Am Tag zuvor hatte ich entschieden, den Mardi Trek zu laufen. Noch war das ein abstrakter Begriff für mich. Der ursprüngliche Plan war – wie immer – ein anderer. Ich startete in Dhampus, eigentlich mit dem Ziel Australia Camp. Doch dann entschied ich mich spontan um und machte mich auf den Weg zu einem anderen Checkpoint. Ich meine, die Provinz heißt Gandaki, aber die einzelnen Orte tragen jeweils andere Namen. Weil es zu regnen anfing, machte ich Rast in einem Teehaus und lief später weiter. Es war der perfekte fucking Tag. Besser hätte ich es mir nicht vorstellen können.



Gottes Plan führte mich in ein kleines Dorf, wo ich kurz nach Einbruch der Dunkelheit ankam – so schnell, dass mir nicht einmal Zeit blieb, in der Finsternis Panik zu bekommen. Ich blieb über Nacht, bekam Abendessen, wechselte Euro gegen nepalesische Rupien, schlief tief und wurde am nächsten Morgen von dem atemberaubenden Blick auf den Himalaya aus dem Bett gehoben. Dann zog ich wieder los. Im Gepäck: eine kleine Wasserflasche und zwei Päckchen Kokoskekse.

Nepal: Tropische Natur im dichten Nebel
Die Natur wechselte von tropisch (unter 500 Höhenmetern) zu Subtropisch (bis 1.000 Meter Höhe). Mich umgab dichter Nebel. Zwischen den Ästen und Blättern verschwamm alles zu hellem Grau – wie im Märchen. Eine tiefe Stille lag über dem Wald, nur vereinzelt fielen Tropfen von den Blättern auf den Pfad. Es duftete nach Dschungel: erdig, schwül, mit einer leicht bitteren Note und einer unendlichen Reinheit. Unter meinen Füßen knackten nasse Äste und Blätter.
Ich war allein und dachte, es könne nichts passieren, solange ich dem Waldweg folgte. Gleichzeitig spürte ich bereits in diesem Moment, dass ich mitten in einem meiner größten Abenteuer war.


Upsi, ich steh am Abgrund – kein GPS-Signal
Plötzlich ging es steil nach unten, und der Weg wurde immer dichter überwuchert. So schön der Nebel auch war – er war gefährlich, weil er mir jegliche Sicht nahm und ich den Waldweg schon bald nicht mehr von den Wolfspfaden unterscheiden konnte. Ich dachte mir nur: Nö. Fühlt sich irgendwie nicht ganz richtig an, da der Pfad allmählich in einen Abgrund überging; also kehrte ich um. Ich musste klettern und war mir nicht sicher, ob ich den Hauptweg überhaupt wiederfinden würde. Trotzdem blieb ich entspannt – ist eben ein Abenteuer.
Je weiter ich kam, desto schwächer wurde der Handyempfang, bis er schließlich komplett verschwand. Auch mit Internet hätten mir GPS und Google Maps rein gar nichts genützt – die Route existierte auf den Karten schlicht nicht. Irgendwie fand ich den Weg aber intuitiv zurück und ging weiter.
Ich entdecke Leben – neben mir und auch auf mir
Kurz nachdem ich eine Lichtung erreicht hatte, traf ich erst auf einen Büffel, dann auf einen Bauern. Es war eine malerische Kulisse, an der ich mich nicht sattsehen konnte. Sie war so unberührt von der verdorbenen Welt, aus der ich komme. Der alte Mann verstand mich nicht, aber versuchte, mir bei der Suche nach dem richtigen Weg zu helfen. Ich war froh, mich kurz hinzusetzen und die Schilder zu analysieren. Hier hatte ich sogar kurz wieder Empfang und meine Recherche ergab dieselbe Richtung, in die mich der Bauer schickte.


