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Elefantenberg Haiphong: Werde ich jemals ankommen?

Der Elefantenberg in Haiphong zog mich magnetisch an. Also ging ich los. Mein Navi berechnete mir einen Fußmarsch von etwa drei Stunden. Die Sonne schien warm auf die vietnamesische Erde hernieder und ich verließ langsam die staubige Straße, die mich von meinem Hotel fast überall hin führte. Dann ging ich durch ein Dorf, das am helllichten Tage zu schlafen schien. Schmale Häuschen, meditierende Obstverkäufer, ein buddhistischer Friedhof. In der Ferne ein Feuerwerk. Was gefeiert wurde, weiß ich nicht. Hochzeit? Geburtstag? Ich malte es mir aus.

Vietnam: Ich lande in einem Sumpfgebiet

Als ich weiterging, landete ich mitten in einem Sumpfgebiet. Ob das wirklich ein Sumpf war, wage ich natürlich zu hinterfragen, aber für mich sah es ganz danach aus, als würden die vielen ledrigen Blätter und Pflanzen auf einer Wasseroberfläche ruhen. Es war ein schöner Anblick und ich blieb stehen, um ihn länger auszukosten. Mitten im Grün ein kleines Schild aus Holz. Doch da der Fotoübersetzer mir wieder Mal Unsinn lieferte, werde ich wohl kaum erfahren, was da drauf steht.

Haiphong Vietnam

Nur wenige Schritte weiter lag ein Fluss. Er erinnerte mich so wahnsinnig an das Heimatdorf meines Vaters. Es waren die gleichen naturbelassenen Gehwege – von tausend Füßen zerstampft. Es waren die gleichen Fischer am Ufer, nur eben nicht die gleichen. Frachtschiffe, Steine, Stille. Sonne, Staub und Schmetterlinge. Was anders war, waren all die Bäume und Pflanzen rings rum. Ich weiß nicht, wie ich sie beschreiben soll, wer aber einen Blick drauf würfe, würde sie mit Sicherheit als „asiatisch“ bezeichnen. Vorausgesetzt er ist ebenso botanisch unterbelichtet, wie ich es bin.

Haiphong: Muss das Abenteuer enden?

Ich ging und ging. Der Fluss glitzerte mir entgegen, während die Bewohner der Häuser entlang des Ufers mir zuwinkten – manche sogar mit Palmenblättern aus ihren Gärten. Hin und wieder riefen sie etwas in meine Richtung, was ich jedoch nicht verstand. Dann endete die Idylle.

Mein Navi wollte mich über eine Autobahnbrücke führen. Und wer Vietnam auch nur ein bisschen kennt, weiß, dass viele Orte sowieso nicht für Fußgänger geeignet sind. Diese dicht befahrene Brücke war aber in Sachen Lebensgefahr sogar für mich zu viel, obschon ich mich sehr gerne auf adrenalinerfüllte Erfahrungen einlasse.

Doch so ein hohes Level an Verrücktheit konnte ich in dieser Lebenssituation nicht aufbringen. Kurz schoss mir durch den Kopf, dass mein Abenteuer hier sein Ende nehmen könnte. Doch ich wollte es wissen. Deshalb versuchte ich den gefährlichen Weg nach dem Gefühl meines inneren Kompass zu umgehen. Ich ging und ging – meine Füße schmerzten. Immerhin hatte ich einen bösen Glassplitter in der linken Fußsohle. Dann kam ich in einem Arbeitergebiet an, wie es schien.

Sackgasse: Wo bin ich denn hier wieder gelandet?

Dort sah ich junge Frauen in kleinen Häuschen, die hektisch, aber eingeübt etwas auf ihren Nähmaschinen nähten. Ich fragte mich, ob es das war, was ich dachte, was es war. Aber für einen Sweatshop kam mir das ganze viel zu privat vor. Ich weiß nicht, was ich da gesehen habe. Als ich weiterging, kam ich an einem Tor an. Personenkontrolle. Ich blickte auf mein Handynavi – auf den uniformierten Wärter – auf mein Handynavi – auf die Leute, die die Kontrolle passieren und wieder auf den uniformierten Wärter. 

