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Deep Rouge: Eine Ode an Erotik und Überschuss

Aus dem Nebel erscheint eine Grazie in Schwarz und betritt die Bühne. Ihr Charakter verkörpert den Zeitgeist Zentraleuropas der späten 1930er Jahre. Anmutig schreitet sie über die rote Bühne, während die Plastik ihrer Bewegungen französisch spricht und die Musik im Hintergrund an Marlene Dietrich erinnert. Ihr strenger, verführender Blick hat auch etwas Deutsches an sich. Er durchdringt den Körper des Zuschauers bis in die Zehenspitzen. Wie gebannt sind alle Augen im Salon auf sie gerichtet. Herrschaftlich registriert sie das und erwidert jene, die es würdig sind. Als die Spannung kaum auszuhalten ist, streift sie ihren rechten seidenen Handschuh ab und lässt ihn zu Boden fallen. Später würde sie ihrem Publikum einen Blick auf ihre makellose Porzellanhaut gewähren, die zunächst jedoch von einem Mieder mit güldenen Inkrustationen verdeckt blieb. Was dann im Salon Marlene passierte, hättet ihr mit eigenen Augen sehen sollen.

„Deep Rouge“-Showgirl Tara D’Arson

Tara D’Arson liebt das Spiel zwischen Fantasie und Wirklichkeit. „Wenn ich die Bühne betrete, bin ich eine andere – ich kann sein, wer ich will“, erzählt sie mir nach Showende. Der Moment, der ihr von jedem Abend in Baden-Baden bleibt, ist, als sie ihre Choreografie im Hosenanzug und Zylinder aufführt: „Ich merkte, wie die Zeit plötzlich stillstand.“ Ein Zustand, in dem sie eine unausgesprochene Verbindung mit ihrem Publikum eingeht und spürt, wie alles den Atem anhält. „Vor allem beobachte ich gerne die Paare im Publikum; wie sich etwas Elektrisierendes zwischen ihnen aufbaut. Ich liebe den Gedanken daran, dass sie Sex haben, wenn sie nach der Show nach Hause gehen“, sagt sie mir, während ich meinen Blick nicht von ihren zweifarbig schimmernden Augen abwenden kann.

Copyright: Tanja Dammert 

Tara genoss eine klassische Ballettausbildung, tanzte später Cabaret im Pariser Moulin Rouge und auf den Bühnen von Bordeaux. „Als ich zum ersten Mal eine Broulesque-Show erlebte, wusste ich, dass das meine Bestimmung ist.“ Zehn Jahre lebte sie in Berlin und arbeitete auch dort als Showgirl. Meine Frage, was sie auf der Bühne fühlt, beantwortet sie leidenschaftlich mit „everything“. Ihre Message an die Frauenwelt: „Jede hat diese erotische Energie in sich. Nur hat jede ihren ganz eigenen Weg, um sie nach außen zu tragen.“ Ihre Porzellanpuppenfigur verwöhnt die kürzlich gewordene Mutter mit viel Tanz, Yoga und Pilates; „everything soft“, formuliert sie. Zudem unterrichtet sie Heels, Broulesque und etwas Ballett.

Kulisse der „Deep Rouge“-Show war das Casino Baden-Baden. Entstanden aus der Kooperation von Rizzi & Co. und Industrial Theater verkörpert das neue Format etwas, was es in unserer Stadt noch nicht gab. Zumindest nicht zu meiner Zeit hier.

Venedig-Vibes mit der temperamentvollen Jacky Lu

Als die im üppigen Federkleid gekleidete Jacky Lu den Salon stürmt, wird es wild und zügellos. Sie hat nämlich das Temperament einer Diva, das Gesicht einer Pin-up-Malerei und den Körper eines Mannequins. Spielend flirtet sie mit dem einen Kopf kleineren Conférencier und zeigt uns das Funkeln der Strasssteine, die sie unter den pinken Federn trägt. Ihr Tanz scheint Spontanität und Freiheit zu verkörpern – der Blick verrät, dass sie jeden Moment davon genießt. Zusammen mit den Federn legt sie auch den letzten Funken ihrer gespielten Schüchternheit ab und beherrscht die rote Bühne mit ihrer lauten, unantastbaren Erotik.

„I enjoyed myself very much tonigt“, verrät sie mir später, „When I’m on stage, I feel like a queen, I feel like I own everything.“ Sie liebt die glühenden Blicke aus dem Publikum und fühlt sich bei jeder ihrer Shows wie ein vollkommen neuer Charakter. Wie Tara auch, liebt Jacky Lu es, verschiedene Rollen zu spielen, die sie während ihrer Auftritte zu erschaffen scheint. Jede ihrer Shows ist daher anders, oft tanzt die Künstlerin freestyle, obwohl sie sich auch an die Choreographien hält, die ihre kleine Schwester für sie konzipiert. Währenddessen kreiert die große Schwester ihre Bühnenkostüme. Die DNA ihrer Designs ist im venezianischen Carneval verankert. Draußen trägt Jacky Lu meistens Baggy – auch diesen Stil feiert sie. Die, buchstäblich, glanzvollen Roben hebt sie sich aber für die Bühne auf.