Zum ersten Mal entdeckte ich Blutegel auf meiner Haut. Es fing wieder zu regnen an. Der Weg führte durch knöcheltiefen Schlamm. Die Alternativroute wäre wohl lebensgefährlich geworden: zu steil, zu rutschig – immerhin war Monsunzeit. Kurz war der Pfad wieder erkennbar, nur um wenig später erneut mitten im Gebüsch zu enden. Es regnete in Strömen. Ich blickte hoch in den Himmel und dann wieder an mir herunter. Ich stand nun knietief im Schlamm.
Jesus hat mich kurz verlassen
Vom Regen war ich bis auf die Unterwäsche durchnässt, meine Schuhe voller Blut von den Egeln, die Sicht durch den Nebel vollständig eingeschränkt. Ich stand mitten im dicht bewachsenen Dschungel und hatte offiziell keinen Bock mehr. Dazu kamen heftige Knieschmerzen von meinem vorletzten Abenteuer und ich spürte einen dicken, glibschigen Blutegel in meinem Nacken.
Als ich versuchte, ihn abzureißen, riss die Kette mit meinem Christuskreuz – ein Begleiter, den ich auf jeder größeren Reise um den Hals trage. Als ich den Kreuzanhänger nicht finden konnte, überkam mich das Gefühl, dass Gott mich nun verlassen hatte.
Ich blickte zur Seite, verzog das Gesicht und atmete hörbar aus. Alles sah gleich aus, der Regen hörte nicht auf, und mein Wasser war schon lange leer. In meinem Kopf malte ich mir bereits aus, wie ich die Nacht im Dschungel verbringen würde – zugedeckt mit einem gigantischen Blatt und einem menschengroßen Blutegel, der mir lustige Sachen ins Ohr flüstert.
Bin ich grad im Kreis gelaufen?
Doch nach einer kurzen Runde Selbstmitleid fing ich mich wieder und erinnerte mich daran, wer ich eigentlich bin. Und dass ich diese Geschichte auf jeden Fall noch zu Ende leben musste, damit ihr sie irgendwann lesen könnt. Stück für Stück versuchte ich, den Weg zurückzugehen. Irgendwann erreichte ich eine Lichtung, die mir verdächtig bekannt vorkam. Ein Déjà-vu des Horrors: Ich stand wieder genau an der Hütte, an der ich vorhin den Büffel und den Bauern getroffen hatte.
Ich warf alles von mir ab und legte mich einfach in den Regen zum Sterben. Ich wollte kurz weinen – weil ich mich danach immer gut fühle – und richtete mich dafür auf. In diesem Moment spürte ich, wie mein silberner Christus über meinen Solarplexus aus dem nassen Shirt rutschte und mit einem hellen Klang auf der asphaltierten Plattform aufkam.
Nanu, wer kommt denn da?
Als ich ihn aufhob, sah ich etwas aus dem Gebüsch laufen: eine Hündin. Sie kam auf mich zu und ich streichelte ihr nasses Fell. Wenig später folgten ihr vier hübsche Männer – Einheimische, die mich fragend ansahen. „I’m lost.“ Sie lachten mich kurz aus, gabelten mich dann aber auf. Sie wussten genau, wo es langging.
Als ich ihnen folgte, erkannte ich meinen kardinalen Fehler: Diesmal hätte ich mich auf meine Intuition verlassen sollen, so unlogisch sie auch schien. Ich hätte den Wasserfall hochspazieren müssen. Mein Bauchgefühl hatte Ja gesagt. Mein Kopf sagte: Das kann nicht sein. Und ich hatte auf meinen Kopf gehört. Erinnert ihr euch daran, als ich dies schon mal tat und mir danach schwor, immer auf mein Bauchgefühl zu hören? Da wären wir wieder: Nichts gelernt.
Die Jungs (naja, eigentlich Geschäftsmänner aus Kathmandu, die deutlich älter waren als ich) nahmen eine Abkürzung und wir kletterten einen schlammigen, steilen Hang hoch. Ich stürzte einmal ab, aber das war ein fairer Preis. Schließlich kamen wir an einem Teehaus an. Die Jungs tranken Tee, ich aber war bereit, dort über Nacht zu bleiben und dachte sogar kurz daran, das Abenteuer dort zu beenden.
Ich kann es einfach nicht lassen
Nach einer kalten Dusche (was anderes gab es nicht) und nachdem ich alle Blutegel von meinem Körper entfernt hatte, ging es mir deutlich besser. Es hieß, das Forest Camp sei nur noch eine Stunde Fußmarsch entfernt. Ich sagte zu den Jungs: „Geht schon mal vor. Ich mache noch 30 Minuten Pause und komme dann nach.“
Gesagt, getan. Ich ging wieder alleine los – und ratet mal, was dann passiert ist. Ich verirrte mich erneut. Ich schwöre, diesmal war ich der Beschilderung gefolgt.

