Ich will etwas Neues fühlen. Deshalb gehe ich in Richtung Wald. Es ist schon Dunkel und Frankfurt ist Frankfurt. Also bleibe ich kurz vor dem Waldrand abrupt stehen. Meine Füße wollen da nicht weiter rein. Ursprünglich wollte ich den Meteorstrom von der Schwanheimer Wiese aus beobachten und ggf. weiter zur Schwanheimer Düne gehen. Dort hat man, laut mir, freie Sicht auf den Himmel und die Lichter der Stadt stören nicht beim Blick in die Sterne. Aber ich trau mich nicht in den Wald, verdammt noch mal. Das macht mich bockig.
Wenige Minuten später liege ich auf meiner Veranda, weil ich keinen Balkon habe, und starre in den nächtlichen Himmel. Meinen Lesern versprach ich heute ab 23 Uhr Sternschnuppen en masse. Auf diese warte ich auch. Ich warte, doch sie lassen sich nicht blicken. Leise spielt meine Jazz-Playlist im Hintergrund und je länger ich nach oben blicke, desto bedeutungsloser komme ich mir vor. Desto kleiner scheint mir all das, was mich bedrückt und beschäftigt. Desto spannender erscheint mir das Funkeln der Sterne.
Ich starre sie so lange an, bis ich selbst Sternschnuppen sehe. Da eine, und dort noch eine. Bilde ich sie mir ein? Keine Ahnung. Wahrscheinlich wird das das Geheimnis bleiben, das das Universum vor mir hat. Ich lausche der Nacht. Es sind zu viele Flugzeuge am Himmel. Zu viele Gedanken in meinem Kopf, die ich längst hätte loslassen sollen und zu wenig Wörter, um sie jemals jemandem erklären zu können.
Es ist das Museum mit dem mutmaßlich höchsten Komikgehalt in der deutschen Museumslandschaft: das Caricatura Museum Frankfurt. Mit Karikaturen, Bildgeschichten, Cartoons und Comics zeigt das Museum für Komische Kunst die Vielfalt des Genres.
2008 eröffnete das Caricatura in der Mainmetropole. Der Standort soll dabei kein Zufall gewesen sein: Seit den frühen 60er Jahren behauptet sich Frankfurt als Hauptstadt der Satire (und ganz nebenbei auch die der Kriminalität). Die hier gegründeten Satiremagazine Pardon und Titanic lockten zahlreiche Künstler wie F.W. Bernstein, Robert Gernhardt, Chlodwig Poth, Hans Traxler (der Urheber des ICH-Denkmals in Frankfurt), F.K. Waechter sowie Autoren wie Bernd Eilert, Eckhard Henscheid und Pit Knorr in die Stadt. Sie schrieben als Künstlergruppe Neue Frankfurter Schule Satiregeschichte und prägen bis heute die deutsche Komiklandschaft.
Das erste Obergeschoss des Caricatura Museums ist der Sammlung des Hauses gewidmet. Hier werden in regelmäßigen Neuhängungen die Werke des Sammlungsbestandes präsentiert. Geplant ist, das erste Obergeschoss um ein Kabinett zu erweitern, in dem kurzfristig aktuelle und vielfältige Themen und Ausflüge in die Nachbardisziplinen präsentiert werden. Zumindest schreibt das das Caricatura selbst. Ich hingegen habe dort während der Loriot-Ausstellung Loriot gesehen. Und während der POLO-Ausstellung das hier:
Habe ich etwas verpasst? Wem gehören diese wunderbaren Zeichnungen? Ich war mir sicher, dass sie von POLO sind. Irre ich mich? Weiß das jemand? Warum suche ich auch nicht vor Ort nach Hinweisen auf einen Urheber? Fragen über Fragen…
Die im Erdgeschoss und in der Galerie angesiedelten Wechselausstellungen präsentieren Werke weiterer namhafter Vertreterinnen und Vertreter der Komischen Kunst. Sammelausstellungen wie Einzelausstellungen. National wie international. Klassiker wie Zeitgenössisches.
Die Ausstellungen des Caricatura Museums werden regelmäßig um verschiedene öffentliche Veranstaltungen in und vor den Räumlichkeiten des Hauses ergänzt. Dazu gehören unter anderem Führungen, Lesungen, Konzerte, Buchvorstellungen und manchmal auch Workshops, die ich bis jetzt noch nicht belegen konnte, weil sie fortwährend ausgebucht sind.
Außerdem gibt es noch das Festival der Komik, das jährlich im Rahmen des Museumsuferfestes stattfindet. Dieses präsentiert drei Tage lang „erlesenste satirische Bühnenkunst“ direkt vor den Türen des Museums, heißt es in einer Mitteilung. Persönlich muss ich sagen, dass das Caricatura mein absolutes Lieblingsmuseum ist in Frankfurt. Sorry Schirn und Städel.
Achim Frenz, Mitbegründer der Caricatura Galerie Kassel, war der treibende Motor hinter der Gründung des Caricatura Museums in Frankfurt. Er konnte Hans-Bernhard Nordhoff, den damaligen Kulturdezernenten von FFM, von seiner Idee überzeugen.
Das Caricatura öffnete am 1. Oktober 2008 erstmals seine Pforten im restaurierten Leinwandhaus in der Frankfurter Altstadt. Das Wahrzeichen des Museums ist eine bronzene Elchskulptur mit Trenchcoat und Hut vor dem Gebäude – gestaltet von Hans Traxler.
Im Haus gibt es außerdem eine kleine Buchhandlung. Wenn ihr mal nicht wisst, was ihr mir oder anderen Personen, die ihr liebt, schenken sollt, geht einfach da hin. Es ist ein regelrechtes Schlaraffenland für alle, die einen zarten Dachschaden haben. Außerdem gibt es Postkarten en masse; all das natürlich mit Satire, Karikaturen, Comics, Tuschezeichnungen, Witzen und Co. Ernsthaft. Geht da hin.
