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Kunst & Architektur

Rubens‘ Venus: Die sanfte Schönheit göttlicher Erotik

Venus, in der römischen Mythologie bekannt als die Göttin der Liebe, entstand aus der Inspiration durch die griechische Göttin Aphrodite. Mit anderen Worten: Die Römer schufen Venus, indem sie Aspekte von Aphrodite übernahmen und an ihre eigene Kultur anpassten. Dieser Vorgang, bei dem Elemente aus verschiedenen Kulturen übernommen und miteinander verschmolzen werden, war besonders in der Zeit des Hellenismus verbreitet. In der Hellenismus-Epoche nahm die griechische Kultur Einfluss auf Gebiete, die weit über die Grenzen Griechenlands reichten.

Venus wird vor allem als Göttin der Schönheit, Fruchtbarkeit und Liebe verehrt. Typischerweise wird sie mit Symbolen wie der Rose, der Myrte und dem Apfel dargestellt. Diese Attribute symbolisieren jeweils Liebe, Schönheit und Verführung. Darüber hinaus kann sie auch von Tieren begleitet sein, die für sie von Bedeutung sind, einschließlich der Taube, des Sperlings, des Kaninchens, des Delphins und des Schwans (wobei ich beim Schwan aufpassen würde – könnte nämlich oftmals der der Leda sein). Alle beigefügten Tiere repräsentieren verschiedene Aspekte der Liebe und Fruchtbarkeit.

Hier eine Darstellung der Venus von Lucas Cranach dem Älteren im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg: Man sieht die Göttin mit ihrem Sohn Amor als Honigdieb (1537).

Venus war nicht immer die Allegorie der Liebe und Schönheit

In ihren frühesten Anfängen wurde Venus gar nicht mit der romantischen Liebe assoziiert, sondern galt als Schutzpatronin des Garten- und Weinbaus sowie als Symbol für sinnliche Freuden und den Frühling.

Das lateinische Wort „venus“, aus dem ihr Name stammt, bezieht sich auf Konzepte der Anziehung und Schönheit und ist verwandt mit Worten wie „venustas“ (Anmut), „venerari“ (verehren) und „venos“ (Huld und Liebreiz), die alle aus derselben sprachlichen Wurzel kommen. Ursprünglich bezeichnete „venus“ einen allgemeinen Zauber oder Charme, bevor es zur Personifizierung in der Figur der Göttin Venus kam.

Zahlreiche Mythen und Legenden, die sich um Venus ranken, bieten Künstlern und Schriftstellern viel Spielraum für Interpretationen. So kann die Darstellung der Venus in der Kunst je nach Zeitperiode und künstlerischem Kontext stark variieren, was ihre Rolle und Bedeutung in der jeweiligen Kultur widerspiegelt.

Paul Peter Rubens: Venus vor dem Spiegel

Kommen wir zu Rubens‘ Venus: Haut so zart wie Seide, Haar, das wie Gold im Licht schimmert. Paul Peter Rubens lässt in seinem Gemälde „Venus vor dem Spiegel“ die Göttin der Schönheit in all ihrer Pracht erstrahlen. Dabei erweckt der Künstler den Eindruck, als würde die sinnliche Schönheit direkt den Betrachter anblicken.

Paul Peter Rubens: Venus
Peter Paul Rubens, Venus vor dem Spiegel, um 1614–15, Copyright: LIECHTENSTEIN. The Princely Collections, Vaduz-Vienna

In seiner meisterhaften Darstellung von nackter Haut und glänzendem Haar hat Rubens die Venus inszeniert und schafft damit ein Sinnbild der Schönheit schlechthin. Die Aufmerksamkeit des Betrachters wird durch den prominenten Spiegel auf Venus gelenkt, das ihr Antlitz wie ein Porträt rahmt.

Erfahre hier, wie Hans Baldung die Schönheit der Erotik in einem skandalösen Marienbildnis verbaut.

Rubens: Betonte Erotik durch schmückende Elemente

Ein weiterer Blickfang sind die wenigen, aber kostbaren Schmuckstücke, die eher zur Unterstreichung ihrer Nacktheit als zur Beeinträchtigung ihrer natürlichen Blöße dienen. Die subtile Malweise von Rubens ist unverkennbar und trägt maßgeblich zu den sinnlichen Qualitäten des Gemäldes bei. Man beachte dabei das sanft eingearbeitete Wangenrot der Göttin, sowie auch das zart andeutende Gewand, das ihre Hüften umschmeichelt.

Das Motiv des Spiegels gibt in diesem Gemälde den Ton an. Doch diese Darstellung, in Verbindung mit Venus und Amor, war nicht exklusiv für Rubens reserviert. Auch Tizian und Veronese griffen auf dieses Thema zurück und dienten somit als Inspiration für Rubens.

Die schöne Venus: Was bedeutet der vorgehaltene Spiegel?

Ob der von Sohnemann Amor vorgehaltene Spiegel eine tiefgreifende Bedeutung trägt, kann ich nicht so genau einschätzen. Es bietet sich allerdings durchaus an, über die Symbolik des Spiegels nachzudenken. Die Künstlerin Lea Finke hat in ihrem coolen Blog (Quelle unten) den Spiegel als Bedeutungsträger in der Kunst thematisiert. Das könnte laut ihr die Darstellung eines Spiegels bedeuten:

  • Erkenntnis: Der Spiegel als Symbol der Selbsterkenntnis sowie die Suche nach der Wahrheit.
  • Illusion: Die Darstellung eines Spiegels kann auch das genaue Gegenteil Bedeuten, nämlich Illusion und Täuschung.
  • Vergänglichkeit: Oftmals soll ein Spiegel in der Malerei auch daran erinnern, dass die Jugend nicht ewig währt.
  • Schönheit: „Von der Antike bis zur Gegenwart haben Künstler den Spiegel als ein ikonisches Symbol der Weiblichkeit und Schönheit genutzt. Die römische Göttin Venus wird oft mit einem Spiegel dargestellt, der ihre Schönheit und ihr Selbstbewusstsein betont“, schreibt Finke. In der Porträtmalerei diene der Spiegel oftmals als Requisit zur Unterstreichung der Attraktivität des Dargestellten. Klingt doch passend zu unserer Rubens-Venus, oder?

Hier gibt es sie zu sehen

Wer die zarte Venus mit dem Spiegel von Paul Peter Rubens aus nächster Nähe bestaunen will, sollte sich die Sonderausstellung „HERKULES DER KÜNSTE Johann Adam Andreas I. von Liechtenstein und das Wien um 1700“ nicht entgehen lassen. Sie startet am 16. Februar und endet am 1. April 2024 im Gartenpalais Liechtenstein, Fürstengasse 1, 1090 Wien.


Quellen:

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