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Hans Baldung Grien: Loth und seine Töchter

Wir haben über dieses Gemälde bereits gesprochen: Hans Baldungs Loth und seine Töchter aus dem Jahr 1535/1540. Doch jetzt vertiefen wir das ganze ein kleines bisschen.

Loth und seine Töchter: Prä-ikonografische Beschreibung

Das Karlsruher Gemälde existiert heute in zusammengesetzten Fragmenten, die die ursprüngliche Komposition zeigen. In einem dieser ist ein liegender weiblicher Akt auf einer tiefroten Polsterfläche mit ausgestrecktem, fast bleichen Körper zu sehen. Der aufgerichtete Torso sowie die Gliedmaßen sind entkleidet dargestellt. Ein weißes Lendentuch verbirgt den Schambereich, doch betont zugleich subtil die entblößte, akkurate Brust. Der Blick der jungen Frau ist zum Betrachter gerichtet.

Urheberrechte bei der Kunsthalle Karlsruhe

Nach der Restaurierung wirken die Farben rein und vibrant. Vor allem der liegende Akt weist einen hohen Kontrast zum dunklen Hintergrund auf.

Ein zweites Fragment zeigt den in ein pelzverziertes Gewand gekleideten Oberkörper eines bärtigen Alten. Über seinem Kopf, der verhältnismäßig auffällig größer ist, als der Kopf der jungen Frau, obschon der Mann tiefer im Bild steht, steht die Inschrift „LOTT“. Seine Körperhaltung wirkt leicht nach vorn, in Richtung des liegenden Aktes, geneigt. Er hält ein güldenes Gefäß mit flüssigem Inhalt in beiden Händen. Der Blick ist auf das dritte Fragment gerichtet, das derzeit durch eine schwarz-weiß-Fotografie des verschollenen Originals ersetzt wird. Darauf ist ein zweiter weiblicher Akt zu sehen, der die Szene im Vordergrund hinter einem Vorhang hervor zu beobachten scheint.

Zustand vor der Restaurierung. Urheberrechte bei der Kunsthalle Karlsruhe

Viertes Fragment: die brennende Stadt

Fragment Nummer vier stellt eine brennende städtische Architektur dar, in der Flammen und Zerstörung sichtbar sind. In diesem Teil sind auch fragmentarisch Formen von Gebäuden und hell leuchtenden Orangetönen erkennbar. Eine Nachtszene. Davor ist eine weiße Säule erkennbar, die eine weibliche Silhouette andeutet. Abgegrenzt wird die Szene des Feuers durch einen Sockel, auf dem ein Weinfass positioniert ist.

Urheberrechte bei der Kunsthalle Karlsruhe

Die Fragmente sind auf Holztafeln gemalt. Farblich dominieren helle Töne für Haut und rote für Stoffe, begleitet von kontrastreichen Bereichen des lodernden Feuers im Hintergrund und dunkleren Partien im Umfeld der Figuren. Ihre Körper sind plastisch modelliert dargestellt. Die Blickrichtungen der Figuren sind voneinander abgewendet.

Hans Baldungs Lot und seine Töchter: Die Ikonografie

Hier erfährst du übrigens den Unterschied zwischen prä-ikonografischer Beschreibung, Ikonografie und Ikonologie.

Baldungs Historienbild Lot und seine Töchter greift das alttestamentliche Motiv aus Genesis 19 auf: Nach der Zerstörung Sodoms flieht der betont fromme, „gerechte“, Lot samt Frau und den beiden Töchtern aus der Stadt. Seine Frau erstarrt zu einer Salzsäule, als sie ihren Blick nach hinten auf die brennende Stadt richtet, obwohl einer der Engel, der die Familie errettet, davon abrät.

Lot und seine beiden Töchter ziehen weiter und finden Zuflucht in einer Höhle. Da es durch die Folgen der Zerstörung nun keine Männer mehr gibt, sind die Töchter voller Sorge, keine Nachkommen zeugen zu können. Die ältere Tochter kommt auf eine „glänzende“ Idee. Sie sagt zu ihrer Schwester: „So komm, lass uns unserm Vater Wein zu trinken geben und uns zu ihm legen, dass wir und Nachkommen schaffen von unserm Vater.“ In der Kunst der Renaissance dient dieses Thema häufig als moralisches Exempel, als Warnung vor Trunkenheit, Kontrollverlust, sexueller Grenzüberschreitung und letztlich auch das Offensichtlichste: Inzest.

Interview zur Großen Landesausstellung „Hans Baldung Grien. heilig | unheilig“

Wird die Frage nach der Schuld thematisiert?

Baldung scheint nicht primär Lots Schuld zu akzentuieren, sondern verschiebt die Gewichtung auf die Töchter und den Wein, wenn man den vollen, übergroßen Becher, die dominierende weinrote Farbe, das Eichenfass im Vordergrund rechts unten im Bild, und sogar den Bildträger, Eichenholz, beachtet.

Doch die körperliche Präsenz der älteren Tochter, dessen Namen uns im alten Testament nicht offenbart wird, ihre Schönheit und ihre Jugend stehen Vordergrund und geben im gesamten Gemälde den Ton an. Sie ist es, die das gesamte Bild mit einer höchst erotischen Atmosphäre erfüllt. Der alte Mann hingegen scheint passiv, wenn nicht sogar durch Alkohol entmachtet. Der Becher, den er grade zu Munde führt, fungiert ikonografisch als Zeichen der Trunkenheit und des Verlusts rationaler Selbstkontrolle. Damit wird Lot weniger als handelndes Subjekt denn als Objekt sündhafter Fremdeinwirkungen gezeigt.

Gleichzeitig sieht Lot auf dem Gemälde nicht ganz unschuldig aus. Es gibt so manch eine Dissonanz, die ich vernehme. Sein Blick, die verengten Augen deuten eine bewusste Handlung an. Als wäre er gerade im Prozess, sich für die Sünde zu entscheiden. In der Bibelstelle bemerkt er gar nicht, dass sich die beiden Töchter in aufeinanderfolgenden Nächten zu ihm legen. Hier scheint Hans Baldung die Szene gezielt anders zu interpretieren. Doch was das eigentliche Ziel ist, lässt sich vermutlich nur erahnen.

Erotik

Die beiden weiblichen Akte sind nicht idealisiert im klassischen Sinn, sondern betont körperlich und sinnlich. Solche Frauengestalten könnten für Verführung, Gefahr und moralische Ambivalenz stehen. Spannungsfeld zwischen Intimität und Übergriff. Erotik und moralische Warnung fallen hier bewusst zusammen.

Ihr seht es selbst: auch hier macht Hans Baldung ein Spannungsfeld auf. Durch die höchst erotische Darstellung des weiblichen liegenden Aktes versteht der Betrachter, welcher Versuchung Lot ausgesetzt war. Zudem zieht der Blick der jungen Frau uns regelrecht in die Mittäterschaft. Als würde er sagen wollen: das kann auch dir passieren.

Hans Baldung Grien: Lot und seine Töchter (1535/1540)

Die möglichen Absichten des Künstlers

Die brennende Stadt im Hintergrund ist als Sodom identifizierbar. Ikonografisch verweist sie auf göttliches Strafgericht und bildet den moralischen Rahmen der Szene. Während im Hintergrund göttliche Ordnung durch Zerstörung wiederhergestellt wird, entfaltet sich im Vordergrund ein weiterer moralischer Grenzfall. Baldung stellt damit nicht Erlösung, sondern eine Kette von Verfehlungen dar.