Buchhandlung im CaricaturaMeine LieblingspostkarteEines der drei Postkartenvitrinen
Sexy Friedrich Ebert, auch bekannt als "Der Jüngling" von Richard Scheibe (1926)
Heute besuchte ich erstmals das Historische Museum Frankfurt (HMF). Eigentlich wollte ich ins Caricatura; dieses hatte jedoch zu. Neue Sommer-Öffnungszeiten. Dann fing es wie wilde an zu hageln. Also begab ich mich ins Historische.
Gründung vor rund 150 Jahren
Das HMF wurde 1877/1878 als Initiative der Bürgerschaft gegründet. Das Museum sammelte kulturelle und künstlerische Artefakte, wobei ein besonderer Fokus auf der Stadt Frankfurt am Main und ihrer Umgebung liegt. Ziel des Museums war es, eine Bildungseinrichtung zu sein und die Erinnerung an die Zeit der Freien Stadt Frankfurt am Leben zu halten.
Das Museum befindet sich in der Frankfurter Altstadt südlich des Römerbergs. Es liegt eingebettet zwischen der Alten Nikolaikirche und dem Mainkai.
Schon ziemlich cool eingerichtet
Historisches Museum Frankfurt: Ein Abriss folgt dem anderen
Im Jahr 1972 wurde das noch intakte Haus Freudenberg abgerissen, um Platz für den modernen Bau des Historischen Museums zu schaffen. Viele bedauerten diesen Verlust, da dieses Haus einer der wenigen Überlebenden aus der Altstadt war, die den Zweiten Weltkrieg überstanden hatten. Doch auch dieser Betonbau von 1972 hatte kein langes Leben. Er wurde 2011 ebenfalls abgerissen und durch einen neuen ersetzt.
Nach einer längeren Schließung aufgrund von Umbau- und Sanierungsmaßnahmen wurde das sanierte Altbauensemble des Museums am 26. Mai 2012 wiedereröffnet und das neue Gebäude am 7. Oktober 2017 eingeweiht.
Diese schöne Aussicht hat man direkt gegenüber des Eingangs ins Museum.
Das Historische Museum im Zweiten Weltkrieg
Gehen wir mal einen Schritt zurück. Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Museum schwere Schäden durch die Luftangriffe auf Frankfurt. Insgesamt warfen britische Flugzeuge während des Krieges 14.017 Tonnen Bomben auf die Stadt. Amerikanische Bomber warfen von Oktober 1943 bis März 1945 weitere 12.197 Tonnen.
Die meisten Ausstellungsstücke im Historischen Museum waren zwar 1942 ausgelagert worden. Dennoch gingen sämtliche Akten, Teile der Bibliothek und alle fest eingebauten Exponate im Krieg verloren. „Verloren“.
Historisches Museum Frankfurt nach dem Krieg
Nach dem Krieg wurde das Museum in seiner ursprünglichen Rolle als Bildungseinrichtung wiedereröffnet. Heute bietet es einen Einblick in die Vergangenheit und sogar Gegenwart Frankfurts.
Zurzeit zeigt das Museum eine Vielzahl von Dauerausstellungen, darunter „MainMetropole: Frankfurter Stadtgeschichte 1866 bis 2001“, „Frankfurt Jetzt!“ und andere. Zudem beherbergt es Ausstellungsstücke wie den Heller-Altar aus der Dominikanerkirche, eine Skulptur von Karl dem Großen und ein Modell der historischen Altstadt.
So fand ich das Historische Museum in FFM
Wie fand ich das Museum? Weiß ich nicht, Digger. Kommen wir erstmal zu den Punkten, die ich gut fand. Dazu gehörte das ganze Aufwendige drum rum. Es ist wirklich interaktiv und macht unter Umständen schon Spaß. Es ist cool gestaltet. Der Mix aus alt und modern, das riesige, bewegliche Karussell in dem Bereich der älteren Stadtgeschichte ist wirklich wild. Man spürt an jeder Ecke, dass da akribisch dran gearbeitet wurde, den Besuchern ein ganzes Erlebnis zu schaffen. In jeder Ecke gibt es irgend eine Action. Das Kabinett mit der Gemäldesammlung ist fucking wild. Ich dachte, ich sehe nicht richtig. Dazu gibt es nochmal ein ausführlicheres Stück.
Sexy Friedrich Ebert, auch bekannt als „Der Jüngling“ von Richard Scheibe (1926)Habe wie immer ausschließlich die Highlights fotografiertStell dir vor: Das ganze Ding dreht sich„Von Jedem Eins“ Katsten Bott (2016)Karikatur Marcel Reich-Reinickis, Greser&Lenz (Reproduktion)Meine Lieblings-Brutalisten in Goldstein: Werke Frank Gehrys.Frankfurt-Modell
Doch: Als ich durch die Räumlichkeiten des HMF ging, verließ mich nicht das Gefühl, das Frankfurt gar nicht in Besitz wirklich wertvoller Artefakte ist. Und an dieser Stelle spreche ich für die Exponate, die ich dort an jenem Tag persönlich gesehen habe. Alles was ich sah, war sehr gepflegt und in top Zustand – aber irgend wie ein bisschen arg schlicht. So etwa die Porzellansammlung. Die Exponate hier waren in gutem Zustand, aber sie waren anspruchslos. Ich musste zwangsweise an das Rijksmuseum Amsterdam denken, das ich bei meiner Art, Drugs and Rock’n’Roll Tour besuchte. Frankfurt kann da einfach nicht mitreden. Ihr erinnert euch, ich hatte sehr ähnliche Punkte am Frankfurter Museum für Angewandte Kunst auszusetzen. Die „Schneekugel“ im HMF fand ich übrigens auch semi. Sie lag nicht in meinem Interessenbereich und ich kann mir vorstellen, dass gewisse Besucher da durchaus mehr Bock drauf haben könnten, als ich.
