Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden zeigt bis zum 10. Januar 2027 eine monografische Ausstellung des Künstlers Simon Hantaï (1922–2008). Für mich war das eine gute Gelegenheit, einen Künstler kennenzulernen, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Das passiert mir tatsächlich immer mal wieder im Frieder Burda, wofür ich sehr dankbar bin. Der Kurator hat ganz kraftvolle Visionen und hält damit die Messlatte des Prestiges in der gesamten Stadt hoch. Das durchaus Anerkennung verdient. Aber wenden wir uns dem Künstler und seiner Vita zu.
Hantaï soll, laut Ausstellern, zu den bedeutendsten Vertretern der internationalen Nachkriegsabstraktion und der französischen Avantgarde zählen.



2: Tabula, 1989 (Fragment)
3: Simon Hantaï in seinem Atelier in Meun, 1976 © Archives Simon Hantaï/ VG Bild-Kunst, Bonn 2026 Foto: Édouard Boubat / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Simon Hantaï: Wer war dieser Mann?
1948: Der in Ungarn geborene Künstler emigriert nach Paris, wo er sich zunächst im Umfeld der surrealistischen Avantgarde bewegt.
Mitte der 1950er-Jahre wird Hantaïs Malerei spürbar bewegter und freier. Fasziniert von der Energie des US-amerikanischen Action Painting – allen voran Jackson Pollock – sowie dem europäischen Informel löst er sich von festen Strukturen. Es entsteht eine Werkphase voller Schwung, in der die Pinselstriche oft wie Kaligraphien auftreten. Auch im Frieder Burda sind sie zu sehen, im Erdgeschoss genaugenommen. Sie erinnerten mich stark an Graffiti-Schriftzüge.

Die Entwicklung seiner ganz eigenen Technik
1960 ist eine Zeit des entscheidenden Wendepunkts in Hantaïs Laufbahn. Von diesem Moment an konzentriert er seine radikal experimentellen Forschungen auf die sogenannte Pliage (dt. „Faltung“, pliage comme méthode): Er bedeckt die gefaltete, geknitterte oder zusammengeknotete Leinwand – Ja, Leinwand, nicht etwa Leintuch. Es geht konkret um rohe, ungrundierte und unaufgespannte Leinwandstoffe. – mit Öl- oder Acrylfarbe, um durch das anschließende Entfalten und Glätten des Stoffes bunt leuchtende Zufallsmuster zu erzeugen.
Als ich dort war, wusste ich noch nichts davon. Deshalb stand ich eine Zeit lang vor seinen Werken und rätselte, wie der Künstler den Effekt hervorgerufen hat. Ich hatte großen Spaß dabei, darüber zu fantasieren. Meine Vermutung war allerdings, dass er diese bunten Abdrücke mit zerknülltem Papier gemacht haben könnte. Natürlich zweifelte ich an meiner Theorie, denn sie ging nicht ganz auf. Aber jetzt macht das alles einen Sinn. Auch der Name der Ausstellung „Entfaltung der Farbe“, verstehste? Wegen entfalten.
1980: Hantaï wird mit dem prestigereichen Grand Prix National des Arts Plastiques ausgezeichnet.
1982: Als Repräsentant seiner Wahlheimat vertritt er Frankreich auf der Biennale in Venedig, wo er den französischen Pavillon mit 18 Variationen aus seiner späten Bildreihe der sogenannten Tabulas bespielt.

Simon Hantaï: Das passiert nach seinem Tod
2013 & 2022 (Posthum): Nach seinem Tod im Jahr 2008 wird Hantaïs bildgewaltiges Werk mit mehreren umfangreichen Retrospektiven gewürdigt – darunter zwei wegweisende Ausstellungen in Paris, die 2013 vom Centre Pompidou und 2022 von der Fondation Louis Vuitton ausgerichtet werden.
Heute: Die Werkschau „Entfaltung der Farbe“ in Baden-Baden ist die erste große Ausstellung, die dem Künstler seit mehr als 25 Jahren an einem Museum in Deutschland zuteilwird. Anhand von über 40 teils monumentalen Schlüsselwerken aus vier von grenzenloser Experimentierfreude geprägten Schaffensjahrzehnten treten Hantaïs nach Werkgruppen angeordnete Gemälde in eine spannungsreiche Symbiose mit der modernistischen Architektur Richard Meiers – und verwandeln den ikonischen Tageslichtbau für die Dauer der Ausstellung in ein immersives, farbgewaltiges Gesamtkunstwerk sowie ein sinnlich bewegendes Fest der Farbe.
Fazit: Ist die Ausstellung sehenswert oder nicht?
Also, was soll ich sagen? Es ist sehenswert, meinen Geschmack traf das Ganze allerdings nicht unbedingt, was aber auch nichts zu heißen hat. Mein Lieblingsbild von Simon Hantaï ist das Folgende. Ich fand es ästhetisch nicht ansprechend, aber diese Energy darin war absolut präsent und ich fand das doch durchaus elektrisierend.

Für mich hat sich das gelohnt, denn ich habe eine neue Technik und einen neuen Künstler kennengelernt. Nicht jede Frieder-Burda-Ausstellung kann so überwältigend sein wie der „Wettstreit mit der Wirklichkeit„.
Quellen: Ich vor Ort und Pressemappe des Museums Frieder Burda. Hier geht’s zu den Eintrittskarten.