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Kunst & Architektur

Kirchen: Baden-Badens geheime Schatzkammern

In Baden-Baden liegt Geschichte nicht nur in der Luft. Sie spiegelt sich auch in Stein und Glas wider. Werfen wir doch mal einen Blick auf die architektonischen Meisterwerke der Stadt – die Gotteshäuser. Sie zeigen uns nicht nur, wie unsere Stadtbewohner seit vielen Generationen ihren Glauben leben, sondern geben auch Einblicke in die europäische Baukultur und Experimentierfreude an Gestaltung. Gehen wir sie einmal chronologisch durch und fangen mit der ältesten und wohl bekanntesten Kirche an.

Stiftskirche Liebfrauen in Baden-Baden

Markant thront die Stiftskirche Liebfrauen am Florentinerberg. Ihr rund 68 Meter hoher Turm prägt die Silhouette der Altstadt. Nicht nur meine Fotoarchive sind voll von ihr. Erstmals 987 urkundlich erwähnt, wurde sie im Laufe der Zeit mehrfach umgebaut, erweitert und geformt. Aus dem 13. Jahrhundert ist der romanische Turmschaft erhalten geblieben, während der Chor und das Langhaus zwischen 1453 und 1474 im spätgotischen Stil erbaut wurden.

Was erwartet uns im Inneren? Die Kirche ist dreischiffig mit Querhaus und Chor angelegt. Ihre Decken sind von Kreuzrippengewölben überspannt, die von Sandsteinpfeilern getragen werden. Im Chor finden wir das aufwendig gestaltete Hochgrab des Markgrafen Ludwig Wilhelm (Türkenluis). Davor bleibe ich immer besonders lange stehen, egal, wie oft ich es bereits gesehen habe.

Die evangelische Stadtkirche

Nachdem 1855 der Grundstein gelegt wurde, fand 1864 die Einweihung der Evangelischen Stadtkirche statt. Ihr denkt euch vielleicht: „Wie bitte?“ Zurecht – bei ihrem Anblick könnte man leicht glauben, sie stamme aus der Hochgotik. Doch dem ist nicht so. Tatsächlich gehört sie der Neogotik an, einem Stil des 19. Jahrhunderts, der bewusst die Formen und Motive der Gotik wieder aufgriff. Die Neogotik zählt zu den frühesten Unterarten des Historismus, der sich in Kunst und Architektur an den Stilen vergangener Jahrtausende und verschiedener Kulturen orientierte. Wir kennen das etwa auch vom (Neo-)Klassizismus, der sich an der Antike, vor allem am griechischen und römischen Tempelbau, orientiert hatte.

Die Stadtkirche ist meistens geschlossen, weshalb ich sie heute erstmals, nach all den Jahren, betreten habe. Wunderschön – auch von innen: Im Hauptschiff finden wir spitzbogige Fenster mit farbigen Glasmalereien, die viel Tageslicht hineinlassen. Das Kreuzrippengewölbe überspannt den gesamten Raum und über der Empore am Eingang steht seit 1973 eine eindrückliche Orgel, auf der während meines Besuchs fleißig geprobt wurde. Ein magischer Moment, der mir für lange Zeit im Herzen bleiben wird. Die Deckenhöhe beträgt schätzungsweise 15–20 Meter, aber manche von euch werden wissen, wie (un)zuverlässig ich im Schätzen bin, daher Angabe ohne Gewähr.

Stourdza-Kapelle auf dem Michaelsberg

Mit Neoklassizismus geht es weiter. Die rumänisch-orthodoxe Kapelle Heiliger Erzengel Michael, auch bekannt als Stourdza-Kapelle, wurde zwischen 1863 und 1866 nach Plänen der Architekten Leo von Klenze und Georg von Dollmann erbaut. Sie steht auf dem Michaelsberg. Von Weitem erkennen wir sie an einer der zwei güldenen Kuppeln der Stadt. Sie ist 24 Meter hoch und eine Miniaturreplik der Kuppel der Peterskirche in Rom.

So einfach lässt die Stourdza-Kapelle sich jedoch nicht betreten. Man muss schon einen Termin erbitten, um sie von innen zu sehen. Von außen sehen wir einen kubischen Baukörper, dessen Wandflächen abwechselnd mit weißem, rotem und gelbem Sandstein „gestreift“ sind. Die Vorhalle wird von vier ionischen Säulen getragen. Diese Kirche ist für mich immer wieder ein krönender Abschluss, nach einem Spaziergang auf dem Michaelsberg.

