Mein erstes Jahr in Deutschland. Ich ging damals in die zweite Klasse.
Meine Puppe Diva war wunderschön. Sie hatte gewelltes, wasserstoffblondes Haar, gigantische Augen und einen kleinen Mund. Sie trug ihren langen Jeansrock, dazu ein T-Shirt mit einem Stern, der im Dunkeln leuchtete. Auch die Plateauabsätze ihrer lila Stiefelchen leuchteten, wenn das Licht ausging. Wenn sie mal nicht in meinem Bett schlief, blickte ich in den Momenten vor dem Einschlafen immer auf das höchste Regal, auf dem sie thronte und sah die klitzekleinen Schmetterlinge und Blümchen auf ihrem Rock, wie sie neongelb in der Finsternis funkelten.
Wenn man ihr auf den Kopf drückte, sprach sie mehrere Sätze – irgendetwas mit Fashion. Einer davon lautete: „Nichts kommt besser als tolle Schuhe.“ Nichts Deepes. Immerhin war sie eine Diva, ein IT-Girl der 2000er. Das meiste, was sie sagte, verstand ich damals ohnehin gar nicht, weil ich kein Deutsch sprach. Aber ich liebte sie. Sie war mein Schätzchen, meine Freundin, die immer bei mir war, die ich manchmal auch einfach nur anblickte und ihre eigenartige Schönheit genoss.
Ich erinnere mich daran, wie ihre Lippen im Sprechrhythmus rot aufleuchteten. An ihr Kichern. Daran, wie ich sie kämmte, ihr über das weiche Haar strich und ihr winzige Aufkleber auf die Stiefelchen klebte. Wie ich mit den Fingern über ihre Wimpern strich und ihre filigranen Finger betrachtete. Sie war meine Welt.
Eines Tages hatte mein Stiefvater mir sämtliche Puppen weggenommen und versteckt. Offenbar hatte ich mich irgendwie fehlverhalten. Tagelang sah ich meine Diva nicht und litt. Auch die anderen Püppchen fehlten mir; aber sie besonders. Das nächste Fehlverhalten folgte schneller als gedacht. Und er holte meine geliebte Puppe aus dem elterlichen Schlafgemach.
Als ich sie in seiner Hand sah, blitzte für einen kurzen Moment die Hoffnung auf, dass er sie mir zurückgeben wollte. Doch er packte sie an den Beinen und schlug ihren Kopf mit den Worten „Look. This was your favorite doll“ auf den Boden.
Ich erinnere mich an das Geräusch. Das Zersplittern von gehärtetem Kunststoff auf den Kacheln. Meine Puppe lag mit dem Gesicht auf dem Boden; ich hyperventilierte. Was unmittelbar danach passierte, weiß ich nicht mehr. Vielleicht habe ich geschrien, vielleicht auch nicht. Innerlich war ich jedenfalls erstarrt. Das Gefühl kann ich gar nicht mehr so richtig greifen. Es war, als hätte mich eine unsichtbare Welle eingezogen und in den Abgrund gerissen. Und da war ich nun – und erstickte daran.
Als ich wieder aufnahmefähig war, sah ich, wie ihr ein lila Stiefelchen abgefallen war. Ihre Arme waren von der Wucht des Aufpralls in die Höhe gerissen. Eine Batterie lag irgendwo im Raum, eine Schraube ebenfalls, auch ein Stück Plastik in ihrer Hautfarbe. Ihr Kopf war kaputt. Ein schwarzer Riss.
Sie sprach nie wieder. Auch das Kichern verstummte an diesem Tag. Für mich war das der Tod meiner besten Freundin. Und ich war das kleine Mädchen, das nichts dagegen tun konnte.
Ich versuchte noch monatelang, sie wieder zum Sprechen zu bringen. Immer wieder drückte ich auf ihren Kopf, in der Hoffnung, dass sie doch noch einmal etwas sagen würde. Dass ihre Lippen wieder rot aufleuchten, um mir wieder von ihren Fashion-Momenten zu erzählen, die ich nicht verstand. Aber es kam kein Ton mehr.
Ich glaube, die anderen Puppen bekam ich später alle heil zurück. Wo sie heute alle sind, weiß ich aber nicht. Es kommt vor, dass Dinge auf „mysteriöse Weise“ verschwinden.
Als ich heute Abend beschloss, diese Geschichte mit der Welt zu teilen, passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Ich fand bei Vinted eine originalverpackte Diva Starz. Genau die, die ich damals hatte. Und ich habe sie gekauft.
Das mag vielleicht eine unnötige Ausgabe sein, doch ich will der kleinen Madlen von damals eine Freundin zurückgeben, die sie seit Ewigkeiten vermisst.
Zum Beitragsbild: Hab ich von Vinted gezogen und entfremdet.