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Die größte Kandinsky-Erkenntnis, die ich bisher hatte

In der kunsthistorischen Rezeption von Wassily Wassiljewitsch Kandinsky hält sich ein Narrativ mit erstaunlicher Zähigkeit: Das Bild des genialen Synästhetikers, der Töne in Farben übersetzte, Musik auf die Leinwand bannte und im Rausch der Klänge die Abstraktion erfand. Auch ich habe bereits dieses „böse Gerücht“ verbreitet. Doch wie so oft bei wirkungsmächtigen Mythen der Moderne hält diese romantisierende Sichtweise einer wissenschaftlich-methodischen Überprüfung nur bedingt stand.

Wenn wir Kandinskys Werk betrachten, müssen wir uns fragen: Handelt es sich bei seinen musikalischen Bezügen um eine tatsächliche phänomenologische Sinnesüberschneidung oder vielmehr um die Metapher eines Menschen, der sich auf kreative Art und Weise ausdrücken konnte? Und vor allem: Handelte es sich überhaupt um ein Werkzeug zur Emanzipation der Malerei von der Gegenstandsnachahmung?

Porträt von Wassiky Kandinsky. Der Künstler sitzt am Tisch und schaut in die Kamera
Wassily Wassiljewich Kandinsky​ *4. Dezember (Greg.: 16.Dezember), 1866 in Moskau.​† 13. Dezember 1944 in ​Neuilly-sur-Seine.​ Copyright: xLebrechtxMusicxArtsx/xBridgemanxImagesx 3764577 Copyright: IMAGO / Bridgeman Images

Musikalische Malerei: Zeit- und Geisteskontext

Um Kandinskys Denken zu verstehen, müssen wir es im Geisteskontext seiner Zeit verankern. Die Idee einer „musikalischen Malerei“ war um die Jahrhundertwende keineswegs neu. Bereits um 1800 galt die Musik in der ästhetischen Theorie als die reinste, immateriellste aller Künste – eben weil sie von der Pflicht zur Gegenstandsnachahmung losgelöst war. Sie war das große Vorbild für eine Malerei, die nach eigener Autonomie strebte.

Ironisch ist, dass zeitgenössische Leser in Kandinskys Schriften vor allem die Analogien zur Musik aufsogen, während sie seine ausdrücklichen Erkenntnisse überlasen. So soll er es zumindest empfunden haben, weshalb er sich in seinen Schriften gegen oberflächliche Fehldeutungen gewehrt hatte. Er stellte klar: ihm sei es grund-unmöglich und gänzlich unerreicht, Musik malen zu wollen. Eine direkte Übertragung lehnte er als absurd ab.

Worum geht es Kandinsky wirklich?

Was schwebte ihm stattdessen vor? Thomas Steiert hat dies als eine „musikalisierte Malerei“ charakterisiert. Es ging Kandinsky nicht um die Imitation der Schwesterkunst, sondern um eine methodische Erweiterung des eigenen künstlerischen Handlungsspielraums.

Der Vergleich zwischen Malerei und Musik diente ihm dazu, die Wesensverschiedenheit beider Disziplinen zu schärfen. Die Notwendigkeit dieser kategorialen Trennung war für ihn unantastbar. Die Musik war für Kandinsky nicht die Schablone, sondern der Katalysator, um innerhalb der Malerei nach einer ebenbürtigen, autonomen Wirkungskraft zu suchen.

War Kandinsky Synästhetiker?

Die neuere Forschung, allen voran Andrea Gottdang, tritt dieser weit verbreiteten Annahme mit Skepsis entgegen. Gottdang weist nachdrücklich darauf hin, dass Kandinsky selbst nie explizit für sich in Anspruch nahm, über die neurologische Disposition Synästhesie zu verfügen. Die Behauptung stützt sich im Wesentlichen auf rückblickende Beschreibungen – wie etwa sein berühmtes Erlebnis bei einer Aufführung der Wagner-Oper Lohengrin in Moskau, bei der sich Farben vor seinem inneren Auge bewegten. Kandinskys wohl meist zitierte Äußerung überhaupt; die von der europäischen Kunstgeschichte so wahnsinnig gerne zurechtgeschnitten wird, ohne überhaupt den Aspekt berühren zu wollen, dass es dem Künstler nicht nur um den Farbklang ging, sondern um das Zusammenspiel von Farbe und seiner Heimatstadt – Moskau. Aber darüber rege ich mich an anderer Stelle noch mal ausgiebiger auf.

Wie dem auch sei. Aus kunsthistorisch-methodischer Sicht müssen wir hier strikt unterscheiden:

Erstens: Selbst wenn Kandinsky synästhetische Veranlagungen besaß, halfen ihm diese weder bei der konkreten Bildkonzeption noch beim avantgardistisch-historischen Durchbruch zur Abstraktion.

Zweitens: Das Verstreuen farbmusikalischer Metaphern in seinen Texten darf von Wissenschaftlern nicht als empirischer Nachweis missverstanden werden, dass seine Gemälde das Resultat synästhetischer Wahrnehmungsprozesse seien.

Kandinsky diskutierte intensiv mit Zeitgenossen wie etwa Franz Marc, August Macke oder Arnold Schönberg über Farb-Ton-Korrespondenzen. Doch alle sie stießen rasch an die Grenzen der Objektivierbarkeit. Thomas Steiert bringt es methodisch auf den Punkt: Die synästhetischen Verknüpfungen dienten Kandinsky lediglich als experimentelles Instrument – als eine Art theoretisches Modell, um die erweiterten Ausdrucksmöglichkeiten seiner malerischen Mittel zu erörtern.

Wie funktionierte nun Kandinskys Farbtheorie in der Praxis?

Er unterschied grundsätzlich zwischen einer rein physischen Wahrnehmung – dem Reiz des Auges – und einer psychischen Wirkung, die er gerne als „Seelenvibrationen“ betitelte.

Kandinsky begriff Farbwahrnehmung als ein multisensorisches Phänomen. Farben besitzen für ihn haptische und thermische Qualitäten: Sie sind glatt, samtig, warm oder kalt. usw. Ähnlich wie Goethe koppelte er die Farbwirkung an physikalische Erscheinungen, erweiterte dies jedoch. Farben besitzen für ihn exzentrische oder konzentrische Bewegungsmomente. Sie drängen auf den Betrachter zu oder weichen von ihm zurück; sie können darüber hinaus auch einen zeitlichen Ablauf im statischen Bild simulieren.

Man muss allerdings einräumen: Kandinskys Versuch, hierfür wissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten aufzustellen, scheiterte an der Subjektivität der menschlichen Empfindung. Seine Analysen zur synästhetischen Potenz einzelner Farben wirken oft willkürlich. Und verändern sich zudem noch im weiteren Verlauf seines Lebens. Wenn er Gelb als stechend, beunruhigend und dem Menschen zustrebend definiert, oder Schwarz und Weiß als Symbole von Existenz und Nicht-Existenz setzt, verlässt er den Boden der empirischen Wissenschaft. Aber nicht nur damit.

Wassily Kandinsky, Orientalisches, 1909, Öl auf Pappe, 69,5 x 96,5 cm,  Lenbachhaus​ München​. Copyright: Lehnbachhaus München.

Wassily Kandinsky und das Unerklärliche

Er wandte sich – dessen war er sich wohl bewusst – ab vom Erklärbaren und hin zum Unerklärlichen, etwa wenn er sich mit Chromotherapie oder theosophischem Gedankengut beschäftigte. Auch wenn unklar bleibt, inwiefern theosophische Lehren direkt in seine Malpraxis einflossen, zeigt sich hier Kandinskys Zielgruppe. Seine Theorie richtete sich nicht an die Masse, sondern an den „sensiblen Menschen“.

In diesem Kontext steht auch sein zentraler Begriff des „Klangs“. Wenn Kandinsky von „Farbklängen“ spricht, meint er keine akustische Übersetzung. Der „Klang“ ist für ihn der physiognomische Charakter der Farbe selbst – eine immaterielle, innere Qualität, die direkt auf das Gemüt wirkt.

Der entscheidende Schritt in Kandinskys Schaffen liegt darin, dass seine Hinwendung zur Abstraktion keinen Bruch mit der Kunstgeschichte darstellt. Ganz im Sinne Arnold Schönbergs wird die Abstraktion als eine Radikalisierung der Maltradition begriffen. Unter Kandinskys Prämissen löst sich die starre Grenze zwischen Gegenständlichkeit und Gegenstandslosigkeit langsam auf.

Wassily Kandinsky: Musikalische Terminologie in der Kunst

Die Terminologie, die er verwendete, um seine schöpferische Haltung zu manifestieren, oder zumindest zu betiteln, spiegelt sich in seiner Dreiteilung der Werkkategorien wider, die sich nicht nach dem Sujet richtet, sondern nach dem Grad der inneren Konstruktion:

Die Impression: Der direkte Eindruck äußerer Einflüsse.

Die Improvisation: Der unbewusste, spontane Ausdruck innerer Vorgänge.

Die Komposition: Als höchste Stufe. Hier bildet sich der innere Ausdruck in einem langen, fast pedantisch durchdachten Prozess heraus, der in zahlreichen Entwürfen geprüft wird.

Kandinsky lädt den Begriff der „Komposition“ doppelt auf: Er ist einerseits die Bezeichnung für seine ambitionierteste Werkgruppe, andererseits das allgemeine Konstruktionsprinzip, das jedem bedeutenden Kunstwerk zugrunde liegt.

Um diese Kompositionen zu strukturieren, greift er erneut auf musikalische Begrifflichkeiten zurück und unterscheidet zwei Hauptgruppen:

Die melodische Komposition: Sie basiert auf einfachen, geometrischen Formen und bleibt oft noch mit gegenständlichen Assoziationen verknüpft.

und die symphonische Komposition: Ein komplexes, vielschichtiges Gefüge, in dem viele kleine Einzelformen von einer verborgenen Hauptform zusammengehalten werden.

Sogar Tempobezeichnungen zog Kandinsky heran, um die Dynamik von Form und Farbe zu charakterisieren – wobei anzumerken ist, dass er laut seinen fertiggestellten Gemälden die Titel oft erst nachträglich zuschrieb.

Entliterarisierung der Kunst

Wichtig für eine methodische Bewertung ist der Begriff der „Entliterarisierung“. Indem die Malerei ihre erzählerische, literarische Funktion abwarf, erlangte ihr bildnerisches Material – Form und Farbe – eine Autonomie, die zuvor nur der Musik eigen war. Erst durch diese Freisetzung wurde es möglich, Begriffe wie „symphonisch“ oder „Harmonie“ rein strukturell auf die Malerei anzuwenden und ihre Wirkung in den Vordergrund zu stellen. Harmonie bedeutete für Kandinsky im Zeitalter der Moderne übrigens nicht mehr das gefällige Miteinander, sondern das Prinzip der Gegensätze und Widersprüche als eine zeitgemäße Auffassung einer neuen harmonischen Zusammenwirkung.

Eins der Schlüsselwerke von Wassily Kandinsky

Anhand eines der Schlüsselwerke Kandinskys lässt sich das Zusammenspiel von Musikerlebnis, Bildentstehung und methodischer Analyse exemplarisch sezieren: dem Gemälde Impression III (Konzert) aus dem Januar 1911.

Wassily Kandinsky, Impression III (Konzert), 1911, Öl auf Leinwand, 78,4 × 100,6 × 2 cm, München, Lenbachhaus.​ Copyright: Lehnbachhaus München.

Schon der Gattungsbegriff der „Impression“ suggeriert nach Kandinskys Systematik, wie wir wissen, die unmittelbare, fast reflexhafte Umsetzung eines äußeren Eindrucks – in diesem Fall des Besuchs jenes Münchner Neujahreskonzerts mit Werken Arnold Schönbergs. Doch die bildanalytische Betrachtung entlarvt den populären Mythos des spontanen, synästhetischen Farbrausches auf der Leinwand.

Zwei Skizzen die der Bezeichnung „Impression“ widersprechen

Wie der Kunsthistoriker Günter Brucher nachdrücklich herausgearbeitet hat, verlief die Genese keineswegs im Affekt. Andrea Gottdang greift diesen Befund auf und notiert: „Dass die Umsetzung des Konzerterlebnisses in Öl auf Pappe nicht ganz so spontan erfolgte, hat Brucher unter Hinweis auf die beiden vorbereitenden Skizzen hervorgehoben.“

Die zwei erhaltenen Skizzen dokumentieren einen Abstraktionsprozess: Die erste Skizze verortet das Geschehen noch ganz figurativ im realen Raum: Wir erkennen die räumliche Kulisse, das Publikum und den schwarzen Konzertflügel.

