Tausendfach habe ich über Unfälle berichtet. Dann erlebte ich selbst einen. Heute erzähle ich euch von meiner ganz persönlichen Erfahrung auf „dem Roller des Todes“. Ich übertreibe nicht, es war tatsächlich eine Nahtoderfahrung auf der wunderschönen Insel Pulau Pangkor in Malaysia. Wie es zu meinem Unfall kam und warum der Roller, auf dem es passierte, von Anfang an verflucht schien.
Ankunft auf Pulau Pangkor: Ich miete mir einen Roller
Von Ipoh reiste ich mit dem Bus nach Lumut. Von dort nahm ich die Fähre auf die Insel Pulau Pangkor. Dort angekommen wusste ich ziemlich genau, dass ich mir jetzt einen Roller suchen werde. Ich freute mich seit Wochen drauf. Sobald ich einen Fuß auf die Erde gesetzt hatte, wurde ich schon von einem Rollervermieter angesprochen. Ich schwöre bei Gott, ich hatte kein gutes Gefühl bei ihm. Aber ich ignorierte es, weil ich dachte, dass es die Vorurteile sind, die ich ihm gegenüber womöglich habe.
Er pokerte hoch. „Diesen Preis bezahle ich nicht“, sagte ich und setzte zum Gehen an. Dann machte er mir einen Vorschlag: Er würde mir das Motorrad statt dem Roller geben, was mich die Hälfte kosten würde. Ich so, sinngemäß, „nö, du willst doch nicht, dass ich hier alles übern Haufen fahre“, und drehte mich erneut zum Gehen um. „Wait“, sagte er. Wenn ich kurz warten würde, würde er mir ein Moped besorgen. Ich stimmte zu unter einer Bedingung: 60 Ringgit, nicht mehr. Er holte das Ding. Ein gelbes Moped, top Zustand. Erst nachdem ich bezahlt hatte und bereits kilometerweit weggefahren war, merkte ich, dass der Tank auf null ist.

Gedanken jeden Aggressionsgrades schossen mir durch den Kopf. Dieser Hund. Ich war müde, hatte eine lange Fahrt hinter mir und wollte nur eins: den Sonnenuntergang sehen. Eine alleinreisende Ausländerin zu verarschen können wirklich nur ganz bestimmte Menschen. Ich wusste nicht, ob mir der Tank zur nächsten Tanke reichen würde, ich wusste auch nicht wo sie war.
Die malaysischen Benzinpreise sind sehr angenehm
Sie befand sich natürlich in entgegengesetzter Richtung. Er hätte es mir doch einfach sagen können. Ich war so wütend. Und ich ließ es ihn spüren. Was ich an diesem Abend lernte: Auf der Insel sind jegliche Adressen und Ortsangaben auf Google Maps ungenau. Ich hatte also kein Plan, wohin ich fahre, ich hatte mein Gepäck dabei, es wurde dunkel, der Tank war leer. Und das Schlimmste: ich hatte hunger.
Als es schon stockfinster war, fand ich eine Tankstelle und tankte voll für 13 Ringgit (!!!). Umgerechnet sind das 2,79 Euro.
Chinesisches Restaurant auf der Insel Pulau Pangkor
Dann ging ich essen. Ich ließ es mir auf den Stress ganz gut gehen. Bestelle mit eine Krabbe, Muscheln und Babykohl. Eine trächtige Hündin bekam auch was ab. Bedient hatte mich der Besitzer.

