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Kunst & Architektur

art karlsruhe 2026: Das kommt auf uns zu

Vom 5. bis 8. Februar 2026 findet die art karlsruhe mit rund 180 Galerien aus 18 Ländern statt. Und avecMadlen ist mit dabei! Juhu. Hier geht’s zum Rückblick auf die vergangene Karlsruher Kunstmesse.

Die Messe richtet ihren kuratorischen Blick auf aktuelle Entwicklungen des Kunstmarkts. Ein zentrales Thema ist der Dialog zwischen historischer und zeitgenössischer Kunst. Von Ernst Ludwig Kirchner bis Mary-Audrey Ramirez, von Joan Miró bis hin zu einer interaktiven KI-Installation spannt die Messe einen Bogen über 125 Jahre Kunstgeschichte und versteht sich als offenes Forum für Austausch und Entdeckungen.

Impressionen art karlsruhe 2025
Credit: Messe Karlsruhe/Jürgen Rösner

Neben langjährig vertretenen Galerien sind auch neue Teilnehmer und Rückkehrer vertreten. Gleichzeitig wächst das Interesse internationaler Galerien weiter. Für den Beirat der art karlsruhe ist das ein Zeichen dafür, dass die Messe für Galerien, Publikum und Markt gleichermaßen relevant bleibt.

art karlsruhe: Offizieller Start mit prominenten Gästen

Der offizielle Auftakt ist das art:opening am 5. Februar um 14:30 Uhr in Halle 3. Staatssekretär Arne Braun, Karlsruhes Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup, Messegeschäftsführerin Britta Wirtz sowie das Leitungsteam der art karlsruhe, Olga Blaß und Kristian Jarmuschek werden anwesend sein.

Im Mittelpunkt steht die Verleihung des art karlsruhe Preises, der vom Land Baden-Württemberg und der Stadt Karlsruhe vergeben wird. Der mit 15.000 Euro dotierte Preis zeichnet die überzeugendste one:artist Show aus. Alle one:artist-Präsentationen der Messe sind automatisch nominiert. Das ausgewählte Werk wird vom Kunstmuseum Karlsruhe (ehemals Städtische Galerie Karlsruhe) angekauft.

Skulptur als prägendes Element

Seit ihren Anfängen spielt die Skulptur eine zentrale Rolle auf der Kunstmesse. Auch 2026 bleibt sie ihr charakteristisches Medium. In den Hallen 1, 2 und 4 sind insgesamt 18 großzügige Skulpturenplätze eingerichtet, die Raum für unterschiedliche Materialien und Ausdrucksformen bieten. Ergänzt werden sie durch ausgewählte Skulpturenspots in den Messeumläufen.

Loth Skulpturenpreis 2025: Skultpur der Preisträgerin Eva Hild
Credit: Messe Karlsruhe/Jürgen Rösner
Loth Skulpturenpreis 2025: Skultpur der Preisträgerin Eva Hild
Credit: Messe Karlsruhe/Jürgen Rösner

Kunst sammeln: Zugänge und Einstiegsformate

Ein weiteres Anliegen der art karlsruhe ist das Thema Kunstsammeln. Damit richtet sich die Messe auch an Menschen, die sich erstmals intensiver mit dem Thema beschäftigen wollen. Der start:block zeigt Werkvorschläge für den Einstieg.

re:discover und re:frame

Mit den Formaten re:discover und re:frame rückt die art karlsruhe Künstlerbiografien und Nachlässe in den Fokus, die bislang wenig Aufmerksamkeit erhalten haben oder neu betrachtet werden sollen.

Vera Mercer, Kevin Clarke, Detel Aurand oder Oliver Braig stehen 2026 exemplarisch für diesen Ansatz. re:frame zeigt zudem, wie Nachlassarbeit aktiv gestaltet werden kann, etwa durch das Schaulager Adlmannstein oder den Nachlass des 2024 verstorbenen Karlsruher Künstlers Andreas Lau.

Sonderausstellungen mit thematischem Fokus

Sonderausstellungen wird es ebenfalls geben. Die LBBW präsentiert unter dem Titel Digital Traces künstlerische Positionen zur digitalen Gegenwart, darunter Arbeiten von Isa Genzken und Avery Gia Sophie Schramm.

Eine von Stefanie Patruno, Direktorin des Kunstmuseums Karlsruhe, kuratierte Ausstellung widmet sich dem Werk des international bekannten Karlsruher Künstlers Rolf Behm. Die Sammlung Dietmar Kohlrusch zeigt erstmals in Karlsruhe zentrale Werke der Pop Art, unter anderem von Andy Warhol, Keith Haring und Roy Lichtenstein.

Rahmenprogramm und Gespräche

Begleitend zur Messe werden täglich geführte Rundgänge mit Kunsthistorikern angeboten, darunter Touren zu aktuellen Tendenzen, Sonderausstellungen oder als Orientierungshilfe für den Einstieg ins Sammeln. Auf mehreren Bühnen stehen Gespräche und Panels auf dem Programm. Das ARTIMA art meeting widmet sich Fragen des zeitgenössischen Sammelns.

Museumsvertreter geben Einblicke in ihre Arbeit und die Herausforderungen institutioneller Sammlungen. Weitere Beiträge beschäftigen sich mit Themen wie Künstlermarketing, Künstliche Intelligenz oder dem Zugang junger Positionen zum Markt.

Impressionen art karlsruhe 2025
Credit: Messe Karlsruhe/Carlotta Roob

Kunst in der Stadt

Während der Messetage reicht das Programm über die Hallen hinaus in die Stadt. Am 5. Februar findet die Eröffnungsparty im Foyer des ZKM statt. Das Kunstrauschen folgt am 6. Februar und geht in eine lange Nacht der Projekträume, mit über 20 beteiligten Offspaces, über. Am selben Abend lädt die After art Party im Nachtwerk mit internationalem DJ-Line-up ein. Am Samstag, 7. Februar, öffnen Karlsruher Galerien zur gallery:night mit anschließendem Afterglow im Hirschhof. Ein kostenloser Shuttle verbindet Messe und Innenstadt.

Impressionen Hallenbauparty im ZKM 2025
Credit: Messe Karlsruhe/Carlotta Roob

Weitere Infos auf art-karlsruhe.de.


Titelbild Credit: Messe Karlsruhe/Carlotta Roob

Quelle: Pressemitteilung der art Karlsruhe

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Kunst & Architektur

Viktor Knack: Ein heller Stern der Gegenwart

Viktor Knack lernte ich kennen, als ich gerade Mal 10 Jahre alt war. Seine Leidenschaft erkannte ich bereits als Kind. Das Feuer in seinen Augen, die Liebe zu den Farben, die Suche nach der perfekten Perspektive – und der leise Ausruf der Freude, wenn er sie dann endlich fand. Er malte seine toskanischen Landschaften mit einem Lächeln im Gesicht. Für mich waren diese Momente eines: Frieden.

Viktor Knack: Amazonen – 1.800 Euro

18 Jahre später treffe ich Viktor Knack in Baden-Baden

Ihn heute wieder zu sehen, war für mich eine Ehre. Ich interviewte ihn vor einem seiner ausgestellten Gemälde in Baden-Baden und nahm das Gesagte auf. Als er aufhörte zu erzählen, rutschte mir vor lauter Nervosität der Finger aus. Ich löschte die Aufnahme. What? Aber ich wäre keine gute Reporterin, wenn ich im Kopfe nicht auch mitschneiden könnte. Er erzählte mir die Geschichte des Bildes, das vor uns hing: Blumenpflückerinnen (2003).

Viktor Knack: Blumenpflückerinnen
Viktor Knack: Blumenpflückerinnen (2003) – 1.100 Euro

„Das Bild, das vor uns hängt, ist mein Versuch, eines meiner anderen Bilder wieder ins Leben zu rufen. Damals malte ich es und wollte es anschließend auf dem Dach meines Autos transportieren“, erzählte Viktor Knack. „Einige Zeit später hielt ich an. Ich hatte das Gefühl, dass ich die Gemälde nicht richtig fixiert hatte. Ich stieg aus – meine Bilder weg.“ Viktor hatte die beiden Kunstwerke während der Fahrt vom Autodach verloren. Als er den Weg wieder abfuhr, waren sie weg. Ich hoffe, der glückliche Mensch, der seine Gemälde damals auf der Straße fand, ehrt und liebt sie so sehr, wie ich es tun würde.