Wassily Kandinsky, Studie zu Impression III (Konzert), 1911, Kreide auf Papier, 10 × 14,9 cm, Paris, Centre Pompidou, Centre de création industrielle.​

Die zweite, abstraktere, Skizze löst den räumlichen Sog vollkommen auf. Die Perspektive weicht einer autonomen Farb- und Formdynamik. Ich sage Farbdynamik, weil Kandinsky hier die Farben bereits schriftlich bestimmt hat.

Wassily Kandinsky, Studie zu Impression III (Konzert), 1911, Kohle auf Papier, 10 × 14,8 cm, Paris, Centre Pompidou, Cabinet d’art graphique.

Kunsthistoriker analysieren Kandinskys Gemälde

Bedeutsam ist hierbei die Platzierung der gelben Fläche: Sie steigt nicht direkt aus dem schwarzen Flügel auf – wie eine triviale Übersetzung von Ton in Pigment vermuten ließe –, sondern drängt als mächtige Diagonale von links unten nach rechts oben. Kandinsky setzt hier primär auf rein malerische Dissonanzen: Das geheimnisvolle Schwarz des Flügels steht im harten, spannungsvollen Kontrast zur Bewegung des Gelbs.

Thomas Steiert bemerkt hierzu, bei Impression III vermische sich „das Sichtbare mit dem Hörbaren“. Andrea Gottdang präzisiert diese Wechselwirkung jedoch auf einer rein bildtheoretischen Ebene:

„Ist die Annahme richtig, dass dieses Gelb hier eine Chiffre für Musik ist, so gilt für die Musik im übertragenen Sinn alles, was für die Farbe festgestellt wurde. Klang umfängt die Hörerschar, sickert in sie hinein, wird durch die Farbe sichtbar gemacht, von ihr aufgenommen oder legt sich wie ein Dunstschleier über sie.“

Es handelt sich bei Impression III folglich weder um das verbildlichte Protokoll eines synästhetischen Erlebnisses noch war es Kandinsky wichtig, dass der Betrachter exakt Schönbergs Aufführung als solche entziffert. Das Gelb fungiert als autonome bildnerische Chiffre für das Phänomen der akustischen Raumdurchdringung.

Kandinskys „mentale Matrix“: Den „gelben Klang“ gibt es schon längst als Konzept

An dieser Stelle drängt sich eine grundlegende Frage auf: Woher stammt diese spezifische energetische Aufladung der Farbe Gelb als Raum greifender Klang?

Um dies zu beantworten, müssen wir den Blick auf Kandinskys abstrakte Bühnenkomposition „Der Gelbe Klang“ lenken, verfasst zwischen 1909 und 1910 und schließlich 1912 im Manifest der frühen Avantgarde „Der Blaue Reiter“ publiziert.

„Der Gelbe Klang“ ist ein Pionierwerk des abstrakten Tontheaters. Es verzichtet auf Handlung, Dialoge und psychologische Figuren. Die eigentlichen Akteure sind das Licht, die Farbe, die menschliche Bewegung und der Klang. Die Farbe Gelb tritt darin als exzentrische, drängende Kraft auf, die den Raum flutet und mit dunklen, violetten Nuancen im Konflikt steht.

Wenn die Bühnenkomposition bereits 1909/1910 fertiggestellt war, dann lebte das Konzept des „Gelben Klangs“ bereits als mentale Matrix in Kandinskys Geist, lange bevor er das Schönberg-Konzert im Januar 1911 besuchte.

Haben wir Schönbergs Konzert zu viel Bedeutung zugeschrieben?

Damit boten Schönbergs Dissonanzen Kandinsky den äußeren Anlass, um eine längst ausgereifte, theoretische Konzeption nun auch malerisch zu entfesseln. Behaupt ich jetzt einfach mal. Impression III ist nicht die Abbildung eines Schönberg-Stücks – es ist die visuelle Manifestation des bereits existierenden „Gelben Klangs“.

Dass diese chronologische Trennung zwingend ist, verdanken wir den Untersuchungen des Musikwissenschaftlers*Werner Keil aus dem Jahr 2000. Keil hat mit den gängigen Mythen der Forschung aufgeräumt:

„Eine enge persönliche Freundschaft zwischen Kandinsky und Schönberg und die dichte künstlerische Ereignisfolge 1911/12 haben die musikwissenschaftliche wie kunsthistorische Forschung schon früh veranlasst, nach Parallelen zwischen beiden Künstlern zu suchen und wechselseitige Beeinflussungen nachzuweisen. Es lag insbesondere nahe zu vermuten, Kandinskys Bühnenkomposition ‚Der gelbe Klang‘ und seine Farbtheorien hätten Schönberg bei der Fertigstellung der ‚Glücklichen Hand‘ geleitet; umgekehrt soll unter dem starken Eindruck des Münchener Konzerts Kandinskys Impression III entstanden sein.“

Keil weist nach: Kandinsky und Schönberg kannten sich vor dem 2. Januar 1911 schlichtweg nicht. Eine wechselseitige Beeinflussung vor 1911 soll quellenkritisch ausgeschlossen sein.

An dieser Stelle offenbart sich ein faszinierendes methodisches Lehrstück

Blickt man in die Arbeit von Andrea Gottdang, stellt man fest, dass sie Werner Keils Studie zwar ordnungsgemäß in ihren Quellen aufführt, seine Ergebnisse jedoch ausgesprochen selektiv instrumentalisiert. Gottdang filtert aus Keils Befunden exakt jene Aspekte heraus, die ihre eigene These – die radikale Demontage der Synästhesie – untermauern. Die breitere, komplementäre Komplexität von Keils Argumentation blendet sie weitgehend aus, um das eigene theoretische Narrativ nicht zu gefährden.

Das Erstaunliche daran ist: Gottdang hätte diese selektive Rezeption gar nicht nötig gehabt. Ihre Entzauberung des Synästhesie-Mythos steht auch so auf festem Fundament. Dass sie die Quelle Dennoch so einseitig zuschneidet, zeigt uns auf der Ebene der Wissenschaftstheorie, wie schnell auch neuere Forschungsliteratur dazu neigt, historische Quellen passfähig zu machen.


Quellen: Gottdang, Andrea: Vorbild Musik. Die Geschichte einer Idee in der Malerei im deutschsprachigen Raum 1780–1915. München/Berlin: Deutscher Kunstverlag 2004, S. 371–405.​

Keil, Werner K.: „Die innere Notwendigkeit. Gedanken zu Musik, Malerei und Bühne bei Schönberg, Kandinsky und anderen“. In: Reifenscheid, Beate (Hrsg.): Die innere Notwendigkeit. Gedanken zu Musik, Malerei und Bühne bei Schönberg, Kandinsky und anderen. Bielefeld: Kerber Verlag 2000, S. 23–42.​

Steiert, Thomas: Das Kunstwerk in seinem Verhältnis zu den Künsten. Beziehung zwischen Musik und Malerei. Frankfurt am Main: Peter Lang GmbH, Europäischer Verlag der Wissenschaften 1995, S. 100–109.​


Anmerkung: Das war ein Referat vom 27. Juli 2026 (bisserl nachredigiert). Ich hatte zwei Tage zuvor „voll die Eingebung“. Mitten in der Nacht im Bett. War so geflasht davon. Allerdings fand niemand meine Idee so knorke, wie ich selbst hahaha. Wie immer halt. Aber zum Glück geht es mir hierbei egoistischerweise ausschließlich um mich und meine eigenen Erkenntnisse. Daher würde ich euch, meine aller liebsten Lieblingsleser, zu einer Diskussionsrunde in den Kommentaren einladen. Wenn ihr euch traut.

Und liebe Frau Prof. Dr. Gottdang, es ging unter, wie genial ihr Text ist, bitte verklagen Sie mich nicht für meine anmaßende Einordnung. Es ist lediglich ein leihenhafter Gedankenspaziergang einer Person, die Ihre umfassende Arbeit bewundert.

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Die Neue Fledermaus: Ein Salon der Avantgarde

Schon beim Betreten der Neuen Fledermaus fällt der Blick auf die königlichen Stühle und Sessel. An einer Wand hängt eine menschengroße Installation aus Zeitung und Pappmaché; darüber ein Projektor, daneben eine kleine Lampe an der Decke. Darunter der alte, massive Holztisch, an dem Rahsan Dogan aus ihrem Buch vorliest.

Es ist der spannungssteigernde Kontrast zwischen dem hellen Raum, in dem der Abend anbricht und Ondine Dietz in ihren schwarzen Gewändern. Hier wirkt sie anders als in unserer gewohnten Umgebung. Aber nicht minder Diva. Sie hat dieses Leuchten in den Augen, das ich von meinem Vater kenne, wenn er gerade über das Schwarze Meer segelt. Ondine ist der Puls und der Takt des Hauses: Aufmerksam, redegewandt, unterhaltend. Ich fühle mich wie in ein Portal gefallen, das mich in die Tiefe des menschlichen kreativen Geistes zieht. Jedes verwinkelte Zimmer, das weiter in das alte Haus führt, führt auch tiefer in Ondines Welt hinein. Irgendwie eine Art Wohnzimmer, mehr aber ein geheimer Salon.

Draußen bleiben Passanten vor einem Schaufenster mit geheimnisvollen Objekten stehen, das ich erst tief in der Nacht, nach dem Verlassen der Neuen Fledermaus, betrachtete. Als ich ging, hatte ich das Gefühl, einen neuen Einblick in Ondines Wesen gewonnen zu haben. Einen Überblick darüber, wie tief das eigentlich geht. Wofür sie lebt  wofür sie steht. Das hat sie mir bei unserem Interview in ihrer Küche erzählt…

Ondine Dietz in der Neuen Fledermaus in Karlsruhe
Das ist sie, die Frau der Stunde: Ondine Dietz in der Neuen Fledermaus. Foto-Credit: Christian Ulrich

Die Neue Fledermaus in Karlsruhe: Interview mit Ondine Dietz

avecMadlen: Erinnerst du dich an den Moment, in dem du beschlossen hast: „Ich mache das jetzt wirklich“? 

Ondine Dietz: Ich saß in deinem Stuhl. Sie deutet darauf. Und ich hatte eine Vision: einen Bogen zu spannen – von der historischen Karlsruher Avantgarde, über die leider viel zu wenig bekannt ist, bis hin zur heutigen, die durch ihre vielen Off Spaces so etwas wie eine geheime Kunstszene birgt.
„Die Neue Fledermaus“ – im Ohr klang der Name des berühmten Wiener Avantgarde Cabarets – sollte ein Ort der Recherche mittels Kunst werden; aber unbedingt auch ein produktives Museum der Avantgarde, das sich permanent selbst reflektiert. Es wurde eine Bühne, auf der jeden Abend die Show: „Kunst, Stadt, Mensch und Zeit“ aufgeführt wird.

SOLO-DARITÄT0721 - Folge 5: Ondine Dietz

Die Geschichte des Hauses und der Vision

Der Projektraum „Die Neue Fledermaus“ hat sich seit seinem Entstehen 2015 zur Aufgabe gemacht, Künstler*innen aus Karlsruhe und anderen Regionen sowie international tätigen Künstler*innen aller Disziplinen eine Plattform zu bieten; sie einzuladen, ein Stück (Karlsruher) Stadtgeschichte und somit auch Kulturgeschichte zu beschreiten. Vergangenheit und Zukunft, Mythos und Innovation/Intervention werden in den Veranstaltungen der „Neuen Fledermaus“ komplex und publikumsnah realisiert, in ihrer Komplexität analysiert und in ihren Verbindungen zueinander erfasst.

„Die Neue Fledermaus“ ist ein Ort der Begegnung, der Entdeckung, als Plattform eine Schnittmenge zwischen Realität und Fiktion, Kunsterschaffung und Urbanität. Sie lädt Künstler*innen und Publikum zum Mitgestalten von Kunst-Zeit und Kunst-Räumen in der Stadt und zum Dialog mittels stetig wachsender und ineinader greifenden Produktionen ein.

Vermutlich waren die Räumlichkeiten der Neuen Fledermaus ursprünglich ein Möbelgeschäft, das aber bleibt unklar. Was fest steht ist, dass dann eine Kneipe „Zur Fledermaus“ betrieben wurde.

Ondine Dietz: Das Kulturbüro vermittelte damals wie heute städtisch geförderte Ateliers an Künstler. Erst bekamen wir eine Absage. Dann bekamen wie es doch, über ein Aneinanderketten von glücklichen Umständen. Sie deutet auf ein Schild mit der Aufschrift: „Hier entsteht die Neue Fledermaus.“ Dieses legten wir in das Schaufenster. Dann fingen wir an.

Jean-Michel Dejasmin war von Anfang an eine Art von Performer seiner Rolle als Concierge des Hauses, verliebt in Geschichte und ihren Mysterien, wie wir beide es immer gewesen sind – zumindest ich. Wie bastelten an einem Mythos der Urbanität, an der urbanen Präsenz der Kunst , an einem realen Projekt einer sozialen Skulptur, im wahrsten Beuys’schen1 Sinn. Es sollte die Pforte zu einer nostalgischen Begehung sein, es sollte Kunst zeigen, Kunst schaffen und gleichzeitig auch dieses phänomenale Konglomerat2, die Städte in ihrer Geschichte sind, zeigen. Die Menschen sollten sich in den „heiligen Hallen“ selbst erschaffen.

