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Die größte Kandinsky-Erkenntnis, die ich bisher hatte

In der kunsthistorischen Rezeption von Wassily Wassiljewitsch Kandinsky hält sich ein Narrativ mit erstaunlicher Zähigkeit: Das Bild des genialen Synästhetikers, der Töne in Farben übersetzte, Musik auf die Leinwand bannte und im Rausch der Klänge die Abstraktion erfand. Auch ich habe bereits dieses „böse Gerücht“ verbreitet. Doch wie so oft bei wirkungsmächtigen Mythen der Moderne hält diese romantisierende Sichtweise einer wissenschaftlich-methodischen Überprüfung nur bedingt stand.

Wenn wir Kandinskys Werk betrachten, müssen wir uns fragen: Handelt es sich bei seinen musikalischen Bezügen um eine tatsächliche phänomenologische Sinnesüberschneidung oder vielmehr um die Metapher eines Menschen, der sich auf kreative Art und Weise ausdrücken konnte? Und vor allem: Handelte es sich überhaupt um ein Werkzeug zur Emanzipation der Malerei von der Gegenstandsnachahmung?

Porträt von Wassiky Kandinsky. Der Künstler sitzt am Tisch und schaut in die Kamera
Wassily Wassiljewich Kandinsky​ *4. Dezember (Greg.: 16.Dezember), 1866 in Moskau.​† 13. Dezember 1944 in ​Neuilly-sur-Seine.​ Copyright: xLebrechtxMusicxArtsx/xBridgemanxImagesx 3764577 Copyright: IMAGO / Bridgeman Images

Musikalische Malerei: Zeit- und Geisteskontext

Um Kandinskys Denken zu verstehen, müssen wir es im Geisteskontext seiner Zeit verankern. Die Idee einer „musikalischen Malerei“ war um die Jahrhundertwende keineswegs neu. Bereits um 1800 galt die Musik in der ästhetischen Theorie als die reinste, immateriellste aller Künste – eben weil sie von der Pflicht zur Gegenstandsnachahmung losgelöst war. Sie war das große Vorbild für eine Malerei, die nach eigener Autonomie strebte.

Ironisch ist, dass zeitgenössische Leser in Kandinskys Schriften vor allem die Analogien zur Musik aufsogen, während sie seine ausdrücklichen Erkenntnisse überlasen. So soll er es zumindest empfunden haben, weshalb er sich in seinen Schriften gegen oberflächliche Fehldeutungen gewehrt hatte. Er stellte klar: ihm sei es grund-unmöglich und gänzlich unerreicht, Musik malen zu wollen. Eine direkte Übertragung lehnte er als absurd ab.

Worum geht es Kandinsky wirklich?

Was schwebte ihm stattdessen vor? Thomas Steiert hat dies als eine „musikalisierte Malerei“ charakterisiert. Es ging Kandinsky nicht um die Imitation der Schwesterkunst, sondern um eine methodische Erweiterung des eigenen künstlerischen Handlungsspielraums.

Der Vergleich zwischen Malerei und Musik diente ihm dazu, die Wesensverschiedenheit beider Disziplinen zu schärfen. Die Notwendigkeit dieser kategorialen Trennung war für ihn unantastbar. Die Musik war für Kandinsky nicht die Schablone, sondern der Katalysator, um innerhalb der Malerei nach einer ebenbürtigen, autonomen Wirkungskraft zu suchen.

War Kandinsky Synästhetiker?

Die neuere Forschung, allen voran Andrea Gottdang, tritt dieser weit verbreiteten Annahme mit Skepsis entgegen. Gottdang weist nachdrücklich darauf hin, dass Kandinsky selbst nie explizit für sich in Anspruch nahm, über die neurologische Disposition Synästhesie zu verfügen. Die Behauptung stützt sich im Wesentlichen auf rückblickende Beschreibungen – wie etwa sein berühmtes Erlebnis bei einer Aufführung der Wagner-Oper Lohengrin in Moskau, bei der sich Farben vor seinem inneren Auge bewegten. Kandinskys wohl meist zitierte Äußerung überhaupt; die von der europäischen Kunstgeschichte so wahnsinnig gerne zurechtgeschnitten wird, ohne überhaupt den Aspekt berühren zu wollen, dass es dem Künstler nicht nur um den Farbklang ging, sondern um das Zusammenspiel von Farbe und seiner Heimatstadt – Moskau. Aber darüber rege ich mich an anderer Stelle noch mal ausgiebiger auf.

Wie dem auch sei. Aus kunsthistorisch-methodischer Sicht müssen wir hier strikt unterscheiden:

Erstens: Selbst wenn Kandinsky synästhetische Veranlagungen besaß, halfen ihm diese weder bei der konkreten Bildkonzeption noch beim avantgardistisch-historischen Durchbruch zur Abstraktion.

Zweitens: Das Verstreuen farbmusikalischer Metaphern in seinen Texten darf von Wissenschaftlern nicht als empirischer Nachweis missverstanden werden, dass seine Gemälde das Resultat synästhetischer Wahrnehmungsprozesse seien.

Kandinsky diskutierte intensiv mit Zeitgenossen wie etwa Franz Marc, August Macke oder Arnold Schönberg über Farb-Ton-Korrespondenzen. Doch alle sie stießen rasch an die Grenzen der Objektivierbarkeit. Thomas Steiert bringt es methodisch auf den Punkt: Die synästhetischen Verknüpfungen dienten Kandinsky lediglich als experimentelles Instrument – als eine Art theoretisches Modell, um die erweiterten Ausdrucksmöglichkeiten seiner malerischen Mittel zu erörtern.

Wie funktionierte nun Kandinskys Farbtheorie in der Praxis?

Er unterschied grundsätzlich zwischen einer rein physischen Wahrnehmung – dem Reiz des Auges – und einer psychischen Wirkung, die er gerne als „Seelenvibrationen“ betitelte.

Kandinsky begriff Farbwahrnehmung als ein multisensorisches Phänomen. Farben besitzen für ihn haptische und thermische Qualitäten: Sie sind glatt, samtig, warm oder kalt. usw. Ähnlich wie Goethe koppelte er die Farbwirkung an physikalische Erscheinungen, erweiterte dies jedoch. Farben besitzen für ihn exzentrische oder konzentrische Bewegungsmomente. Sie drängen auf den Betrachter zu oder weichen von ihm zurück; sie können darüber hinaus auch einen zeitlichen Ablauf im statischen Bild simulieren.

Man muss allerdings einräumen: Kandinskys Versuch, hierfür wissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten aufzustellen, scheiterte an der Subjektivität der menschlichen Empfindung. Seine Analysen zur synästhetischen Potenz einzelner Farben wirken oft willkürlich. Und verändern sich zudem noch im weiteren Verlauf seines Lebens. Wenn er Gelb als stechend, beunruhigend und dem Menschen zustrebend definiert, oder Schwarz und Weiß als Symbole von Existenz und Nicht-Existenz setzt, verlässt er den Boden der empirischen Wissenschaft. Aber nicht nur damit.

Wassily Kandinsky, Orientalisches, 1909, Öl auf Pappe, 69,5 x 96,5 cm,  Lenbachhaus​ München​. Copyright: Lehnbachhaus München.

Wassily Kandinsky und das Unerklärliche

Er wandte sich – dessen war er sich wohl bewusst – ab vom Erklärbaren und hin zum Unerklärlichen, etwa wenn er sich mit Chromotherapie oder theosophischem Gedankengut beschäftigte. Auch wenn unklar bleibt, inwiefern theosophische Lehren direkt in seine Malpraxis einflossen, zeigt sich hier Kandinskys Zielgruppe. Seine Theorie richtete sich nicht an die Masse, sondern an den „sensiblen Menschen“.

In diesem Kontext steht auch sein zentraler Begriff des „Klangs“. Wenn Kandinsky von „Farbklängen“ spricht, meint er keine akustische Übersetzung. Der „Klang“ ist für ihn der physiognomische Charakter der Farbe selbst – eine immaterielle, innere Qualität, die direkt auf das Gemüt wirkt.

Der entscheidende Schritt in Kandinskys Schaffen liegt darin, dass seine Hinwendung zur Abstraktion keinen Bruch mit der Kunstgeschichte darstellt. Ganz im Sinne Arnold Schönbergs wird die Abstraktion als eine Radikalisierung der Maltradition begriffen. Unter Kandinskys Prämissen löst sich die starre Grenze zwischen Gegenständlichkeit und Gegenstandslosigkeit langsam auf.

