Kategorien
Kunst & Architektur

Das Gösser Ornat: Kommunikation mit der Außenwelt

Geistliche Frauen versuchten im Mittelalter mit der Außenwelt zu kommunizieren. Sie taten dies mithilfe von Kunst, da sie in der Klosterkirche nicht anwesend sein durften. Diese Kommunikation war hauptsächlich an Verwandte und an Laien gerichtet, die sich in der Klosterkirche als Pfarrgemeinde versammelten. Die künstlerischen Botschaften sollen den Frauen dazu verholfen haben, in der äußeren Kirche Präsenz zu erlangen, von der sie räumlich getrennt waren.

Das Gösser Ornat ist nicht nur ein liturgisches Gewand, sondern auch ein „Kommunikationsmittel“ der geistlichen Frauen. Es besteht aus Seidenstickereien auf Leinen und zeigt die Marienvita, also das Leben der Jungfrau Maria. Die „Urheberin“ des Bildprogramms, das wir auf dem Gösser Ornat sehen, ist ebenfalls mehrfach dargestellt. Dies ist in der Paramentenkunst des 13. Jahrhunderts absolut einmalig ist.

Das Antependium des Gösser Ornats: Hier ist seine "Urheberin", Äbtissin Kunegunde II, im Gebetsgestus zu sehen. Die Bedeutung der Tiere, die sie umgeben, bleibt bis heute umstritten. Copyright: Museum für Angewandte Kunst Wien
Das Antependium des Gösser Ornats (Ein Bildausschnitt von links unten): Hier sehen wir seine „Urheberin“, Äbtissin Kunegunde II, im Gebetsgestus. Die Bedeutung der Tiere, die sie umgeben, bleibt bis heute umstritten. Copyright: Museum für Angewandte Kunst Wien

Was ist ein Ornat?

Das (oder der) Ornat ist die festliche Amtstracht eines Geistlichen, Herrschers oder hohen Beamten, die bei feierlichen, weihevollen und repräsentativen Anlässen getragen wird, wie z. B. bei der Krönung das Krönungsornat. Die Bezeichnung Ornat wird auch als Zusammenfassung der für den Gottesdienst verwendeten Paramente benutzt.

Grafik: Hier sind verschiedene Ornate mit ihren Attributen dargestellt. Zu sehen sind Adel und Klerus in üppig geschmückten Gewändern. Unterhalb der fünf prachtvoll gekleideten Personen sind weitere sechs Personen mit Kronen zu sehen.
Hier sind verschiedene Ornate mit ihren Attributen dargestellt.

Paramente sind die im Kirchenraum und in der Liturgie verwendete Textilien, die oftmals künstlerisch aufwendig gestaltet sind. In der katholischen Kirche versteht man unter einem Ornat die für ein Hochamt gebräuchlichen Paramente gleicher Farbe und gleichen Musters mit unterschiedlichem Zubehör.

Das Gösser Ornat beinhaltet mehrere kirchliche Gewänder, die eine liturgische Einheit bilden. Das Ornat wurde im ausgehenden Hochmittelalter im Stift Göß in der Steiermark in Österreich hergestellt.

Rihanna bei der Met Gala 2018: Hier trägt der Megastar ein Gewand, das stark an ein Ornat erinnert.
2018 trägt auch Rihanna bei der Met Gala etwas, das stark an ein Ornat erinnert. Das Thema der damaligen Gala: „Fashion and the Catholic Imagination“. Copyright: IMAGO

Aus welchen Teilen besteht das Gösser Ornat?

Das Gösser Ornat besteht aus den Teilen Antependium, Pluviale, Kasel, Dalmatika und Tunika. Alle Teile haben diverse Funktionen, da sie auch zu unterschiedlichen Anlässen getragen werden konnten.

Hier ist die Tunika des Gösser Ornats zu sehen. Die bestickte Seide aus dem 13. Jahrhundert ist hierbei sichtlich seht gut erhalten. Copyright: Museum für Angewandte Kunst Wien
Das ist die Tunika des Gösser Ornats. Man beachte den wunderbaren Zustand der bestickten Seide aus dem 13. Jahrhundert. Copyright: Museum für Angewandte Kunst Wien

Franz Bock erwähnt darüber hinaus zwei Stolen, die dem Gösser Ornat angehören sollen. Seine Theorie wird später von Gudrun Sporbeck widerlegt. Der Verbleib der bei Bock erwähnten Stolen bleibt somit bis heute ungeklärt. Weitere Kleinteile des Ornats befinden sich im Victoria & Albert Museum in London.