Mit dem Motiv „Blumenpflückerinnen“ versuchte Viktor Knack den Zauber des verlorenen Bildes wiederherzustellen. Obschon ich nie erfahren werde, wie das ursprüngliche Werk aussah, kann ich darüber spekulieren, dass ihm das gut gelungen ist. Viktor stellt hier, nach meiner Auffassung, die Weiblichkeit in ihrem zartesten Licht dar. „Ich denke, es ist mir gelungen, die Komposition des Ursprungsbildes zu wiederholen – vielleicht sogar die Farbenwelt“, sagt er mit seiner Bescheidenheit, die er über all die Jahre beibehalten hat.

Viktor studierte Kunst an der Universität in Almaty, Kasachstan. Seither war er in zahlreichen Funktionen tätig: Ob als freischaffender Künstler, Dozent oder Leiter verschiedener Kunstschulen.

Blumenpflückerinnen: Viktor verwendete Theaterfarben

Gemalt hat er das Bild mit Theaterfarben. Daher erscheinen sie durch und durch Matt. An vereinzelten Stellen glänzt es – etwa an den Konturen der Frauenfiguren. Viktor sagt, dies sei am Anfang gar nicht so geplant gewesen. Ich finde: Es ist ein glücklicher Zufall, der dem Gemälde eine markante Einzigartigkeit verleiht. Obwohl die Blumenpflückerinnen durch die Farbwahl, Maltechnik und das Spiel mit der Perspektive ohnehin unnachahmlich sind. Das Bild malte Viktor Knack mit einem dicken Pinsel. Er findet, die Pinselstriche passen gut zu der matten Farbe..

Gerne arbeitet der Künstler auch mit Spachtel. Als Kind erkannte ich in ihnen eine sehr hohe Ästhetik. Daran scheint sich bis heute nichts geändert zu haben. Diese Darstellungen sind aber eine ganz eigene Geschichte: Mache dir auf seiner Webseite am besten selbst einen Eindruck.

Als ich ihn auf das Nächste aufmerksam mache, lacht er dezent: „Ja, ich male Frauen gerne – ich finde sie schön.“ Auch Pferde und Landschaften gehören zu dem beständigen Repertoire des aus Syktywkar (Russland) stammenden Künstlers. Übrigens war er damals derjenige, der mir beibrachte, eine Kunstausstellung zuerst ausgiebig anzusehen und zum krönenden Abschluss nochmal einen kurzen Schnelldurchlauf draufzupacken.

Viktor Knack: Gefesselte Pferde (1992) – 1.700 Euro

Lese hier noch ein weiteres Künstlerinterview mit Igor Kaplun.


Anmerkung: Das Interview wurde Januar 2024 geführt. Ich habe es republished.

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Kunst & Architektur

Baldungs erotisch geladene Maria mit Kind und Edelsteinen

Hans Baldung malte 1530 seine Maria mit Kind und Edelsteinen. Die Muttergottes sitzt vor einer prächtigen, aber auch etwas unklaren Thronarchitektur und wird von einem sanften Engelputto betrachtet. In ihrer demütigen Hingabe hat sie ihre Brust freigelegt, um das Christuskind zu stillen, das auf ihrem Schoß steht. Ein Fuß des Kindes ruht auf den Seiten des heiligen Buches, das die Mutter in ihren Händen hält. Währenddessen legt der Knabe seinen Arm um Marias Hals und drückt sein Gesicht an das ihre, um einen Kuss anzudeuten. Marias Rechte Hand umschließt das Kind mütterlich am Kopf. Die Körperhaltung beider zeigt die innige Verbundenheit, die uns die menschliche Seite der beiden Heiligen zeigt.

Im Hintergrund links unten befinden sich verschiedene Edelsteine. Sie liegen auf der Armstütze der Thronarchitektur, dessen Farblichkeit an künstlichen Marmor erinnert. Die Steine stehen in ihrem kühlen Glanz im Kontrast zur warmen Szene der Mutter mit Kind. Doch ihre Bedeutung bleibt für uns verschleiert. Zudem verleiht die Farbpalette, die Hans Baldung hier benutzt, dem Bild zusätzlich eine gewisse Mysteriosität.

Hans Baldung Grien – Maria mit Kind und Edelsteinen
Hans Baldungs (1484/85 bis 1545) Maria mit Kind und Edelsteinen (1530) im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg: Malerei auf Lindenholz. Höhe 99 cm; Breite 68 cm.

Maria mit Kind und Edelsteinen: Baldung schafft Mysterium

In dieser Darstellung spiegelt sich eine geheimnisvolle Aura wider, die dem Betrachter Raum für Interpretation und Reflexion bietet. Interessanterweise basiert dieses Motiv auf einem Gemälde des Künstlers Mabuse. Jedoch fehlen bei Mabuse die schwierig zu deutenden Edelsteine.

Ebenso mysteriös ist Baldungs stillende Madonna mit den Papageien. Kein Wunder, dass die beiden Gemälde im selben Raum im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg hängen.

Hans Baldung Grien – ein Künstler im Schatten Dürers

Hans Baldung Grien, trotz seiner Anerkennung in Fachkreisen, stand und steht in der breiten Öffentlichkeit immer im Schatten des berühmten Nürnberger Meisters Albrecht Dürer. Geboren wurde er im Jahr 1484 in Schwäbisch-Gmünd, doch seine Eltern zogen bald darauf ins elsässische Strasbourg um. Nach einer Lehrzeit bei einem unbekannten Maler ebenda verschlug es ihn nach Nürnberg. Dort arbeitete er ab 1503 in Dürers Werkstatt. Damals erhielt er wahrscheinlich den Beinamen „Grien,“ der auf die Farbe Grün hinweist. Über den genauen Ursprung dieses Namen kann jedoch spekuliert werden kann.

Hans Baldung Grien - Leben und Wirken
Mystische Bildnisse – mystische Persönlichkeiten. Hier erfährst Du ein paar Fakten über Hans Baldungs Leben.

Schon bald wurde er zu Dürers rechter Hand und leitete seine Werkstatt während Dürers Italien-Reise. Im Jahr 1507 verließ Baldung zwar Nürnberg, blieb jedoch eng mit seinem Lehrmeister verbunden. Er profitierte von dessen wichtigen Einflüssen für seine eigene Arbeiten. Nach einem kurzen Aufenthalt in Halle kehrte er nach Strasbourg zurück. Doch in den Jahren 1512 bis 1516 verlagerte er seine künstlerische Tätigkeit nach Freiburg im Breisgau, wo er mit dem Hochaltar des Münsters sein bedeutendstes Werk schuf.

Im Jahr 1517 kehrte Hans Baldung Grien schließlich endgültig in seine Heimatstadt zurück, wo er als Hofmaler tätig war. Bald darauf wurde er zum Mitglied des Hohen Rates von Strasbourg ernannt. Aus dieser Zeit stammen einige seiner meisterlichen, großformatigen Werke, darunter Darstellungen von Adam und Eva (heute in Budapest), der Venus mit Cupido (im Rijksmuseum Kröller-Müller) und Judith (im Germanischen Nationalmuseum).

Auch diese Madonna ist von Hand Baldung: Auffallend ungewöhnlich ist der flächig rote Hintergrund, der die Aufmerksamkeit auf die plastische Darstellung der Muttergottes in den Vordergrund lenkt. Das schlummernde Kind weist symbolisch auf den bevorstehenden Opfertod Christi hin. Auf der Tafel ist das charakteristische Monogramm von Baldung zu sehen, und in Bezug auf die Datierung gibt es unterschiedliche Lesarten: Einige interpretieren sie als 1514, während andere eine Kombination aus arabischen und römischen Ziffern sehen, die auf 1520 (1510 + X) hinweisen könnten.
Hans Baldung: Adam und Eva im Museum in Budapest
Hier die erwähnten Bildnisse von Adam und Eva (um 1525) im Szépművészeti Múzeum Budapest.

Erotik in Baldungs Andachtsbildern

Obwohl Hans Baldung in der Zeit der Reformation die geistige Befreiung begrüßte, blieb er dem „neuen Glauben“ gegenüber zurückhaltend und trat nicht selbst dazu über. Neben seinen mythologischen Themen, bei denen gelegentlich eine fast schon pornografische Erotik zum Ausdruck kam, schuf er auch zahlreiche Andachtsbilder.

Ebenfalls ein erotisch geladenes Gemälde, aber mit schauderhafter Inzest-Ikonographie: Lot und Seine Töchter.

Die Späten Jahre des Künstlers

Ähnlich wie Albrecht Dürer blieb auch Hans Baldung Grien in seinen späteren, zum Teil schon manieristisch geprägten Werken ein leidenschaftlicher Beobachter der Natur. Trotz ihrer Sinnlichkeit stellen seine zahlreichen Akte keine überidealisierten Schönheiten dar, wie wir das etwa von Lucas Cranach dem Älteren kennen.

