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Malaysia: Der Night Market in den Cameron Highlands

Es war bereits dunkel, als mich eine Frau zum Night Market fuhr. Die einzige Grab-Fahrerin in den Cameron Highlands (in Malay: Tanah Tinggi Cameron). Voller Bewunderung sagte ich ihr, wie schön es sei, eine Frau am Steuer zu sehen. Wir kamen ins Gespräch, während die Straße sich durch die schwüle Dunkelheit zog, durch die Hügel, die sich nur noch als Schatten abzeichneten.

Night Market in den Cameron Highlands: Wir sind da!

Mitten auf dem Markt ließ sie mich raus. Genau dort, wo die Stände mit den Klamotten aufhörten. Hochwertige Fälschungen; qualitativ teils besser, als das, was man in Europa in den Einkaufszentren bekommt. Und dann stand ich plötzlich da in dieser Verdichtung aus künstlichem Licht, Geräuschkulisse und Bewegung. Hunderte Stimmen, laute Musik. In der Ferne donnerte und blitzte es.

Ich floss in die dichte Menschenmenge hinein und nahm ihr langsames Tempo an. Es passte mir sogar gut, da ich nach dem Unfall sowieso nicht so gut laufen konnte. Die Menge trug sich selbst, und ich ließ mich mitziehen, ohne etwas dagegen einzuwenden. Körper an Körper. Glücklicherweise nur wenig Körperkontakt. Meistens entschuldigten sich die Leute dafür, wenn es doch passierte. Seit Frankfurt reagiere ich relativ empfindlich auf solch dichte Menschenmengen. Normalerweise gehe ich in mich hinein, wenn mir etwas zu viel ist, und nehme das Außen eher als Animation wahr. Aber auf dem Night Market war es anders. Dort gab es viel zu viel Spannendes zu sehen. Meine Augen waren überall.

Farben, Düfte und Geschmäcker: Die schönste Art von Reizüberflutung

Es dampfte und duftete. Das Farbenspektrum flutete mich. Frischer Duft sonnengereifter Erdbeeren und Erdbeersmoothies stieg mir in die Nase. Dann wieder Rauchiges und Gegrilltes. Gedämpfte Süßkartoffeln in Lila, Orange und Weiß. Gleich daneben gedämpfte Maiskolben, geschmorte Fleischbällchen. Pizza, Burger, BBQ, Nudeln, die vor deinen Augen zubereitet werden. Schlüsselanhänger, die ein junger Malay von Hand gravierte. Auf seinem Stang gab es auch Ringe. Ich kaufte einen in schwarz, den ich seit dem Abend nicht ein Mal abgelegt hatte.

Sehenswürdigkeit: Night Market in den Cameron Highlands, Malaysia

Dann kaufte ich mir eine Tüte kleiner weißer Wurzeln, die ich bereits aus Sochi kannte, dort allerdings nur fermentiert gegessen hatte. Diesmal waren sie roh und knackig. Die Verkäuferin riet mir davon ab, viel davon zu essen. Ich dachte mir: Yolo. Am nächsten Tag die wohl verdienten Bauchschmerzen.

Maiskolben und Süßkartoffeln konnte ich mir ebenso wenig entgehen lassen, wie auch weiße Erdbeeren. Der krönende Abschluss: Takoyaki, diese japanischen Octopus-Kugeln, die bei Social Media hin und wieder viral gingen; vermutlich weil dessen Zubereitung so meditativ anzusehen ist. Köstlich. So eine zarte Textur. Würd ich absolut wieder essen, obwohl ich alles Tentakelige grundsätzlich ablehne. Zumindest wenn es in meinem Essen ist.

Ich blieb stehen und sah zu, wie die junge Frau die Takoyaki-Kugeln in den Mulden drehte, wie sie den Teig eingoss, wie alles in gleichmäßigen Bewegungen entstand. Das war echt super. Ich kann jetzt nachvollziehen, warum sowas überhaupt erst viral geht. Ein paar Meter weiter sah ich einer Frau am großen Wok zu. Ihre routinierten Handbewegungen, fast wie im Schlaf. Das was sie machte, sah ebenfalls köstlich aus.

Begegnungen mit Einheimischen und Europäern

Viele Blicke streiften mich. Einige blieben verwundert bei mir hängen oder wanderten nach unten auf mein Knie. Ein bisschen nackt fühlte ich mich schon in Malaysia. Doch die Atmosphäre war, trotz der späten Uhrzeit, sehr freundlich und familiär. Frauen in Grüppchen, Kinder, Familien. Das, was mir in Deutschland immer mehr fehlt.

Die malaysischen Frauen waren es, die mir diese Freundlichkeit während meines gesamten Aufenthaltes schenkten. Besonders auf dem Night Market fiel mir das auf. Gerne denke ich an ihr aller Lächeln zurück, wie sie miteinander quatschten, lachten, mir zunickten. Durch die Frauen gewann Malaysia auch eine entspannte Atmosphäre. Hier in den Cameron Highlands schien sie mir besonders locker, da fast alle im Urlaub waren und daher zufrieden, sorglos und entspannt ihr Geld ausgaben und mit ihren Freundinnen und Schwestern bummelten.