Die nächtliche Fassade der Neuen Fledermaus. Fotocredit: Maria Männig

Einen Kunstraum schaffen

avecMadlen: Was kostet dich die Neue Fledermaus emotional? 
 
Ondine Dietz: Sie ist ein sehr liebes Kind von mir, oder ich ihre „Hohepriesterin“ eines Kunst-ist-absolut-Kults. Und ich würde fast meine Seele an den Teufel verkaufen, damit sie weiter existiert. 
 
avecMadlen: Welche Eigenschaft braucht man, um einen unabhängigen Kunstraum über Jahre am Leben zu halten? 
 
Ondine Dietz: Stoizismus3, eine sehr dicke Haut und Resilienz. Fanatismus braucht man.  
 
avecMadlen: Warum interessieren dich Mythos, Stadtgeschichte und Fiktion?

Ondine Dietz: Ich komme aus Temeswar. Jean-Michel Dejasmin, der alles was Bühnenbild -Ambiente, aber auch Technik in der Fledermaus betreut, aus Marseille. Karlsruhe war unsere erste Stadt außerhalb der jeweiligen „Heimat“. Beide kamen unabhängig voneinander, aber beide der Liebe folgend her… Hier in Karlsruhe waren wir Outsider. Wir hatten ein großes Liebesverhältnis zu unseren Städten, dessen core-Gefühl wir irgendwie auch auf Karlsruhe übertrugen. Über die Neue Fledermaus haben wir die Mysterien einer neuen Stadt erkundet.

Dieses Haus ist eine Reminiszenz4 dieser Zeit der liebevollen Aneignung. Mythen sind konzentrierte und erhabene Wahrheiten, die man für die Menschen der Zukunft schafft, damit sie über diese Brücke zu uns finden und uns von unserer Einsamkeit und unserem Beschränktsein erlösen…

Ein Salon der Avantgarde im Wandel. Foto Credit: Cristian Ulrich

Karlsruher Kultur zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fiktion

avecMadlen: Welche Disziplinen finden Raum in diesem Haus? 
 
Ondine Dietz: Musik, Literatur, Kunst. Es ist ein Ort der bildenden Kunst, aber auch ein Ort interdisziplinärer Künste. Zu 70 Prozent besteht das Programm aus Lesungen. Für Künstler ist das meistens ein immenser Aufwand. Ohne Anspruch auf Honorar.

avecMadlen: Welche kulturelle Stärke wird in Karlsruhe unterschätzt? 

Ondine Dietz: Karlsruhe ist eine offene, kulturelle Stadt und hat seit 20 bis 30 Jahren eine richtige Identität als Stadt der Artist Run Spaces, nota bene: Der Artist Run Spaces professioneller Künstler, die Künstlerinnen-orientierten Kunst betreiben, die Arbeit internationaler Künstlerinnen-Netzwerken zeigen und jenseits der Kunstmarkts , Kunst generieren, auch als sozialen Beitrag. 
 
avecMadlen: Welche Entwicklung macht dir aktuell Sorgen? 

Ondine Dietz: Die Karlsruher Kunstszene ist boomend eplodiert, dies Dank eines Giesskannen-Prinzips der Projektförderung seitens des Kulturbüros entstanden ist. Jetzt ist die Projektförderung stark reduziert worden. 

avecMadlen: Was fehlt unserer Gesellschaft heute am meisten? 

Ondine Dietz: Die Überwindung der Skepsis und der Trägheit, die aktive Solidarität. Altruismus5.

Meine, mittlerweile, liebste Frage zur Politik in der Kunst

avecMadlen: Muss Kunst wirklich immer politisch sein? 
 
Ondine Dietz: Kunst ist absolut und ist Freiheit. Aber eine Kunst, die nicht für das Wohl der Menschen einsteht, hat keinen Tiefgang. Das Politische liegt dabei nicht in der Rhetorik des Politischen, sondern in einer solidarischen Haltung gegenüber den Menschen. 

Bettermakers - Ondine Dietz über Rembrandt
hahaha ich liebe sie einfach. In einem Moment haut sie Terminologie raus, die weit zu hoch für mich ist, im nächsten nimmt sie sich selbst und die Welt nicht all zu ernst. Dieser lebendige Geist…

avecMadlen: Welche Begegnung in diesem Raum wirst du nie vergessen? 

Ondine Dietz: Was ich gewiss nicht vergessen werde: Den Autor Alban Nicolai Herbst (bürgerlich Alexander Michael von Ribbentrop). Er hat eine komplexe Familiengeschichte. Genauer: Er ist Großneffe von Joachim von Ribbentrop, dem Außenminister des NS-Regimes von 1938 bis 1945. Er ist ein fantastischer Autor, ein faszinierenden Mensch, ein Demokrat und Humanist und litt lange unter dieser Bürde der Herkunft.
 
Ich komme aus einer jüdischen Familie,  und sogar die Nichtjuden meiner Familie hatten durch das NS-Regime alles verloren: Identität, sowas wie Normalität  Ribbentrop war ein sehr oft genannter Name, meist wehklagend, in meiner Kindheit. Ein hässliches Tattoo auf der Seelenhaut. Ich kannte Albans Herkunft  ursprünglich nicht. Das war eine Art geschichtliche Serendipidy 6zum Guten hin, zur Heilung, zum „Exorzismus“ der Traumaheilung…  Aber auch ein gewaltiger Schock.  
 
Doch jede einzelne Künstlerin hat Spuren hier hinterlassen, die wir sakrosankt7 verehren und dokumentieren. 

avecMadlen: Was soll von deinem Projekt in den Archiven bleiben? 
 
Ondine Dietz: Dass wir ein Museum der Karlsruher historischen Künstleravantgarde aus dem Projekt entstehen lassen können. Für die Ewigkeit. Die Vergangenheit und die Gegenwart archivieren. Das ist uns wichtig. Letztlich ist das das Herzensprojekt. 
 
avecMadlen: Wenn ich dich heute Abend nicht als Gründerin interviewen würde, sondern als Mensch: Worüber würdest du eigentlich am liebsten sprechen? 
 
Ondine lacht. „Du weißt, worüber.“  


Mehr zur Neuen Fledermaus und der Karlsruher Avantgarde gibt es hier von Maria Männig.


  1. „im Beuys’schen Sinn“ oder „im Beuysschen Sinn“ bezieht sich auf den deutschen Künstler Joseph Beuys und dessen Konzept der „Sozialen Plastik“ (auch „Soziale Skulptur“). ↩︎
  2. Konglomerat: Gemisch [aus sehr Verschiedenartigem]; Zusammenballung ↩︎
  3. Stoizismus: von der Stoa ausgehende Philosophie und Geisteshaltung, die besonders durch Gelassenheit, Freiheit von Neigungen und Affekten, durch Rationalismus und Determinismus gekennzeichnet ist ↩︎
  4. Reminiszenz: Erinnerung von einer gewissen Bedeutsamkeit ↩︎
  5. Altruismus: Selbstloses, uneigennütziges Handeln zum Wohle anderer, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. ↩︎
  6. Serendipität oder Serendipity: Eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue Entdeckung erweist. Serendipität betont eine über einen Zufallsfund hinausgehende Schlussfolgerung oder Findigkeit in Form einer Bereitschaft, den Zufall zu erkennen und ihn dann zu nutzen. ↩︎
  7. sakrosankt: unantastbar. Der Duden führt hierfür als Beispiel sakrosankte Rechte und /oder Prinzipien auf. ↩︎
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Kunst

Der psychologische Blick auf Egon Schiele

EIN SELBSTBILD.

ICH BIN FÜR MICH UND DIE, DENEN
DIE DURSTIGE TRUNKSUCHT NACH
FREISEIN BEI MIR ALLES SCHENKT,
UND AUCH FÜR ALLE, WEIL ALLE
ICH AUCH LIEBE, – LIEBE.

ICH BIN VON VORNEHMSTEN
DER VORNEHMSTE
UND VON RÜCKGEBERN
DER RÜCKGEBIGSTE

ICH BIN MENSCH, ICH LIEBE
DEN TOD UND LIEBE
DAS LEBEN.

Egon Schiele (1910)

Egon Schiele (1890-1918), österreichischer Künstler. Fotografiert in seinem Atelier. Credit: IMAGO / GRANGER Historical Picture Archive

Die Forschungsfrage verändert sich

Kaum ein Künstler des frühen Expressionismus wirkt auf den ersten Blick so psychologisch lesbar wie Egon Schiele. Seine verwinkelten Körper, die düsteren, Gestalten, Grimassen und die intensiven Blicke vermitteln den Eindruck, als würde uns der Künstler seine Seele offenlegen. Es entsteht die Vorstellung eines zerrissenen, leidenden Menschen. Heute stellt sich die Forschung nicht mehr die Frage: Was verraten Schieles Bilder über seine Psyche? Sondern: Warum wirken sie überhaupt so psychologisch aufgeladen?

In den letzten Jahrzehnten hat sich der Blick auf Schiele deutlich verändert. Und zwar nach und nach.

Egon Schiele: Ein Rebell seiner Zeit

Das Bild Egon Schieles ist bis heute eng mit seiner Biografie verbunden. Er galt als Rebell, wurde wegen der Verbreitung obszöner Zeichnungen inhaftiert und entwickelte schon früh einen außergewöhnlich expressiven Zeichenstil. Über ihn wird erzählt, er habe niemals einen Radiergummi benutzt und Zeichnungen innerhalb weniger Minuten gefertigt.

In einem Brief schrieb Schiele: „Ich habe zweifellos furchtbare Bilder gemalt. Aber glauben die wirklich, dass ich es mit Absicht getan habe? Nur um das spießige Bürgertum zu erschrecken? Das war nie der Fall. Aber es gibt Gespenster, die aus einem Verlangen heraus entstehen. Und ich habe diese Gespenster gemalt. Nicht weil es mir Freude machte, sondern weil ich es musste.“

Hier geht’s zu der Online-Sammlung des Leopold Museums. Dort findet ihr eine unfassbare Vielfalt an Schiele-Werken in höchster Qualität. Da die urheberrechtlichen Fragen noch nicht geklärt sind, sehe ich bisweilen von einem Download ab.

Spuren in der Kindheit und Familie

Auch seine Kindheit scheint eine psychologische Deutung nahezulegen. Sein Vater war cholerisch und förderte zwar zunächst das zeichnerische Talent seines Sohnes, verbrannte später jedoch einen großen Teil seiner Zeichnungen, weil sie ihm übermäßig erschienen. Nachdem der Vater an Syphilis erkrankte, schien er verrückt zu werden. Er verbrannte den gesamten Aktienbesitz der Familie und starb wenig später.

Es liegt nahe, darin mögliche Ursachen für Schieles Bildwelt zu suchen. Doch erlauben uns die Einblicke in seine Bilder tatsächlich einen Blick in seine Psyche? Oder projizieren wir diesen Blick erst nachträglich hinein?

Egon Schiele (österreich. Maler des Expressionismus 1890-1918)

Egon Schieles Bilder: psychischer Selbstausdruck?

Pia Müller-Tamm setzt sich zunächst mit der Schiele-Interpretation des Kunsthistorikers Werner Hofmann auseinander. Hofmann prägte über Jahrzehnte das Bild Schieles als Künstler des psychischen Selbstausdrucks. Für ihn spiegeln die scheinbar deformierten Körper und nervösen Linien unmittelbar die seelische Verfassung des Künstlers wider.

Immer wieder werden Gegensätze hervorgehoben:

  • Entblößung und Verhüllung
  • Offenbarung und Distanz
  • Verzweiflung und Übersteigerung

Hoffmann beschreibt Schieles Körper in den Selbstbildnissen sogar als einen Leib, der „wie eine einzige Wunde“ erscheint. Der Körper werde damit zum unmittelbaren Ausdruck seelischen Leidens.

Egon Schiele, Aktselbstbildnis 1916. Bleistift, Deckfarben auf Papier. Maße: 29,5 × 45,8 cm. Credit: ALBERTINA, Wien.

Unterstützt wird diese Position durch den Philosophen Jacques LeRider. Er beschreibt Wien um 1900 als eine Kultur der Identitätskrise. Der rasante Modernisierungsprozess habe bei vielen Künstlern ein tiefes Gefühl von Verlust ausgelöst. Schiele erscheint dadurch als besonders sensibler Künstler einer krisenhaften Zeit.

Auch einzelne Werke wurden entsprechend interpretiert

Beim Selbstbildnis mit Hand an der Wange galt etwa das Herunterziehen des Augenlids lange als Symbol von Melancholie oder sogar als bewusste Umdeutung des Schmerzensmannes. Die Augen wurden als Spiegel des Inneren verstanden.