Dann zeigte ich in die Richtung, in die ich wollte und blickte ihn fragend an. Er lehnte ab und zeigte auf seine Hose. Sie war lang. Ok. Meine war kurz. Ich werde wohl nie erfahren, ob er mich wegen meiner kurzen Hose nicht rein ließ, ob er mich als dumme Hose bezeichnete, oder ob er mich lediglich darauf aufmerksam machte, dass ich versuche, mir Zugang auf das Gelände einer Hosenfabrik zu verschaffen.

Was nun?

Umkehren. Jetzt schon war ich müde und hungrig, obwohl ich noch gute 1h 40 Fußmarsch vor mir hatte. Es schien, als wäre der einzige Weg auf die andere Seite des Flusses die dicht befahrene Autobahnbrücke. Einige planlose Schritte weiter stand ich mal wieder mitten in der Pampa. Langsam sah ich ein, dass ich ein Taxi brauchte. Wo um alles in der Welt sollte ich jetzt nur eines herkriegen?

Ich suchte ein Restaurant, um meine Gedanken zu ordnen. Ich fand keins. Nur Karaoke-Bars, in denen gerade aus ganzem Herzen vietnamesische Lieder gesungen wurden. Ruhige Wohngebiete, grasende Kühe und Ziegen – kein Mensch weit und breit. Ich atmete tief durch. Dann fand ich einen Kiosk und holte mir Wasser und einen kleinen Snack. Die Besitzerin war, wie praktisch alle Menschen in Vietnam, herzlich nett und holte ihre Kinder, um mich ihnen zu zeigen. Die Kinder blickten mich mit großen Augen an und sagten mir, ich sei „beautiful“.

Allein in Haiphong: Ein schwarzer Wagen hält vor mir

Ich schlenderte weiter planlos durch die Straßen, bis mir ein schwarzer Wagen in Hochglanz den Weg kreuzte und staubaufwirbelnd abbremste. Der etwa 45-jährige Fahrer mit einem gepflegten, schmalen Schnauzbart stieg aus und forderte mich wohl dazu auf, hinten einzusteigen. Ich fragte: „Taxi?“ Er nickte. Ich hakte skeptisch nach: „Ja?“ Er nickte. So, wie ich bislang nur Asiaten habe nicken sehen. Mit meinem ach-was-solls-Gedanken stieg ich ein und zeigte ihm meine Zieladresse. Zu meinem Glück, oder vielmehr Staunen, holte er den Taxometer raus. Er hatte nicht gelogen.

All zu lange fuhren wir nicht. Der Weg war schön – ein sehr ländlicher Teil von Haiphong. Als wir mitten auf einer abgelegenen, jedoch befahrenen Straße anhielten, stellte ich fest, dass Trip Advisor mich erneut hintergangen hatte. Zwar existierte dieser Ort grob gesehen, die Bilder dazu, sowie auch die angegebene Adresse passten aber nicht. Schhhh…weinerei. Ich bezahlte und ging zu Fuß weiter. So ging’s weiter.

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Baler: Die Brücke die mich Demut lehrte

Der Tag am Strand von Baler war pure Träumerei. Ich lief, wohin das Auge reichte – bis es eben nicht mehr weiterging, weil ein Fluss meinen Weg kreuzte. Auf meinem Rückweg luden mich ein paar Fischerjungs zu einem köstlichen Mittagessen ein. Sie machten mir kleine Krebse und zwei verschiedene Fischarten. Dazu gab es eine leichte, hausgemachte Fischsuppe. Ich wiederum teilte meine Gemüsechips mit ihnen, die Gefallen fanden. Ihre Gastfreundschaft ging ins Herz.

Philippinen, Insel Luzon: Dieser Strand in Baler kam mir beinahe unendlich vor.

Brücke in Baler: Mein Weg zurück zur Unterkunft

Auf dem Rückweg lief ich über die Brücke, die abrupt endete. Begehen konnte man sie lediglich über zwei steile wackelige Bambusleitern an beiden Enden. Als ich zum ersten Mal mit diesen konfrontiert wurde, traute ich mir gar nicht zu, sie meistern zu können. Bereits beim vierten Mal hatte ich aber meine perfekte Technik, sie zu besteigen, voll und ganz entwickelt. Das ging sogar mit Flip Flops und einem schweren Rucksack.