Von Baldung sind etwa 100 Ölgemälde erhalten geblieben. Darüber hinaus auch eine beträchtliche Anzahl von Zeichnungen und beinahe 600 Holzschnitten und anderen Druckgrafiken. Ab dem Jahr 1510 signierte er seine Werke mit dem charakteristischen Monogramm, bestehend aus den Buchstaben HBG. Er genoss einen hohen Ruf und verstarb im September 1545 in Strasbourg.


Quellen

  • fotocommunity.de: „Die Renaissance – Bilder einer Epoche“ mit einem Random Textstück (abgerufen am 15.1.2024)
  • objektkatalog.gnm.de: „Maria mit Kind und Edelsteinen“ (abgerufen am 15.1.2024)
  • onlinesammlung.freiburg.de: „Maria mit dem schlafenden Kind, 1520“ (abgerufen am 15.1.2024)
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Kunst & Architektur

So erkennen wir Manierismus

Um 1520 hatte die Malerei ihren Höhepunkt der Vollkommenheit erreicht. Harmonische Bewegungen, die Ruhe ausstrahlen; Darstellungen des idealisierten, heroischen Menschen prägen die Hochrenaissance. Doch diese utopische Vorstellung kann nicht lange bestehen und endet spätestens 1527. Ihr folgt der Manierismus, der sich nur schwer in zeitliche und ästhetische Rahmen setzen lässt.

Mit dem Begriff „Maniera“ bezeichnet man zunächst den Spätstil Michelangelos, der als eine der zentralen Quellen des Manierismus gilt. Darin experimentiert der große Meister mit einer bis dahin unbekannten Vielfalt an Bewegungen und oft komplexen Körperhaltungen. Gemeinsam mit Raffael löst er er sich zunehmend von den Idealen der Renaissance. Der Fokus liegt nahezu vollständig auf dem menschlichen Körper. Viele junge Künstler orientieren sich stark an diesem Stil. Spätere Kritiker erkennen, dass diese jungen Maler mehr die Manier, als den Geist seiner Werke nachahmen. Also geben die dem Zeitabschnitt den Namen „Manierismus“.

Michelangelo, Tondo Doni (Die heilige Familie mit dem Johannesknaben), um 1503/1504 oder um 1507. Galleria degli Uffizi, Florenz.

Eigentlich gar kein Spätwerk. Doch wenn wir genauer hinsehen, erkennen wir schon erste Tendenzen: Die nicht ganz eindeutige Sitzweise der weiblichen Figur, die Spontanität der Bewegung – die sehe ich etwa in der Überreichung des Kindes – und natürlich die satte Farblichkeit mit einer Palette, die nicht ganz Renaissance-typisch ist.

Was währenddessen gesellschaftlich passiert

Der Beginn dieser Epoche fällt im Anschluss an eine Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher und religiöser Erschütterungen. Mit dem Sacco di Roma im Jahr 1527, als spanisch-kaiserliche Truppen Rom plündern und verwüsten, gerät das geistige und kulturelle Zentrum der Hochrenaissance ins Wanken. Die Vorstellung einer stabilen, humanistisch geordneten Welt verlor ihre Glaubwürdigkeit.

Die zuvor angeschlagenen Thesen Luthers (1517) zeigen auch in Italien ihre Nachwirkung. Die Reformation bricht die Einheit einer bisher einzigen Kirche und einer katholischen Wahrheit.

Was passiert in der Kunst?

Die Ideale der Renaissance werden in der Kunst zwar noch aufgegriffen, jedoch auch weiterentwickelt und oft bis zur Übersteigerung getrieben. An die Stelle der Norm tritt das Abnorme. Unnatürliche Proportionen, abrupt verkürzte Raumkonstruktionen, neue Farbkonstellationen, Asymmetrien und verschlüsselte Bildinhalte prägen diese vergleichsweise kurze Epoche von etwa 1527 bis um 1600.

Angolo Bronzino, Allegorie der Liebe, vor 1550, National Gallery, London

Vor allem die erste Generation der Manieristen stellt bewusst die Meister der Renaissance in Frage. Getrieben wird ihre Vision vom Wunsch, die großen Vorbilder zu übertreffen. Manche Künstler erreichen dies durch ungewöhnliche Themen und tiefsinnige Gegenstände, die ihre Werke mit einer Weisheit füllen sollen, dass nur die gut Gebildeten sie verstehen können. Andere gehen noch weiter und schaffen regelrechte Rätselbilder, in denen das Überraschende, Unerwartete oder sogar Unerhörte das Ziel ist.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts reagiert die katholische Kirche mit massiven Eingriffen in die Kunst: Bilder sollen sich an Regeln halten und die katholische Lehre unmissverständlich vermitteln. Besonders deutlich zeigt sich dies an der Kritik an Michelangelos Jüngstem Gericht, das wegen der Vielzahl nackter Figuren als anstößig galt. Forderungen nach der Entfernung des Freskos stehen im Raum. Letztlich wurden die Nacktheit durch nachträglich gemalte Lendenschurze überdeckt. Das betraf die kirchliche Kunst. In der höfischen Malerei galten andere Regeln. Körperbetonte, wenn nicht sogar erotische Darstellungen sind hier weiterhin geschätzt und akzeptiert.

Michelangelo, Jüngstes Gericht, um 1540, Sixtinische Kapelle, Vatikan

Die Schule von Fontainebleau

Bleiben wir mal bei der höfischen Malerei. Die Schule von Fontainebleau ist eigentlich gar keine Schule. Viel mehr eine Künstlergemeinschaft, die den Manierismus nach Frankreich bringt und daraus durch Experimente eine ganz neue Ästhetik und Bildsprache entwickelt. Der Begriff ist zwischenzeitlich problematisch, da mit ihm auch irgendwann der Manierismus, der in Italien geschaffen wurde, betitelt wird.

Doch wie kommt Manierismus überhaupt nach Frankreich? König Franz I. holt gezielt italienische Künstler nach Frankreich, in sein Schloss Fontainebleu, um das Land als neue europäische Kunstmacht zu etablieren. Mit Rosso Fiorentino und Francesco Primaticcio prägen zentrale Vertreter des Manierismus die französische Hofkunst. An die Stelle biblischer Themen traten zunehmend mythologische Darstellungen, in denen Ornament und Figur eng miteinander verschmelzen und ein komplexes, dekorativ aufgeladenes Bildgefüge entsteht.

Jean Mignon, das Urteil des Paris, um 1544–1545, Louvre

Immer mehr gewinnt die Schule von Fontainebleu an Ornamentarik im Hintergrund der Figuren. Das soll besondere künstlerische Rafinesse zeigen. Hier in diesem Bild ist jedoch wenig Ornamentarik. Das, was allerdings stark den französischen Manierismus repräsentiert, sind die Figuren, die regelrecht in den Hintergrund „eingebettet“ sind. Sie verschmelzen fast mit dem Hintergrund, weil er ebenso reichhaltig ist.

So erkennst du Manierismus

In der Malerei des Manierismus wird Bewegung stark betont. Eine neue Figurenform entsteht: die Figura serpentinata, die sich spiralförmig zu winden scheint. Die Perspektive dient nicht mehr allein dazu, den Raum gesetzmäßig darzustellen, sondern wird eingesetzt, um mit ihm zu spielen, metaphorische Aussagen zu erzeugen oder Inhalte zu verschleiern. Häufig begegnen uns fragende Blicke aus dem Bild heraus, und die klassische Bildsprache wird buchstäblich verzerrt, wie etwa bei Darstellungen in Konvexspiegeln oder bei Parmigianino.

Parmigianino, Selbstporträt im konvexen Spiegel, 1524, Kunsthistorisches Museum, Wien

Ein besonders anschauliches Beispiel ist die Madonna mit dem langen Hals. Auch ihre Finger sind ungewöhnlich verlängert. Das wirkt anmutig und elegant, zugleich aber unnatürlich, besonders in der Körperhaltung. Das Christuskind scheint jeden Moment vom Schoß zu fallen. Der Vorhang im Hintergrund zerstört ein logisches Raumgefüge, und Marias Körperposition ist schwer einzuordnen: Etwas zwischen Stehen und Sitzen.

Parmigianino, Madonna mit dem Langen Hals, 1534/1535, Uffizien, Florenz

Den Höhepunkt des Manierismus erreichte Domenikos Theotokopolus (1541-1614), auch bekannt als der Grieche, „El Greco“, da er aus Kreta kommt. Dort erlernt er die griechische Ikonenmalerei. Als er nach Venedig kommt, sieht er erstmals, was sich in der Kunst gemacht hat. Als Tizians Schüler geht er neue Wege. Und bringt seinen einzigartigen Stil nach Spanien, wo er die bisherige, konservative Kunsttradition nachhaltig beeinflusst.

