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Die größte Kandinsky-Erkenntnis, die ich bisher hatte

In der kunsthistorischen Rezeption von Wassily Wassiljewitsch Kandinsky hält sich ein Narrativ mit erstaunlicher Zähigkeit: Das Bild des genialen Synästhetikers, der Töne in Farben übersetzte, Musik auf die Leinwand bannte und im Rausch der Klänge die Abstraktion erfand. Auch ich habe bereits dieses „böse Gerücht“ verbreitet. Doch wie so oft bei wirkungsmächtigen Mythen der Moderne hält diese romantisierende Sichtweise einer wissenschaftlich-methodischen Überprüfung nur bedingt stand.

Wenn wir Kandinskys Werk betrachten, müssen wir uns fragen: Handelt es sich bei seinen musikalischen Bezügen um eine tatsächliche phänomenologische Sinnesüberschneidung oder vielmehr um die Metapher eines Menschen, der sich auf kreative Art und Weise ausdrücken konnte? Und vor allem: Handelte es sich überhaupt um ein Werkzeug zur Emanzipation der Malerei von der Gegenstandsnachahmung?

Porträt von Wassiky Kandinsky. Der Künstler sitzt am Tisch und schaut in die Kamera
Wassily Wassiljewich Kandinsky​ *4. Dezember (Greg.: 16.Dezember), 1866 in Moskau.​† 13. Dezember 1944 in ​Neuilly-sur-Seine.​ Copyright: xLebrechtxMusicxArtsx/xBridgemanxImagesx 3764577 Copyright: IMAGO / Bridgeman Images

Musikalische Malerei: Zeit- und Geisteskontext

Um Kandinskys Denken zu verstehen, müssen wir es im Geisteskontext seiner Zeit verankern. Die Idee einer „musikalischen Malerei“ war um die Jahrhundertwende keineswegs neu. Bereits um 1800 galt die Musik in der ästhetischen Theorie als die reinste, immateriellste aller Künste – eben weil sie von der Pflicht zur Gegenstandsnachahmung losgelöst war. Sie war das große Vorbild für eine Malerei, die nach eigener Autonomie strebte.

Ironisch ist, dass zeitgenössische Leser in Kandinskys Schriften vor allem die Analogien zur Musik aufsogen, während sie seine ausdrücklichen Erkenntnisse überlasen. So soll er es zumindest empfunden haben, weshalb er sich in seinen Schriften gegen oberflächliche Fehldeutungen gewehrt hatte. Er stellte klar: ihm sei es grund-unmöglich und gänzlich unerreicht, Musik malen zu wollen. Eine direkte Übertragung lehnte er als absurd ab.

Worum geht es Kandinsky wirklich?

Was schwebte ihm stattdessen vor? Thomas Steiert hat dies als eine „musikalisierte Malerei“ charakterisiert. Es ging Kandinsky nicht um die Imitation der Schwesterkunst, sondern um eine methodische Erweiterung des eigenen künstlerischen Handlungsspielraums.

Der Vergleich zwischen Malerei und Musik diente ihm dazu, die Wesensverschiedenheit beider Disziplinen zu schärfen. Die Notwendigkeit dieser kategorialen Trennung war für ihn unantastbar. Die Musik war für Kandinsky nicht die Schablone, sondern der Katalysator, um innerhalb der Malerei nach einer ebenbürtigen, autonomen Wirkungskraft zu suchen.

War Kandinsky Synästhetiker?

Die neuere Forschung, allen voran Andrea Gottdang, tritt dieser weit verbreiteten Annahme mit Skepsis entgegen. Gottdang weist nachdrücklich darauf hin, dass Kandinsky selbst nie explizit für sich in Anspruch nahm, über die neurologische Disposition Synästhesie zu verfügen. Die Behauptung stützt sich im Wesentlichen auf rückblickende Beschreibungen – wie etwa sein berühmtes Erlebnis bei einer Aufführung der Wagner-Oper Lohengrin in Moskau, bei der sich Farben vor seinem inneren Auge bewegten. Kandinskys wohl meist zitierte Äußerung überhaupt; die von der europäischen Kunstgeschichte so wahnsinnig gerne zurechtgeschnitten wird, ohne überhaupt den Aspekt berühren zu wollen, dass es dem Künstler nicht nur um den Farbklang ging, sondern um das Zusammenspiel von Farbe und seiner Heimatstadt – Moskau. Aber darüber rege ich mich an anderer Stelle noch mal ausgiebiger auf.

Wie dem auch sei. Aus kunsthistorisch-methodischer Sicht müssen wir hier strikt unterscheiden:

Erstens: Selbst wenn Kandinsky synästhetische Veranlagungen besaß, halfen ihm diese weder bei der konkreten Bildkonzeption noch beim avantgardistisch-historischen Durchbruch zur Abstraktion.

Zweitens: Das Verstreuen farbmusikalischer Metaphern in seinen Texten darf von Wissenschaftlern nicht als empirischer Nachweis missverstanden werden, dass seine Gemälde das Resultat synästhetischer Wahrnehmungsprozesse seien.

Kandinsky diskutierte intensiv mit Zeitgenossen wie etwa Franz Marc, August Macke oder Arnold Schönberg über Farb-Ton-Korrespondenzen. Doch alle sie stießen rasch an die Grenzen der Objektivierbarkeit. Thomas Steiert bringt es methodisch auf den Punkt: Die synästhetischen Verknüpfungen dienten Kandinsky lediglich als experimentelles Instrument – als eine Art theoretisches Modell, um die erweiterten Ausdrucksmöglichkeiten seiner malerischen Mittel zu erörtern.

Wie funktionierte nun Kandinskys Farbtheorie in der Praxis?

Er unterschied grundsätzlich zwischen einer rein physischen Wahrnehmung – dem Reiz des Auges – und einer psychischen Wirkung, die er gerne als „Seelenvibrationen“ betitelte.

Kandinsky begriff Farbwahrnehmung als ein multisensorisches Phänomen. Farben besitzen für ihn haptische und thermische Qualitäten: Sie sind glatt, samtig, warm oder kalt. usw. Ähnlich wie Goethe koppelte er die Farbwirkung an physikalische Erscheinungen, erweiterte dies jedoch. Farben besitzen für ihn exzentrische oder konzentrische Bewegungsmomente. Sie drängen auf den Betrachter zu oder weichen von ihm zurück; sie können darüber hinaus auch einen zeitlichen Ablauf im statischen Bild simulieren.

Man muss allerdings einräumen: Kandinskys Versuch, hierfür wissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten aufzustellen, scheiterte an der Subjektivität der menschlichen Empfindung. Seine Analysen zur synästhetischen Potenz einzelner Farben wirken oft willkürlich. Und verändern sich zudem noch im weiteren Verlauf seines Lebens. Wenn er Gelb als stechend, beunruhigend und dem Menschen zustrebend definiert, oder Schwarz und Weiß als Symbole von Existenz und Nicht-Existenz setzt, verlässt er den Boden der empirischen Wissenschaft. Aber nicht nur damit.

Wassily Kandinsky, Orientalisches, 1909, Öl auf Pappe, 69,5 x 96,5 cm,  Lenbachhaus​ München​. Copyright: Lehnbachhaus München.

Wassily Kandinsky und das Unerklärliche

Er wandte sich – dessen war er sich wohl bewusst – ab vom Erklärbaren und hin zum Unerklärlichen, etwa wenn er sich mit Chromotherapie oder theosophischem Gedankengut beschäftigte. Auch wenn unklar bleibt, inwiefern theosophische Lehren direkt in seine Malpraxis einflossen, zeigt sich hier Kandinskys Zielgruppe. Seine Theorie richtete sich nicht an die Masse, sondern an den „sensiblen Menschen“.

In diesem Kontext steht auch sein zentraler Begriff des „Klangs“. Wenn Kandinsky von „Farbklängen“ spricht, meint er keine akustische Übersetzung. Der „Klang“ ist für ihn der physiognomische Charakter der Farbe selbst – eine immaterielle, innere Qualität, die direkt auf das Gemüt wirkt.

Der entscheidende Schritt in Kandinskys Schaffen liegt darin, dass seine Hinwendung zur Abstraktion keinen Bruch mit der Kunstgeschichte darstellt. Ganz im Sinne Arnold Schönbergs wird die Abstraktion als eine Radikalisierung der Maltradition begriffen. Unter Kandinskys Prämissen löst sich die starre Grenze zwischen Gegenständlichkeit und Gegenstandslosigkeit langsam auf.

Wassily Kandinsky: Musikalische Terminologie in der Kunst

Die Terminologie, die er verwendete, um seine schöpferische Haltung zu manifestieren, oder zumindest zu betiteln, spiegelt sich in seiner Dreiteilung der Werkkategorien wider, die sich nicht nach dem Sujet richtet, sondern nach dem Grad der inneren Konstruktion:

Die Impression: Der direkte Eindruck äußerer Einflüsse.

Die Improvisation: Der unbewusste, spontane Ausdruck innerer Vorgänge.

Die Komposition: Als höchste Stufe. Hier bildet sich der innere Ausdruck in einem langen, fast pedantisch durchdachten Prozess heraus, der in zahlreichen Entwürfen geprüft wird.

Kandinsky lädt den Begriff der „Komposition“ doppelt auf: Er ist einerseits die Bezeichnung für seine ambitionierteste Werkgruppe, andererseits das allgemeine Konstruktionsprinzip, das jedem bedeutenden Kunstwerk zugrunde liegt.

Um diese Kompositionen zu strukturieren, greift er erneut auf musikalische Begrifflichkeiten zurück und unterscheidet zwei Hauptgruppen:

Die melodische Komposition: Sie basiert auf einfachen, geometrischen Formen und bleibt oft noch mit gegenständlichen Assoziationen verknüpft.

und die symphonische Komposition: Ein komplexes, vielschichtiges Gefüge, in dem viele kleine Einzelformen von einer verborgenen Hauptform zusammengehalten werden.

Sogar Tempobezeichnungen zog Kandinsky heran, um die Dynamik von Form und Farbe zu charakterisieren – wobei anzumerken ist, dass er laut seinen fertiggestellten Gemälden die Titel oft erst nachträglich zuschrieb.

Entliterarisierung der Kunst

Wichtig für eine methodische Bewertung ist der Begriff der „Entliterarisierung“. Indem die Malerei ihre erzählerische, literarische Funktion abwarf, erlangte ihr bildnerisches Material – Form und Farbe – eine Autonomie, die zuvor nur der Musik eigen war. Erst durch diese Freisetzung wurde es möglich, Begriffe wie „symphonisch“ oder „Harmonie“ rein strukturell auf die Malerei anzuwenden und ihre Wirkung in den Vordergrund zu stellen. Harmonie bedeutete für Kandinsky im Zeitalter der Moderne übrigens nicht mehr das gefällige Miteinander, sondern das Prinzip der Gegensätze und Widersprüche als eine zeitgemäße Auffassung einer neuen harmonischen Zusammenwirkung.

Eins der Schlüsselwerke von Wassily Kandinsky

Anhand eines der Schlüsselwerke Kandinskys lässt sich das Zusammenspiel von Musikerlebnis, Bildentstehung und methodischer Analyse exemplarisch sezieren: dem Gemälde Impression III (Konzert) aus dem Januar 1911.