Ich frage sie, was wir Nicht-Showgirls tun können, um unsere Erotik zu entfachen. Sie gibt mir eine Anleitung zum ausprobieren: „Schließ deine Augen, hab Spaß, mach deine Lieblingsmusik an und stell dir vor, du würdest für jemanden Tanzen, den du richtig gern hast.“

Carlo geleitet uns mit seinem Wiener Charme durch den Abend

Einen festen Platz in der Late-Night-Show hat auch der zierliche Conférencier Carlo aus Wien. Bescheiden beschreibt er sich selbst als „den roten Faden“ des Abends. Dabei nimmt er sowohl die Rolle eines Showmans als auch die eines Zuschauers ein. Nachdem er die Tänzerinnen ankündigt und sie die Bühne zum Leben erwecken, positioniert er sich im Raum und schaut ihnen mit gewisser Theatralik zu – etwa in einer güldenen Badewanne.

Sein Ziel ist es, dem Publikum Freude geben. Er verpackt es in eine Metapher: „Ein Glas zu zerbrechen ist einfach. Eines herzustellen ist die schwierige Aufgabe und erfordert seine Zeit.“ Doch der Artist in vierter Generation weiß genau: „Wenn die Menschen im Publikum sitzen, lassen sie alles hinter sich.“ Alle Nachrichten, Krisen, Medien – all die Reizüberflutung, der der moderne Mensch ausgesetzt ist. Mitten in der Show wirft er ein: „Eine Stadt, in der keine Orgie stattfindet ist eine tote Stadt.“ Meine Augen weiten sich.

Auf ein Wort mit Regisseur Enno-Ilka Uhde

„Eine Orgie kann auch eine Baustelle sein“, löst Regisseur Enno-Ilka Uhde auf. Meinen ersten interpretativen Gedanken fand ich zwar lustiger, der wahre Sinn dieser Phrase ist jedoch auch ganz schlüssig. Für ihn ist „Kunst immer Politik“ und seine Shows seien voll davon. Für die meisten Zuschauer allerdings oft ungreifbar, da subtil hineingeflochten. In der Musikwahl etwa finden wir Indizien dafür: „Die Stücke aus Klassik, Rock, Jazz und Elektro gehen abrupt ineinander über. Der Zuschauer kann nicht erahnen, was als nächstes kommt – wie im Leben selbst.“ Uhde scheint gut damit leben zu können, dass seine versteckten Botschaften nicht bei jedem ankommen und betont: „die Künstler verstehen es aber.“

Ob das die Magie hinter seiner Show ist, können wir nur erahnen. Als er die folgende Phrase ausspricht, muss ich lange in die Leere starren, bis ich wieder auf der Erde ankomme: „Das Überschüssige ist das höchst Notwendige.“ Damit brachte er die Atmosphäre dieser Nacht auf den Punkt und hielt auch mir ganz unverhofft einen kleinen Spiegel hin. Ich fragre ihn, was in ihm passiere, wenn er eine Show, die vorher nur in seiner Fantasie lebte, in die Realität umsetzt. „Depression.“ Wieder weiten sich meine Augen. „Wenn die Show stattfand, ist sie tot.“ Der einzige Weg, mit diesem Schmerz umzugehen, sei es, die nächste Show zu schaffen.

Copyright: Tanja Dammert 

„Deep Rouge“ geht schon bald in die nächste Runde

Die nächste „Deep Rouge“-Show wird es im Salon Marlene schon bald wieder geben. Hier gehts zum Veranstaltungskalender und den Tickets. Vielleicht haben die Gäste auch bei den kommenden Shows das Vergnügen, ein paar Worte mit dem Gastgeber Maurice Schreck zu wechseln. Für ihn wird die Einführung der Late-Night-Show zum Erfolg. „Wir sind happy“, teilt er mit Blick nach vorne und will erstmal noch tiefer in die Materie der Dinnershows einsteigen.

An dieser Stelle verabschiede ich mich von euch, da ich nämlich hohen Besuch erwarte. Und wenn ihr bald auch unsere Stadt beehren wollt, um Jacky Lu und Tara D’Arson live zu erleben, dann nehmt euch am besten Zeit für euren unvergesslichen Abend und die Nacht im Casino Baden-Baden. Zieht eure prunkvollsten Ornate an, trinkt an der Bar, verspielt euer Geld beim Blackjack und Poker, genießt die Show, lauscht den Cellos von Sia und Vassily Bystroff, dem Gesang von Liangliang und geht anschließend im Club Bernstein tanzen. Wir wissen ja, was Enno-Ilka Uhde uns zum Thema Überschuss erzählt hat.

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„Die Fledermaus“ in Nürnberg – so war die Operette

In Nürnberg war das Leben einfach. Innerhalb der wenigen Tage, die ich dort verbrachte, genoss ich das Kulturprogramm der Stadt so gut ich konnte. Ich sah im Germanischen Nationalmuseum die Kunst des 16. Jahrhunderts, schaute mir die Altstadt an und ging in die Oper.