El Greco, Das Begräbnis des Grafen von Orgaz,1586 und 1588

Manieristische Skulpturen

Eines der Haupterkennungsmerkmale manieristischer Skulpturen ist die Spontaneität der Bewegungen. Beispiele hierfür liefert Giambologna, eigentlich Jean de Boulogne (1529–1608), mit seinen Werken Fliegender Merkur und Raub der Sabinerin. In ihnen vereint sich Bewegung mit Ausdruck in einem zuvor unbekannten Maß. Giambologna stellte sich dabei bewusst eine scheinbar unmögliche Aufgabe: Eine Statue zu schaffen, die gegen alle Gesetze der Schwerkraft zu fliegen scheint. Merkur berührt den Luftstrom aus dem Mund einer Maske nur mit seiner Fußspitze.

Architektur im Manierismus

Florenz blieb im 16. Jahrhundert das führende Kunstzentrum, maßgeblich geprägt durch das Mäzenatentum der Medici. Giorgio Vasari entwarf hier die Uffizien als Verwaltungsgebäude. In ihrer Architektur zeigt sich der manieristische Gestaltungswille: Die gleichförmige Abfolge dekorativer Elemente erzeugt einen starken Sog- und Tiefeneffekt, der Bau wirkt bewusst in die Länge gezogen.

Architektonisch macht sich die Epoche bemerkbar durch ungewöhnliche Lösungen, Gegensätze und asymmetrische Ordnungen. Klassische Bauelemente wie Säulen verlieren dabei ihre tragende Funktion und werden zu rein dekorativen Motiven, ergänzt durch ornamentale Details wie Fruchtgirlanden und Skulpturen, die an das Prinzip der Figura serpentinata erinnern.


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Quellen:

Ernst H. Gombrich, Die Geschichte der Kunst
Henry Zerner, Die Schule von Fontainebleu: das graphische Werk, 1982
Gerd Betz, Wie erkenne ich Manieristische Kunst? – Architektur, Skulptur, Malerei
André Perret, Die Zyklen der europäischen Architektur: eine Theorie dynamischer Zyklen der europäischen Architekturgeschichte seit dem Jahr 1000
Klaus Jan Philipp, Das Buch der Architektur, 2017

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Kunst & Architektur

So entdeckte ich Frank Gehry in Frankfurt

Diese brutalistisch angehauchten Wohnhäuser bemerkte ich bereits, als ich zum aller ersten Mal mit der Straßenbahnlinie 12 nach Frankfurt-Schwanheim einfuhr. Ihre kantigen Fassaden ragten zwischen den Bäumen hervor, sodass mich ihre Architektur magnetisch anzog. Konnten sie wirklich das Werk des fantastischen Frank Gehry sein?

Goldstein-Siedlung in Frankfurt

Treten wir mal einen Schritt zurück und sehen uns die Frankfurter Goldstein-Siedlung an. Immerhin ist das die Gegend, in der unsere Gehry-Bauwerke Mitte der 90er Jahre errichtet wurden.

Ich halte sie für eine der spannendsten Siedlungen der Stadt, die ich bisher näher betrachten konnte. Vor Langer Zeit plante man hier ein Zuhause für alle Gesellschaftsschichten: Arbeiter, Sozialhilfeempfänger, später auch Geflüchtete und sonstige Ausländer. All sie sollten sich hier wohl fühlen und in einem friedlichen Miteinander ihre Kinder großziehen.

Die Idee war herzergreifend human, wenn man mal ganz vergisst, dass die NSDAP da anfangs mitgemischt hat und wir es hierbei mit ursprünglich idealistischen Strukturen und Visionen zu tun haben. Was heute davon übriggeblieben ist, ist eine beachtliche Profitgeilheit einer bestimmten Verwaltungs- und Baufirma, die auf meine Presse-Anfragen mittlerweile allergisch reagiert und nur noch pampig antwortet oder gar Antworten verweigert. Als Journalistin ist es mir manchmal schon eine Ehre, ungeliebt zu sein. In diesem ganz bestimmten Fall ist es das jedenfalls.

Durch Zufall entdeckt

Womit haben wir es also zu tun, wenn wir uns die Wohnhäuser, die sich da in Goldstein zwischen den Bäumen blicken lassen, ansehen? Nachdem sie mir ein ganzes Jahr lang immer wieder ins Auge sprangen, fand ich bei meinem Besuch im Historischen Museum Frankfurt heraus, das sie das Werk Frank Gehrys sind. Ganz durch Zufall las ich bei der Sonderausstellung zu Frankfurter Fotografien aus längst vergangenen Zeiten eine Bildunterschrift, die meine Recherche anregte.

Wie ich die Frank-Gehry-Siedlung in Frankfurt-Goldstein entdeckte.
Da stand ich nun vor dem eingerahmten Bild. Ich erkannte meine geliebten Bauten. Dann las ich das Schildchen unterhalb des hölzernen Rahmens: „Frank Gehry“. Meine Augen weiteten sich.

Verwaltung durch die Nassauische Heimstätte omg

Oh Wunder, oh Wunder. Diese hohe Architektur wird von der Nassauischen Heimstätte (NHW) verwaltet, die ich natürlich an keiner anderen Stelle dieses Textes erwähnt habe. Genau genommen handelt es sich bei den Gehry-Häusern um eine ganze Gehry-Siedlung (in der Goldstein-Siedlung – quasi Siedlung in Siedlung, lol) . Und sie soll damals das gemeinsame Projekt der NHW und des großen Frank Gehry gewesen sein. Die NHW schreibt sogar, das diese Siedlung das Paradebeispiel dafür sei, dass sie auch Non-Profit-Projekte hat. Immerhin blicken wir hier auf ein ganzes Ensemble an Sozialbauten; in verschiedensten architektonischen Ausführungen.

Die Anlage besteht aus 162 Zwei- bis Fünfzimmerwohnungen, darunter auch barrierefreie Ausstattungen. Jede Wohnung bietet durchschnittlich eine Fläche von 73 Quadratmetern. Errichtet wurde die Gehry-Siedlung zwischen 1994 und 1996.

Frank Gehry Siedlung in Frankfurt: Architektur

Gehrys extravagante Handschrift zeigt sich deutlich in der farbenfrohen Gestaltung der Fassaden mit skulpturalen Elementen und den teilweise mit Zinkblech verkleideten Balkonen und Treppenhäusern. Die Balkone sind wie Logen gestaltet und bieten einen Blick auf einen Innenhof mit Spielbereich.

Zu Beginn seiner Karriere baute Gehry konventionell. Gegen Ende der 70er Jahre veränderte er seine architektonische Formensprache. Er begann, vermeintlich „ärmliche“ Materialien wie etwa Sperrholz und Wellblech einzusetzen. Im, Möbelbau sogar Wellpappe. Charakteristisch für Gehrys Baustil sind seitdem abgewinkelte Ebenen, kippende Räume, umgekehrte Formen und eine gebrochene Geometrie. Seine Bauten haben typischerweise auseinanderstrebende Bauelemente, die miteinander verknüpft werden – so, dass es wie ein Ineinanderfließen der Räume wirkt.

Infrastruktur der Frank-Gehry-Siedlung

Nicht nur Design und Ästhetik stehen bei der Siedlung im Vordergrund. Die Infrastruktur spielt ebenfalls eine Rolle in diesem Projekt. In unmittelbarer Nähe zur Wohnanlage stehen den Bewohnern eine Sozialstation, ein Jugendzentrum sowie diverse Geschäfte zur Verfügung. Außerdem eine gepflegte Wiese zum Spazieren- und Gassigehen plus Straßenbahn-Haltestelle.

Architekt Frank Gehry

Frank Owen Gehry, 1929 in Toronto geboren, ist bekannt als Vertreter des Dekonstruktivismus. Seine Bauten sind auffällig collageartig und folgen keinen strengen Konstruktionsprinzipien. Oftmals fließen ganze Gebäude ineinander über und wirken wie glänzende UFOs oder sonstige Objekte, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen. Mit seinem Stil, den ungewöhnlichen Formen, Farben und Baumaterialien, wie etwa Zinkblech für die Außenfassaden, bringt er ganz neuen Glanz in die Siedlung Goldstein.

Am 5. Dezember 2025 stirbt die Legende und hinterlässt auf ewig ein beachtliches Lebenswerk, das noch viele Generationen nach ihm magnetisieren, faszinieren und inspirieren wird.

Frank Gehry
Da ist der Mann der Stunde (schwarzer Mantel und Brille): Architekt Frank Gehry beim Richtfest der Goldstein-Siedlung. Copyright: Nassauische Heimstätte.