Wassily Kandinsky: Musikalische Terminologie in der Kunst

Die Terminologie, die er verwendete, um seine schöpferische Haltung zu manifestieren, oder zumindest zu betiteln, spiegelt sich in seiner Dreiteilung der Werkkategorien wider, die sich nicht nach dem Sujet richtet, sondern nach dem Grad der inneren Konstruktion:

Die Impression: Der direkte Eindruck äußerer Einflüsse.

Die Improvisation: Der unbewusste, spontane Ausdruck innerer Vorgänge.

Die Komposition: Als höchste Stufe. Hier bildet sich der innere Ausdruck in einem langen, fast pedantisch durchdachten Prozess heraus, der in zahlreichen Entwürfen geprüft wird.

Kandinsky lädt den Begriff der „Komposition“ doppelt auf: Er ist einerseits die Bezeichnung für seine ambitionierteste Werkgruppe, andererseits das allgemeine Konstruktionsprinzip, das jedem bedeutenden Kunstwerk zugrunde liegt.

Um diese Kompositionen zu strukturieren, greift er erneut auf musikalische Begrifflichkeiten zurück und unterscheidet zwei Hauptgruppen:

Die melodische Komposition: Sie basiert auf einfachen, geometrischen Formen und bleibt oft noch mit gegenständlichen Assoziationen verknüpft.

und die symphonische Komposition: Ein komplexes, vielschichtiges Gefüge, in dem viele kleine Einzelformen von einer verborgenen Hauptform zusammengehalten werden.

Sogar Tempobezeichnungen zog Kandinsky heran, um die Dynamik von Form und Farbe zu charakterisieren – wobei anzumerken ist, dass er laut seinen fertiggestellten Gemälden die Titel oft erst nachträglich zuschrieb.

Entliterarisierung der Kunst

Wichtig für eine methodische Bewertung ist der Begriff der „Entliterarisierung“. Indem die Malerei ihre erzählerische, literarische Funktion abwarf, erlangte ihr bildnerisches Material – Form und Farbe – eine Autonomie, die zuvor nur der Musik eigen war. Erst durch diese Freisetzung wurde es möglich, Begriffe wie „symphonisch“ oder „Harmonie“ rein strukturell auf die Malerei anzuwenden und ihre Wirkung in den Vordergrund zu stellen. Harmonie bedeutete für Kandinsky im Zeitalter der Moderne übrigens nicht mehr das gefällige Miteinander, sondern das Prinzip der Gegensätze und Widersprüche als eine zeitgemäße Auffassung einer neuen harmonischen Zusammenwirkung.

Eins der Schlüsselwerke von Wassily Kandinsky

Anhand eines der Schlüsselwerke Kandinskys lässt sich das Zusammenspiel von Musikerlebnis, Bildentstehung und methodischer Analyse exemplarisch sezieren: dem Gemälde Impression III (Konzert) aus dem Januar 1911.

Wassily Kandinsky, Impression III (Konzert), 1911, Öl auf Leinwand, 78,4 × 100,6 × 2 cm, München, Lenbachhaus.​ Copyright: Lehnbachhaus München.

Schon der Gattungsbegriff der „Impression“ suggeriert nach Kandinskys Systematik, wie wir wissen, die unmittelbare, fast reflexhafte Umsetzung eines äußeren Eindrucks – in diesem Fall des Besuchs jenes Münchner Neujahreskonzerts mit Werken Arnold Schönbergs. Doch die bildanalytische Betrachtung entlarvt den populären Mythos des spontanen, synästhetischen Farbrausches auf der Leinwand.

Zwei Skizzen die der Bezeichnung „Impression“ widersprechen

Wie der Kunsthistoriker Günter Brucher nachdrücklich herausgearbeitet hat, verlief die Genese keineswegs im Affekt. Andrea Gottdang greift diesen Befund auf und notiert: „Dass die Umsetzung des Konzerterlebnisses in Öl auf Pappe nicht ganz so spontan erfolgte, hat Brucher unter Hinweis auf die beiden vorbereitenden Skizzen hervorgehoben.“

Die zwei erhaltenen Skizzen dokumentieren einen Abstraktionsprozess: Die erste Skizze verortet das Geschehen noch ganz figurativ im realen Raum: Wir erkennen die räumliche Kulisse, das Publikum und den schwarzen Konzertflügel.

Wassily Kandinsky, Studie zu Impression III (Konzert), 1911, Kreide auf Papier, 10 × 14,9 cm, Paris, Centre Pompidou, Centre de création industrielle.​

Die zweite, abstraktere, Skizze löst den räumlichen Sog vollkommen auf. Die Perspektive weicht einer autonomen Farb- und Formdynamik. Ich sage Farbdynamik, weil Kandinsky hier die Farben bereits schriftlich bestimmt hat.

Wassily Kandinsky, Studie zu Impression III (Konzert), 1911, Kohle auf Papier, 10 × 14,8 cm, Paris, Centre Pompidou, Cabinet d’art graphique.

Kunsthistoriker analysieren Kandinskys Gemälde

Bedeutsam ist hierbei die Platzierung der gelben Fläche: Sie steigt nicht direkt aus dem schwarzen Flügel auf – wie eine triviale Übersetzung von Ton in Pigment vermuten ließe –, sondern drängt als mächtige Diagonale von links unten nach rechts oben. Kandinsky setzt hier primär auf rein malerische Dissonanzen: Das geheimnisvolle Schwarz des Flügels steht im harten, spannungsvollen Kontrast zur Bewegung des Gelbs.

Thomas Steiert bemerkt hierzu, bei Impression III vermische sich „das Sichtbare mit dem Hörbaren“. Andrea Gottdang präzisiert diese Wechselwirkung jedoch auf einer rein bildtheoretischen Ebene:

„Ist die Annahme richtig, dass dieses Gelb hier eine Chiffre für Musik ist, so gilt für die Musik im übertragenen Sinn alles, was für die Farbe festgestellt wurde. Klang umfängt die Hörerschar, sickert in sie hinein, wird durch die Farbe sichtbar gemacht, von ihr aufgenommen oder legt sich wie ein Dunstschleier über sie.“

Es handelt sich bei Impression III folglich weder um das verbildlichte Protokoll eines synästhetischen Erlebnisses noch war es Kandinsky wichtig, dass der Betrachter exakt Schönbergs Aufführung als solche entziffert. Das Gelb fungiert als autonome bildnerische Chiffre für das Phänomen der akustischen Raumdurchdringung.

Kandinskys „mentale Matrix“: Den „gelben Klang“ gibt es schon längst als Konzept

An dieser Stelle drängt sich eine grundlegende Frage auf: Woher stammt diese spezifische energetische Aufladung der Farbe Gelb als Raum greifender Klang?

Um dies zu beantworten, müssen wir den Blick auf Kandinskys abstrakte Bühnenkomposition „Der Gelbe Klang“ lenken, verfasst zwischen 1909 und 1910 und schließlich 1912 im Manifest der frühen Avantgarde „Der Blaue Reiter“ publiziert.

„Der Gelbe Klang“ ist ein Pionierwerk des abstrakten Tontheaters. Es verzichtet auf Handlung, Dialoge und psychologische Figuren. Die eigentlichen Akteure sind das Licht, die Farbe, die menschliche Bewegung und der Klang. Die Farbe Gelb tritt darin als exzentrische, drängende Kraft auf, die den Raum flutet und mit dunklen, violetten Nuancen im Konflikt steht.

Wenn die Bühnenkomposition bereits 1909/1910 fertiggestellt war, dann lebte das Konzept des „Gelben Klangs“ bereits als mentale Matrix in Kandinskys Geist, lange bevor er das Schönberg-Konzert im Januar 1911 besuchte.

Haben wir Schönbergs Konzert zu viel Bedeutung zugeschrieben?

Damit boten Schönbergs Dissonanzen Kandinsky den äußeren Anlass, um eine längst ausgereifte, theoretische Konzeption nun auch malerisch zu entfesseln. Behaupt ich jetzt einfach mal. Impression III ist nicht die Abbildung eines Schönberg-Stücks – es ist die visuelle Manifestation des bereits existierenden „Gelben Klangs“.

Dass diese chronologische Trennung zwingend ist, verdanken wir den Untersuchungen des Musikwissenschaftlers*Werner Keil aus dem Jahr 2000. Keil hat mit den gängigen Mythen der Forschung aufgeräumt:

„Eine enge persönliche Freundschaft zwischen Kandinsky und Schönberg und die dichte künstlerische Ereignisfolge 1911/12 haben die musikwissenschaftliche wie kunsthistorische Forschung schon früh veranlasst, nach Parallelen zwischen beiden Künstlern zu suchen und wechselseitige Beeinflussungen nachzuweisen. Es lag insbesondere nahe zu vermuten, Kandinskys Bühnenkomposition ‚Der gelbe Klang‘ und seine Farbtheorien hätten Schönberg bei der Fertigstellung der ‚Glücklichen Hand‘ geleitet; umgekehrt soll unter dem starken Eindruck des Münchener Konzerts Kandinskys Impression III entstanden sein.“

Keil weist nach: Kandinsky und Schönberg kannten sich vor dem 2. Januar 1911 schlichtweg nicht. Eine wechselseitige Beeinflussung vor 1911 soll quellenkritisch ausgeschlossen sein.