Die kleine PorzellansammlungDa hab ich gar nicht geschrallt, was abgeht und was das ist…aber ich werde es rausfinden!Mein trauriges Gesicht, weil ich lieber im Caricatura wäre
1-Tagesticket alle Ausstellungen: 12 €/ermäßigt 6 €
Öffentliche Führungen: Eintritt zzgl. 3 €
Öffentlicher Stadtgang: Eintritt zzgl. 3 €
Ausleihe Multimedia-Guide: 3 €
Müsste ich zahlen, würde ich keine 12 Euro blechen, um mir die Ausstellung erneut anzusehen. Was ich jedoch machen würde, wenn ich da jemals wieder Bock drauf bekomme, ist eine öffentliche Führung. Bestimmt kann ich dabei viel über Frankfurt lernen und es anschließend mit euch teilen. Bis dahin würde ich sagen: Wenns draußen hagelt und ihr in der Nähe seid – Yolo. Geht halt hin. Aber in diesen 6 Top-Museen der Bundesrepublik werdet ihr sicherlich mehr Spaß haben. Spoiler-Alarm: Leider ist keins davon in Frankfurt.
Quellen:
Ich war natürlich vor Ort, wie ihr sicher rauslesen konntet
Inmitten einer gepflegten, weißen Häuserreihe im Stadtteil Bergen-Enkheim fand ich das „Portal“ zur unberührten Natur: das kleinste Naturschutzgebiet Frankfurts. Als ich es betrat, spürte ich sofort die kühle, nasse Luft. Von den alten Bäumen tropfte der Regen und meine Schuhe standen im Matsch. Kaum zu glauben, dass es solche „Goldgruben“ der Natur immer noch in FFM gibt. Zwar ist das Gebiet wirklich sehr klein, aber durchaus sehenswert.
Direkt zwischen diesen beiden Häusern startete ich.
Das kleinste Naturschutzgebiet der Stadt
Das kleinste Naturschutzgebiet in Frankfurt ist das Mühlbachtal. Es hat eine Fläche von nur 3,28 Hektar. Dieses Gebiet, das seit 1986 als Naturschutzgebiet ausgewiesen ist, birgt eine seltene botanische Besonderheit: den Riesen-Schachtelhalm (Equisetum telmateia). Diese Pflanze ist ein Überbleibsel eines früheren Bachauenwaldes und kommt ausschließlich in diesem Gebiet des Rhein-Main-Gebiets vor. Diese Pflanze war schon immer etwas besonderes für mich. Zwischen den Gewächsen am Wanderpfad konnte ich sie gut in der Ferne erkennen. Der Riesen-Schachtelhalm wächst im Mühlbachtal direkt an einer kleinen tropfenden Wasserquelle.
Die Botanik des Mühlbachtals wird außerdem von Feuchtwiesen, Streuobstwiesen und Halbtrockenrasen geprägt. Hie und da wachsen auch wilde Pflaumenbäume. Einen besonderen Anblick schaffen Efeugewächse, die von den Baumkronen bis runter auf den Wanderweg hängen. Habe ich auf Empfehlung eines interessanten Dates, das ich kurz vor meinem Trip in die Frankfurter „Wildnis“ hatte, Bäume umarmt und bin barfuß durch die nassen Wiesen gelaufen? Vielleicht. Werde ich das näher erläutern? Wir bleiben gespannt.
Wer genauer hinsieht, entdeckt den Riesen-Schachtelhalm rechts mittig im Bild.
Enkheimer Mühlbach – einer der kürzesten Bäche Frankfurts
Der Enkheimer Mühlbach, nach dem das Gebiet benannt wurde, ist mit etwa 180 Metern Länge einer der kürzesten Bäche in FFM. Heutzutage führt er nur noch zeitweise Wasser. Einst speisten mehrere lokale Quellen den Bach und ab 1850 auch der umgeleitete Pfingstborn. Das aus diesen Quellen stammende Wasser wurde in einem Mühlenteich aufgestaut, um die Enkheimer Mühle zu betreiben – eine Wassermühle aus dem 18. Jahrhundert.
Nachdem die Mühle ihren Betrieb im Jahr 1890 einstellte und der Mühlenteich zugeschüttet wurde, mündet der Enkheimer Mühlbach heute in die lokale Kanalisation. Pläne zur Renaturierung des Baches und zur erneuten Einleitung ins Seckbacher Ried sind allerdings bereits vorhanden, um dessen Wasserhaushalt zu verbessern.
Für Naturliebhaber ist das Gebiet besonders interessant: Sowohl der Enkheimer Mühlbach als auch die Enkheimer Mühle sind Stationen des Quellenwanderwegs im Frankfurter Grüngürtel. Lese hier mehr dazu.
Diese Frauen schufen nicht nur Kunstwerke sondern knüpften auch von Paris und Frankfurt aus internationale Netzwerke, um sich gegenseitig zu unterstützen. Einige prägten als Lehrerinnen und Kunstagentinnen sogar die Geschichte des Städel Museums und der Städelschule.
Louise Catherine Breslau (1856-1927): Junge Frau und Chrysanthemen. Portrait von Mina Carlson-Bredberg, 1890. Öl auf Leinwand.
