Mitten auf der Straße steht ein Hund: abgemagert, hängende Ohren und kahle Flecken im rostroten Fell. Die Silhouette lässt Züge einer asiatischen Rasse erahnen, doch sein Körper ist tief in sich zusammengesunken. Der Bauch ist eingefallen, jede Rippe zeichnet sich scharf ab. Die Augen sind zu schmalen Spalten verengt. Jeder Schritt ist ein mühsames Schleifen, ein Humpeln. Er blickt abwesend ins Leere, wie entrückt. Schon das Hinsehen bereitet mir fast körperlichen Schmerz.
Hinter ihm rollt im Schritttempo meine Mitfahrgelegenheit heran. Der Wagen stoppt, die Hupe gellt durch die Morgenluft. Der Hund reagiert nicht. Er verharrt im Halbschlaf, ignoriert das Fahrzeug. Schließlich springt ein junger Mann aus der Tür. Ich beobachte die Szene voller Erwartung, vermute, er würde das geschwächte Tier behutsam beiseite tragen oder weglenken.
Er kommt näher, ich beobachte. Mit voller Wucht trifft sein Fußtritt die Flanke des Tieres. Ein dumpfes Geräusch, dicht gefolgt von einem Schrei. Mir wird klar: er kam aus mir. Der Hund weicht bloß ein paar Schritte zur Seite. Keine Gegenwehr, kein Jaulen. Ich sehe mich ungläubig um und versuche etwas durch den Tränenfilm zu erkennen. Doch außer mir reagiert niemand – nicht einmal der Hund. Ich starre in das wütende Gesicht des jungen Mannes. Ich muss handeln, aber wie? Wie versteinert bin ich. Die Sprachbarriere lähmt mich vollends. Ich nehme stumm Platz in dem Wagen – und hasse mich im selben Augenblick dafür.
Der junge Mann steigt auch wieder ein, beiläufig, als wäre nichts geschehen. Als wäre ich die Einzige, die seine Grausamkeit bezeugt hat. Wir rollen der nächsten Stadt entgegen. Ich werde die ganze kurze Fahrt neben ihm sitzen, ihn von der Seite fixieren und versuchen zu begreifen, was für mich unbegreiflich ist. In mir tobt ein Sturm aus Angst, Wut, Ekel und Unverständnis. Mein Herz blutet wegen des Hundes, doch ich kann mich niemandem mitteilen. Ich starre nur auf dieses wütende Profil des jungen Mannes und die eine Frage bohrt sich unaufhörlich in mein Bewusstsein: Warum?
***
Ich gehe an der dicht befahrenen Straße entlang. Es ist die Zeit der dunkelblauen Dämmerung, noch nicht ganz Nacht. Irgendwo schimmert schwach eine Laterne. Auf der anderen Straßenseite erkenne ich die Umrisse eines großen, wütenden Straßenhundes. In den Tiefen seiner Ahnenreihe war sicher mal ein Deutscher Schäferhund. Das Fell ist zerzaust, die Statur aber kraftvoll. Er ist einer, der die Straße kennt und überlebt, wenn er muss.
Er steht allein, so wie ich auch, und bellt gegen die vorbeirauschenden Autos an. Laut, mächtig, aber längst heiser. Längst verzweifelt. Die Fahrzeuge nehmen ihn nicht wahr. Er verfolgt das Licht der Scheinwerfer, verharrt an einem Punkt und bellt sich seine ganze Wut aus dem Leib, als würde das etwas bringen.
Stockt die Kolonne für einen Augenblick, verstummt auch er. Dann wird es für Sekunden still. Bis die nächsten Wagen heranrollen – und alles von vorn beginnt.
Ich spüre seine Verzweiflung. Anmaßend zu glauben, dass ich ihn verstehe, nur weil ich mich selbst in ihm sehe. Denn auch mein Leben fühlte sich in letzter Zeit immer häufiger nach einem Kampf an, den ich nicht gewinnen kann.
Der Hund bellt weiter. Mich bemerkt er gar nicht. Und ich gehe in die Dunkelheit und drehe mich noch einmal um.
***
Durch das Tor schleicht eine Hündin. Ihre Zitzen hängen tief, als hätte sie bereits ganze Rudel durchgefüttert. Zielstrebig steuert sie auf den aufgeweichten Pappkarton zu, in dem mein Müll schon seit Tagen vor sich hin gammelt, ohne abgeholt zu werden. Ihr Fell ist schwarz gefleckt, durchsetzt von kahlen, wunden Stellen, an denen das rohe Fleisch im Sonnenlicht rosa aufblitzt. Und doch sind ihre Augen klar. Sie ist scheu, vom Leben gezeichnet, und d och sehe ich den Funken Leben in ihr.
Sie wird fündig: Gemüsereste, kalte Nudeln – die Abfälle der letzten Tage in dieser offenen Küche. Tofu, lange Bohnen, Eierschalen. Sie frisst fast widerwillig, als würde eine tief sitzende Scham auf ihr lasten. Immer wieder sichert sie in meine Richtung, vorsichtig, abwägend. Wenn ich mich auch nur ganz leicht bewege, fährt ein Schreck durch ihren Körper: Sie zieht die Rute tief zwischen die Läufe, krampft sich zusammen und presst ihren dünnen Leib flach an den Boden, als wolle sie unsichtbar werden. Sie hat Angst vor mir und irgendwie beruht das auf Gegenseitigkeit. Doch mein Mitleid ist größer. Und ihr Hunger ist es auch.
Ich beobachte, wie sie mit ihrer Schnauze meinen Unrat durchsucht, das Gemüse frisst, das ich nicht haben wollte. Eine Demütigung, die die Welt ihr abverlangt. Ich stehe auf, sie zuckt zusammen. Dann koche ihr ein Ei. Es ist das Einzige, was ich da habe.
Drei Stories aus drei verschiedenen Ländern. Meine Treuen werden eine Kulisse womöglich identifizieren können.
Titelbild (Symbolfoto) von Tarikul Raana auf Unsplash