Wassily Kandinsky, Impression III (Konzert), 1911, Öl auf Leinwand, 78,4 × 100,6 × 2 cm, München, Lenbachhaus.​ Copyright: Lehnbachhaus München.

Schon der Gattungsbegriff der „Impression“ suggeriert nach Kandinskys Systematik, wie wir wissen, die unmittelbare, fast reflexhafte Umsetzung eines äußeren Eindrucks – in diesem Fall des Besuchs jenes Münchner Neujahreskonzerts mit Werken Arnold Schönbergs. Doch die bildanalytische Betrachtung entlarvt den populären Mythos des spontanen, synästhetischen Farbrausches auf der Leinwand.

Zwei Skizzen die der Bezeichnung „Impression“ widersprechen

Wie der Kunsthistoriker Günter Brucher nachdrücklich herausgearbeitet hat, verlief die Genese keineswegs im Affekt. Andrea Gottdang greift diesen Befund auf und notiert: „Dass die Umsetzung des Konzerterlebnisses in Öl auf Pappe nicht ganz so spontan erfolgte, hat Brucher unter Hinweis auf die beiden vorbereitenden Skizzen hervorgehoben.“

Die zwei erhaltenen Skizzen dokumentieren einen Abstraktionsprozess: Die erste Skizze verortet das Geschehen noch ganz figurativ im realen Raum: Wir erkennen die räumliche Kulisse, das Publikum und den schwarzen Konzertflügel.

Wassily Kandinsky, Studie zu Impression III (Konzert), 1911, Kreide auf Papier, 10 × 14,9 cm, Paris, Centre Pompidou, Centre de création industrielle.​

Die zweite, abstraktere, Skizze löst den räumlichen Sog vollkommen auf. Die Perspektive weicht einer autonomen Farb- und Formdynamik. Ich sage Farbdynamik, weil Kandinsky hier die Farben bereits schriftlich bestimmt hat.

Wassily Kandinsky, Studie zu Impression III (Konzert), 1911, Kohle auf Papier, 10 × 14,8 cm, Paris, Centre Pompidou, Cabinet d’art graphique.

Kunsthistoriker analysieren Kandinskys Gemälde

Bedeutsam ist hierbei die Platzierung der gelben Fläche: Sie steigt nicht direkt aus dem schwarzen Flügel auf – wie eine triviale Übersetzung von Ton in Pigment vermuten ließe –, sondern drängt als mächtige Diagonale von links unten nach rechts oben. Kandinsky setzt hier primär auf rein malerische Dissonanzen: Das geheimnisvolle Schwarz des Flügels steht im harten, spannungsvollen Kontrast zur Bewegung des Gelbs.

Thomas Steiert bemerkt hierzu, bei Impression III vermische sich „das Sichtbare mit dem Hörbaren“. Andrea Gottdang präzisiert diese Wechselwirkung jedoch auf einer rein bildtheoretischen Ebene:

„Ist die Annahme richtig, dass dieses Gelb hier eine Chiffre für Musik ist, so gilt für die Musik im übertragenen Sinn alles, was für die Farbe festgestellt wurde. Klang umfängt die Hörerschar, sickert in sie hinein, wird durch die Farbe sichtbar gemacht, von ihr aufgenommen oder legt sich wie ein Dunstschleier über sie.“

Es handelt sich bei Impression III folglich weder um das verbildlichte Protokoll eines synästhetischen Erlebnisses noch war es Kandinsky wichtig, dass der Betrachter exakt Schönbergs Aufführung als solche entziffert. Das Gelb fungiert als autonome bildnerische Chiffre für das Phänomen der akustischen Raumdurchdringung.

Kandinskys „mentale Matrix“: Den „gelben Klang“ gibt es schon längst als Konzept

An dieser Stelle drängt sich eine grundlegende Frage auf: Woher stammt diese spezifische energetische Aufladung der Farbe Gelb als Raum greifender Klang?

Um dies zu beantworten, müssen wir den Blick auf Kandinskys abstrakte Bühnenkomposition „Der Gelbe Klang“ lenken, verfasst zwischen 1909 und 1910 und schließlich 1912 im Manifest der frühen Avantgarde „Der Blaue Reiter“ publiziert.

„Der Gelbe Klang“ ist ein Pionierwerk des abstrakten Tontheaters. Es verzichtet auf Handlung, Dialoge und psychologische Figuren. Die eigentlichen Akteure sind das Licht, die Farbe, die menschliche Bewegung und der Klang. Die Farbe Gelb tritt darin als exzentrische, drängende Kraft auf, die den Raum flutet und mit dunklen, violetten Nuancen im Konflikt steht.

Wenn die Bühnenkomposition bereits 1909/1910 fertiggestellt war, dann lebte das Konzept des „Gelben Klangs“ bereits als mentale Matrix in Kandinskys Geist, lange bevor er das Schönberg-Konzert im Januar 1911 besuchte.

Haben wir Schönbergs Konzert zu viel Bedeutung zugeschrieben?

Damit boten Schönbergs Dissonanzen Kandinsky den äußeren Anlass, um eine längst ausgereifte, theoretische Konzeption nun auch malerisch zu entfesseln. Behaupt ich jetzt einfach mal. Impression III ist nicht die Abbildung eines Schönberg-Stücks – es ist die visuelle Manifestation des bereits existierenden „Gelben Klangs“.

Dass diese chronologische Trennung zwingend ist, verdanken wir den Untersuchungen des Musikwissenschaftlers*Werner Keil aus dem Jahr 2000. Keil hat mit den gängigen Mythen der Forschung aufgeräumt:

„Eine enge persönliche Freundschaft zwischen Kandinsky und Schönberg und die dichte künstlerische Ereignisfolge 1911/12 haben die musikwissenschaftliche wie kunsthistorische Forschung schon früh veranlasst, nach Parallelen zwischen beiden Künstlern zu suchen und wechselseitige Beeinflussungen nachzuweisen. Es lag insbesondere nahe zu vermuten, Kandinskys Bühnenkomposition ‚Der gelbe Klang‘ und seine Farbtheorien hätten Schönberg bei der Fertigstellung der ‚Glücklichen Hand‘ geleitet; umgekehrt soll unter dem starken Eindruck des Münchener Konzerts Kandinskys Impression III entstanden sein.“

Keil weist nach: Kandinsky und Schönberg kannten sich vor dem 2. Januar 1911 schlichtweg nicht. Eine wechselseitige Beeinflussung vor 1911 soll quellenkritisch ausgeschlossen sein.

An dieser Stelle offenbart sich ein faszinierendes methodisches Lehrstück

Blickt man in die Arbeit von Andrea Gottdang, stellt man fest, dass sie Werner Keils Studie zwar ordnungsgemäß in ihren Quellen aufführt, seine Ergebnisse jedoch ausgesprochen selektiv instrumentalisiert. Gottdang filtert aus Keils Befunden exakt jene Aspekte heraus, die ihre eigene These – die radikale Demontage der Synästhesie – untermauern. Die breitere, komplementäre Komplexität von Keils Argumentation blendet sie weitgehend aus, um das eigene theoretische Narrativ nicht zu gefährden.

Das Erstaunliche daran ist: Gottdang hätte diese selektive Rezeption gar nicht nötig gehabt. Ihre Entzauberung des Synästhesie-Mythos steht auch so auf festem Fundament. Dass sie die Quelle Dennoch so einseitig zuschneidet, zeigt uns auf der Ebene der Wissenschaftstheorie, wie schnell auch neuere Forschungsliteratur dazu neigt, historische Quellen passfähig zu machen.


Quellen: Gottdang, Andrea: Vorbild Musik. Die Geschichte einer Idee in der Malerei im deutschsprachigen Raum 1780–1915. München/Berlin: Deutscher Kunstverlag 2004, S. 371–405.​

Keil, Werner K.: „Die innere Notwendigkeit. Gedanken zu Musik, Malerei und Bühne bei Schönberg, Kandinsky und anderen“. In: Reifenscheid, Beate (Hrsg.): Die innere Notwendigkeit. Gedanken zu Musik, Malerei und Bühne bei Schönberg, Kandinsky und anderen. Bielefeld: Kerber Verlag 2000, S. 23–42.​

Steiert, Thomas: Das Kunstwerk in seinem Verhältnis zu den Künsten. Beziehung zwischen Musik und Malerei. Frankfurt am Main: Peter Lang GmbH, Europäischer Verlag der Wissenschaften 1995, S. 100–109.​


Anmerkung: Das war ein Referat vom 27. Juli 2026 (bisserl nachredigiert). Ich hatte zwei Tage zuvor „voll die Eingebung“. Mitten in der Nacht im Bett. War so geflasht davon. Allerdings fand niemand meine Idee so knorke, wie ich selbst hahaha. Wie immer halt. Aber zum Glück geht es mir hierbei egoistischerweise ausschließlich um mich und meine eigenen Erkenntnisse. Daher würde ich euch, meine aller liebsten Lieblingsleser, zu einer Diskussionsrunde in den Kommentaren einladen. Wenn ihr euch traut.

Und liebe Frau Prof. Dr. Gottdang, es ging unter, wie genial ihr Text ist, bitte verklagen Sie mich nicht für meine anmaßende Einordnung. Es ist lediglich ein leihenhafter Gedankenspaziergang einer Person, die Ihre umfassende Arbeit bewundert.

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Der psychologische Blick auf Egon Schiele

EIN SELBSTBILD.

ICH BIN FÜR MICH UND DIE, DENEN
DIE DURSTIGE TRUNKSUCHT NACH
FREISEIN BEI MIR ALLES SCHENKT,
UND AUCH FÜR ALLE, WEIL ALLE
ICH AUCH LIEBE, – LIEBE.

ICH BIN VON VORNEHMSTEN
DER VORNEHMSTE
UND VON RÜCKGEBERN
DER RÜCKGEBIGSTE

ICH BIN MENSCH, ICH LIEBE
DEN TOD UND LIEBE
DAS LEBEN.

Egon Schiele (1910)

Egon Schiele (1890-1918), österreichischer Künstler. Fotografiert in seinem Atelier. Credit: IMAGO / GRANGER Historical Picture Archive

Die Forschungsfrage verändert sich

Kaum ein Künstler des frühen Expressionismus wirkt auf den ersten Blick so psychologisch lesbar wie Egon Schiele. Seine verwinkelten Körper, die düsteren, Gestalten, Grimassen und die intensiven Blicke vermitteln den Eindruck, als würde uns der Künstler seine Seele offenlegen. Es entsteht die Vorstellung eines zerrissenen, leidenden Menschen. Heute stellt sich die Forschung nicht mehr die Frage: Was verraten Schieles Bilder über seine Psyche? Sondern: Warum wirken sie überhaupt so psychologisch aufgeladen?

In den letzten Jahrzehnten hat sich der Blick auf Schiele deutlich verändert. Und zwar nach und nach.

Egon Schiele: Ein Rebell seiner Zeit

Das Bild Egon Schieles ist bis heute eng mit seiner Biografie verbunden. Er galt als Rebell, wurde wegen der Verbreitung obszöner Zeichnungen inhaftiert und entwickelte schon früh einen außergewöhnlich expressiven Zeichenstil. Über ihn wird erzählt, er habe niemals einen Radiergummi benutzt und Zeichnungen innerhalb weniger Minuten gefertigt.

