Mit einem einzigen Blick auf dieses Gemälde wird der Betrachter in ein heilig-unheiliges Spannungsfeld versetzt. Ich beschreibe heute eines meiner aktuellen Lieblingsbilder in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Als ich sie das letzte Mal besuchte, hing dieses Bild dort noch gar nicht, um so überraschter war ich, es direkt vor mir zu sehen. Es geht um Hans Baldungs Lot und seine Töchter um 1535/1540, Mischtechnik auf Holz.

Ikonographie: Hans Baldungs Lot und seine Töchter
Hans Baldung, auch Grien genannt, bekam den Namen, weil er am liebsten mit grüner Farbe hantierte, was auf diesem Bild nicht zu sehen ist. Die Farbtöne bewegen sich im Bereich Elfenbein, Rot, Schwarz. Im Vordergrund sehen wir einen weiblichen Akt auf einer Liege, den Schambereich bedeckend, geschmückt mit güldenen Kettchen, Perlen und einem Ring. Über ihr steht ein Mann mit einem Gefäß in der Hand, aus dem er trinkt. In schwarz-weiß sehen wir eine weitere weibliche Figur, ebenfalls unbekleidet. Sie nimmt hier eine beobachtende Rolle ein und blickt hinter einem Vorhang hervor. Auf der rechten Seite des Gemäldes sehen wir ein kleines Weinfass, im Hintergrund eine brennende Stadt. Bei genauerem Hinsehen entdecken wir eine weiße Salzsäule.
Die Gesamtheit dieser Elemente, eine Bildinschrift in der oberen Bildhälfte, sowie auch der Titel des Gemäldes deuten darauf, dass es Lot und seine beiden Töchter sind. Ein Blick ins Buch Genesis im Alten Testament gibt uns Aufschluss. Nach der Zerstörung von Sodom und Gomorra, den beiden Städten die sinnbildlich für moralischen Verfall und Gottes Strafe stehen, flieht Lot mit seiner Frau und den beiden Töchtern in eine Höhle. Auf dem Weg da hin blickt die Frau zurück auf die brennende Stadt, obwohl zwei Engel ihr dies deutlich untersagt haben. Die Folge: Sie erstarrt zu einer Salzsäule. Aus Angst, dass ihre Familie aussterben könnte, berauschen die Töchter ihren Vater nacheinander mit Wein und zeugen so Kinder mit ihm. Die Nachkommen werden als die Völker Moab und Ammon angesehen.
Kunsthistorische Einordnung des Gemäldes
In der Kunstgeschichte wird das Motiv häufig genutzt, um Themen wie Verderbtheit, Inzest, göttliches Gericht und moralische Ambivalenz darzustellen. Es erlaubt Künstlern, sowohl narrative als auch erotische Elemente in biblischer Rahmung zu thematisieren, oft mit Betonung von Schuld und Sünde. Typologisch sehen wir hier das jüngste Gericht. Dieses wird mit dem farbintensiven Feuer im Hintergrund, der roten Farblichkeit im Vordergrund des Bildes sowie auch mit der Sünde, die durch die Gesamtheit dieser Atmosphäre geschaffen wird, untermauert.


Hans Baldung: Die Epoche und ihr Schönheitsideal
Der weibliche Blick aus dem Bild heraus zeigt uns eine Darstellung, die in der Renaissance üblich war. Mit diesem Blick wird auch der Betrachter zum Verführten. Stilistisch deutet das Bild auf Hans Baldungs spätere Werke. Da er hier seinen Hang zur stilisierten Körperdarstellung auskostet. Er malt ein Schönheitsideal mit überlangen Beinen, kleinen, weit auseinanderliegenden Brüsten und diesem elfenbeinfarbenen Inkarnat. Es erinnert uns ein kleines bisschen an Lucas Cranach d.Ä.; sogar das Frisürchen und die Katzigkeit des Frauengesichts könnte ein Indiz dafür sein, dass Baldung sich von Cranach inspirieren lassen hat.
Der Kontrast zwischen Lot uns seiner älteren Tochter verdeutlicht die Ungleichheit zwischen diesem Paar. Sie bleich, jung und nackt, er dunkleres Inkarnat, angezogen, alt. Es tangiert die Thematik des „ungleichen Paares“, die wir von Greisen und geldinteressierten Dirnen kennen, jedoch trifft nicht ganz zu. Denn statt des Geldes wollen die beiden Töchter Kinder.
An dieser Stelle müssen wir uns fragen: Warum ist dieses Bild dermaßen erotisch geladen? Wir sehen, wie der Künstler eine Atmosphäre schafft, indem er viel mit Farbkontrasten (hell zu dunkel), Blicken, in denen wir das Verbotene erkennen, Rottönen und Schmuck auf nackten Körpern spielt. Die Schmuckelemente deuten übrigens darauf, dass die Auftraggeber adelig oder gar hochadelig waren. Die ältere, hell hervorgehobene Tochter im Vordergrund erinnert uns sogar an die Liebesgöttin Venus. Was Baldung vermittelt, kommt jedenfalls stark bei uns an. Warum macht er das? Es ist eine inzestuöse Thematik, die mit einem hohen Grad an Erotik und Ästhetik präsentiert wird. Musste das sein? Ich denke, Ja.


Maria mit Kind und Edelsteinen (1530)
Hans Baldung erschütterte durch die Darstellungsweise seiner späteren Werke die spätmittelalterlichen Glaubensvorstellungen. Stellen nun eine kleine Verbindung zu Baldungs Skandalmadonna mit den Papageien her. Auch sie stellte der Künstler in einer höchst sinnlichen Atmosphäre da. Eine solche Nacktdarstellung biblischer Figuren war seinerzeit unzulässig. Seine Bilder wurden teilweise aus den Kirchen verbannt (etwa in Straßburg), doch er machte weiter. Denn er malte für die jene Kennerkreise, die diese Art der Darstellung zu schätzen wussten.
Um es mit anderen Worten zu sagen: Die Kraft er Erotik in der Madonna mit den Papageien lässt den Betrachter eine unberührte Lebensspenderin nicht nur sehen, sondern erleben. So empfinde ich es persönlich auch bei den Töchtern Lots. Die Sinnlichkeit lässt uns Betrachter erst spüren, welcher Versuchung Lot ausgesetzt war.
Klicke hier, um mehr über die gezeigte Madonna mit den Edelsteinen zu erfahren.
Lot und seine Beiden Töchter: Zerstörung des Bildes
Kommen wir nun zum Offensichtlichen: Das Bild wurde mittels Säge zerstört. Man sägte so, dass beide Töchter als separate Bilder verwertet werden konnte. Die Wissenschaft ist sich allerdings noch nicht einig, weshalb man das Gemälde zerstört hatte. War es zu provokant? Oder war man der Meinung, dass mehrere kleine Baldungs mehr Geld einbringen würden, als ein großer?
Im Frühjahr 2019 kaufte die Kunsthalle Karlsruhe jedenfalls die drei Fragmente, die bislang aufgetaucht sind. Man hofft, dass auch die jüngere Tochter bald auftaucht. Derzeit ist eine schwarzweiße Fotografie an der leeren Stelle des Gemäldes eingesetzt.
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Quellen
- Hans Baldung Grien heilig-unheilig vom Deutschen Kunstverlag
- avecMadlen.com
- kunsthalle-karlsruhe.de
- gnm.de