Das, was die Brücke ausmacht, hab ich blöderweise nur auf Video festgehalten. Aber wofür gibt es denn eigentlich die gute alte Screenshot-Funktion? Man beachte die atemberaubende Aussicht.

Ich mutmaße mal, dass diese Brücke ursprünglich für den Verkehr gedacht war. Sie war sehr robust, aus Beton und groß genug, um Autos, Mopeds und Tricycles zweispurig zu dienen. Ihre beiden Enden könnten entweder einfach nie fertiggebaut worden sein, oder aber sie wurden von Taifunen weggerissen.

Philippinen: Menschen leben ohne fließendes Wasser

Auch unter dieser Brücke befand sich ein Fluss, der direkt ins Meer floss. Außerdem war da noch eine öffentliche Wasserquelle. Entweder wuschen die Dorfbewohner da sich selbst, ihre Kleider oder holten Wasser für Zuhause. Als ich dort kleine zierliche Mädchen sah, die Wasserkanister nach Hause schleppten, verstand ich, dass es in Baler durchaus Haushalte gibt, die kein fließendes Wasser haben.

Lief man nämlich am anderen Ufer des Flusses, lebten dort zwischen den Palmen die Menschen etwa in Zelten. Dort habe ich überwiegend Männer gesehen, daher denke ich, dass es Saisonarbeiter oder Fischer gewesen sein könnten. Das würde nämlich Sinn machen, weil am gleichen Ufer auch die ganzen Fischerboote angebunden waren. Und eines Morgens hörte ich sogar, wie sie allesamt mit ihren dröhnenden Motoren ausfuhren. Später fand ich bei den Einheimischen heraus, dass die Thunfischsaison begonnen hatte.

Baler: Die Begegnung, die mich als Mensch veränderte

Unter jener Brücke sah ich auch eine junge Frau, vielleicht etwas jünger als ich. Sie trug einen blauen Badeanzug und shampoonierte ihr Haar. Sie saß an dieser kleinen Wasserquelle. Unter ihren nackten Füßen war Erde – und sie hockte mittendrin. Ihr Blick hatte etwas von Hinnehmen und Aushalten. Er ging unter die Haut. Mir kommen sogar beim Korrekturlesen die Tränen. Im gleichen Moment fiel mir ein, wie ich noch vor sieben Tagen darunter zu leiden dachte, hier in Baden-Baden keine Badewanne in meiner Wohnung zu haben. Ich schämte mich leise.

Und obwohl in meiner Unterkunft kein gefiltertes Wasser aus dem Hahn lief, duschte ich an jenem Abend mit Dankbarkeit. Trübes Wasser hin oder her.


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Manila erschüttert mich

Ein Meer aus Farben flutete meine Sinne auf dem Markt in Manila. Unmengen neuer Gerüche und erstaunter Blicke. Ich ging vorsichtig durch die Reihen und schaute mir die getürmten Jackfruit, Drachenfrüchte, Bananen und Co. an. Kaufen konnte ich nicht viel, da mein Rucksack schon fast eine Tonne wog. Immerhin würde mein Bus nach Baler erst um Mitternacht kommen und bis dahin müsste ich den ganzen Tag das Ding quer durch die Hauptstadt schleppen.

Ich spazierte zwischen den Fleischtheken. Ein regelrechtes Erlebnis war das für mich, jedoch kein besonders angenehmes. Doch ich war entschlossen, Eindrücke zu sammeln. Hier beachtete mich kaum jemand und ich filmte ungestört. Die Marktverkäufer waren viel zu beschäftigt damit, Schweineköpfe zu zerhacken, mit der Kundschaft zu verhandeln und die ganze pampige Soße mit Wasserschläuchen von den Gehwegen abzuspritzen. Dieses Geräusch, wenn das Metzgermesser den Schweineschädel spaltet, hallt mir immer noch in den Ohren nach. Wie es mit einem peitschenden Ton erst an Geschwindigkeit gewinnt und schließlich auf das tote Tier prallt, sodass der Schädelknochen knackt. Ich gruselte mich und bekam überall kalte Gänsehaut, wie damals, als ich an meinem aller ersten Tatort war.