In einem Brief schrieb Schiele: „Ich habe zweifellos furchtbare Bilder gemalt. Aber glauben die wirklich, dass ich es mit Absicht getan habe? Nur um das spießige Bürgertum zu erschrecken? Das war nie der Fall. Aber es gibt Gespenster, die aus einem Verlangen heraus entstehen. Und ich habe diese Gespenster gemalt. Nicht weil es mir Freude machte, sondern weil ich es musste.“

Hier geht’s zu der Online-Sammlung des Leopold Museums. Dort findet ihr eine unfassbare Vielfalt an Schiele-Werken in höchster Qualität. Da die urheberrechtlichen Fragen noch nicht geklärt sind, sehe ich bisweilen von einem Download ab.

Spuren in der Kindheit und Familie

Auch seine Kindheit scheint eine psychologische Deutung nahezulegen. Sein Vater war cholerisch und förderte zwar zunächst das zeichnerische Talent seines Sohnes, verbrannte später jedoch einen großen Teil seiner Zeichnungen, weil sie ihm übermäßig erschienen. Nachdem der Vater an Syphilis erkrankte, schien er verrückt zu werden. Er verbrannte den gesamten Aktienbesitz der Familie und starb wenig später.

Es liegt nahe, darin mögliche Ursachen für Schieles Bildwelt zu suchen. Doch erlauben uns die Einblicke in seine Bilder tatsächlich einen Blick in seine Psyche? Oder projizieren wir diesen Blick erst nachträglich hinein?

Egon Schiele (österreich. Maler des Expressionismus 1890-1918)

Egon Schieles Bilder: psychischer Selbstausdruck?

Pia Müller-Tamm setzt sich zunächst mit der Schiele-Interpretation des Kunsthistorikers Werner Hofmann auseinander. Hofmann prägte über Jahrzehnte das Bild Schieles als Künstler des psychischen Selbstausdrucks. Für ihn spiegeln die scheinbar deformierten Körper und nervösen Linien unmittelbar die seelische Verfassung des Künstlers wider.

Immer wieder werden Gegensätze hervorgehoben:

  • Entblößung und Verhüllung
  • Offenbarung und Distanz
  • Verzweiflung und Übersteigerung

Hoffmann beschreibt Schieles Körper in den Selbstbildnissen sogar als einen Leib, der „wie eine einzige Wunde“ erscheint. Der Körper werde damit zum unmittelbaren Ausdruck seelischen Leidens.

Egon Schiele, Aktselbstbildnis 1916. Bleistift, Deckfarben auf Papier. Maße: 29,5 × 45,8 cm. Credit: ALBERTINA, Wien.

Unterstützt wird diese Position durch den Philosophen Jacques LeRider. Er beschreibt Wien um 1900 als eine Kultur der Identitätskrise. Der rasante Modernisierungsprozess habe bei vielen Künstlern ein tiefes Gefühl von Verlust ausgelöst. Schiele erscheint dadurch als besonders sensibler Künstler einer krisenhaften Zeit.

Auch einzelne Werke wurden entsprechend interpretiert

Beim Selbstbildnis mit Hand an der Wange galt etwa das Herunterziehen des Augenlids lange als Symbol von Melancholie oder sogar als bewusste Umdeutung des Schmerzensmannes. Die Augen wurden als Spiegel des Inneren verstanden.

Egon Schiele: „Selbstbildnis mit Hand an der Wange“, 1910​. Gouache, Aquarell und Kohle auf Papier​, 44,3 × 30,5 cm. Credit: IMAGO / GRANGER Historical Picture Archive

Mit den 1990er Jahren kommt der Perspektivwechsel. Pia Müller-Tamm macht deutlich, dass Schieles Selbstporträts nicht mehr als spontane Bekenntnisse gelesen werden können. Vielmehr entstehen sie in einem Spannungsfeld zwischen Selbstentfremdung und bewusster Selbstinszenierung.

Seine Bilder seien keine unmittelbaren Einblicke in seine Persönlichkeit, sondern sorgfältig gestaltete Konstruktionen. Auch seinen schriftlichen Äußerungen begegnet die Forschung nun mit größerer Vorsicht. Sie gelten nicht mehr automatisch als Schlüssel zum Verständnis seiner Kunst. Stattdessen zeigt sich, dass Schiele zahlreiche Bildtraditionen übernimmt und neu kombiniert.

Er greife kunsthistorische Bildformeln ebenso auf wie Fotografien psychisch Kranker oder zeitgenössische pornografische Fotografien. Hinzu kommt ein weiteres Detail: Während seiner Jugend wohnte Schiele im Haus der Familie Holzknecht. Der Sohn der Gastfamilie war Mediziner und beschäftigte sich intensiv mit der damals neuen Radiologie. Schiele zeigte großes Interesse an diesen anatomischen Bildern – Bildern, die damals fast ausschließlich Ärzten und Wissenschaftlern zugänglich waren.

Egon Schiele: geschlechtergeschichtliche Perspektive

Katharina Sykora erweitert diese Gedanken um eine geschlechtergeschichtliche Perspektive. Um 1900 herrschte eine äußerst strenge Trennung zwischen männlichen und weiblichen Rollenbildern. Schiele soll diese Grenze bewusst überschritten haben. Mit seinen Akt-Selbstbildnissen macht er erstmals den männlichen Körper selbst zum Objekt des begehrenden Blickes. Darstellungen, die zuvor fast ausschließlich Frauen – insbesondere Prostituierten in pornografischen Fotografien – vorbehalten waren, überträgt er auf sich selbst.

Der Spiegel dient dabei nicht lediglich der Selbstbeobachtung. Sykora beschreibt ihn vielmehr als eine Art Pornokamera, in der sich Schiele den traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit verweigert. Seine Figuren schwanken häufig zwischen männlichen und weiblichen Merkmalen. Besonders deutlich wird dies etwa im Aktselbstbildnis grimassierend von 1910. Dieses Bild kann so gelesen werden, als hätte sich Schiele mit weiblichen Genitalien dargestellt.

Egon Schiele: Grimassierendes Aktselbstbildnis, 1910​

Bleistift, Kohle, Pinsel, ​

Deckfarben mit proteinhaltigen Bindemitteln, ​

Deckweiß auf Packpapier​
55,8 × 36,7 cm​
Egon Schiele: Grimassierendes Aktselbstbildnis, 1910​. Bleistift, Kohle, Pinsel, ​Deckfarben mit proteinhaltigen Bindemitteln, Deckweiß auf Packpapier​. 55,8 × 36,7 cm​. Credit: ALBERTINA, Wien

Ein kurzer Exkurs

Hier ein Beispiel erotischer Fotografie um 1900, das ebenfalls weit über die damaligen Konventionen hinausgeht. Es scheint fast so, als ob das Bedürfnis nach Tabubrüchen nicht nur Schiele, sondern auch andere Künstler und Fotografen dieser Zeit erfasst.

Weitere Einblicke in diese Entwicklung könnte die derzeitige Ausstellung The First Homosexuals – Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939 im Kunstmuseum Basel liefern, die ich selbst allerdings noch nicht besucht habe. Läuft noch bis 2. August 2026.

Je neuer die Forschung, desto adäquater die Psychoanalyse

Eine Aussage aus dem Ausstellungskatalog „Wien 1900″ aus dem Jahr 2011 greift Schieles Grimassenbilder auf. Dort heißt es ausdrücklich, solche Selbstbildnisse würden „keineswegs Auskunft über das Psychogramm des Künstlers [geben], sondern sind vielmehr als theatralische Inszenierungen zu verstehen.“

Damit wird der gesamte psychologisierende Zugang grundsätzlich infrage gestellt.

Egon Schiele: Ein weiterer Widerspruch zwischen Persönlichkeit und Bildsprache

Schieles Werke kreisen zwar ständig um Themen wie Melancholie, Einsamkeit, Leiden und Tod. Zeitzeugen beschreiben ihn jedoch als lebensfrohen Menschen mit vielen Freunden. Ähnlich wie Kafka.

Vielleicht liegt die größte psychologische Leistung Egon Schieles also gar nicht darin, seine Seele gezeigt zu haben – sondern darin, uns bis heute glauben zu lassen, wir könnten sie sehen. Ob die Nachwelt wohl jemals seine geheimnisvollen Gebärden deuten können wird? Wohl kaum.


Quellen:

Müller-Tamm, Pia: Sehen zeigen – sehen lassen. Blickinszenierung und Betrachteransprache in Schieles figürlichen Darstellungen. In: Müller-Tamm, Pia (Hrsg.): Egon Schiele. Inszenierung und Identität. Köln 1995, S. 16–43.​

Samola, Franz: Egon Schiele: Symbolistische Todesnähe und expressionistische Gebärde. In: Steffen, Barbara (Hrsg.): Wien 1900. Klimt, Schiele und ihre Zeit. Ein Gesamtkunstwerk. Riehen/Basel 2010, S. 91–95.​

Sykora, Katharina: Performative Selbstinszenierung und Geschlechterirritation bei Egon Schiele. In: Müller-Tamm, Pia (Hrsg.): Egon Schiele. Inszenierung und Identität. Köln 1995, S. 44–65.​

Egon Schiele (österreichischer Maler des Expressionismus 1890–1918). Dokumentarfilm. Regie: Herbert Eisenschenk. Österreich 2018. Erstausstrahlung: ARTE, 21.10.2018. Online verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=n7OZysP3v8I (Zugriff: 14.07.2026).​ (Weiter oben eingebettet).

Schiele, Egon: Ein Selbstbild (Gedicht, 1910). In: Egon Schiele Datenbank der Autografen. Online verfügbar unter: egonschiele.at (Zugriff: 15.07.2026).

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War Wassily Kandinsky wirklich Synästhetiker?

Die allermeisten Quellen zu Wassily Wassilivitsch Kandinsky, die uns in der Kunstgeschichte begegnen werden, beteuern, er sei Synästhetiker gewesen. Nicht Prof. Dr. Andrea Gottdang. In ihrem Buch Vorbild Musik: Die Geschichte einer Idee in der Malerei im deutschsprachigen Raum rollt sie diese Behauptung wieder auf und fechtet sie an. Sie zeigt, dass ebensowenig Anhaltspunkte vorliegen, um dem Künstler eine Synästhesie zuzuschreiben als auch abzuschreiben. Letztlich stellt sie, wenn auch nur subtil, die Frage, ob dies denn überhaupt eine außerordentliche Rolle für sein Lebenswerk spielen würde. Wenn ihr mich fragt: nö.

Porträt von Wassiky Kandinsky. Der Künstler sitzt am Tisch und schaut in die Kamera
Wassily Kandinsky 1912/13. Copyright: IMAGO / Bridgeman Images

Wassily Kandinsky: Wie wirkt Farbe auf den Menschen?

Ein zentrales Anliegen Wassily Kandinskys war die Frage, wie Farbe auf den Menschen wirkt. Dabei unterschied er zwischen einer rein physischen und einer psychischen Wirkung der Farbe.