An dieser Stelle offenbart sich ein faszinierendes methodisches Lehrstück

Blickt man in die Arbeit von Andrea Gottdang, stellt man fest, dass sie Werner Keils Studie zwar ordnungsgemäß in ihren Quellen aufführt, seine Ergebnisse jedoch ausgesprochen selektiv instrumentalisiert. Gottdang filtert aus Keils Befunden exakt jene Aspekte heraus, die ihre eigene These – die radikale Demontage der Synästhesie – untermauern. Die breitere, komplementäre Komplexität von Keils Argumentation blendet sie weitgehend aus, um das eigene theoretische Narrativ nicht zu gefährden.

Das Erstaunliche daran ist: Gottdang hätte diese selektive Rezeption gar nicht nötig gehabt. Ihre Entzauberung des Synästhesie-Mythos steht auch so auf festem Fundament. Dass sie die Quelle Dennoch so einseitig zuschneidet, zeigt uns auf der Ebene der Wissenschaftstheorie, wie schnell auch neuere Forschungsliteratur dazu neigt, historische Quellen passfähig zu machen.


Quellen: Gottdang, Andrea: Vorbild Musik. Die Geschichte einer Idee in der Malerei im deutschsprachigen Raum 1780–1915. München/Berlin: Deutscher Kunstverlag 2004, S. 371–405.​

Keil, Werner K.: „Die innere Notwendigkeit. Gedanken zu Musik, Malerei und Bühne bei Schönberg, Kandinsky und anderen“. In: Reifenscheid, Beate (Hrsg.): Die innere Notwendigkeit. Gedanken zu Musik, Malerei und Bühne bei Schönberg, Kandinsky und anderen. Bielefeld: Kerber Verlag 2000, S. 23–42.​

Steiert, Thomas: Das Kunstwerk in seinem Verhältnis zu den Künsten. Beziehung zwischen Musik und Malerei. Frankfurt am Main: Peter Lang GmbH, Europäischer Verlag der Wissenschaften 1995, S. 100–109.​


Anmerkung: Das war ein Referat vom 27. Juli 2026 (bisserl nachredigiert). Ich hatte zwei Tage zuvor „voll die Eingebung“. Mitten in der Nacht im Bett. War so geflasht davon. Allerdings fand niemand meine Idee so knorke, wie ich selbst hahaha. Wie immer halt. Aber zum Glück geht es mir hierbei egoistischerweise ausschließlich um mich und meine eigenen Erkenntnisse. Daher würde ich euch, meine aller liebsten Lieblingsleser, zu einer Diskussionsrunde in den Kommentaren einladen. Wenn ihr euch traut.

Und liebe Frau Prof. Dr. Gottdang, es ging unter, wie genial ihr Text ist, bitte verklagen Sie mich nicht für meine anmaßende Einordnung. Es ist lediglich ein leihenhafter Gedankenspaziergang einer Person, die Ihre umfassende Arbeit bewundert.

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Der psychologische Blick auf Egon Schiele

EIN SELBSTBILD.

ICH BIN FÜR MICH UND DIE, DENEN
DIE DURSTIGE TRUNKSUCHT NACH
FREISEIN BEI MIR ALLES SCHENKT,
UND AUCH FÜR ALLE, WEIL ALLE
ICH AUCH LIEBE, – LIEBE.

ICH BIN VON VORNEHMSTEN
DER VORNEHMSTE
UND VON RÜCKGEBERN
DER RÜCKGEBIGSTE

ICH BIN MENSCH, ICH LIEBE
DEN TOD UND LIEBE
DAS LEBEN.

Egon Schiele (1910)

Egon Schiele (1890-1918), österreichischer Künstler. Fotografiert in seinem Atelier. Credit: IMAGO / GRANGER Historical Picture Archive

Die Forschungsfrage verändert sich

Kaum ein Künstler des frühen Expressionismus wirkt auf den ersten Blick so psychologisch lesbar wie Egon Schiele. Seine verwinkelten Körper, die düsteren, Gestalten, Grimassen und die intensiven Blicke vermitteln den Eindruck, als würde uns der Künstler seine Seele offenlegen. Es entsteht die Vorstellung eines zerrissenen, leidenden Menschen. Heute stellt sich die Forschung nicht mehr die Frage: Was verraten Schieles Bilder über seine Psyche? Sondern: Warum wirken sie überhaupt so psychologisch aufgeladen?

In den letzten Jahrzehnten hat sich der Blick auf Schiele deutlich verändert. Und zwar nach und nach.

Egon Schiele: Ein Rebell seiner Zeit

Das Bild Egon Schieles ist bis heute eng mit seiner Biografie verbunden. Er galt als Rebell, wurde wegen der Verbreitung obszöner Zeichnungen inhaftiert und entwickelte schon früh einen außergewöhnlich expressiven Zeichenstil. Über ihn wird erzählt, er habe niemals einen Radiergummi benutzt und Zeichnungen innerhalb weniger Minuten gefertigt.

In einem Brief schrieb Schiele: „Ich habe zweifellos furchtbare Bilder gemalt. Aber glauben die wirklich, dass ich es mit Absicht getan habe? Nur um das spießige Bürgertum zu erschrecken? Das war nie der Fall. Aber es gibt Gespenster, die aus einem Verlangen heraus entstehen. Und ich habe diese Gespenster gemalt. Nicht weil es mir Freude machte, sondern weil ich es musste.“

Hier geht’s zu der Online-Sammlung des Leopold Museums. Dort findet ihr eine unfassbare Vielfalt an Schiele-Werken in höchster Qualität. Da die urheberrechtlichen Fragen noch nicht geklärt sind, sehe ich bisweilen von einem Download ab.

Spuren in der Kindheit und Familie

Auch seine Kindheit scheint eine psychologische Deutung nahezulegen. Sein Vater war cholerisch und förderte zwar zunächst das zeichnerische Talent seines Sohnes, verbrannte später jedoch einen großen Teil seiner Zeichnungen, weil sie ihm übermäßig erschienen. Nachdem der Vater an Syphilis erkrankte, schien er verrückt zu werden. Er verbrannte den gesamten Aktienbesitz der Familie und starb wenig später.

Es liegt nahe, darin mögliche Ursachen für Schieles Bildwelt zu suchen. Doch erlauben uns die Einblicke in seine Bilder tatsächlich einen Blick in seine Psyche? Oder projizieren wir diesen Blick erst nachträglich hinein?

Egon Schiele (österreich. Maler des Expressionismus 1890-1918)

Egon Schieles Bilder: psychischer Selbstausdruck?

Pia Müller-Tamm setzt sich zunächst mit der Schiele-Interpretation des Kunsthistorikers Werner Hofmann auseinander. Hofmann prägte über Jahrzehnte das Bild Schieles als Künstler des psychischen Selbstausdrucks. Für ihn spiegeln die scheinbar deformierten Körper und nervösen Linien unmittelbar die seelische Verfassung des Künstlers wider.

Immer wieder werden Gegensätze hervorgehoben:

  • Entblößung und Verhüllung
  • Offenbarung und Distanz
  • Verzweiflung und Übersteigerung

Hoffmann beschreibt Schieles Körper in den Selbstbildnissen sogar als einen Leib, der „wie eine einzige Wunde“ erscheint. Der Körper werde damit zum unmittelbaren Ausdruck seelischen Leidens.

Egon Schiele, Aktselbstbildnis 1916. Bleistift, Deckfarben auf Papier. Maße: 29,5 × 45,8 cm. Credit: ALBERTINA, Wien.

Unterstützt wird diese Position durch den Philosophen Jacques LeRider. Er beschreibt Wien um 1900 als eine Kultur der Identitätskrise. Der rasante Modernisierungsprozess habe bei vielen Künstlern ein tiefes Gefühl von Verlust ausgelöst. Schiele erscheint dadurch als besonders sensibler Künstler einer krisenhaften Zeit.

Auch einzelne Werke wurden entsprechend interpretiert

Beim Selbstbildnis mit Hand an der Wange galt etwa das Herunterziehen des Augenlids lange als Symbol von Melancholie oder sogar als bewusste Umdeutung des Schmerzensmannes. Die Augen wurden als Spiegel des Inneren verstanden.