Russisch-Orthodoxe Kirche Baden-Baden

1880 bis 1882 folgt der nächste große Bau: Die russisch-orthodoxe Kirche an der Lichtentaler Straße wird nach den Plänen des St. Petersburger Architekten Iwan Strom errichtet. Sie gehört zum nordrussischen bzw. russisch‑orthodoxen Stil mit byzantinischen Elementen. Ihr Grundriss hat die Form eines griechischen Kreuzes. Das ist auch bei vielen katholischen Kirchen und Klöstern üblich. Wie ihr euch sicher denken könnt, ist das die zweite güldene Kuppel der Stadt. Nur hat sie eine etwas andere Form: Im Deutschen sagen wir „Zwiebelkuppel“ dazu. Diese wird gekrönt von einem dreibalkigen Kreuz.

Das Mosaik über dem Portal und der prächtig ausgestattete Innenraum stammen vom „Malerfürsten“ Grigor Gagarin. Eine sogenannte Ikonostase aus weißem Marmor trennt den Altarraum vom Gemeinderaum – der Blick auf den Altar wird, wie in der russischen Kultur üblich, nur zu bestimmten Gottesdienstzeiten freigegeben.

Weststadt: Katholische Kirche St. Bernhard

Sehenswert ist auch die katholische Kirche St. Bernhard in der Baden-Badener Weststadt. Sie wurde zwischen 1911 und 1914 nach den Bauplänen von Johannes Schroth erbaut. Diese stießen damals auf deutliche Kritik vom bischöflichen Ordinariat, da sie Jugendstil-Elemente aufwiesen. Der Architekt konnte seine Vision des Bauwerks jedoch verteidigen, indem er argumentierte, dass die katholische Kirche damit mit der Zeit gehe.

Stilistisch prägend ist außerdem eine byzantinisch-frühchristlich wirkende Architektur, die sich in der zentralen Rotunde mit Kuppel widerspiegelt. Ihre Fresken und das einfallende Tageslicht wirkten auf mich überwältigend. Ganz zu schweigen von der gigantischen Orgel auf der Empore über dem Haupteingang.

Den Namen St. Bernhard verdankt das Gotteshaus dem seligen Bernhard von Baden. Der verzichtete auf seinen Herrschaftsanspruch und linderte stattdessen die Armut und Not der Bevölkerung, indem er einen Großteil seines Vermögens hinterließ.


Kein Anspruch auf Vollständigkeit, es gibt nämlich noch mehr Kirchen in Baden-Baden, die ich euch nach und nach hier vorstellen werde. Freut euch also auf Updates.

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Kunst & Architektur

Der Teufel im Münster: Versteckte Dämonen und deren Bedeutung

Wer durch das Westportal des Straßburger Münsters tritt, wird nicht nur von himmlischen Figuren empfangen. Zwischen Aposteln, Propheten und Tugenden lauern Fratzen, Krallenhände und spöttische Grimassen. Dämonen, Teufel, Mischwesen – verborgen, versteinert und doch voll Ausdruckskraft. Warum hat ein Ort des Lichts und Glaubens so viel finstere Gesellschaft? Die Antwort liegt in der Symbolsprache der Gotik, der mittelalterlichen Theologie und vielleicht sogar in uns selbst.

Das Böse im Stein: Absicht oder Abschreckung?

Gotische Kathedralen erzählen durch ihre Architektur Geschichten. Besonders in Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich entwickelten sich Portale und Fassaden zu steinernen Lehrbüchern. Dämonen dienten dabei keineswegs der Unterhaltung, sondern der Warnung. Sie zeigten, was passiert, wenn der Mensch sündigt.

Das Westportal des Straßburger Münsters inszeniert eine eindrucksvolle Dialektik von Tugend und Verführung. Auf der linken Seite steht die kluge Jungfrau als Symbol des Himmelreichs – würdevoll, gesammelt, das Gesicht dem Licht zugewandt. Ihr gegenüber, am rechten Portal, tritt das Laster in teuflischer Gestalt auf: Ein höhnisch grinsender Verführer und weibliche Figuren, teils mit gespaltenem Blick.