Städelfrauen: Meisterwerke erstmals öffentlich gezeigt
Besucher können rund 80 Gemälde und Skulpturen von 26 verschiedenen Künstlerinnen bewundern. „Wir stellen diese Künstlerinnen mit ihren individuellen Leistungen vor und machen ihre weitverzweigten Netzwerke sichtbar.“ Das erklären Alexander Eiling, Eva-Maria Höllerer und Aude-Line Schamschula, Kuratoren der Ausstellung im Städel Museum in einer Mitteilung. Sie betonen: „Es ist eine Ausstellung über die Selbstermächtigung von Künstlerinnen, die zu ihrer Zeit keine Ausnahmeerscheinungen waren“.
Die ausgestellten Exponate stammen aus renommierten US-amerikanischen und europäischen Museen sowie aus Privatbesitz. Einige dieser Arbeiten werden zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Auch bisher unveröffentlichtes Archivmaterial, darunter Fotografien und Briefe, die von internationalen Ateliergemeinschaften, professionellen Künstlerinnenverbänden und dem kontinuierlichen Streben nach Anerkennung erzählen ergänzen die Ausstellung.
Eugenie Bandell (1857-1918): Sonne am Mittag (Wilhelmsbad), 1913. Öl auf Leinwand.
Ausstellung im Städel Museum: Spiegel der gesellschaftlichen Umbrüche
Die ausgestellten Künstlerinnen zeichnen sich durch ihre Eigenständigkeit und Professionalität aus, in einem Kulturbetrieb, der zu ihrer Zeit von männlichen „Künstlergenies“ bestimmt wurde.
Die Ausstellung zeigt die stilistisch unterschiedlichen Herangehensweisen weiblicher Künstlerinnen und spiegelt die radikalen gesellschaftlichen und ästhetischen Umbrüche ihrer Zeit wider. Dabei setzten sie sich mit ihrer eigenen Existenz in einem männlich dominierten Umfeld auseinander und stellten traditionelle Geschlechterrollen infrage. Neben Malerei und Zeichnung eroberten sie auch die als „männlichste“ Gattung geltende Bildhauerei.
„Städelfrauen“ ist mal wieder eine gelungene Ausstellung. Ich bin sehr froh drum, dass die Kuratorinnen und Kuratoren des Städels sich wieder mal für ein klares Konzept entschieden haben. Jedes Mal freue ich mich über einfache und nachvollziehbare Strukturen einer Sonderausstellung, denn ich bin der Überzeugung, dass alles Geniale einfach ist.
Eugenie Bandell: Gelb und blau (Stillleben), um 1909. Öl auf Leinwand.Fragment von: Eugenie Bandell, Gelb und blau (Stillleben). Ich liebe diese spachtelähnliche Technik, die hier so präzise mit einem Borstenpinsel ausgeführt wurde.
Ich war sehr gerührt. Es war schmerzhaft zu erkennen, dass Frauen um 1900 nicht ansatzweise die gleichen Chancen hatten, wie Männer. Auch in der Kunst nicht. Aber das ist natürlich nichts Neues. Die Tatsache, dass die Künstlerinnen trotz allen Schwierigkeiten Wege fanden, um ihre Träume zu verwirklichen und ihrem Bedürfnis, Kunst auszuleben, folgten, jagt mir Tränen in die Augen. Denn bisher wusste ich gar nicht zu schätzen, was für ein Glück ich habe, dieses Handwerk – wenn auch in einer ganz anderen Dimension; wir erinnern uns, ich bin werdende Karikatur- und Comiczeichnerin – erlernen zu dürfen, ohne auch nur den Hauch eines Widerstandes zu spüren bekommen zu haben. Und das alles, weil ebendiese Künstlerinnen damals dafür kämpften, dass meine Generation alles machen kann, worauf sie Bock hat.
Umgezogen bin ich oft. Ich liebe es einfach, neue Städte im Detail zu erkunden, um sie dann wieder zu verlassen – wissentlich, was sie bewegt. Das Gefühl, dann eines Morgens in einer neuen Stadt aufzuwachen, rauszugehen und die ersten Vibes aufzufangen, die sie mir bereithält, ist für mich unbezahlbar. Manche fragen mich, wovor ich wegrenne – aber die haben das Leben nicht verstanden.
Das sind die Städte, in denen ich gelebt habe – chronologisch geordnet und sogar von 1 (lame) bis 10 (premium) bewertet:
Sochi (10 von 10) – die Stadt am Meer
Sochi ist das Paradies auf Erden. Von hier komme ich. Unten das Schwarze Meer und oben die verschneiten Berge – ein verrückteres Naturerlebnis habe ich sonst nirgends gesehen. Die Stadt hat 343.334 Einwohner (Stand 14. Oktober 2010) und gehört zu den beliebtesten Kurorten Russlands. Ich komme gerne hierher zurück, zumal einige meiner nächsten Verwandten hier leben. Am meisten gefällt mir ihre Hektik, Pracht, das Klima (Subtropen) und das Essen.
Der Hafen von Sochi: Angeblich soll mein Uropa väterlicherseits daran mitgebaut haben. Copyright: IMAGO / Pond5 Images
Lörrach, ew… (3 von 10)
Kulturschock, nachdem Mama uns 2002 von Russland nach Lörrach brachte. Hier lebte ich bis zu meinem 20. Lebensjahr. Diese Zeit verdränge ich ganz gerne. Das einzige, was mich davor bewahrt hat, in dieser hässlichen Kleinstadt mit 48.158 Einwohnern ( Stand 2008) einzugehen, war wohl die Nähe zu Basel. Dort schien das Leben immer so farbenfroh und lebenswert. Basel besuche ich heute noch gerne – zumindest plane ich seit geraumer Zeit schon einen kleinen Besuch dort.