Egon Schiele: „Selbstbildnis mit Hand an der Wange“, 1910​. Gouache, Aquarell und Kohle auf Papier​, 44,3 × 30,5 cm. Credit: IMAGO / GRANGER Historical Picture Archive

Mit den 1990er Jahren kommt der Perspektivwechsel. Pia Müller-Tamm macht deutlich, dass Schieles Selbstporträts nicht mehr als spontane Bekenntnisse gelesen werden können. Vielmehr entstehen sie in einem Spannungsfeld zwischen Selbstentfremdung und bewusster Selbstinszenierung.

Seine Bilder seien keine unmittelbaren Einblicke in seine Persönlichkeit, sondern sorgfältig gestaltete Konstruktionen. Auch seinen schriftlichen Äußerungen begegnet die Forschung nun mit größerer Vorsicht. Sie gelten nicht mehr automatisch als Schlüssel zum Verständnis seiner Kunst. Stattdessen zeigt sich, dass Schiele zahlreiche Bildtraditionen übernimmt und neu kombiniert.

Er greife kunsthistorische Bildformeln ebenso auf wie Fotografien psychisch Kranker oder zeitgenössische pornografische Fotografien. Hinzu kommt ein weiteres Detail: Während seiner Jugend wohnte Schiele im Haus der Familie Holzknecht. Der Sohn der Gastfamilie war Mediziner und beschäftigte sich intensiv mit der damals neuen Radiologie. Schiele zeigte großes Interesse an diesen anatomischen Bildern – Bildern, die damals fast ausschließlich Ärzten und Wissenschaftlern zugänglich waren.

Egon Schiele: geschlechtergeschichtliche Perspektive

Katharina Sykora erweitert diese Gedanken um eine geschlechtergeschichtliche Perspektive. Um 1900 herrschte eine äußerst strenge Trennung zwischen männlichen und weiblichen Rollenbildern. Schiele soll diese Grenze bewusst überschritten haben. Mit seinen Akt-Selbstbildnissen macht er erstmals den männlichen Körper selbst zum Objekt des begehrenden Blickes. Darstellungen, die zuvor fast ausschließlich Frauen – insbesondere Prostituierten in pornografischen Fotografien – vorbehalten waren, überträgt er auf sich selbst.

Der Spiegel dient dabei nicht lediglich der Selbstbeobachtung. Sykora beschreibt ihn vielmehr als eine Art Pornokamera, in der sich Schiele den traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit verweigert. Seine Figuren schwanken häufig zwischen männlichen und weiblichen Merkmalen. Besonders deutlich wird dies etwa im Aktselbstbildnis grimassierend von 1910. Dieses Bild kann so gelesen werden, als hätte sich Schiele mit weiblichen Genitalien dargestellt.

Egon Schiele: Grimassierendes Aktselbstbildnis, 1910​

Bleistift, Kohle, Pinsel, ​

Deckfarben mit proteinhaltigen Bindemitteln, ​

Deckweiß auf Packpapier​
55,8 × 36,7 cm​
Egon Schiele: Grimassierendes Aktselbstbildnis, 1910​. Bleistift, Kohle, Pinsel, ​Deckfarben mit proteinhaltigen Bindemitteln, Deckweiß auf Packpapier​. 55,8 × 36,7 cm​. Credit: ALBERTINA, Wien

Ein kurzer Exkurs

Hier ein Beispiel erotischer Fotografie um 1900, das ebenfalls weit über die damaligen Konventionen hinausgeht. Es scheint fast so, als ob das Bedürfnis nach Tabubrüchen nicht nur Schiele, sondern auch andere Künstler und Fotografen dieser Zeit erfasst.

Weitere Einblicke in diese Entwicklung könnte die derzeitige Ausstellung The First Homosexuals – Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939 im Kunstmuseum Basel liefern, die ich selbst allerdings noch nicht besucht habe. Läuft noch bis 2. August 2026.

Je neuer die Forschung, desto adäquater die Psychoanalyse

Eine Aussage aus dem Ausstellungskatalog „Wien 1900″ aus dem Jahr 2011 greift Schieles Grimassenbilder auf. Dort heißt es ausdrücklich, solche Selbstbildnisse würden „keineswegs Auskunft über das Psychogramm des Künstlers [geben], sondern sind vielmehr als theatralische Inszenierungen zu verstehen.“

Damit wird der gesamte psychologisierende Zugang grundsätzlich infrage gestellt.

Egon Schiele: Ein weiterer Widerspruch zwischen Persönlichkeit und Bildsprache

Schieles Werke kreisen zwar ständig um Themen wie Melancholie, Einsamkeit, Leiden und Tod. Zeitzeugen beschreiben ihn jedoch als lebensfrohen Menschen mit vielen Freunden. Ähnlich wie Kafka.

Vielleicht liegt die größte psychologische Leistung Egon Schieles also gar nicht darin, seine Seele gezeigt zu haben – sondern darin, uns bis heute glauben zu lassen, wir könnten sie sehen. Ob die Nachwelt wohl jemals seine geheimnisvollen Gebärden deuten können wird? Wohl kaum.


Quellen:

Müller-Tamm, Pia: Sehen zeigen – sehen lassen. Blickinszenierung und Betrachteransprache in Schieles figürlichen Darstellungen. In: Müller-Tamm, Pia (Hrsg.): Egon Schiele. Inszenierung und Identität. Köln 1995, S. 16–43.​

Samola, Franz: Egon Schiele: Symbolistische Todesnähe und expressionistische Gebärde. In: Steffen, Barbara (Hrsg.): Wien 1900. Klimt, Schiele und ihre Zeit. Ein Gesamtkunstwerk. Riehen/Basel 2010, S. 91–95.​

Sykora, Katharina: Performative Selbstinszenierung und Geschlechterirritation bei Egon Schiele. In: Müller-Tamm, Pia (Hrsg.): Egon Schiele. Inszenierung und Identität. Köln 1995, S. 44–65.​

Egon Schiele (österreichischer Maler des Expressionismus 1890–1918). Dokumentarfilm. Regie: Herbert Eisenschenk. Österreich 2018. Erstausstrahlung: ARTE, 21.10.2018. Online verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=n7OZysP3v8I (Zugriff: 14.07.2026).​ (Weiter oben eingebettet).

Schiele, Egon: Ein Selbstbild (Gedicht, 1910). In: Egon Schiele Datenbank der Autografen. Online verfügbar unter: egonschiele.at (Zugriff: 15.07.2026).

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War Wassily Kandinsky wirklich Synästhetiker?

Die allermeisten Quellen zu Wassily Wassilivitsch Kandinsky, die uns in der Kunstgeschichte begegnen werden, beteuern, er sei Synästhetiker gewesen. Nicht Prof. Dr. Andrea Gottdang. In ihrem Buch Vorbild Musik: Die Geschichte einer Idee in der Malerei im deutschsprachigen Raum rollt sie diese Behauptung wieder auf und fechtet sie an. Sie zeigt, dass ebensowenig Anhaltspunkte vorliegen, um dem Künstler eine Synästhesie zuzuschreiben als auch abzuschreiben. Letztlich stellt sie, wenn auch nur subtil, die Frage, ob dies denn überhaupt eine außerordentliche Rolle für sein Lebenswerk spielen würde. Wenn ihr mich fragt: nö.

Porträt von Wassiky Kandinsky. Der Künstler sitzt am Tisch und schaut in die Kamera
Wassily Kandinsky 1912/13. Copyright: IMAGO / Bridgeman Images

Wassily Kandinsky: Wie wirkt Farbe auf den Menschen?

Ein zentrales Anliegen Wassily Kandinskys war die Frage, wie Farbe auf den Menschen wirkt. Dabei unterschied er zwischen einer rein physischen und einer psychischen Wirkung der Farbe.

Während die physische Wirkung das unmittelbare Sehen samt körperlicher Reaktion darauf betrifft, richtet sich die psychische Wirkung an die Seele des Betrachters. In Über das Geistige in der Kunst formuliert Kandinsky, dass „jede Farbe die Erinnerung an ein anderes, physisches Agens weckt, das ähnliche seelische Vibrationen verursachte wie die Farbe selbst“. Für ihn beschränkte sich Farbwahrnehmung daher nicht allein auf das Sehen. Vielmehr seien alle Sinne beteiligt: Farben könnten als glatt oder rau, samtig, weich oder hart empfunden werden. Auch das weit verbreitete Empfinden warmer und kalter Farben stammte daher.

