Heute stelle ich euch eine spannende und komplexe Künstlerpersönlichkeit der Gegenwart vor: Leonhard Wachter, 31, derzeit wohnhaft in Halle; aufgewachsen in einer Künstlerfamilie. Dass er selbst einmal Künstler werden würde, war für ihn lange Zeit ungewiss. Was ihn heute antreibt und wie er auf die Welt blickt, erzählt er mir in einem Interview.
avecMadlen: Was fasziniert dich an den Momenten zwischen Realität und Vorstellung?
Leonhard Wachter: Das hat was mit inneren Welten zu tun. Die Realität ist nicht immer schön. Manchmal kann sie auch beängstigend sein. Die Inneren Welten sind der Zufluchtsort des Künstlers – und das Resultat magisch, hoffnungsvoll. Ein reines Abbild strebe ich nicht an. Daher male ich die Leute nicht nach der Natur ab, sondern stehe irgendwann allein zu Hause und halte das fest, was hochkommt. Wir filtern so viel durch unsere Augen, durch die Wahrnehmung.
avecMadlen: Woher kommen die Szenen und Motive für deine Bilder?
Leonhard Wachter: Es ist eine Gesamtheit aus Eindrücken, inspirierenden Momenten, Erinnerungen, Vorstellungen, Träumereien…
avecMadlen: Wie entsteht bei dir ein Bild?
Leonhard Wachter: Zuerst kommt der Impuls, dann das Konzept. Im Prozess kann sich das Konzept verändern. Manchmal sind es die Fehler, oder Unstimmigkeiten, die mich am meisten faszinieren.
avecMadlen: Wann weißt du: Jetzt ist es fertig?
Leonhard Wachter: Das werde ich oft gefragt. Ich spüre das einfach. Manchmal lasse ich die Bilder auch gerne stehen. Kann sein, dass ich etwa nach einem Jahr noch mal drüber gehe. Es ist wie ein Entwicklungsprozess, dem ich erlaube zu sein. Es geht auch darum, keinen Käfig mit seinem Können zu bauen, sondern immerzu nach neuen Lösungen suchen. Technik steht nicht im Vordergrund, sondern vielmehr ein inneres Gefühl.


2: [Platzhalter, weil ich Titel und weitere Angaben verschallert habe.]
Leonhard Wachter lässt uns Interpretationsraum in seiner Kunst
avecMadlen: Was willst du beim Betrachter auslösen?
Leonhard Wachter: Der Betrachter sieht nie das, was der Künstler sieht. Und das ist etwas Wunderschönes. Das sind neue Impulse. Neue Inhalte, Figuren, Szenarien – das ist immer sehr individuell. So will ich das auch. Auf der Gefühlsebene geht das aber immer in eine gewisse Richtung, die allgemein gleich empfunden wird.
avecMadlen: Was macht ein Bild für dich so besonders, dass du es selbst behalten möchtest?
Leonhard Wachter: Manchmal steckt so viel eigene Geschichte drin, so viel ich, dass ich mich nicht von davon lösen will. Zum Glück sind das aber nicht so viele.

avecMadlen: Welchen Moment beim Malen liebst du am meisten?
Leonhard Wachter: Wenn sich die Idee herauskristallisiert und im Bild spürbar wird. Beim Planen des Bildes kommt das oft nicht raus, denn der Plan ist wandelbar.
avecMadlen: Gibt es etwas, das du immer wieder malst, obwohl du es gar nicht planst?
Leonhard Wachter: Stadtmotive faszinieren mich in letzter Zeit. Menschen, die in diesen Städten unterwegs sind. Ich sehe sie mir an und denke über ihre Schicksale nach. Sehe dabei zu, wie jeder seinen eigenen Weg geht.
Vom ersten Impuls zum Betrachter
avecMadlen: Was sollen deine Bilder beim ersten Blick mit einem Menschen machen?
Leonhard Wachter: im besten Fall lassen sie den Betrachter nicht mehr los und ziehen ihn in ihren Bann. Die Szenarien sollen inspirieren.
avecMadlen: Wann wird ein Moment für dich interessant, sodass du ihn festhalten willst?
Leonhard Wachter: Wenn ich mich in der Welt wiedererkennen kann, oder Situationen passieren, die in einem Bild zur Metapher werden.
avecMadlen: Welche Rolle spielt Intuition in deiner Kunst?
Leonhard Wachter: Ich lasse mich schon oft leiten, ohne alles bewusst steuern zu müssen. Ich finde scheitern im Prozess und das damit verbundene neue Orientieren wichtiger, als perfektes Durchexerzieren1.
avecMadlen: Wie sieht deine innere Welt aus?
Leonhard Wachter: Das zeigen meine Bilder 😉
avecMadlen: Wo fühlst du dich besonders frei?
Leonhard Wachter: Ich weiß nicht, wann man wirklich frei ist. Losgelöst bin ich in jedem Schaffensprozess. Ist ja auch was meditatives.
In jedem Bild steckt ein Stück seiner Seele
avecMadlen: Was möchtest du aus deiner inneren Welt bewahren?
Leonhard Wachter: Die kann man sich als Labyrinth vorstellen. Ich kenn mich da sehr gut aus, aber es gibt dort Bereiche, die so persönlich sind, dass ich sie nicht nach außen tragen will.

avecMadlen: Gibt es eine Seite an dir, die nur in deinen Bildern sichtbar wird?
Leonhard Wachter: Ich glaube das Melancholische. Eigentlich bin ich kein allzu ernster Mensch im Außen und meist gut drauf.
avecMadlen: Wie viel Kontrolle braucht ein Bild?
Leonhard Wachter: Nur soviel, dass es am Ende an ein Ziel gebracht werden kann.
avecMadlen: Wann darf ein Bild seinen eigenen Weg gehen?
Leonhard Wachter: Wenn es das fordert, lasse ich das im Prozess zu.
avecMadlen: Was darf in einem Bild unfertig bleiben?
Leonhard Wachter: Bei mir bewusst sehr viel. Oft sind im Leben Prozesse ja auch nicht zu 100 Prozent abgeschlossen und die Dinge bleiben in der Schwebe. Kein einschätzender Blick ist endgültig richtig. Das versuche ich zu transportieren.
avecMadlen: Was würdest du unter keinen Umständen malen?
Leonhard Wachter: Abseits meiner Aufträge male ich nichts, zu dem ich keine Verbindung herstellen kann.
avecMadlen: Was hast du dir selbst noch nicht erlaubt?
Leonhard Wachter: Lockenwickler. Nein, ich halte manchmal überpersönliche Themen zurück, weil ich denke, dass ich das der Welt nicht zeigen muss.
avecMadlen: Was verrät ein Bild über den Künstler?
Leonhard Wachter: Worauf er in der Welt achtet.
Wachters Bilder werden noch bis zum 7. November 2026 in der Galerie Supper in Baden-Baden ausgestellt.
Auf Instagram könnt ihr ein bisschen mehr von ihm sehen.
- Kannte das Wort jetzt nicht, vielleicht geht es euch da nicht anders. „Durchexerzieren“ bezeichnet das konsequente und vollständige Durchführen eines zuvor festgelegten Plans oder einer Vorgehensweise bis ins Detail. Kein Wunder, dass mir das ein Fremdwort ist. Lol. ↩︎