Man gönnt sich ja sonst nichts: Baden-Baden (9 von 10)
Vornehme Schönheit trifft auf gediegenen Rentnerflair. Genau das Richtige, was ich in dieser Zeit gebraucht hatte. Heute komme ich regelmäßig nach Baden-Baden und wundere mich immer wieder aufs Neue, wie hier so Vieles unverändert stillstehen kann. Seinen eigenen Charme hat das schon, aber wenn alles um dich herum stillsteht, drohst auch du irgendwann stillzustehen. Glaube ich. Doch manchmal tut das der Seele auch ganz wohl. Der um Baden-Baden liegende Schwarzwald ist absolut atemberaubend. Eine seltene Naturkulisse in Deutschland, die ich erst zu schätzen lernte, nachdem ich aus Baden-Baden bereits die Fliege gemacht hatte. Die baden-württembergische Kurstadt hat 55.123 Einwohner (Stand 2019) und ist die Partnerstadt von Sochi. Zufall? Ich glaube kaum. Lese hier über die Geroldsauer Wasserfälle – eins meiner Lieblings-Ausflugsziele.
Hier oben stehe ich immer wieder gerne und blicke auf das Friedrichsbad, die Baden-Badener Stiftskirche und den Rest der Stadt hernieder.
Wilde Zeit in Rastatt (8 von 10)
Rastatt als Stadt ist nicht gerade besonders. Aber ich hatte hier eine gute, wilde Zeit gelebt. Ich arbeitete extrem hart und ließ es auch ordentlich krachen. Dabei hatte ich einen sehr merkwürdigen Freundeskreis. Hier entschied ich mich dazu, Journalistin zu werden und habe diese Entscheidung bis heute nicht bereut. Naja, paar Mal vielleicht. Höchstens vier Mal im Jahr. Rastatt hat 47.523 Einwohner (Stand 2008) und beherbergt ganz schön viele verrückte Gestalten – durchaus liebenswert.
Das Rastatter Barockschloss. Copyright: IMAGO / Pond5 Images
Hier floss das bayerische Weißbier: Lindau (6 von 10)
Die bayerische Inselstadt ist eine 10 von 10 ABER karrieretechnisch ging hier kaum etwas. Ich habe mich in Lindau vor Langeweile fast todgesoffen, kein Spaß. Ich fühlte mich extrem einsam, doch eben deshalb habe ich ein Stück weit zu mir selbst gefunden. Am meisten liebte ich die Natur: Den Bodensee, die Wanderrouten, die Sonnenuntergänge – es war ein absoluter Traum. Außerdem waren die landwirtschaftlichen Erzeugnisse in Lindau einfach premium. Werde nie die Birnen, Kräuter oder Äpfel vergessen. Einfach anders wild. Lindau zählt 24.673 Einwohner (Stand 2008).
Jap, das ist die Insel Lindau, Ausblick auf den Hafen am Bodensee. Copyright: IMAGO / Alexander Rochau
Karlsruhe (4 von 10) – eine Stadt für sich
Karlsruhe ist eklig, alter. Meine Karlsruher-Phase dauerte glücklicherweise nicht all zu lange und war geprägt von lauter Scheiß: Einem Lockdown nach dem anderen, meinem unerträglichen Studium der Technischen Redaktion mit Fokus auf Kommunikation- und Medienmanagement, meinem psychisch labilen Mitbewohner und Ekelwetter. Hass Karlsruhe, ehrlich. Ist wie Lörrach, nur in groß, mit 313.092 Einwohnern (Stand 2019).
Was maßen sich eigentlich die Heidelberger an? (7 von 10)
Heidelberg ist super schön. Die Natur, die Altstadt, die Sauberkeit, das Mitbestimmungsrecht der Bürger, der sorgsame Umgang der Bürger mit der Stadt und natürlich die wunderbare Uni. Weniger gefallen hat mir die Überheblichkeit der Heidelberger. Ich bin weitaus nicht die einzige, die der Meinung ist, dass die etwas zu viel von ihrer Stadt halten. Heidelberger fühlen sich so geil, dass sie die Stadt allen ernstes als europäische Kulturhauptstadt beworben haben. Alle, die nicht aus Heidelberg kommen, fragen mich „womit denn?“, wenn ich diese Tatsache droppe, die Heidelberger hingegen rallen gar nicht, warum das so abstrus ist und sagen oftmals sowas wie „Hä? Warum denn nicht? Wir haben doch ein Schloss“. Lol. Dennoch liebenswert und lustig. Einwohnerzahl: 160.355 (Stand 2019). Erfahre hier, was es sich in Heidelberg unbedingt zu sehen lohnt.
Jahaa, ihr habt ein nettes Schloss, liebe Heidelberger. Aber chillt mal, es gibt in Deutschland auch noch geilere Städte.
Mannheim – eine Stadt, die im Herzen bleibt (7 von 10)
Eine gemäßigt wilde Zeit verbrachte ich im weitaus weniger überheblichen Mannheim. Hier erlebte ich viele Abenteuer und war dankbar für jeden einzelnen Tag. Gearbeitet habe ich weiterhin in Heidelberg und pendelte im Sommer von Stadt zu Stadt mit dem Fahrrad. Lese hier, was ich eines Nachts Lustiges auf dem Weg nach Hause erlebt habe. Mannheim ist echter, einfacher und vielfältiger als Heidelberg. Mit 309.370 Einwohnern (Stand 2019) auch knapp doppelt so groß. Ich hatte wirklich Spaß dabei, die Stadt zu erkunden, wenn sie auch richtig hässliche und eklige Ecken hat. Aber auch schöne. Wirklich.