Egon Schiele: „Selbstbildnis mit Hand an der Wange“, 1910​. Gouache, Aquarell und Kohle auf Papier​, 44,3 × 30,5 cm. Credit: IMAGO / GRANGER Historical Picture Archive

Mit den 1990er Jahren kommt der Perspektivwechsel. Pia Müller-Tamm macht deutlich, dass Schieles Selbstporträts nicht mehr als spontane Bekenntnisse gelesen werden können. Vielmehr entstehen sie in einem Spannungsfeld zwischen Selbstentfremdung und bewusster Selbstinszenierung.

Seine Bilder seien keine unmittelbaren Einblicke in seine Persönlichkeit, sondern sorgfältig gestaltete Konstruktionen. Auch seinen schriftlichen Äußerungen begegnet die Forschung nun mit größerer Vorsicht. Sie gelten nicht mehr automatisch als Schlüssel zum Verständnis seiner Kunst. Stattdessen zeigt sich, dass Schiele zahlreiche Bildtraditionen übernimmt und neu kombiniert.

Er greife kunsthistorische Bildformeln ebenso auf wie Fotografien psychisch Kranker oder zeitgenössische pornografische Fotografien. Hinzu kommt ein weiteres Detail: Während seiner Jugend wohnte Schiele im Haus der Familie Holzknecht. Der Sohn der Gastfamilie war Mediziner und beschäftigte sich intensiv mit der damals neuen Radiologie. Schiele zeigte großes Interesse an diesen anatomischen Bildern – Bildern, die damals fast ausschließlich Ärzten und Wissenschaftlern zugänglich waren.

Egon Schiele: geschlechtergeschichtliche Perspektive

Katharina Sykora erweitert diese Gedanken um eine geschlechtergeschichtliche Perspektive. Um 1900 herrschte eine äußerst strenge Trennung zwischen männlichen und weiblichen Rollenbildern. Schiele soll diese Grenze bewusst überschritten haben. Mit seinen Akt-Selbstbildnissen macht er erstmals den männlichen Körper selbst zum Objekt des begehrenden Blickes. Darstellungen, die zuvor fast ausschließlich Frauen – insbesondere Prostituierten in pornografischen Fotografien – vorbehalten waren, überträgt er auf sich selbst.

Der Spiegel dient dabei nicht lediglich der Selbstbeobachtung. Sykora beschreibt ihn vielmehr als eine Art Pornokamera, in der sich Schiele den traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit verweigert. Seine Figuren schwanken häufig zwischen männlichen und weiblichen Merkmalen. Besonders deutlich wird dies etwa im Aktselbstbildnis grimassierend von 1910. Dieses Bild kann so gelesen werden, als hätte sich Schiele mit weiblichen Genitalien dargestellt.

Egon Schiele: Grimassierendes Aktselbstbildnis, 1910​

Bleistift, Kohle, Pinsel, ​

Deckfarben mit proteinhaltigen Bindemitteln, ​

Deckweiß auf Packpapier​
55,8 × 36,7 cm​
Egon Schiele: Grimassierendes Aktselbstbildnis, 1910​. Bleistift, Kohle, Pinsel, ​Deckfarben mit proteinhaltigen Bindemitteln, Deckweiß auf Packpapier​. 55,8 × 36,7 cm​. Credit: ALBERTINA, Wien

Ein kurzer Exkurs

Hier ein Beispiel erotischer Fotografie um 1900, das ebenfalls weit über die damaligen Konventionen hinausgeht. Es scheint fast so, als ob das Bedürfnis nach Tabubrüchen nicht nur Schiele, sondern auch andere Künstler und Fotografen dieser Zeit erfasst.

Weitere Einblicke in diese Entwicklung könnte die derzeitige Ausstellung The First Homosexuals – Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939 im Kunstmuseum Basel liefern, die ich selbst allerdings noch nicht besucht habe. Läuft noch bis 2. August 2026.

Je neuer die Forschung, desto adäquater die Psychoanalyse

Eine Aussage aus dem Ausstellungskatalog „Wien 1900″ aus dem Jahr 2011 greift Schieles Grimassenbilder auf. Dort heißt es ausdrücklich, solche Selbstbildnisse würden „keineswegs Auskunft über das Psychogramm des Künstlers [geben], sondern sind vielmehr als theatralische Inszenierungen zu verstehen.“

Damit wird der gesamte psychologisierende Zugang grundsätzlich infrage gestellt.

Egon Schiele: Ein weiterer Widerspruch zwischen Persönlichkeit und Bildsprache

Schieles Werke kreisen zwar ständig um Themen wie Melancholie, Einsamkeit, Leiden und Tod. Zeitzeugen beschreiben ihn jedoch als lebensfrohen Menschen mit vielen Freunden. Ähnlich wie Kafka.

Vielleicht liegt die größte psychologische Leistung Egon Schieles also gar nicht darin, seine Seele gezeigt zu haben – sondern darin, uns bis heute glauben zu lassen, wir könnten sie sehen. Ob die Nachwelt wohl jemals seine geheimnisvollen Gebärden deuten können wird? Wohl kaum.


Quellen:

Müller-Tamm, Pia: Sehen zeigen – sehen lassen. Blickinszenierung und Betrachteransprache in Schieles figürlichen Darstellungen. In: Müller-Tamm, Pia (Hrsg.): Egon Schiele. Inszenierung und Identität. Köln 1995, S. 16–43.​

Samola, Franz: Egon Schiele: Symbolistische Todesnähe und expressionistische Gebärde. In: Steffen, Barbara (Hrsg.): Wien 1900. Klimt, Schiele und ihre Zeit. Ein Gesamtkunstwerk. Riehen/Basel 2010, S. 91–95.​

Sykora, Katharina: Performative Selbstinszenierung und Geschlechterirritation bei Egon Schiele. In: Müller-Tamm, Pia (Hrsg.): Egon Schiele. Inszenierung und Identität. Köln 1995, S. 44–65.​

Egon Schiele (österreichischer Maler des Expressionismus 1890–1918). Dokumentarfilm. Regie: Herbert Eisenschenk. Österreich 2018. Erstausstrahlung: ARTE, 21.10.2018. Online verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=n7OZysP3v8I (Zugriff: 14.07.2026).​ (Weiter oben eingebettet).

Schiele, Egon: Ein Selbstbild (Gedicht, 1910). In: Egon Schiele Datenbank der Autografen. Online verfügbar unter: egonschiele.at (Zugriff: 15.07.2026).

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Kunst

War Wassily Kandinsky wirklich Synästhetiker?

Die allermeisten Quellen zu Wassily Wassilivitsch Kandinsky, die uns in der Kunstgeschichte begegnen werden, beteuern, er sei Synästhetiker gewesen. Nicht Prof. Dr. Andrea Gottdang. In ihrem Buch Vorbild Musik: Die Geschichte einer Idee in der Malerei im deutschsprachigen Raum rollt sie diese Behauptung wieder auf und fechtet sie an. Sie zeigt, dass ebensowenig Anhaltspunkte vorliegen, um dem Künstler eine Synästhesie zuzuschreiben als auch abzuschreiben. Letztlich stellt sie, wenn auch nur subtil, die Frage, ob dies denn überhaupt eine außerordentliche Rolle für sein Lebenswerk spielen würde. Wenn ihr mich fragt: nö.

Porträt von Wassiky Kandinsky. Der Künstler sitzt am Tisch und schaut in die Kamera
Wassily Kandinsky 1912/13. Copyright: IMAGO / Bridgeman Images

Wassily Kandinsky: Wie wirkt Farbe auf den Menschen?

Ein zentrales Anliegen Wassily Kandinskys war die Frage, wie Farbe auf den Menschen wirkt. Dabei unterschied er zwischen einer rein physischen und einer psychischen Wirkung der Farbe.

Während die physische Wirkung das unmittelbare Sehen samt körperlicher Reaktion darauf betrifft, richtet sich die psychische Wirkung an die Seele des Betrachters. In Über das Geistige in der Kunst formuliert Kandinsky, dass „jede Farbe die Erinnerung an ein anderes, physisches Agens weckt, das ähnliche seelische Vibrationen verursachte wie die Farbe selbst“. Für ihn beschränkte sich Farbwahrnehmung daher nicht allein auf das Sehen. Vielmehr seien alle Sinne beteiligt: Farben könnten als glatt oder rau, samtig, weich oder hart empfunden werden. Auch das weit verbreitete Empfinden warmer und kalter Farben stammte daher.

Kandinsky versuchte, diese Überlegungen durch zahlreiche Beispiele zu untermauern. Gleichzeitig hoffte er, dass eines Tages allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten der Farbwirkung wissenschaftlich nachgewiesen und systematisiert werden könnten. Ihm war jedoch bewusst, dass jede Farbempfindung immer auch vom individuellen Menschen abhängt. Eine wissenschaftlich fundierte Farbtheorie müsse deshalb gerade auch die Sonder- und Ausnahmefälle erklären können.

Farben und ihre Wirkung

Die Bedeutung der Farben changierte bei Kandinsky im Verlauf der Schaffensjahre. So beschrieb er zunächst die Wirkung der Farben.

Rot wirkte auf ihn lebendig bis unruhig

blau: himmlisch und trat auch als die Farbe des Geistigen auf.

gelb: Aktivität und Helligkeit

grün: Passivität und Selbstzufriedenheit

Später ging er sogar so weit, einzelnen Farben bestimmte Musikinstrumente zuzuordnen. Das Cello etwa klang für ihn blau und die Flöte gelb.

Improvisation 10, 1910

Einflüsse auf Kandinskys Frabtheorien

Bei seiner Suche nach Erklärungsmodellen beschäftigte sich Kandinsky nachweislich unter anderem mit dem theosophischen Gedankengut. Dass er entsprechende Schriften kannte, gilt als gesichert. Weniger eindeutig ist jedoch die Frage, ob diese Vorstellungen seine künstlerische Praxis tatsächlich beeinflussten. Auffällig ist jedenfalls, dass er sich teilweise vom naturwissenschaftlich Erklärbaren ab- und spekulativeren Konzepten zuwandte. Dazu zählt etwa die Chromotherapie, die davon ausgeht, Krankheiten durch die gezielte Anwendung bestimmter Farben heilen zu können. Gleichzeitig scheint Kandinsky durchaus bewusst gewesen zu sein, dass sich seine Überlegungen nicht an jedermann richteten, sondern vielmehr an besonders sensible Menschen.

In diesem Zusammenhang spielen die sogenannten Gedankenformen von Annie Besant und Charles W. Leadbeater eine wichtige Rolle. Diese sollten veranschaulichen, dass Gedanken und Gefühle nicht unsichtbar bleiben, sondern eine eigene Form annehmen können. Ähnlich wie die theosophische Aura seien Gedankenformen nur für besonders sensible Menschen wahrnehmbar. Während die Aura jedoch ein Individuum wie eine Wolke umhüllt, seien Gedankenformen weder persönlicher Natur noch an eine bestimmte Person gebunden, sondern bewegten sich frei im Raum.

Jetzt wird’s esoterisch: Die drei Klassen von Gedankenformen

Besant und Leadbeater unterscheiden drei Klassen von Gedankenformen. Die erste Klasse nimmt die Gestalt des denkenden Menschen an, etwa wenn dieser sich gedanklich an einen anderen Ort versetzt, wo seine Gedankenform von Hellsehern bemerkt werden kann. Die zweite Klasse bildet konkrete Vorstellungen nach, beispielsweise Personen oder Landschaften. Erst die dritte Klasse kann in eigenständige, abstrakte Formen übersetzt werden. Sie bringt Gefühle wie Liebe, Andacht oder Zorn sowie Gemütsbewegungen bei außergewöhnlichen Ereignissen wie einem Schiffbruch oder einer Theaterpremiere zum Ausdruck. Gerade diese dritte Klasse gilt als bildlich darstellbar, da die beiden ersten Klassen lediglich wie gewöhnliche Porträts oder Landschaften erscheinen würden. Lassen wir einfach mal so stehen.

Besant übertrug dieses Modell sogar auf die Musik. Nach ihrer Auffassung besitzt jedes Musikstück eine eigene Gedankenform. Wie diese im Einzelnen ausgesehen haben soll, lässt sich heute allerdings kaum noch nachvollziehen.

Musik in der Kunst von Wassily Kandinsky

Dass Musik für Kandinsky eine zentrale Rolle spielte, zeigt sich auch unabhängig von der Theosophie. Er stand im Austausch mit Arnold Schönberg, einem Musiker, und lebte in einer Zeit, in der die Vorstellung einer „musikalischen Malerei“ sich immer weiter verbreitete.

Die Namensgebungen vieler seiner abstrakten Werke, also Improvisationen und Kompositionen sind auf die Verbindung von Malerei und Musik zurückzuführen. Werke wie Improvisation 2 (1909), gehen sogar noch konkreter auf einzelne Musikwerke ein, in diesem bestimmten Fall etwa Chopins Trauermarsch.