Kandinsky versuchte, diese Überlegungen durch zahlreiche Beispiele zu untermauern. Gleichzeitig hoffte er, dass eines Tages allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten der Farbwirkung wissenschaftlich nachgewiesen und systematisiert werden könnten. Ihm war jedoch bewusst, dass jede Farbempfindung immer auch vom individuellen Menschen abhängt. Eine wissenschaftlich fundierte Farbtheorie müsse deshalb gerade auch die Sonder- und Ausnahmefälle erklären können.

Farben und ihre Wirkung

Die Bedeutung der Farben changierte bei Kandinsky im Verlauf der Schaffensjahre. So beschrieb er zunächst die Wirkung der Farben.

Rot wirkte auf ihn lebendig bis unruhig

blau: himmlisch und trat auch als die Farbe des Geistigen auf.

gelb: Aktivität und Helligkeit

grün: Passivität und Selbstzufriedenheit

Später ging er sogar so weit, einzelnen Farben bestimmte Musikinstrumente zuzuordnen. Das Cello etwa klang für ihn blau und die Flöte gelb.

Improvisation 10, 1910

Einflüsse auf Kandinskys Frabtheorien

Bei seiner Suche nach Erklärungsmodellen beschäftigte sich Kandinsky nachweislich unter anderem mit dem theosophischen Gedankengut. Dass er entsprechende Schriften kannte, gilt als gesichert. Weniger eindeutig ist jedoch die Frage, ob diese Vorstellungen seine künstlerische Praxis tatsächlich beeinflussten. Auffällig ist jedenfalls, dass er sich teilweise vom naturwissenschaftlich Erklärbaren ab- und spekulativeren Konzepten zuwandte. Dazu zählt etwa die Chromotherapie, die davon ausgeht, Krankheiten durch die gezielte Anwendung bestimmter Farben heilen zu können. Gleichzeitig scheint Kandinsky durchaus bewusst gewesen zu sein, dass sich seine Überlegungen nicht an jedermann richteten, sondern vielmehr an besonders sensible Menschen.

In diesem Zusammenhang spielen die sogenannten Gedankenformen von Annie Besant und Charles W. Leadbeater eine wichtige Rolle. Diese sollten veranschaulichen, dass Gedanken und Gefühle nicht unsichtbar bleiben, sondern eine eigene Form annehmen können. Ähnlich wie die theosophische Aura seien Gedankenformen nur für besonders sensible Menschen wahrnehmbar. Während die Aura jedoch ein Individuum wie eine Wolke umhüllt, seien Gedankenformen weder persönlicher Natur noch an eine bestimmte Person gebunden, sondern bewegten sich frei im Raum.

Jetzt wird’s esoterisch: Die drei Klassen von Gedankenformen

Besant und Leadbeater unterscheiden drei Klassen von Gedankenformen. Die erste Klasse nimmt die Gestalt des denkenden Menschen an, etwa wenn dieser sich gedanklich an einen anderen Ort versetzt, wo seine Gedankenform von Hellsehern bemerkt werden kann. Die zweite Klasse bildet konkrete Vorstellungen nach, beispielsweise Personen oder Landschaften. Erst die dritte Klasse kann in eigenständige, abstrakte Formen übersetzt werden. Sie bringt Gefühle wie Liebe, Andacht oder Zorn sowie Gemütsbewegungen bei außergewöhnlichen Ereignissen wie einem Schiffbruch oder einer Theaterpremiere zum Ausdruck. Gerade diese dritte Klasse gilt als bildlich darstellbar, da die beiden ersten Klassen lediglich wie gewöhnliche Porträts oder Landschaften erscheinen würden. Lassen wir einfach mal so stehen.

Besant übertrug dieses Modell sogar auf die Musik. Nach ihrer Auffassung besitzt jedes Musikstück eine eigene Gedankenform. Wie diese im Einzelnen ausgesehen haben soll, lässt sich heute allerdings kaum noch nachvollziehen.

Musik in der Kunst von Wassily Kandinsky

Dass Musik für Kandinsky eine zentrale Rolle spielte, zeigt sich auch unabhängig von der Theosophie. Er stand im Austausch mit Arnold Schönberg, einem Musiker, und lebte in einer Zeit, in der die Vorstellung einer „musikalischen Malerei“ sich immer weiter verbreitete.

Die Namensgebungen vieler seiner abstrakten Werke, also Improvisationen und Kompositionen sind auf die Verbindung von Malerei und Musik zurückzuführen. Werke wie Improvisation 2 (1909), gehen sogar noch konkreter auf einzelne Musikwerke ein, in diesem bestimmten Fall etwa Chopins Trauermarsch.

Studie zu Improvisation Nr. 2 (Trauer-marsch), 1909. Quelle: Lenbachhaus München

Das ist de Anhaltspunkt für Kandinskys angebliche Synästhesie

Um nun auf den Anfang zurückzukommen: Immer wieder wird in diesem Zusammenhang behauptet, Kandinsky sei Synästhetiker gewesen. Tatsächlich hat er selbst dies jedoch nie von sich behauptet, obwohl er sich dieses Phänomens bewusst war. Zumal es zu seiner Zeit auch en Vogue war, solche Phänomene bei sich selbst zu beobachten.

Die Annahme des Farbenhörens bei Kandinsky stützt sich vor allem auf seine Schilderung einer Aufführung von Wagners Lohengrin, bei der sich Farben vor sein inneres Auge geschoben hätten, wie er selbst beschrieb. Dieses Erlebnis gilt häufig als wichtigster Beleg für eine synästhetische Wahrnehmung. Wo Andrea Gottdang Gott sei dang höhö wiederum den Finger reinlegt und sagt: nein. Das ist viel zu, achtung, abstrakt. Ne, hat sie natürlich nicht so gesagt, aber auch gezeigt, dass es nicht als das Schlüsselereignis angesehen werden kann, warum Kandinsky erstens in die Kunst ging, obwohl er eigentlich Anwalt war, und zweitens später dann abstrakte Kunst machte und somit eine völlig neue Art schuf, Kunst zu machen, die, wenn wir uns den heutigen Kunstmarkt ansehen, dominierend auftritt.

Wassily Kandinsky - Die Welt hinter den Dingen (russischer Maler, abstrakte Kunst, 1866-1944)
Tolle Reportage! Aber auch hier wird Kandinskys Synästhesie als unanfechtbares Faktum aufgeführt.

Unbefriedigendes Fazit: War Wassily Kandinsky nun Synästhetiker?

Um es auf den Punkt zu bringen: Ob Kandinsky tatsächlich Synästhetiker war, sollte durchaus kritisch betrachtet werden. Und das ist der wahrscheinlich wichtigste Impuls, den Gottdang ihrem Leser mitgibt: nicht einfach das hinzunehmen, was jahrzehntelang von Quelle zu Quelle abgeschrieben wird. Denn viele dieser Ansätze scheitern an ihrer fehlenden Objektivierbarkeit. Das bloße Verwenden farbmusikalischer Metaphern reicht dafür nicht aus, um Kandinsky nachträglich irgend eine Art von Diagnose zuzuschreiben. Ebenso seriös wäre es, mit unseren heutigen Kenntnissen von der sehr ungenauen Wissenschaft Psychologie, Kandinksy nachträglich ins autistische Spektrum einzuordnen, wenn es auch darauf den einen oder anderen Hinweis gibt.

Und gerade diese kritische Einordnung macht deutlich, dass zwischen Kandinskys theoretischen Überlegungen, möglichen theosophischen Einflüssen und seiner tatsächlichen Malerei sorgfältig unterschieden werden muss. Zumal auch die große Vielfalt an Einflüssen auf Kandinskys Kunst beachtet werden sollte. Lebensumstände, wie etwa mehrere Fluchten wegen politischer Umstände in Russland und Deutschland, Kandinskys grenzenlose Offenheit gegenüber interdisziplinären avantgardistischen Strömungen, seine Spiritualität, sowohl im esoterischen als auch religiösem Sinne, natürlich die Musik, Kunst und Philosophie all das sind unter anderem Bausteine, die Kandinskys Geist befeuerten, sodass er seine Kunst schuf. Und: er war ständig auf der Suche nach diesen Eindrücken.

Heiliger Wladimir​ (1911)
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Hans Baldung in der Kunsthalle Baden-Baden

In der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden läuft derzeit die Sonderausstellung „Bloom up! Die Sprache der Blumen“. Wie der Name bereits verrät, steht dort alles im Sinne der Blumen. Ich habe sie mir genauer angesehen. Lohnt sich der Besuch? Ich finde: ja.

