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Polarisierend, roh, schauderaft: Russian Criminal Tattoo

Hast du dich schon mal gefragt, ob Tattoos Kunst sind? Während du dir möglicherweise eine Begründung für deine Antwort überlegst, erzähle ich dir von meinen persönlichen Highlights aus dem enorm polarisierenden Buch Russian Criminal Tattoo Encyclopedia Volume 1.

Eckdaten:

  • Drawings and Foreword: Danzig Baldaev
  • Photography: Sergei Vasiliev
  • Introduction: Alexei Plutser-Sarno
  • Design and edit: Murray & Sorrell FUEL
  • Editor: Honey Luard
  • Translator: Andrew Bromfielt
  • Co-Ordinators: Anna Benn, Julia Goumen

Hab ich von der S. 12 übernommen. Mir liegt die Enzyklopädie in englischer Sprache vor.

Warum bin ich überhaupt in Besitz eines solchen Buches?

Ich habe jahrelang davon geträumt, es zu besitzen. Es gibt mehrere Bände und die sind sündhaft teuer. Zudem auch sehr beliebt. Zum einen reizt mich die russische Knastromantik. Die düstere Unterwelt zog mich schon immer an. Hin und wieder einen Einblick in die Gedanken der Häftlinge zu bekommen, ist mir irgendwie wichtig, weil die Außenwelt sie schnell vergisst. Dabei geht es mir gerade nicht um verurteilte Mörder. Die vergisst man nur schwer. In den Beispielen, die ich euch heute vorstelle, geht es hauptsächlich um Menschen, die für Fehler anderer Natur büßen mussten. Die Gefängnisse und ihre Tattoo-Symbolik sind jedenfalls eine ganz eigene Welt und nicht alle bekommen die Chance auf einen Einblick.

Außerdem liebe ich Tattoos. Zum einen wollte ich wissen, ob die, die ich bereits habe, eine Bedeutung tragen, für die es in bestimmten Kreisen Ärger geben könnte, andererseits bin immer auf der Suche nach Inspiration. Und wer weiß schon, was ich in diesem langen Leben noch alles ausprobieren werde. Kurz gesagt: Die Anschaffung dieses Buchs war für mich essentiell. Ich bekam es für einen Schnäppchenpreis von 24 Euro. Gebraucht, versteht sich.

Russian Criminal Tattoo: Was mich überrascht hat

Jedes dort aufgeführte Tattoo hat natürlich eine eigene Bedeutung und Symbolik. Und die unterscheidet sich erheblich von allem, was ich bisher in der Kunstgeschichte gelernt habe. Das Buch gibt tiefe Einblicke in den Spirit der Menschen, die für unterschiedlichste Vergehen eingebuchtet wurden. Mein Eindruck: An Melancholie, Lyrik, Hierarchie und Kreativität nur schwer zu überbieten.

Die Sammlung im Buch Russian Criminal Tattoo Encyclopedia Volume 1 besteht überwiegend aus sehr seltenen Tattoos. Die Verfasser haben gut recherchiert, wem sie gehörten, wofür sie standen und vor allem: wofür die Kriminellen einsaßen. Die Bilder sind abgemalt. Größtenteils von Dokumenten aus der Gerichtsmedizin.Von 1910 bis 1997 ist alles dabei. Das Buch erschien erstmals im Jahr 2003.

Kommen wir zu den Geschichten, die unter die Haut gehen: Madonna mit Kind

Inschrift um das Madonnen-Tattoo: Meine Mutter wurde wegen „Getreide“ verurteilt, und ich wurde am 25. Oktober 1935 im Gefängnis geboren. Sitze seit 21.XII.54 und werde im Gefängnis sterben, auf Anordnung des Präsidiums des Obersten Rats vom 4.VI.47 – 25-jährige Haftstrafe.

Bildunterschrift vom Autor des Buchs: Besserungskolonie, Ulan-Ude, Burjatische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik. 1960er Jahre. Brust.

Text: Dieser „Talisman“ der Diebe, basierend auf Raphaels „Madonna aus der Sixtinischen Kapelle“, gehörte einem Sträfling, der wegen des gemeinschaftlichen Diebstahls von Lebensmitteln aus einem Militärdepot in der Stadt Irkutsk zu 25 Jahren Haft verurteilt worden war. Er war als „Bely“ (Weißer) bekannt. Laut „Bely“ wurde seine Mutter nach einem Erlass des Rates der Volkskommissare vom 7. August 1935 verurteilt, weil sie nach der Ernte Getreideähren aufgesammelt hatte. Auf den kollektiven Bauernfeldern des Bezirks Nischeudinsk in der Region Irkutsk wurde bei ihr ein Segeltuchsack mit etwa drei Kilogramm Getreide beschlagnahmt. Sie hatte es gesammelt, um ihre beiden Töchter im Alter von fünf und sieben Jahren zu ernähren.