Typisch für Baldung ist die Verbindung von biblischem Sujet mit zeitgenössischen Diskursen über Weiblichkeit, Sexualität und Sünde. Das Motiv wird nicht erhaben oder distanziert behandelt, sondern körperlich zugespitzt. Ikonografisch bewegt sich das Werk zwischen moralischer Mahnung und voyeuristischer Reizsetzung. Gerade diese Ambivalenz ist programmatisch: Das Bild verurteilt nicht eindeutig, sondern zwingt den Betrachter in eine unangenehme Mitverantwortung des Sehens.

In der Tradition der deutschen Renaissance steht Baldungs Gemälde „Lot und seine Töchter“ damit weniger für Frömmigkeit als für eine schonungslose Auseinandersetzung mit menschlicher Triebhaftigkeit und der Brüchigkeit moralischer Ordnung.

Hans Baldung Grien

Hans Baldung war einer der eigenwilligsten und radikalsten Künstler der deutschen Renaissance. Als Schüler Albrecht Dürers hatte er eine technisch hochentwickelte Zeichen- und Malweise, formte jedoch seinen eigenen Stil mit hohem Wiedererkennungswert. Baldung interessierte sich weniger für ideale Harmonie als für Grenzzustände menschlicher Existenz: Erotik, Tod, Hexerei und Vergänglichkeit gehören zu den zentralen Motiven seines Werks. Dabei verband er christliche Bildthemen mit einer bis dahin – zumindest in Deutschland – nicht dagewesenen Sinnlichkeit und psychologischen Schärfe. Besonders seine Frauendarstellungen changieren zwischen Anziehung und Bedrohung, idealisierter Schönheit und moralischer Warnung.

Hans Baldung Grien: Markgraf Christoph I. mit Familie vor der heiligen Anna Selbdritt (um 1509-12)

Damit unterlief Baldung bewusst die gängigen Bildkonventionen seiner Zeit und schuf Werke, die irritieren, provozieren und bis heute eine teils verstörende Wirkung entfalten. Seine Kunst ist geprägt von einer Lust am Experiment, von starken Farbkontrasten und von einer übersteigerten Körperlichkeit und Stilisierung. Baldung war ein eigenständiger Bildschöpfer, der das Unheimliche, Abgründige und das Unkontrollierbare ins Zentrum der deutschen Renaissancekunst rückte. Dabei versetzte er die traditionelle christliche Ikonographie mit unkonventionellem persönlichen Akzent, der den sakralen Sinn neu hervortreten lässt.

Hans Baldungs Werk: Zwischen Erotik, Sünde, und Religion

Er malte Werke, die von einer tief empfundenen Religiosität erfüllt sind. Wechselt aber auch zwischen sakralen und profanen Themen. Bei einigen Bildern Baldungs wird deutlich das Erotische und Sündhafte betont. Um zu verstehen, wie Hans Baldung in seinen Bildern die moralische Uneindeutigkeit biblischer Figuren darstellt, ist es sinnvoll, auch andere Werke zu betrachten, in denen er sich mit sündhaftem Verhalten auseinandersetzt. Etwa seine Eva mit Schlange aus dem Jahr 1510. „Als Adam mag oder soll sich der männliche Betrachter fühlen, denn ihm wendet sich die vollkommen nackte Eva in ihrer ganzen Schönheit zu. Sie ergreift den verhängnisvollen Apfel, wendet den Blick jedoch ernst und nachdenklich zur Seite: Ihr Sündenfall vollzieht sich nicht naiv oder übermütig, sondern mit Bedacht…“. Eva ist nur eines seiner Bilder, die bewusst so angelegt sind, dass sie den Betrachter zum Nachdenken verleihen.

Das „ungleiche Paar“

Das Gemälde kann sich im Kontext der frühneuzeitlichen Thematik des ungleichen Paares betrachten lassen. Immerhin ist die Ungleichheit zwischen Lot und seiner älteren Tochter auffällig. Sie kommt nicht nur durch den Alters- und Rollenunterschied zum Ausdruck, sondern wird auch durch unterschiedliche Gesichtsausdrücke und Inkarnate hervorgehoben. Zudem ist sie jung – er hingegen alt. Sie entkleidet – er in Oberbekleidung dargestellt.

Lucas Cranach d.Ä: "Das ungleiche Paar" Gemälde im Germanischen Nationalmuseum
Die Thematik des ungleichen Paares am Beispiel von Lucas Cranach d.Ä.

Weibermacht

Der verführerisch wirkende Blick der älteren Tochter in Richtung des Betrachters ist präsent, selbstbewusst und tritt vielleicht sogar kontrollierend auf. Sie erscheint dadurch als Initiatorin des unheiligen Vorhabens. Untermauert wird dies zudem durch ihre Nüchternheit, die sich, wenn man bedenkt, dass Loth des Alkohols wegen errötet sein könnte und sie hingegen bleich ist. Diese Konstellation verweist auf zeitgenössische Darstellungen der sogenannten Weibermacht, in denen männliche Selbstbeherrschung untergraben und weibliche Verführungsmacht ins Zentrum gerückt wird. Im 16. Jahrhundert gilt diese Spannung für viele als besonders interessant.

Doch das ist nicht das einzige, was Hans Baldung mit seinem Gemälde zu kommunizieren scheint. Da es naheliegt, dass er dieses Bild für einen adeligen bis hochadeligen Auftraggeber fertigte, könnte es auch die Thematik der höfischen Moralvorstellungen anschneiden, die insbesondere die Kontrolle über die eigenen Gefühle als Zeichen sittlicher Integrität verstanden. Außerdem enthält das Bild eine mahnende Dimension. Es kann als Warnung vor dem Verlust der Selbstkontrolle gelesen werden, sei es durch Trunkenheit oder durch das Eingehen sündiger Liebesbeziehungen zu den eigenen Kindern.


Quellen:

  • 1. Buch Mose 19
  • Essay: Lot und seine Töchter oder: Heiliges und Unheiliges bei Baldung, Holger Jacob-Friesen aus dem Sammelband Hans Baldung Grien heilig / unheilig, Deutscher Kunstverlag, 2019 (S. 23-39 und 380-382)
  • kunsthalle-karlsruhe.de
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Kunst

Viktor Knack: Ein heller Stern der Gegenwart

Viktor Knack lernte ich kennen, als ich gerade Mal 10 Jahre alt war. Seine Leidenschaft erkannte ich bereits als Kind. Das Feuer in seinen Augen, die Liebe zu den Farben, die Suche nach der perfekten Perspektive – und der leise Ausruf der Freude, wenn er sie dann endlich fand. Er malte seine toskanischen Landschaften mit einem Lächeln im Gesicht. Für mich waren diese Momente eines: Frieden.

Viktor Knack: Amazonen – 1.800 Euro

18 Jahre später treffe ich Viktor Knack in Baden-Baden

Ihn heute wieder zu sehen, war für mich eine Ehre. Ich interviewte ihn vor einem seiner ausgestellten Gemälde in Baden-Baden und nahm das Gesagte auf. Als er aufhörte zu erzählen, rutschte mir vor lauter Nervosität der Finger aus. Ich löschte die Aufnahme. What? Aber ich wäre keine gute Reporterin, wenn ich im Kopfe nicht auch mitschneiden könnte. Er erzählte mir die Geschichte des Bildes, das vor uns hing: Blumenpflückerinnen (2003).