Ich ging weiter. Haushaltswaren, Gewürze, lange Bohnen, getrocknete Gräser, Pflanzen und Gurkenarten, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Planlos bog ich hier und da ab und landete wieder beim Obst. Es wäre eine Schande gewesen, wenn ich hier nicht doch etwas gekauft hätte. Also kaufte ich etwas Jackfruit bei einem Mann, der die gigantische Frucht vor meinen Augen zerteilte und ein Stück davon in eine kleine Tüte steckte, die er mir dann reichte. „How much?“, fragte ich. Er musterte mich von Kopf bis Fuß. Dann tuschelte er mit seinem jüngeren Kollegen vom Obststand gegenüber. Beide lachten mir recht dreckig ins Gesicht. „100 Pesos“. Von mir aus. Ich verließ die Markthalle.

Ab auf die Straße

Draußen: reges Treiben. Drei hübsche Philippiner kamen mir entgegen und schauten mich so an, wie ich üblicherweise Statuen aus der Renaissance anschaue. „Hi Mam'“ sagte einer. „Mother“, sagte der zweite. Ich schmunzelte. Tricycles und Motorräder rauschten an mir vorbei – ich stolz mit der Tüte Jackfruit in der Hand. Gleich würde ich nach Kaffee Ausschau halten. Meinen ersten Kaffee auf den Philippinen.

Ab durch die dicht befahrene Straße. Auf beiden Seiten: Blechhütten. So etwas habe ich noch nie in meinem Leben gesehen. Noch nicht einmal vermutet hätte ich, dass solche Orte existieren. Aber hier leben Menschen. Männer, Frauen, Kinder, Alte. Das Blech der Fassaden glänzte in der Sonne. Vor den Fenstern hing Kleidung zum Trocknen, der Verkehr floss unaufhörlich, während die mageren Straßenhunde sich mit ihm arrangierten.

Ich bin in einem dieser Momente gefangen, in denen ich so wahnsinnig gerne Fotos machen würde, um es mit euch zu teilen, aber ich bremse mich, weil ich vermute, dass das Abfotografieren der Lebensbedingungen auf die Bewohner respektlos wirken könnte. Ich ringe innerlich mit mir selbst, da ich niemanden verletzen möchte. Schließlich mache ich ein einsekündiges Video. Diese Blechhütten waren der bisher heftigste Indikator für Armut, den ich auf den Philippinen erlebt habe. Doch schon sehr bald würde ich noch intensivere Erlebnisse sammeln.

Ich schließe eine Freundschaft in Manila

Mitten in diesem Blechhüttenviertel sah ich einen kleinen Laden. Zigaretten, Chips, Kaffee… Sogar ein Platz zum Hinsetzen. Ich fragte den Besitzer, ob er mir Kaffee aufgießen könne. Er freute sich über mich, platzierte mich herzlich, richtete den Ventilator auf mich und schlug mir vor, mein Handy zu laden. Ich war sehr dankbar für diesen Mann. Ralph ist sein Name.

„Du bist meine erste ausländische Kundin“, berichtete er in verhandlungssicherem Englisch. Sein kleines Geschäft führte er erst seit wenigen Monaten. Gut lief es, er habe bereits viele Freundschaften mit den Anwohnern geschlossen. Diese kamen auch fortwährend vorbei, um bei ihm einzelne Zigaretten, Cola und Bier zu kaufen. Viele der Männer sahen aus wie Badass-Gangster: Bandana, silberne Ringe, Narben im Gesicht, dünner Bart, Killerblick mit einem gleichzeitigen Funken kindlichen Interesses, als sie mein schneeweißes Gesicht hinter dem Tresen bemerkten.

Philippinen: Einheimische mit besonderer Mentalität

Bauarbeiter, Jungs, Großväter – alle kamen vorbei, während Ralph mir über seine Frau und die beiden Kinder erzählte. Sein Sohn 15, seine Tochter 8. Sein Hauptbusiness: Software-Ingenieur, wahrscheinlich irgendwo in einem der Hochhausbüros Manilas. Normalerweise kümmerte sich die Frau um den kleinen Laden. Doch heute musste sie zu einem Elterngespräch in die Schule, weshalb er einsprang. Ich stellte mir vor, was für ein liebevoller Vater er sein musste. Seine Besonnenheit, Güte und Offenheit leben bis heute in meiner Erinnerung. Ich ahnte noch nicht, dass das die schönste Begegnung meiner ganzen Zeit auf den Philippinen werden würde. Zum Glück sind wir Facebook-Freunde geblieben.

