Graues, seidiges Fell, hellgrüne Augen und große, pelzige Glöckchen – sein Gang war immer halb unbekümmert, halb schwer. Sein Blick sah durch die Menschenseele hindurch. Als kannte er all deine Ängste und Fehler. Wie einer der Männer, die Sterne auf den Knien und Läufe auf den Schultern tätowiert hatten.
Barsik war „der Wichtigste“ im Viertel. Die Straße Divnomorskaja gehörte ihm. Wäre er ein Mensch, hätte er wahrscheinlich niemals gelacht. Und wenn, dann nur düster. Die 90er in Russland machten nicht wenigen das Leben zur Hölle. Doch Barsik war der Fürst dieser. Das Leben zeichnete nicht ihn, er war es, der das Leben auf der Straße zeichnete und die Nachbarschaft in Angst und Schrecken versetzte. Mein Vater war sein Freund und meine Mutter hasste ihn.
Zwischen mir und Barsik herrschten ganz gemischte Gefühle. Ich hatte Angst vor ihm, zumal er damals auch etwa die Hälfte meiner Körpergröße einnahm. Gleichzeitig verstand ich bereits, dass er Hunger litt. Und das war für mich nur schwer zu verkraften. Wenn ich allein zu Hause war, würde ich mich aus dem vergitterten Fenster lehnen. Dann miaute er mit zarter Stimme zu mir hinauf. Wenn es etwas im Kühlschrank gab, was ich ihm hätte anbieten können, verschwand es innerhalb weniger Sekunden in seinem hungrigen Maul. Danach würde er sich auf der Mauer ausstrecken, faul seinen hellgrauen Bauch lecken und mir dankend zublinzeln.
Doch meistens konnte ich ihn nicht erfreuen. Einmal versuchte ich es mit einer Paprika und kassierte gleich einen sarkastischen Blick. Manchmal war sein Hunger so groß, dass er bei uns durchs Fenster einbrach, um sich selbstständig umzusehen. Irgendwann stahl er die frisch gebratenen Frikadellen meiner Mutter. Wenig später sogar ein ganzes Huhn, das sie zum Auftauen aus der Gefriertruhe geholt hatte. Am nächsten Morgen hing nur noch die zerfetzte Verpackung am Fenstergitter. Ein Mahnmal, das Barsik hinterlassen hatte.
Ihm waren gesellschaftliche Normen scheißegal. Schaffte es meine Mutter mal, ihm das Diebesgut aus dem Maul zu reißen, pisste er ihr in der darauffolgenden Nacht in ihre Designerschuhe, ohne dabei weitere Spuren zu hinterlassen, die auf ihn deuten könnten. Der Hass beruhte ganz auf Gegenseitigkeit.
Eines Tages reichte es meiner Mutter endgültig. Er überschritt die heilige Grenze: ihre klassischen, schwarzen Pumps mit der rechteckigen Brosche, die nun auf alle Zeiten seine Pheromone absondern würden. Also packte sie ihn in den Kofferraum ihres cremefarbenen Lada Samara und fuhr ihn raus aus der Stadt. Wir fuhren lange, aus dem Kofferraum ertönte erst ein zartes Miauen, dann, als Barsik verstand, dass es nicht zog, ein lautes, unzufriedenes, forderndes.

Plötzlich ein dumpfes Geräusch. Und dann noch eins und noch eins, bis er schließlich eine der beiden Luken mit seiner sturen Stirn durchbrach und zu mir auf die hintere Bank kroch. Seine Wut galt nicht mir, doch er versetzte alle Insassen des Lada Samara so lange in Unbehagen, bis meine Mutter beschloss, dass wir weit genug gefahren waren, um ihn auszusetzen.
Das Problem war gelöst. Zumindest für zwei Tage. Barsik kehrte zurück und mit ihm seine Schreckensherrschaft. Er positionierte sich auf der Mauer, direkt gegenüber von unserem Fenster, und blickte meiner Mutter drohend in die Augen. Er war die Ruhe selbst, doch die Wut in ihm fing gerade erst an zu gedeihen. Wir mussten 2002 nach Deutschland fliehen, um den unberechenbaren Konsequenzen zu entkommen. Ich sah Barsik nie wieder, doch ich weiß, dass er noch heute irgendwo sein graues Unwesen treibt.
Hier gibt es noch ein Abenteuer, das ich in Mutters Lada erlebt habe.
Titelbild (Symbolfoto) von Marko Ganzaro auf Unsplash