Es ist mir eine Freude, euch heute eine junge Künstlerin vorzustellen, deren Arbeiten genau dort ansetzen, wo die Hektik des Alltags verstummt: Pauline Schulte. Ihre Malerei entspringt einem Impuls zwischen emotionaler Tiefe und einer unbändigen visuellen Energie. Es ist das freie, intuitive Schaffen einer Künstlerin, die zum Pinsel greift, wenn Worte nicht mehr ausreichen.



Was ist Kunst für Pauline Schulte?
„Für mich ist Kunst ein Grundbedürfnis“, sagte sie mir während unseres Interviews. Die vibranten Farben rufen sowohl bei ihr als auch beim Betrachter Glücksgefühle hervor und sollen vor allem eines: Hoffnung schenken.
Als ich mich erstmals ihren Werken näherte – sie hängen derzeit noch bis zum 7. November 2026 in der Galerie Supper – bemerkte ich diese meisterhafte Dramaturgie des Kontrasts. Schulte platziert ihre Kompositionen bevorzugt auf dunklen Hintergründen, um mit der Strahlkraft der Farben zu experimentieren. Es ist diese geschickte Setzung, die die Farben auf ihren Leinwänden nicht bloß leuchten, sondern förmlich pulsieren lässt.
Kontraste als Stilmittel
Doch es geht Schulte um mehr als um Ästhetik. Die Kontraste in ihren Bildern erzählen vom Leben selbst. Von den Facetten, den Höhen – aber auch von einer Spur des Kampfes gegen dunkle Zeiten, die in manchen ihrer Arbeiten leise mitschwingt. Das Licht existiert bei ihr nie ohne den Schatten; die Farben verstärken einander in ihrer Gegensätzlichkeit.
Inhaltlich führt uns Schulte in ein faszinierendes Spannungsfeld zwischen Nostalgie und Vision. Ihre Retro-Farbpaletten wecken Erinnerungen an das Zeitalter einer Welt, die viele von uns vermissen. Nach dieser Welt sehnt sich auch die Künstlerin selbst, obwohl sie sie nie erlebt hat.


Der abstrahierte Kaktus als Symbol
Ein wiederkehrendes, fast mystisches Symbol in ihrer Bildsprache ist der Kaktus. Er steht stellvertretend für das Phänomen der Resilienz – jene Fähigkeit, selbst unter härtesten Bedingungen standzuhalten, zu überdauern und Schönheit zu entfalten. Dass dieses Thema so tief in ihrem Werk verankert ist, ist kein Zufall: Vor ihrem kompromisslosen Weg in die freie Kunst forschte Schulte zur Resilienz. Der Kaktus in ihrem fantasievollen „No Man’s Land“ ist damit mehr als ein Motiv – er ist ein Sinnbild für innere Kraft und Beharrlichkeit.
Pauline Schulte bewegt sich vorwiegend im abstrakten Spektrum. Ihre Inspiration speist sich aus dem Augenblick: aus der Architektur alter Fassaden, einem leuchtenden Graffiti im Vorbeigehen oder dem plötzlichen Erscheinen eines Drachenwesens vor dem geistigen Auge, das schlichtweg auf die Leinwand drängt.

Pauline Schulte: Eine Künstlerin mit eigenem Weg
Besonders in ihren großformatigen Arbeiten wird ihr Schaffen zu einer körperlichen Geste. Man spürt die Bewegungsenergie der weiten Pinselstriche, die Sehnsucht nach Raum und den Ausbruch aus sich selbst.
Was für mich persönlich besonders spannend an ihrer Kunst ist, ist dieser ungreifbare Übergang von figurativer Darstellungsweise zur Abstraktion, den wir eigentlich klassischerweise aus dem Expressionismus kennen. Pauline Schulte findet aber ihren ganz eigenen Weg, die Grenzen zwischen dem einen und dem anderen verschwimmen zu lassen. Und das in einer Welt, in der die Kunst bereits alles Mögliche gezeigt, durchbrochen und ausprobiert hat.