Während die physische Wirkung das unmittelbare Sehen samt körperlicher Reaktion darauf betrifft, richtet sich die psychische Wirkung an die Seele des Betrachters. In Über das Geistige in der Kunst formuliert Kandinsky, dass „jede Farbe die Erinnerung an ein anderes, physisches Agens weckt, das ähnliche seelische Vibrationen verursachte wie die Farbe selbst“. Für ihn beschränkte sich Farbwahrnehmung daher nicht allein auf das Sehen. Vielmehr seien alle Sinne beteiligt: Farben könnten als glatt oder rau, samtig, weich oder hart empfunden werden. Auch das weit verbreitete Empfinden warmer und kalter Farben stammte daher.

Kandinsky versuchte, diese Überlegungen durch zahlreiche Beispiele zu untermauern. Gleichzeitig hoffte er, dass eines Tages allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten der Farbwirkung wissenschaftlich nachgewiesen und systematisiert werden könnten. Ihm war jedoch bewusst, dass jede Farbempfindung immer auch vom individuellen Menschen abhängt. Eine wissenschaftlich fundierte Farbtheorie müsse deshalb gerade auch die Sonder- und Ausnahmefälle erklären können.

Farben und ihre Wirkung

Die Bedeutung der Farben changierte bei Kandinsky im Verlauf der Schaffensjahre. So beschrieb er zunächst die Wirkung der Farben.

Rot wirkte auf ihn lebendig bis unruhig

blau: himmlisch und trat auch als die Farbe des Geistigen auf.

gelb: Aktivität und Helligkeit

grün: Passivität und Selbstzufriedenheit

Später ging er sogar so weit, einzelnen Farben bestimmte Musikinstrumente zuzuordnen. Das Cello etwa klang für ihn blau und die Flöte gelb.

Improvisation 10, 1910

Einflüsse auf Kandinskys Frabtheorien

Bei seiner Suche nach Erklärungsmodellen beschäftigte sich Kandinsky nachweislich unter anderem mit dem theosophischen Gedankengut. Dass er entsprechende Schriften kannte, gilt als gesichert. Weniger eindeutig ist jedoch die Frage, ob diese Vorstellungen seine künstlerische Praxis tatsächlich beeinflussten. Auffällig ist jedenfalls, dass er sich teilweise vom naturwissenschaftlich Erklärbaren ab- und spekulativeren Konzepten zuwandte. Dazu zählt etwa die Chromotherapie, die davon ausgeht, Krankheiten durch die gezielte Anwendung bestimmter Farben heilen zu können. Gleichzeitig scheint Kandinsky durchaus bewusst gewesen zu sein, dass sich seine Überlegungen nicht an jedermann richteten, sondern vielmehr an besonders sensible Menschen.

In diesem Zusammenhang spielen die sogenannten Gedankenformen von Annie Besant und Charles W. Leadbeater eine wichtige Rolle. Diese sollten veranschaulichen, dass Gedanken und Gefühle nicht unsichtbar bleiben, sondern eine eigene Form annehmen können. Ähnlich wie die theosophische Aura seien Gedankenformen nur für besonders sensible Menschen wahrnehmbar. Während die Aura jedoch ein Individuum wie eine Wolke umhüllt, seien Gedankenformen weder persönlicher Natur noch an eine bestimmte Person gebunden, sondern bewegten sich frei im Raum.

Jetzt wird’s esoterisch: Die drei Klassen von Gedankenformen

Besant und Leadbeater unterscheiden drei Klassen von Gedankenformen. Die erste Klasse nimmt die Gestalt des denkenden Menschen an, etwa wenn dieser sich gedanklich an einen anderen Ort versetzt, wo seine Gedankenform von Hellsehern bemerkt werden kann. Die zweite Klasse bildet konkrete Vorstellungen nach, beispielsweise Personen oder Landschaften. Erst die dritte Klasse kann in eigenständige, abstrakte Formen übersetzt werden. Sie bringt Gefühle wie Liebe, Andacht oder Zorn sowie Gemütsbewegungen bei außergewöhnlichen Ereignissen wie einem Schiffbruch oder einer Theaterpremiere zum Ausdruck. Gerade diese dritte Klasse gilt als bildlich darstellbar, da die beiden ersten Klassen lediglich wie gewöhnliche Porträts oder Landschaften erscheinen würden. Lassen wir einfach mal so stehen.

Besant übertrug dieses Modell sogar auf die Musik. Nach ihrer Auffassung besitzt jedes Musikstück eine eigene Gedankenform. Wie diese im Einzelnen ausgesehen haben soll, lässt sich heute allerdings kaum noch nachvollziehen.

Musik in der Kunst von Wassily Kandinsky

Dass Musik für Kandinsky eine zentrale Rolle spielte, zeigt sich auch unabhängig von der Theosophie. Er stand im Austausch mit Arnold Schönberg, einem Musiker, und lebte in einer Zeit, in der die Vorstellung einer „musikalischen Malerei“ sich immer weiter verbreitete.

Die Namensgebungen vieler seiner abstrakten Werke, also Improvisationen und Kompositionen sind auf die Verbindung von Malerei und Musik zurückzuführen. Werke wie Improvisation 2 (1909), gehen sogar noch konkreter auf einzelne Musikwerke ein, in diesem bestimmten Fall etwa Chopins Trauermarsch.

Studie zu Improvisation Nr. 2 (Trauer-marsch), 1909. Quelle: Lenbachhaus München

Das ist de Anhaltspunkt für Kandinskys angebliche Synästhesie

Um nun auf den Anfang zurückzukommen: Immer wieder wird in diesem Zusammenhang behauptet, Kandinsky sei Synästhetiker gewesen. Tatsächlich hat er selbst dies jedoch nie von sich behauptet, obwohl er sich dieses Phänomens bewusst war. Zumal es zu seiner Zeit auch en Vogue war, solche Phänomene bei sich selbst zu beobachten.

Die Annahme des Farbenhörens bei Kandinsky stützt sich vor allem auf seine Schilderung einer Aufführung von Wagners Lohengrin, bei der sich Farben vor sein inneres Auge geschoben hätten, wie er selbst beschrieb. Dieses Erlebnis gilt häufig als wichtigster Beleg für eine synästhetische Wahrnehmung. Wo Andrea Gottdang Gott sei dang höhö wiederum den Finger reinlegt und sagt: nein. Das ist viel zu, achtung, abstrakt. Ne, hat sie natürlich nicht so gesagt, aber auch gezeigt, dass es nicht als das Schlüsselereignis angesehen werden kann, warum Kandinsky erstens in die Kunst ging, obwohl er eigentlich Anwalt war, und zweitens später dann abstrakte Kunst machte und somit eine völlig neue Art schuf, Kunst zu machen, die, wenn wir uns den heutigen Kunstmarkt ansehen, dominierend auftritt.

Wassily Kandinsky - Die Welt hinter den Dingen (russischer Maler, abstrakte Kunst, 1866-1944)
Tolle Reportage! Aber auch hier wird Kandinskys Synästhesie als unanfechtbares Faktum aufgeführt.

Unbefriedigendes Fazit: War Wassily Kandinsky nun Synästhetiker?

Um es auf den Punkt zu bringen: Ob Kandinsky tatsächlich Synästhetiker war, sollte durchaus kritisch betrachtet werden. Und das ist der wahrscheinlich wichtigste Impuls, den Gottdang ihrem Leser mitgibt: nicht einfach das hinzunehmen, was jahrzehntelang von Quelle zu Quelle abgeschrieben wird. Denn viele dieser Ansätze scheitern an ihrer fehlenden Objektivierbarkeit. Das bloße Verwenden farbmusikalischer Metaphern reicht dafür nicht aus, um Kandinsky nachträglich irgend eine Art von Diagnose zuzuschreiben. Ebenso seriös wäre es, mit unseren heutigen Kenntnissen von der sehr ungenauen Wissenschaft Psychologie, Kandinksy nachträglich ins autistische Spektrum einzuordnen, wenn es auch darauf den einen oder anderen Hinweis gibt.

Und gerade diese kritische Einordnung macht deutlich, dass zwischen Kandinskys theoretischen Überlegungen, möglichen theosophischen Einflüssen und seiner tatsächlichen Malerei sorgfältig unterschieden werden muss. Zumal auch die große Vielfalt an Einflüssen auf Kandinskys Kunst beachtet werden sollte. Lebensumstände, wie etwa mehrere Fluchten wegen politischer Umstände in Russland und Deutschland, Kandinskys grenzenlose Offenheit gegenüber interdisziplinären avantgardistischen Strömungen, seine Spiritualität, sowohl im esoterischen als auch religiösem Sinne, natürlich die Musik, Kunst und Philosophie all das sind unter anderem Bausteine, die Kandinskys Geist befeuerten, sodass er seine Kunst schuf. Und: er war ständig auf der Suche nach diesen Eindrücken.

Heiliger Wladimir​ (1911)
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Kunst

Joerg Eyfferth: Ein Realist der Extraklasse

Faszination Glas und Metall: In der Galerie Supper in Baden-Baden wird derzeit ein außergewöhnlicher Künstler des Realismus ausgestellt: Joerg Eyfferth. Bis zum 12. Juli 2026 könnt ihr dort seine Werke sehen. Bis zum 12. September ist dies nur noch nach Terminvereinbarung möglich.

Was steckt hinter seinen Gemälden? Bei seiner Vernissage verriet er es mir.

So entwicktelte sich Joerg Eyfferths Kunst

Kaum ein anderer Künstler kann Glas und Metall so lebendig und hyperrealistisch wiedergeben wie Eyfferth. Alles begann mit einer Schale. Im Kurzfilm unten zeigt er sie sogar. Zunächst wollte er ihre Oberfläche erkunden. Später kamen Transparenz und Farbigkeit hinzu. Einen festen Plan habe es dabei nie gegeben, sagt er. Seine Ideen entstehen nicht nach Konzept. „Ich sehe etwas, bin begeistert und muss es machen.“ Entscheidend sei, dass ihn ein Motiv wirklich packe. Er müsse dafür brennen, „richtig Bock drauf haben“. Erst wenn es ihm „in den Fingern juckt“, beginnt der Schaffensprozess.

Mit der Zeit richtet sich sein Blick immer stärker auf winzige Details. In Metallschalen entdeckt er Spiegelungen, die er hin und wieder ins Sujet einbaut. Äpfel und Kirschen betrachtet er so genau, dass ihm selbst die feinsten Sprenkel unter ihrer Oberfläche auffallen. Diese Beobachtungen werden zu einem sehr wichtigen Punkt seiner Arbeiten.

Joerg Eyfferth 2009
Ein Film mit und über Joerg Eyfferth aus dem Jahr 2009, der sehr gut das Wesen und die Arbeitsweise wiedergibt.

Kunst und Politik

Was mich immer wieder interessiert, ist, was Künstler über die Aussage meines Professors der Kunstgeschichte „Jede Kunst ist politisch, auch wenn sie unpolitisch ist“ denken. Es beschäftigt mich, weil ich einerseits weiß, dass der Mann wohl gute Gründe hat, um so etwas zu äußern, andererseits bin ich als Journalistin sehr vorsichtig mit solch absolutistischen Feststellungen, die zudem auch der Politik eine Macht zuschreiben, die sie gar nicht haben sollte.

