Nach einem aufregenden Tag am Strand von Baler saß ich in der Außenküche meiner Unterkunft und chillte am Handy. Ich schnitt TikToks und ließ Revue passieren, was für einen unnormal geilen Tag ich hatte. Ich war einfach unendlich dankbar, mitten in der Natur auf den Philippinen zu sein – umgeben von gigantischen Schmetterlingen, flitzenden Eidechsen und Meeresrauschen. Es war etwa halb zwei in der Früh. Ich versuche hier so spät wie möglich schlafen zu gehen, um nicht mitten in der Nacht von Kakerlaken aufgeweckt zu werden. Das stresst mich nämlich. Tagsüber aber lassen die mich in Ruhe.

Plötzlich sah ich aus dem Seitenwinkel, wie jemand durch das Tor kommt. „Wohnst du hier?“, fragte er auf englisch. „Vielleicht, wieso fragst du?“, sagte ich deutlich entgeistert. „Ich wohne auch hier“, sagte er. Ich dachte kurz, dass das möglicherweise der Besitzer meiner Hütte sei und entspannte für den Bruchteil einer Sekunde. Im nächsten Satz konkretisierte er jedoch, dass er hier in der Straße wohne. „Ich hab dich beobachtet“, sagte er weiter, „du bist hier immer allein unterwegs. Reist du etwa alleine?“

Er will einfach nicht verschwinden
„Fuck, es ist soweit“, dachte ich mir, „War das das Ende meines perfekten Lebens?“
„Nein, ich bin mit meinem Mann unterwegs. Warum fragst du?“, sagte ich, ohne von meinem Handy hochzublicken. „Ich hab hier keinen Mann gesehen. Immer nur dich allein.“ Zu diesem Zeitpunkt war ich hier seit gerade mal zwei Tagen und würde erst 10 Tage später den Ort verlassen. „Mein Mann arbeitet ja auch. Und ich chille“, log ich weiter. „Wo ist er jetzt?“ – „Er schläft“ – „Hier?“, er deutete auf meine Unterkunft. „Ja, hier“, antwortete ich schon gereizt.
Er glaubte mir nicht. Das sah ich in seinen Augen. Ich machte eine Handbewegung mit meiner rechten Hand und deutete mit der Linken Hand einen Ring den ich immer trage. Zwar trage ich den auf dem Mittelfinger, das war mir in dem Moment aber egal. Ich musste zumindest versuchen, ihn zu verwirren. „Mein Mann wird nicht begeistert sein, wenn er mitbekommt, dass du mich hier mitten in der Nacht ansprichst. Bitte geh weg.“
Doch die Diskussion ging weiter. Er war relativ aufdringlich und ich artikulierte deutlich, dass ich absolut kein Bock auf diese Unterhaltung habe. Ich vermied den Blickkontakt, damit er mein Desinteresse noch deutlicher spürt. Brachte leider nichts. Aggressiv wollte ich noch nicht werden, weil wir alle wissen, was mit manchen Männern passiert, wenn man denen mit Aggression begegnet. Die hebe ich mir wahrscheinlich für eine nächste ungewollte Begegnung mit ihm auf. „Bitte, geh einfach weg“, wiederholte ich.

So wurde ich ihn dann doch los
„Ich will nur eine Freundschaft mit dir schließen.“ „Danke, aber ich habe kein Interesse. Du solltest lieber gehen, bevor mein Mann aufwacht. Er kann ziemlich wütend werden.“ Er schwieg und sah mich an, als hätte ich ihn aus dem Konzept gebracht. „Please go“, bat ich ihn mit flehendem Blick. „Just go away, please.“ Eigentlich ein sehr hübscher Kerl: Groß, markante Gesichtszüge, gute Frisur. Aber ich fand ihn und sein Verhalten maximal gruselig. Ich hätte am liebsten geweint.
„Weißt du, ich will dich kennenlernen.“ Er ließ einfach nicht locker. „Willst du ein Bier für deinen Nachhauseweg?“, fragte ich, nachdem ich eine Weile durch ihn hindurch starrte. Er erwiderte: „nein, ich muss gehen“ und ging langsam rückwärts aus dem Tor hinaus, durch das er auch rein kam, während er mich mit seinem Blick fixierte.

