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Baler: Die Brücke die mich Demut lehrte

Der Tag am Strand von Baler war pure Träumerei. Ich lief, wohin das Auge reichte – bis es eben nicht mehr weiterging, weil ein Fluss meinen Weg kreuzte. Auf meinem Rückweg luden mich ein paar Fischerjungs zu einem köstlichen Mittagessen ein. Sie machten mir kleine Krebse und zwei verschiedene Fischarten. Dazu gab es eine leichte, hausgemachte Fischsuppe. Ich wiederum teilte meine Gemüsechips mit ihnen, die Gefallen fanden. Ihre Gastfreundschaft ging ins Herz.

Philippinen, Insel Luzon: Dieser Strand in Baler kam mir beinahe unendlich vor.

Brücke in Baler: Mein Weg zurück zur Unterkunft

Auf dem Rückweg lief ich über die Brücke, die abrupt endete. Begehen konnte man sie lediglich über zwei steile wackelige Bambusleitern an beiden Enden. Als ich zum ersten Mal mit diesen konfrontiert wurde, traute ich mir gar nicht zu, sie meistern zu können. Bereits beim vierten Mal hatte ich aber meine perfekte Technik, sie zu besteigen, voll und ganz entwickelt. Das ging sogar mit Flip Flops und einem schweren Rucksack.

Das, was die Brücke ausmacht, hab ich blöderweise nur auf Video festgehalten. Aber wofür gibt es denn eigentlich die gute alte Screenshot-Funktion? Man beachte die atemberaubende Aussicht.

Ich mutmaße mal, dass diese Brücke ursprünglich für den Verkehr gedacht war. Sie war sehr robust, aus Beton und groß genug, um Autos, Mopeds und Tricycles zweispurig zu dienen. Ihre beiden Enden könnten entweder einfach nie fertiggebaut worden sein, oder aber sie wurden von Taifunen weggerissen.

Philippinen: Menschen leben ohne fließendes Wasser

Auch unter dieser Brücke befand sich ein Fluss, der direkt ins Meer floss. Außerdem war da noch eine öffentliche Wasserquelle. Entweder wuschen die Dorfbewohner da sich selbst, ihre Kleider oder holten Wasser für Zuhause. Als ich dort kleine zierliche Mädchen sah, die Wasserkanister nach Hause schleppten, verstand ich, dass es in Baler durchaus Haushalte gibt, die kein fließendes Wasser haben.

Lief man nämlich am anderen Ufer des Flusses, lebten dort zwischen den Palmen die Menschen etwa in Zelten. Dort habe ich überwiegend Männer gesehen, daher denke ich, dass es Saisonarbeiter oder Fischer gewesen sein könnten. Das würde nämlich Sinn machen, weil am gleichen Ufer auch die ganzen Fischerboote angebunden waren. Und eines Morgens hörte ich sogar, wie sie allesamt mit ihren dröhnenden Motoren ausfuhren. Später fand ich bei den Einheimischen heraus, dass die Thunfischsaison begonnen hatte.

Baler: Die Begegnung, die mich als Mensch veränderte

Unter jener Brücke sah ich auch eine junge Frau, vielleicht etwas jünger als ich. Sie trug einen blauen Badeanzug und shampoonierte ihr Haar. Sie saß an dieser kleinen Wasserquelle. Unter ihren nackten Füßen war Erde – und sie hockte mittendrin. Ihr Blick hatte etwas von Hinnehmen und Aushalten. Er ging unter die Haut. Mir kommen sogar beim Korrekturlesen die Tränen. Im gleichen Moment fiel mir ein, wie ich noch vor sieben Tagen darunter zu leiden dachte, hier in Baden-Baden keine Badewanne in meiner Wohnung zu haben. Ich schämte mich leise.

Und obwohl in meiner Unterkunft kein gefiltertes Wasser aus dem Hahn lief, duschte ich an jenem Abend mit Dankbarkeit. Trübes Wasser hin oder her.


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Manila erschüttert mich

Ein Meer aus Farben flutete meine Sinne auf dem Markt in Manila. Unmengen neuer Gerüche und erstaunter Blicke. Ich ging vorsichtig durch die Reihen und schaute mir die getürmten Jackfruit, Drachenfrüchte, Bananen und Co. an. Kaufen konnte ich nicht viel, da mein Rucksack schon fast eine Tonne wog. Immerhin würde mein Bus nach Baler erst um Mitternacht kommen und bis dahin müsste ich den ganzen Tag das Ding quer durch die Hauptstadt schleppen.