Man beachte den Verführer mit Apfel im Vordergrund. Copyright: IMAGO / imagebroker

Diese Bildsprache entfaltet sich besonders im Tympanon1 des rechten Portals, das dem Jüngsten Gericht gewidmet ist. Hier wird das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen (Matthäus 25,1–13) eindrucksvoll in Stein übersetzt: Während die klugen Jungfrauen auf der einen Seite mit gefüllten Öllampen Einlass ins Himmelreich finden, folgen die törichten (auf der anderen Seite) einem Dämon in Menschengestalt, der sie mit einem Apfel lockt. Sein Rücken ist von kriechenden Tieren bedeckt – eine Allegorie auf Versuchung und Sündenfall. Diese Darstellungen wirken wie ein moralisches Theater: offen sichtbar, jedoch nicht belehrend. Wer sie sieht, fängt zwangsläufig an zu interpretieren.

So sieht ein Tympanon aus. Unten sieht man das kleine Stückchen Tür, über der all die Pracht stattfindet. © avec Madlen

Auch im Inneren der Kathedrale zeigen die mittelalterlichen Glasfenster eine Vielzahl von Höllenszenen. Dämonen, die aus den Mündern der Verdammten tanzen, Heilige versuchen zu verführen oder Sünder in Flammen verbrennen lassen – diese Darstellungen dienten dazu, die Gläubigen zu erschrecken und zur Buße zu bewegen. In einer Zeit, geprägt von Pest, Hungersnöten und religiöser Angst, waren solche Bilder ein effektives Mittel der moralischen Unterweisung. Hier findest du mehr Bilder.

Der Teufel als Pädagoge: Theologie trifft Bildhauerkunst

Im Mittelalter war der Teufel kein Gegenspieler Gottes im modernen Sinne. Er war ein Prüfstein, ein Werkzeug der göttlichen Ordnung. Dämonen durften nicht angebetet, aber dargestellt werden. Gerade in Kathedralen wie Straßburg wurde so die Theologie sichtbar: Gut und Böse existieren nebeneinander – im Leben wie im Stein.

Die dämonischen Skulpturen am Münster speisen sich aus mittelalterlichen Bestiarien2, biblischen Quellen und volkstümlichen Erzählungen. Der Künstler übersetzte das Unsichtbare in das Sichtbare. Dämonen bekamen Körper, Klauen, Hörner – und ein Ziel: den Betrachter zu erschrecken, zu belehren und zur Umkehr zu bewegen.

Straßburger Münster: Spuren der Angst, Spuren der Macht

Die Position der Dämonen ist niemals zufällig gewählt. Oft sind sie an Rändern, in Kapitellen, unter Wasserspeiern zu finden, als sogenannte „Grotesken“. Während sie tagsüber kaum auffallen, verändern sie bei Dämmerung und Schattenwurf ihr Gesicht. Man könnte sagen, sie „erwachen“.

In der Forschung werden diese Figuren heute auch psychologisch interpretiert. Sie geben Einblicke in kollektive Ängste: vor dem Tod, dem Jüngsten Gericht, der Lust. Gleichzeitig spiegeln sie gesellschaftliche Machtstrukturen wider. Wer dämonisch war, wurde ausgeschlossen – Frauen, Außenseiter, Ketzer3. Die Dämonen zeigen damit auch, wen die Kirche als Bedrohung empfand.

Zwischen Himmel und Hölle: Das Münster als Spiegel

Das Straßburger Münster ist mehr als eine Kirche. Es ist ein Spiegelbild des mittelalterlichen Weltbildes, in dem der Mensch zwischen Licht und Dunkelheit steht. Die Dämonen erinnern daran, dass Erlösung nicht ohne Erkenntnis des Bösen möglich ist. Wenn du das nächste Mal die Stufen zum Westportal hinaufsteigst, schau doch mal genauer hin und denk dabei an mich. Vielleicht lacht dich dabei ein kleiner Dämon an.

Peace 🙂

Fun fact am Rande: Eine lokale Legende erzählt, dass der Teufel, geritten auf dem Wind, das Münster betrat, um seine eigenen Darstellungen zu bewundern. Während er sich im Inneren verlor, blieb der Wind draußen zurück und umkreist seitdem unruhig die Kathedrale, in Erwartung der Rückkehr seines Meisters. Dieser ist vor allem hoch oben auf meiner geliebten Aussichtsplattform wahrnehmbar.