Diese Funktionen hatte das Ornat

Das textile Bildmedium des Gösser Ornats kommunizierte den Laien die Botschaften der Schenkung, der Heiligen Drei Könige, der Fundatorin Adala sowie die der jungfräulichen Bräute des Frauenkonvents. Betrachtet man die Abbildungen, so lässt sich entnehmen, dass die Äbtissin Kunegunde II den Armen, die während des Festes gespeist wurden, wie eine Maria lactans entgegentrat, also diejenige, die die Bedürftigen nährte. Heilgeschichtlich wird das Bildprogramm auf Christus bezogen. Aber auch die einzelnen Themenbereiche stehen in enger Verbindung zueinander. 

Die Gösser Stiftskirche war Maria geweiht. Daher scheint die Ikonographie des Ornats in erster Linie auf die Verehrung der Patronin ausgerichtet zu sein. Der Nutzungskontext der Paramente offenbart einen weiteren Marienbezug. Das Gösser Ornat war für die Gedächtnisfeier anlässlich des Todestages der pfalzgräflichen Stiftsgründerin Adala bestimmt.

Ist dieses Datum ein mysteriöser Zufall?

Der Todestag der Stiftsgründerin fällt auf den 7. September, den Tag vor der Geburt Mariens. Zu deren Gedenken wurde ein Gottesdienst gefeiert. Nur an diesem einzigen Tag im Jahr wurde das Gösser Ornat angelegt. Dadurch lässt sich seine relativ gute Erhaltung erklären.

Das liturgische Zentrum des Gedächtnisgottesdienstes war der Katharinenaltar, der mit einem bestimmten Teil des Gösser Ornats geschmückt wurde, nämlich dem Antependium. Für die Gösser Bevölkerung war dieser Gedächtnisgottesdienst ein bedeutsames Fest. Um es zu ehren, waren sie im pfarrkirchlich genutzten Teil der Stiftskirche zugegen.

Sie fertigten das Gösser Ornat – aber nicht für sich selbst

Bei den Festivitäten waren Äbtissin und die Kanonissen nicht wirklich anwesend. Kunegunde II fertigte folglich gemeinsam mit ihren Stiftsdamen die Paramente an, die sie selbst nie angelegt haben. Die Eucharistie fand an einem Altar statt, an dem die Frauen selbst nicht als sichtbar Agierende teilnehmen konnten. Sie waren räumlich davon abgesondert.

Zu sehen ist das Pluviale des Gösser Ornats. Im oberen Teil kann man gut erkennen, wie es vor geraumer Zeit geändert und wieder falsch zusammengenäht wurde. Die abgebildeten Teile passen gar nicht auf das restliche Muster und gehören eigentlich auf die Kasel, die im Titelbild dieses Beitrages hinterlegt ist. Copyright: Museum für Angewandte Kunst Wien
Zu guter Letzt: Das ist das wunderbare Pluviale. Im oberen Teil kann man gut sehen, wie es vor geraumer Zeit geändert und wieder falsch zusammengenäht wurde. Die abgebildeten Teile passen gar nicht auf das restliche Muster und gehören eigentlich auf die Kasel (siehe Titelbild). Copyright: Museum für Angewandte Kunst Wien

Die räumliche Absonderung wurde durch die Paramente des Gösser Ornats gemildert. Die Inschriften und Porträts von Kunegunde II und ihren Stiftsdamen erlangten in der Gedächtnisfeier und am Altar Präsenz. Die Donatrixporträts und Inschriften befinden sich jeweils auf der Rückseite der Gewänder, also auf der Schauseite der Stiftsdamen. So sollen sie sich an der Feier beteiligt gefühlt haben.


Folgende Quellen habe ich für diesen Beitrag verwendet:

Darüber hinaus trat ich mit dem Museum für Angewandte Kunst Wien in Kontakt und befragte die Mitarbeitenden zum Gösser Ornat. Freundlicherweise gaben sie mir auf alle meine Fragen Antworten. Sie gaben mir sogar Quellen, auf die ich selbst nie gekommen wäre. Einfach fabelhaft!

