Kategorien
Reisen

Nepal ertrinkt: Was können wir tun?

Als ich aus dem Flugzeug steige, erfahre ich von der Katastrophe. Sofort schreibe ich allen neu gewonnenen Freunden aus Nepal. Alle sie waren am Leben und in Sicherheit.

Einer der Freunde kommt direkt aus der Katastrophenregion Rasuwa (weitere betroffene Städte: Nuwakot und Dhading). Er und seine Familie sind wohl auf. Er war meine allererste Informationsquelle. Am laufenden Band liefert er Videos von vor Ort: Menschen, die um ihr Leben rennen, als sie die Flut sehen. Brücken, die von den Wassermassen weggerissen werden. Leblose Körper, die die nepalesischen Soldaten versuchen aus dem Fluss Trishuli zu ziehen. Sie versuchen es zu sechst, zu siebt, zu acht, bis sie es schaffen, gegen die heftigen Wasserströme anzukommen. Bilder einer Katastrophe, die uns mit dpa und Imago hier schlicht nicht gezeigt werden können.

IMAGO / NurPhoto

Weitere Freunde von der Naturkatastrophe betroffen

Ich saß völlig machtlos in Deutschland und sah dabei zu, was in dem Land passierte, das ich gerade erst verlassen hatte. Das ich gerade erst so tief ins Herz geschlossen hatte. Die Natur kann so wütend sein. So grausam.

Die Familie einer Freundin trug erhebliche Schäden am Grundstück davon. Ein Freund aus TikTok berichtete mir ebenfalls, dass seine Familie von materiellen Schäden betroffen sei. In Sicherheit zu sein bedeutet eben nicht, dass alles in Ordnung ist. Denn für viele Menschen in den betroffenen Regionen bedeutet eine solche Katastrophe nicht nur ein paar Tage Angst. Wenn Infrastruktur zerstört wird, wenn Straßen und Brücken verschwinden, wenn abgelegene Dörfer vom Rest des Landes abgeschnitten werden, kann plötzlich die Grundlage des gesamten Lebens wegbrechen. Von dem Tod zahlreicher Menschen ganz zu schweigen.

Nepal kurz vor der Sturzflut

Kurz vor der Flut erlebte ich Nepal so friedlich. So entspannt, freundlich und voller Liebe zur Welt, zur Natur, zu mir. Die Menschen haben mir alles zu erleben und zu erforschen erlaubt. Mehr noch: Sie nahmen mich bei der Hand und führten mich ins Herz dessen, was sie als Gesellschaft ausmacht.

Ich fühlte mich wie ein wertvoller Teil davon. Als würde ich dazugehören. Und ich sage es ehrlich: Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich das Gefühl hatte, dazuzugehören. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb mich das, was gerade passiert, so trifft, dass ich zwischen Tränen und Berechnung, wie ich für dieses Land nützlich sein kann, hin und her gerissen bin.

Diese liebenswerten Menschen, die mit deutlich weniger auskommen als wir in Europa und sich dabei dieses Lebens freuen. Trotz aller Schwierigkeiten. Man kann sie nur lieb haben und beschützen wollen. Ihre Art und ihr Umgang mit Gemeinschaft sind jedenfalls etwas, wovon ich noch viel lernen kann. Dabei scheint es für die Nepalesen das Normalste der Welt zu sein.

Auslöser der Flut in Nepal

Der unmittelbare Auslöser der Flut war der Gletscher. Die Katastrophe lässt sich nicht völlig losgelöst von dem betrachten, was Nepal schon seit Jahren erlebt. Bei meinen Recherchen zum Erdbeben 2015 stieß ich immer wieder auf die Folgen der globalen Erwärmung, die Nepal mit voller Wucht zu spüren bekommt: Immer heftiger werdende Monsune, Verschiebungen der Jahreszeiten, von denen auch die wirtschaftlichen Einnahmen durch Tourismus abhängen.

Und während wir in Europa solche Ereignisse häufig als Nachrichtenmeldungen sehen, sind sie für die Menschen vor Ort eine Frage des Überlebens. Dabei vergessen wir oft, dass das genau dieselben Menschen sind, wie wir auch – nur freundlicher. Sie haben dieselben Gefühle, dasselbe Blut durch ihre Adern fließen und im Moment leider ganz andere Sorgen, als wir.

Problematische Infrastruktur und medizinische Versorgung

Ein Freund erzählte mir während meiner Reise, dass die medizinische Versorgung und die Infrastruktur an zwei Fronten brennen. Mit einer solchen Flut spitzt sich die Situation noch weiter zu.

Zudem habe ich während meiner Reise gesehen, wie wichtig eine funktionierende Infrastruktur für die Menschen ist. Doch ich habe auch gesehen, wenn auch nur mit laienhaftem Auge, dass es dort schwierig ist, eine Infrastruktur überhaupt erst zu errichten. Oder in Stand zu halten.