Ich spazierte zwischen den Fleischtheken. Ein regelrechtes Erlebnis war das für mich, jedoch kein besonders angenehmes. Doch ich war entschlossen, Eindrücke zu sammeln. Hier beachtete mich kaum jemand und ich filmte ungestört. Die Marktverkäufer waren viel zu beschäftigt damit, Schweineköpfe zu zerhacken, mit der Kundschaft zu verhandeln und die ganze pampige Soße mit Wasserschläuchen von den Gehwegen abzuspritzen. Dieses Geräusch, wenn das Metzgermesser den Schweineschädel spaltet, hallt mir immer noch in den Ohren nach. Wie es mit einem peitschenden Ton erst an Geschwindigkeit gewinnt und schließlich auf das tote Tier prallt, sodass der Schädelknochen knackt. Ich gruselte mich und bekam überall kalte Gänsehaut, wie damals, als ich an meinem aller ersten Tatort war.

Ich ging weiter. Haushaltswaren, Gewürze, lange Bohnen, getrocknete Gräser, Pflanzen und Gurkenarten, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Planlos bog ich hier und da ab und landete wieder beim Obst. Es wäre eine Schande gewesen, wenn ich hier nicht doch etwas gekauft hätte. Also kaufte ich etwas Jackfruit bei einem Mann, der die gigantische Frucht vor meinen Augen zerteilte und ein Stück davon in eine kleine Tüte steckte, die er mir dann reichte. „How much?“, fragte ich. Er musterte mich von Kopf bis Fuß. Dann tuschelte er mit seinem jüngeren Kollegen vom Obststand gegenüber. Beide lachten mir recht dreckig ins Gesicht. „100 Pesos“. Von mir aus. Ich verließ die Markthalle.

Ab auf die Straße

Draußen: reges Treiben. Drei hübsche Philippiner kamen mir entgegen und schauten mich so an, wie ich üblicherweise Statuen aus der Renaissance anschaue. „Hi Mam'“ sagte einer. „Mother“, sagte der zweite. Ich schmunzelte. Tricycles und Motorräder rauschten an mir vorbei – ich stolz mit der Tüte Jackfruit in der Hand. Gleich würde ich nach Kaffee Ausschau halten. Meinen ersten Kaffee auf den Philippinen.

Ab durch die dicht befahrene Straße. Auf beiden Seiten: Blechhütten. So etwas habe ich noch nie in meinem Leben gesehen. Noch nicht einmal vermutet hätte ich, dass solche Orte existieren. Aber hier leben Menschen. Männer, Frauen, Kinder, Alte. Das Blech der Fassaden glänzte in der Sonne. Vor den Fenstern hing Kleidung zum Trocknen, der Verkehr floss unaufhörlich, während die mageren Straßenhunde sich mit ihm arrangierten.

Ich bin in einem dieser Momente gefangen, in denen ich so wahnsinnig gerne Fotos machen würde, um es mit euch zu teilen, aber ich bremse mich, weil ich vermute, dass das Abfotografieren der Lebensbedingungen auf die Bewohner respektlos wirken könnte. Ich ringe innerlich mit mir selbst, da ich niemanden verletzen möchte. Schließlich mache ich ein einsekündiges Video. Diese Blechhütten waren der bisher heftigste Indikator für Armut, den ich auf den Philippinen erlebt habe. Doch schon sehr bald würde ich noch intensivere Erlebnisse sammeln.

Ich schließe eine Freundschaft in Manila

Mitten in diesem Blechhüttenviertel sah ich einen kleinen Laden. Zigaretten, Chips, Kaffee… Sogar ein Platz zum Hinsetzen. Ich fragte den Besitzer, ob er mir Kaffee aufgießen könne. Er freute sich über mich, platzierte mich herzlich, richtete den Ventilator auf mich und schlug mir vor, mein Handy zu laden. Ich war sehr dankbar für diesen Mann. Ralph ist sein Name.