Mannheim von oben aus der Seilbahn der Bundesgartenschau 2023Auch das ist Mannheim – direkt am Wasserturm.Meine geliebten Brutaisten. Stehen schon seit Jahren zum Abriss bereit. Leider.Die Friedrich-List-Schule – eins meiner Lieblingsgebäude in MA. Architekt: Richard Perrey
Frankfurt am Main: Big crush? (7 von 10)
Nun lebe ich seit etwa einem Jahr in Frankfurt. Anfangs war es schwierig, mich mit der Stadt anzufreunden. Gründe dafür sind: Kriminalität, Dreck, Drogen, der Gestank von Kerosin und die riesigen Menschenmassen in der Innenstadt. Dann konnte ich mich jedoch einfinden und liebte eine Zeit lang mein Leben in der Mainmetropole. Die Stadt kann schon vielseitig, geil, laut, aufgeschlossen, kulturell, historisch, wild und kontrovers sein. Immerhin zählt sie 753.056 (Stand 2019) Einwohner.
Die leuchtende Frankfurter Skyline bei Nacht – ich liebe dich, FFM.Manchmal jedenfalls.
Nun muss ich sagen: ne. Nicht ganz mein Fall. Entweder, ich fand es vorübergehend so geil, weil ich das Leben in den wirklich schönen Städten bereits verdrängt hatte, oder ich atmete zu viel Crack am Bahnhof ein. (Spaß.) Frankfurt lässt mich wieder relativ kalt. Vielleicht treffe ich die falschen Menschen. Vielleicht wächst mir das Widerwärtige dieser Stadt langsam über den Kopf. Ich weiß es nicht. Diese 5 Dinge liebe ich aber an Frankfurt.
Das Caricatura Museum in Frankfurt – ein Haus der Künste, das ich immer und immer wieder besuchen könnte. Am 12. Mai endete dort die mehrfach verlängerte Ausstellung „Ach was. Loriot zum Hundertsten“, die ich mir gerne reingezogen hatte – zwei Mal. Und wir wissen ja, was es heißt, wenn ich zwei Mal in dieselbe Sonderausstellung gehe. Das Caricatura zeigte Loriots Zeichnungen, Cartoons, Trickfilme und Fotografien sowie Drehbuchseiten, Bühnenbildentwürfe und Ausschnitte aus Fernseh- und Kinofilmen. Mir hat es sehr gut gefallen.
Spielkarten, 1973Raketen für Jedermann 2, 1960Umgang mit Bären 4, 1962
Durch diese Ausstellung ehrte das Caricatura den bemerkenswerten Humoristen Loriot, auch bekannt als Bernhard-Viktor „Vicco“ Christoph-Carl von Bülow, anlässlich seines 100. Geburtstags. Mit seinem einzigartigen Blick auf die Absurditäten und Grotesken des bürgerlichen Lebens, seinem beispiellosen Umgang mit der deutschen Sprache und seinen berühmten „Knollennasenmännchen“ beeinflusste Loriot jahrzehntelang als Humorspezialist das Medienbild.
Der Künstler Loriot wurde am 12. November 1923 in Brandenburg an der Havel geboren und verstarb am 22. August 2011 am Starnberger See. Mit seiner humorvollen Kunst hat er das deutsche Kulturleben nachhaltig geprägt.
Das ist der gute Mann: Vicco von Bülow alias Loriot. Copyright: IMAGO / M&K
Insgesamt präsentierte die umfangreiche Loriot-Ausstellung 705 Objekte. Neben bekannten Werken wie den legendären Herren im Bad zeigt die chronologische Ausstellung auch Raritäten. So waren unter anderem Porträtzeichnungen des damals 20-jährigen Soldaten aus dem Krieg sowie frühe Werbegrafiken zu sehen.
Sequenzen aus „Herren im Bad“Kann ich derzeit nicht zuordnen und bin offen für Hinweise in den Kommentaren.
Kleiner Ausschnitt aus „Herren im Bad“
Das Caricatura Museum in Frankfurt am Main
Das Museum für Komische Kunst ist bekannt für seine Ausstellungen satirischer und humorvoller Kunst. Mit beeindruckenden Ausstellung von Texten, Zeichnungen und Plastiken sowie zahlreichen zeitgenössischen Werken hat es sich das Caricatura Museum als ein Eckpfeiler der komischen Kunstszene etabliert.
Achim Frenz, Mitbegründer der Caricatura Galerie Kassel, war der treibende Motor hinter der Gründung des Museums in Frankfurt. Er konnte Hans-Bernhard Nordhoff, den damaligen Kulturdezernenten von FFM, von seiner Idee überzeugen.
Das Caricatura Museum öffnete am 1. Oktober 2008 erstmals seine Pforten im restaurierten Leinwandhaus in der Frankfurter Altstadt. Das Wahrzeichen des Museums ist eine bronzene Elchskulptur mit Trenchcoat und Hut vor dem Gebäude – gestaltet von Hans Traxler.
Immer öfter erlaube ichmir diesen Spaß: Ich male Menschen in der Bahn. Ich finde es lustig, kann unterwegs meine Fähigkeiten trainieren und mache etwas Sinnvolles, während ich darauf warte, an meiner Station anzukommen. Ich meine auch, dass meine halb-geheime Übeltat kaum einem Mitreisenden auffällt. Denn bewaffnet bin ich mit einem winzigen Block, einem Stift und einer Sonnenbrille, die vor allem den Zweck erfüllt, dass das gemalte „Objekt“ nicht sieht, dass ich es in regelmäßigen Abständen anstarre.
In Frankfurthabe ich extrem viele Gesichter gesehen, die mich faszinieren. Die Frankfurter haben nun mal das „gewisse Etwas“. Seit ich im Thema Comic und Karikatur bin, sehe ich den Menschen viel intensiver in ihre Gesichter. Dort entdecke ich jedes Mal aufs neue faszinierende Züge, Besonderheiten und Charakteristiken. Ich achte viel mehr auf die Gesichtsausdrücke, seit ich sie zu Papier bringen will. Es erstaunt mich immer wieder, wie vielen Menschen die Emotionen ins Gesicht geschrieben sind. Zuvor fiel mir das nie auf.