Studie zu Improvisation Nr. 2 (Trauer-marsch), 1909. Quelle: Lenbachhaus München

Das ist de Anhaltspunkt für Kandinskys angebliche Synästhesie

Um nun auf den Anfang zurückzukommen: Immer wieder wird in diesem Zusammenhang behauptet, Kandinsky sei Synästhetiker gewesen. Tatsächlich hat er selbst dies jedoch nie von sich behauptet, obwohl er sich dieses Phänomens bewusst war. Zumal es zu seiner Zeit auch en Vogue war, solche Phänomene bei sich selbst zu beobachten.

Die Annahme des Farbenhörens bei Kandinsky stützt sich vor allem auf seine Schilderung einer Aufführung von Wagners Lohengrin, bei der sich Farben vor sein inneres Auge geschoben hätten, wie er selbst beschrieb. Dieses Erlebnis gilt häufig als wichtigster Beleg für eine synästhetische Wahrnehmung. Wo Andrea Gottdang Gott sei dang höhö wiederum den Finger reinlegt und sagt: nein. Das ist viel zu, achtung, abstrakt. Ne, hat sie natürlich nicht so gesagt, aber auch gezeigt, dass es nicht als das Schlüsselereignis angesehen werden kann, warum Kandinsky erstens in die Kunst ging, obwohl er eigentlich Anwalt war, und zweitens später dann abstrakte Kunst machte und somit eine völlig neue Art schuf, Kunst zu machen, die, wenn wir uns den heutigen Kunstmarkt ansehen, dominierend auftritt.

Wassily Kandinsky - Die Welt hinter den Dingen (russischer Maler, abstrakte Kunst, 1866-1944)
Tolle Reportage! Aber auch hier wird Kandinskys Synästhesie als unanfechtbares Faktum aufgeführt.

Unbefriedigendes Fazit: War Wassily Kandinsky nun Synästhetiker?

Um es auf den Punkt zu bringen: Ob Kandinsky tatsächlich Synästhetiker war, sollte durchaus kritisch betrachtet werden. Und das ist der wahrscheinlich wichtigste Impuls, den Gottdang ihrem Leser mitgibt: nicht einfach das hinzunehmen, was jahrzehntelang von Quelle zu Quelle abgeschrieben wird. Denn viele dieser Ansätze scheitern an ihrer fehlenden Objektivierbarkeit. Das bloße Verwenden farbmusikalischer Metaphern reicht dafür nicht aus, um Kandinsky nachträglich irgend eine Art von Diagnose zuzuschreiben. Ebenso seriös wäre es, mit unseren heutigen Kenntnissen von der sehr ungenauen Wissenschaft Psychologie, Kandinksy nachträglich ins autistische Spektrum einzuordnen, wenn es auch darauf den einen oder anderen Hinweis gibt.

Und gerade diese kritische Einordnung macht deutlich, dass zwischen Kandinskys theoretischen Überlegungen, möglichen theosophischen Einflüssen und seiner tatsächlichen Malerei sorgfältig unterschieden werden muss. Zumal auch die große Vielfalt an Einflüssen auf Kandinskys Kunst beachtet werden sollte. Lebensumstände, wie etwa mehrere Fluchten wegen politischer Umstände in Russland und Deutschland, Kandinskys grenzenlose Offenheit gegenüber interdisziplinären avantgardistischen Strömungen, seine Spiritualität, sowohl im esoterischen als auch religiösem Sinne, natürlich die Musik, Kunst und Philosophie all das sind unter anderem Bausteine, die Kandinskys Geist befeuerten, sodass er seine Kunst schuf. Und: er war ständig auf der Suche nach diesen Eindrücken.

Heiliger Wladimir​ (1911)
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Kunst

Joerg Eyfferth: Ein Realist der Extraklasse

Faszination Glas und Metall: In der Galerie Supper in Baden-Baden wird derzeit ein außergewöhnlicher Künstler des Realismus ausgestellt: Joerg Eyfferth. Bis zum 12. Juli 2026 könnt ihr dort seine Werke sehen. Bis zum 12. September ist dies nur noch nach Terminvereinbarung möglich.

Was steckt hinter seinen Gemälden? Bei seiner Vernissage verriet er es mir.

So entwicktelte sich Joerg Eyfferths Kunst

Kaum ein anderer Künstler kann Glas und Metall so lebendig und hyperrealistisch wiedergeben wie Eyfferth. Alles begann mit einer Schale. Im Kurzfilm unten zeigt er sie sogar. Zunächst wollte er ihre Oberfläche erkunden. Später kamen Transparenz und Farbigkeit hinzu. Einen festen Plan habe es dabei nie gegeben, sagt er. Seine Ideen entstehen nicht nach Konzept. „Ich sehe etwas, bin begeistert und muss es machen.“ Entscheidend sei, dass ihn ein Motiv wirklich packe. Er müsse dafür brennen, „richtig Bock drauf haben“. Erst wenn es ihm „in den Fingern juckt“, beginnt der Schaffensprozess.

Mit der Zeit richtet sich sein Blick immer stärker auf winzige Details. In Metallschalen entdeckt er Spiegelungen, die er hin und wieder ins Sujet einbaut. Äpfel und Kirschen betrachtet er so genau, dass ihm selbst die feinsten Sprenkel unter ihrer Oberfläche auffallen. Diese Beobachtungen werden zu einem sehr wichtigen Punkt seiner Arbeiten.

Joerg Eyfferth 2009
Ein Film mit und über Joerg Eyfferth aus dem Jahr 2009, der sehr gut das Wesen und die Arbeitsweise wiedergibt.

Kunst und Politik

Was mich immer wieder interessiert, ist, was Künstler über die Aussage meines Professors der Kunstgeschichte „Jede Kunst ist politisch, auch wenn sie unpolitisch ist“ denken. Es beschäftigt mich, weil ich einerseits weiß, dass der Mann wohl gute Gründe hat, um so etwas zu äußern, andererseits bin ich als Journalistin sehr vorsichtig mit solch absolutistischen Feststellungen, die zudem auch der Politik eine Macht zuschreiben, die sie gar nicht haben sollte.

Joerg Eyfferths Position finde ich dabei sehr kraftvoll: „Politische Kunst ist eine individuelle Lebenseinstellung. Die Kunst muss nicht politisch sein. Die Kunst muss gar nichts“, sagt er mir. Eine Botschaft wolle er nicht transportieren. „Politik hat keinen Platz in meiner Kunst.“

Das innere Bedürfnis

Malen ist für Eyfferth ohnehin keine Frage der Umstände. „Ich würde auch auf einer einsamen Insel malen“, sagt er; er muss das einfach machen, anders geht es gar nicht. Während des Malens denke er an nichts. Vielmehr stehe der Prozess selbst im Mittelpunkt. Darüber hinaus tragen die heutigen Bilder bewusst keine Titel. Sie sind durchnummeriert, was einen Interpretationsraum durchaus klein hält.

Mit dieser Technik arbeitet Joerg Eyfferth

Ölfarben waren nicht von Anfang an sein Medium. Im Laufe der Zeit experimentierte Jörg Eyfferth mit Beschleunigern und Verzögerern, mittlerweile arbeitet er am liebsten mit Leinöl. Seine Bilder entstehen in mehreren Schichten – etwa sieben sind es, die er in feinen Lasuren übereinanderlegt.

Auch die Rahmung gehört für ihn zum Werk. Zwischen Bild und Rahmen bleibt immer ein schmaler Spalt. Wichtig sei ihm, dass das Werk von der Wand getrennt ist und zugleich für sich selbst steht. Die Rahmen sind schlicht und elegant, meistens grau. Mittlerweile macht Eyfferth sie selbst.

Werke und Motive

Auf mehreren Gemälden sind Flaschenhälse zu sehen. Die hat der Künstler wie Porträts aufgebaut: Kopf, Hals, Körper. So wirken die Glasflaschen beinahe personifiziert. Aber das wäre wieder zu interpretativ formuliert. Vielmehr ist es wahrscheinlich wieder der Respekt des Künstlers dem Material Glas gegenüber. Stillleben mit Gläsern und Tüchern hatte er in einer Schaffensphase auch vermehrt gemalt, doch hatte sich irgendwann an ihnen sattgesehen.

Für eines der Bilder, das derzeit in der Galerie Supper ausgestellt wird, hat Joerg Eyfferth 28 Jahre gebraucht. „Es kam immer wieder was dazwischen. Das eine Bild, das andere“, erklärt er mir schmunzelnd. Er arbeitet immer parallel an mehreren Bildern.

Künstlerische Entwicklung und Vita

Sein Talent entdeckt er früh. „Ich war schon immer der in der Schule, der zur Tafel geholt wurde, wenn etwas gemalt werden musste“, erinnert er sich. Er hielt an seiner Gabe fest, arbeitete im jugendlichen Alter viel mit Pop-Art. Die erste Ausstellungsbeteiligung folgte mit 17 Jahren. Später war er mehrere Jahre vorübergehend in der Musik unterwegs, lebte sozusagen einen Rock’N’Roll Lifestyle, wie es sich gehört. Hier findet ihr konkrete Eckdaten zu Vita, Engagement und Preisen.

Das sagt Galerist Dirk Supper

„Die Schau in der Galerie entstand relativ kurzfristig. Wir sahen die Ausstellung ‚Wettstreit mit der Wirklichkeit 60 Jahre Fotorealismus‚ und dachten uns, dass unbedingt auch ein deutscher Realist in Baden-Baden repräsentiert werden muss.“


Weitere Infos zum Künstler findet ihr hier.

Zur Website der Galerie Supper geht’s hier.

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Kunst

Hans Baldung in der Kunsthalle Baden-Baden

In der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden läuft derzeit die Sonderausstellung „Bloom up! Die Sprache der Blumen“. Wie der Name bereits verrät, steht dort alles im Sinne der Blumen. Ich habe sie mir genauer angesehen. Lohnt sich der Besuch? Ich finde: ja.

Hans Baldung Grien in Baden-Baden

Dort gibt es mehrere Highlights: etwa eine Duftschau im gleichen Raum, in dem Hans Baldung ausgestellt wird. Hans Baldung, Leute. In Baden-Baden. Ein Traum wird für mich wahr! Ausgestellt wird kein einfaches Werk, sondern eine Glasmalerei.

Das sogenannte Dorothea-Fenster entstand 1513 für den Kreuzgang des neu erbauten Kartäuserklosters am Johannisberg in Freiburg. Es gehört zu einer Serie monumentaler Glasmalereien, die für ihre Entstehungszeit ungewöhnlich großformatig waren und nahezu lebensgroße Figuren zeigen. Entworfen wurde das Fenster von Hans Baldung Grien (1484/1485–1545), der dabei mit dem Glasmaler Hans Gitschmann zusammenarbeitete und möglicherweise auch selbst an der Ausführung beteiligt war. Dargestellt ist neben der Heiligen Dorothea auch der Stifter Franz Wolfgang Graf von Zollern mit seinem Wappen.

Die Legende der heiligen Dorothea

Die Darstellung greift eine christliche Heiligenlegende auf. Während der Christenverfolgung im Römischen Reich weigerte sich Dorothea, einen heidnischen Mann zu heiraten, da sie ihr Leben bereits Christus geweiht hatte. Sie wurde deshalb zum Tode verurteilt. Auf dem Weg zur Hinrichtung verspottete sie ihr Ankläger und forderte sie auf, ihm Früchte aus dem Garten ihres himmlischen Bräutigams zu schicken. Der Legende nach erschien daraufhin durch göttliches Eingreifen ein Knabe mit einem Blumenkranz und einem Korb voller Blüten, aus denen ein himmlischer Duft strömte. Das Wunder bewegte den Ankläger zur Bekehrung zum Christentum, worauf auch er hingerichtet wurde.

Diese Erzählung bildet den Ausgangspunkt für die Geruchsinstallation der norwegischen Künstlerin Sissel Tolaas. Sie gilt als Spezialistin für Gerüche, sammelt Duftmoleküle und verfügt über ein Archiv von rund 10.000 Gerüchen, die sie synthetisch reproduziert und zu neuen Kompositionen verbindet. Für die Ausstellung setzte sie sich mit der Dorothea-Legende sowie mit der Geschichte und den Herkunftsorten der historischen Glasfenster auseinander. Inspiriert vom wundersamen Blumenduft der Legende entwickelte sie eine Duftinstallation, die die jahrhundertealte Erzählung auf sinnliche Weise erfahrbar macht.

Aus diesen Boxen kamen die Duftmoleküle raus, wahrscheinlich mithilfe einer Zeitschaltuhr. Sehr spezifisch und cool, bin aber sowieso der größte Fan von Duftausstellungen.