Viktor Knack: Blumenpflückerinnen
Viktor Knack: Blumenpflückerinnen (2003) – 1.100 Euro

„Das Bild, das vor uns hängt, ist mein Versuch, eines meiner anderen Bilder wieder ins Leben zu rufen. Damals malte ich es und wollte es anschließend auf dem Dach meines Autos transportieren“, erzählte Viktor Knack. „Einige Zeit später hielt ich an. Ich hatte das Gefühl, dass ich die Gemälde nicht richtig fixiert hatte. Ich stieg aus – meine Bilder weg.“ Viktor hatte die beiden Kunstwerke während der Fahrt vom Autodach verloren. Als er den Weg wieder abfuhr, waren sie weg. Ich hoffe, der glückliche Mensch, der seine Gemälde damals auf der Straße fand, ehrt und liebt sie so sehr, wie ich es tun würde.

Mit dem Motiv „Blumenpflückerinnen“ versuchte Viktor Knack den Zauber des verlorenen Bildes wiederherzustellen. Obschon ich nie erfahren werde, wie das ursprüngliche Werk aussah, kann ich darüber spekulieren, dass ihm das gut gelungen ist. Viktor stellt hier, nach meiner Auffassung, die Weiblichkeit in ihrem zartesten Licht dar. „Ich denke, es ist mir gelungen, die Komposition des Ursprungsbildes zu wiederholen – vielleicht sogar die Farbenwelt“, sagt er mit seiner Bescheidenheit, die er über all die Jahre beibehalten hat.

Viktor studierte Kunst an der Universität in Almaty, Kasachstan. Seither war er in zahlreichen Funktionen tätig: Ob als freischaffender Künstler, Dozent oder Leiter verschiedener Kunstschulen.

Blumenpflückerinnen: Viktor verwendete Theaterfarben

Gemalt hat er das Bild mit Theaterfarben. Daher erscheinen sie durch und durch Matt. An vereinzelten Stellen glänzt es – etwa an den Konturen der Frauenfiguren. Viktor sagt, dies sei am Anfang gar nicht so geplant gewesen. Ich finde: Es ist ein glücklicher Zufall, der dem Gemälde eine markante Einzigartigkeit verleiht. Obwohl die Blumenpflückerinnen durch die Farbwahl, Maltechnik und das Spiel mit der Perspektive ohnehin unnachahmlich sind. Das Bild malte Viktor Knack mit einem dicken Pinsel. Er findet, die Pinselstriche passen gut zu der matten Farbe..

Gerne arbeitet der Künstler auch mit Spachtel. Als Kind erkannte ich in ihnen eine sehr hohe Ästhetik. Daran scheint sich bis heute nichts geändert zu haben. Diese Darstellungen sind aber eine ganz eigene Geschichte: Mache dir auf seiner Webseite am besten selbst einen Eindruck.

Als ich ihn auf das Nächste aufmerksam mache, lacht er dezent: „Ja, ich male Frauen gerne – ich finde sie schön.“ Auch Pferde und Landschaften gehören zu dem beständigen Repertoire des aus Syktywkar (Russland) stammenden Künstlers. Übrigens war er damals derjenige, der mir beibrachte, eine Kunstausstellung zuerst ausgiebig anzusehen und zum krönenden Abschluss nochmal einen kurzen Schnelldurchlauf draufzupacken.

Viktor Knack: Gefesselte Pferde (1992) – 1.700 Euro

Lese hier noch ein weiteres Künstlerinterview mit Igor Kaplun.


Anmerkung: Das Interview wurde Januar 2024 geführt. Ich habe es republished.

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Kunst

Baldungs erotisch geladene Maria mit Kind und Edelsteinen

Hans Baldung malte 1530 seine Maria mit Kind und Edelsteinen. Die Muttergottes sitzt vor einer prächtigen, aber auch etwas unklaren Thronarchitektur und wird von einem sanften Engelputto betrachtet. In ihrer demütigen Hingabe hat sie ihre Brust freigelegt, um das Christuskind zu stillen, das auf ihrem Schoß steht. Ein Fuß des Kindes ruht auf den Seiten des heiligen Buches, das die Mutter in ihren Händen hält. Währenddessen legt der Knabe seinen Arm um Marias Hals und drückt sein Gesicht an das ihre, um einen Kuss anzudeuten. Marias Rechte Hand umschließt das Kind mütterlich am Kopf. Die Körperhaltung beider zeigt die innige Verbundenheit, die uns die menschliche Seite der beiden Heiligen zeigt.

Im Hintergrund links unten befinden sich verschiedene Edelsteine. Sie liegen auf der Armstütze der Thronarchitektur, dessen Farblichkeit an künstlichen Marmor erinnert. Die Steine stehen in ihrem kühlen Glanz im Kontrast zur warmen Szene der Mutter mit Kind. Doch ihre Bedeutung bleibt für uns verschleiert. Zudem verleiht die Farbpalette, die Hans Baldung hier benutzt, dem Bild zusätzlich eine gewisse Mysteriosität.

Hans Baldung Grien – Maria mit Kind und Edelsteinen
Hans Baldungs (1484/85 bis 1545) Maria mit Kind und Edelsteinen (1530) im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg: Malerei auf Lindenholz. Höhe 99 cm; Breite 68 cm.

Maria mit Kind und Edelsteinen: Baldung schafft Mysterium

In dieser Darstellung spiegelt sich eine geheimnisvolle Aura wider, die dem Betrachter Raum für Interpretation und Reflexion bietet. Interessanterweise basiert dieses Motiv auf einem Gemälde des Künstlers Mabuse. Jedoch fehlen bei Mabuse die schwierig zu deutenden Edelsteine.

Ebenso mysteriös ist Baldungs stillende Madonna mit den Papageien. Kein Wunder, dass die beiden Gemälde im selben Raum im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg hängen.

Hans Baldung Grien – ein Künstler im Schatten Dürers

Hans Baldung Grien, trotz seiner Anerkennung in Fachkreisen, stand und steht in der breiten Öffentlichkeit immer im Schatten des berühmten Nürnberger Meisters Albrecht Dürer. Geboren wurde er im Jahr 1484 in Schwäbisch-Gmünd, doch seine Eltern zogen bald darauf ins elsässische Strasbourg um. Nach einer Lehrzeit bei einem unbekannten Maler ebenda verschlug es ihn nach Nürnberg. Dort arbeitete er ab 1503 in Dürers Werkstatt. Damals erhielt er wahrscheinlich den Beinamen „Grien,“ der auf die Farbe Grün hinweist. Über den genauen Ursprung dieses Namen kann jedoch spekuliert werden kann.

Hans Baldung Grien - Leben und Wirken
Mystische Bildnisse – mystische Persönlichkeiten. Hier erfährst Du ein paar Fakten über Hans Baldungs Leben.

