Als ich die Ausstellung „Wettstreit mit der Wirklichkeit – 60 Jahre Fotorealismus“ im Museum Frieder Burda betrat, war ich aufs Angenehmste überrascht. Bereits nach wenigen Sekunden merkte ich, dass hier diesmal etwas gezeigt wird, das man nicht alle Tage sieht.

Fotorealismus im Frieder Burda: Was Eindruck hinterließ
Mit Fotorealismus hatte ich mich vorher noch nie beschäftigt. Auf der Art Basel kam ich immer mal wieder in Berührung damit, aber ohne jemals wirklich die Hintergründe zu kennen. Selbst in meinem Epochenlexikon fand ich dazu nichts. Wer sich also ernsthaft mit dieser Kunstrichtung befassen will, muss tiefer graben. In unserer Region ist die beste Anlaufstelle für dieses Vorhaben die Badische Landesbibliothek in Karlsruhe. Hier gibt’s einen kleinen Vorgeschmack auf den Fotorealismus.
Umso spannender war es, völlig unvoreingenommen durch die Ausstellung zu gehen. Was mich am meisten beeindruckte, war die technische Präzision. Immer wieder stand ich vor Gemälden und fragte mich, wie es überhaupt möglich sei, so etwas mit Farbe zu erschaffen. Wie ich mithörte, konnten einige Besucher es kaum glauben, dass es sich bei den Werken nicht um Fotografien handelt. Verständlich. Bei einem winterlichen Architekturbild von New York musste auch ich genauer hinsehen. Unbeschreiblich, wie viel handwerkliches Können in diesen Werken steckt.
Meine Lieblingsbilder
Besonders in Erinnerung geblieben sind mir: ein gecrashtes grünes Auto, verschiedene Diner-Szenen und die asiatische Frau in städtischer Kulisse. Vor diesem Bild blieb ich am längsten stehen. Es war eines dieser wenigen Werke, das nicht nur durch Dramaturgie, hohe Ästhetik und surreales Lichtspiel fesselt, sondern auch durch die hyperrealistische Ausführung. Fast schon übermenschlich. Wirklich. Ich war elektrisiert. Und ich hoffe, dass keiner meiner Profs oder Kommilitonen dieses schmalzig-schnulzige Gesülze liest, weil ich es selbst gerade ein bisschen peinlich finde, wie sehr meine Emotionen außer Kontrolle geraten.




2: Ralph Goings (??), Blue Diner with Figures (1981)
3 und 4: Johannes Müller-Franken, Castel Rigone (2012)
Generell war die Ausstellung für mich vor allem technisch beeindruckend. Vielleicht habe ich die amerikanischen Künstler unterschätzt. Viele der gezeigten Werke stammen aus den USA, und gerade bei den Stadtansichten, Fahrzeugen und Alltagsszenen wird deutlich, wie konsequent diese Künstler ihre Technik perfektioniert haben.
Wettstreit mit der Wirklichkeit: Ausstellungsprogramm und Präsentation
Ich ziehe meinen Hut vor dem Kurator Dr. Daniel Zamani. Das ist der charismatische junge Kunsthistoriker und Künstlerische Direktor, der uns häufig auf dem Tiktok-Kanal des Frieder Burda begegnet. Den Kanal kann ich übrigens schwer empfehlen. Von allen Museen, die ich abonniert habe, hat das Frieder Burda den mit Abstand elegantesten und spannendsten Content.
Eine solche Auswahl nach Baden-Baden zu holen dürfte einerseits nicht einfach gewesen sein. Andererseits schuf Zamani ein einzigartiges Ensemble an Werken, die die USA der letzten 60 Jahre spiegelt. Als Besucherin fühlte ich mich magisch in diesen Vibe versetzt. Das Ganze wurde natürlich durch üppige Formate und sowieso auch den Realismus intensiviert.

Besonders schön fand ich diesmal wieder die Wandfarben. Da ist das Frieder Burda grundsätzlich sehr kreativ. Aufregende Schriftwahl bei den Werkbeschriftungen. Doch wie so oft habe ich die Materialangaben vermisst. Ich weiß, ich weiß. Das machen Kuratoren, damit man das Werk als Werk erlebt und nicht gleich anfängt technisch zu analysieren, aber meine Seele verlangt danach – und dagegen bin ich machtlos.
Einige Leihgaben stammen aus renommierten internationalen Sammlungen. Die Qualität der Werke ist außergewöhnlich hoch. Wer Autos liebt, wird auf seine Kosten kommen. Für mich war die Schau eine der besten Ausstellungen, die ich bisher im Museum Frieder Burda gesehen habe. Die russischen Impressionisten von vor einigen Jahren toppt allerdings kaum etwas. Das schreibe ich immer und immer wieder und werde es auch immer und immer wieder hervorholen.
Zugänglich, technisch stark und schier unvergesslich
Das Schöne an der Ausstellung „Wettstreit mit der Wirklichkeit – 60 Jahre Fotorealismus“ ist zudem ihre Zugänglichkeit. Man muss Kunstgeschichte überhaupt nicht beherrschen. Man muss keine Konzepte (oder Pseudo-Konzepte) entschlüsseln. Man kann einfach staunen. Man sieht, dass hier Menschen am Werk waren, die eine nahezu unglaubliche Technik entwickelt haben und damit Bilder erschaffen, die selbst aus nächster Nähe faszinieren.


2: Karin Kneffel, Ohne Titel, 2021
Deshalb würde ich die Ausstellung eigentlich jedem empfehlen, der sich gerne überraschen lässt. Kunstliebhabern sowieso. Aber auch Menschen, die mit zeitgenössischer Kunst sonst wenig bis überhaupt nichts anfangen können. Denn hier steht handwerkliche Meisterschaft im Vordergrund. Und das auf höchstem Niveau. Das sieht man als Profi ebenso gut wie als Laie.
Wie immer sah ich mir die Ausstellung alleine an. Könnte mir gut vorstellen, ein zweites Mal hinzugehen, wenn jemand Lust hat mitzukommen. Sie läuft noch bis zum 2. August 2026. Um nun abschließend auf die Frage in der Überschrift zu antworten: Ja, die Ausstellung lohnt sich absolut. Hier geht’s zu den Tickets.