„Du bist meine erste ausländische Kundin“, berichtete er in verhandlungssicherem Englisch. Sein kleines Geschäft führte er erst seit wenigen Monaten. Gut lief es, er habe bereits viele Freundschaften mit den Anwohnern geschlossen. Diese kamen auch fortwährend vorbei, um bei ihm einzelne Zigaretten, Cola und Bier zu kaufen. Viele der Männer sahen aus wie Badass-Gangster: Bandana, silberne Ringe, Narben im Gesicht, dünner Bart, Killerblick mit einem gleichzeitigen Funken kindlichen Interesses, als sie mein schneeweißes Gesicht hinter dem Tresen bemerkten.

Philippinen: Einheimische mit besonderer Mentalität

Bauarbeiter, Jungs, Großväter – alle kamen vorbei, während Ralph mir über seine Frau und die beiden Kinder erzählte. Sein Sohn 15, seine Tochter 8. Sein Hauptbusiness: Software-Ingenieur, wahrscheinlich irgendwo in einem der Hochhausbüros Manilas. Normalerweise kümmerte sich die Frau um den kleinen Laden. Doch heute musste sie zu einem Elterngespräch in die Schule, weshalb er einsprang. Ich stellte mir vor, was für ein liebevoller Vater er sein musste. Seine Besonnenheit, Güte und Offenheit leben bis heute in meiner Erinnerung. Ich ahnte noch nicht, dass das die schönste Begegnung meiner ganzen Zeit auf den Philippinen werden würde. Zum Glück sind wir Facebook-Freunde geblieben.

„Wenn hier die Taifune wüten, verlieren viele Menschen ihr Zuhause. Armut ist hier Teil unseres Lebens“, erzählte er mir. Nach den schwerwiegenden Naturkatastrophen zieht er mit seinem Sohn los und verteilt Reis und Essenspakete an die Menschen, die alles verloren haben. Grundsätzlich herrscht auf den Philippinen ein starker Zusammenhalt. Besonders kommt dieser bei Katastrophen zum Vorschein. Er ist Teil der Mentalität. Das spürt man sogar als jemand, der nicht ihre Sprache spricht. Es ist nicht greifbar, aber es ist da. „Ich spreche immer mit meinem Sohn und zeige ihm, wie wichtig es ist, Menschen in Not zu helfen.“ Ich schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen und Mund an und saugte seine Weisheit auf. „Manchmal frage ich ihn, wie er sich bei der Essensverteilung fühlt und er sagt mir, dass er es liebt, den Armen zu helfen. Ich bin sehr stolz auf ihn.“ Das war ich auch. Auf beide – Vater und Sohn.

Ihm vertraute ich und verriet, dass ich alleine reiste. Er schüttelte den Kopf, aber entmutigte mich nicht. Viel mehr erkannte er meinen Mut an und zeigte seinen Respekt davor. Dann gab er mir eine philippinische Süßigkeit zum Probieren. Es war köstliches Gebäck mit Nüssen, einer gelartigen Füllung und Puderzucker obendrauf. Ich bestellte einen zweiten Kaffee.

So waren die traditionellen Leckereien verpackt. Hübsch, nicht wahr? Weiß jemand, ob man die auch hier bei uns in Deutschland kaufen kann?

Die Tüte Jackfruit und ich ziehen weiter

So gerne ich auch hier war, Manila würde sich nicht von selbst erkunden lassen. Ralph – ich wette, er ist höchstens 5 Jahre älter als ich – bat darum, ihm zu versprechen, dass ich in Baler auf mich aufpassen würde. „God bless you“, sagte er mir mit ernstem langen Blick und weigerte sich, von mir Geld anzunehmen. Wir verabschiedeten uns wie alte Freunde und machten dieses Foto zusammen, auf dem mein Gesicht nach dem Langstreckenflug, der zu dem Zeitpunkt nur wenige Stunden zurücklag, maximal geschwollen ist:

Die Tüte Jackfruit hat mit mir zusammen die halbe Stadt gesehen. Sie war sogar bei der Begegnung mit den Straßenkindern dabei, über die ich euch bereits erzählt habe. Kurz bevor mein Bus kam, habe ich den Inhalt vernascht. Dieser war zwar schon etwas gequetscht, aber immer noch saftig und schier unvergesslich. Ich pulte die essbaren Stücke mit schmutzigen Fingern aus dem faserigen Fruchtfleisch, das ihr wirklich nur dann essen solltet, wenn ein Zahnstocher o.ä. in greifbarer Nähe ist. Der klebrige Saft rannte mir bis zu den Ellenbogen und ich reagierte ein bisschen allergisch auf die Frucht. War mir aber egal. Es war ein hoher Moment des Genusses.