Schon bald wurde er zu Dürers rechter Hand und leitete seine Werkstatt während Dürers Italien-Reise. Im Jahr 1507 verließ Baldung zwar Nürnberg, blieb jedoch eng mit seinem Lehrmeister verbunden. Er profitierte von dessen wichtigen Einflüssen für seine eigene Arbeiten. Nach einem kurzen Aufenthalt in Halle kehrte er nach Strasbourg zurück. Doch in den Jahren 1512 bis 1516 verlagerte er seine künstlerische Tätigkeit nach Freiburg im Breisgau, wo er mit dem Hochaltar des Münsters sein bedeutendstes Werk schuf.

Im Jahr 1517 kehrte Hans Baldung Grien schließlich endgültig in seine Heimatstadt zurück, wo er als Hofmaler tätig war. Bald darauf wurde er zum Mitglied des Hohen Rates von Strasbourg ernannt. Aus dieser Zeit stammen einige seiner meisterlichen, großformatigen Werke, darunter Darstellungen von Adam und Eva (heute in Budapest), der Venus mit Cupido (im Rijksmuseum Kröller-Müller) und Judith (im Germanischen Nationalmuseum).

Auch diese Madonna ist von Hand Baldung: Auffallend ungewöhnlich ist der flächig rote Hintergrund, der die Aufmerksamkeit auf die plastische Darstellung der Muttergottes in den Vordergrund lenkt. Das schlummernde Kind weist symbolisch auf den bevorstehenden Opfertod Christi hin. Auf der Tafel ist das charakteristische Monogramm von Baldung zu sehen, und in Bezug auf die Datierung gibt es unterschiedliche Lesarten: Einige interpretieren sie als 1514, während andere eine Kombination aus arabischen und römischen Ziffern sehen, die auf 1520 (1510 + X) hinweisen könnten.
Hans Baldung: Adam und Eva im Museum in Budapest
Hier die erwähnten Bildnisse von Adam und Eva (um 1525) im Szépművészeti Múzeum Budapest.

Erotik in Baldungs Andachtsbildern

Obwohl Hans Baldung in der Zeit der Reformation die geistige Befreiung begrüßte, blieb er dem „neuen Glauben“ gegenüber zurückhaltend und trat nicht selbst dazu über. Neben seinen mythologischen Themen, bei denen gelegentlich eine fast schon pornografische Erotik zum Ausdruck kam, schuf er auch zahlreiche Andachtsbilder.

Ebenfalls ein erotisch geladenes Gemälde, aber mit schauderhafter Inzest-Ikonographie: Lot und Seine Töchter.

Die Späten Jahre des Künstlers

Ähnlich wie Albrecht Dürer blieb auch Hans Baldung Grien in seinen späteren, zum Teil schon manieristisch geprägten Werken ein leidenschaftlicher Beobachter der Natur. Trotz ihrer Sinnlichkeit stellen seine zahlreichen Akte keine überidealisierten Schönheiten dar, wie wir das etwa von Lucas Cranach dem Älteren kennen.

Von Baldung sind etwa 100 Ölgemälde erhalten geblieben. Darüber hinaus auch eine beträchtliche Anzahl von Zeichnungen und beinahe 600 Holzschnitten und anderen Druckgrafiken. Ab dem Jahr 1510 signierte er seine Werke mit dem charakteristischen Monogramm, bestehend aus den Buchstaben HBG. Er genoss einen hohen Ruf und verstarb im September 1545 in Strasbourg.


Quellen

  • fotocommunity.de: „Die Renaissance – Bilder einer Epoche“ mit einem Random Textstück (abgerufen am 15.1.2024)
  • objektkatalog.gnm.de: „Maria mit Kind und Edelsteinen“ (abgerufen am 15.1.2024)
  • onlinesammlung.freiburg.de: „Maria mit dem schlafenden Kind, 1520“ (abgerufen am 15.1.2024)
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Kunst

Hans Baldung: Lots heilig-unheilige Töchter

Mit einem einzigen Blick auf dieses Gemälde wird der Betrachter in ein heilig-unheiliges Spannungsfeld versetzt. Ich beschreibe heute eines meiner aktuellen Lieblingsbilder in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Als ich sie das letzte Mal besuchte, hing dieses Bild dort noch gar nicht, um so überraschter war ich, es direkt vor mir zu sehen. Es geht um Hans Baldungs Lot und seine Töchter um 1535/1540, Mischtechnik auf Holz.

Ikonographie: Hans Baldungs Lot und seine Töchter

Hans Baldung, auch Grien genannt, bekam den Namen, weil er am liebsten mit grüner Farbe hantierte, was auf diesem Bild nicht zu sehen ist. Die Farbtöne bewegen sich im Bereich Elfenbein, Rot, Schwarz. Im Vordergrund sehen wir einen weiblichen Akt auf einer Liege, den Schambereich bedeckend, geschmückt mit güldenen Kettchen, Perlen und einem Ring. Über ihr steht ein Mann mit einem Gefäß in der Hand, aus dem er trinkt. In schwarz-weiß sehen wir eine weitere weibliche Figur, ebenfalls unbekleidet. Sie nimmt hier eine beobachtende Rolle ein und blickt hinter einem Vorhang hervor. Auf der rechten Seite des Gemäldes sehen wir ein kleines Weinfass, im Hintergrund eine brennende Stadt. Bei genauerem Hinsehen entdecken wir eine weiße Salzsäule.

Die Gesamtheit dieser Elemente, eine Bildinschrift in der oberen Bildhälfte, sowie auch der Titel des Gemäldes deuten darauf, dass es Lot und seine beiden Töchter sind. Ein Blick ins Buch Genesis im Alten Testament gibt uns Aufschluss. Nach der Zerstörung von Sodom und Gomorra, den beiden Städten die sinnbildlich für moralischen Verfall und Gottes Strafe stehen, flieht Lot mit seiner Frau und den beiden Töchtern in eine Höhle. Auf dem Weg da hin blickt die Frau zurück auf die brennende Stadt, obwohl zwei Engel ihr dies deutlich untersagt haben. Die Folge: Sie erstarrt zu einer Salzsäule. Aus Angst, dass ihre Familie aussterben könnte, berauschen die Töchter ihren Vater nacheinander mit Wein und zeugen so Kinder mit ihm. Die Nachkommen werden als die Völker Moab und Ammon angesehen.

Hans Baldung Grien: Lot und seine Töchter (1535/1540)

Kunsthistorische Einordnung des Gemäldes

In der Kunstgeschichte wird das Motiv häufig genutzt, um Themen wie Verderbtheit, Inzest, göttliches Gericht und moralische Ambivalenz darzustellen. Es erlaubt Künstlern, sowohl narrative als auch erotische Elemente in biblischer Rahmung zu thematisieren, oft mit Betonung von Schuld und Sünde. Typologisch sehen wir hier das jüngste Gericht. Dieses wird mit dem farbintensiven Feuer im Hintergrund, der roten Farblichkeit im Vordergrund des Bildes sowie auch mit der Sünde, die durch die Gesamtheit dieser Atmosphäre geschaffen wird, untermauert.

Hans Baldung: Die Epoche und ihr Schönheitsideal

Der weibliche Blick aus dem Bild heraus zeigt uns eine Darstellung, die in der Renaissance üblich war. Mit diesem Blick wird auch der Betrachter zum Verführten. Stilistisch deutet das Bild auf Hans Baldungs spätere Werke. Da er hier seinen Hang zur stilisierten Körperdarstellung auskostet. Er malt ein Schönheitsideal mit überlangen Beinen, kleinen, weit auseinanderliegenden Brüsten und diesem elfenbeinfarbenen Inkarnat. Es erinnert uns ein kleines bisschen an Lucas Cranach d.Ä.; sogar das Frisürchen und die Katzigkeit des Frauengesichts könnte ein Indiz dafür sein, dass Baldung sich von Cranach inspirieren lassen hat.