Hans Baldung Grien in Baden-Baden

Dort gibt es mehrere Highlights: etwa eine Duftschau im gleichen Raum, in dem Hans Baldung ausgestellt wird. Hans Baldung, Leute. In Baden-Baden. Ein Traum wird für mich wahr! Ausgestellt wird kein einfaches Werk, sondern eine Glasmalerei.

Das sogenannte Dorothea-Fenster entstand 1513 für den Kreuzgang des neu erbauten Kartäuserklosters am Johannisberg in Freiburg. Es gehört zu einer Serie monumentaler Glasmalereien, die für ihre Entstehungszeit ungewöhnlich großformatig waren und nahezu lebensgroße Figuren zeigen. Entworfen wurde das Fenster von Hans Baldung Grien (1484/1485–1545), der dabei mit dem Glasmaler Hans Gitschmann zusammenarbeitete und möglicherweise auch selbst an der Ausführung beteiligt war. Dargestellt ist neben der Heiligen Dorothea auch der Stifter Franz Wolfgang Graf von Zollern mit seinem Wappen.

Die Legende der heiligen Dorothea

Die Darstellung greift eine christliche Heiligenlegende auf. Während der Christenverfolgung im Römischen Reich weigerte sich Dorothea, einen heidnischen Mann zu heiraten, da sie ihr Leben bereits Christus geweiht hatte. Sie wurde deshalb zum Tode verurteilt. Auf dem Weg zur Hinrichtung verspottete sie ihr Ankläger und forderte sie auf, ihm Früchte aus dem Garten ihres himmlischen Bräutigams zu schicken. Der Legende nach erschien daraufhin durch göttliches Eingreifen ein Knabe mit einem Blumenkranz und einem Korb voller Blüten, aus denen ein himmlischer Duft strömte. Das Wunder bewegte den Ankläger zur Bekehrung zum Christentum, worauf auch er hingerichtet wurde.

Diese Erzählung bildet den Ausgangspunkt für die Geruchsinstallation der norwegischen Künstlerin Sissel Tolaas. Sie gilt als Spezialistin für Gerüche, sammelt Duftmoleküle und verfügt über ein Archiv von rund 10.000 Gerüchen, die sie synthetisch reproduziert und zu neuen Kompositionen verbindet. Für die Ausstellung setzte sie sich mit der Dorothea-Legende sowie mit der Geschichte und den Herkunftsorten der historischen Glasfenster auseinander. Inspiriert vom wundersamen Blumenduft der Legende entwickelte sie eine Duftinstallation, die die jahrhundertealte Erzählung auf sinnliche Weise erfahrbar macht.

Aus diesen Boxen kamen die Duftmoleküle raus, wahrscheinlich mithilfe einer Zeitschaltuhr. Sehr spezifisch und cool, bin aber sowieso der größte Fan von Duftausstellungen.

Kunsthalle Baden-Baden: Ein Film über Blumen

Zudem gibt es noch einen Raum mit Videokunst von Jonas Mekas. Requiem heißt der Film und ist aus dem Jahr 2019. Eine 84 Minuten lange Videoaufnahme, die stellenweise etwas amateurhaft wirkt. Der Künstler nimmt Blumen auf während die Kameraführung teils verwackelt, teils dynamisch ist. Wie ich unschwer heraushören konnte, HASSTEN es zwei ältere Menschen, die neben mir im Raum saßen. Ich fands geil. Es erinnerte mich sofort an meine eigenen Blumenvideos auf TikTok und YouTube.

Das steht auf dem Ausstellungsschildchen zum Film: Über mehr als 30 Jahre hinweg filmte Jonas Mekas immer wieder Blumen und blühende Bäume in Städten und auf Wiesen mit seiner Sony-Videokamera oder einer Nikon-Kompaktkamera. Pflanzen und Blüten tauchen in seinen tagebuchartig erzählenden Filmen bestehend aus Alltagsszenen mit Freunden und Familie wiederholt auf. Im Film Requiem, seiner letzten Arbeit, überwiegen die Bilder der Blumen. Giuseppe Verdis Requiem ist eine Vertonung der Totenmesse, komponiert anlässlich des Todes des italienischen Dichters Alessandro Manzoni. An einigen Stellen lässt Mekas Verdis Musik mit Umgebungsgeräuschen seiner Filmaufnahmen überlagern.

So wirkte Jonas Mekas‘ Werk auf mich

Was mir sonst noch auffiel: Der Künstler baute im weiteren Verlauf des Videos Sequenzen von leidenden Menschen ein. Elend, Armut, Hunger und Krieg zeigten die Bilder. Das Ganze dramatisch von dieser Opernmusik begleitet, die eine sehr absichtsvolle Wechselwirkung mit der Kameraführung hat, wie ich finde. Mir zeigte der Film, wie die Schönheit der Blumen mit den hässlichen Taten des Menschen koexistiert. Auf ein und demselben Planeten. Und wie unabhängig vom Weltgeschehen Blumen gedeihen. Sein Video zeig ich euch an dieser Stelle nicht, dass müsst ihr euch schon selbst anschauen.

Ich war ganz aufgewühlt danach. Zudem erkannte ich, dass meine Blumenvideos erstens ausgebaut werden können und zweitens, dass die Zusammenstellung solcher Videos gewissermaßen ebenfalls einen künstlerischen Prozess durchläuft. Dadurch, dass ich sowas in der Art selbst mache, konnte ich die Vision des Künstlers deutlich spüren. Und ich habe mich natürlich auch gleich zu einem neuen Video inspiriert gefühlt:

#flowers #blumen #nature #positivevibes #summer #bloom

Und das ist etwas, was mir immer wieder begegnet: Wenn man Kunst macht, egal, ob man es gut kann oder nicht – völlig egal –, kann man viele Prozesse viel besser verstehen und sieht auch in der Kunst großer Schaffender mehr, als viele andere. Man versteht sie aus einer ganz neuen Perspektive oder entwickelt neue Gedanken.

Im gleichen Raum wie der Film hing eine florentinische Pietra Dura mit Verkündigungsbildern. Dadurch empfand ich die Ausstellung als sehr breit aufgestellt, quer durch die Epochen und Disziplinen der Kunst. Und alles hat mit Blumen zu tun. Obwohl die Ausstellungsräume der Kunsthalle doch sehr klein sind und eigentlich binnen fünf Minuten durchgesehen werden können.

Giovanni Battista Foggini, Einlegearbeit aus verschiedenen Halbedelsteinen in einem vergoldeten Holzrahmen, Florenz, 1720.

Fazit zur Ausstellung „Bloom up! Die Sprache der Blumen“

Die Schau hat mich sehr beschäftigt und mir auch ästhetisch zugesprochen. Ich bin glücklich darüber, dass dank des Umbaus im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe auch mehr Bewegung in die Baden-Badener Kunstszene kommt. Würde auch ein zweites Mal hingehen.

Die Ausstellung „Bloom up! Die Sprache der Blumen“ in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden läuft bis zum 10. Januar 2027.


Quelle: Historische Fakten den Ausstellungsschildern entnommen.

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So erkennen wir Manierismus

Um 1520 hatte die Malerei ihren Höhepunkt der Vollkommenheit erreicht. Harmonische Bewegungen, die Ruhe ausstrahlen; Darstellungen des idealisierten, heroischen Menschen prägen die Hochrenaissance. Doch diese utopische Vorstellung kann nicht lange bestehen und endet spätestens 1527. Ihr folgt der Manierismus, der sich nur schwer in zeitliche und ästhetische Rahmen setzen lässt.

Mit dem Begriff „Maniera“ bezeichnet man zunächst den Spätstil Michelangelos, der als eine der zentralen Quellen des Manierismus gilt. Darin experimentiert der große Meister mit einer bis dahin unbekannten Vielfalt an Bewegungen und oft komplexen Körperhaltungen. Gemeinsam mit Raffael löst er er sich zunehmend von den Idealen der Renaissance. Der Fokus liegt nahezu vollständig auf dem menschlichen Körper. Viele junge Künstler orientieren sich stark an diesem Stil. Spätere Kritiker erkennen, dass diese jungen Maler mehr die Manier, als den Geist seiner Werke nachahmen. Also geben die dem Zeitabschnitt den Namen „Manierismus“.

Michelangelo, Tondo Doni (Die heilige Familie mit dem Johannesknaben), um 1503/1504 oder um 1507. Galleria degli Uffizi, Florenz.

Eigentlich gar kein Spätwerk. Doch wenn wir genauer hinsehen, erkennen wir schon erste Tendenzen: Die nicht ganz eindeutige Sitzweise der weiblichen Figur, die Spontanität der Bewegung – die sehe ich etwa in der Überreichung des Kindes – und natürlich die satte Farblichkeit mit einer Palette, die nicht ganz Renaissance-typisch ist.

