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Pashupatinath: Nepal zeigt mir die Schönheit des Todes

Festliche Kleidungsstücke und Tikkas aus rot gefärbtem Reis schmücken die vielen Menschen, die barfuß über das Kopfsteinpflaster der heiligen Stätte Pashupatinath schreiten. Familien bewegen sich langsam durch die Anlage, Kinder laufen zwischen Erwachsenen hindurch, Frauen nehmen einander in den Arm und machen Erinnerungsfotos. Es herrscht diese friedvolle und feierliche Stimmung, die das Herzstück der nepalesischen Mentalität ist.

Dann bemerke ich den dichten, gelben Rauch in der Ferne, der über den Dächern der Tempel emporsteigt. Eigentlich weiß ich sofort, was für ein Rauch das ist.

Je näher ich komme, desto häufiger muss ich husten. Es ist ein warmer, sonniger Tag mit dieser leichten Luftfeuchtigkeit, an die Kathmandu gewöhnt ist. Der Geruch von brennendem Heu liegt in der Luft.

Pashupatinath: Der heilige Tempel Nepals

Pashupatinath ist eine der heiligsten Stätten des nepalesischen Hinduismus. Ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, um zu beten, ihre Kultur zu leben, ihre Familien zu treffen. Und ein Ort, an dem Menschen ihre Verstorbenen verabschieden.

Ich betrete ihn vorsichtig, mit Respekt und reinem Herzen. Es ist eigentlich für alle bereits von Weitem klar, dass ich mit meinem osteuropäischen Gesicht und meiner Kleidung nicht Teil der Glaubensgemeinde bin. Ich möchte niemanden stören. Nicht zu neugierig wirken. Obwohl ich es durchaus bin. Mehr noch: ich bin bis auf die Knochen fasziniert.

Mein Guide spricht neben starkem Englisch auch ein wenig Deutsch. Er erklärt mir die Symbolik der Steinmetzarbeiten, beantwortet meine Fragen, führt mich durch die Anlage. Sachlich und ruhig scheint er sich über meine Neugier zu freuen.

Er führt mich auf eine Plattform. Von dort kann ich die Verbrennungsstätten sehen. Mönche und Verwandte schreiten im Uhrzeigersinn um eine verstorbene Person auf dem Holzstoß. Weiter hinten weint eine Frau ihren Frust aus sich heraus, während sie einen Leichenzug anführt. Hinter dem gelben Rauch und den Gemäuern blicken festlich gekleidete Mädchen mit ruhiger Freude und Demut auf die Dächer der Tempel.

Der heilige Tempel Pashupatinath zwischen Leben und Tod

Tod und Leben vermischen sich hier in Pashupatinath. Ich höre die sanften Stimmen der Nepalesen mit ihrer melodischen Sprache, Glocken, das Knacken des brennenden Holzes unter den Verstorbenen. Mein Guide führt mich weiter. Er zeigt mir die letzte Waschung. Für mich die erste Konfrontation mit einem leblosen Menschen. Der Körper liegt dort auf einer steinernen Plattform am Fluss. Umgeben von Menschen, die ihn geliebt und gekannt haben und die ihn nun auf seine letzte Reise vorbereiten.

Die Angehörigen schöpfen mit den Händen Wasser aus dem heiligen Fluss Bagmati und übergießen die in orangefarbene Laken gehüllte Person mit dem Wasser. Dann erklingt ein Horn. Der Körper wird in weitere Stoffe gewickelt, auf eine Trage gehoben und zu einer der Verbrennungsplattformen getragen. Blütenblätter überall. Die Trauer der Angehörigen ist am anderen Ufer des Flusses, wo ich stehe, spürbar. Ruhig und in sich gekehrt stehen sie beisammen.

Mein Guide merkt, dass mich die Waschung emotional aufwühlt und passt sein Tempo meinem an. Er drängt mich nicht weiter. Ich darf bleiben und mittrauern.