Der Kontrast zwischen Lot uns seiner älteren Tochter verdeutlicht die Ungleichheit zwischen diesem Paar. Sie bleich, jung und nackt, er dunkleres Inkarnat, angezogen, alt. Es tangiert die Thematik des „ungleichen Paares“, die wir von Greisen und geldinteressierten Dirnen kennen, jedoch trifft nicht ganz zu. Denn statt des Geldes wollen die beiden Töchter Kinder.

An dieser Stelle müssen wir uns fragen: Warum ist dieses Bild dermaßen erotisch geladen? Wir sehen, wie der Künstler eine Atmosphäre schafft, indem er viel mit Farbkontrasten (hell zu dunkel), Blicken, in denen wir das Verbotene erkennen, Rottönen und Schmuck auf nackten Körpern spielt. Die Schmuckelemente deuten übrigens darauf, dass die Auftraggeber adelig oder gar hochadelig waren. Die ältere, hell hervorgehobene Tochter im Vordergrund erinnert uns sogar an die Liebesgöttin Venus. Was Baldung vermittelt, kommt jedenfalls stark bei uns an. Warum macht er das? Es ist eine inzestuöse Thematik, die mit einem hohen Grad an Erotik und Ästhetik präsentiert wird. Musste das sein? Ich denke, Ja.

Hans Baldung erschütterte durch die Darstellungsweise seiner späteren Werke die spätmittelalterlichen Glaubensvorstellungen. Stellen nun eine kleine Verbindung zu Baldungs Skandalmadonna mit den Papageien her. Auch sie stellte der Künstler in einer höchst sinnlichen Atmosphäre da. Eine solche Nacktdarstellung biblischer Figuren war seinerzeit unzulässig. Seine Bilder wurden teilweise aus den Kirchen verbannt (etwa in Straßburg), doch er machte weiter. Denn er malte für die jene Kennerkreise, die diese Art der Darstellung zu schätzen wussten.

Um es mit anderen Worten zu sagen: Die Kraft er Erotik in der Madonna mit den Papageien lässt den Betrachter eine unberührte Lebensspenderin nicht nur sehen, sondern erleben. So empfinde ich es persönlich auch bei den Töchtern Lots. Die Sinnlichkeit lässt uns Betrachter erst spüren, welcher Versuchung Lot ausgesetzt war.

Klicke hier, um mehr über die gezeigte Madonna mit den Edelsteinen zu erfahren.

Lot und seine Beiden Töchter: Zerstörung des Bildes

Kommen wir nun zum Offensichtlichen: Das Bild wurde mittels Säge zerstört. Man sägte so, dass beide Töchter als separate Bilder verwertet werden konnte. Die Wissenschaft ist sich allerdings noch nicht einig, weshalb man das Gemälde zerstört hatte. War es zu provokant? Oder war man der Meinung, dass mehrere kleine Baldungs mehr Geld einbringen würden, als ein großer?

Im Frühjahr 2019 kaufte die Kunsthalle Karlsruhe jedenfalls die drei Fragmente, die bislang aufgetaucht sind. Man hofft, dass auch die jüngere Tochter bald auftaucht. Derzeit ist eine schwarzweiße Fotografie an der leeren Stelle des Gemäldes eingesetzt.


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Die radikale Veränderung in Kandinskys Malstil

Wassily Kandinsky ist bekannt für seine farbenfrohe und ausdrucksstarke Malerei. Doch sein außerordentliches Werk „Roter Fleck II“ (1921) zeigt eine entscheidende Wendung in seiner künstlerischen Karriere.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, verließ Kandinsky Deutschland und kehrte in sein Heimatland Russland zurück. In dieser Zeit ruhte seine Kunst. Er widmete sich eher politischen und kulturellen Aufgaben.

Porträt von Wassiky Kandinsky. Der Künstler sitzt am Tisch und schaut in die Kamera
Wassily Kandinsky in seinem Studierzimmer. Copyright: IMAGO / Bridgeman Images

„Roter Fleck II“ von Wassily Kandinsky

Das Werk „Roter Fleck II“, das im Münchner Lenbachhaus hängt, steht symbolisch für den bedeutenden Wandel in Kandinskys Ausdrucksweise. Sein typischer lebendiger Farbauftrag wurde durch eine glattere Art der Farbgebung ersetzt. Seine Bilder wirken nun kühler und rationaler. Die geometrischen Formen wie Dreiecke, Kreise und Linien dominieren seine Werke. Das ist ein klarer Einfluss des russischen Konstruktivismus, einer Strömung in der Kunst, die Wert auf geometrische Strukturen legt.

Künstler des Konstruktivismus wie Ljubow Popowa, Wladimir Tatlin und Malewitsch haben sicherlich zu diesem Wandel beigetragen. Dennoch unterscheidet sich Kandinskys Arbeit von ihrer rein konstruktivistischen Ansatzweise. Denn obwohl er geometrische Formen nutzt, sind sie in seinen Werken nicht streng logisch angeordnet.

Ein besonderes Element ist dabei der Kreis – diese Form wird zu einem zentralen Aspekt während seiner Zeit am Bauhaus. Für Kandinsky repräsentiert der Kreis die perfekte Form für sein neues künstlerisches Schaffen. „Neues“, da sein Herz in der frühen Schaffensphase dem Expressionismus gehörte.

Wassily Kandinsky: Roter Felck II im Lenbachhaus München
1921: Roter Fleck II / Öl auf Leinwand

Konstruktivismus: Kandinskys streben nach reinen Formen

Mit seinen geometrischen Formen setzte er seine Suche nach immer reineren Formen fort. Diese sollten keine Erinnerungen oder ablenkende Assoziationen hervorrufen. Im Gegensatz zu anderen abstrakten Künstlern blieb Kandinsky jedoch stets bei der Darstellung von ‚Figuren‘, seien sie nun gegenständlich oder abstrakt.

Insgesamt betrachtet steht „Roter Fleck II“ als Zeichen eines neuen Kapitels in Kandinskys Werk. Es zeigt den Beginn seiner Auseinandersetzung mit dem Konstruktivismus und dem Streben nach reinen Formen. Erfahre hier von der größten Sammlung der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“, die Kandinsky mitbegründete.


Nicht ausdrücklich gekennzeichnete Bilder in diesem Artikel © avecMadlen

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Kunst

Nackte Provokation: Cranachs Symbolik im Jungbrunnen

Das fantastische Gemälde „Der Jungbrunnen“ von Lucas Cranach dem Älteren (1546) beleuchtet die mittelalterliche Badekultur und Heilungsglauben auf provokative Art und Weise. Das Werk zeigt ältere Frauen, die sich in einem Brunnen baden und verjüngen lassen, um danach eine fette Party zu feiern. Männer hingegen scheinen in diesem Gemälde kein Interesse daran zu haben, sich in den Jungbrunnen zu begeben. Dieses Meisterwerk hängt in meiner geliebten Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin. Dieses Kunsthaus zählt für mich zu den wichtigsten Gründen, warum Berlin die geilste Stadt Deutschlands ist.