Was währenddessen gesellschaftlich passiert

Der Beginn dieser Epoche fällt im Anschluss an eine Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher und religiöser Erschütterungen. Mit dem Sacco di Roma im Jahr 1527, als spanisch-kaiserliche Truppen Rom plündern und verwüsten, gerät das geistige und kulturelle Zentrum der Hochrenaissance ins Wanken. Die Vorstellung einer stabilen, humanistisch geordneten Welt verlor ihre Glaubwürdigkeit.

Die zuvor angeschlagenen Thesen Luthers (1517) zeigen auch in Italien ihre Nachwirkung. Die Reformation bricht die Einheit einer bisher einzigen Kirche und einer katholischen Wahrheit.

Was passiert in der Kunst?

Die Ideale der Renaissance werden in der Kunst zwar noch aufgegriffen, jedoch auch weiterentwickelt und oft bis zur Übersteigerung getrieben. An die Stelle der Norm tritt das Abnorme. Unnatürliche Proportionen, abrupt verkürzte Raumkonstruktionen, neue Farbkonstellationen, Asymmetrien und verschlüsselte Bildinhalte prägen diese vergleichsweise kurze Epoche von etwa 1527 bis um 1600.

Angolo Bronzino, Allegorie der Liebe, vor 1550, National Gallery, London

Vor allem die erste Generation der Manieristen stellt bewusst die Meister der Renaissance in Frage. Getrieben wird ihre Vision vom Wunsch, die großen Vorbilder zu übertreffen. Manche Künstler erreichen dies durch ungewöhnliche Themen und tiefsinnige Gegenstände, die ihre Werke mit einer Weisheit füllen sollen, dass nur die gut Gebildeten sie verstehen können. Andere gehen noch weiter und schaffen regelrechte Rätselbilder, in denen das Überraschende, Unerwartete oder sogar Unerhörte das Ziel ist.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts reagiert die katholische Kirche mit massiven Eingriffen in die Kunst: Bilder sollen sich an Regeln halten und die katholische Lehre unmissverständlich vermitteln. Besonders deutlich zeigt sich dies an der Kritik an Michelangelos Jüngstem Gericht, das wegen der Vielzahl nackter Figuren als anstößig galt. Forderungen nach der Entfernung des Freskos stehen im Raum. Letztlich wurden die Nacktheit durch nachträglich gemalte Lendenschurze überdeckt. Das betraf die kirchliche Kunst. In der höfischen Malerei galten andere Regeln. Körperbetonte, wenn nicht sogar erotische Darstellungen sind hier weiterhin geschätzt und akzeptiert.

Michelangelo, Jüngstes Gericht, um 1540, Sixtinische Kapelle, Vatikan

Die Schule von Fontainebleau

Bleiben wir mal bei der höfischen Malerei. Die Schule von Fontainebleau ist eigentlich gar keine Schule. Viel mehr eine Künstlergemeinschaft, die den Manierismus nach Frankreich bringt und daraus durch Experimente eine ganz neue Ästhetik und Bildsprache entwickelt. Der Begriff ist zwischenzeitlich problematisch, da mit ihm auch irgendwann der Manierismus, der in Italien geschaffen wurde, betitelt wird.

Doch wie kommt Manierismus überhaupt nach Frankreich? König Franz I. holt gezielt italienische Künstler nach Frankreich, in sein Schloss Fontainebleu, um das Land als neue europäische Kunstmacht zu etablieren. Mit Rosso Fiorentino und Francesco Primaticcio prägen zentrale Vertreter des Manierismus die französische Hofkunst. An die Stelle biblischer Themen traten zunehmend mythologische Darstellungen, in denen Ornament und Figur eng miteinander verschmelzen und ein komplexes, dekorativ aufgeladenes Bildgefüge entsteht.

Jean Mignon, das Urteil des Paris, um 1544–1545, Louvre

Immer mehr gewinnt die Schule von Fontainebleu an Ornamentarik im Hintergrund der Figuren. Das soll besondere künstlerische Rafinesse zeigen. Hier in diesem Bild ist jedoch wenig Ornamentarik. Das, was allerdings stark den französischen Manierismus repräsentiert, sind die Figuren, die regelrecht in den Hintergrund „eingebettet“ sind. Sie verschmelzen fast mit dem Hintergrund, weil er ebenso reichhaltig ist.

So erkennst du Manierismus

In der Malerei des Manierismus wird Bewegung stark betont. Eine neue Figurenform entsteht: die Figura serpentinata, die sich spiralförmig zu winden scheint. Die Perspektive dient nicht mehr allein dazu, den Raum gesetzmäßig darzustellen, sondern wird eingesetzt, um mit ihm zu spielen, metaphorische Aussagen zu erzeugen oder Inhalte zu verschleiern. Häufig begegnen uns fragende Blicke aus dem Bild heraus, und die klassische Bildsprache wird buchstäblich verzerrt, wie etwa bei Darstellungen in Konvexspiegeln oder bei Parmigianino.

Parmigianino, Selbstporträt im konvexen Spiegel, 1524, Kunsthistorisches Museum, Wien

Ein besonders anschauliches Beispiel ist die Madonna mit dem langen Hals. Auch ihre Finger sind ungewöhnlich verlängert. Das wirkt anmutig und elegant, zugleich aber unnatürlich, besonders in der Körperhaltung. Das Christuskind scheint jeden Moment vom Schoß zu fallen. Der Vorhang im Hintergrund zerstört ein logisches Raumgefüge, und Marias Körperposition ist schwer einzuordnen: Etwas zwischen Stehen und Sitzen.

Parmigianino, Madonna mit dem Langen Hals, 1534/1535, Uffizien, Florenz

Den Höhepunkt des Manierismus erreichte Domenikos Theotokopolus (1541-1614), auch bekannt als der Grieche, „El Greco“, da er aus Kreta kommt. Dort erlernt er die griechische Ikonenmalerei. Als er nach Venedig kommt, sieht er erstmals, was sich in der Kunst gemacht hat. Als Tizians Schüler geht er neue Wege. Und bringt seinen einzigartigen Stil nach Spanien, wo er die bisherige, konservative Kunsttradition nachhaltig beeinflusst.

El Greco, Das Begräbnis des Grafen von Orgaz,1586 und 1588

Manieristische Skulpturen

Eines der Haupterkennungsmerkmale manieristischer Skulpturen ist die Spontaneität der Bewegungen. Beispiele hierfür liefert Giambologna, eigentlich Jean de Boulogne (1529–1608), mit seinen Werken Fliegender Merkur und Raub der Sabinerin. In ihnen vereint sich Bewegung mit Ausdruck in einem zuvor unbekannten Maß. Giambologna stellte sich dabei bewusst eine scheinbar unmögliche Aufgabe: Eine Statue zu schaffen, die gegen alle Gesetze der Schwerkraft zu fliegen scheint. Merkur berührt den Luftstrom aus dem Mund einer Maske nur mit seiner Fußspitze.

Architektur im Manierismus

Florenz blieb im 16. Jahrhundert das führende Kunstzentrum, maßgeblich geprägt durch das Mäzenatentum der Medici. Giorgio Vasari entwarf hier die Uffizien als Verwaltungsgebäude. In ihrer Architektur zeigt sich der manieristische Gestaltungswille: Die gleichförmige Abfolge dekorativer Elemente erzeugt einen starken Sog- und Tiefeneffekt, der Bau wirkt bewusst in die Länge gezogen.

Architektonisch macht sich die Epoche bemerkbar durch ungewöhnliche Lösungen, Gegensätze und asymmetrische Ordnungen. Klassische Bauelemente wie Säulen verlieren dabei ihre tragende Funktion und werden zu rein dekorativen Motiven, ergänzt durch ornamentale Details wie Fruchtgirlanden und Skulpturen, die an das Prinzip der Figura serpentinata erinnern.


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Quellen:

Ernst H. Gombrich, Die Geschichte der Kunst
Henry Zerner, Die Schule von Fontainebleu: das graphische Werk, 1982
Gerd Betz, Wie erkenne ich Manieristische Kunst? – Architektur, Skulptur, Malerei
André Perret, Die Zyklen der europäischen Architektur: eine Theorie dynamischer Zyklen der europäischen Architekturgeschichte seit dem Jahr 1000
Klaus Jan Philipp, Das Buch der Architektur, 2017

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Kunst

Ikonographie und Ikonologie anwenden

Erwin Panofsky (1892–1968) beschäftigte sich intensiv mit der inhaltlichen Deutung von Gemälden. Sein methodischer Ansatz prägte die deutsche Kunstgeschichte nachhaltig. Zudem brachte er ein außergewöhnlich breites Wissen mit: Geisteswissenschaften, Theologie, Mythologie, Philosophie, Dichtung, Rechtsgeschichte. Dieses Fundament bildet die Grundlage seiner Methode. Wer sie anwenden möchte, muss daher ein solides Grundwissen haben.