So fühlte es sich an, vor Ort zu sein

Natürlich eilte ich damals hin, als ich erfuhr, dass die Häuser von unserem Architekten-Superstar sind. Der Weg dort hin war für Frankfurt-Verhältnisse idyllisch. Die Architektur – überwältigend. Wenn ihr die Gehry-Siedlung besuchen wollt, beachtet bitte, dass dies der Wohnraum der dort lebenden Menschen ist. Hinterlasst nichts, seid leise und verhaltet euch respektvoll – ihr seid auf fremdem Terrain. Stellt euch darauf ein, dass die Anwohner, die auf den Bänken zwischen den Gebäuden sitzen, euch sofort als Fremdkörper identifizieren werden. Versucht daher eher unauffällig oder gar keine Bilder zu machen, aber nicht so auffällig unauffällig wie ich.

Das hat mir ganz und gar nicht gefallen

Was mir sehr weh tat, war der Zustand der architektonischen Meisterwerke. Genau genommen, das, was die einen oder anderen Bewohner der Siedlung dort veranstaltet haben. Die Wege drum herum waren sehr gepflegt. Bei den Wiesen sah es schon etwas trauriger aus. Die Häuser haben mich teilweise nur noch deprimiert. Kaputte klingeln und Briefkästen, billige und vor allem leere und abgeranzte Blumentöpfe, die von den grafischen Logen-Balkonen hingen, ohne auch nur ansatzweise stilistisch oder farblich dazu zu passen. Billige Sonnenschirme, irgendwelche Boho-Dekoartikel und Lampen, Zäune im rustikalen Stil (!!!), alte ausgeblichene Aufkleber an den Fenstern – einfach nur ein geschmackloser Horror, der diese klare Architektur regelrecht vergewaltigt. Wie immer mache ich keine Bilder vom Hässlichen, weil ich da einfach kein Bock drauf habe. Aber das Hässliche gehört zum Leben dazu – wenn auch nicht auf meinen Blog.

Ich finde diesen Billo-Dekowahn wirklich respektlos gegenüber Frank Gehry. Und das hat nichts mit Geld haben oder nicht haben zu tun. Ich weiß genau, was finanzielle Schwierigkeiten sind. Doch sowas Geschmackloses brachte ich noch nicht einmal zustande, als ich mir während meiner Studienzeit lediglich eine Matratze und ein improvisiertes Bücherregal leisten konnte, welches ich übrigens bis heute nutze. Dennoch merkt man schon, dass die NHW da regelmäßig pflegt. Die Farbe an den Häusern war relativ frisch und die Außenanlagen genossen offenbar Aufmerksamkeit. Die Blechelemente der einzelnen Bauwerke waren in gutem Zustand. Ich nehme stark an, dass da regelmäßig restauriert wird. Zumindest außen.

Zwischen Wohnsiedlung und Kunstobjekt

Beenden wir diesen kleinen Ausflug mit einer positiven Note. Egal wie abgeranzt die Häuser aktuell sind – sie tragen den Geist unserer Legende in sich weiter und werden dies auch noch viele Jahre tun. Vielleicht sieht er mir gerade aus den Wolken dabei zu, wie ich mich über den Zustand auslasse und zeigt mir, wie auch anderen Journalisten vor mir „den Finger“. Vielleicht ist er der veranstalteten Geschmacklosigkeit gegenüber viel toleranter als ich und versteht viel besser als ich, dass die Häuser für das Leben darin gemacht wurden und nicht dafür, um als Kunstobjekte betrachtet zu werden. Wir wissen es nicht.

Bleiben wir mal ganz kurz bei Kunst: Die Gehry-Siedlung befindet sich nur einen kurzen Spaziergang von meinen geliebten Eiermann-Türmen entfernt. Wenn ihr also einen vollumfassenden architektonischen Orgasmus erleben wollt, plant bitte auch einen Besuch zu diesen ausgefallenen Bauwerken in Frankfurt-Niederrad.


Quellen:

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Kunst & Architektur

Städel Frankfurt: Max Beckmann ist da!

Zwei Maxe werden derzeit parallel ausgestellt. Seit heute, 3. Dezember, finden wir Max Beckmann im Frankfurter Städel und Max Liebermann im Frieder Burda Baden-Baden. Widmen wir uns aber meinem Lieblingsmax: Beckmann (1884-1950).

Sein Werk entsteht in einer von Krisen und Umbrüchen geprägten Welt. Diese Erfahrungen wandelt er in seine ganz eigene Bildsprache. Den wohl intimsten Teil der Arbeiten bilden seine Zeichnungen. Wie ein Tagebuch dokumentieren sie Beckmanns künstlerische Entwicklung und dienen ihm gleichzeitig als Medium der Beobachtung, Bildfindung und -Erfindung. Das Städel Museum rückt diese Arbeiten nun in den Mittelpunkt und präsentiert rund 80 Werke aus allen Schaffensphasen. Von bislang wenig bekannten bis hin zu „herausragenden Hauptwerken“, wie das Kunsthaus ankündigt, soll alles dabei sein. Ob ich mich auf die Ausstellung freue? Fuck, yes. Wer kommt mit?

Max Beckmann im Städel: Ein weltweit bedeutender Bestand

Das Städel Museum hat eines der „herausragendsten Beckmann-Bestände weltweit“, heißt es in einer Pressemitteilung. Es widmet sich bereits seit mehr als hundert Jahren der Sammlung, Forschung und Vermittlung seines Werks. In der Ausstellung werden sowohl Zeichnungen aus dem eigenen Bestand als auch Leihgaben internationaler Museen und Privatsammlungen gezeigt. Uns erwarten Werke aus renommierten Kunsthäusern wie etwa dem Museum of Modern Art in New York, British Museum in London, Art Institute of Chicago, Kunstmuseum Basel, der Hamburger Kunsthalle, dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin und dem Museum der bildenden Künste Leipzig. Einzelne Gemälde und Druckgrafiken eröffnen darüber hinaus Einblicke in Beckmanns Arbeitsprozess und das Wechselspiel verschiedener Medien.

„Trotz der Verluste fast aller Werke des Künstlers während der NS-Zeit verfügt das Museum heute über einen Beckmann-Bestand von internationalem Rang. Mit der aktuellen Ausstellung rücken wir nach über vierzig Jahren erstmals wieder gezielt Beckmanns Zeichnungen in den Mittelpunkt“, so Philipp Demandt, Direktor des Städels.

Städel Museum Frankfurt: Rundgang durch die Ausstellung

Die Ausstellung verfolgt in sechs Kapiteln Beckmanns eigenständige künstlerische Entwicklung von der frühen Berliner Zeit bis zu den letzten Lebensjahren in den USA. Ergänzend sind ausgewählte druckgrafische Blätter in einem eigenen Kabinett neben dem Beckmann-Saal in der Dauerausstellung der Moderne zu sehen.

Ausstellungsansicht „Beckmann“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Max Beckmann: Anfänge in Berlin

Seine ersten künstlerischen Erfolge erzielte Max Beckmann 1906 in der Ausstellung der Berliner Secession. Akademisch ausgebildet, entwickelte er einen Stil, der dem deutschen Impressionismus nahestand. Dies zeigt sich etwa in den sanften Schraffuren des Selbstporträts von 1912 oder in der atmosphärischen Abendlichen Straßenszene (1913?).

Inhaltlich reizten ihn die großen Themen: In Historiengemälden mit biblischen, mythologischen oder zeitgeschichtlichen Motiven verarbeitete er grundlegende menschliche Konflikte. Mit dem aufkommenden Expressionismus und der wachsenden kritischen Resonanz auf seine Werke begann Beckmann, sich stärker mit persönlichen Erlebnissen auseinanderzusetzen. Dies zeigen die Skizzen zum Entwurf von Die Nacht (1912), die Szenen einer Gewalttat festhalten, von der Beckmann vermutlich selbst Zeuge war.

Der Künstler im Krieg

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sich Max Beckmann – wie viele Künstler seiner Generation –freiwillig zum Sanitätsdienst in der Hoffnung, neue Impulse für sein Schaffen zu gewinnen. Auf frühere, bildhaft komponierte Werke, die das Grauen des Krieges in Ostpreußen zeigen, folgten in Flandern zunehmend reduzierte Zeichnungen, die den Alltag der Soldaten, das Leid der Verwundeten und die Zerstörungen des Krieges sachlich und knapp festhalten. Werke wie Verwundeter Soldat mit Kopfverband (1915) zeigen den Menschen mit schnellen, kantigen Strichen in seiner Verletzlichkeit, während Aufgebahrter Toter (1915) durch seine eindringliche Bildsprache mit starken perspektivischen Verkürzungen wirkt.