„Wenn hier die Taifune wüten, verlieren viele Menschen ihr Zuhause. Armut ist hier Teil unseres Lebens“, erzählte er mir. Nach den schwerwiegenden Naturkatastrophen zieht er mit seinem Sohn los und verteilt Reis und Essenspakete an die Menschen, die alles verloren haben. Grundsätzlich herrscht auf den Philippinen ein starker Zusammenhalt. Besonders kommt dieser bei Katastrophen zum Vorschein. Er ist Teil der Mentalität. Das spürt man sogar als jemand, der nicht ihre Sprache spricht. Es ist nicht greifbar, aber es ist da. „Ich spreche immer mit meinem Sohn und zeige ihm, wie wichtig es ist, Menschen in Not zu helfen.“ Ich schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen und Mund an und saugte seine Weisheit auf. „Manchmal frage ich ihn, wie er sich bei der Essensverteilung fühlt und er sagt mir, dass er es liebt, den Armen zu helfen. Ich bin sehr stolz auf ihn.“ Das war ich auch. Auf beide – Vater und Sohn.

Ihm vertraute ich und verriet, dass ich alleine reiste. Er schüttelte den Kopf, aber entmutigte mich nicht. Viel mehr erkannte er meinen Mut an und zeigte seinen Respekt davor. Dann gab er mir eine philippinische Süßigkeit zum Probieren. Es war köstliches Gebäck mit Nüssen, einer gelartigen Füllung und Puderzucker obendrauf. Ich bestellte einen zweiten Kaffee.

So waren die traditionellen Leckereien verpackt. Hübsch, nicht wahr? Weiß jemand, ob man die auch hier bei uns in Deutschland kaufen kann?

Die Tüte Jackfruit und ich ziehen weiter

So gerne ich auch hier war, Manila würde sich nicht von selbst erkunden lassen. Ralph – ich wette, er ist höchstens 5 Jahre älter als ich – bat darum, ihm zu versprechen, dass ich in Baler auf mich aufpassen würde. „God bless you“, sagte er mir mit ernstem langen Blick und weigerte sich, von mir Geld anzunehmen. Wir verabschiedeten uns wie alte Freunde und machten dieses Foto zusammen, auf dem mein Gesicht nach dem Langstreckenflug, der zu dem Zeitpunkt nur wenige Stunden zurücklag, maximal geschwollen ist:

Die Tüte Jackfruit hat mit mir zusammen die halbe Stadt gesehen. Sie war sogar bei der Begegnung mit den Straßenkindern dabei, über die ich euch bereits erzählt habe. Kurz bevor mein Bus kam, habe ich den Inhalt vernascht. Dieser war zwar schon etwas gequetscht, aber immer noch saftig und schier unvergesslich. Ich pulte die essbaren Stücke mit schmutzigen Fingern aus dem faserigen Fruchtfleisch, das ihr wirklich nur dann essen solltet, wenn ein Zahnstocher o.ä. in greifbarer Nähe ist. Der klebrige Saft rannte mir bis zu den Ellenbogen und ich reagierte ein bisschen allergisch auf die Frucht. War mir aber egal. Es war ein hoher Moment des Genusses.

Klebrig und zufrieden am Busbahnhof. Schon bald würde es nach Baler gehen.

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„Können Sie überhaupt fahren?“ – NEIN!

Brumm – ich rausche in unbekannter Richtung die giftgrünen Feldwege entlang. Ab und zu muss ich den abgemagerten Hunden ausweichen, die unverhofft meine Wege queren. Ich fahre und höre kaum etwas außer dem Motor und das schwache Stimmchen meines Navis, das mir bereits seit 40 Minuten versucht weiß zu machen, dass ich auf der falschen Route bin.

Der Himmel färbt sich grau und ich sehe die ersten güldenen Blitze am Horizont aufleuchten. Kurz muss ich mich schon fragen, ob ich nicht lebensmüde bin, doch werde gleich wieder von den grünen Weiten abgelenkt. Es regnet bereits seit heute Morgen, was mich in einer gewissen Anspannung hält. Auf den Philippinen hat die Regenzeit begonnen. Und diese ist bekannt für ihre Taifune, die kaum etwas stehen lassen, wenn sie über das Land ziehen. Jeden Tag und jede Nacht hoffe ich insgeheim, die Naturgewalt miterleben zu dürfen. Andererseits hab ich großen Respekt davor, wenn nicht zu sagen: große Angst. Ok, erwischt: ich hab die Hosen randvoll.