Panofsky arbeitet mit einem dreistufigen Interpretationsmodell: der vorikonographischen Beschreibung, der ikonographischen Analyse und der ikonologischen Deutung. Diese Schritte erschließen den Phänomensinn, den Bedeutungssinn und schließlich auch den Wesenssinn eines Werks. Sein Ansatz führt von den augenscheinlichen Elementen eines Bildes zu immer tieferen Bedeutungsebenen und ermöglicht schrittweise eine Aneignung des vorliegenden Kunstwerks.

Schritt 1: Die vorikonographische Beschreibung

In der vorikonographischen Beschreibung erkennen wir lediglich Farbe, Linienführung und natürliche Gegenstände: Menschen, Tiere, Pflanzen, Häuser und sonstige Objekte, die wir aus unserem Alltag kennen. Sind etwa Personen im Bild zu sehen, achten wir auf ihre Körpersprache. Drückt diese etwa Trauer, Extase, Meditation o. Ä. aus? Was erzählen uns Mimik und Gestik der Personen im Bild? Sehen wir vielleicht einen Segensgestus, einen stillen Dialog zwischen den Figuren oder vernehmen wir sogar eine friedvolle Atmosphäre eines dargestellten Raumes oder einer Landschaft, in der die Szene spielt? Wie und durch welche Elemente wird diese geschaffen? Etwa durch helle Farben und Lichteinfall?

„Eine Aufzählung dieser Motive wäre eine vorikonographische Beschreibung des Kunstwerks“, so Panofsky. Unsere praktische Alltagserfahrung ist dafür unerlässlich und reicht im Grunde aus – sie garantiert jedoch nicht, dass wir mit unserer Einschätzung immer richtig liegen.

Schritt 2: Die ikonographische Analyse

Als nächstes erfolgt die ikonographische Analyse. In diesem Schritt werden die dargestellten Personen, Objekte und Symbole identifiziert. Das zuvor erwähnte fundierte Hintergrund wissen bildet hierfür die notwendige Grundlage und ist zugleich Voraussetzung für die Durchführung dieser Analysestufe. Im Kontext der europäischen Kunstgeschichte können dazu beispielsweise Kenntnisse der Bibel, der antiken Mythologie sowie verschiedener Sagen und Märchen zählen.

Darüber hinaus ist die Vertrautheit mit Allegorien, stilgeschichtlichen Grundkenntnissen, Werken der Antike, etwa von Platon und Aristoteles, fachspezifischer Literatur zu Pflanzen-, Tier- und Farbensymbolik sowie weiteren literarischen Quellen hilfreich, um Personen und Orte anhand ihrer charakteristischen Attribute zu erkennen. Panofsky weist jedoch darauf hin, dass jede Quelle mit kritischem Bewusstsein herangezogen werden muss.

Natürlich setzt die ikonographische Analyse eine korrekte Identifizierung der Motive voraus. Ziel und Zweck dieses Schrittes ist die Hilfe für die Feststellung von Datierungen, Herkunftsorten und gelegentlich auch Echtheit. Die Ikonographie sammelt und klassifiziert das Material. Was sie nicht tut, ist es, die Bedeutung und Entstehung dieses Materials zu erforschen und einzuordnen. Das macht nämlich die Ikonologie.

Schritt 3: Die ikonologische Deutung

„Die ikonologische Deutung erschließt das Kunstwerk als kulturgeschichtliches Zeugnis, als symbolische Form seiner Entstehungszeit.“ Dabei wird untersucht, inwiefern religiöse, philosophische oder politische Vorstellungen die Darstellungen beeinflussen, welche Intentionen oder ästhetischen Präferenzen einzelne Künstler verfolgten und in welchem sozialen oder kulturellen Umfeld sie wirkten.

Für uns bedeutet das: Wir machen uns auf die Suche nach zeitgenössischen Quellen und Dokumenten, um so „den ursprünglichen geistesgeschichtlichen Kontext zu erschließen, in dem der Künstler als Kind seiner Zeit ein Thema für darstellungswürdig befand, es in einem bestimmten Sinne auslegte und in einer spezifischen Form visualisierte.“ Die eigentliche Bedeutung des Kunstwerks steht dabei im Vordergrund. Hierzu werden Prinzipien ermittelt, die die Grundeinstellungen einer Nation, einer Epoche, einer sozialen Klasse oder einer religiösen beziehungsweise philosophischen Überzeugung offenbaren. Dies wird durch die Persönlichkeit des Künstlers modifiziert und in einem einzelnen Werk verdichtet und spiegelt sich sowohl in den „Kompositionsmethoden“ als auch in der „ikonographischen Bedeutung“ eines Werkes wider.

Als Beispiel dafür führt Panofsky den traditionellen Typus der Geburt Christi auf: Im 14. und 15. Jahrhundert ersetzt eine Darstellung, in der Maria vor dem Kind kniet, die frühere Version, in der sie auf einer Liege liegt. Unter dem Aspekt der Komposition entspricht dies der Einführung eines Dreieck- anstelle eines Rechteck-Schemas. Aus ikonographischer Perspektive markiert es die Einführung eines neuen Themas. Gleichzeitig offenbart diese Veränderung eine neue emotionale Haltung, die für die späten Phasen des Mittelalters charakteristisch ist.

Die Ikonologie erfüllt in der Bildanalyse die Funktion der interpretativen Deutung. Sie ist die Synthese aller zuvor erfassten Elemente. Eine Ausnahme bilden Kunstwerke, in denen das gesamte Spektrum sekundärer oder konventioneller Sujets entfällt und ein unmittelbarer Übergang von Motiven zum Gehalt erfolgt – wie etwa in der europäischen Landschaftsmalerei, in Stillleben oder in der Genremalerei.

Ikonographie und Ikonologie – mein Fazit

Wir halten fest, dass Ikonographie und Ikonologie unterschiedliche, aber aufeinander aufbauende Funktionen in der Bildanalyse erfüllen. Die Ikonographie konzentriert sich auf die systematische Identifikation und Klassifikation von Personen, Objekten und Symbolen und liefert damit die Grundlage für die Interpretation eines Werkes. Die Ikonologie hingegen erweitert diesen Ansatz um die kulturgeschichtliche Deutung. Sie verknüpft die ikonographischen Elemente mit dem (geistes-)geschichtlichen Kontext, untersucht Einflüsse religiöser, philosophischer oder politischer Natur und berücksichtigt die individuellen Intentionen der Künstler.

Durch diese Synthese erschließt die Ikonologie die eigentliche Bedeutung eines Kunstwerks und macht es zu einem Spiegel seiner Epoche. Panofskys dreistufiges Modell – vorikonographische Beschreibung, ikonographische Analyse und ikonologische Deutung – verdeutlicht, dass die differenzierte Betrachtung von Form, Motiv und Kontext unverzichtbar ist, um Kunst in ihrer ganzen Tiefe zu verstehen.

Gleichzeitig zeigt es, dass die Ikonologie bei Werken, die konventionelle Sujets überspringen, an ihre Grenzen stößt, was die Notwendigkeit einer flexiblen methodischen Herangehensweise unterstreicht. Zudem ist es schwierig einzuordnen, inwieweit eine Objektivität beim Anwenden von Panofskys Methode überhaupt bestehen kann. Beim interpretativen Arbeiten bleibt stets ein Anteil persönlicher Perspektive bestehen, der beeinflusst, welche Literatur und Dokumente herangezogen werden, um das eigene „Bild vom Bild“ zu stützen. Um die Bildanalyse zu vertiefen, ist es daher sinnvoll, weitere kunsthistorische Methoden ergänzend einzubeziehen.


Quellen:

  • Brassat, Wolfgang/Kohle, Hubertus: „Der geistesgeschichtlich-ikonologische Ansatz“, in: Methoden Reader Kunstgeschichte. Texte zur Methodik und Geschichte der Kunstwissenschaft, Köln: Deubner Verlag für Kunst, Theorie und Praxis, 2003
  • Panofsky, Erwin: „Ikonographie und Ikonologie. Eine Einführung in die Kunst der Renaissance“, in: Sinn und Deutung in der bildenden Kunst (Aus d. Engl. von Wilhelm Höck), Köln: DuMont, 1975

Copyright Artikelbild: IMAGO / UIG

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