Joerg Eyfferths Position finde ich dabei sehr kraftvoll: „Politische Kunst ist eine individuelle Lebenseinstellung. Die Kunst muss nicht politisch sein. Die Kunst muss gar nichts“, sagt er mir. Eine Botschaft wolle er nicht transportieren. „Politik hat keinen Platz in meiner Kunst.“

Das innere Bedürfnis

Malen ist für Eyfferth ohnehin keine Frage der Umstände. „Ich würde auch auf einer einsamen Insel malen“, sagt er; er muss das einfach machen, anders geht es gar nicht. Während des Malens denke er an nichts. Vielmehr stehe der Prozess selbst im Mittelpunkt. Darüber hinaus tragen die heutigen Bilder bewusst keine Titel. Sie sind durchnummeriert, was einen Interpretationsraum durchaus klein hält.

Mit dieser Technik arbeitet Joerg Eyfferth

Ölfarben waren nicht von Anfang an sein Medium. Im Laufe der Zeit experimentierte Jörg Eyfferth mit Beschleunigern und Verzögerern, mittlerweile arbeitet er am liebsten mit Leinöl. Seine Bilder entstehen in mehreren Schichten – etwa sieben sind es, die er in feinen Lasuren übereinanderlegt.

Auch die Rahmung gehört für ihn zum Werk. Zwischen Bild und Rahmen bleibt immer ein schmaler Spalt. Wichtig sei ihm, dass das Werk von der Wand getrennt ist und zugleich für sich selbst steht. Die Rahmen sind schlicht und elegant, meistens grau. Mittlerweile macht Eyfferth sie selbst.

Werke und Motive

Auf mehreren Gemälden sind Flaschenhälse zu sehen. Die hat der Künstler wie Porträts aufgebaut: Kopf, Hals, Körper. So wirken die Glasflaschen beinahe personifiziert. Aber das wäre wieder zu interpretativ formuliert. Vielmehr ist es wahrscheinlich wieder der Respekt des Künstlers dem Material Glas gegenüber. Stillleben mit Gläsern und Tüchern hatte er in einer Schaffensphase auch vermehrt gemalt, doch hatte sich irgendwann an ihnen sattgesehen.

Für eines der Bilder, das derzeit in der Galerie Supper ausgestellt wird, hat Joerg Eyfferth 28 Jahre gebraucht. „Es kam immer wieder was dazwischen. Das eine Bild, das andere“, erklärt er mir schmunzelnd. Er arbeitet immer parallel an mehreren Bildern.

Künstlerische Entwicklung und Vita

Sein Talent entdeckt er früh. „Ich war schon immer der in der Schule, der zur Tafel geholt wurde, wenn etwas gemalt werden musste“, erinnert er sich. Er hielt an seiner Gabe fest, arbeitete im jugendlichen Alter viel mit Pop-Art. Die erste Ausstellungsbeteiligung folgte mit 17 Jahren. Später war er mehrere Jahre vorübergehend in der Musik unterwegs, lebte sozusagen einen Rock’N’Roll Lifestyle, wie es sich gehört. Hier findet ihr konkrete Eckdaten zu Vita, Engagement und Preisen.

Das sagt Galerist Dirk Supper

„Die Schau in der Galerie entstand relativ kurzfristig. Wir sahen die Ausstellung ‚Wettstreit mit der Wirklichkeit 60 Jahre Fotorealismus‚ und dachten uns, dass unbedingt auch ein deutscher Realist in Baden-Baden repräsentiert werden muss.“


Weitere Infos zum Künstler findet ihr hier.

Zur Website der Galerie Supper geht’s hier.

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Kunst

Nicolas Poussin: Ein französischer Künstler erobert Rom

Nicolas Poussin (1594 – 1665) gilt heute als einer der bedeutendsten Vertreter des klassizistischen Barocks. Erste künstlerische Anregungen erhielt der Franzose durch Werke der Schule von Fontainebleau. In Paris lernte er den Dichter Giambattista Marino kennen, der sein Interesse an der griechischen und römischen Mythologie weckte – Themen, die sein späteres Werk prägen sollten.

Gemälde des französischen Künstlers Nicolas Poussin: Raub der Sabinerinnen
Raub der Sabinerinnen, entstanden zwischen 1637 und 1638. Quelle: Wikipedia

Nicolas Poussin sucht das Schönheitsideal in der Antike – und findet es

Wie auch viele andere Künstler seiner Zeit sah Poussin in der Kunst der Antike ein Ideal menschlicher Schönheit und Tugend. Um diese Vorbilder aus nächster Nähe studieren zu können, wollte er nach Rom. Der Weg dorthin war mühsam. Poussin stammte aus einer verarmten Familie aus der ländlichen Normandie und musste lange sparen, bevor er die Reise wagen konnte. Ein erster Versuch scheiterte am Geldmangel, erst 1624, im Alter von 30 Jahren, erreichte er die „Ewige Stadt„.

Der Anfang war schwer. Die großen Aufträge des Papstes und der römischen Adelsfamilien gingen meist an etablierte italienische Künstler wie etwa Guido Reni oder Carracci. Poussin konzentrierte sich daher auf kleinere Gemälde mit religiösen, mythologischen und historischen Themen, die bald das Interesse privater Sammler fanden.

Ohne Kontakte geht in Rom gar nichts

Entscheidend für seine Karriere waren einflussreiche Förderer. Über eine Empfehlung an den Papstneffen Francesco Barberini gelangte er in die Kreise der römischen Elite. Barberini stellte den Kontakt zum Bankier und Kunstsammler Vincenzo Giustiniani her, der Gemälde von Poussin erwarb und ihm Zugang zu seiner bedeutenden Antikensammlung gewährte. Noch wichtiger wurde Cassiano dal Pozzo, ein Gelehrter und hoher Beamter am päpstlichen Hof.

Poussin, der vermutlich eine Jesuitenschule besucht hatte und anders als viele seiner Kollegen Latein beherrschte, konnte bei dal Pozzo seine humanistische Bildung vertiefen. Dessen berühmtes „Papiermuseum“ umfasste Zeichnungen von rund 1.500 antiken Ruinen, Büsten und Medaillen. Für den jungen Künstler war diese Sammlung von unschätzbarem Wert: Durch das Kopieren verdiente er seinen Lebensunterhalt und studierte zugleich auch die Formenwelt der Antike. Zudem soll er in Rom intensiv die Werke Tizians und Raffaels untersucht haben.

Dal Pozzo entwickelte sich zu einem seiner wichtigsten Auftraggeber und erwarb im Laufe der Jahre rund 50 Gemälde.

Nicolas Poussin, der freiheitsliebende Künstler

Poussin galt als unabhängig und freiheitsliebend. Statt im Haushalt seiner wohlhabenden Mäzene zu leben, wohnte er mit Gleichgesinnten in einem Künstlerviertel Roms. Das internationale Milieu war lebhaft, aber nicht konfliktfrei. Der Biograf Giovanni Battista Passeri berichtet etwa von einer Auseinandersetzung mit bewaffneten Soldaten, bei der Poussin sich mit seiner Zeichenmappe verteidigte und nur knapp einer schweren Verletzung der rechten Hand entging. Danach kleidete er sich so, dass er nicht mehr sofort als Franzose erkannt wurde.

Poussins Rückkehr nach Paris

1640 kehrte Poussin auf Drängen König Ludwigs XIII. nach Paris zurück. Frankreich strebte nach einer führenden Rolle in Europa und nun sollte auch die Kunst diesem Status Ausdruck verleihen. Als „Maler des Königs“ war Poussin zwar privilegiert, musste jedoch Aufgaben übernehmen, die seinem Wesen widersprachen. Er entwarf Dekorationen für die Große Galerie des Louvre, plante Ausstattungen für Innenräume und hatte zahlreiche Mitarbeiter.

Lange hielt es der freiheitsliebende Poussin nicht aus. Er floh nach Rom, wo er wieder das Leben, führte, das er bevorzugte: bescheiden, ohne Dienerschaft und fern vom höfischen Glanz. Während Zeitgenossen wie Rembrandt, Velázquez oder Rubens gesellschaftlichen Aufstieg und Repräsentation suchten, orientierte sich Poussin an antiken Idealen wie Bescheidenheit, Disziplin und geistiger Konzentration.

Bis zu seinem Tod blieb er in Rom. Dennoch wurde er zum wichtigsten Maler Frankreichs seiner Zeit. Heute gilt Poussin nicht nur als bedeutender Maler der klassizistischen Linie, sondern auch zu den geistigen Vorläufern des Akademismus, jener Kunstrichtung, die die Orientierung an antiken Vorbildern zum Maßstab künstlerischer Qualität erhob.


Quellen:

Autoren: Hagen, Rose-Marie und Hagen, Rainer
Aufsatz: Nicolas Poussin „Der Raub der Sabinerinnen“ im Chaos steckt die Idee einer höheren Ordnung
Medium: Art – das Kunstmagazin (Ausgabe aus dem Jahr 1979)

Vervollständigt durch den Wikipedia-Beitrag zu Nicolas Poussin (Abrufdatum: 16.6.2026)

Bildquelle, Titelbild: Wikipedia

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Kunst

Tieftauchen mit einer Künstlerin, die das Gute sichtbar macht

Ich sitze in der Wohnung von Elena Politowa und Lukas Buol. Ich spüre, wie hier in der Gestaltung die beiden Charaktere einander begegnen. Die Decken sind hoch, es ist viel Platz zum Nachdenken und Schaffen. Glatte, graue Betonwände, Fokus auf Holz und Stein, freche Lösungen, die ebenso ästhetisch wie praktisch sind – Lukas‘ Handschrift ist deutlich erkennbar. Ich entdecke viele Kunstbücher, hier und da blinkt ein Philosoph hervor.

Das besondere Augenmerk fällt auf die Wolkenbilder, die das Grau der Wände durchbrechen. Sie bewegen sich in einem zarten, aber leuchtenden Farbspektrum. Die Bilder hängen bewusst ohne Rahmen. „Ich will, dass es weitergeht“, sagt mir Elena Politowa mit einer Handbewegung, die grenzenlose Ferne andeutet. Dem Motiv soll durch das Framing keine physische Grenze gesetzt werden. Dadurch wirken die Bilder regelrecht wie Fenster – Fenster zu einer Welt, in der die Sonne immer auf- oder unterzugehen scheint.

Elena Politowa: „Es zerreißt mich“

Ihre künstlerischen Absichten sind klar definiert. „Ich will meinen Blick auf Emotionen richten, nicht auf Provokation.“ Heute erwartet man regelrecht eine versteckte politische Message von Künstlern. Doch es gibt auch die, die sich bewusst rausnehmen, weil sie sich von den massiven Aufdeckungen durch die Medien, Fehlgriffen der „großen Entscheider“, Kriegen und sonstigen Katastrophen, der die Menschen zur Zeit massiv ausgesetzt sind, überwältigt fühlen.

„Es zerreißt mich innerlich. Und wenn ich die Geschehnisse der Welt abbilden würde, würde ich auch andere damit zerreißen“, sagt mir Elena Politowa. Dieses Gefühl kenne ich gut. Denn auch ich konnte es eines Tages nicht mehr tragen, Frankfurts blutige Geschichten zu schreiben. Ich ließ all die Wut der Menschen durch mich hindurch, die politisch oder religiös oder sonst wie motivierte Taten begingen, und transportierte diesen Hass hinaus in die Welt. Klar, wurde das ganze gut und gerne gelesen – der Mensch interessiert sich nun mal für das Düstere, das neben ihm her lebt. Doch ich musste mich eines Tages fragen, ob es wirklich das ist, was ich bin. Und entschied mich dagegen. Daher freue ich mich um so mehr, euch heute auf einen Tieftauchgang mitzunehmen, vielleicht sogar ein bisschen buchstäblich, um eine Künstlerin vorzustellen, die hart daran arbeitet, das Gute in die Welt zu setzen – und damit Anklang findet.