Empfehlung: Etwa 40 Minuten Fahrt davon entfernt liegt das Alte Schloss von Baden-Baden. Erfahre alles über seine Geschichte und den Bau.


Quellen:

  1. Halbrunde oder dreieckige dekorative Wandfläche über einem Eingang, einer Tür oder einem Fenster, die von einem Sturz und einem Bogen begrenzt wird  ↩︎
  2. Mittelalterliche Tierdichtung, die moralisierend tatsächliche oder vermutete Eigenschaften von Tieren und Fabelwesen, allegorisch mit der christlichen Heilslehre verbindet. ↩︎
  3. Eine Person, die von der offiziellen Kirchenlehre abweicht. Oder: jemand, der öffentlich eine andere als die für gültig erklärte Meinung vertritt. ↩︎
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Für diese Kirche lohnt sich ein Trip nach Hessen

Die Erlöserkirche in Bad Homburg vor der Höhe – als ich sie betrat, blieb mein Herz stehen. Mein Plan war es nicht, in der hessischen Kurstadt dermaßen überwältigt zu werden. Ich wollte in Bad Homburg doch nur etwas herumlungern. Aber die Erlöserkirche ergriff mich und ließ mich staunen wie ein Kind. Farbwahl, Mosaikarbeiten, Decken- und Glasmalereien. All das hat mich zutiefst berührt.

Außenansicht der Bad Homburger Erlöserkirche
Das ist die Außenansicht der Erlöserkirche. So weit, so klar. Wart‘ ab, was innen auf dich wartet.

Evangelische Erlöserkirche in Bad Homburg

Die Bad Homburger Erlöserkirche stellt ein beeindruckendes Musterbeispiel der wilhelminischen Neuromanik dar, geprägt durch Jugendstilelemente. In ihrer Architektur verbindet sie die Vision eines christlichen Kaiserreichs. Wobei sie im Innenraum Elemente der sizilianischen Romanik und außen Merkmale der deutschen Hochromanik aufweist. So heißt es zumindest bei Wikipedia. Als ich die vier Türme von weitem Sah, dachte ich: Frühgotik. Dann kam ich näher und verstand, dass da etwas nicht stimmen kann. Die Kirche ist nämlich anders als andere frühgotische Bauwerke, die ich kenne.

„Franz Schwechten hat die Kirchen 1903-1908 nach Plänen von Max Spitta erbaut.“ Als ich dieses Schild an der Außenfassade las, wurde mir klar, dass dieses üppige Stück „moderner“ Architektur etwas besonderes ist. (Alles was nach dem 18. JH gebaut wurde, ist für mich „modern“.) Der erste Blick nach innen enttäuschte nicht. Mich umgab sogleich eine mystische Atmosphäre, die durch die Innenarchitektur gestützt wurde.

Hier habe ich die Evangelische Erlöserkirche gerade betreten
Gold in die Fresse: Mein Lieblingseffekt in Gotteshäusern. Alles güldene, was du hier siehst, besteht aus kleinen Mosaiksteinchen.

Außenarchitektur: Das macht die Kirche so besonders

Die Erlöserkirche präsentiert sich als eine Basilika mit vier Türmen und kreuzförmigem Grundriss, ausgestattet mit Emporen. Ihre Blendarkadenfriese und Lisenen sowie der hohe, doppeltürige Portalbogen mit Tympanon zeugen von ihrem repräsentativen Charakter. What? Ok, noch mal auf deutsch: „Blendarkadenfriese“ bezieht sich auf eine Reihe von Blendbögen, die als dekoratives Element in der Fassade eingebaut sind, aber keine strukturelle Funktion haben.

„Lisenen“ sind vertikale Streifen oder leistenförmige Vorlagen an der Wand, die der Struktur ein gerahmtes, strukturiertes Aussehen verleihen. Der „hohe, doppeltürige Portalbogen mit Tympanon“ ist ein weiteres markantes Element: Es handelt sich um einen großen, bogenförmigen Eingang, der aus zwei Türen besteht. Dieser wird von einem Tympanon überdacht; einem dekorativen Flächenstück, oft mit Skulpturen oder Reliefs verziert. Diese Elemente zusammen demonstrieren den prachtvollen und eindrucksvollen Charakter des Bauwerks.

Ich war schon hier starr vor Freude. Dieser Detailreichtum ist einfach anders wild.

