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Der psychologische Blick auf Egon Schiele

EIN SELBSTBILD.

ICH BIN FÜR MICH UND DIE, DENEN
DIE DURSTIGE TRUNKSUCHT NACH
FREISEIN BEI MIR ALLES SCHENKT,
UND AUCH FÜR ALLE, WEIL ALLE
ICH AUCH LIEBE, – LIEBE.

ICH BIN VON VORNEHMSTEN
DER VORNEHMSTE
UND VON RÜCKGEBERN
DER RÜCKGEBIGSTE

ICH BIN MENSCH, ICH LIEBE
DEN TOD UND LIEBE
DAS LEBEN.

Egon Schiele (1910)

Egon Schiele (1890-1918), österreichischer Künstler. Fotografiert in seinem Atelier. Credit: IMAGO / GRANGER Historical Picture Archive

Die Forschungsfrage verändert sich

Kaum ein Künstler des frühen Expressionismus wirkt auf den ersten Blick so psychologisch lesbar wie Egon Schiele. Seine verwinkelten Körper, die düsteren, Gestalten, Grimassen und die intensiven Blicke vermitteln den Eindruck, als würde uns der Künstler seine Seele offenlegen. Es entsteht die Vorstellung eines zerrissenen, leidenden Menschen. Heute stellt sich die Forschung nicht mehr die Frage: Was verraten Schieles Bilder über seine Psyche? Sondern: Warum wirken sie überhaupt so psychologisch aufgeladen?

In den letzten Jahrzehnten hat sich der Blick auf Schiele deutlich verändert. Und zwar nach und nach.

Egon Schiele: Ein Rebell seiner Zeit

Das Bild Egon Schieles ist bis heute eng mit seiner Biografie verbunden. Er galt als Rebell, wurde wegen der Verbreitung obszöner Zeichnungen inhaftiert und entwickelte schon früh einen außergewöhnlich expressiven Zeichenstil. Über ihn wird erzählt, er habe niemals einen Radiergummi benutzt und Zeichnungen innerhalb weniger Minuten gefertigt.

In einem Brief schrieb Schiele: „Ich habe zweifellos furchtbare Bilder gemalt. Aber glauben die wirklich, dass ich es mit Absicht getan habe? Nur um das spießige Bürgertum zu erschrecken? Das war nie der Fall. Aber es gibt Gespenster, die aus einem Verlangen heraus entstehen. Und ich habe diese Gespenster gemalt. Nicht weil es mir Freude machte, sondern weil ich es musste.“

Hier geht’s zu der Online-Sammlung des Leopold Museums. Dort findet ihr eine unfassbare Vielfalt an Schiele-Werken in höchster Qualität. Da die urheberrechtlichen Fragen noch nicht geklärt sind, sehe ich bisweilen von einem Download ab.

Spuren in der Kindheit und Familie

Auch seine Kindheit scheint eine psychologische Deutung nahezulegen. Sein Vater war cholerisch und förderte zwar zunächst das zeichnerische Talent seines Sohnes, verbrannte später jedoch einen großen Teil seiner Zeichnungen, weil sie ihm übermäßig erschienen. Nachdem der Vater an Syphilis erkrankte, schien er verrückt zu werden. Er verbrannte den gesamten Aktienbesitz der Familie und starb wenig später.

Es liegt nahe, darin mögliche Ursachen für Schieles Bildwelt zu suchen. Doch erlauben uns die Einblicke in seine Bilder tatsächlich einen Blick in seine Psyche? Oder projizieren wir diesen Blick erst nachträglich hinein?

Egon Schiele (österreich. Maler des Expressionismus 1890-1918)

Egon Schieles Bilder: psychischer Selbstausdruck?

Pia Müller-Tamm setzt sich zunächst mit der Schiele-Interpretation des Kunsthistorikers Werner Hofmann auseinander. Hofmann prägte über Jahrzehnte das Bild Schieles als Künstler des psychischen Selbstausdrucks. Für ihn spiegeln die scheinbar deformierten Körper und nervösen Linien unmittelbar die seelische Verfassung des Künstlers wider.

