Ein Einheimischer sagt mir, ich solle nach Dhampus. Viel mehr braucht es nicht, um mich zu überzeugen. Wenig später sitze ich mit neun Fremden in einem Jeep und fahre los. Wohin genau, weiß ich zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht so recht. Dhampus halt.
Die Fahrt beginnt auf der Schnellstraße und geht irgendwann in einen Waldweg über. Dort wird sie zunehmend holpriger. Zwei junge Männer schlafen gegenüber von mir. Bei jedem Schlagloch hüpfen sie ein Stück nach oben, ohne sich davon aufwecken zu lassen. Eine ältere Frau unterhält sich mit einer jüngeren. Ihre Stimmen sind wie sanfte Melodien in meinem Ohr und ich wünsche mir, ich würde verstehen, was sie besprechen. Mit jedem Kilometer schwindet ein bisschen mehr Zivilisation. Das gefällt mir.
Als ich in Dhampus aussteige, finde ich etwas mehr Ruhe, als zunächst erhofft. Kein Mensch weit und breit. Der Jeepfahrer zeigt mit seiner Hand zuversichtlich auf den kleinen Pfad, der mich noch tiefer in den Wald führen sollte und sagt, das sei Dhampus. Ich blicke ihn verunsichert an, er nickt überzeugend. Also laufe ich los; mit meiner Knieverletzung und all meinem Hab und Gut, das in einen Rucksack passt. Überall Wald und ich weiß nicht, wo ich ankomme – und ob überhaupt. Und ich frage mich, ob das eine gute Idee war. Würde ich mich jetzt wieder in die Bredouille wandern? Ich weiß es nicht. Ich bin selbst gespannt.

Welcome to Dhampus – ohne Hotel
Ein Hotel habe ich jedenfalls nicht. Also fange ich an, danach zu suchen. CHECK24 hat keinerlei Angebote in diesem Ort. Das nächste Hotel sei laut App gute 43 km entfernt. Kein Wunder eigentlich, denn dort stehen bereits die ersten Teehäuser des Dorfes, wie ich später lernen sollte. Ich gehe in eines hinein. Die Verhältnisse sind bescheiden, doch alles ist liebevoll gepflegt, sauber, und hat eine ganz eigene Atmosphäre. Geblümte Bettwäsche, süße Vorhänge und ein großer, üppiger Garten mit Blumen und Gemüse. Ich sehe sofort, dass dieses Teehaus einer Frau gehört.
Die wenigen Dorfbewohner, denen ich begegne, scheinen überrascht zu sein, mich zu sehen. Zunächst bin ich vorsichtig. Gleichzeitig fühle ich mich sehr sicher und willkommen. Wie überall in Nepal. Ich kann nicht aufhören, es zu sagen: Nepal war das einzige Land, in dem ich mich als alleinreisende Frau zu 100 Prozent fallen lassen konnte. Niemand hat mich bedrängt, belästigt oder sonst was. Es war so sicher, so schön, so lecker und so unbeschreiblich wie noch nie zuvor in meinem Leben.


Die Stickerin
Am nächsten Morgen begegne ich einer jungen Frau. Sie sitzt vor ihrem Shop am Stickgestell und arbeitet an ihren Kreationen, die sie dort auch verkauft. Alles hat sie selbst gestickt, sagt sie mir ganz selbstverständlich aber nicht ohne Funken Stolz in ihren Worten. Ich bleibe stehen, schaue mir ihre Arbeit genau an und entscheide mich schließlich für ein Tuch. Burgunderrot, mit hellgrünen Rauten, etwas Blau und Schwarz. Ich finde es wunderschön. Vor allem aber möchte ich ein Symbol mitnehmen, das mich für den Rest meines Lebens an diese junge Frau aus Dhampus erinnern soll. Sie erlaubt mir sogar, sie bei der Arbeit zu filmen.

Die Aussicht auf den Himalaya
Dann gehe ich zur nahegelegenen Aussichtsplattform. Dort eröffnet sich mir ein völlig unverhoffter Blick auf den Annapurna und den Machapucharé, beide gehüllt in dichte Wattewolken. Goldene morgendliche Sonnenstrahlen fallen auf ein unendliches, subtropisches Grün. Und ich blicke über die Baumkronen hinweg in eine Landschaft, die so überwältigend schön ist, dass ich weine, während mich mehrere Schmetterlinge umflattern. Mehr habe ich von diesem Leben nie gewollt. Und ich lasse mich von meinen Gefühlen überwältigen, bin voll im Moment und spüre Gottes Präsenz. Wie er womöglich auf mich herabblickt und darüber amüsiert ist, wie ich sein Geschenk des Lebens annehme.


Als ich wieder unten bin, trinke ich starken Kaffee. Kaum zu fassen, was ich dort oben gesehen habe. Nach dem Checkout geht es weiter. Nach wenigen hundert Metern mache ich erneut Pause. In einer kleinen Holzhütte auf Stelzen lerne einen Einheimischen kennen. Er wirkt interessiert, aufgeschlossen, freundlich und entspannt. Wir sprechen über Glaube, über Korruption und über meine Erfahrungen in Nepal. Und ich sitze zum ersten Mal mit einem Menschen am Tisch, der sein Curry mit den Händen isst. Das Gericht ist gelb-orange, dazu gibt es Spinatblätter und Reis. Er nimmt das Essen ganz filigran zwischen seine Finger, führt es zum Mund und rührt zwischendurch in seinem Teller herum. Dabei stöhnt er ein wenig vor Genuss.
Ich bin neugierig. In Malaysia hatte ich bereits zuvor beobachtet, wie die Inder mit den Händen essen, allerdings immer nur aus einiger Entfernung. Nun kann die ganze Situation aus nächster Nähe verfolgen und weiß nicht recht, wohin ich schauen soll und ob es angemessen wäre, so hinzusehen, wie ich eigentlich gerne würde. Also halte ich mich zurück.
Ich muss weiter und blicke noch einmal zurück auf Dhampus. Das Dorf, das mich mit einer Ruhe empfing, nach der ich lange gesucht hatte. Wie würde es nur für mich weitergehen? Würde ich, wie geplant, beim Australian Camp ankommen, oder würde ich vielmehr eine spontane Planänderung vornehmen, die mich in die Tiefen des nepalesischen Dschungels locken würde, wo ich möglicherweise verloren gehe?


Nepal leidet unter den Folgen der verheerenden Flutkatasrophe im August. Erfahre hier, wie du aktiv werden kannst, oder besuche die Website nepalhilfe.de. Von meinen nepalesischen Freunden höre ich, dass die beste Unterstützung sich darin erschließe, wenn man Nepal weiterhin bereist.