Nepal braucht uns. Die Flutkatastrophe riss viele hundert Menschen aus dem Leben. Über Tausend werden vermisst. Für die Rettung und Notversorgung könnt ihr hier spenden:

Freundeskreis Nepalhilfe e.V. (zur offiziellen Website geh’s hier)
VR Bank Lahn-Dill eG
IBAN: DE73 5176 2432 0069 5697 06
BIC: GENODE51BIK
Verwendungszweck: Nothilfe Nepal

oder auf das Sonderkonto:

Michael Bauer (prominentes Mitglied des Freundeskreises Nepalhilfe e.V.)
Sparkasse Baden-Baden
IBAN: DE69 6625 0030 0469 99
BIC: SOLADES1BAD
Betreff: Flutkatastrophe

Ich vertraue diesem Verein und weiß, dass die Spendengelder ohne Abzüge in Nepal bei den Menschen ankommen, die es am meisten brauchen.


Darf ich überhaupt hier sein?

Ich habe ihn ständig gefragt, ob ich überhaupt dort sein darf. Ob mein Blick auf einen verstorbenen Menschen bereits eine Grenzüberschreitung ist. Ob ich gerade in eine Intimsphäre eindringe, die mir nicht gehört.

Er und mehrere Mitarbeiter von der Touristinfo vor Ort erklären mir, wo ich hin darf, wie ich mich verhalten soll und was in Ordnung ist. Die Regeln sind erstaunlich entspannt und offen. Wie auch der Rest Nepals.

Trauern in der Gemeinschaft

Eine Trauerfeier ist keine abgeschottete Angelegenheit. Angehörige trauern gemeinsam mit anderen. Menschen sehen zu, Fremde stehen in der Nähe. Rituale werden in einer Gemeinschaft vollzogen. Für mich entsteht eine Symbiose aus Öffentlichkeit und etwas zutiefst Intimem.

Und irgendwann erkenne ich, dass Menschen im Pashupatinath ihre Trauer nicht verstecken müssen. Sie dürfen sie mit allen um sich herum teilen.

Eine Begegnung in der Tempelanlage

Ich verabschiede mich nach einiger Zeit von meinem Guide und erkunde die Tempelanlage allein. Dann setze mich auf den staubigen Boden und beobachte das Verbrennungsritual jener Person, deren Waschung ich zuvor gesehen habe.

Ein Mann kommt zu mir. Er fragt mich ganz vorsichtig nach einem Selfie und ich stimme zu. Dann bleibt er noch einen Moment neben mir sitzen und wir blicken gemeinsam auf die Verbrennungsstätten, die nun alle belegt und in Flammen sind. „Fühlst du dich friedlich an diesem Ort?“, fragt er mich. Ich bejahe. Und mir wird klar, dass ich mich selten so friedlich gefühlt habe.

Ich bleibe noch einige Zeit sitzen und schaue ins Feuer und in den Rauch, der mal langsam, mal schneller nach oben steigt. Ich schaue auf die Menschen und die Tempel. Auf das Leben, das neben dem Tod einfach weitergeht.

Tempel Pashupatinath in Kathmandu, Nepal. Blick auf den heiligen Fluss und die Verbrennungsstätten

Ein heiliger Ort der Symbiose aus Gegensätzen

Irgendwann gehe ich weiter und ich erkenne den Pashupatinath als einen Ort der Zusammenkunft. Einen Ort, an dem das Leben selbst und das Ende des Lebens gewürdigt werden. Einen Ort für Junge und Alte, Arme und Reiche. Gläubige, Ungläubige und Andersgläubige. Einen Ort der Tränen und des Lächelns.

Hin und wieder sehe ich, wie heilige Stiere mit puschelig gebürstetem Fell zwischen den Menschen hindurchgehen, als würde der Pashupatinath ganz ihnen gehören.

Danke, Pashupatinath

Die Offenheit der Menschen, mich ihre Kultur so hautnah miterleben zu lassen, macht mich unfassbar demütig und dankbar und ich muss mich irgendwie auch fragen, warum sie das tun. Vielleicht, weil sie ein Stück ihrer wertvollen Kultur mit mir teilen oder sich mir als Menschen zeigen wollen. Nicht indem sie mir etwas erklären, sondern mich teilhaben lassen.

Madlen Trefzer im Taxi auf dem Weg vom Tempel Pashupatinath

Was bleibt ist, dass der Pashupatinath eine Tür in mir geöffnet hat, die über das bereits Gesehene hinausgeht. Der heilige Tempel stellte meine Vorstellung von Leben, Tod und Glauben regelrecht auf den Kopf. Und ich sehne mich nach einem baldigen Wiedersehen.

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