Sie liebt es, den Himmel zu malen, „weil er niemanden angreift und niemandem weh tut.“ Sie probierte auch schon mal aus, politische Bilder zu malen. Es schmerzte sie sogar, die anzusehen. Dadurch erkannte sie die Wichtigkeit, „Gefühle in Bildsprache zu transportieren und mich dabei selbst nicht zu belügen.“ Sie will nicht das Medium sein, das Hass, Gewalt und politische Machtspielchen in die Welt trägt. „Ich war so übersättigt von dem Ganzen, dass ich anfing, Wolken zu malen. Es war so, als hätte ich nach langer Zeit wieder einatmen können“, teilt sie mit mir. Und fügt mit einem Schmunzeln an: „Es ist mir egal, ob sich die Bilder verkaufen oder nicht.“ Es sei ihr auch egal, was mit ihren Bildern nach ihrem Ableben passiert.

Ich frage sie, was Kunst für sie ist

Kunst ist für mich ein Fenster in die Freiheit. Ich bin offen für Themen, die das Schöne und das Positive dieser Welt beleuchten. Das mag kitschig sein, aber ich bin in dieser Phase meines Lebens, in der ich gerne den Himmel oder Tänzerinnen male, die kraftvoll, selbstbewusst und schön sind.“ Die Bilder wirken.

„Jeder Mensch hat eine Bestimmung. Wenn mir die Gabe zu malen gegeben wurde, wäre es Blasphemie, diese nicht zu nutzen.“ Elena hatte schon immer sehr viel Humor und eine solch endlose Energie, von der ich bis heute gar nicht verstehe, woher sie sie nimmt und wie sie die überhaupt aufrechterhalten kann. Vielleicht verrät sie es mir eines Tages.

Fest steht, dass sie diese Energie nimmt und sie mit Farben auf die Leinwand bringt. Der Entstehungsprozess ist für Elena eine Art Workout da er viel Armbewegungen und Sprünge erfordert, die man als Betrachter meint, erkennen zu können.

Ihre Wolkenbilder transportieren die Emotion, die sie fühlt, während sie sie malt: Harmonie, Energie, Leichtigkeit und Zartheit. Sie deutet auf mein Lieblingswerk in ihrer Wohnung: „So eins kann ich nicht nochmal schaffen“, findet sie. Das Gemälde ist wirklich einzigartig: Leuchtkraft und frablicher Einklang. Ich kann und will nicht wegsehen. Es ist Bewegung und Stillstand drin, pastellige und leuchtende Töne, einzelne Wolken, ein sanft angedeuteter Horizont. Vor allem aber: Tiefe. Unklar, wo der Betrachter positioniert ist – mitten im Flug durch die Wolken, am Strand oder auf einer Anhöhe. Ich meine, dass unsere Künstlerin hier aus ihrem Kopf heraus gemalt haben könnte, da die Farben so fantasievoll wirken. Außerdem sind die Pinselstriche sehr geladen und frei; mitunter eines der Gründe, weshalb sie großformatige Leinwände bevorzugt. „Du gibst dem Pinsel die Möglichkeit, dich zu führen.“ Und das bracht Platz. „Ich berühre die Leinwand und ich spüre die elektrisch geladene Energie, die durch mich fließt. Dann geht’s los mit Farbe – ohne Vorzeichnung, ohne Skizze“, sagt sie zum Entstehungsprozess.

Warum macht Elena Politowa Kunst?

Sie zitiert eine chinesische Weisheit: „Frag den Vogel nicht, warum er singt.“ Die Chinesen meinten damit so viel wie: Schönheit, Kreativität oder Ausdruck brauchen keine Erklärung. Bzw.: Manche Dinge geschehen einfach aus innerem Antrieb, und nicht, weil sie einen Zweck erfüllen müssen. „Ich will nichts erklären“, sagt sie. „Ich will einen Raum schaffen, der auf die Menschen wirkt. Damit sie die Leichtigkeit und Zartheit nachempfinden, die ich in dem Moment empfand.“

Seit sie ein kleines Mädchen ist, malt sie gerne. Mit 12 malte sie unaufhörlich Autos. Das führte sie irgendwann in die Architektur, und später in die Kunst.

Im Atelier mit Elena Politowa

Wir kommen in das Atelier. Neue Bildthemen hängen hier an den Wänden: Unterwasserszenen, ein unerklärliches Objekt im Wasser. Ich frage, was das ist. Elena sagt ganz selbstverständlich: „ich weiß es nicht“. Es könne etwas Lebendes sein, ein Schatten, ein Portal. Ich liebe es, dass sie sich selbst und den Betrachtern Interpretationsraum lässt.

Doch diese Bilder gehen tiefer. Das höchst belastende Zeitgeschehen veranlasst Politowa dazu, sich zurückziehen zu wollen. „Ins Wasser, da wo es energetisch ist, da wo es sicher ist, wie im Mutterleib.“ Auch die Gefahr der Unterwasserwelt spiele dabei eine Rolle. Vielleicht verarbeite sie dadurch sogar eine schwierige Erfahrung. Als kleines Mädchen ertrank sie beinahe und vermutet, dass das Bedürfnis, Unterwasserszenen abzubilden, die Aufarbeitung dieses einschneidenden Erlebnisses sein könnte.

Wann weißt du, wann ein Bild fertig ist?

„Nie. Manche Bilder rühre ich einfach nicht mehr an. Je abstrakter ich male, desto lauter ist das Gefühl, wenn etwas fertig ist.“

Ich frage: „Wirst du als Künstlerin, mit Betonung auf Frau, anders gelesen oder anders behandelt als männliche Kollgen?“

Sie sagt: „Nein. Ich habe viel maskuline Energie in mir.“

Das äußert sich für mich in einer praktischen Angehensweise der Künstlerin. Sie ist strukturiert, bei ihr funktioniert der Tagesablauf „nach System“, sie ist eine Macherin – keine Theoretikerin – ich habe sie als furchtlose Kraft erlebt. Eine, die rettet und hilft, eine die sich vor allem gegen gewaltvolle Männer auftürmt und als Beschützerin der Frauen und Kinder auftritt. Und wenn sie das macht, hat sie in ihren Augen nicht die Spur von Angst. Ich kriege beim Schreiben (jetzt auch beim Redigieren wieder) gerade nasse Augen, weil ich noch sehr klein war, als ich Elena in dieser Rolle erlebt habe. Aus erster Hand, versteht sich.

Für mich wird sie deshalb immer eine kraftvolle Frauenrolle sein. Ein Vorbild, das mir gezeigt hat, wie geil es ist, vor nichts und niemandem Angst zu haben. Ihr wisst wahrscheinlich aber, wie ich es hin und wieder mit meinem riskanten Verhalten übertreibe.

Was war das Risikoreichste, das Elena Politowa gemacht hat?

„Das Riskanteste war es wohl, Künstlerin zu werden. 2003 neigte sich mein Architekturstudium dem Ende zu. Ich hörte von einigen Jungarchitekten, dass die Chancen auf dem Arbeitsmarkt eher schlecht stehen“, es war 2003. Elena musste neue Wege finden. Sie malte.

2011 kommt ein neuer Schritt hinzu: Elena Politowa gründet ihre eigene Kunstschule, wo wir später zusammen sitzen. Ich kenne die Räumlichkeiten noch von früher. Damals war es nämlich ihr Atelier. Nach und nach baute sie es aus. Das Atelier verwandelte sich in eine Kunstschule mit Staffeleien, einer beachtlichen Sammlung an Pinseln, Monitoren, Stiften, Farben und sonstigen Materialien.

In der Kunstschule Elena Politowa

Die Wände werden geziert von Elenas großformatigen Unterwasserbildern (circa 7,5 (!) x 2 Meter). Die auch noch ganz neue Dimensionen des Farbauftrags eröffnen, sofern man UV- oder Schwarzlicht darauf richtet. Ich fühle mich wie auf einem unerforschten Planeten, während wir da sitzen und reden. Alles leuchtet violett und neon, die Unterwasserwesen umgeben uns und die eigenwillige Heizung gurgelt leise vor sich hin.

Lenchik lacht. So habe ich sie all die Jahre in Erinnerung behalten. Es ist gemeingefährlich, mit dieser Frau unterwegs zu sein, denn das garantiert am nächsten Tag ein leichtes Ziehen im Bereich der Lachmuskulatur.

2014 entdeckte sie durch Zufall, dass manche Bilder ganz anders wirken, wenn man das spezielle Licht hinzunimmt. Sie findet großen Gefallen daran und entwickelt diese Technik weiter. Ich frage die Künstlerin, wie die Arbeit mit Kindern ihre Kunst beeinflusst hat.

„Sehr stark“, sagt sie, „Wenn ich mit Kindern interagiere, sehe ich, wie wenig es sie interessiert, was andere über ihre Werke denken. Sie haben extrem viele Ideen und eine Leichtigkeit in der Auffassung unserer Welt. Diese kindliche Leichtigkeit ist das Wichtigste, was du in der Kunstschöpfung hast. Du darfs keine Angst haben. Natürlich braucht es Mut, um das zu machen was man will. Willst du etwa ohne Punkt und Comma Wolken zeichnen? Tu das. Sei offen. Egal, was du machst, es führt dich zu einem positiven Ergebnis. Hab keine Angst, irgend etwas falsch zu machen, etwa Farben oder Material zu verschwenden. Das macht alles nichts. Es kann ja neues gekauft werden.“

Elena Politowas Vision: „Es ist mir wichtig, dass die Kinder ihr Talent genießen, dass sie selbstbewusster werden.“


Hier geht’s zu der Website der Künstlerin.

Hier geht’s zu ihrer Kunstschule.

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Kunst

Viktor Knack: Ein heller Stern der Gegenwart

Viktor Knack lernte ich kennen, als ich gerade Mal 10 Jahre alt war. Seine Leidenschaft erkannte ich bereits als Kind. Das Feuer in seinen Augen, die Liebe zu den Farben, die Suche nach der perfekten Perspektive – und der leise Ausruf der Freude, wenn er sie dann endlich fand. Er malte seine toskanischen Landschaften mit einem Lächeln im Gesicht. Für mich waren diese Momente eines: Frieden.

Viktor Knack: Amazonen – 1.800 Euro

18 Jahre später treffe ich Viktor Knack in Baden-Baden

Ihn heute wieder zu sehen, war für mich eine Ehre. Ich interviewte ihn vor einem seiner ausgestellten Gemälde in Baden-Baden und nahm das Gesagte auf. Als er aufhörte zu erzählen, rutschte mir vor lauter Nervosität der Finger aus. Ich löschte die Aufnahme. What? Aber ich wäre keine gute Reporterin, wenn ich im Kopfe nicht auch mitschneiden könnte. Er erzählte mir die Geschichte des Bildes, das vor uns hing: Blumenpflückerinnen (2003).