Klebrig und zufrieden am Busbahnhof. Schon bald würde es nach Baler gehen.

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„Können Sie überhaupt fahren?“ – NEIN!

Brumm – ich rausche in unbekannter Richtung die giftgrünen Feldwege entlang. Ab und zu muss ich den abgemagerten Hunden ausweichen, die unverhofft meine Wege queren. Ich fahre und höre kaum etwas außer dem Motor und das schwache Stimmchen meines Navis, das mir bereits seit 40 Minuten versucht weiß zu machen, dass ich auf der falschen Route bin.

Der Himmel färbt sich grau und ich sehe die ersten güldenen Blitze am Horizont aufleuchten. Kurz muss ich mich schon fragen, ob ich nicht lebensmüde bin, doch werde gleich wieder von den grünen Weiten abgelenkt. Es regnet bereits seit heute Morgen, was mich in einer gewissen Anspannung hält. Auf den Philippinen hat die Regenzeit begonnen. Und diese ist bekannt für ihre Taifune, die kaum etwas stehen lassen, wenn sie über das Land ziehen. Jeden Tag und jede Nacht hoffe ich insgeheim, die Naturgewalt miterleben zu dürfen. Andererseits hab ich großen Respekt davor, wenn nicht zu sagen: große Angst. Ok, erwischt: ich hab die Hosen randvoll.

Baler – wie im Film

Ich fahre weiter. Der Nebel hat sich um die Gebirgskette vor mir gelegt. Alles, was ich wahrnehme, kommt mir vor wie im Film. Der wohl beste und arthousigste, den ich je gesehen habe. Mit seinen Höhen, Tiefen, Wendepunkten, einer erhöhten Farblichkeit, einem chaotischen Drehbuch, über das ich keinerlei Kontrolle habe.

Aus den kleinen Betonhütten mit Gittern statt gläserner Fenster strecken sich kleine winkende Hände in meine Richtung. Die Kinder freuen sich, mich zu sehen. Manche rennen raus auf die Straße und hüpfen und rufen mir etwas in ihrer Muttersprache zu. Ich hupe – und sie freuen sich noch mehr. Hüpfen durch die Pfützen und kreisen sich mit ausgestreckten Armen und dem Gesicht gen Himmel, als würden sie versuchen, die von dort herabfallenden Tropfen aufzufangen.

Ich hab ihn lange gesucht…

Die Suche nach einem fahrbaren Untersatz dauerte ewig. Eines Freitags war es aber soweit: Der Mann an der Hotelrezeption füllte die nötigen Papiere aus und übergab mir auf Verlangen den Helm. „Können Sie überhaupt fahren?“, fragte er mich halb ernst. „Klar“, log ich ohne mit der Wimper zu zucken. Die beobachtete Proberunde mündete fast im Meer. Zum Glück lasse ich mich von Missgeschicken nicht beeindrucken. Deshalb fuhr ich schnell davon und winkte nett, als wäre nichts gewesen.

Philippinen: Mein erster Tag auf dem Roller

Freiheit. Die feuchte Luft schmettert mir ins Gesicht, während meine Hände die noch unbekannte Maschine lenken. Wie schnell ich fahre, weiß ich nicht, da meine Geschwindigkeitstafel vermutlich schon lange vor meiner Zeit den Geist aufgegeben hatte. Ich fahre und lache und drücke auf die Tube und schau mir die üppige Natur von Baler im Schnelldurchlauf an. Keine Ahnung, wohin. Hauptsache staunen.

Ein reines Glücksgefühl war das, zum aller ersten Mal durch kaum bewohnte Gegenden zu düsen und dabei zu wissen, dass ich genau da ankomme, wo Gott mich haben will. Vor mir sah ich die unendlichen Berglandschaften von Aurora, während das einzige, was mich vom Meer trennte, Kokospalmen und der mal sandige mal steinerne Strand war. So fühlte sich Glück also an. Zum einen wurde das dadurch intensiviert, dass ich nach tagelanger Suche endlich mein Moped fand, das nicht allzu überteuert war. Zum anderen, weil ich, nachdem ich die ersten 20 Minuten erhöhten Unfallrisikos überstanden hatte, tatsächlich fahren konnte. So schwer ist es aber auch gar nicht. Die Straßen in Baler sind neu gemacht und es fährt sich auf ihnen gar besser, als auf unseren. Wenn in der Provinz Aurora etwas funktioniert, dann offensichtlich Straßenbau.