Innenarchitektur der Evangelischen Erlöserkirche

Das äußere Erscheinungsbild des sakralen Bauwerks ähnelt den Kathedralen im Rheinland, besonders dem Dom in Speyer, einem bedeutenden Beispiel mittelalterlicher Architektur. Im Innenraum jedoch zeigt sich durch die Gestaltung und die reichhaltigen Goldgrundmosaiken ein starker Einfluss der Kirchenarchitektur Siziliens. „Goldgrundmosaike“ sind Kunstwerke aus kleinen, oft golden schimmernden Steinchen, die zusammen komplexe Bilder oder Muster bilden. Diese Mosaike sind typisch für byzantinische Kirchen und prägen den Innenraum mit ihrer Pracht.

Die Ikonografie, also die bildliche Darstellung in der Kirche, führt die Tradition der sogenannten Kaiserdome des Heiligen Römischen Reiches fort. Diese Dombauten waren Ausdruck der Macht und des Glaubens des Kaiserreichs.

Innenarchitektur: Jesus, Mosaike und Co.

Die Struktur des Gebäudes als Zentralbau spiegelt die neuesten Trends und Diskussionen im evangelischen Kirchenbau des späten 19. Jahrhunderts wider. Die Innenausstattung kombiniert Elemente der byzantinischen Baukunst. Diese sind durch durch opulente Mosaike und großflächige Dekorationen gekennzeichnet. Auch gibt es Elemente des Jugendstils.

Das Bildprogramm der Kirche dreht sich zentral um die Figur Christi. Diese Front in Pantokrator-Mosaik der Apsiswölbung. Das Erlöserthema wird natürlich auch durch den Nachdem der Kirche zum Ausdruck gebracht. Ein „Pantokrator-Mosaik“ ist ein typisches Bildmotiv in christlichen Kirchen, das Christus als allmächtigen Herrscher darstellt. Oft findet man solche Darstellungen in einer Kuppel oder Apsis. Dieses zentrale Thema wird auch im Motiv des Lebensrades aufgegriffen, das in der Kuppel der Kirche zu finden ist und den zyklischen Charakter des Lebens und der Erlösung symbolisiert.

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Impressionen: Nürnberger St. Lorenz Kirche

Für drei Tage und zwei Nächte hatte ich das Vergnügen, im schönen Nürnberg zu sein. Ich sah mir die Operette „Die Fledermaus“ im Staatstheater an, besuchte natürlich das bedeutsame Germanische Nationalmuseum und sah mir die St. Lorenz Kirche genauer an. Viel Zeit hatte ich nicht, aber ich konnte folgende Eindrücke sammeln:

Was für ein Anblick... Ich habe die St. Lorenz Kirche in Nürnberg bei gutem Wetter erwischt
Die St. Lorenz Kirche in Nürnberg ist eine gotische Kirche. Sie ist dem Heiligen Lorenz gewidmet.

Das Rosettenfenster, das du nur auf dem Bild der Außenfassade siehst, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg restauriert. Dies konnte erfolgen, weil Originalteile des Fensters im Depot des Germanischen Nationalmuseums gefunden wurden. In diesem Museum habe ich übrigens einige Lucas Cranachs gesichtet.

Bau der St. Lorenz Kirche in Nürnberg braucht über 200 Jahre

Der Bau der dreischiffigen Basilika begann um 1250. Der spätgotische Hallenchor wurde 1477 vollendet. Als ich vor diesem gigantischen Bauwerk stand, wurde mir klar, wie unbedeutend und klein ich bin.

Innenräume der St. Lorenz Kirche in Nürnberg
Seit der Reformation ist die Lorenzkirche neben der Sebalduskirche eine der beiden großen evangelischen Stadtkirchen Nürnbergs, die beide zum Dekanat Nürnberg der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern gehören. 

Kirchenfenster in der St. Lorenz Kirche zu Nürnberg

Im Chor und im Langhaus der Kirche gibt es wichtige spätgotische Bleiglasfenster. Die Fenster im Hallenchor wurden im Jahr 1476/77 von Michael Wolgemut gestaltet. Teilweise basieren sie auf den Entwürfen von Hans Pleydenwurff, der im Jahr 1472 verstorben war. Wolgemut hatte zu dieser Zeit die Werkstatt von Pleydenwurff übernommen. Einer der Lehrlinge, die dort später von 1486 bis 1490 arbeiteten, war – halt dich fest – Albrecht Dürer:

Kirchenfenster in Nürnberg
Schmidtmayer-Fenster (von Albrecht Dürer und Hans Süß von Kulmbach)
Kirchenfenster, Malereien
Wenn jemand eine Ahnung davon hat, wessen Fenster das ist, gerne in die Kommentare schreiben.

