Sonntag, letzter Messetag. Schon die ersten Minuten auf der Art Basel 2026 sind die reinste Reizüberflutung und ich liebe alles daran. Kaum betrete ich die Halle 1, hängen dort Kandinsky, Jawlensky, Chagall und Miró. Der Tag ist damit eigentlich schon gewonnen. Das nächste, was mir auffällt: Die Messe wiederholt sich nicht. Wer die Art Basel 2024 besucht hat, sucht vergeblich nach bekannten Mustern. Die diesjährige Ausgabe wirkt völlig anders. Neuer, wilder, intensiver – und damit auch sich selbst treu.


Die Farblichkeit wirkt elektrisierend auf mich. Gelb begegnet mir immer wieder auf eine Weise, die ich noch nicht kenne. Viel Rot und Kornblumenblau fallen mir ins Auge. Leuchtende Farben dominieren die Gänge. Abstrakte Arbeiten sind allgegenwärtig. Großformate ziehen die Blicke auf sich, kleinere Werke behaupten sich durch ihre Wirkung. Fotorealismus bleibt dagegen eher eine Randerscheinung. Vermisst habe ich ihn trotzdem ein wenig. Zugegeben, ich achtete nur darauf, weil ich immer noch von der aktuell laufenden Ausstellung im Frieder Burda so geflasht bin.
Art Basel 2026: Gemälde dominieren den Markt
Auf der Basel Art liegt der Schwerpunkt dieses Jahr klar auf dem Gemälde, so wie wir es noch kennen. KI spielt erstaunlich wenig Rolle, wenn ich mich nicht irre. Hab jetzt, zugegeben, nicht jedes Schild gelesen, aber so wirkte es auf mich. Viele Künstler experimentieren mit Texturen und Hängungen. Neue Materialien stehen neben alten, die neu interpretiert werden. Skulpturen sind ebenfalls stark vertreten. Besonders häufig begegnen Bronze und mutmaßlich Aluminium. Also Metall. Die Gemälde lenken die Aufmerksamkeit jedoch immer wieder auf sich, vor allem durch ihre Farblichkeit und Komplexität. Immer wieder taucht der Frauenakt als Motiv auf. Landschaften hingegen sind erfreulich selten vertreten. Zum Glück. Landschaften machen mich krank (frag nicht haha).
Politische Kunst tritt vergleichsweise zurück. Mein Professor sagt zwar, jede Kunst sei politisch. Man kann allerdings auch behaupten, alles habe mit Sex zu tun. Alles habe mit Geld zu tun. Alles habe mit Gott zu tun. Die Basel Art hat mich persönlich mit solchen Grundsatzdebatten nur wenig konfrontiert. Vielmehr konzentriert sie sich auf die Kunst selbst. Viele Werke besitzen Museumsqualität. Das überrascht allerdings kaum. Es ist schließlich die Art Basel.




Baddies & Daddies: Das hotte Publikum auf der Art Basel
Das Publikum bewegt sich zwischen Luxusmesse und Laufsteg. Viele Daddies und Baddies. Viele schöne Menschen, sexy, wohlhabend, elegant gekleidet. Ich wusste teilweise gar nicht, wo ich hinsehen sollte. Leinen ist überall zu sehen, ebenso kunstvoller Schmuck. Manche Outfits wirken gewagt, andere zeitlos. Russisch hört man an jeder Ecke.
Auffällig oft höre ich denselben Satz: „Das ist schön.“ Ich will das keinesfalls bewerten. Es ist reizend, wenn Menschen ihre Begeisterung offen zeigen. Ein bisschen einfallslos finde ich das aber schon und frage mich: ist das euer einziger Anspruch an Kunst? Oder bin ich gerade zu tief in meinem eigenen Film?
Weirde Scheisse habe ich diesmal vermisst
Die großen WTF-Momente fehlen. Früher war insbesondere die zweite Etage manchmal der „Darkroom“ der Art Basel. Der Ort für das Weirde, Verstörende, Unberechenbare. Diesmal suche ich danach vergeblich. Die Kunst ist experimentell, ideenreich und vielseitig. Doch sie will selten schockieren. Oder ich bin bereits abgestumpft. Zu den wenigen Ausnahmen gehört eine Installation in der Unlimited-Halle mit Bianca Censori in der Hauptrolle. Die Besucher stehen Schlange, um in den entsprechenden Raum zu gelangen. In dem Film begleitet man sie durch eine geheimnisvolle japanische Welt der Erotik.

Eine Nebenhandlung bleibt mir besonders im Gedächtnis: Eine Mutter besucht die Installation gemeinsam mit ihrem vielleicht drei- oder vierjährigen Sohn. Ich persönlich fand das ein bisschen schwierig, das Kind mit dieser Highend-Peepshow zu konfrontieren. Das ist so das Merkwürdigste, was ich an dem Tag beobachte. Andererseits würde ich an ihrer Stelle auch nicht auf Biancas Performance verzichten wollen, weil ich ein Kind habe, wisst ihr?
Eine der schönsten Beobachtungen mache ich gleich daneben. Vor einem winzigen Mäuschen-Kunstwerk steht eine ganze Brigade von Besuchern. Die Mitarbeiterin, die das Werk beaufsichtigt, erzählt von ihren Erfahrungen. Der Künstler wolle die Menschen dazu auffordern, näher heranzutreten. Die meisten Erwachsenen bleiben jedoch auf Distanz. Kinder hingehen gehen intuitiv näher heran oder knien sich vor das Werk. Wenig später sitzen tatsächlich zwei Kinder auf den Knien vor dem Mäuschen und betrachten es neugierig aus nächster Nähe. Das war wirklich süß zu sehen, wie sie diese Kunst erleben.

Die Kunstmesse neigt sich dem Feierabend
Während die Besucher auch am letzten Tag noch voller Energie durch die Hallen ziehen, zeigt sich bei den Galeristen allmählich Erschöpfung. Manche sitzen ohne Schuhe auf dem Boden und blicken ins Leere. Andere stellen wenige Stunden vor Messeschluss bereits die Dom-Pérignon-Flasche bereit. Wieder andere rätseln darüber, wie sie die Kunstwerke von den Wänden bekommen sollen. An Abbau denkt trotzdem noch niemand ernsthaft. Die Besucher jedenfalls nicht. Gehen kommt auch um 18 Uhr für die meisten noch nicht in Frage.







Als ich die Messe verlasse, bleibt vor allem ein Eindruck zurück: herausragende Farblichkeit, grenzenloser Ideenreichtum, ein Spiegel gelebter Gegenwart. Und vielleicht noch etwas anderes: Dass die Kunstwelt nicht immer provozieren muss.
