollegin mit.

Zugegeben: Diese Szenerie nachzuspielen, wird schwer, wenn du dich gerade in Deutschland befindest. Aber du weißt bestimmt, worauf ich hinaus will. Foto von Holger Woizick auf Unsplash

Mach was für Körper und Geist

Starte einen Lese-Marathon: Hast du Bücher, die du schon lange lesen wolltest, aber nie die Zeit dafür gefunden hast? Der Valentinstag könnte der perfekte Tag sein, um dich mit einem guten Buch zurückzuziehen und in andere Welten einzutauchen. Oder lese dich einfach durch avecmadlen.com.

Geh ins Gym: Setz dir eine sportliche Herausforderung für den Tag. Ob es ein neues Workout ist, ein Yoga-Kurs, eine Runde Joggen oder nein neuer TikTok-Tanz ist – die Bewegung wird Endorphine freisetzen und dir ein positives Gefühl geben.

Tipp: Auch für Zuhause gibt es auf YouTube jede menge Workouts. Such dir einfach das spannendste aus und leg los! Foto von Dane Wetton auf Unsplash.

Single-Freunde und kreative Hobbies

Kruschel dein kreatives Hobby aus der Kiste: Nutze den Tag, um deinen liebsten Hobbys nachzugehen, oder um ein neues auszuprobieren. Ob Malen, Schreiben, Musik oder Handwerk – kreative Aktivitäten können therapeutisch wirken und große Freude bereiten.

Rufe einen anderen Single an und beklage dich über deine Einsamkeit. Manchmal hilft auch das. Wenn du keine Lust hast, dich zu beklagen, dann ruf deine Freunde auch einfach mal so an – sie freuen sich sicherlich. Oder schreib mir auf Instagram, ich freu mich auch immer, wenn ich nützlich sein kann.

Der Valentinstag muss nicht ausschließlich Paaren vorbehalten sein. Als Single hast du die Freiheit, den Tag auf eine Weise zu gestalten, die allein dir Freude bereitet und dein Wohlbefinden fördert. Denke daran, dass Selbstliebe die wichtigste Form der Liebe ist, die es zu feiern gilt. Wichtiger Hinweis: Ohne Kerzen und Rosenblüten, die überall in deinem Zuhause verteilt sind, brauchst du gar nicht erst feiern. Besorge sie dir im Vorfeld.

Hier geht’s zu Ideen an Weihnachten – für alle, die alleine feiern.

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Diese Liebe macht mich wahnsinnig

Mein Herz ist schwer, mein Kopf ist leer. Heute denke ich den ganzen Tag über eine Liebe nach, die mein Leben nachhaltig verändert und einen viel zu großen Teil meiner Gedanken- und Gefühlswelt einnimmt. Es geht um meine schmerzhafte Liebe zur Ästhetik. Wie ich hier bereits einige Male gestanden habe, liebe ich mit den Augen. Diese Liebe bewegte mich zu Dingen, die ich bereue, zu Elementen, ohne die ich nicht Leben kann und letztlich auch zu meinen ganz eigenen Untergängen, aus denen ich immer wieder wie neu geboren hervorgehe, als wäre nichts gewesen.

Heute Morgen sprach ich noch mit einem Freund, den ich darin verdächtige, mich in dieser Hinsicht gut zu verstehen. Er hat den Sinn für das Wunderbare, obschon wir beide feststellten, dass er, anders als ich, das Schöne besitzen will. Ich hingegen gebe mich offenbar damit zufrieden, es aus der Ferne zu betrachten, ohne zwingend den Anspruch zu haben, darüber zu herrschen. Ohne dieser distanzierten Annäherung kann ich aber nicht leben. Leide ich manchmal, weil ich das, was ich liebe, nicht beherrsche? Ja. Finde ich diesen Schmerz geil? Womöglich schon ein kleines bisschen.

Sie entdeckt ihre Liebe zum Schönen: Rote Tulpen

Die Liebe zum Schönen hat jeder von uns. Es weilen jedoch einige unter uns, die danach besessen sind. Ich zum Beispiel. Ich bin besessen – und ich weiß, von wem ich es vererbt habe. Mama jedoch hat es nicht vererbt. Also fragte ich sie heute, wie ihre Obsession zustande kam. Sie erzählte mir von der grauen und traurigen Oblast Donezk. Sozialismus, Kohlekraftwerke, Plattenbauten. Grauer Staub, graue Gesichter, matschiger Himmel. „Und dann sah ich sie“, erzählte sie mir, „rote Tulpen – inmitten all der grauen Massen (bitte mit russischem Akzent lesen, sonst kommt das nicht authentisch rüber)“. Sie sei damals erst 3 oder 4 Jahre alt gewesen und die roten Tulpen seien so riesig, dass ihre Blüten auf der Ebene ihrer Augen blühten.