Versteckte Kunst in der Bahn: Gesichtszüge und Emotionen
Manchmal passiert es, dass ich Menschen zeichne, und die Zeichnung zwar durchaus aussieht wie ein eigener Charakter, jedoch nicht ansatzweise dem Modell ähnelt. Aber daran arbeite ich. Es gibt durchaus auch „einfache“ Gesichter. Nicht etwa, weil sie einfache Gesichtszüge haben, sondern weil sie derart charakteristische Merkmale in sich tragen, dass es mir als Anfängerin besonders gut gelingt, diese aufzugreifen und zu malen.
Ich liebe jedes einzelne Gesicht in meinem winzigen Block. Zu jeder Person, die ich gemalt habe, hatte ich eine geheime Verbindung, von der die gemalte Person selbst nie erfahren wird. Die Endergebnisse bringen mich zum Lachen oder machen mich nachdenklich. Natürlich fühle ich mit und frage mich zwangsläufig, was in dem Leben meiner Modelle abgeht, wenn sie auf mich traurig, wütend ängstlich oder zerstreut wirken.
Heimlich malen: So suche ich mir meine Modelle aus
Es ist auch schon vorgekommen, dass meine Modelle sofort ausgestiegen sind, nachdem ich sie angefangen habe zu malen. In diesen Situationen fantasiere ich den Rest ihres Gesichts einfach dazu.
Wie ich meine „Objekte“ aussuche, ist einfach: Ich male wahllos alle Menschen, die in meine Sichtweite kommen. Natürlich, wenn ein gewisser Sicherheitsabstand zwischen uns herrscht. Schließlich will ich niemanden verunsichern oder gar jemandem zu nahe treten, wenn ich eine Karikatur überzogen darstelle – oder sie schlicht und einfach nicht so klappt, wie ich es will. Einen großen Bogen mache ich derzeit um schöne, junge Frauen: Noch habe ich es nicht gelernt, ihre Schönheit zu greifen und wiederzugeben. Aber auch daran arbeite ich.
Zum Staunen geht man im Liebighaus in den Keller. Das ist mitunter eines der Erkenntnisse, die ich im Jahr 2024 gewinnen konnte. Als mich meine Mama in Frankfurt besuchte, gingen wir ins Liebighaus, um uns die dortige Skulpturensammlung anzusehen. Von ihr blieb ich größtenteils unbeeindruckt, weil das Neue und das Alte Musem Berlin mich für andere Museen versaut haben. Doch im Untergeschoss des Frankfurter Kunsthauses fand ich Schätze, die ich in der Form noch nie zuvor gesehen hatte – zumindest nicht in diesem Ausmaße.
Denn dort befindet sich die Elfenbeinsammlung von Reiner Winkler (1925–2020). Der Sammler schuf eine ganze Kollektion an Elfenbeinskulpturen mit dem Schwerpunkt Barock. Winkler baute seine Sammlung seit 1962 kontinuierlich auf. Im Laufe seiner Sammeltätigkeiten entwickelte er einen spezifischen Geschmack und konzentrierte sich schließlich voll und ganz auf Elfenbeinskulpturen des 17. und 18., in geringem Umfang auch des frühen 19. Jahrhunderts.
Wie soll ich danach denn jemals wieder auf mein Leben klarkommen? Das ist die Kreuzabnahme Christi aus Süddeutschland, möglicherweise Augsburg, 17. JH. (Fragment. Gesamtwerk im Titelbild.)
Elfenbeinsammlung im Liebighaus Frankfurt
Winkler war der Liebighaus Skulpturensammlung zu Lebzeiten eng verbunden. Mehrfach stellte er dem Museum Leihgaben für Ausstellungen zur Verfügung. Ebendort hat seine Sammlung nun „ihre neue und endgültige Heimat“ gefunden und bleibt somit „als ,Gesamtkunstwerk‘ erhalten“, wie es sich Reiner Winkler ausdrücklich wünschte. Die Exponate sind merkbar erlesen und an Einzigartigkeit kaum zu überbieten. Aus dem Staunen kam ich also gar nicht heraus.
Seit 2019 waren schon zahlreiche Meisterwerke bekannter Bildschnitzer im Liebighaus unter dem Ausstellungstitel „White Wedding zu sehen. Mit der Folgeausstellung „Splendid White“ (2022) wurde die Elfenbein-Sammlung Reiner Winklers im Liebieghaus vervollständigt und ist nun als Dauerausstellung zu sehen. Der Eintritt kostet regulär 8 Euro.
Süddeutschland, wahrscheinlich Augsburg, aus dem 17. JH: Darstellung der acht Haupttugenden. Sieh dir hier Mal diesen Schmuck an und stell dir vor, dass jede einzelne Figur dabei kaum größer ist, als dein kleiner Finger. Ich liebe es einfach. Die Materialmischung ist so wild und so unnötig prunkvoll.
Wie wurde mit Elfenbein gearbeitet?