Und mittendrin ich: eine der wenigen weiblichen Gestalten ohne Kopftuch. Zudem eine der wenigsten, die allein unterwegs war. Osteuropäisch aussehend. Und auch noch mit sichtbaren Verletzungen am gesamten Körper. Ich hoffte, dass ich mit meinem jämmerlichen Anblick niemandem die Laune vermieste. Das war teilweise wirklich meine größte Sorge.

Ein paar Europäer traf ich dort auch. Unzufrieden durch die Menge gehend, schlechte Energy verbreitend, wie wir Europäer halt sind höhö. Aber vielleicht hatten die auch einfach nur Bauchschmerzen, weil sie zu viele undefinierbare rohe Wurzeln gefressen hatten. Sonst traf ich kaum Europäer. Die, die ich etwa im Bus traf, waren pärchenweise unterwegs und wirkten viel entspannter als ich. Man fragt sich, warum. Ich hatte da so eine gewisse Ahnung. Neben ihnen fühlte ich mich wie eine Stromkabelkugel von 25.000 Volt. Das missfiel mir. Aber das war irgendwie auch mein eigenes Problem, wisst ihr?

…Und noch einmal, weil’s so schön war 🙂

Steht man in der Mitte des Marktes, ist keines der beiden Enden in Sicht. Erstaunlich groß. Das Licht der Stände beleuchtete die Auslagen beinahe magisch. So, dass ich überall reinbeißen wollte.

Eigentlich wollte ich kein zweites Mal hin. Doch am nächsten Tag hatte ich irgendwie plötzlich doch Bock. Die beiden neu gewonnenen Freundinnen, Jacky und Katharina, steckten mich an. Und ich ließ mich von dem Gefühl und dem Zufall treiben.

Wenn ich allein bin, fühle ich mich ein bisschen wie ein Eindringling, der Alltagssituationen fotografiert und die Privatsphäre der Menschen stört. Was ich vermutlich tatsächlich tue. Aber ich will das einfangen. Damit ich das niemals vergesse. Es sind Momente, die mein Leben bereichern. Menschen, dessen Präsenz meinen Weg erhellen. Wenn ich ihre Privatsphäre für diesen kleinen Augenblick nicht störe, verliere ich sie in wenigen Jahren aus meinem Gedächtnis. So ist der Lauf der Dinge. Aber ich will sie mitnehmen, aus egoistischen Gründen. Sie euch zeigen. Nicht wegen der Reichweite, die kriege ich auch so. Sondern, um euch und meinem späteren ich zu zeigen, was es da für Menschen gibt. Wie sie aussehen, arbeiten, lachen. Es ist doch Magie, wenn wir das einfangen können.

Ich stellte Jacky und Katharina meine Vorgehensweise vor: Erst eine Runde drehen und entscheiden, was ich probiere, dann bei der zweiten Runde in die Tat umsetzen.

Zu Dritt ist es irgendwie am Schönsten

In der Menge war es nicht möglich zu sprechen. Als wir dann irgendwann am Rand mit unseren Vespern saßen, unterhielten wir uns über politische Einstellungen und dergleichen. Schnell wurde klar, wer eher rechts und wer links war. Und wer von den ganzen Himmelsrichtungen nichts hielt, beide Seiten verstand, wenn auch nicht bis ins letzte Detail, am liebsten beobachtete und in seiner ganz eigenen Welt verweilte, während die anderen sich gegenseitig vom eigenen Standpunkt zu überzeugen versuchten.

Es war ein guter Abend. Die stillen, schwarzen Berge in der Ferne umrahmten die Kulisse. Wir waren zu dritt. Alle Drei junge, alleinreisende Frauen, vereint durch dieselbe Sprache und eine ähnliche Mentalität. Diese Dynamik war irgendwie auch meine Insel der Sicherheit. Mit ihnen fühlte ich mich etwa viel weniger von den einheimischen Männern belästigt. Da es zudem eine Dreierdynamik war, konnte man, anders als bei einer Zweierdynamik, hin und wieder einfach mal gedanklich abdriften und reflektieren. Oder im Gegenteil: sich ein wenig aufspielen und die vorübergehend die unterhaltende Rolle einnehmen. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich zwei so ergreifende Bekanntschaften geschlossen hatte. Und mein Fazit lautet: Dreierkonstellationen for life 🙂

Wenn ich erneut hinginge würde ich unbeding wieder den jungen Mais, die Takoyaki und den traditionellen malaysischen Tee mit Kondensmilch probieren. Ich würde wieder diese Wechselwirkung zwischen Düften, Geschmäckern und Farben auf mich wirken lassen. Ich würde beobachten, wie die Menschen das Ganze mit ihrer Energie füllen. Ja, es zieht mich wieder dahin, auch wenn ich mir versprochen habe, Malaysia nicht mehr alleine zu besuchen, sondern nur in Begleitung eines Mannes. Ob ich das einhalten kann, weiß ich noch nicht. Was jedoch feststeht, ist, dass der Night Market eines meiner größten Highlights war, das ich während meiner Reise durch Malaysia erlebt habe.

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