Das Licht in der Neuen Fledermaus ist gedimmt. Jana Ebert sitzt vor ihrem Publikum und liest. Ihre Stimme trägt den Raum, mal leise und beinahe zart, mal voller Emotion und Mysterium. In vielen ihrer Gedichte geht es um Liebe – um Gefühle, Nähe und die leisen Dinge, die zwischen Menschen entstehen. Das Auditorium hört aufmerksam zu. Manche Texte scheinen sie unmittelbar zu treffen, andere wiederum brauchen Zeit, um nachzuwirken. In einem Interview mit avecMadlen öffnet Jana einen Spalt in die Innenwelten einer unverwechselbaren Dichterin.
Sie spinnt milchblonde Zeilen
Umspielt von jungem Jasmin
Und bei ihr zu verweilen
So gebannt auf den Knien
Ganz versunken zu lauschen
Wie Verse entstehen
Wer würde je tauschen
Und unberührt gehen?Jana Ebert
avecMadlen: Wie viel hält eine Bühne aus, wenn man dort seine intimsten Gedanken teilt?
Jana Ebert: Darüber denke ich oft nach. Bei einem Auftritt vor ein paar Monaten vor Studierenden wählte ich mutig einen eher heftigen politischen Text. Es war für mich ein befreiendes Erlebnis, andererseits bin ich mir ziemlich sicher, das Publikum überfordert zu haben. Bei der Lesung in der Neuen Fledermaus habe ich kurz gezögert, den sehr persönlichen Text mit den Leuten zu teilen, der eng mit meiner Trauer über eine verlorene Beziehung verknüpft ist. Mit meiner Offenheit will ich ja berühren und Menschen dazu anregen, sich ehrlich mit ihren Gefühlen zu beschäftigen. Aber was, wenn jemand das gar nicht möchte oder davon unangenehm überrascht wird, was der Text auslöst?
Es ist für beide Seiten ein stark vulnerabler, sensibler Raum. Zugleich erleben wir ihn gemeinsam, und der Austausch danach ist für mich bisher immer positiv gewesen.
avecMadlen: Liebe ist das abgegriffenste Thema der Welt: Wie trifft man Menschen damit mitten ins Herz, ohne in Kitsch abzurutschen?
Jana Ebert: Ab und an kommt das vor, und dann ziehe ich mich da schnell wieder raus, wenn es zu kitschig oder generisch wird. Ich habe ein paar Texte, die ich deswegen nicht mehr lese. Meine persönliche Erfahrung beim Schreiben ist, dass ein Text nur dann besonders wird, wenn man ehrlich in sich geht, sich seine Schwächen, Trauer und Fragen genau und lange ansieht. Außerdem ist es essenziell, Worte und Ausdrücke zu finden, die wirklich hängen bleiben und vielfältige Bilder entstehen lassen, wie zum Beispiel „Dunkelfunken“, „traumvergessen“ oder „Tausendspiegel“.
Liebe als Thema ist so viel mehr als Pathos an der Oberfläche oder stereotype Gedichte über Rosen. Da sind noch sehr viele weitere Phänomene und emotionale Schichten hinter einem so großen Wort verborgen, und da können wir einander erst richtig sehen und begegnen.

avecMadlen: Wie hältst du die Balance zwischen einer wilden, ehrlichen Emotion und dem Rahmen eines Reims?
Jana Ebert: Das ist auch für mich immer wieder neu und überraschend. Jede Lesung ist anders, ich probe nicht und plane auch keine Setlist. Trotz der vielen spontanen Elemente fühle ich mich beim Vortragen ganz in meiner Mitte und in der Emotion, sodass die Reime sich nicht wie ein strikter Rahmen, sondern eher wie ein ganz natürlicher Ausdruck anfühlen. Sie helfen mir wie eine Leiter, in die Tiefe des Textes hinabzusteigen und den Sprachbildern ihr Gewicht zu geben.
avecMadlen: Woher weißt du bei all dem Lärm im Alltag, welcher flüchtige Gedanke es wert ist, zu Literatur zu werden?
Jana Ebert: Es ist wichtig, trotz allem Stress und der Reizüberflutung kleine, besondere Momente bewusst wahrzunehmen und kurz innezuhalten. So wie ein Vogelschwarm oder ein besonderes Detail an einem Gebäude es verdienen, vollständig gesehen zu werden, bekommt auch ein Wort oder ein Gefühl für ein neues Gedicht seinen Raum. Welcher Gedanke Potenzial hat, entscheide ich intuitiv. Oft entsteht dann schon von selbst der erste Reim oder die Botschaft, die ich transportieren möchte.
avecMadlen: Wer steuert wen, wenn du schreibst – beherrschst du die Worte oder übernehmen die Worte irgendwann dich? Und sollte das der Fall sein: Merkst du, wo das eine in das andere übergeht?
Jana Ebert: Darüber habe ich sogar ein paar Zeilen geschrieben: „Bin ich es, der die Worte schreibt / Oder lass‘ ich mich von ihnen lenken?“
Ich empfinde hier eine stetige Abwechslung. Oft kommt der erste Satz, und er verlangt dann sozusagen direkt den nächsten. Wenn das Schreiben fließt, entsteht das Thema oder die Stimmung ein Stück weit ohne meine Kontrolle. Es gab schon viele Momente, in denen ich selbst staunend vor meinem eigenen Gedicht stand und den Weg dahin eher als „Medium“ denn als Autorin erlebt habe. Ein Beispiel dazu ist der Text „Ein Auge kann schlafen“, dessen Vieldeutigkeit in der gleichzeitigen Verknappung mich sehr fasziniert.
avecMadlen: Was passiert mit einem Text in dem Moment, in dem du ihn aussprichst und er plötzlich Fremden im Raum „gehört“?
Jana Ebert: Das Rauslassen des Textes kommt mir oft vor wie eine Art Glitzerstaub oder feiner Regen, der sich über das Publikum legt. Er entfaltet sich, nimmt den Raum ein und trifft die Zuhörenden auf ihre jeweils ganz eigene Weise. Und für mich sind die Worte, sobald sie ausgesprochen sind, auch immer ein Spiegel meines Innersten. Dieses Geschenk der Begegnung mit meinen Gedichten und ihren Bildern gebe ich liebend gern weiter. Und was danach in den Gedanken und Herzen der Leute passiert, erfahre ich meistens ja nicht, da die Lesung bei einigen sicher noch nachwirkt.