Gemälde "Der Jungbrunnen" von Lucas Cranach dem Älteren in der Gemäldegalerie Berlin
Der Jungbrunnen (1546); Maße: 120,6 × 186,1 Zentimeter

„Der Jungbrunnen“ von meinem Lieblings-Cranach

Die Szene im „Jungbrunnen“ spielt sich vor einer mystischen Landschaft ab, die durch ihre irrealen Perspektiven und Proportionen besticht. Während links karge Felsen als Symbol des Alters der Frauen stehen, repräsentiert rechts blühendes Leben die neu gewonnene Jugendlichkeit. Letzteres wird durch ein Wasserspender im Zentrum des Beckens unterstrichen. Bekrönt ist der Spender mit den Figuren von Venus und Amor – hier dienen sie als Symbole für Erneuerung der Liebeskraft.

Eindrücklich zeigt mein geliebter Cranach am linken Rand des Bildes gebrechliche alte Frauen. Sie werden nämlich aus einer kargen Berglandschaft ins Wasserbecken geführt. Nach ihrer Verjüngung treten sie am rechten Rand wieder hervor. Ein junger Mann geleitet sie dann zur Neueinkleidung in ein Zelt – der erste Schritt zurück ins sinnliche Vergnügen.

Cranachs Scherzchen und das mittelalterliche Weltbild

Im Kunstwerk finden sich ein paar scherzhafte Bezüge. Zum Beispiel ein möglicher Arzt, der eine nackte alte Frau begutachtet, bevor sie ins Wasser steigt. Aber auch die Zweifel mancher Frauen, ob ein verjüngtes Leben tatsächlich erstrebenswert ist, werden aufgegriffen. Man Blicke nur in die Gesichter dieser Frauen.

Deutlich wird in Cranachs Jungbrunnen auch eine mittelalterliche Weltansicht. So sollen nur Frauen dieses Bad benötigen, da alte Männer sich durch den Umgang mit jungen Frauen automatisch verjüngen würden. Doch trotz des übernatürlichen Themas bleibt Lucas Cranach d. Ä. in seiner Darstellung realistisch. Alle Männer, mit denen sich die verjüngten Frauen abgeben sind ebenfalls jung und galant. Die alten Frauen stellt er auffällig unattraktiv und erloschen dar. Keine Gilfs in Sicht.

Hier siehst du Cranachs blutrünstige Frauen – diese Darstellungen habes es in sich.

Cranachs Jungbrunnen: Schwierigkeiten bei der Zuschreibung

Die Zuschreibung des Gemäldes gestaltet sich schwierig. Sowohl Vater Lucas Cranach der Ältere als auch sein Sohn (Lucas Cranach d. J.) kommen als Urheber infrage. Derzeit neigt die Forschung dazu, es dem Alterswerk des Vaters zuzuordnen.

Das Bild, ausgeführt in Öl auf Lindenholz, trägt das Schlangenzeichen mit Vogelflug aus Cranachs Werkstatt und die Jahreszahl 1546. Es wurde für einen unbekannten Auftraggeber angefertigt und gehört seit 1829/1830 zur Verwaltung der königlichen Schlösser.

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Renaissance: Lorenzo Lottos eigenwilliger Stil

Der venezianische Maler Lorenzo Lotto, bekannt für seinen unkonventionellen Stil, hat in einem seiner frühen Werke die mystische Vermählung der Heiligen Katharina von Alexandria dargestellt. Dieses Thema war insbesondere für die Andacht junger Frauen beliebt. Dieses eindrückliche Werk sah ich auf der Finissance der Venezia 500 in München. Meinen Blick konnte ich lange nicht davon lösen.

Lorenzo Lotto: Die mystische Vermählung der hl. Katharina, circa 1506 (Fragment)

Lorenzo Lotto: Die Vermählung der Heiligen Katharina

Laut Legende suchte die heilige Katharina einen Ehemann, der ihr an Stand, Vermögen und Intellekt ebenbürtig war. Sie wandte sich an einen Einsiedler um Rat, der ihr ein Bildnis der Madonna zeigte und Christus als idealen Gemahl vorschlug. In einem darauffolgenden Traum überreichte der Christusknabe Katharina symbolisch einen Ring zur Bestätigung ihrer mystischen Hochzeit.

Lotto’s ungewöhnliche Komposition lässt den Blick auf einen intensiven Abendhimmel frei und unterstreicht den visionären Charakter dieser Szene. Seine eigenwillige und fantasievolle Bildsprache zeugt von seiner ständigen Suche nach innovativen ikonographischen Lösungen für seine Kunstwerke.

Lorenzo Lotto: Die mystische Vermählung der heiligen Katharina
Lorenzo Lotto: Die mystische Vermählung der hl. Katharina, circa 1506

Das ist über den venezianischen Künstler bekannt

Lorenzo Lotto, geboren 1480 in Venedig und verstorben vor Juli 1557 in Loreto, zeichnete sich als bedeutender italienischer Maler der Hochrenaissance und des frühen Manierismus aus. Trotz seiner unklaren Jugend- und Ausbildungszeit stieg er wegen seines einzigartigen Stils und seiner eigenständigen Interpretationen zu einem gefragten Künstler auf.

Lotto war stark von den Arbeiten Giovanni Bellinis und Albrecht Dürers beeinflusst, wie seine frühen Werke verraten. Seine erste Erwähnung als Maler datiert auf den 10. Juni 1503, als er in Treviso im Veneto lebte. Zu dieser Zeit hatte Lotto bereits einen hervorragenden Ruf erworben und wurde in Dokumenten aus dem Jahr 1505 sogar als „sehr berühmter Maler“ bezeichnet.

Curator's introduction | Lorenzo Lotto Portraits | National Gallery

Lorenzo Lotto: Diese Lebensjahre sind besonders wichtig

Neben seiner Arbeit in verschiedenen italienischen Städten, darunter Rom und Bergamo, schuf er bedeutende Werke für Kirchen wie die Pala di Santa Cristina bei Treviso oder das große Polyptychon für die Kirche San Domenico in Recanati. Bemerkenswert ist auch seine künstlerische Phase während seines Aufenthalts in Bergamo zwischen 1512 oder 1513 bis Ende 1525. Diese Phase gilt nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ als eine besonders fruchtbare Zeit von Lottos Leben.

Trotz finanzieller Schwierigkeiten und persönlicher Rückschläge blieb Lotto seiner Leidenschaft treu und widmete sein Leben ganz der Kunst. Seine letzten Jahre verbrachte er zurückgezogen im Kloster Santa Casa in Loreto, wo er trotz schwindender Augenkraft weiterhin malte.

Lorenzo Lotto: Bildnis des Giovanni della Volta mit Frau und Kindern (1547)
Spätwerk des Lorenzo Lotto: Bildnis des Giovanni della Volta mit Frau und Kindern (1547)

Sein Werk ist fantasievoll und formal vielfältig – es steht grundsätzlich in der koloristischen Tradition der venezianischen Malerei nach Giovanni Bellini und Vivarini, jedoch mit ganz eigenständigen zügen. Sein Streben nach Natürlichkeit bleibt dabei stets erkennbar. Dies und sein virtuoser Umgang mit Licht und Schatten verleihen vielen seiner Bildkompositionen eine gewisse Unmittelbarkeit sowie etwas Mystisches.