Verwundeter Soldat mit Kopfverband, 1915, Bleistift, 151 × 120 mm, Museum der bildenden Künste Leipzig

Noch im Dezember 1914 entstanden Entwürfe für das Gemälde Auferstehung (Staatsgalerie Stuttgart), das Beckmann 1915 in Straßburg beginnen, aber nie vollenden sollte. Es ist das einzige Ölbild, das Beckmanns Kriegserfahrungen unmittelbar reflektiert. Fernab jeder Hoffnung steigen Tote aus ihren Gräbern in eine zersplitterte Landschaft. Erstmals wird in der Ausstellung eine große Entwurfszeichnung zu diesem Schlüsselwerk präsentiert, die vor wenigen Jahren im Nachlass Mathilde Q. Beckmanns entdeckt wurde.

Einen kleinen Vorgeschmack auf den Stil Max Beckmanns können meine Baden-Badener tatsächlich im Frieder Burda erlangen. Im Untergeschoss, dort, wo der Museumsshop ist, hängt mindestens ein Gemälde Beckmanns, das unsere schöne Stadt zeigt. Mutmaßlich die Trinkhalle.


Quelle: Pressekit des Städel Museums

Beitragsbild: Max Beckmann, Der Mord, 1933 Aquarell und Pinsel in Schwarz über schwarzer Kreide
498 × 455 mm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Dauerleihgabe aus der Sammlung Karin & Rüdiger Volhard

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Kunst & Architektur

Ikonographie und Ikonologie anwenden

Erwin Panofsky (1892–1968) beschäftigte sich intensiv mit der inhaltlichen Deutung von Gemälden. Sein methodischer Ansatz prägte die deutsche Kunstgeschichte nachhaltig. Zudem brachte er ein außergewöhnlich breites Wissen mit: Geisteswissenschaften, Theologie, Mythologie, Philosophie, Dichtung, Rechtsgeschichte. Dieses Fundament bildet die Grundlage seiner Methode. Wer sie anwenden möchte, muss daher ein solides Grundwissen haben.

Panofsky arbeitet mit einem dreistufigen Interpretationsmodell: der vorikonographischen Beschreibung, der ikonographischen Analyse und der ikonologischen Deutung. Diese Schritte erschließen den Phänomensinn, den Bedeutungssinn und schließlich auch den Wesenssinn eines Werks. Sein Ansatz führt von den augenscheinlichen Elementen eines Bildes zu immer tieferen Bedeutungsebenen und ermöglicht schrittweise eine Aneignung des vorliegenden Kunstwerks.

Schritt 1: Die vorikonographische Beschreibung

In der vorikonographischen Beschreibung erkennen wir lediglich Farbe, Linienführung und natürliche Gegenstände: Menschen, Tiere, Pflanzen, Häuser und sonstige Objekte, die wir aus unserem Alltag kennen. Sind etwa Personen im Bild zu sehen, achten wir auf ihre Körpersprache. Drückt diese etwa Trauer, Extase, Meditation o. Ä. aus? Was erzählen uns Mimik und Gestik der Personen im Bild? Sehen wir vielleicht einen Segensgestus, einen stillen Dialog zwischen den Figuren oder vernehmen wir sogar eine friedvolle Atmosphäre eines dargestellten Raumes oder einer Landschaft, in der die Szene spielt? Wie und durch welche Elemente wird diese geschaffen? Etwa durch helle Farben und Lichteinfall?

„Eine Aufzählung dieser Motive wäre eine vorikonographische Beschreibung des Kunstwerks“, so Panofsky. Unsere praktische Alltagserfahrung ist dafür unerlässlich und reicht im Grunde aus – sie garantiert jedoch nicht, dass wir mit unserer Einschätzung immer richtig liegen.

Schritt 2: Die ikonographische Analyse

Als nächstes erfolgt die ikonographische Analyse. In diesem Schritt werden die dargestellten Personen, Objekte und Symbole identifiziert. Das zuvor erwähnte fundierte Hintergrund wissen bildet hierfür die notwendige Grundlage und ist zugleich Voraussetzung für die Durchführung dieser Analysestufe. Im Kontext der europäischen Kunstgeschichte können dazu beispielsweise Kenntnisse der Bibel, der antiken Mythologie sowie verschiedener Sagen und Märchen zählen.

Darüber hinaus ist die Vertrautheit mit Allegorien, stilgeschichtlichen Grundkenntnissen, Werken der Antike, etwa von Platon und Aristoteles, fachspezifischer Literatur zu Pflanzen-, Tier- und Farbensymbolik sowie weiteren literarischen Quellen hilfreich, um Personen und Orte anhand ihrer charakteristischen Attribute zu erkennen. Panofsky weist jedoch darauf hin, dass jede Quelle mit kritischem Bewusstsein herangezogen werden muss.

Natürlich setzt die ikonographische Analyse eine korrekte Identifizierung der Motive voraus. Ziel und Zweck dieses Schrittes ist die Hilfe für die Feststellung von Datierungen, Herkunftsorten und gelegentlich auch Echtheit. Die Ikonographie sammelt und klassifiziert das Material. Was sie nicht tut, ist es, die Bedeutung und Entstehung dieses Materials zu erforschen und einzuordnen. Das macht nämlich die Ikonologie.

Schritt 3: Die ikonologische Deutung

„Die ikonologische Deutung erschließt das Kunstwerk als kulturgeschichtliches Zeugnis, als symbolische Form seiner Entstehungszeit.“ Dabei wird untersucht, inwiefern religiöse, philosophische oder politische Vorstellungen die Darstellungen beeinflussen, welche Intentionen oder ästhetischen Präferenzen einzelne Künstler verfolgten und in welchem sozialen oder kulturellen Umfeld sie wirkten.

Für uns bedeutet das: Wir machen uns auf die Suche nach zeitgenössischen Quellen und Dokumenten, um so „den ursprünglichen geistesgeschichtlichen Kontext zu erschließen, in dem der Künstler als Kind seiner Zeit ein Thema für darstellungswürdig befand, es in einem bestimmten Sinne auslegte und in einer spezifischen Form visualisierte.“ Die eigentliche Bedeutung des Kunstwerks steht dabei im Vordergrund. Hierzu werden Prinzipien ermittelt, die die Grundeinstellungen einer Nation, einer Epoche, einer sozialen Klasse oder einer religiösen beziehungsweise philosophischen Überzeugung offenbaren. Dies wird durch die Persönlichkeit des Künstlers modifiziert und in einem einzelnen Werk verdichtet und spiegelt sich sowohl in den „Kompositionsmethoden“ als auch in der „ikonographischen Bedeutung“ eines Werkes wider.

Als Beispiel dafür führt Panofsky den traditionellen Typus der Geburt Christi auf: Im 14. und 15. Jahrhundert ersetzt eine Darstellung, in der Maria vor dem Kind kniet, die frühere Version, in der sie auf einer Liege liegt. Unter dem Aspekt der Komposition entspricht dies der Einführung eines Dreieck- anstelle eines Rechteck-Schemas. Aus ikonographischer Perspektive markiert es die Einführung eines neuen Themas. Gleichzeitig offenbart diese Veränderung eine neue emotionale Haltung, die für die späten Phasen des Mittelalters charakteristisch ist.

Die Ikonologie erfüllt in der Bildanalyse die Funktion der interpretativen Deutung. Sie ist die Synthese aller zuvor erfassten Elemente. Eine Ausnahme bilden Kunstwerke, in denen das gesamte Spektrum sekundärer oder konventioneller Sujets entfällt und ein unmittelbarer Übergang von Motiven zum Gehalt erfolgt – wie etwa in der europäischen Landschaftsmalerei, in Stillleben oder in der Genremalerei.

Ikonographie und Ikonologie – mein Fazit

Wir halten fest, dass Ikonographie und Ikonologie unterschiedliche, aber aufeinander aufbauende Funktionen in der Bildanalyse erfüllen. Die Ikonographie konzentriert sich auf die systematische Identifikation und Klassifikation von Personen, Objekten und Symbolen und liefert damit die Grundlage für die Interpretation eines Werkes. Die Ikonologie hingegen erweitert diesen Ansatz um die kulturgeschichtliche Deutung. Sie verknüpft die ikonographischen Elemente mit dem (geistes-)geschichtlichen Kontext, untersucht Einflüsse religiöser, philosophischer oder politischer Natur und berücksichtigt die individuellen Intentionen der Künstler.

Durch diese Synthese erschließt die Ikonologie die eigentliche Bedeutung eines Kunstwerks und macht es zu einem Spiegel seiner Epoche. Panofskys dreistufiges Modell – vorikonographische Beschreibung, ikonographische Analyse und ikonologische Deutung – verdeutlicht, dass die differenzierte Betrachtung von Form, Motiv und Kontext unverzichtbar ist, um Kunst in ihrer ganzen Tiefe zu verstehen.