Viktor Knack: Blumenpflückerinnen
Viktor Knack: Blumenpflückerinnen (2003) – 1.100 Euro

„Das Bild, das vor uns hängt, ist mein Versuch, eines meiner anderen Bilder wieder ins Leben zu rufen. Damals malte ich es und wollte es anschließend auf dem Dach meines Autos transportieren“, erzählte Viktor Knack. „Einige Zeit später hielt ich an. Ich hatte das Gefühl, dass ich die Gemälde nicht richtig fixiert hatte. Ich stieg aus – meine Bilder weg.“ Viktor hatte die beiden Kunstwerke während der Fahrt vom Autodach verloren. Als er den Weg wieder abfuhr, waren sie weg. Ich hoffe, der glückliche Mensch, der seine Gemälde damals auf der Straße fand, ehrt und liebt sie so sehr, wie ich es tun würde.

Mit dem Motiv „Blumenpflückerinnen“ versuchte Viktor Knack den Zauber des verlorenen Bildes wiederherzustellen. Obschon ich nie erfahren werde, wie das ursprüngliche Werk aussah, kann ich darüber spekulieren, dass ihm das gut gelungen ist. Viktor stellt hier, nach meiner Auffassung, die Weiblichkeit in ihrem zartesten Licht dar. „Ich denke, es ist mir gelungen, die Komposition des Ursprungsbildes zu wiederholen – vielleicht sogar die Farbenwelt“, sagt er mit seiner Bescheidenheit, die er über all die Jahre beibehalten hat.

Viktor studierte Kunst an der Universität in Almaty, Kasachstan. Seither war er in zahlreichen Funktionen tätig: Ob als freischaffender Künstler, Dozent oder Leiter verschiedener Kunstschulen.

Blumenpflückerinnen: Viktor verwendete Theaterfarben

Gemalt hat er das Bild mit Theaterfarben. Daher erscheinen sie durch und durch Matt. An vereinzelten Stellen glänzt es – etwa an den Konturen der Frauenfiguren. Viktor sagt, dies sei am Anfang gar nicht so geplant gewesen. Ich finde: Es ist ein glücklicher Zufall, der dem Gemälde eine markante Einzigartigkeit verleiht. Obwohl die Blumenpflückerinnen durch die Farbwahl, Maltechnik und das Spiel mit der Perspektive ohnehin unnachahmlich sind. Das Bild malte Viktor Knack mit einem dicken Pinsel. Er findet, die Pinselstriche passen gut zu der matten Farbe..

Gerne arbeitet der Künstler auch mit Spachtel. Als Kind erkannte ich in ihnen eine sehr hohe Ästhetik. Daran scheint sich bis heute nichts geändert zu haben. Diese Darstellungen sind aber eine ganz eigene Geschichte: Mache dir auf seiner Webseite am besten selbst einen Eindruck.

Als ich ihn auf das Nächste aufmerksam mache, lacht er dezent: „Ja, ich male Frauen gerne – ich finde sie schön.“ Auch Pferde und Landschaften gehören zu dem beständigen Repertoire des aus Syktywkar (Russland) stammenden Künstlers. Übrigens war er damals derjenige, der mir beibrachte, eine Kunstausstellung zuerst ausgiebig anzusehen und zum krönenden Abschluss nochmal einen kurzen Schnelldurchlauf draufzupacken.

Viktor Knack: Gefesselte Pferde (1992) – 1.700 Euro

Lese hier noch ein weiteres Künstlerinterview mit Igor Kaplun.


Anmerkung: Das Interview wurde Januar 2024 geführt. Ich habe es republished.

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Kunst

Wer war Lucas Cranach der Ältere? – Kleiner Crashkurs

Mit Lucas Cranach dem Älteren beginnt eine neue Ära in der deutschen Kunst: Eine, die Porträtmaler, Bildung, Begabung und handwerkliches Können miteinander verbindet. Unser Künstler wird 1472 in der oberfränkischen Stadt Kronach geboren. Das Malerhandwerk erlernt er bei seinem Vater Hans Molle, bevor er sich als Geselle auf Wanderschaft begibt. Er wählt den Nachnamen Cranach und signiert seine Bilder mit den berühmten Initialen „LC“. Eine Namensänderung beim Verlassen des Herkunftsorts war im Zeitalter der Renaissance absolut üblich, insbesondere bei Künstlern, Gelehrten und Handwerkern. Lucas Cranach bedeutet so viel wie „Lucas aus Kronach“.

Erst um das Jahr 1500 lassen sich die ersten erhaltenen Werke Lucas Cranachs datieren – zu diesem Zeitpunkt ist der Künstler etwa 30 Jahre alt. In Wien, dem kulturellen und humanistischen Zentrum Mitteleuropas, entstehen frühe Porträts sowie die Schottenkreuzigung.

Cranach ist Teil der künstlerischen Wandlung: Nicht mehr das Handwerk des mittelalterlichen Bildermachers soll im Vordergrund stehen, sondern die Bildung und Begabung des Renaissancemenschen. Im Porträt, einem damals neuen Bildtypus, spiegeln sich die Auftraggeber einer einflussreichen städtischen Gesellschaftsschicht wider: Kaufleute und wohlhabende Bürger.

Cranach: Künstler plus Werkstatt

Hören wir den Namen „Cranach“, so ist meistens Lucas Cranach der Ältere gemeint. Außerdem gab es da noch die Cranach-Werkstatt mit ihren anonymen Meistern, den Umkreis und natürlich auch Sohn Lucas Cranach den Jüngeren, der erst später als eigenständiger Künstler agiert. Er ist es auch, der Cranach d.Ä. als Werkstattleiter ablöst.

Bei machen Bildern lässt es sich trotz Analysen gar nicht so genau sagen, wer sie eigentlich gemalt hat. Manches passierte arbeitsteilig, bei manchen Bildern schafft Lucas Cranach d.Ä. die Vorlagen. Vielleicht kontroliert er das Bild am Ende auch und ergänzt letzte Details.

Im Sinne des damaligen Werkstattgedanken ist das Gesamtwerk als ein Produkt aus mehreren Händen zu betrachten. Ein traditioneller Handwerksbetrieb eben (ähnlich wie bei den Bellini in Venedig). Was die Werkstatt verlässt, wird mit dem Cranach-Emblem versehen – einer Art Markenlogo, das der Künstler im Jahr 1508 mit seinem Wappenbrief erhalten hat. Es zeigt eine Schlange mit aufgestellten Flügeln.

Philipp Melanchthon, zugeschrieben: Cranach-Werkstatt (1532). In der oberen Bildhälfte rechts können wir das Schlangenemblem sehr deutlich erkennen. Copyright: IMAGO / Artokolor

Übergang von Spätmittelalter zu Frührenaissance

Cranach gilt heute als Innovator zwischen Mittelalter und beginnender Neuzeit. Im Repertoire hat er sowohl mythologische als auch biblische Themen. Zusammen mit Albrecht Dürer, Hans Baldung Grien, Hans Holbein, Albrecht Alrdorfer und Matthias Grünewald gehört Lucas Cranach d. Ä. zu den bedeutendsten deutschen Künstlern seiner Zeit. Sie alle sind sowohl Kollegen als auch Kontrahenten und kennen das Werk des jeweils anderen. Teilweise sollen sie in ihren Bildern sogar aufeinander reagiert haben. Etwa, indem sie ähnliche Motive malten o.ä.

Wer heute durch ein Cranach-Gemälde blickt, spürt nicht nur die Technik eines Meisters, sondern auch den Geist einer ganzen Epoche, eingefangen in Farbe und Form. Hier geht’s zu Cranachs „blutrünstigen Frauen“ – da ich großer Fan bin, bin ich ständig auf der Suche nach seinen Bildern, sobald ich ein Kunsthaus betrete.


Quelle

Dankend erwähne ich an dieser Stelle ein ganz wunderbares Buch, das ich irgendwo in einem Museumsshop gekauft habe: Cranach A–Z von Teresa Präauer (ISBN: 978-3-7757-5179-7). Die Autorin schreibt in einer klaren und verständlichen Sprache, die nicht nur Kunsthistoriker begeistern kann, sondern auch jene, die sich viele spannende Fakten auf einmal reinballern wollen. Hinzu kommt ihr pointierter Humor und die sagenhafte Illustration des Buches. Sehr empfehlenswert.

Titelbild

Zu sehen ist unser Lucas Cranach d. Ä., laut Inschrift im Alter von 77 Jahren. Vermutlich von seinem Sohn gemalt (1550), manche Quellen schließen ein Selbstbildnis jedoch nicht aus. Man beachte die kontrastiert hervorgehobenen Hände des Künstlers. Sie schufen tausende Werke, die in ihrer Einzigartigkeit unter die Haut gehen. Copyright: IMAGO / H. Tschanz-Hofmann.

Hier nochmal in voller Pracht:

Die anderen ungekennzeichneten Bilder: Copyright avecMadlen.com

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Kunst

Kandinsky hört Farben

Hörte Wassily Kandinsky Musik, während er seine Genialität auf die Leinwand brachte? Das werden wir womöglich nie erfahren. Was wir jedoch mit Sicherheit sagen können, ist, dass er sich von den Werken Wagners, Schoenbergs und Mussorgsky’s inspirieren ließ. Seine Erfahrungen beim Musikhören beeinflussten ihn und seine Kunst sehr stark. Klang wandelte er nämlich in Farbbewegung um und nannte seine abstrakten Bilder zudem auch „Impression“, „Improvisation“ oder „Komposition“ – Begriffe, die wir sonst nur aus der klassischen Musik kennen.

links: Improvisation 26 (Rudern), 1912
rechts: Große Studie zu einem Wandbild für Edwin R. Campbell (Sommer), 1914

Was hat es mit dem Hören von Farben auf sich?

Dieser Umwandlugsprozess ist weniger mystisch als psychologisch. In der Forschung gibt es sogar einen gesonderten Begriff dafür: Synästhesie. Also der Prozess einer automatischen Kopplungen zwischen zwei verschiedenen Reizen (etwa Chromästhesie: Klänge→Farben). Das kann zum einen an einer engen Verschaltung benachbarter Hirnareale liegen („cross-activation“), oder an einer Enthemmung bestehender Rückkopplungen („disinhibited feedback“). Zweiteres heißt so viel wie: Das Gehirn lässt Infos aus einem Sinnesbereich leichter in andere Bereiche fließen, statt sie zu stoppen. Manche Menschen haben das, manche nicht.

Mein lieber Schatz (ein Geiger) sagte mir neuerdings, er könne das. Was mich überhaupt dazu veranlasste, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Er meinte, meine Sprechstimme würde gülden klingen. Wenn ich lustig gelaunt sei, eher zitronengelb. Wenn ich sowas schon höre, erlebe ich natürlich den Höhenflug des Jahrtausends. Das muss ich hier an der Stelle ganz offen zugeben.

Natürlich ist nicht jeder so gebaut wie dieser Musiker. Aber die aller meisten von uns werden unterscheiden können was mit „warme Farbe“ oder „kühler Ton“ gemeint ist. Was ein warmer Klang ist und was etwa ein metallisches, kaltes Geräusch ist. Und das obwohl Temperaturen weder gesehen noch gehört werden können. Höchstens ihre Auswirkungen. Ihr wisst schon, worauf ich hinaus will.