Verwendete Quellen:

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Gegenwartskunst: Überwältigt von Idowu Oluwaseun

Der nigerianische Künstler Idowu Oluwaseun verwebt in seinen Kunstwerken die kraftvolle Schönheit afrikanischer Frauen. Seine Arbeiten spielen an der Grenze zwischen Malerei und Mode. Er schafft eine kreative Kreuzung, die nicht nur ästhetisch ansprechend ist, sondern auch inhaltlich tiefgründig. Oluwaseun nutzt seine Kunst als eine Bühne, um Frauen eine Stimme zu geben. Dabei will er ihre Weltanschauungen und Erfahrungen in den Vordergrund rücken, um die besondere Rolle der Frau in der afrikanischen Kultur zu beleuchten. Eines seiner Werke sah ich auf der art Karlsruhe – hier geht’s zu weiteren Highlights der diesjährigen Kunstmesse.

Idowu Oluwaseun: Gemälde auf der Kunstmesse art Karlsruhe. Abgebildet sind zwei afrikanische Frauen.
Als ich dieses gigantische Gemälde auf der art Karlsruhe sah, blieb ich wie angewurzelt stehen. Schnell bemerkte der zuständige Galerist mein Interesse – und wahrscheinlich auch meinen auf der Brust baumelnden Pressepass – und kam mit mir ins Gespräch.

Idowu Oluwaseuns Gemälde können in der Düsseldorfer Galerie Voss käuflich erworben werden. (Unbezahlte Werbung)

Idowu Oluwaseun hinterfragt Hierarchien – mit seiner Kunst

Ein prägnantes Beispiel für Oluwaseuns Ansatz ist sein Gemälde „Propped“ aus dem Jahr 2023. In diesem Werk fordert er konventionelle Machtstrukturen heraus. Er stellt eine Frau dar, die mutig auf zwei Hockern steht – ein Symbol, das traditionell mit Männern oder Monarchen assoziiert wird. Diese Darstellung ist ein bewusster Akt, der bestehende Hierarchien in Frage stellt, ohne dabei in direkte Vergleiche zwischen den Geschlechtern abzugleiten. Oluwaseun konzentriert sich vielmehr darauf, die innere Stärke, Widerstandsfähigkeit und das Können der Frauen in den Vordergrund zu stellen – und wenn du mich fragst, gelingt ihm das.

„Propped II“ Copyright: Galerie Voss

Ikonischen Frauen, wie etwa Funmilayo Ransome-Kuti, eine Vorreiterin für Frauenrechte und Schlüsselfigur im Kampf um Nigerias Unabhängigkeit, inspirieren den Künstler. Mit seiner Malerei erweckt Oluwaseun die Errungenschaften und den soziopolitischen Einfluss solch kraftvoller Frauen erneut zum Leben. Seine Werke strahlen eine dominante Aura aus und fangen das Wesen der porträtierten Frauen ein, deren Gesichter oft von Stoffen umhüllt sind. Diese Stoffe kommunizieren durch ihre Form und Farbe die individuelle Motivation der Frauen. Darüber hinaus verweisen sie auf die sozialen, kulturellen oder politischen Kontexte ihrer Regionen.

Eine Kooperation zwischen Künstler und Designerin

Oluwaseuns arbeitet mit der nigerianischen Modedesignerin Ejiro Amos Tafiri zusammen. Sie ist bekannt für ihre innovativen und kulturell verwurzelten Designs. Diese Kooperation verschafft seinen Gemälden eine neue Dimension. Tafiris Beitrag verleiht den Geschichten afrikanischer Frauen eine zusätzliche Tiefe und trägt dazu bei, das nigerianische Kulturerbe lebendig zu halten. Ihre Kleidungsstücke verstärken nicht nur die visuelle Anziehungskraft der Gemälde, sondern sind auch entscheidend für die Schaffung der individuellen Persönlichkeiten.

Indem Oluwaseun und Tafiri Hand in Hand arbeiten, bringen sie die reichen Erzählungen afrikanischer Frauen ins Rampenlicht und fordern den Betrachter dazu auf, ihre Erfahrungen und Beiträge zur Gesellschaft neu zu bewerten.

„Prestine II“ (2023) – Acryl auf Leinwand. Copyright: idowuoluwaseun.com

Idowu Oluwaseun und Ejiro Amos Tafiri: Mode als Ausdruck von Kultur und Tradition

Oluwaseun wurde 1982 in Lagos (Nigeria) geboren und ist derzeit in Houston (Texas) ansässig. Er vereint seine Ausbildung an der Kunstakademie Düsseldorf und seine Leidenschaft für Themen wie Tradition und Identität, um einzigartige Porträts zu schaffen, die das Wesen afrikanischer Menschen einfangen. Tafiri, Absolventin des Yaba College of Technology und Gründerin ihres gleichnamigen Labels, bringt traditionelle afrikanische Kleidungsstile mit modernen Techniken zusammen und präsentiert ihre innovativen Kollektionen auf internationalen Bühnen.

Diese künstlerische Synergie zwischen Oluwaseun und Tafiri unterstreicht die Bedeutung von Mode als Ausdruck von Kultur und Tradition. Diese Verbindung von Mode und Malerei stellt die afrikanische Frau, ihre Geschichte und ihre unerschütterliche Stärke auf ein Pedestal. „Pedestal heißt auch die Bilderreihe von Idowu Oluwaseun – hier gibt es weitere Gemälde von ihm.


Quellen:

  • galerievoss.de: „Idowu Oluwaseun | PEDESTAL 09.12.2023 – 10.02.2024“
  • Gespräch mit Galerist auf der art Karlsruhe
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Kunst

Was geht denn bei der art Karlsruhe ab?

Letzter Tag art Karlsruhe. Lustlos, aber gut gelaunt schleppe ich mich zwei Stunden vor Feierabend hin. Ich hoffe gar nicht erst darauf, überrascht zu werden, denn ich meine, alles mögliche bereits gesehen zu haben. Dann betrete ich die Ausstellungshallen.

art Karlsruhe: Chagall in die Fresse

Das erste was ich sehe, ist eine riesige Farblithographie von Chagall, die zum Verkauf steht. Meine Hände zittern, der Atem stockt. 88K soll sie kosten, wie der Herr aus der Galerie Rudolf mir auf Anfrage verrät. Recht bodenständiger Preis, auch wenn ich mit Chagall eine sehr komische Beziehung führe. Unfassbare Werke stellt diese Galerie zum Verkauf aus – unfassbare! Frecherweise hängt gleich daneben auch noch eine Landschaft von Otto Dix. Ich weiß, dass wenn ich jetzt nicht die Fliege mache, ich womöglich ohnmächtig werde.

art Karlsruhe: Marc Chagall
Take My Money: Marc Chagall (1887-1985) „Romeo und Julia“. Farblithographie angeführt von Charles Sorlier auf Vélin d‘ Arche 1964. Auflage 200 Exemplare, signiert.

Ich liebe diese Kunstmesse, wtf?

Was ich auf der art Karlsruhe sehe, gefällt mir nicht nur. Es berührt mich und es inspiriert mich. Die Farben, die Innovationen und die Wege der Expressionen. Ich liebe es, ich kann nichts sagen. Ich bin wirklich überrascht. Das letzte Mal, als ich diese Messe (evtl. 2017?) besuchte, fand ich es nicht so knorke. Ich weiß nicht, warum. Ebendas war auch der Grund, weshalb ich diesmal keine Erwartungen hatte. 