Gleichzeitig zeigt es, dass die Ikonologie bei Werken, die konventionelle Sujets überspringen, an ihre Grenzen stößt, was die Notwendigkeit einer flexiblen methodischen Herangehensweise unterstreicht. Zudem ist es schwierig einzuordnen, inwieweit eine Objektivität beim Anwenden von Panofskys Methode überhaupt bestehen kann. Beim interpretativen Arbeiten bleibt stets ein Anteil persönlicher Perspektive bestehen, der beeinflusst, welche Literatur und Dokumente herangezogen werden, um das eigene „Bild vom Bild“ zu stützen. Um die Bildanalyse zu vertiefen, ist es daher sinnvoll, weitere kunsthistorische Methoden ergänzend einzubeziehen.


Quellen:

  • Brassat, Wolfgang/Kohle, Hubertus: „Der geistesgeschichtlich-ikonologische Ansatz“, in: Methoden Reader Kunstgeschichte. Texte zur Methodik und Geschichte der Kunstwissenschaft, Köln: Deubner Verlag für Kunst, Theorie und Praxis, 2003
  • Panofsky, Erwin: „Ikonographie und Ikonologie. Eine Einführung in die Kunst der Renaissance“, in: Sinn und Deutung in der bildenden Kunst (Aus d. Engl. von Wilhelm Höck), Köln: DuMont, 1975

Copyright Artikelbild: IMAGO / UIG

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Kunst & Architektur

Impressionismus: Max Liebermann im Frieder Burda

Das Frieder Burda Museum in Baden-Baden stellt derzeit das Werk von Max Liebermann im Kontext mit dem deutschen Impressionismus aus. Diesmal kann ich guten Gewissens sagen, dass das die wohl beste Ausstellung seit Langem war, die das Frieder Burda zusammengestellt hatte. Geht unbedingt hin, sie läuft noch bis zum 8. Februar 2026.

Besonders gut gefiel mir diesmal die Präsentation der Bilder. Wahlweise war die Wandfarbe ausgesprochen harmonisch gewählt, sodass eher schlichte Bilder sehr gut zur Geltung kamen. Auch gab es viele Tafeln neben den Gemälden, die vorikonographisch bis ikonographische, manchmal sogar ikonologische Beschreibungen lieferten. Die waren sehr aufschlussreich und schön formuliert. Allerdings entschieden sich die Kuratoren dafür, das Material der Arbeiten außen vor zu lassen. Ich meine, das Frieder Burda macht diesen Kunstgriff des Öfteren. Mich triggert er enorm, hat aber eine tiefere Bedeutung: meistens tun Kuratoren uns das nämlich an, damit das Werk samt seiner Wirkung für sich steht, anstatt dass wir gleich dazu eingeladen werden, es technisch zu analysieren. Ob das nun aber auch die Absicht im Frieder Burda war, weiß ich (noch) nicht.

1. Heinrich Hübner, Rittersporn (1913). Für alle, die sich nach der Haftbefehl-Doku fragen, wie Rittersporn aussieht 😛
2. Sabine Lepsius, Mädchen im Sonntagskleid (1914)
3. Lovis Corinth, Die Lesende (1911)

Frieder Burda: Exklusive Einblicke in Privatsammlungen

Viele Gemälde kamen aus Privatsammlungen, was bedeutet, dass wir sie sonst kaum zu Gesicht bekommen. Das steigert die Exklusivität dieser Ausstellung enorm. Gezeigt werden dabei nicht nur Arbeiten von Max Liebermann, sondern auch von Lovis Corinth, Max Slevogt und Fritz von Uhde. Ergänzt wird das Ganze um einige Werke von Malern, die weniger bekannt sind: darunter Dora Hitz, Philipp Franck, Friedrich Kallmorgen, Gotthardt Kuehl, Christian Landenberg.

Die Bilder von Lovis Corinth ragten für mein ästhetisches Empfinden besonders hervor. Anders als viele andere Impressionisten arbeitet er viel mit gedämmten Farben, spielt auf seine ganz individuelle Weise mit Schatten und Lichteinfall und zeigt uns eine Pinselstrich-Dynamik, die sich deutlich von den anderen Exponaten dieser Ausstellung unterschied. Jedes Gemälde, vor dem ich innehalten musste, war von Corinth. Somit konnte ich also einen (für mich) neuen Künstler entdecken, über den ich mehr erfahren will und vielleicht demnächst sogar etwas publiziere. Und mehr kann man sich von einer Ausstellung eigentlich gar nicht wünschen. Es gab sogar zwei Gänsehautmomente. Diese beiden Gemälde haben es mir besonders angetan:

Impressionismus in Deutschland

Das Frieder Burda beschreibt den „Impressionismus in Deutschland“, so heißt nämlich die Ausstellung, als eine der einflussreichsten Bewegungen der europäischen Kunstgeschichte. Die etwa 100 Leihgaben, die dort gezeigt werden, belichten diese Thematik. Es ist sozusagen die Deutsche Variante einer Stilrichtung, die ihren Ausgangspunkt in den 1860er Jahren um französische Künstler wie Claude Monet und Pierre Auguste Renoir gefunden hatte. Im Fokus steht natürlich Max Liebermann (1847–1935), der der Künstlerbewegung zum Durchbruch verhalf.

So wie diese Ausstellung war (und immer noch ist) sollten alle Ausstellungen im Frieder Burda aufgebaut sein. Das ist meine Traumvorstellung. Denn für Corinth und Liebermann und den Impressionismus im Allgemeinen kommen Kunstkenner auch mal von weiter weg nach Baden-Baden. Bitte mehr davon <3

Die Ausstellung „Impressionismus in Deutschland“ könnt ihr hier mit  „I Feel the Earth Whisper“  vergleichen. Beide wurden im Frieder Burda ausgestellt. Welche spricht euch mehr an?

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Kunst & Architektur

Barock: Wie du die prunkvolle Epoche sofort erkennst

Üppige Gemälde, güldene Altäre und theatralische Schnörkel-Elemente – der Barock macht keine halben Sachen. Wer einmal weiß, worauf er achten muss, wird diese opulente Stilrichtung überall entdecken: in Kirchen, Schlössern, auf Gemälden und in der Musik.

Der Trevibrunnen (italienisch Fontana di Trevi) ist ein Monumentalbrunnen auf der Piazza di Trevi vor dem Palazzo Poli in Rom. Er wurde in den Jahren 1732–1762 vom Architekten Nicola Salvi für Papst Clemens XII. geschaffen und gilt als Meisterwerk des Barock.
Der Trevibrunnen auf der Piazza di Trevi in Rom. Er wurde in den Jahren 1732–1762 vom Architekten Nicola Salvi für Papst Clemens XII. geschaffen. Foto von Mike Hsieh auf Unsplash

Was ist Barock?

Der Barock ist eine Kunstepoche, die etwa zwischen 1600 und 1750 in Europa vorherrschte. Sie entstand im Anschluss an die Renaissance und wurde vor allem von der katholischen Kirche als Antwort auf die Reformation gefördert. Ziel war es, durch prunkvolle, emotionale Kunst, Gläubige zu beeindrucken und zu inspirieren. Das Wort „Barock“ stammt vermutlich vom portugiesischen barroco – eine unregelmäßig geformte Perle – und war zunächst abwertend gemeint.