Entwurf 2 zu Komposition VII, 1913

Wassily Kandinsky: Synästhesie oder doch nur Strategie

„Farbe ist die Taste, das Auge der Hammer, die Seele das Klavier mit vielen Saiten“, schrieb Kandinsky in „Über das Geistige in der Kunst“ (1911). Vor allem in der abstrakten Phase seiner Kunst lebt er dieses Prinzip und spielt mit der Leuchtkraft und Kombination seiner Farben, die beim Betrachter eine tiefe Emotionalität hervorrufen können. Ich für meinen Teil bin nach einer Kandinsky-Ausstellung sehr auf Endorphinen und erreiche ebenso einen aufgeladenen Zustand, wie nach einem guten klassischen Konzert. Aber ich bin, ihr kennt mich ja, sehr empfänglich für all sowas.

Inwieweit Kandinsky jedoch eine angeborene Synästhesie hatte oder einfach nur konsequent seine Vision der Farben und Klänge durchgedrückt hatte – darüber streitet sich die Forschung bis heute. Doch dass unser geliebter Künstler wirklich wenig Menschen kalt lässt, ist Tatsache. Unzählige Sammlungen und Ausstellungen auf der ganzen Welt, tausende Besucher, tausende Artikel und Kunstbücher, Postkarten, Drucke usw. sprechen meines Achtens ganz dafür, dass er wohl doch mit seiner Kunst in vielen von uns einen ganz bestimmten Punkt unserer Seele berührt, was sonst selten einer schafft.

rechts:  Improvisation 19, 1911
links: St. Georg III, 1911

Farbwirkung und Emotionalität

Kandinsky’s Absichten in der Malerei waren nicht nur ästhetisch geprägt, sondern spirituell-emotional. Mit seinen Farben und Formen wollte er gezielt im Betrachter ähnliche Gefühlsreaktionen auslösen wie Musik es tut. Er war überzeugt, dass Farben eine direkte „seelische Vibration“ hervorrufen können. Daher ordnete er Farben bewusst bestimmten Stimmungen und Klängen zu:

  • Blau steht bei Wassily Kandinsky für Ruhe, Spiritualität und Unendlichkeit.
  • Gelb hat eine exzentrische, hervorbrechende Wirkung und einen hohen, durchdringenden Klang.
  • Rot symbolisiert Energie, Leidenschaft und Dynamik, ist dabei jedoch eine sehr widersprüchliche Farbe in Kandinsky’s Werk. Sie kann sowohl eine warme, reife und energiegeladene Kraft als auch eine innere Unruhe und Erregung darstellen. Rot kann gleichzeitig stürmisch und aufpeitschend, aber auch bodenständig und ruhig sein, je nach Nuance und Kontext.
  • Schwarz und Weiß: repräsentieren Gegensätze wie Dunkelheit und Licht.

Außerdem nutze er bewusst musikalische Begriffe als Malstrategie. „Kompositionen“ waren bei ihm streng geplante, komplexe Werke, „Improvisationen“ hingegen spontanere, emotionale Farbklänge.


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Kunst

Ein Genie und seine Ikonen: Igor Kaplun

Heute stelle ich euch einen ganz besonderen Menschen vor. Ich habe Igor Kaplun (*1991) vor einiger Zeit bei Instagram gefunden. Er malt Ikonen. Nachdem ich ihn monatelang beobachtet hatte und seinen Stil, Humor sowie auch seine Leidenschaft für Ikonenmalerei kennenlernte, musste ich ihn um ein Interview bitten.

Das ist der Mann der Stunde: Igor Kaplun

Ikonenmalerei: Interview mit einem Gegenwartskünstler

avecMadlen: Wie begann Ihre künstlerische Reise und was hat Sie dazu inspiriert, sich auf Ikonenmalerei zu spezialisieren?

Igor Kaplun: Mein kreativer Weg begann, bevor ich zur Ikonenmalerei kam. Ich habe schon seit meiner Kindheit gezeichnet. Im Grunde war es das Einzige, was mir gut gelang. Deshalb besuchte ich Kunstkurse sowie auch eine Kunstschule. Später, als es Zeit wurde, mich für ein Studium zu entscheiden, wählte ich zwischen Architektur und Buchillustration. Schließlich landete ich an der Fakultät für Malerei.

Meine Lehrer waren Monumentalkünstler. Sie teilten ihre Erfahrungen in Wandmalerei und Mosaik mit uns. Daher war es nur logisch, dass wir uns in den letzten Semestern mit Mosaiken und Kleber auf Baugerüsten in der Nähe von Wänden wiederfanden. Diese Wände gehörten zu einer Kirche. Von diesem Punkt aus war der Schritt zur Ikonenmalerei klein, da ich mich bereits innerhalb der plastischen Welt der Kirchenmalerei befand.

Zwischen Tradition und Innovation

avecMadlen: Ihre Werke sind bekannt für ihre einzigartige Mischung aus traditionellen und unkonventionellen Elementen. Wie haben Sie diesen unverwechselbaren Stil entwickelt?

Igor Kaplun: Alle Überlegungen von Künstlern über ihren Stil oder die Suche nach ihrem Stil sind in der Regel sinnlos. Am Anfang des beruflichen Werdegangs beschäftigt es noch, aber wenn man sich in den Arbeitsprozess vertieft (bei mir geschah das etwa im dritten Studienjahr), verschwinden diese Fragen. Der Stil ist kein Ziel, sondern ein Bonus für die Arbeit.

Das Ziel ist es viel mehr, ein gutes, solides Bild zu schaffen. Wenn es um traditionelle und unkonventionelle Elemente geht, habe ich das Gefühl, dass ich innerhalb der Tradition der Ikonenmalerei lebe, aber mit verschiedenen Strömungen und Künstlern der Weltkunst vertraut bin. Daher erscheinen auf meinen Ikonen unterschiedliche plastische Ansätze und Entdeckungen, die sowohl aus der traditionellen Ikone als auch aus der sogenannten „weltlichen“ Malerei stammen.

avecMadlen: Welche spezifischen Aspekte der traditionellen russischen Ikonenmalerei faszinieren Sie am meisten und wie integrieren Sie diese in Ihre zeitgenössischen Arbeiten?

Igor Kaplun: Ich kann sagen, dass ich definitiv die Sprache der Ikonenmalerei benutze – das mittelalterliche Verständnis von Form und eine Reihe von Techniken, mit denen Form und Volumen in einer Ikone dargestellt werden. Außerdem ist mir die Freiheit der Ikone sehr nahe. In der Ikonenmalerei gibt es völlige Freiheit der Darstellung, im Gegensatz zur akademischen Malerei, zum Beispiel.

„Die Idee“ sei eher was für Autoren und Ingenieure

avecMadlen: Können Sie ein Beispiel eines Ihrer Werke nennen, das besonders gut Ihre moderne Interpretation eines traditionellen Themas zeigt?

Igor Kaplun: Leider nein. Ich glaube, dass ich als Künstler, der heute lebt, bereits zeitgenössisch bin. In jedem Fall werde ich meine heutigen Gefühle und mein heutiges Verständnis von Raum und Form zum Ausdruck bringen. Und die Idee – das ist schließlich ein Begriff für Schriftsteller oder Ingenieure. Ein Künstler spricht in einer plastischen Sprache – diese lässt sich schwer in Worte fassen. Wenn das möglich wäre, würde der Künstler nicht malen.

avecMadlen: Wie reagieren Kunsthistoriker oder Anhänger der klassischen Ikonenmalerei auf Ihre innovativen Ansätze?

Igor Kaplun: Ich kenne nicht viele Kunsthistoriker. Ich hoffe, dass der Beruf des Kunsthistorikers einen Blick auf die Gegenwart und die Zukunft richtet und nicht nur auf die Vergangenheit. Das würde nämlich bedeuten, dass er bereit wäre, Neues wahrzunehmen und es „auszuprobieren“. Ich bin offen für jede Meinung, und ich würde sogar sagen, dass mir Meinungen fehlen.

Ikonenmalerei: Mit diesen Materialien malt Kaplun am liebsten

avecMadlen: Gibt es bestimmte Techniken oder Materialien, die Sie bevorzugen?

Igor Kaplun: Ich liebe Tempera und Öl. Ikonen male ich jedoch nur mit traditionellen Materialien: Kasein– oder Eitempera.

avecMadlen: In welcher Weise reflektieren Ihre Werke aktuelle gesellschaftliche oder kulturelle Themen in Russland?

Igor Kaplun: Ich glaube, gar nicht. Ich bin nicht wirklich in der Welt der zeitgenössischen oder konzeptuellen Kunst zu Hause. Es interessiert mich mehr, wenn ich arbeite und sehe, wie die Farben zu Tönen werden und zusammen erklingen.

avecMadlen: Welche Herausforderungen begegnen Ihnen bei der Balance zwischen Ehrfurcht vor der Tradition und dem Drang zur Innovation?

Igor Kaplun: Für mich gibt es keine solche Schwierigkeit. Respekt vor der Tradition und das Streben nach Innovation existieren in mir untrennbar miteinander, noch bevor ich mir dieser Prozesse bewusst wurde. Ich liebe die Tradition, aber es interessiert mich, Neues zu schaffen. Ich denke, dass die Tradition, wenn sie nichts Neues erschafft, aufhört lebendig zu sein und somit aufhört, Tradition zu sein. Das Neue und die Tradition sind untrennbare Dinge.

Inspitation und Botschaft

avecMadlen: Was inspiriert Sie?

Igor Kaplun: Malerei, Natur und Literatur.

avecMadlenWas möchten Sie mit Ihren Werken ausdrücken und welche Botschaft hoffen Sie, dass Betrachter von ihnen mitnehmen?

Igor Kaplun: Ich hoffe, dass traditionelle Malerei, die auf einer Oberfläche mit Farben gemalt wird, gefragt sein wird. Und dass die Menschen sich diese Kunst anschauen, diskutieren, sich darüber freuen, sie kaufen und zu Hause aufhängen. Ich würde mir sehr wünschen, dass man sich an der Malerei erfreut und dass sie eine der schönen Dinge ist, die den Menschen umgibt.

Und wenn jemand meine Ikonen oder Bilder mag, freue ich mich sehr. Und wenn nicht – dann gibt es eben genügend große Künstler auf dieser Welt, an denen sich die Betrachter erfreuen können.

Ikonenmalerei: Ein Interwiev mit dem Gegenwartskünstler Igor Kaplun

Wie kann man eine Ikone von Igor Kaplun ergattern?

Der Künstler verkauft seine Ikonen auch ins Ausland. Trotz Einschränkungen und Sanktionen konnte er in diverse europäische Länder verkaufen. In einem einzigen Land kam es bisher jedoch zu Komplikationen an der Grenze: in Deutschland. In Österreich nicht und in der Schweiz bislang auch nicht. Wer Igor Kaplun kontaktieren will, tut dies am besten über Instagram.

Du bist auf der Suche nach Ikonen in deiner Nähe? Entdecke hier das Ikonenmuseum in Frankfurt am Main.


Dieses Interview veröffentlichte ich letztes Jahr schon bei tuellundtrueffel.com. Doch da die Kunst von Igor Kaplun für mich eine Herzensangelegenheit ist, wollte ich sie den Lesern von avecMadlen nicht vorenthalten.

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