Erst unterhielten wir uns nett, dann wollte ich, dass er aufhört, mich vollzulabern und mir mein Leben zu mansplainen. Klassiker halt. Als ich bezahlte, ließ er nicht locker. Er begleitete mich zu meinem gelben Roller und versuchte sich zu nähern. Ich weiß nicht, was er vorhatte. Naja. Ich weiß schon, was er vorhatte. Was er sich erlaubte, fragte ich mich aber. Es war schon fast interessant, wie weit er es treiben würde. Er versuchte mir meinen Helm aufzusetzen. Das ließ ich nicht zu, schmetterte seine Hand von mir und verpisste mich asap mit lautem Brumm-Brumm.
Kaum hab ich mich bei der ersten Abbiege verfahren, schon kam der Nächste. Ein älterer Mann mit weißen Bart, der mir nachfuhr und wissen wollte, in welchem Hotel ich untergebracht bin. „I forgot the name“ ist meine Standardantwort seit ich alleine durch die Welt reise. Als wäre das nicht Signal genug, dass ich gerade und grundsätzlich kein Interesse an seinem alten Arsch habe, ließ auch er nicht locker. Wann ließen die jemals locker? Er faselte irgendwas davon, dass ihm die ganze Insel gehörte. Ich richtete meine gespreizte Hand gen sein Gesicht und sagte: „Sorry, sir, i don’t want to talk right now, ok? I’m tired and I just want you to leave me in peace.“ Er fuhr davon. Erstaunlich.
Das Abenteuer geht weiter
Nicht ohne Weiteres fand ich schließlich mein Hotel. Es war sehr schön, der Garten sogar paradiesisch. Die Schilder zeigten eine Makaka mit Banane. „Warnung: Geben Sie Acht auf Ihre Wertsachen!“ Erst dachte ich, das sei ein Witz oder eine Art Meme. Bis ich am nächsten Tag in einem Restaurant eines Besseren belehrt wurde.

Es war noch relativ früh in der Nacht und ich habe, meiner Ansicht nach, noch nicht genug Abenteuer erlebt. Schließlich wollte ich ja auch die kurze Zeit auf der Insel, die ich hatte, nutzen. Also fuhr ich los. Außer mir war sonst kaum jemand unterwegs. Ich wollte wissen, ob ich um die Uhrzeit noch Bier in Malaysia kaufen konnte. Konnte ich. Im 7-eleven in der Nähe des Polizeireviers (falls ihr mal auf Pulau Pangkor seid und auch Bock auf Bier habt). Dann fuhr ich einfach so umher. Es war stockdunkel, Laternen gab es nur selten auf der Strecke.
Da ist er wieder: der bärtige Alte
Lange ließ der Bärtige von vorhin nicht auf sich warten. Er fuhr mir nach, laberte mir während der Fahrt voll, ich verstand nicht, was er von mir wollte. Egal, ob ich langsamer fuhr und zurückblieb oder überholte und auf die Tube drückte. Er verpisste sich einfach nicht. Ich bereute relativ schnell, mich auf dieses Abenteuer eingelassen zu haben. Aber ich wollte es offenbar nicht anders.
Er: ein einheimischer Mann, der die letzten 500 Jahre Zeit hatte, um diese Insel in und auswendig zu lernen. Ich: eine Touristin ohne Orientierung. Auf einer fremden Insel in einem fremden Land. Ich malte mir aus, was ich tun würde, wenn es darauf ankäme. Der Alte eskortierte mich durch ganz Pulau Pangkor. Kein Witz. Er war sich nicht zu schade dafür. Was er damit erreichen wollte, weiß ich nicht. Falsche Überfürsorge, weil die Straßen auf der Insel recht hügelig sind und er einer weißen Frau nicht zutraute, zurechnungsfähig auf ihnen fahren zu können? Vielleicht war das ja gar nicht so realitätsfern.
Top. Ich verirre mich nachts im Wald
Zwischendurch, wenn ich abgebremst habe, wartete er hinter der nächsten Kurve auf mich. Als ich vorüberfuhr, versuchte er mich anzuhalten. So um die drei bis vier Mal. Wann würde diese Strecke endlich enden? Ein weiterer Versuch zurückzubleiben. Dummerweise hör ich nicht genau raus, was mein Navi sagt – und biege falsch ab. Jetzt bin ich allein im tropischen Wald. Fick mein Leben.
Nach langem Hin und Her fand ich den Weg hinaus. Wieder war der bärtige Alte dicht hinter mir. In der ersten Menschenmenge verlor ich mich dann nachhaltig. Dummerweise war das ganz in der Nähe meines Hotels. Er würde mich safe finden, wenn er wollen würde. Das gelbe Moped erkennt man nämlich von Weitem. Auch im Dunkeln. Dass der Typ nicht meine größte Sorge werden würde, hätte ich an dem Abend wahrscheinlich nicht mehr vermuten können.
Der perfekte Tag: Strand, Affen, Ananassaft
Der Start in den nächsten Tag war perfekt. Ich machte einen langen Spaziergang am Strand, war baden und aß zu Mittag. Bestellte mir frisch gepressten Ananassaft. Während ich ihn genoss und meine Enge-Freunde-Stories postete (diesmal bin ich irgendwie paranoid, dass Leute meinen Aufenthaltsort erfahren, die es nicht erfahren sollten), tauchte er aus dem Nichts auf: Der Affe, der meinen Saft quer über den Tisch schmetterte und ihn auf dem ganzen Tisch verteilte. Ich schrie auf, denn der Affe kam unerwartet. Als er auf meinem Tisch saß, schöpfte er den Saft in seine kleinen Pfoten und trank ein, zwei Schlucke. Ehe ich mir einfiel, ihn zu filmen, war er auch schon längt über alle Berge.