„Ich war wie gelähmt von ihrer Schönheit, von ihrem Duft. Ich stand hypnotisiert da und taumelte“, sagte sie mir. Die roten Tulpen wuchsen in dem kleinen Garten meiner Uroma. Bis heute liebt Mama Tulpen mehr als alles andere. Für sie sind sie wahrscheinlich das Ebenbild der Perfektion, die sie damals so ergriffen hatte. Die Faszination für „das Perfekte“ fand sie auch in den Blüten und Früchten der Stachelbeeren in Uromas Garten. Später auch in einem schwarz-weißen Fotobuch der Sankt Petersburger Ermitage, das sie „löchrig blätterte“. Dann in den Architektur-Kursbüchern meiner Tante und dann ist das ganze komplett ausgeartet und wurde auf ein Level gehoben, das mich zu meiner Zeit hart traumatisiert hat.

IMAGO / Depositphotos: Die Liebe zum Schönen und zut Ästhetik: Meine Mutter verliebte sich damals in rote Tulpen
Tulips. a bulbous spring-flowering plant of the lily family, with boldly colored cup-shaped flowers.

Sie zieht es eiskalt durch…

Meine Mutter ist scheinbar wie der Freund, den ich heute Morgen gesprochen hatte – sie will sich ausschließlich mit dem Schönen umgeben. Und sie zieht es eiskalt durch. Ich jedoch, brauche das Hässliche, Stinkende für den Kontrast, um das Schöne deutlicher spüren zu können. Vielleicht einer der Gründe, warum ich Frankfurt liebe? Idk.

Frankfurter Skyline vom Aussichtspunkt auf dem Dach der Skyline Plaza. Man sieht den Messeturm, das Hochhaus "One" uns andere bei gutem Wetter.
Hier ein random Foto von der Frankfurter Skyline – ganz einfach weil ich sie über alles liebe und mein Sinn für Ästhetik sich in ihren Glasfassaden widerspiegelt.

Dann sagte Mama: „Ich fragte mich schon immer wieder, wie sich meine Museumsbesuche während der Schwangerschaft auf dich auswirken würden.“ Tjaaaa. Meine Liebe zur Kunst ging irgendwann mit mir durch, als ich noch gar nicht in vollständigen Sätzen formulieren konnte. Kunst, Architektur, Couture, Autos, Diamanten, die Gesichter schöner Menschen – um ein paar meiner Fetische zu nennen. Ich würde am liebsten alles ablecken, was mir derart gefällt.

Habe ich meine Liebe verloren?

Neulich war ich in der Gemäldegalerie. Und weißte was? Als ich zwischen den ganzen Rubensen stand, dachte ich für einen Moment, ich hätte es verloren: Dieses Hochgefühl, dass immer dann aufkocht, wenn ich etwas sehe, das ich liebe und mein Herz beginnt anders zu schlagen und ich ein bisschen benebelt und lüstern werde. Es war einfach weg. Wahrscheinlich, weil ich die Rubense zuvor schon so lange angestarrt hatte, dass sie mich locker in meinen Träumen hätten heimsuchen können. Dennoch fühlte ich kaum etwas, als ich sie sah. „Ist es vorbei?“, dachte ich. Es fühlte sich ziemlich vorbei an.

Bei diesem Gemälde von Paul Peter Rubens würde ich immer etwas fühlen.

Dann betrat ich den nächsten Raum. Ich dachte, ich komme. Wirklich. Cranach d.Ä. en masse – Cranachs, die ich bislang noch nicht gesehen hatte, weil das letzte Mal, als ich in der Gemäldegalerie war, in diesen Räumen Umbauarbeiten stattfanden. Was auch immer die darin umgebaut haben. Ich war beruhigt – ich hatte meine größte Liebe nicht verloren. Sie war nur etwas betäubt. Doch was wäre, wenn ich sie eines Tages verlieren würde? Dieser Gedanke plagt mich seither und lässt mich nachts kaum Schlafen.

Kleiner Cranach-Reminder aus der Gemäldegalerie:

Ich will zum Punkt kommen. Besessenheit von den schönen Dingen dieser Welt – sie treibt mich voran, sie hält mich zurück, sie reißt mich zu Grunde, sie lässt mich Raum und Zeit vergessen. Sie macht mich geil, sie deprimiert mich, sie inspiriert mich, sie nimmt mir alles, was ich habe. Aber eins macht sie immer: sie nötigt mich regelrecht dazu, mich am Leben zu fühlen.


Titelbild Copyright: IMAGO / Depositphotos

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