Operette in Nürnberg: „Die Fledermaus“

In der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauss dreht sich alles um Gabriel von Eisenstein, der eine Gefängnisstrafe antreten muss, weil er eine Amtsperson beleidigt hat. Doch sein Freund Dr. Falke hat bereits einen Plan, um ihm eine letzte Nacht voller Vergnügen zu bescheren. Er überredet Eisenstein, sich auf einer Party beim Prinzen Orlofsky zu amüsieren. Was Eisenstein jedoch nicht weiß, ist, dass Dr. Falke Rache an ihm nehmen will, weil er ihn einst blamiert hat. Ursprünglich sollte die Operette nämlich „Die Rache einer Fledermaus“ heißen – der Titel wurde später gekürzt.

Rosalinde von Eisenstein ist nicht all zu traurig über den Abschied ihres Mannes ins Gefängnis. Gleichzeitig erlaubt sie ihrem Kammermädchen Adele, ihre angeblich kranke Tante zu besuchen. Als alle weg sind, taucht ihr Liebhaber Alfred auf, um sich mit Rosalinde zu vergnügen. Doch ihre prickelnde Zweisamkeit wird gestört, als der Gefängnisdirektor Frank auftaucht, um Eisenstein abzuholen. Um Rosalinde zu schützen, spielt Alfred mit und gibt sich als ihr Mann aus.

Nürnberger Opernhaus: In diesem wunderschönen, riesigen Gebäude habe ich die Operette "Die Fledermaus" von Johann Strauss gesehen
Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert verzehnfachte die Bevölkerung in Nürnberg. Die Notwendigkeit eines neuen Theaters wurde schon 1887 erkannt – bis diese Pläne jedoch umgesetzt wurden, vergingen mehr als zehn Jahre. Ja, den Steppenwolf hätte man auch sehen können, aber ich wollte „Die Fledermaus“.

„Die Fledermaus“ in Nürnberg – Operette mit Witz

Die Handlung nimmt Fahrt auf, als alle zur Party beim Prinzen Orlofsky kommen. Eisenstein tritt unter dem Namen „Marquis Renard“ auf, Adele – die sich ebenfalls auf der Party vergnügt, anstatt bei ihrer angeblich kranken Tante zu sein – als die junge Schauspielerin „Olga“ und Frank als „Chevalier Chagrin“. Selbst Rosalinde taucht als ungarische Gräfin verkleidet auf. Sie stiehlt Eisenstein seine Taschenuhr, um später seine Untreue zu beweisen.

Dank Champagner erzählt Eisenstein vor allen Gästen von seinem früheren Streich gegen Dr. Falke. Er sich vergnügt daran, wie er ihn in seinem Fledermauskostüm (sie waren auf einem Maskenball) dem Spott der Marktfrauen und Gassenbuben aussetzte. Doch die Party endet, als Gefängnisdirektor Frank seinen Dienst antritt. Von ihm erfährt Eisenstein, dass er ihn bereits am Vortag abgeholt hätte, was jedoch offenbar nicht stimmt. Es war ja schließlich sein Doppelgänger Alfred. Als Gattin Rosalinde auftaucht und ihm die gestohlene Uhr vorzeigt, ist Eisenstein sprachlos.

Schließlich kommt die ganze Festgesellschaft mit Prinz Orlofsky und Dr. Falke an. Es wird klar, dass die gesamte Inszenierung Falkes Rache an Eisenstein war. Köstlich amüsiert von den Geschehnissen verspricht Prinz Orlofsky Adele, sie bei ihrer schauspielerischen Karriere zu unterstützen. Happy End!

Operette "Die Fledermaus" im Nürnberger Staatstheater
Ganz vorne sind Prinz(-essin) Orlofsky auf der sich dem Ende neigenden Party. Die Operette wurde übrigens 1874 in Wien uraufgeführt und gilt als Höhepunkt der sogenannten „Goldenen Operettenära“.

Mein Feedback zu „Die Fledermaus“ in Nürnberg

Die Inszenierung in der Nürnberger Oper fand ich gut. Die Schauspieler haben sauber gespielt, obwohl es einige Krankheitsfälle gab. Es mussten weniger erfahrene Schauspieler kurzfristig einspringen – laut Sprecher habe man nur ein einziges Mal zusammen proben können. Dafür hat die Besatzung das wirklich toll gemeistert. Die Kostüme waren schön aufeinander abgestimmt. Die Souffleuse war auf der Bühne sehr kreativ mit eingebunden und wirkte in dem einen oder anderen lustigen Moment mit. Von dem Ausdruck und der Leidenschaft aller Schauspielerinnen und Schauspieler war ich sehr gefesselt.

Die Eheleute Eisenstein haben fantastisch gesungen. Vor allem Rosalinde war überragend – ihr gehörte die Bühne und jedes einzelne Ohr im Saal. Sie sang wie eine Sirene – etwa wie die Chorengel in der polnischen Kirche, in der ich mich blamiert habe. Beim Bühnenbild hätte ich mir etwas mehr gewünscht, obwohl ich die Idee ziemlich aufregend fand, dass Orlofskys Party wohl auf einem Schiff stattfand.

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