Sogar „welt.de“ schreibt: „Die art Karlsruhe hat sich behutsam erneuert, ohne ihr Erfolgsrezept zu verraten.“ Nachvollziehbar. Im Zentrum steht Klassische Moderne und die Kunst nach 1945. Davon gibt es auch reichlich. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich hinsehen soll. Alles ist so geil, so bunt, so voll von Zeitgeist und Energie. Ich liebe es, aber ich wiederhole mich. 

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Rubens‘ Venus: Die sanfte Schönheit göttlicher Erotik

Venus, in der römischen Mythologie bekannt als die Göttin der Liebe, entstand aus der Inspiration durch die griechische Göttin Aphrodite. Mit anderen Worten: Die Römer schufen Venus, indem sie Aspekte von Aphrodite übernahmen und an ihre eigene Kultur anpassten. Dieser Vorgang, bei dem Elemente aus verschiedenen Kulturen übernommen und miteinander verschmolzen werden, war besonders in der Zeit des Hellenismus verbreitet. In der Hellenismus-Epoche nahm die griechische Kultur Einfluss auf Gebiete, die weit über die Grenzen Griechenlands reichten.

Venus wird vor allem als Göttin der Schönheit, Fruchtbarkeit und Liebe verehrt. Typischerweise wird sie mit Symbolen wie der Rose, der Myrte und dem Apfel dargestellt. Diese Attribute symbolisieren jeweils Liebe, Schönheit und Verführung. Darüber hinaus kann sie auch von Tieren begleitet sein, die für sie von Bedeutung sind, einschließlich der Taube, des Sperlings, des Kaninchens, des Delphins und des Schwans (wobei ich beim Schwan aufpassen würde – könnte nämlich oftmals der der Leda sein). Alle beigefügten Tiere repräsentieren verschiedene Aspekte der Liebe und Fruchtbarkeit.

Hier eine Darstellung der Venus von Lucas Cranach dem Älteren im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg: Man sieht die Göttin mit ihrem Sohn Amor als Honigdieb (1537).

Venus war nicht immer die Allegorie der Liebe und Schönheit

In ihren frühesten Anfängen wurde Venus gar nicht mit der romantischen Liebe assoziiert, sondern galt als Schutzpatronin des Garten- und Weinbaus sowie als Symbol für sinnliche Freuden und den Frühling.

Das lateinische Wort „venus“, aus dem ihr Name stammt, bezieht sich auf Konzepte der Anziehung und Schönheit und ist verwandt mit Worten wie „venustas“ (Anmut), „venerari“ (verehren) und „venos“ (Huld und Liebreiz), die alle aus derselben sprachlichen Wurzel kommen. Ursprünglich bezeichnete „venus“ einen allgemeinen Zauber oder Charme, bevor es zur Personifizierung in der Figur der Göttin Venus kam.

Zahlreiche Mythen und Legenden, die sich um Venus ranken, bieten Künstlern und Schriftstellern viel Spielraum für Interpretationen. So kann die Darstellung der Venus in der Kunst je nach Zeitperiode und künstlerischem Kontext stark variieren, was ihre Rolle und Bedeutung in der jeweiligen Kultur widerspiegelt.

Paul Peter Rubens: Venus vor dem Spiegel

Kommen wir zu Rubens‘ Venus: Haut so zart wie Seide, Haar, das wie Gold im Licht schimmert. Paul Peter Rubens lässt in seinem Gemälde „Venus vor dem Spiegel“ die Göttin der Schönheit in all ihrer Pracht erstrahlen. Dabei erweckt der Künstler den Eindruck, als würde die sinnliche Schönheit direkt den Betrachter anblicken.

Paul Peter Rubens: Venus
Peter Paul Rubens, Venus vor dem Spiegel, um 1614–15, Copyright: LIECHTENSTEIN. The Princely Collections, Vaduz-Vienna

In seiner meisterhaften Darstellung von nackter Haut und glänzendem Haar hat Rubens die Venus inszeniert und schafft damit ein Sinnbild der Schönheit schlechthin. Die Aufmerksamkeit des Betrachters wird durch den prominenten Spiegel auf Venus gelenkt, das ihr Antlitz wie ein Porträt rahmt.

Erfahre hier, wie Hans Baldung die Schönheit der Erotik in einem skandalösen Marienbildnis verbaut.

Rubens: Betonte Erotik durch schmückende Elemente

Ein weiterer Blickfang sind die wenigen, aber kostbaren Schmuckstücke, die eher zur Unterstreichung ihrer Nacktheit als zur Beeinträchtigung ihrer natürlichen Blöße dienen. Die subtile Malweise von Rubens ist unverkennbar und trägt maßgeblich zu den sinnlichen Qualitäten des Gemäldes bei. Man beachte dabei das sanft eingearbeitete Wangenrot der Göttin, sowie auch das zart andeutende Gewand, das ihre Hüften umschmeichelt.

Das Motiv des Spiegels gibt in diesem Gemälde den Ton an. Doch diese Darstellung, in Verbindung mit Venus und Amor, war nicht exklusiv für Rubens reserviert. Auch Tizian und Veronese griffen auf dieses Thema zurück und dienten somit als Inspiration für Rubens.

Die schöne Venus: Was bedeutet der vorgehaltene Spiegel?

Ob der von Sohnemann Amor vorgehaltene Spiegel eine tiefgreifende Bedeutung trägt, kann ich nicht so genau einschätzen. Es bietet sich allerdings durchaus an, über die Symbolik des Spiegels nachzudenken. Die Künstlerin Lea Finke hat in ihrem coolen Blog (Quelle unten) den Spiegel als Bedeutungsträger in der Kunst thematisiert. Das könnte laut ihr die Darstellung eines Spiegels bedeuten:

  • Erkenntnis: Der Spiegel als Symbol der Selbsterkenntnis sowie die Suche nach der Wahrheit.
  • Illusion: Die Darstellung eines Spiegels kann auch das genaue Gegenteil Bedeuten, nämlich Illusion und Täuschung.
  • Vergänglichkeit: Oftmals soll ein Spiegel in der Malerei auch daran erinnern, dass die Jugend nicht ewig währt.
  • Schönheit: „Von der Antike bis zur Gegenwart haben Künstler den Spiegel als ein ikonisches Symbol der Weiblichkeit und Schönheit genutzt. Die römische Göttin Venus wird oft mit einem Spiegel dargestellt, der ihre Schönheit und ihr Selbstbewusstsein betont“, schreibt Finke. In der Porträtmalerei diene der Spiegel oftmals als Requisit zur Unterstreichung der Attraktivität des Dargestellten. Klingt doch passend zu unserer Rubens-Venus, oder?

Hier gibt es sie zu sehen

Wer die zarte Venus mit dem Spiegel von Paul Peter Rubens aus nächster Nähe bestaunen will, sollte sich die Sonderausstellung „HERKULES DER KÜNSTE Johann Adam Andreas I. von Liechtenstein und das Wien um 1700“ nicht entgehen lassen. Sie startet am 16. Februar und endet am 1. April 2024 im Gartenpalais Liechtenstein, Fürstengasse 1, 1090 Wien.


Quellen:

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