Da es wieder hell war, und ich plötzlich Dinge sehen konnte, die ich nachts nicht in der Lage war zu sehen, stellte ich fest, dass mir der Rollervermieter auch noch einen defekten Helm gab. Der war in der Mitte komplett gespalten. Komplett. Gespalten. Ich forderte ihn dazu auf, mir einen normalen zu geben. Er tat dies sogleich und entschuldigte sich für alles, was er mir angetan hat. Unterkühlt bedankte ich mich.

Es passiert…
Es ging weiter zu den Wasserfällen. Auf dem Weg dahin passierte der Unfall. Ich weiß immer noch nicht, wie. Ich verlor die Kontrolle über das Moped und wusste ziemlich schnell, dass ich in den Arsch gekniffen bin. Denn ich trug eine kurze Hose und ein Top und landete mit einem lauten Knall – und wahrscheinlich auch Schrei – auf der Schnauze. Der Roller lag auf mir. Ein Mann, mit dem ich kurze Zeit davor im Gespräch war, rannte mir zu Hilfe. Keine Ahnung wie er dort hin kam.
Was kurz nach dem Unfall mit mir passiert
Ich liege auf der Erde, es rauscht und dröhnt in meinen Ohren. Mein Puls ist hörbar. Ich spüre überall am Körper ein ganz merkwürdiges Kribbeln, wie wenn ein Bein gerade einschläft. Nur dermaßen intensiv, dass es schon weh tut. Am Boden liegend frage ich den Mann: „Is my face ok?“ Dann schau mein Bein an. Es sieht böse aus, die erste Blutwelle bahnt sich aus den Poren an. Keine Knochen zu sehen. Schon mal gut. Schmerzen spüre ich nicht. Nur die Gewissheit, dass sie bald kommen.
Ich kann ein paar Sekunden lang nicht atmen. Mich nicht artikulieren, nicht aufstehen, bis mich drei Männer aufheben und auf eine Anhöhe setzen. Ich schau mir meinen Arm an. Das sieht richtig böse aus. Ich habe wohl den ganzen Weg, den ich geschleudert wurde, mit meinem Ellbogen abgebremst. Was mir fehlt, weiß ich nicht. Ich spüre Hitze, Kälte und fange vor Schmerz an zu heulen wie ein wilder Wolf.
Der Mann, den ich bereits kannte (von ihm erzähle ich euch ausführlicher in dem eingebetteten YouTube-Video), und ich entscheiden, was wir jetzt mit mir machen. Er ruft seine Freunde an. Die kommen binnen 5 Minuten angefahren. Ein Mädchen versorgt meine Wunde. Ich schreie und weine wieder wie ein Tier vor Schmerzen. Was passiert jetzt mit mir? Ist was gebrochen? Keiner kann es mir sagen. Die vier Freunde sind nämlich Rettungsschwimmer und keine Sanitäter oder Ärzte. Wir entscheiden uns, den Krankenwagen zu rufen, weil es mir irgendwie immer beschissener geht. In der Zwischenzeit halte mich selbst und die anderen bei Laune mit sauschlechten Witzen. Es hilft mir. Zwischendurch muss ich vor Schmerzen schreien.
!!!Trigger-Warnung: eklige Bilder von offenen Wunden.