Schau gerne auch hier vorbei: Die Brücke in Baler, die mich Demut lehrte

Natürlich spiele ich mit dem Gedanken, mir einen Roller zu holen

Ich vermisse den Roller. Ich denke mir jedes Mal: Jetzt mit dem Ding mit einem Zigarettchen zwischen den Zähnen durch das nächtliche Baden-Baden düsen. Das wär’s doch. Es wäre aber niemals so, wie auf den Philippinen. Dort fühlte ich die Freiheit förmlich tanzen, als ich der Sonne entgegen durch befahrbare und nicht befahrbare Straßen sauste. Es war zu cool. Der linke zerbrochene Spiegel zeigte mir immer ein Stück von der Straße hinter mir und etwas Palmen, Berge sowie den strahlend blauen Himmel.

Fünf fantastische Tage verbrachte ich mit meinem Roller. Zu filmen hatte ich gar kein Bock. Naja, wäre auch ein bisschen lebensgefährlich gewesen. Nächstes Mal dann mit GoPro, versprochen.


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Die Straßenkinder von Manila

In Manila hat bereits vor einigen Stunden die Dämmerung eingesetzt. Ich laufe wie immer relativ planlos durch die Straßen und werde von den bunten Lichtern vorbeifahrender Jeepneys geblendet. Lärm, Staub und kein fühlbares Anzeichen für Gefahr. Das entspannt mich in der Tiefe und ich befinde mich in meiner euphorischen Phase, in der ich die Stadt mit allen Sinnen einatme und eins mit ihr werde. Manches hier erinnert mich sogar an Vietnam. Das fast kindliche Interesse der Einheimischen, die kleinen schmalen Häuschen und natürlich diese warme Luftfeuchtigkeit, die mir das Gefühl gibt, mit ihr bereits in einem längst vergangenen Leben vereint gewesen zu sein.

Langsam fühle ich, dass ich Hunger habe. So richtig ans Essen habe ich mich hier noch nicht getraut. Immerhin ist das mein erster Abend auf den Philippinen und ich tu mich grundsätzlich schwer damit, Neues zu probieren. Bis mein Bus in Richtung Baler kommt, werden noch fünf Stunden vergehen. Also lasse ich mich von meiner Intuition treiben und laufe durch die nächtliche Menschenmenge. Dann gehe ich in eine Essbude, die sauber aussieht. Hier servieren sie Longsilog. Ein Frühstück, dass man sich hier zu jeder Tageszeit und beinahe überall holen kann: Knoblauchreis, zwei Spiegeleier, Würstchen, Ketchup. Handy laden verboten. In meiner Unsicherheit, ob mir der Akku bis zum Busbahnhof reichen würde, scrolle ich nervös durch Tiktok. Bis ich mich von zwei großen Augen beobachtet fühle.

Philippinos: Das schönste Lächeln der Welt

Ich setze von meinem Handy ab und erblicke ein zartes kleines Mädchen, das neben meinem Tisch steht und mich aus vollem Herzen anlächelt. Die Menschen auf den Philippinen haben das schönste Lächeln der Welt. Ich kann euch nicht sagen, warum. Und es liegt nicht zwingend daran, dass die aller meisten von ihnen einfach schneewüstenweiße Zähne haben. Es ist mehr als das. Sie lächeln dir direkt in die Seele und du kannst gar nicht anders, als es ebenfalls zu tun.

Das kleine Mädchen, nicht älter als sechs, redet mit mir in ihrer Sprache, mischt aber ein paar englische Wörter dazu. Sie sagt „money“ und deutet auf ihren Mund. Das Kind hat Hunger. Ohne Zögern schütte ich ihr alles, was sich in meinem Portemonnaie befindet, in die ausgestreckten Hände. Sie bedankt sich, zieht von dannen. Dann bleibt sie vor der Essbude stehen, dreht sich noch mal um und schenkt mir das süßeste Lächeln, das ich auf dieser Reise sehen würde.

Habe ich ein Kind in Schwierigkeiten gebracht?