Foto von Mohadese Rezaei auf Unsplash

Checkliste: So erkennst du die Stilrichtung auf den ersten Blick

  1. Dramatik und Bewegung: In der Malerei wie in der Architektur ist nichts statisch. Figuren sind in Bewegung, Emotionen stark, Licht und Schatten wechseln sich in dramatischen Kontrasten ab.
  2. Prunk und Pracht: Goldverzierte Altäre, aufwendig geschwungene Formen, üppige Deckenmalereien… Barock ist niemals schlicht. Er will beeindrucken.
  3. Zentrale Perspektive: In vielen barocken Werken wird der Blick des Betrachters in die Tiefe gezogen, oft auf einen göttlichen Mittelpunkt hin.
  4. Theatralik: Barock liebt das Spektakel – ob auf der Bühne, im Kirchenraum oder im Schlossgarten. Alles ist inszeniert.
  5. Vergänglichkeit und Ewigkeit: Häufige Themen sind Tod, Erlösung, die Macht Gottes; aber auch weltlicher Reichtum und die Eitelkeit des Lebens (Vanitas-Motive).
Foto von Antonio Sessa auf Unsplash

Wichtige Stationen des Barock

  • 1600: Beginn der Epoche in Italien, vor allem durch Maler wie Caravaggio (berühmt für sein dramatisches Licht).
  • 1610–1680: Hochbarock mit Künstlern wie Gian Lorenzo Bernini (Architekt des Petersplatzes in Rom) und Peter Paul Rubens, dem belgischen Maler voller Bewegung und Sinnlichkeit. Hier kannst du Rubens‘ Venus sehen. Für mich ist sie die Verkörperung einer barocken Schönheit.
  • 1700–1750: Spätbarock, in Deutschland auch als Rokoko bekannt – hier wird alles noch verspielter und dekorativer, etwa im Schloss Sanssouci in Potsdam.
  • In der Musik: Komponisten wie Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel oder Antonio Vivaldi prägen das barocke Klangbild. Meine Musiker erzählen mir gerne, dass sie Barock lieben, weil er sich so schön interpretieren ließe, etwa im Gegensatz zu Romantik. Wie genau sie das meinen, verraten sie mir jedoch nie.
Mein persönlicher Favorit: Caravaggios Judith

Barock erleben: Wo du die Spuren der Epoche sehen kannst


Quellen:

  • Deutsche Digitale Bibliothek / Themenportal Barock
  • Museum Barberini Potsdam – Einführung zur Barockkunst
  • Wikipedia (de/en) – Artikel „Barock“ + Einzelbiografien (Rubens, Caravaggio etc.)

Titelbild von RUT MIIT auf Unsplash

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Kunst & Architektur

Hans Baldung: Lots heilig-unheilige Töchter

Mit einem einzigen Blick auf dieses Gemälde wird der Betrachter in ein heilig-unheiliges Spannungsfeld versetzt. Ich beschreibe heute eines meiner aktuellen Lieblingsbilder in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Als ich sie das letzte Mal besuchte, hing dieses Bild dort noch gar nicht, um so überraschter war ich, es direkt vor mir zu sehen. Es geht um Hans Baldungs Lot und seine Töchter um 1535/1540, Mischtechnik auf Holz.

Ikonographie: Hans Baldungs Lot und seine Töchter

Hans Baldung, auch Grien genannt, bekam den Namen, weil er am liebsten mit grüner Farbe hantierte, was auf diesem Bild nicht zu sehen ist. Die Farbtöne bewegen sich im Bereich Elfenbein, Rot, Schwarz. Im Vordergrund sehen wir einen weiblichen Akt auf einer Liege, den Schambereich bedeckend, geschmückt mit güldenen Kettchen, Perlen und einem Ring. Über ihr steht ein Mann mit einem Gefäß in der Hand, aus dem er trinkt. In schwarz-weiß sehen wir eine weitere weibliche Figur, ebenfalls unbekleidet. Sie nimmt hier eine beobachtende Rolle ein und blickt hinter einem Vorhang hervor. Auf der rechten Seite des Gemäldes sehen wir ein kleines Weinfass, im Hintergrund eine brennende Stadt. Bei genauerem Hinsehen entdecken wir eine weiße Salzsäule.

Die Gesamtheit dieser Elemente, eine Bildinschrift in der oberen Bildhälfte, sowie auch der Titel des Gemäldes deuten darauf, dass es Lot und seine beiden Töchter sind. Ein Blick ins Buch Genesis im Alten Testament gibt uns Aufschluss. Nach der Zerstörung von Sodom und Gomorra, den beiden Städten die sinnbildlich für moralischen Verfall und Gottes Strafe stehen, flieht Lot mit seiner Frau und den beiden Töchtern in eine Höhle. Auf dem Weg da hin blickt die Frau zurück auf die brennende Stadt, obwohl zwei Engel ihr dies deutlich untersagt haben. Die Folge: Sie erstarrt zu einer Salzsäule. Aus Angst, dass ihre Familie aussterben könnte, berauschen die Töchter ihren Vater nacheinander mit Wein und zeugen so Kinder mit ihm. Die Nachkommen werden als die Völker Moab und Ammon angesehen.

Hans Baldung Grien: Lot und seine Töchter (1535/1540)

Kunsthistorische Einordnung des Gemäldes

In der Kunstgeschichte wird das Motiv häufig genutzt, um Themen wie Verderbtheit, Inzest, göttliches Gericht und moralische Ambivalenz darzustellen. Es erlaubt Künstlern, sowohl narrative als auch erotische Elemente in biblischer Rahmung zu thematisieren, oft mit Betonung von Schuld und Sünde. Typologisch sehen wir hier das jüngste Gericht. Dieses wird mit dem farbintensiven Feuer im Hintergrund, der roten Farblichkeit im Vordergrund des Bildes sowie auch mit der Sünde, die durch die Gesamtheit dieser Atmosphäre geschaffen wird, untermauert.

Hans Baldung: Die Epoche und ihr Schönheitsideal

Der weibliche Blick aus dem Bild heraus zeigt uns eine Darstellung, die in der Renaissance üblich war. Mit diesem Blick wird auch der Betrachter zum Verführten. Stilistisch deutet das Bild auf Hans Baldungs spätere Werke. Da er hier seinen Hang zur stilisierten Körperdarstellung auskostet. Er malt ein Schönheitsideal mit überlangen Beinen, kleinen, weit auseinanderliegenden Brüsten und diesem elfenbeinfarbenen Inkarnat. Es erinnert uns ein kleines bisschen an Lucas Cranach d.Ä.; sogar das Frisürchen und die Katzigkeit des Frauengesichts könnte ein Indiz dafür sein, dass Baldung sich von Cranach inspirieren lassen hat.

Der Kontrast zwischen Lot uns seiner älteren Tochter verdeutlicht die Ungleichheit zwischen diesem Paar. Sie bleich, jung und nackt, er dunkleres Inkarnat, angezogen, alt. Es tangiert die Thematik des „ungleichen Paares“, die wir von Greisen und geldinteressierten Dirnen kennen, jedoch trifft nicht ganz zu. Denn statt des Geldes wollen die beiden Töchter Kinder.

An dieser Stelle müssen wir uns fragen: Warum ist dieses Bild dermaßen erotisch geladen? Wir sehen, wie der Künstler eine Atmosphäre schafft, indem er viel mit Farbkontrasten (hell zu dunkel), Blicken, in denen wir das Verbotene erkennen, Rottönen und Schmuck auf nackten Körpern spielt. Die Schmuckelemente deuten übrigens darauf, dass die Auftraggeber adelig oder gar hochadelig waren. Die ältere, hell hervorgehobene Tochter im Vordergrund erinnert uns sogar an die Liebesgöttin Venus. Was Baldung vermittelt, kommt jedenfalls stark bei uns an. Warum macht er das? Es ist eine inzestuöse Thematik, die mit einem hohen Grad an Erotik und Ästhetik präsentiert wird. Musste das sein? Ich denke, Ja.

Hans Baldung erschütterte durch die Darstellungsweise seiner späteren Werke die spätmittelalterlichen Glaubensvorstellungen. Stellen nun eine kleine Verbindung zu Baldungs Skandalmadonna mit den Papageien her. Auch sie stellte der Künstler in einer höchst sinnlichen Atmosphäre da. Eine solche Nacktdarstellung biblischer Figuren war seinerzeit unzulässig. Seine Bilder wurden teilweise aus den Kirchen verbannt (etwa in Straßburg), doch er machte weiter. Denn er malte für die jene Kennerkreise, die diese Art der Darstellung zu schätzen wussten.

Um es mit anderen Worten zu sagen: Die Kraft er Erotik in der Madonna mit den Papageien lässt den Betrachter eine unberührte Lebensspenderin nicht nur sehen, sondern erleben. So empfinde ich es persönlich auch bei den Töchtern Lots. Die Sinnlichkeit lässt uns Betrachter erst spüren, welcher Versuchung Lot ausgesetzt war.

Klicke hier, um mehr über die gezeigte Madonna mit den Edelsteinen zu erfahren.

Lot und seine Beiden Töchter: Zerstörung des Bildes

Kommen wir nun zum Offensichtlichen: Das Bild wurde mittels Säge zerstört. Man sägte so, dass beide Töchter als separate Bilder verwertet werden konnte. Die Wissenschaft ist sich allerdings noch nicht einig, weshalb man das Gemälde zerstört hatte. War es zu provokant? Oder war man der Meinung, dass mehrere kleine Baldungs mehr Geld einbringen würden, als ein großer?

Im Frühjahr 2019 kaufte die Kunsthalle Karlsruhe jedenfalls die drei Fragmente, die bislang aufgetaucht sind. Man hofft, dass auch die jüngere Tochter bald auftaucht. Derzeit ist eine schwarzweiße Fotografie an der leeren Stelle des Gemäldes eingesetzt.


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Quellen

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