Wieder muss ich umkehren
Nach einer Stunde stetigen Treppensteigens dachte ich mir nur: Das kann nicht richtig sein. Zudem fing es bereits an zu dämmern. Ich hielt verzweifelt Ausschau nach Lebenszeichen, doch die Spinnennetze quer über den Weg wirkten nicht so, als wären hier kurz zuvor vier Jungs mit einem Hund durchgelaufen. Auch die intakten Äste entlang des Pfades sprachen dagegen – es gab keinerlei Hinweise darauf, dass in dieser Woche überhaupt jemand diesen Pfad betreten hatte.
Also kehrte ich um. Das erschien mir die einzig vernünftige Entscheidung. Ziemlich genervt von mir selbst kehrte ich zögerlich zu dem Teehaus zurück, in dem ich vorhin geduscht hatte. Die drei Jungs, die dort zwei Teehäuser betrieben freuten sich über mich.
Pilzsuppe, Karten und drei Nepalesen – ich liebe den Dschungel
Ich war komplett nass und voller Blut. Sie deckten mich zu, schalteten die Heizung an und kochten mir Pilzsuppe. Ich war unendlich dankbar, sie zu haben. Wir verständigten uns irgendwie mit Händen, und im Laufe der Nacht brachten sie mir ein Kartenspiel bei, das sie dort oben jeden Abend spielten. Ich vergaß alles um mich herum und tauchte in ihre Runde ein. Sie waren sehr interessiert daran, mich zu inkludieren, obwohl ich mich aus Ungewohntheit ein bisschen dagegen gewehrt hatte. Das war der Moment, in dem mein Nervensystem endlich herunterfuhr. Die nepalesische Mentalität ist einfach das größte Geschenk, das mein Leben mir bisher bereitete.
Ich chillte dort, eingewickelt in diese riesige Decke, und war einfach nur zufrieden mit meinem Leben. Irgendwann fragte ich sie, ob sie nicht einen Guide kennen. Also riefen sie Aayush, der mich früh am nächsten Morgen abholte. Der 19-Jährige und ich schafften es 2 Tage später bis zur Mardi-Aussichtsplattform, wo ich meinen vier Freunden mit dem Hund in die Arme fiel. Aber davon erzähle ich euch ein andermal.


Ich will noch ne Runde!
Als ich ein paar Tage später wieder unten ankam, war ich von Kopf bis Fuß voller Dreck, stank, war seit Tagen nicht abgeschminkt und spürte vom Abstieg die Schmerzen des Todes in beiden Knien. Ich dachte ernsthaft, ich würde mich nie wieder davon erholen. Es regnete unaufhörlich in Strömen. Und es ist jetzt an der Zeit zu erwähnen, dass ich den ganzen Mardi-Trek mit Chucks gelaufen bin. Während ich erneut wadentief im Schlamm stand, dachte ich mir nur: Fuck. Ich lasse mich jetzt zwei Tage lang massieren und verwöhnen – und gehe danach direkt die nächste Runde trekken.

In Pokhara lief alles nach Plan: Massage, schönes Hotel, gutes Essen, ein neues, fettes Tattoo.
Und heute? Heute bereue ich nichts. Ich hätte es wieder genau so erleben wollen. In diesem Dschungel habe ich mich selbst noch besser kennengelernt. Es war schon interessant zu erfahren, was für ein Mensch ich wirklich bin. Zwischenzeitlich Todesangst, aus der mich beim ersten Mal das logische Denken rettete. Beim zweiten Mal waren es die vier Jungs mit Hund – und eventuell Jesus. Beim letzten Mal war es die Vorsicht. Ich wusste, dass ich mich konzentrieren musste, wenn ich dort lebend rauskommen wollte.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, nicht immer alles alleine machen zu müssen. Und der Wunsch, es wieder zu tun.