Auswirkungen der Flut auf das reale Leben der Menschen

Eine zerstörte Brücke ist in Nepal daher nicht einfach eine zerstörte Brücke. Für abgelegene Dörfer kann sie bedeuten, dass Menschen möglicherweise nicht mehr an Nahrung, medizinische Versorgung, Wasser oder Gas kommen. Sie könnten auf unbestimmte Zeit auf sich selbst gestellt sein.

Für einen Guide etwa kann ein zerstörter Trekkingweg den Verlust seiner Existenzgrundlage bedeuten. Und wenn er während der Flut mit Touris unterwegs war, könnte es bedeuten, dass sein Rückweg durch die Naturgewalt blockiert ist und er nun für das Überleben der ganzen Wandergruppe kämpfen muss.

Für eine Familie, deren Grundstück oder Haus zerstört wurde, kann es bedeuten, wieder bei null anfangen zu müssen.

Mit Mut und Kraft machen sie unaufhörlich weiter

Doch ich möchte die Menschen Nepals nicht als völlig hilflos darstellen. Sie sind meine ganz persönlichen Helden, denn sie kennen ihr Land, ihre Wälder und Berge. Und so, wie ich sie während meines Aufenthalts erlebt habe, traue ich ihnen zu, dass sie selbst unter widrigsten Umständen überleben und anderen beim Überleben helfen können. Ich bete daher dafür, dass so viele Vermisste wie möglich, wieder gefunden werden.

Ich sehe die Nepalis als Menschen, die in diesen Verhältnissen funktionieren und weiterkämpfen, ohne zu vergessen, wer sie sind, woher sie kommen und was sie als Volk und Gemeinschaft ausmacht.

Das nächste Problem könnte bald schon Realität werden

Und jetzt beginnt bei mir eine andere Sorge. Die Katastrophe trifft Nepal zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Die touristische Saison beginnt. Viele Menschen leben direkt oder indirekt vom Tourismus. Ich habe Angst davor, dass Menschen in Europa jetzt in die Hosen scheißen und sich dazu entscheiden, nicht nach Nepal zu gehen. Diese Entscheidung könnte für viele Menschen vor Ort eine weitere, diesmal finanzielle, Katastrophe bedeuten.

Ich bin derzeit selbst noch dabei, konkrete Möglichkeiten zu prüfen, wie Spenden seriös dorthin gelangen, wo sie tatsächlich gebraucht werden. Eine Möglichkeit, die mir bislang seriös erscheint, sind die Spendenaufrufe von Help4Nepal Karlsruhe. Die halfen dabei, eine Schule nahe des heutigen Katastrophengebiets zu errichten. Leider gehen sie derzeit meiner Bitte, sich zu melden und über konkrete Hilfe, die ich ihnen als Journalistin anbieten kann, zu sprechen, nicht nach. Noch bin ich guten Glaubens, dass das aber schon bald passieren wird.

Seriöse Hilfe: Schnell und direkt vor Ort

Schneller und effizienter funktioniert die Kommunikation mit der Einrichtung Thanaka. Wir sind in engem Austausch miteinander und ich werde fast stündlich auf dem Laufenden gehalten, was passiert, was benötigt wird und wer von den Helfern vor Ort ist. Mein Informant ist ein Mann aus Bhaktapur, dem ich buchstäblich mein Leben anvertrauen würde. Daher schätze ich persönlich Thanaka als überaus zuverlässig für Spenden ein. Sie sammeln über das non-profit- System „Hello Asso„. Noch check ich nicht ganz, wie es funktioniert. Ihr seid da schlauer. Weitere Informationen dazu werde ich ergänzen, sobald ich sie selbst geprüft habe.

Sachspenden für Nepal: Sinnvoll?

Sachspenden halte ich persönlich momentan nicht für sinnvoll. Aber es ist meine persönliche Meinung. Sobald es der Kontext erlaubt, werde ich die Menschen vor Ort dazu befragen, was sie davon halten. Jetzt gerade haben sie alle Hände voll zu tun und das muss man mit Respekt behandeln. Was jedenfalls sicher ist: Der Transport von Sachspenden ist teuer und kompliziert. Nepal hat grundsätzlich Zugang zu den Dingen, die auch wir hier kaufen können – und vieles davon ist dort deutlich günstiger. Mit medizinischer Versorgung sieht es aber schon anders aus. Fachpersonal und medizinische Geräte sind bittere Mangelware.

Meine Faustregel: Die Menschen vor Ort wissen selbst am besten, was sie benötigen und wo Geld eingesetzt werden kann. Daher würde ich immer erst darauf hören, was sie zu sagen haben.


Titelbild: IMAGO / NurPhoto

Die mobile Version verlassen