Kunsthalle Baden-Baden: Ein Film über Blumen

Zudem gibt es noch einen Raum mit Videokunst von Jonas Mekas. Requiem heißt der Film und ist aus dem Jahr 2019. Eine 84 Minuten lange Videoaufnahme, die stellenweise etwas amateurhaft wirkt. Der Künstler nimmt Blumen auf während die Kameraführung teils verwackelt, teils dynamisch ist. Wie ich unschwer heraushören konnte, HASSTEN es zwei ältere Menschen, die neben mir im Raum saßen. Ich fands geil. Es erinnerte mich sofort an meine eigenen Blumenvideos auf TikTok und YouTube.

Das steht auf dem Ausstellungsschildchen zum Film: Über mehr als 30 Jahre hinweg filmte Jonas Mekas immer wieder Blumen und blühende Bäume in Städten und auf Wiesen mit seiner Sony-Videokamera oder einer Nikon-Kompaktkamera. Pflanzen und Blüten tauchen in seinen tagebuchartig erzählenden Filmen bestehend aus Alltagsszenen mit Freunden und Familie wiederholt auf. Im Film Requiem, seiner letzten Arbeit, überwiegen die Bilder der Blumen. Giuseppe Verdis Requiem ist eine Vertonung der Totenmesse, komponiert anlässlich des Todes des italienischen Dichters Alessandro Manzoni. An einigen Stellen lässt Mekas Verdis Musik mit Umgebungsgeräuschen seiner Filmaufnahmen überlagern.

So wirkte Jonas Mekas‘ Werk auf mich

Was mir sonst noch auffiel: Der Künstler baute im weiteren Verlauf des Videos Sequenzen von leidenden Menschen ein. Elend, Armut, Hunger und Krieg zeigten die Bilder. Das Ganze dramatisch von dieser Opernmusik begleitet, die eine sehr absichtsvolle Wechselwirkung mit der Kameraführung hat, wie ich finde. Mir zeigte der Film, wie die Schönheit der Blumen mit den hässlichen Taten des Menschen koexistiert. Auf ein und demselben Planeten. Und wie unabhängig vom Weltgeschehen Blumen gedeihen. Sein Video zeig ich euch an dieser Stelle nicht, dass müsst ihr euch schon selbst anschauen.

Ich war ganz aufgewühlt danach. Zudem erkannte ich, dass meine Blumenvideos erstens ausgebaut werden können und zweitens, dass die Zusammenstellung solcher Videos gewissermaßen ebenfalls einen künstlerischen Prozess durchläuft. Dadurch, dass ich sowas in der Art selbst mache, konnte ich die Vision des Künstlers deutlich spüren. Und ich habe mich natürlich auch gleich zu einem neuen Video inspiriert gefühlt:

#flowers #blumen #nature #positivevibes #summer #bloom

Und das ist etwas, was mir immer wieder begegnet: Wenn man Kunst macht, egal, ob man es gut kann oder nicht – völlig egal –, kann man viele Prozesse viel besser verstehen und sieht auch in der Kunst großer Schaffender mehr, als viele andere. Man versteht sie aus einer ganz neuen Perspektive oder entwickelt neue Gedanken.

Im gleichen Raum wie der Film hing eine florentinische Pietra Dura mit Verkündigungsbildern. Dadurch empfand ich die Ausstellung als sehr breit aufgestellt, quer durch die Epochen und Disziplinen der Kunst. Und alles hat mit Blumen zu tun. Obwohl die Ausstellungsräume der Kunsthalle doch sehr klein sind und eigentlich binnen fünf Minuten durchgesehen werden können.

Giovanni Battista Foggini, Einlegearbeit aus verschiedenen Halbedelsteinen in einem vergoldeten Holzrahmen, Florenz, 1720.

Fazit zur Ausstellung „Bloom up! Die Sprache der Blumen“

Die Schau hat mich sehr beschäftigt und mir auch ästhetisch zugesprochen. Ich bin glücklich darüber, dass dank des Umbaus im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe auch mehr Bewegung in die Baden-Badener Kunstszene kommt. Würde auch ein zweites Mal hingehen.

Die Ausstellung „Bloom up! Die Sprache der Blumen“ in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden läuft bis zum 10. Januar 2027.


Quelle: Historische Fakten den Ausstellungsschildern entnommen.

Hier gehts zu den Ticketpreisen der Kunsthalle Baden-Baden

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Kunst

Bianca Censori in Vanessa Beecrofts Highend-Peepshow

Ein Werk auf der Basel Art 2026, das mich auch Tage nach Messeschluss nicht loslässt. Die Installation trägt gleichzeitig keinen Titel und dennoch einen. Auf dem Ausstellungsschild stand: Untitled (Izanami). Das Werk stammt von der italienisch-amerikanischen Performancekünstlerin Vanessa Beecroft. Im Zentrum steht ein Film, in dem Bianca Censori die japanische Unterweltgöttin Izanami verkörpert. Die Arbeit wurde im Bereich der Unlimited-Halle präsentiert. Um sie zu sehen, stand ich etwa 25 Minuten Schlange. Hat es sich gelohnt? Ich nehme es vorweg: ja.

Werkbeschreibung Untitled (Izanami) von Vanessa Beecroft

Ich kam mitten im Film in den dunklen Raum. Das erste, was ich sah, war Bianca Censori auf dem Boden liegend. Ihr Po streckte sich dem Betrachter entgegen und war in hellblaues, wie Nylon wirkendes Material gehüllt. Im Hintergrund gingen Frauen, aneinandergereiht, von links nach rechts in kleinen Schritten. Die Gesichter waren nicht zu sehen, da in weißen Leintüchern gehüllt. Man sah nur die weißen Absatzschuhe und die zierlichen Beine. Die Szenen wechselten.

Die Architektur wirkte im gesamten Film wie ein verlassenes Hotel, vielleicht im Artdeco-Stil. Mal rekelte sich Bianca Censori auf einem der Hotelbetten, mal kroch sie langsam und auf allen Vieren durch die Gänge. Die Frauen mit asiatischem Aussehen begleiteten sie fast wie Schatten. Es gab Szenen auf dem Krankenhausbett, in denen die Protagonistin apathisch in die Leere Blickte. Dann weinte sie in die Kamera, was auf mich am stärksten wirkte, weil Bianca Censori die Emotion der Trauer meiner subjektiven Meinung nach am besten verkörperte. Ich fing irgendwann auch an zu weinen, weil es mich so durchdrang.

Künstlerin Vanessa Beecroft nimmt Bianca Censori in die Hauptrolle

Erotik zieht sich durch den gesamten Film

In den meisten Szenen war sie sehr erotisch aufgeladen. Ihre Bewegungen, ihre Kleidung, oder die vollkommene Abwesenheit dieser waren sehr wirkungsvoll. Nicht nur für den männlichen Betrachter, obwohl es vor allem die Männer im Zuschauerraum waren, die während der Nacktszenen sofort die Handykameras zückten. Das ließ die einzelnen Herren ein wenig erbärmlich wirken und ich habe Grund zur Annahme, dass dies von der Künstlerin gezielt inszeniert war.

Der gesamte Film war mit schöner japanischer Musik unterlegt, die von Szene zu Szene changierte. Meistens waren alle Frauen recht emotionslos. Dadurch wirkte die Sequenz, in der Bianca in die Kamera weint besonders markant. Ich meine, es war die einzige direkte Emotion, wie während des Films zu Stande kam. Die Wirkung entfaltete sich besonders, da der Blick direkt nach außen zum Betrachter kommunizierte.

Es wurde viel mit weißen Perücken (und mindestens einer roten) gearbeitet. Mal probierte sie die Protagonistin sie am Boden sitzend an, mal trugen alle Figuren die gleichen Haarteile. Ich starrte selbst lange apathisch in die Leere, als ich den Raum mit der Installation verließ. Mein erster Eindruck: Ein Wechselspiel zwischen Psychose und Highend-Peepshow, um es maximal plakativ auszudrücken. Zudem wirkte es auf mich recht Kanye-Coded. Doch dahinter steckt mehr.

Bianca Censori wird zum Kunstobjekt auf der Art Basel 2026. Mehr dazu auf avecMadlen.com #art #basel

Werkbeschreibung auf der Art Basel 2026

Der Google Lens KI-Modus hat sie hier für euch mal übersetzt:

Vanessa Beecroft Untitled (Izanami) 2025
Installation bestehend aus einem im Januar 2025 gedrehten Film, Ton, fünf Gipsplastiken, Krankenhausbett, Stuhl und Lampe; Filmdauer 32’32“.

„Untitled (Izanami)“ ist ein Film von Vanessa Beecroft mit Bianca Censori als Izanami und wird als Installation präsentiert, bei der ein Set aus dem Film Teil des Werks wird. Die Installation erweitert den Film in den physischen Raum mit fünf weißen Gipsplastiken – Liegender Körper, Taillenfragment, Beinfragment, Liegendes Torsofragment und Stehendes Torsofragment – neben einem Krankenhausbett, einem Stuhl und einer Lampe.

Der Film ist inspiriert von Persephones Abstieg in den Hades und neu angesiedelt in einem großen, halb verlassenen Hotel in der Nähe von Tokio. Angesiedelt in Japan und doch den griechischen Mythos aufgreifend, entfaltet sich der Film durch Ritual, Gefangenschaft und Transformation und deutet eine letzte Passage und Identifikation durch Dunkelheit an.

Vanessa Beecroft (geboren 1969 in Genua) ist eine Künstlerin, die in den Bereichen Performance, Skulptur, Fotografie, Film und Installation arbeitet, immer eingebettet in soziopolitische Kritik. Seit den 1990er Jahren stellt sie Frauen in inszenierten Tableaux Vivants und verschiedenen Medien dar. Beecroft lebt und arbeitet in Los Angeles.

Der Text ist wohl von Lia Rumma. Diese wird ebenfalls auf dem Ausstellungsschild erwähnt. So auch ihre Seite liarumma.com

Wir sehen: im Titel steht die japanische Mythologie im Vordergrund. Im weiteren Verlauf des Textes taucht aber auch die griechische auf. Eine solche Kombination ist mir persönlich noch nie untergekommen, was das Ganze durchaus komplex und spannend macht.

Izanami in der japanischen Mythologie

Izanami und Izanagi gelten als die zentralen Schöpfergottheiten der japanischen Mythologie. Der Überlieferung zufolge erschienen sie, nachdem sich Himmel und Erde aus einem ursprünglichen Chaos heraus gebildet hatten. Als göttliches Geschwisterpaar erhielten sie die Aufgabe, die noch formlose Welt zu gestalten. Von einer schwebenden Himmelsbrücke aus tauchten sie einen mit Juwelen geschmückten Speer in den Ur-Ozean. Die herabfallenden Tropfen verdichteten sich zur ersten Landmasse und markierten den Beginn der Schöpfung.

Je nach Quelle wird es unterschiedlich dargelegt, jedoch gebärt Izanami wohl missgebildete Kinder. Später bringt sie den Feuergott Kagutsuchi no Kami (oder Homusubi) zur Welt und erleidet bei der Geburt tödliche Verbrennungen. Sie kommt nach Yomi, das Land der Dunkelheit. Dort verfault ihr Körper und wird mit Maden besetzt. Als ihr Bruder sie so vorfindet, versperrt er die Welt zur Unterwelt mit einem Felsen.

Japanische Mythologie: Das Wesentliche -  Amaterasu, Susanoo, Tsukuyomi, Izanagi und Izanami
Kein Witz, das ist mit abstand das seriöseste, was ich auf YouTube zu dem Thema gefunden habe.

Persephone in der griechischen Mythologie

Persephone ist eine Göttin der Toten, der Unterwelt und der Fruchtbarkeit. Sie ist Tochter von Zeus und seiner Schwester Demeter und trägt zu Beginn ihres Lebens den Namen Kore oder Kora. Ihr eigener Vater verliebte sich in sie. In der Gestalt einer Schlange kroch er in sie und befruchtete sie. Sie gebar Zagreus, der Zeus‘ Nachfolger werden sollte.

Hades, Gott der Unterwelt und Bruder von Zeus, verliebte sich ebenfalls in Kore. Er bat Zeus um sie als Frau, doch erhielt keine Antwort. Also entführte er seine Nichte in die Unterwelt, wo sie den Namen Persephone annahm.

Demeter suchte verzweifelt nach ihrer Tochter. In ihrem Frust hinderte sie alle Pflanzen am Wachstum. Die ganze Welt drohte, am Hunger zugrunde zu gehen. Schließlich einigten sich die Götter darauf, dass Persephone nur einen Teil des Jahres in der Unterwelt weilen sollte. Wenn Kore als Persephone in der Unterwelt regiert, kommt es daher zum Winter. Und zum Sommer, wenn Kore bei ihrer Mutter lebt. Somit ist es eine allegorische Darstellung des Zyklus der Jahreszeiten.

Persephone - Liebe und Leben im Totenreich - griechische Mythen und Legenden | Animation
Same here.

