Da stand ich nun. Mitten auf der Straße. Mein Fahrer war längst über alle Berge, und die Berge, die ich sehen wollte waren nicht ansatzweise in Sicht. Was also tun? Ich folgte der Adresse zum Elefantenberg, die ich bisweilen herausrecherchiert hatte und begab mich auf einen schmalen Pfad, der mich zum ersehnten Ziel führen sollte.
Es war eine unvergessliche Naturszene. Ich wanderte quer über ein gigantisches Feld, sah eine weiße Entenfamilie dort grasen, sah, wie die trockene Erde in tiefe Risse zerteilt war. Sah das grünste Gras, das ich wahrscheinlich je gesehen hatte und kam am anderen Ufer des Flusses an, an dem ich zuvor schon stand.

Da war er nun: der Elefantenberg
Dann kapierte ich endlich, wo der Elefantenberg war. Er türmte sich direkt vor mir auf. Seine Schönheit machte mich ganz benommen. Ich ging über den Feldweg, der von kleinen Blümchen und hohen Halmen gesäumt war, direkt auf ihn zu. Die Sonne leuchtete schon neon-rot am Horizont. Kam ich näher, so verschwand sie hinter dem Berg. Machte ich ein paar Schritte zurück, so tauchte die Feuerkugel über mir wieder auf. Ich beschloss weiterzugehen. Von Weitem sah ich bereits, dass ich diesen Berg heute wohl eher nicht besteigen würde, da meine Lebensmüdigkeit sich in Grenzen hält, aber ich wollte wenigstens noch etwas näher ran.




Wenig später blieb ich stehen. Irgend etwas in mir wollte nicht weitergehen. Ein paar hundert Meter von mir entfernt sah ich eine mutmaßliche Fabrik. Sie grenzte mehr oder minder an meinem Elefantenberg und ich müsste das Fabrikgelände betreten, um zum eigentlichen Ziel zu gelangen. Das jedoch fühlte sich für mich zu verrückt an, zumal auf dem Fabrikgelände Objekte herumlagen, die ich von Weitem als riesige Gaskartuschen identifiziert hatte. Und vor Fabriken, Kraftwerken und vielen weiteren zeitgenössischen Industriebauten fürchte ich mich auf eine ganz merkwürdige Art und Weise, wie ihr bereits wisst, da ihr meine persönlichen Quellen der Inspiration gelesen habt.
Auch der Rückweg war ereignisreich
Ich ging zurück, setzte mich auf eine aus der Erde ragende Wurzel und sah der Sonne bei ihrem Untergang zu. Hinter mir fuhr ein leises Frachtschiff vor sich hin – der Abend war perfekt. Dann, als die Dämmerung sich bereits andeutete, begab ich mich auf den Rückweg. Wahrscheinlich nahm ich die Straße, über die ich bereits zuvor mit dem Fahrer fuhr, so genau weiß ich es aber nicht. Am Straßenrand verkaufte eine Frau Gurken aus Eigenanbau und zeigte darauf, als ich an ihr vorüberging. Ich kaufte. Sie waren köstlich. Sie waren so gut, ich war empört darüber, nicht mehr gekauft zu haben.






Dann ging ich wieder eine dicht befahrene Straße entlang. In einem meiner anderen Artikel hab ich euch bereits davon erzählt, dass Vietnam – zumindest die Teile Hanois und Haiphongs die ich kennengelernt habe – nicht wirklich auf Fußgänger zugeschnitten sind. Man bewegt sich dort auf Rollern, Mopeds und Motorrädern fort. Für die gegebenen Verhältnisse sind das die wahrscheinlich sichersten Fahrzeuge. Zumindest, wenn man mit ihnen aufgewachsen ist und sich wie die Einheimischen in einer unübersichtlichen Verkehrssituation orientieren muss.
Gefährliche Gegend: Ich fahre mit einer Unbekannten
Lange ging ich nicht. Vorbei am riesigen Gelände meiner mutmaßlichen Fabrik, vorbei an Wohnhäusern am Straßenrand entlang. Auf der anderen Straßenseite hielt ein Mädchen. Sie schaute zu mir und deutete auf den Rücksitz ihres Rollers. Ich lehnte dankend, mit Hand am Herz und kleiner Kopfverbeugung ab. Sie fuhr davon. Wenig später fuhr sie mir schon von der anderen Straßenseite entgegen und hielt an. Sie zeigte mir ihr Handy auf dem mithilfe von einer Übersetzer-App geschrieben stand: „Komm mit mir. Du bist in Gefahr. Diese Gegend ist nicht sicher.“ Was aber genau gefährlich war, verstand ich nicht. Der zügellose Verkehr? Die Kriminalitätsrate dieser Gegend? Die Dämmerung? Ich werde es wohl nie erfahren. Wir fuhren los. Ich ohne Helm, sie mit einer Hand am Handy – es war ne schöne Fahrt.
Die nächtliche Wärme umarmte meine unbedeckte Haut an den Beinen, der warme Wind blies, zusammen mit den Abgasen anderer Mopeds und Busse, sanft in mein Gesicht. Wilder Verkehr, leuchtende Reklamen – wusch, wusch, wusch – eine nach der anderen. Das Mädchen sprach in ihr Handy und zeigte es mir erneut. Sie fragte, wo ich hin will. „Eat“, sagte ich, sie nickte. Sie schlug mir sogar vor, mich bis in mein Hotel zu fahren, aber ich überredete sie, es nicht zu tun. Es wäre viel zu weit gewesen und ich wollte vorher noch etwas Schönes in diesem neu entdeckten Stadtteil Haiphongs futtern.
Abenteuer endet: ich suche mir etwas zu Essen
Einige Zeit später setzte mich an einem belebten Kreisel ab und ich drückte ihr 200K in die Hand. Mit großen Augen sah sie mich an: „No.“ Und ich: „Yes“. Dann faltete ich meine Hände vor der Brust und legte anschließend beide Hände aufs Herz. „Cảm ơn“ (danke), sagte ich, worauf sie mit einem akzeptierenden Lächeln ihren Kopf schüttelte und winkend wieder davonfuhr.
„Was stelle ich jetzt an?“, war der erste Gedanke, der mir in meiner neu gewonnenen Einsamkeit kam. Viel war es dann aber doch nicht. Ich ging Suppe essen, dann vietnamesischen Eistee trinken und dann ließ ich mir ein Taxi zurück ins Hotel bestellen. Als ich hinten drin saß, reichten meine Mundwinkel mir fast bis zu den Ohren. Wieder zog die Leuchtreklame mit einem wusch-wusch-wusch an mir vorbei, wieder fuhren die anderen Verkehrsteilnehmer viel zu dicht an das Taxi heran. Hupen, Brummen, Menschen am Straßenrand, die rituell Papier und Falschgeld verbrennen und dabei meditativ in die Flammen und den an ihnen vorbeiziehenden Verkehr hineinblicken. Ich liebe dich, Vietnam!