Als ich durch diese wunderbare Kirche ging, hatte ich eine heftige Reizüberflutung. Mein Auge musste sich erstmal an die leuchtenden Farben der Kirchenfenster gewöhnen. Gleichzeitig sind die Gedanken von der Höhe der Kirchendecke überwältigt. Ich musste meinen Kopf ganz weit nach hinten fallen lassen, um die Schönheit der Gewölbe zu erblicken. Dabei versuchte ich natürlich meinen Mund zuzuhalten, denn ich kam aus dem Staunen gar nicht raus.

Kirchenfenster in der Nürnberger St. Lorenz Kirche
Hier sieht man den Annenaltar (1510, von Hans Süß von Kulmbach). Dahinter befinden sich die
Haller-Fenster (links) und die Knorr-Fenster (links).

Einzigartige Feinarbeit: Ein 20 Meter hohes Tabernakel

Das Sakramentshaus St. Lorenz, entstanden zwischen 1493 und 1496, ist ein rund 20 Meter hohes und zirka 3,40 Meter breites Tabernakel. Hier werden die geweihten Hostien aufbewahrt. Oberhalb des eigentlichen Sakramentsschränkchens sind verschiedene Szenen des Leidens Christi dargestellt.
Im Zweiten Weltkrieg wurden Dach und Gewölbe stark beschädigt. Der Bau wurde jedoch wiederhergestellt. Die sehr bedeutende spätgotische Ausstattung blieb durch Auslagerung weitgehend erhalten.
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Reisen

Klassiker: Ich blamiere mich in einer polnischen Kirche

Wie ich so bin, musste ich mir während meiner Kunstreise durch Amsterdam, Hamburg, Berlin und Breslau natürlich auch die Kirchen in der jeweiligen Stadt ansehen. So kam es auch in Polen dazu, dass ich eine betrat, die mich schon von außen besonders angesprochen hat. 

Breslauer Kirche von innen: Man sieht den seitlichen Altar, die sakralen Gemälde und auch die Skulpturen
Die Breslauer Kirche von innen: Dieses Foto entstand Sekunden vor meiner Peinlich-Aktion

In der Breslauer Kirche: Ich dachte, ich sei allein

Da saß, stand und ging ich nun durch die sakralen Räume der Kirche in Breslau. Es war still und ich war allein. Scheinbar. Wie aus dem Nichts stürmten etwa 8 bis 10 junge Menschen in das Gotteshaus und platzierten sich auf den Bänken. Sobald sie knieten, fing es an: Ich hörte die schönsten Singstimmen, die ich seit Langem gehört hatte und befand mich wohl mitten in einem Gottesdienst. 

Unter der Gruppe der Singenden war nur ein Mädchen. Sie war etwa in meinem Alter und hellte den Gesang ihrer Kameraden auf. Ich wurde starr. Durfte ich überhaupt hier sein? Wäre es komisch, wenn ich jetzt ginge? Ich war etwas unentschlossen und darüber hinaus auch die einzige Person in der Kirche, die weder kniete noch sang. Sollte ich mitsingen? 

Peinlicher Abgang aus dem Gotteshaus in Breslau

Nachdem ich wieder bei Sinnen war, entschied ich mich zu gehen. Ich hoffte, die singenden Engel würden es mir nicht übelnehmen. Ich machte mich langsam aus dem Staub. Aber natürlich gelang es mir nicht, unauffällig zu verschwinden. Ich knallte mehrfach gegen die Kirchenbänke und kam einfach nicht mehr klar auf meine Tollpatschigkeit. Die knarrende Kirchentür war mir bei meinem dramatischen Abgang auch nicht gerade behilflich. Doch sie hinter mir zuzuziehen, brachte ich nicht übers Herz. 

So stand ich also mit dem Gesicht in der Kirche und mit dem Rest meines Körpers bereits in der eisigen Kälte. Die Sängerin bemerkte meinen bewundernden Blick und lächelte, während sie das Gebet weiter sang. Ich hätte bleiben sollen. 

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