Mit Tatütata durch Pulau Pangkor
Die Fahrt zum Krankenhaus ist spaßig. Der Doc stellt mir mit ruhiger, sanfter Stimme Fragen fürs Protokoll. Wir unterhalten uns auch über Privates. „Wenn Sie mit einer anderen Person reisen würden, würden Sie sich jetzt nicht so schlecht und allein fühlen“, sagt er vorsichtig. Ich weine unkontrolliert wie ein kleines Mädchen. Schlechter Zeitpunkt, Doc.
Im Krankenhaus werden meine Wunden gereinigt und die Steinchen / Sandkörner mit einer Pinzette aus dem Fleisch gezogen. Ohne Narkose, versteht sich. Die jüngere Krankenschwester sagt irgendwas und verpasst mir eine Spritze. Ich verstehe sie nicht. Also frage ich den Arzt, ob das ein Schmerzmittel sei. Er sagt nein. Es sei eine Impfung gegen Tetanus. Ich sage: Ich habe bereits zwei. Er schweigt.
Wie lange das her ist, will er wissen. Schon so ein paar Jahre, sage ich. Er ist sichtlich erleichtert. Man habe mir eine Dosis verabreicht, die man wohl ein Mal jährlich verabreicht bekommen kann. Irgendwie so. Ich vertraue ihm, ich habe keine andere Wahl. Ich glaube an alles, was er entscheidet. Weil ich meinen Körper und Geist auf eine schnelle Genesung einstellen will. Wenn er die Leute so heilt, dann wird das richtig sein. Ich spüre, dass ich diesem Mann voll und ganz vertrauen kann.

Wie viel Glück kann man eigentlich haben?
Wenn ich jetzt, knapp zwei Monate später, darüber nachdenke, dann sehe ich mehrere Fehler: ich habe meine Erlebnisse in Malaysia zu schnell konsumiert. Durch den Unfall wurde mein Leben derart ausgebremst – das wirkt bis heute nach. Des Weiteren habe ich nicht auf mein Bauchgefühl gehört und hatte wahrscheinlich auch nicht genug Respekt vor dem Fahrzeug.
Glück gehabt hingegen habe ich damit, dass ich den defekten Helm etwa 10 Minuten bevor es knallte, ausgetauscht bekommen habe. Ich würde sonst nicht leben. Meine Sonnenbrille zersprang auch so schon in mehrere Teile und ich habe bis heute eine Narbe auf der Augenbraue. Ich habe mir nichts gebrochen oder gerissen. Das ist sowas von crazy. Da ich derzeit wieder moppelig bin, denke ich, dass mein Fettgewebe mich hat richtig weich landen lassen. Naja, den Umständen entsprechend. Jedenfalls kann ich seit wenigen Tagen wieder normal gehen; und das mit sehr geringem Schmerzpegel. Ich weiß nicht, warum Gott mich so sehr liebt.
Das Moped hatte nicht einen Kratzer. Der Rollervermieter bekam vom Unfall mit und schrieb mir, als ich noch im Krankenhaus war. Er wollte das Ding abholen, weil er schon die nächste Mieterin gefunden hatte. Ich hatte kaum Zeit, im Hotel meine blutverschmierte Kleidung abzulegen – schon stand er vor meiner Tür und hetzte.
Ich denke, ich mach hier mal einen Punkt. Alle weiteren Details hab ich euch im Video erzählt. Teilt doch gerne in den Kommentaren hier oder auf Insta, Tiktok, Facebook, Whatsapp oder whatever, eure Erfahrungen, falls ihr ähnliche hattet, was ihr von dem Ganzen haltet und ob ihr irgendwie anders gehandelt hättet als ich. Passt auf euch, hört auf euer Bauchgefühl, fahrt vorsichtig.
Kuss, Madlen.