Kategorien
Kunst & Architektur Reisen

Kloster Eberbach: Die Geschichte des Kunstdenkmals

Das Kloster Eberbach ist eine ehemalige Zisterzienserabtei in Eltville am Rhein im hessischen Rheingau. Diese Klosteranlage gilt als eines der bedeutendsten Kunstdenkmäler Europas. Kein Wunder. Denn das, was ich an diesem fantastischen Bauwerk so beeindruckend finde, ist die Sorgfalt, mit der es all die Jahre gepflegt und restauriert wurde. Ich bin mir ganz sicher, so etwas findet man nur in Deutschland. Wenn man bedenkt, wie alt diese Gemäuer sind und für wie wenig Menschen sie ursprünglich errichtet wurden, verschlägt es einem die Sprache, wenn man sich ihrer Monumentalität bewusst wird. Berühmt ist das Kloster Eberbach seine atemberaubenden romanische und frühgotische Architektur sowie auch seinen Weinbau. Das Kloster Eberbach liegt mitten im Naturpark Rhein-Taunus.

Kloster Eberbach - Klosteranlage in Eltville am Rhein, Hessen
Kloster Eberbach: Das ist die Gesamtansicht, wenn man vom Hügel auf das fantastische Bauwerk herabblickt.

Kloster Eberbach – die Gründung

Die Gründung des Klosters geht auf Bernhard von Clairvaux zurück. Am 13. Februar 1136 gründeten Abt Ruthard und zwölf Mönche aus Clairvaux das Kloster Eberbach. Unter dem Patrozinium der Maria Immaculata und Johannes der Täufer begann die Geschichte dieser bedeutenden Abtei.

Bereits 1142 gründete Eberbach sein erstes Tochterkloster Schönau im Odenwald, gefolgt von Otterberg in der Pfalz (1144/1145) und Hocht bei Lüttich (1155). Eine erste Krise durchlebte das Kloster während der Kirchenspaltung um 1160 bis 1170, als es Papst Alexander III. gegen die Päpste des Kaisers Friedrich Barbarossa unterstützte. Mönche flohen nach Frankreich und kehrten später in ihr aufstrebendes Kloster zurück.

Tochterkloster wird gegründet

1174 folgte die Gründung des Tochterklosters Arnsburg in der Wetterau. Obwohl ein geplantes Tochterkloster im Königreich Sizilien im frühen 13. Jahrhundert nicht gegründet werden konnte, übersiedelten einige Eberbacher Mönche 1217 zum Kloster Sambucina.

Von 1232 bis 1234 besetzte Erzbischof Siegfried III. von Eppstein das Kloster Lorsch mit Mönchen aus Eberbach, um es nach den Regeln der Zisterzienser zu reformieren – jedoch ohne den gewünschten Erfolg. Eine geplante Klostergründung im Hanauer Wald um 1234 scheiterte an den Grafen von Hanau.

Die Klosteranlage ist mit Sicherheit eines der schönsten und bedeutsamsten Orte in ganz Hessen.

Kloster Eberbach: So viele Mönche lebten hier zur Blütezeit

Eberbach folgte strengen Benediktregeln, wodurch das Klosterleben für Adlige unattraktiv war. Die Mönche stammten daher aus nichtadligen Schichten. Der Konvent bestand zur Blütezeit aus etwa 300 Personen: 100 Mönchen und rund 200 Laienbrüdern (Konversen).

Die Konversen waren überwiegend Bauern und nahmen nur eingeschränkt am spirituellen Leben teil. Bücherlesen war ihnen verboten und sie hatten kein Wahlrecht bei der Abtwahl. Trotz dieser Einschränkungen bot die Stellung eines Konversen bessere Lebensbedingungen als ein Leben als einfacher Bauer oder Lohnarbeiter.

Das Kloster Eberbach ist ein beeindruckendes Zeugnis zisterziensischer Baukunst und religiöser Geschichte – ein unverzichtbares Kulturdenkmal, das nur etwa 40 Minuten Fahrt von Frankfurt liegt. Ich liebe diesen Ort wie wahnsinnig und würde am liebsten jeden Tag hier verbringen.

Die mobile Version verlassen