Immer wieder werden Gegensätze hervorgehoben:

  • Entblößung und Verhüllung
  • Offenbarung und Distanz
  • Verzweiflung und Übersteigerung

Hoffmann beschreibt Schieles Körper in den Selbstbildnissen sogar als einen Leib, der „wie eine einzige Wunde“ erscheint. Der Körper werde damit zum unmittelbaren Ausdruck seelischen Leidens.

Egon Schiele, Aktselbstbildnis 1916. Bleistift, Deckfarben auf Papier. Maße: 29,5 × 45,8 cm. Credit: ALBERTINA, Wien.

Unterstützt wird diese Position durch den Philosophen Jacques LeRider. Er beschreibt Wien um 1900 als eine Kultur der Identitätskrise. Der rasante Modernisierungsprozess habe bei vielen Künstlern ein tiefes Gefühl von Verlust ausgelöst. Schiele erscheint dadurch als besonders sensibler Künstler einer krisenhaften Zeit.

Auch einzelne Werke wurden entsprechend interpretiert

Beim Selbstbildnis mit Hand an der Wange galt etwa das Herunterziehen des Augenlids lange als Symbol von Melancholie oder sogar als bewusste Umdeutung des Schmerzensmannes. Die Augen wurden als Spiegel des Inneren verstanden.

Egon Schiele: „Selbstbildnis mit Hand an der Wange“, 1910​. Gouache, Aquarell und Kohle auf Papier​, 44,3 × 30,5 cm. Credit: IMAGO / GRANGER Historical Picture Archive

Mit den 1990er Jahren kommt der Perspektivwechsel. Pia Müller-Tamm macht deutlich, dass Schieles Selbstporträts nicht mehr als spontane Bekenntnisse gelesen werden können. Vielmehr entstehen sie in einem Spannungsfeld zwischen Selbstentfremdung und bewusster Selbstinszenierung.

Seine Bilder seien keine unmittelbaren Einblicke in seine Persönlichkeit, sondern sorgfältig gestaltete Konstruktionen. Auch seinen schriftlichen Äußerungen begegnet die Forschung nun mit größerer Vorsicht. Sie gelten nicht mehr automatisch als Schlüssel zum Verständnis seiner Kunst. Stattdessen zeigt sich, dass Schiele zahlreiche Bildtraditionen übernimmt und neu kombiniert.

Er greife kunsthistorische Bildformeln ebenso auf wie Fotografien psychisch Kranker oder zeitgenössische pornografische Fotografien. Hinzu kommt ein weiteres Detail: Während seiner Jugend wohnte Schiele im Haus der Familie Holzknecht. Der Sohn der Gastfamilie war Mediziner und beschäftigte sich intensiv mit der damals neuen Radiologie. Schiele zeigte großes Interesse an diesen anatomischen Bildern – Bildern, die damals fast ausschließlich Ärzten und Wissenschaftlern zugänglich waren.

Egon Schiele: geschlechtergeschichtliche Perspektive

Katharina Sykora erweitert diese Gedanken um eine geschlechtergeschichtliche Perspektive. Um 1900 herrschte eine äußerst strenge Trennung zwischen männlichen und weiblichen Rollenbildern. Schiele soll diese Grenze bewusst überschritten haben. Mit seinen Akt-Selbstbildnissen macht er erstmals den männlichen Körper selbst zum Objekt des begehrenden Blickes. Darstellungen, die zuvor fast ausschließlich Frauen – insbesondere Prostituierten in pornografischen Fotografien – vorbehalten waren, überträgt er auf sich selbst.

Der Spiegel dient dabei nicht lediglich der Selbstbeobachtung. Sykora beschreibt ihn vielmehr als eine Art Pornokamera, in der sich Schiele den traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit verweigert. Seine Figuren schwanken häufig zwischen männlichen und weiblichen Merkmalen. Besonders deutlich wird dies etwa im Aktselbstbildnis grimassierend von 1910. Dieses Bild kann so gelesen werden, als hätte sich Schiele mit weiblichen Genitalien dargestellt.