Ok, was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Je mehr ich recherchiere, desto weniger verstehe ich. Was ich erkenne, sind die Parallelen zwischen den beiden Mythologien: Schöpfungsmythos, Gottheiten, Inzest, Frauen in der Unterwelt. Den Vibe der Gefangenschaft in der Unterwelt und der weiblichen Gottheiten erkenne ich in Vanessa Beecroft „Untitled (Izanami)“ klar wieder. Vielleicht ist auch Biancas Mantel in einer der Sequenzen ein Hinweis darauf, dass sie gerade von der Unterwelt (Winter) in die richtige Welt emporsteigt. Zumal sie dabei auch die Treppe nimmt (siehe Clip, der hoffentlich wegen der Nacktdarstellungen nicht gleich blockiert wird).

Was ich noch sehe, ist die Verführungsmacht der Frauen. Die mit ihrer Schönheit sogar Zeus zu inzestuösen Handlungen verleiten könnten.

Die Künstlerin sich hat sich von den Mythologien inspirieren lassen. Und sie nicht exakt wiedergegeben. Weshalb wir nach einer Konkretheit wahrscheinlich lange suchen können.

Bianca Censori und das Schönheitsideal

Anfangs dachte ich, Bianca erzählt auch ein Stück ihrer eigenen Geschichte. Ihren Schmerz vielleicht. Die Art, wie sie sich zum hoch ästhetischen Erotikobjekt formen lässt und den Prozess dabei selbst mitgestaltet.

Natürlich geht es dabei auch um das gegenwärtige Körperideal der Frau, das Bianca Censori erfüllt und wahrscheinlich auch prägt. Und alle, die sich gerade fragen, was ein Promi in der Welt der Kunst zu suchen hat ich denke, es war nie anders. Sich in der Kunst zu verewigen war das Privileg der Reichen und Schönen und ist es noch heute.

Wir erinnern uns wohl alle an diese Performance bei den Grammy Awards in Los Angeles. Quelle: IMAGO / ZUMA Press Wire

Die Künstlerin Vanessa Beecroft

Es kommt aber noch eine wichtige Komponente hinzu: Die Künstlerin selbst. Sie schafft neben der Fusion aus japanischer und griechischer Mythologie auch Motive von Identitätsverlust, Vervielfältigung und medialer Inszenierung.

Ein zentraler Punkt ihres Werks ist, dass sie die gesellschaftliche Reaktion auf den weiblichen Körper sichtbar machen will. Dabei soll sie sich weniger für die Nacktheit selbst als die Verlegenheit, Scham und Projektionen, die Nacktheit beim Publikum auslöst, interessieren. Dadurch macht sie die Reaktion des Publikums angeblich zum eigentlichen Material ihrer Kunst. Also auch das, was ich hier gerade mache ist lediglich eine Erweiterung ihres Werks, die sie wahrscheinlich vorhergesehen hat. Die nackten Frauen sind damit zwar Motiv, aber auch der Auslöser, der gesellschaftliche Mechanismen offenlegt.

Einerseits reproduzieren Beecrofts Arbeiten die Tradition des weiblichen Aktes. Andererseits legen sie wohl den voyeuristischen Blick des Publikums offen. Die Besucher werden gezwungen, sich zu fragen, warum sie hinschauen und was sie dabei empfinden. Meine Antwort darauf: Weil Bianca Censori so schön und irgendwie auch, durch gewisse Schlagzeilen wiederum, so polarisierend ist, dass ich persönlich total neugierig auf sie bin. Schon während ich in der Schlange zu Beecrofts Installation stand, war ich voyaristisch aufgeladen, zumal ich nicht mal den Kontext erahnen konnte, in dem mir Bianca gleich begegnen würde. Was ich dabei empfunden habe, als ich den Kontext dann vorgeführt bekam? Wahrscheinlich Begeisterung, aber auch Verwirrung, da ich sofort versuchte zu analysieren, es aber nicht verstand. Die Frauenkörper genoss ich visuell jedoch sehr. Die Outfits ebenfalls. Das alles entsprach meinen ästhetischen Vorstellungen und wahrscheinlich auch den ästhetischen Vorstellungen der Gesellschaft, in der wir heute leben.

Nach dieser Recherche kann ich sagen, dass der Film vielleicht gar nicht Kanye-coded ist, sondern Kanyes Kunst hin und wieder Beecroft-Coded sein könnte, da die Künstlerin wohl auch ihren Einfluss auf ihn übt. Würde ich mir „Untitled (Izanami)“ wieder reinziehen wollen? Jederzeit wieder. Habe ich den konzeptionellen Teil dieser Installation verstanden? Wohl kaum. Bitte teilt mir mir eure Eindrücke.

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Daddies & Baddies: So war der letzte Tag auf der Art Basel 2026

Sonntag, letzter Messetag. Schon die ersten Minuten auf der Art Basel 2026 sind die reinste Reizüberflutung und ich liebe alles daran. Kaum betrete ich die Halle 1, hängen dort Kandinsky, Jawlensky, Chagall und Miró. Der Tag ist damit eigentlich schon gewonnen. Das nächste, was mir auffällt: Die Messe wiederholt sich nicht. Wer die Art Basel 2024 besucht hat, sucht vergeblich nach bekannten Mustern. Die diesjährige Ausgabe wirkt völlig anders. Neuer, wilder, intensiver und damit auch sich selbst treu.

Die Farblichkeit wirkt elektrisierend auf mich. Gelb begegnet mir immer wieder auf eine Weise, die ich noch nicht kenne. Viel Rot und Kornblumenblau fallen mir ins Auge. Leuchtende Farben dominieren die Gänge. Abstrakte Arbeiten sind allgegenwärtig. Großformate ziehen die Blicke auf sich, kleinere Werke behaupten sich durch ihre Wirkung. Fotorealismus bleibt dagegen eher eine Randerscheinung. Vermisst habe ich ihn trotzdem ein wenig. Zugegeben, ich achtete nur darauf, weil ich immer noch von der aktuell laufenden Ausstellung im Frieder Burda so geflasht bin.

Art Basel 2026: Gemälde dominieren den Markt

Auf der Basel Art liegt der Schwerpunkt dieses Jahr klar auf dem Gemälde, so wie wir es noch kennen. KI spielt erstaunlich wenig Rolle, wenn ich mich nicht irre. Hab jetzt, zugegeben, nicht jedes Schild gelesen, aber so wirkte es auf mich. Viele Künstler experimentieren mit Texturen und Hängungen. Neue Materialien stehen neben alten, die neu interpretiert werden. Skulpturen sind ebenfalls stark vertreten. Besonders häufig begegnen Bronze und mutmaßlich Aluminium. Also Metall. Die Gemälde lenken die Aufmerksamkeit jedoch immer wieder auf sich, vor allem durch ihre Farblichkeit und Komplexität. Immer wieder taucht der Frauenakt als Motiv auf. Landschaften hingegen sind erfreulich selten vertreten. Zum Glück. Landschaften machen mich krank (frag nicht haha).

Politische Kunst tritt vergleichsweise zurück. Mein Professor sagt zwar, jede Kunst sei politisch. Man kann allerdings auch behaupten, alles habe mit Sex zu tun. Alles habe mit Geld zu tun. Alles habe mit Gott zu tun. Die Basel Art hat mich persönlich mit solchen Grundsatzdebatten nur wenig konfrontiert. Vielmehr konzentriert sie sich auf die Kunst selbst. Viele Werke besitzen Museumsqualität. Das überrascht allerdings kaum. Es ist schließlich die Art Basel.

Baddies & Daddies: Das hotte Publikum auf der Art Basel

Das Publikum bewegt sich zwischen Luxusmesse und Laufsteg. Viele Daddies und Baddies. Viele schöne Menschen, sexy, wohlhabend, elegant gekleidet. Ich wusste teilweise gar nicht, wo ich hinsehen sollte. Leinen ist überall zu sehen, ebenso kunstvoller Schmuck. Manche Outfits wirken gewagt, andere zeitlos. Russisch hört man an jeder Ecke.

Auffällig oft höre ich denselben Satz: „Das ist schön.“ Ich will das keinesfalls bewerten. Es ist reizend, wenn Menschen ihre Begeisterung offen zeigen. Ein bisschen einfallslos finde ich das aber schon und frage mich: ist das euer einziger Anspruch an Kunst? Oder bin ich gerade zu tief in meinem eigenen Film?

Die Basel Art 2026 war unfassbar! #baselart #kunstmesse #biancacensori #kunstblog #modernart

Weirde Scheisse habe ich diesmal vermisst

Die großen WTF-Momente fehlen. Früher war insbesondere die zweite Etage manchmal der „Darkroom“ der Art Basel. Der Ort für das Weirde, Verstörende, Unberechenbare. Diesmal suche ich danach vergeblich. Die Kunst ist experimentell, ideenreich und vielseitig. Doch sie will selten schockieren. Oder ich bin bereits abgestumpft. Zu den wenigen Ausnahmen gehört eine Installation in der Unlimited-Halle mit Bianca Censori in der Hauptrolle. Die Besucher stehen Schlange, um in den entsprechenden Raum zu gelangen. In dem Film begleitet man sie durch eine geheimnisvolle japanische Welt der Erotik.

Vanessa Beecroft, Untitled (Izanami), 2025; Featuring Bianca Censori

Eine Nebenhandlung bleibt mir besonders im Gedächtnis: Eine Mutter besucht die Installation gemeinsam mit ihrem vielleicht drei- oder vierjährigen Sohn. Ich persönlich fand das ein bisschen schwierig, das Kind mit dieser Highend-Peepshow zu konfrontieren. Das ist so das Merkwürdigste, was ich an dem Tag beobachte. Andererseits würde ich an ihrer Stelle auch nicht auf Biancas Performance verzichten wollen, weil ich ein Kind habe, wisst ihr?

Eine der schönsten Beobachtungen mache ich gleich daneben. Vor einem winzigen Mäuschen-Kunstwerk steht eine ganze Brigade von Besuchern. Die Mitarbeiterin, die das Werk beaufsichtigt, erzählt von ihren Erfahrungen. Der Künstler wolle die Menschen dazu auffordern, näher heranzutreten. Die meisten Erwachsenen bleiben jedoch auf Distanz. Kinder hingehen gehen intuitiv näher heran oder knien sich vor das Werk. Wenig später sitzen tatsächlich zwei Kinder auf den Knien vor dem Mäuschen und betrachten es neugierig aus nächster Nähe. Das war wirklich süß zu sehen, wie sie diese Kunst erleben.

Die Kunstmesse neigt sich dem Feierabend

Während die Besucher auch am letzten Tag noch voller Energie durch die Hallen ziehen, zeigt sich bei den Galeristen allmählich Erschöpfung. Manche sitzen ohne Schuhe auf dem Boden und blicken ins Leere. Andere stellen wenige Stunden vor Messeschluss bereits die Dom-Pérignon-Flasche bereit. Wieder andere rätseln darüber, wie sie die Kunstwerke von den Wänden bekommen sollen. An Abbau denkt trotzdem noch niemand ernsthaft. Die Besucher jedenfalls nicht. Gehen kommt auch um 18 Uhr für die meisten noch nicht in Frage.

Als ich die Messe verlasse, bleibt vor allem ein Eindruck zurück: herausragende Farblichkeit, grenzenloser Ideenreichtum, ein Spiegel gelebter Gegenwart. Und vielleicht noch etwas anderes: Dass die Kunstwelt nicht immer provozieren muss.

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Nicolas Poussin: Ein französischer Künstler erobert Rom

Nicolas Poussin (1594 – 1665) gilt heute als einer der bedeutendsten Vertreter des klassizistischen Barocks. Erste künstlerische Anregungen erhielt der Franzose durch Werke der Schule von Fontainebleau. In Paris lernte er den Dichter Giambattista Marino kennen, der sein Interesse an der griechischen und römischen Mythologie weckte – Themen, die sein späteres Werk prägen sollten.

Gemälde des französischen Künstlers Nicolas Poussin: Raub der Sabinerinnen
Raub der Sabinerinnen, entstanden zwischen 1637 und 1638. Quelle: Wikipedia

Nicolas Poussin sucht das Schönheitsideal in der Antike – und findet es

Wie auch viele andere Künstler seiner Zeit sah Poussin in der Kunst der Antike ein Ideal menschlicher Schönheit und Tugend. Um diese Vorbilder aus nächster Nähe studieren zu können, wollte er nach Rom. Der Weg dorthin war mühsam. Poussin stammte aus einer verarmten Familie aus der ländlichen Normandie und musste lange sparen, bevor er die Reise wagen konnte. Ein erster Versuch scheiterte am Geldmangel, erst 1624, im Alter von 30 Jahren, erreichte er die „Ewige Stadt„.

Der Anfang war schwer. Die großen Aufträge des Papstes und der römischen Adelsfamilien gingen meist an etablierte italienische Künstler wie etwa Guido Reni oder Carracci. Poussin konzentrierte sich daher auf kleinere Gemälde mit religiösen, mythologischen und historischen Themen, die bald das Interesse privater Sammler fanden.