Wieder voller Fokus auf Tiktok. Ich schneide mein erstes Manila-Video und schlürfe den köstlichen Kalamansi-Juice, den mir die freundliche junge Frau hinter der Theke empfohlen hatte. Dann höre ich einen Schrei. Ich springe auf. Es ist das kleine Mädchen. Ich sehe, wie ein Junge sie gegen den Baum drückt. Er hat sogar Verstärkung mitgebracht. Sie schreit erneut auf, lacht aber diesmal. Ich bin maximal verwirrt. Gemischte Signale kann ich überhaupt nicht deuten, habe aber stark das Gefühl, dass ich erst mal nicht dazwischengehen sollte. Dennoch halte ich mich bereit und bin mit den Augen und den Gedanken beim Baum da draußen. Er fordert von ihr das Geld, das ich ihr eben gab und versucht ihr in die Hosentasche zu greifen. Sie jedoch kann sich verteidigen und macht sich schnell aus dem Staub.

Mir wird richtig schwarz vor Augen. Was hab ich getan? Hat meine impulsive Fürsorge das Mädchen in Schwierigkeiten gebracht? Irgendwie will ich weinen, muss mich aber ordnen und wenigstens etwas aus der Situation lernen. Ich sitze also da und starre in die Leere. Es vergeht einige Zeit. Dann stehe ich auf und gehe.

Ein kurzer Spaziergang durch das nächtliche Manila

Wieder laufe ich durch die Straßen, durch die Menge. Ich komme an einem Gemüse- und Fischmarkt an. Manche Jungs dort wollen mit mir Selfies machen. Unter einer Bedingung mache ich mit: Im Gegenzug kriege ich auch ein Selfie mit ihnen. Sie sind einverstanden und strahlen freundlich in meine Frontkamera. Ich kaufe mir eine richtig verrückte rote Sonnenbrille am Straßenrand, weil ich meine verloren habe.

Ich scheine das rege Treiben zu verlassen und mein Bauchgefühl sagt mir: Lauf da nicht weiter rein ins Dunkle. Ich höre darauf und biege ab. Wieder Menschenmengen. Die einen warten auf ihren Jeepney, die anderen sitzen gelangweilt hinter ihren üppig dekorierten Obstständen, die dritten drängen sich aneinander vorbei und bleiben mit einem Grinsen stehen, wenn sie mein osteuropäisches Gesicht entdecken, das nicht so ganz zum sonnengeküssten Rest zu passen scheint. Mein Rucksack ist scheiße schwer, ich bin müde und will einfach nur noch ein Nickerchen im Bus machen.

Neue Begegnung mit Straßenkind: Geht meine neue Strategie auf?

In Gedanken versunken spüre ich warme feuchte Händchen an meinem Arm. Diesmal steht ein Junge im Vorschulalter vor mir und schaut zu mir herauf. So ein süßer Bengel. Aber es hat die Augenbrauen zusammengezogen und gibt mir den bösen Blick, obwohl die Händchen sich ganz sanft an mir festhalten. „Give me money!“, fordert er. Ich aber meine, aus meinem vorherigen Fehler gelernt zu haben. Und sage: „I can buy you food. What would you like to eat?“ Er lässt von meinem Arm ab und versucht in die Tasche zu greifen, die ich außer dem blöden Rucksack mit mir rumschleppe. Eigentlich ist er gar nicht blöd, ich hatte ihn bei jedem Städtetrip quer durch Europa dabei, deshalb hänge ich auch so sehr an ihm. Aber ich lenke ab.

Ich ziehe vorsichtig seine Hand aus meiner Tasche und sage streng: „Nooo“, und schüttle langsam meinen Kopf. Bevor ich wiederholen kann, dass ich gewillt bin, ihm etwas zu Essen zu kaufen, haut er ab und ruft mir, als würde er mich ein wenig beleidigen wollen, „American […]“ zu. Ich habe das zweite Wort akustisch nicht verstanden, war aber überrascht, dass ich für ihn wie eine Amerikanerin aussah. Ich lief weiter, gähnte zwischendurch und entschied, dass das meine neue Strategie werden würde, wenn die Kinder von Manila wieder Geld von mir fordern sollten. Ob es aber eine richtige ist, weiß ich jedoch bis heute nicht.

Schau hier auch vorbei: Das ist ein Eindruck, den ich in Baler hatte, der mir die Augen öffnete.


  • NEU: Alle meine Reiseabenteuer gibt es seit neuesten Ereignissen auch als im Videoformat auf Tiktok.
  • Alle Bilder unterliegen dem Copyright von avecMadlen.com
  • Das Titelbild stellt keine Straßenkinder dar und dient lediglich als Symbolbild 🙂
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