Egon Schiele: Grimassierendes Aktselbstbildnis, 1910​

Bleistift, Kohle, Pinsel, ​

Deckfarben mit proteinhaltigen Bindemitteln, ​

Deckweiß auf Packpapier​
55,8 × 36,7 cm​
Egon Schiele: Grimassierendes Aktselbstbildnis, 1910​. Bleistift, Kohle, Pinsel, ​Deckfarben mit proteinhaltigen Bindemitteln, Deckweiß auf Packpapier​. 55,8 × 36,7 cm​. Credit: ALBERTINA, Wien

Ein kurzer Exkurs

Hier ein Beispiel erotischer Fotografie um 1900, das ebenfalls weit über die damaligen Konventionen hinausgeht. Es scheint fast so, als ob das Bedürfnis nach Tabubrüchen nicht nur Schiele, sondern auch andere Künstler und Fotografen dieser Zeit erfasst.

Weitere Einblicke in diese Entwicklung könnte die derzeitige Ausstellung The First Homosexuals – Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939 im Kunstmuseum Basel liefern, die ich selbst allerdings noch nicht besucht habe. Läuft noch bis 2. August 2026.

Je neuer die Forschung, desto adäquater die Psychoanalyse

Eine Aussage aus dem Ausstellungskatalog „Wien 1900″ aus dem Jahr 2011 greift Schieles Grimassenbilder auf. Dort heißt es ausdrücklich, solche Selbstbildnisse würden „keineswegs Auskunft über das Psychogramm des Künstlers [geben], sondern sind vielmehr als theatralische Inszenierungen zu verstehen.“

Damit wird der gesamte psychologisierende Zugang grundsätzlich infrage gestellt.

Egon Schiele: Ein weiterer Widerspruch zwischen Persönlichkeit und Bildsprache

Schieles Werke kreisen zwar ständig um Themen wie Melancholie, Einsamkeit, Leiden und Tod. Zeitzeugen beschreiben ihn jedoch als lebensfrohen Menschen mit vielen Freunden. Ähnlich wie Kafka.

Vielleicht liegt die größte psychologische Leistung Egon Schieles also gar nicht darin, seine Seele gezeigt zu haben – sondern darin, uns bis heute glauben zu lassen, wir könnten sie sehen. Ob die Nachwelt wohl jemals seine geheimnisvollen Gebärden deuten können wird? Wohl kaum.


Quellen:

Müller-Tamm, Pia: Sehen zeigen – sehen lassen. Blickinszenierung und Betrachteransprache in Schieles figürlichen Darstellungen. In: Müller-Tamm, Pia (Hrsg.): Egon Schiele. Inszenierung und Identität. Köln 1995, S. 16–43.​

Samola, Franz: Egon Schiele: Symbolistische Todesnähe und expressionistische Gebärde. In: Steffen, Barbara (Hrsg.): Wien 1900. Klimt, Schiele und ihre Zeit. Ein Gesamtkunstwerk. Riehen/Basel 2010, S. 91–95.​

Sykora, Katharina: Performative Selbstinszenierung und Geschlechterirritation bei Egon Schiele. In: Müller-Tamm, Pia (Hrsg.): Egon Schiele. Inszenierung und Identität. Köln 1995, S. 44–65.​

Egon Schiele (österreichischer Maler des Expressionismus 1890–1918). Dokumentarfilm. Regie: Herbert Eisenschenk. Österreich 2018. Erstausstrahlung: ARTE, 21.10.2018. Online verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=n7OZysP3v8I (Zugriff: 14.07.2026).​ (Weiter oben eingebettet).

Schiele, Egon: Ein Selbstbild (Gedicht, 1910). In: Egon Schiele Datenbank der Autografen. Online verfügbar unter: egonschiele.at (Zugriff: 15.07.2026).

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