Das Urteil lautete fünf Jahre Haft. „Bely“ brachte sie in einem der Taischet-Lager zur Welt. Er kannte seinen Vater nicht, der 1935 ertrank, während er Baumstämme für den Holzbetrieb zusammenband, für den er arbeitete. Während seine Mutter im Gefängnis war, schickte man seine Schwestern in ein Kinderheim, aus dem sie sie nach ihrer Entlassung im Jahr 1940 abholte. Wenig später holte sie ihren Sohn, der damals kaum noch am Leben war, aus einem Heim für Kinder verurteilter weiblicher Krimineller.

Von Generation zu Generation vererbt

Criminal Russian Tattoo
Knasttattoo aus dem Buch Russian Criminal Tattoo Encyclopedia Volume 1, S.186.

Tattoo-Inschrift: 1872 Sakhalin

Text: Arbeitslager Kolyma. 1940er Jahre. Diese Tätowierung zeigt einen Sträfling mit dem Spitznamen „Kopf“, dessen Kopf zur Hälfte rasiert ist. Er hält eine Kerze und steht vor einem Kreuz. Das Tattoo gehörte ursprünglich Kopfs Großvater, der mit seiner Frau nach Sachalin verbannt und 1872 unter polizeilicher Überwachung freigelassen wurde.

Wie schon sein Vater vor ihm ließ sich Kopf das Tattoo von einem Tätowierer im Kolyma-Lager stechen. Kopf war sehr stolz auf seine Tätowierungen und betrachtete sie als sein Erbe. In Kolyma gehörte er in den 1940er Jahren zu den wenigen verbliebenen alten Sträflingen, die sich selbst als erbliche Diebe im Gesetz verstanden.

Anmerkung von mir: Die Geste, ein Tattoo zu „vererben“ ist absolut neu für mich und ich bin über alle Maße verzückt. Würd ich auf jeden Fall auch so machen. Nicht im gleichen Kontext, versteht sich, aber eins meiner Tattoos an die nächste Generation weiterzugeben, reizt mich irgendwie.

Der Bär mit dem Akkodeon

Knasttattoo aus dem Buch Russian Criminal Tattoo Encyclopedia Volume 1, S.183.

Text: Transitgefängnis Wologda. 1950er Jahre. Das humorvolle Tattoo eines Unruhestifters, typisch für Besserungsarbeitslager im Norden und in der Taiga. Der gebräuchlichste Name für dieses Tattoo, das in zahlreichen verschiedenen Varianten existiert, ist „Mischa der Akkordeonspieler“. Der Träger wurde nach Artikel 74 des Strafgesetzbuches der RSFSR von 1926 verurteilt. Darunter fallen ungebührliche Handlungen, öffentliche Ruhestörung, Pöbeleien, Schlägereien, Randale, grobe Verstöße gegen öffentliche Ordnung.

Anmerkung von mir: Würd ich mir 1 zu 1 so stechen lassen.

Fazit

Um auf meine Aufmacher-Frage einzugehen: Tattoos sind für mich Kunst. Künstler stechen sie für Geld auf unsere Körper. Ein klassischer Kunstmarkt, wie mir scheint. Auch wenn die Abbildungen oder Schriftzüge mit uns sterben. Doch die Tattoos, die ich dir gerade gezeigt habe, leben in Papierform (und offenbar auch Blog-Form) weiter und erzählen weiterhin die Geschichten der Menschen, die sie getragen haben, obwohl die schon längst tot sind.

Lohnt sich der Buchkauf? Ja, lohnt sich auf jeden Fall. Du wirst da noch ganz viele andere verstörende Geschichten, Tätowierungen und Fotos finden. Viele viele Penisse, obszöne Illustrationen, Dinge, die du nicht mal auf Pornhub findest. Aber auch Nazi-Tattoos, antisemitische und regierungsfeindliche Sprüche und Abbildungen, die wir unbedingt kritisch betrachten sollten. Teilweise hat mich das Programm wirklich schockiert. Ein verbotenes Portal in eine geheime Unterwelt sozusagen. Wenn mir Vol. 2 vorliegt, bekommst du das hier auf avecMadlen.com mit.

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