Er geht, doch die Angst bleibt
Ob er nun einer Konfrontation mit meinem ausgedachten Mann entgehen wollte, oder einfach nur dachte, dass ich nicht mehr alle Latten am Zaun habe, weiß ich nicht. Jedenfalls dankte ich Gott dafür, dass er sich endlich verpisst hatte. Doch das nächste Problem war nicht weit. Die Tür zu meinem Zimmer ließ sich nämlich weder von außen noch von innen verschließen. Ich blieb bis in die Morgenstunden wach. Mit Licht an. Mich ließ die Situation nicht los. Ich hatte Angst um meine Sicherheit. Mein inneres System schlus Alarm. Und ich bin ein sehr instinktiver Mensch. Ich spüre sofort, wenn etwas nicht stimmt.
Ich hatte richtig Angst. Der Typ war ortskundig, er wusste genau, dass ich allein war. Ich hatte Angst, dass er womöglich auf die Idee kommt, mich zu vergewaltigen, oder auszurauben, oder abzustechen. Wenn er noch drei weitere Freunde mitgenommen hätte, wär vorbei. Ich hatte in Baler nicht einen einzigen Polizisten gesehen. Ein paar Security-Leute vor der Bank vielleicht. Es war eine Nacht des Horrors.
Der Reiseveranstalter reagiert
ChatGPT brachte mich auf die Idee, den Reiseveranstalter, CHECK24, zu kontaktieren. Ich schrieb eine Mail und bekam innerhalb weniger Minuten einen Rückruf. Die junge Frau war am Telefon riet mir, Bilder vom Schloss und der defekten Verriegelung zu machen, damit CHECK24 entsprechend reagieren könnte. Sie sprach mit mir, was mich einigermaßen beruhigte. Ein Hotelwechsel stand im Raum.
Am nächsten Morgen kamen die Besitzer und fragten mich, was los sei. Ich weiß nicht, ob sie alles verstanden haben, was ich ihnen erzählte, aber ich bekam eine nagelneue Verriegelung auf die Tür geschraubt. Ja, ich fühle mich jetzt sicherer, traue mich aber nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr raus. Am nächsten Tag wechselte ich das Hotel.
Was hat die Situation mit mir gemacht?
Zum Zeitpunkt, zu dem ich das schreibe, sind keine 24 Stunden vergangen, daher bin ich noch leicht aufgewühlt. Ich habe bemerkt, dass die Freude und Leichtigkeit der letzten Tage weg ist. Zumindest war es heute so. Ich habe richtig Angst vor allen mir unbekannten Männern und schaue mich ständig paranoid um, weil ich das Gefühl habe, dauerhaft beobachtet zu werden. Ich zucke zusammen, wenn mir jemand hupt, oder mir „hi!“ zuruft.
Die, die sich jetzt denken, dass ich komplett übertreibe, waren wahrscheinlich noch nie in einer solchen Situation. Die aller meisten Frauen werden das aber gut nachfühlen können. Ich hatte mich weder provokativ verhalten oder angezogen oder sonst was. Ich saß nachts auf dem Gelände meiner Unterkunft – in meinem Safespace sogesehen – und habe niemandem was getan. Niemanden dazu eingeladen mir Gesellschaft zu leisten. Weder verbal noch nonverbal. Ich will einfach nur in Ruhe gelassen werden. Warum kann ich das als Frau nicht? „Dann reise halt nicht allein“ – FICKT euch.

Mann oder Bär?
Und nein, es ist auf den Philippinen nicht üblich, sich so zu verhalten, wie der unbekannte Mann. Die Philippinos sind super freundlich und es gehört hier zum guten Ton neugierig zu sein und nach dem Namen, der Herkunft oder sonstigen Dingen zu fragen. Mitten in der Nacht auf ein Privatgelände zu gehen und einer Frau zu erzählen, dass man sie beobachtet habe, ist jedoch ganz und gar nicht normal. Sie vollzulabern, obwohl sie deutliches Desinteresse an einer Unterhaltung mit dir ausdrückt ist ebenfalls nicht normal.
Auf die Frage, ob ich lieber einem Mann oder einem Bär im Wald begegnen würde, würde ich immer, immer, IMMER den Bären wählen. Immer. Ich liebe Männer, aber ich hasse es, dass viele von ihnen schlechte Menschen sind. Wollt ihr noch eine Gruselgeschichte? Auf Malaysia machte ich eine Nahtoderfahrung.
Das Titelbild ist nur ein Symbolfoto. Aber der Vibe war genauso. Sogar der Hintergrund schreit „Baler“. Das Foto ist von Amaury Gutierrez auf Unsplash.