Ohne Kontakte geht in Rom gar nichts

Entscheidend für seine Karriere waren einflussreiche Förderer. Über eine Empfehlung an den Papstneffen Francesco Barberini gelangte er in die Kreise der römischen Elite. Barberini stellte den Kontakt zum Bankier und Kunstsammler Vincenzo Giustiniani her, der Gemälde von Poussin erwarb und ihm Zugang zu seiner bedeutenden Antikensammlung gewährte. Noch wichtiger wurde Cassiano dal Pozzo, ein Gelehrter und hoher Beamter am päpstlichen Hof.

Poussin, der vermutlich eine Jesuitenschule besucht hatte und anders als viele seiner Kollegen Latein beherrschte, konnte bei dal Pozzo seine humanistische Bildung vertiefen. Dessen berühmtes „Papiermuseum“ umfasste Zeichnungen von rund 1.500 antiken Ruinen, Büsten und Medaillen. Für den jungen Künstler war diese Sammlung von unschätzbarem Wert: Durch das Kopieren verdiente er seinen Lebensunterhalt und studierte zugleich auch die Formenwelt der Antike. Zudem soll er in Rom intensiv die Werke Tizians und Raffaels untersucht haben.

Dal Pozzo entwickelte sich zu einem seiner wichtigsten Auftraggeber und erwarb im Laufe der Jahre rund 50 Gemälde.

Nicolas Poussin, der freiheitsliebende Künstler

Poussin galt als unabhängig und freiheitsliebend. Statt im Haushalt seiner wohlhabenden Mäzene zu leben, wohnte er mit Gleichgesinnten in einem Künstlerviertel Roms. Das internationale Milieu war lebhaft, aber nicht konfliktfrei. Der Biograf Giovanni Battista Passeri berichtet etwa von einer Auseinandersetzung mit bewaffneten Soldaten, bei der Poussin sich mit seiner Zeichenmappe verteidigte und nur knapp einer schweren Verletzung der rechten Hand entging. Danach kleidete er sich so, dass er nicht mehr sofort als Franzose erkannt wurde.

Poussins Rückkehr nach Paris

1640 kehrte Poussin auf Drängen König Ludwigs XIII. nach Paris zurück. Frankreich strebte nach einer führenden Rolle in Europa und nun sollte auch die Kunst diesem Status Ausdruck verleihen. Als „Maler des Königs“ war Poussin zwar privilegiert, musste jedoch Aufgaben übernehmen, die seinem Wesen widersprachen. Er entwarf Dekorationen für die Große Galerie des Louvre, plante Ausstattungen für Innenräume und hatte zahlreiche Mitarbeiter.

Lange hielt es der freiheitsliebende Poussin nicht aus. Er floh nach Rom, wo er wieder das Leben, führte, das er bevorzugte: bescheiden, ohne Dienerschaft und fern vom höfischen Glanz. Während Zeitgenossen wie Rembrandt, Velázquez oder Rubens gesellschaftlichen Aufstieg und Repräsentation suchten, orientierte sich Poussin an antiken Idealen wie Bescheidenheit, Disziplin und geistiger Konzentration.

Bis zu seinem Tod blieb er in Rom. Dennoch wurde er zum wichtigsten Maler Frankreichs seiner Zeit. Heute gilt Poussin nicht nur als bedeutender Maler der klassizistischen Linie, sondern auch zu den geistigen Vorläufern des Akademismus, jener Kunstrichtung, die die Orientierung an antiken Vorbildern zum Maßstab künstlerischer Qualität erhob.


Quellen:

Autoren: Hagen, Rose-Marie und Hagen, Rainer
Aufsatz: Nicolas Poussin „Der Raub der Sabinerinnen“ im Chaos steckt die Idee einer höheren Ordnung
Medium: Art – das Kunstmagazin (Ausgabe aus dem Jahr 1979)

Vervollständigt durch den Wikipedia-Beitrag zu Nicolas Poussin (Abrufdatum: 16.6.2026)

Bildquelle, Titelbild: Wikipedia

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Polarisierend, roh, schauderaft: Russian Criminal Tattoo

Hast du dich schon mal gefragt, ob Tattoos Kunst sind? Während du dir möglicherweise eine Begründung für deine Antwort überlegst, erzähle ich dir von meinen persönlichen Highlights aus dem enorm polarisierenden Buch Russian Criminal Tattoo Encyclopedia Volume 1.

Eckdaten:

  • Drawings and Foreword: Danzig Baldaev
  • Photography: Sergei Vasiliev
  • Introduction: Alexei Plutser-Sarno
  • Design and edit: Murray & Sorrell FUEL
  • Editor: Honey Luard
  • Translator: Andrew Bromfielt
  • Co-Ordinators: Anna Benn, Julia Goumen

Hab ich von der S. 12 übernommen. Mir liegt die Enzyklopädie in englischer Sprache vor.

Warum bin ich überhaupt in Besitz eines solchen Buches?

Ich habe jahrelang davon geträumt, es zu besitzen. Es gibt mehrere Bände und die sind sündhaft teuer. Zudem auch sehr beliebt. Zum einen reizt mich die russische Knastromantik. Die düstere Unterwelt zog mich schon immer an. Hin und wieder einen Einblick in die Gedanken der Häftlinge zu bekommen, ist mir irgendwie wichtig, weil die Außenwelt sie schnell vergisst. Dabei geht es mir gerade nicht um verurteilte Mörder. Die vergisst man nur schwer. In den Beispielen, die ich euch heute vorstelle, geht es hauptsächlich um Menschen, die für Fehler anderer Natur büßen mussten. Die Gefängnisse und ihre Tattoo-Symbolik sind jedenfalls eine ganz eigene Welt und nicht alle bekommen die Chance auf einen Einblick.

Außerdem liebe ich Tattoos. Zum einen wollte ich wissen, ob die, die ich bereits habe, eine Bedeutung tragen, für die es in bestimmten Kreisen Ärger geben könnte, andererseits bin immer auf der Suche nach Inspiration. Und wer weiß schon, was ich in diesem langen Leben noch alles ausprobieren werde. Kurz gesagt: Die Anschaffung dieses Buchs war für mich essentiell. Ich bekam es für einen Schnäppchenpreis von 24 Euro. Gebraucht, versteht sich.

Russian Criminal Tattoo: Was mich überrascht hat

Jedes dort aufgeführte Tattoo hat natürlich eine eigene Bedeutung und Symbolik. Und die unterscheidet sich erheblich von allem, was ich bisher in der Kunstgeschichte gelernt habe. Das Buch gibt tiefe Einblicke in den Spirit der Menschen, die für unterschiedlichste Vergehen eingebuchtet wurden. Mein Eindruck: An Melancholie, Lyrik, Hierarchie und Kreativität nur schwer zu überbieten.

Die Sammlung im Buch Russian Criminal Tattoo Encyclopedia Volume 1 besteht überwiegend aus sehr seltenen Tattoos. Die Verfasser haben gut recherchiert, wem sie gehörten, wofür sie standen und vor allem: wofür die Kriminellen einsaßen. Die Bilder sind abgemalt. Größtenteils von Dokumenten aus der Gerichtsmedizin.Von 1910 bis 1997 ist alles dabei. Das Buch erschien erstmals im Jahr 2003.

Kommen wir zu den Geschichten, die unter die Haut gehen: Madonna mit Kind

Inschrift um das Madonnen-Tattoo: Meine Mutter wurde wegen „Getreide“ verurteilt, und ich wurde am 25. Oktober 1935 im Gefängnis geboren. Sitze seit 21.XII.54 und werde im Gefängnis sterben, auf Anordnung des Präsidiums des Obersten Rats vom 4.VI.47 – 25-jährige Haftstrafe.

Bildunterschrift vom Autor des Buchs: Besserungskolonie, Ulan-Ude, Burjatische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik. 1960er Jahre. Brust.

Text: Dieser „Talisman“ der Diebe, basierend auf Raphaels „Madonna aus der Sixtinischen Kapelle“, gehörte einem Sträfling, der wegen des gemeinschaftlichen Diebstahls von Lebensmitteln aus einem Militärdepot in der Stadt Irkutsk zu 25 Jahren Haft verurteilt worden war. Er war als „Bely“ (Weißer) bekannt. Laut „Bely“ wurde seine Mutter nach einem Erlass des Rates der Volkskommissare vom 7. August 1935 verurteilt, weil sie nach der Ernte Getreideähren aufgesammelt hatte. Auf den kollektiven Bauernfeldern des Bezirks Nischeudinsk in der Region Irkutsk wurde bei ihr ein Segeltuchsack mit etwa drei Kilogramm Getreide beschlagnahmt. Sie hatte es gesammelt, um ihre beiden Töchter im Alter von fünf und sieben Jahren zu ernähren.

Das Urteil lautete fünf Jahre Haft. „Bely“ brachte sie in einem der Taischet-Lager zur Welt. Er kannte seinen Vater nicht, der 1935 ertrank, während er Baumstämme für den Holzbetrieb zusammenband, für den er arbeitete. Während seine Mutter im Gefängnis war, schickte man seine Schwestern in ein Kinderheim, aus dem sie sie nach ihrer Entlassung im Jahr 1940 abholte. Wenig später holte sie ihren Sohn, der damals kaum noch am Leben war, aus einem Heim für Kinder verurteilter weiblicher Krimineller.

Von Generation zu Generation vererbt

Criminal Russian Tattoo
Knasttattoo aus dem Buch Russian Criminal Tattoo Encyclopedia Volume 1, S.186.

Tattoo-Inschrift: 1872 Sakhalin

Text: Arbeitslager Kolyma. 1940er Jahre. Diese Tätowierung zeigt einen Sträfling mit dem Spitznamen „Kopf“, dessen Kopf zur Hälfte rasiert ist. Er hält eine Kerze und steht vor einem Kreuz. Das Tattoo gehörte ursprünglich Kopfs Großvater, der mit seiner Frau nach Sachalin verbannt und 1872 unter polizeilicher Überwachung freigelassen wurde.

Wie schon sein Vater vor ihm ließ sich Kopf das Tattoo von einem Tätowierer im Kolyma-Lager stechen. Kopf war sehr stolz auf seine Tätowierungen und betrachtete sie als sein Erbe. In Kolyma gehörte er in den 1940er Jahren zu den wenigen verbliebenen alten Sträflingen, die sich selbst als erbliche Diebe im Gesetz verstanden.

Anmerkung von mir: Die Geste, ein Tattoo zu „vererben“ ist absolut neu für mich und ich bin über alle Maße verzückt. Würd ich auf jeden Fall auch so machen. Nicht im gleichen Kontext, versteht sich, aber eins meiner Tattoos an die nächste Generation weiterzugeben, reizt mich irgendwie.

Der Bär mit dem Akkodeon

Knasttattoo aus dem Buch Russian Criminal Tattoo Encyclopedia Volume 1, S.183.

Text: Transitgefängnis Wologda. 1950er Jahre. Das humorvolle Tattoo eines Unruhestifters, typisch für Besserungsarbeitslager im Norden und in der Taiga. Der gebräuchlichste Name für dieses Tattoo, das in zahlreichen verschiedenen Varianten existiert, ist „Mischa der Akkordeonspieler“. Der Träger wurde nach Artikel 74 des Strafgesetzbuches der RSFSR von 1926 verurteilt. Darunter fallen ungebührliche Handlungen, öffentliche Ruhestörung, Pöbeleien, Schlägereien, Randale, grobe Verstöße gegen öffentliche Ordnung.

Anmerkung von mir: Würd ich mir 1 zu 1 so stechen lassen.

Fazit

Um auf meine Aufmacher-Frage einzugehen: Tattoos sind für mich Kunst. Künstler stechen sie für Geld auf unsere Körper. Ein klassischer Kunstmarkt, wie mir scheint. Auch wenn die Abbildungen oder Schriftzüge mit uns sterben. Doch die Tattoos, die ich dir gerade gezeigt habe, leben in Papierform (und offenbar auch Blog-Form) weiter und erzählen weiterhin die Geschichten der Menschen, die sie getragen haben, obwohl die schon längst tot sind.

Lohnt sich der Buchkauf? Ja, lohnt sich auf jeden Fall. Du wirst da noch ganz viele andere verstörende Geschichten, Tätowierungen und Fotos finden. Viele viele Penisse, obszöne Illustrationen, Dinge, die du nicht mal auf Pornhub findest. Aber auch Nazi-Tattoos, antisemitische und regierungsfeindliche Sprüche und Abbildungen, die wir unbedingt kritisch betrachten sollten. Teilweise hat mich das Programm wirklich schockiert. Ein verbotenes Portal in eine geheime Unterwelt sozusagen. Wenn mir Vol. 2 vorliegt, bekommst du das hier auf avecMadlen.com mit.

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