avecMadlen: Du meintest, dass du deine Gedichte auf der Bühne ganz spontan liest. Mit welchem Gefühl bist du an diesem Abend auf die Bühne der Neuen Fledermaus gegangen?
Jana Ebert: Natürlich ist meine Lesung immer ein bisschen geprägt von meiner eigenen Stimmung. Das macht sie authentisch, und ich muss mich nicht verstellen. An diesem Abend war ich sehr nachdenklich und mit mir selbst beschäftigt. Und die Lesung wurde, aus meiner Sicht, sehr stark und emotional im Vergleich zu früheren Auftritten. Ich glaube, man hat mir schon angemerkt, wie involviert ich in die Gedichte war und dass ich mich bewusst verletzlich und aufgewühlt zeigen wollte.
avecMadlen: Wenn dir jemand im Alltag einfach nur einen einzigen Satz zuruft: Was passiert dann in deinem Kopf, bevor daraus ein Gedicht entsteht?
Jana Ebert: Je nachdem, ob ich gerade dafür einen freien Kopf habe, probiere ich direkt Reime und Bilder aus. Mein Kopf liebt das kreative Spielen mit schöner Sprache.
Es kann durchaus sein, dass ein Satz an einem Tag diese und zu anderer Gelegenheit jene Worte anregt. Gerade das macht das Schreiben für mich spannend, denn ich schreibe ja fast nie nach einer festen Vorgabe oder als Auftrag, sondern aus Freude und Neugier daran, was entstehen wird.
Wenn mich jemand im Alltag zum Beispiel fragt: „Was siehst du?“, kann daraus ein toller Text werden, auch wenn die Frage an sich eher unspektakulär wirkt.

Aus Salz und Ammoniak
Zum reißenden Strom
Ein Loch im Anorak
mutiert zum SyndromEs füllt sich der Trichter
Abscheulicher Brei
Nur mattgraue Lichter
Sie fliegen vorbeiDrei letzte Chancen
Im Blindflug vertan
Die feinen Nuancen
Vom Berg zum VulkanHast du denn vergessen
Weshalb du so brennst?
Von allem zerfressen
Was du Liebe nennstDu wagst nicht zu sprechen
Zehn Krallen am Hals
Es droht dich zu brechen
Die Zunge voll SalzDu öffnest die Lider
Suchst haltend im Raum
Und findest dich wieder
Es war nur ein TraumJana Ebert
Ein kleiner Kommentar von mir
Das Gedicht über die verflossene Liebe, an dem Jana kurz gezweifelt hatte, berührte mich wahrscheinlich am meisten. Ich hatte das Gefühl, dass sie denselben Schmerz durchlebt hatte, wie so viele in dem Raum. Vor allem, als ich sah, wie das eine oder andere Augenpaar kurz zu Boden sank. Das Gedicht war voller Menschlichkeit, voller Sehnsucht. Und dennoch voller Hoffnung.
Was mir bis heute von diesem Abend bleibt, ist tatsächlich die Emotion, die Theatralik. Janas Gedichte sind echt und ehrlich, sie lösen Gänsehaut aus und machen Gefühle erfahrbar. Und ja, sie entblößen ein Stück ihrer Seele, wodurch ein sehr intimer Prozess zwischen Publikum und Dichterin entsteht. Aber sie schließen auch die längst zugefallenen Türen in die Innenwelten derer auf, die die Gedichte hören oder lesen. Für Jana ist und bleibt jeder Vortrag ein Moment des Entdeckens. Ich erinnere mich daran, als sie mir am Ende sagte: „Ich war überrascht. Wusste nicht, wie die Gedichte im Raum wirken.“ Liebe Jana, nun, sie wirken bis heute nach. Ich freue mich darauf, eines Tages noch mehr von dir zu hören.