Es ist die Frage nach dem wie, die immer wieder aufkam, während wir uns die Elfenbein-Sammlung im Liebighaus ansahen. Wie konnte das „weiße Gold“ so bearbeitet werden, dass die Figuren auf den Reliefplatten derart filigran und winzig waren? Hierfür blicken wir kurz in die Geschichte zurück:
Süditalien/Sizilien, 18. JH: Sturz der abtrünnigen EngelMuttern ließ dieses Exponat recht kalt, doch ich war kurz davor, die Scheibe anzulecken, so geil wie ich es fand…
Bereits in der Altsteinzeit schätzten Menschen Elfenbein als besonders kostbares Material, weil es Holz und andere Rohstoffe beachtlich überdauerte. Um Elfenbein zu schnitzen, benutzten unsere Vorfahren Werkzeuge wie Klingen, Bohrer und spitze Stifte aus Feuerstein. Das wissen wir anhand der Spuren auf zahlreichen Artefakten dieses Zeitalters. Irgendwann wechselten die Elfenbeinschnitzer zu Metallwerkzeugen, die deutlich effektiver waren. Trotz dieser Weiterentwicklung bei Werkzeugen blieb die Kunst des Elfenbeinschnitzens über Tausende von Jahren erstaunlich konstant.
Elfenbein: Lag der hohe Grad der Ästhetik am Werkzeug? Nö!
Die handwerklichen Fertigkeiten und das kreative Geschick der Schnitzer prägten diese Kunstform in jeder Epoche der Menschheitsgeschichte. Selbst die Erfindung von Maschinen veränderte die Grundlagen des Handwerks kaum, eröffnete aber neue Gestaltungsmöglichkeiten. So ermöglichten etwa Drehbänke das Drechseln von Elfenbein und die Herstellung von sogenannten Wunderkugeln. Hierbei handelt es sich um kunstvolle Kugeln mit ineinander verschachtelten Verzierungen, die aus einem einzigen Stück Elfenbein gefertigt wurden.
Im 17. Jahrhundert erreichte die Elfenbeinschnitzerei in Europa einen künstlerischen Höhepunkt. Im Barock verzichtete man im Gegensatz zum farbenfrohen Mittelalter auf zusätzliche Bemalung, um den natürlichen, warmen Farbton des Elfenbeins wirken zu lassen. Künstler schufen in diesem Jahrhundert vermehrt Skulpturen, Reliefs und prunkvolle Gefäße mit eingearbeiteten Metallelementen.
Johann Ulrich Hurter: Deckelhumpen mit Triton und Nereiden, um 1700Süddeutschland, 17.JH: Minerva führt die Bildhauerei und Malerei den sieben freien Künsten zu & Darstellung der acht Haupttugenden…wild alterJean-Antonie Belleteste (1731-1811): Verkündigung an MariaJean-Antonie Belleteste (1731-1811): Marias HeimsuchungDer Gähnende (nach Franz Xaver), 19. JHDas ist das Werk vom Titelbild: Die Kreuzabnahme Christi
Die Elfenbeinkunst erlebte mit den prächtigen Werken im Stil der Chryselephantin, einer Kombination aus Gold (oft durch vergoldete Bronze ersetzt) und Elfenbein, während des Jugendstils und Art déco eine letzte Blüte.
Die folgenden Exponate haben nicht das Geringste mit Elfenbein zu tun, außer dass sich mit der Reiner-Winkler-Sammlung zusammen ein Dach teilen. Es sind meine persönlichen Mega-Highlights aus Marmor, Bronze (teilvergoldet) sowie auch Holz:
Johann Heinrich von Dannecker – Adriane auf dem Panther (1803-1814)François Duquesnoy (1597-1643) – Marienbüste und ChristusbüsteNiederbayern um 1440-1450 – MuttergottesChristuskinder aus Deutschland – 16. JH… und natürlich meine Lieblingsthematik: Der Kopf des Täufers
Die Schirn Kunsthalle, ein bekanntes Ausstellungshaus in Frankfurt, feiert eine bemerkenswerte Geschichte nach ihrer Eröffnung im Jahr 1986. In den vergangenen Jahrzehnten hat sie mehr als 200 Ausstellungen präsentiert und genießt sowohl national als auch international hohes Ansehen.
Diese Kunsthalle in Frankfurt ist eine wahre Perle
Das Gebäude der Schirn wurde von dem Architekturbüro BJSS entworfen und gebaut. Die Halle selbst liegt im Herzen der Frankfurter Altstadt und bietet eine Gesamtausstellungsfläche von 2.000 Quadratmetern. Die markante fünfgeschossige Kunsthalle ist mit hellem Sandstein verkleidet und muss schon bald restauriert werden.
Der Name „Schirn“ leitet sich vom althochdeutschen Wort „scranna“ ab, was einen offenen Verkaufsstand bedeutet. Dies bezieht sich auf die Geschichte des Standortes. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war hier nämlich das Zentrum der Altstadt mit den Verkaufsständen der Frankfurter Metzgerzunft.
Diese Museen haben mit der Frankfurter Schirn kooperiert
Seit ihrer Gründung hat die Schirn beeindruckende Partnerschaften mit weltbekannten Institutionen wie dem Centre Pompidou, der Tate Gallery, dem Guggenheim Museum, der Eremitage in Sankt Petersburg und dem Museum of Modern Art in New York aufgebaut. Sie organisiert thematisch ausgewählte Ausstellungen und Projekte zu einzelnen Künstlern, obwohl sie keine eigene Sammlung besitzt. Erfahre hier, welche Ausstellung mich bis jetzt am meisten fasziniert hat.
In jüngerer Zeit hatte das Rennomierte Kunstmuseum einige herausragende Direktoren. Christoph Vitali leitete die Schirn von 1985 bis 1993 und etablierte sie als bedeutenden Ausstellungsort. Max Hollein übernahm im Oktober 2001 die Leitung und hat seitdem durch provokative Titel, außergewöhnliche Ausstellungen und verbesserte finanzielle Ausstattung die Besucherzahlen verdreifacht.
Seit 2022 ist Sebastian Baden der neue Direktor des Kunsthauses. Er ist ehemaliger Kurator für zeitgenössische Kunst, Skulptur und Neue Medien an der Kunsthalle Mannheim.