Baler – wie im Film

Ich fahre weiter. Der Nebel hat sich um die Gebirgskette vor mir gelegt. Alles, was ich wahrnehme, kommt mir vor wie im Film. Der wohl beste und arthousigste, den ich je gesehen habe. Mit seinen Höhen, Tiefen, Wendepunkten, einer erhöhten Farblichkeit, einem chaotischen Drehbuch, über das ich keinerlei Kontrolle habe.

Aus den kleinen Betonhütten mit Gittern statt gläserner Fenster strecken sich kleine winkende Hände in meine Richtung. Die Kinder freuen sich, mich zu sehen. Manche rennen raus auf die Straße und hüpfen und rufen mir etwas in ihrer Muttersprache zu. Ich hupe – und sie freuen sich noch mehr. Hüpfen durch die Pfützen und kreisen sich mit ausgestreckten Armen und dem Gesicht gen Himmel, als würden sie versuchen, die von dort herabfallenden Tropfen aufzufangen.

Ich hab ihn lange gesucht…

Die Suche nach einem fahrbaren Untersatz dauerte ewig. Eines Freitags war es aber soweit: Der Mann an der Hotelrezeption füllte die nötigen Papiere aus und übergab mir auf Verlangen den Helm. „Können Sie überhaupt fahren?“, fragte er mich halb ernst. „Klar“, log ich ohne mit der Wimper zu zucken. Die beobachtete Proberunde mündete fast im Meer. Zum Glück lasse ich mich von Missgeschicken nicht beeindrucken. Deshalb fuhr ich schnell davon und winkte nett, als wäre nichts gewesen.

Philippinen: Mein erster Tag auf dem Roller

Freiheit. Die feuchte Luft schmettert mir ins Gesicht, während meine Hände die noch unbekannte Maschine lenken. Wie schnell ich fahre, weiß ich nicht, da meine Geschwindigkeitstafel vermutlich schon lange vor meiner Zeit den Geist aufgegeben hatte. Ich fahre und lache und drücke auf die Tube und schau mir die üppige Natur von Baler im Schnelldurchlauf an. Keine Ahnung, wohin. Hauptsache staunen.

Ein reines Glücksgefühl war das, zum aller ersten Mal durch kaum bewohnte Gegenden zu düsen und dabei zu wissen, dass ich genau da ankomme, wo Gott mich haben will. Vor mir sah ich die unendlichen Berglandschaften von Aurora, während das einzige, was mich vom Meer trennte, Kokospalmen und der mal sandige mal steinerne Strand war. So fühlte sich Glück also an. Zum einen wurde das dadurch intensiviert, dass ich nach tagelanger Suche endlich mein Moped fand, das nicht allzu überteuert war. Zum anderen, weil ich, nachdem ich die ersten 20 Minuten erhöhten Unfallrisikos überstanden hatte, tatsächlich fahren konnte. So schwer ist es aber auch gar nicht. Die Straßen in Baler sind neu gemacht und es fährt sich auf ihnen gar besser, als auf unseren. Wenn in der Provinz Aurora etwas funktioniert, dann offensichtlich Straßenbau.

Schau gerne auch hier vorbei: Die Brücke in Baler, die mich Demut lehrte

Natürlich spiele ich mit dem Gedanken, mir einen Roller zu holen

Ich vermisse den Roller. Ich denke mir jedes Mal: Jetzt mit dem Ding mit einem Zigarettchen zwischen den Zähnen durch das nächtliche Baden-Baden düsen. Das wär’s doch. Es wäre aber niemals so, wie auf den Philippinen. Dort fühlte ich die Freiheit förmlich tanzen, als ich der Sonne entgegen durch befahrbare und nicht befahrbare Straßen sauste. Es war zu cool. Der linke zerbrochene Spiegel zeigte mir immer ein Stück von der Straße hinter mir und etwas Palmen, Berge sowie den strahlend blauen Himmel.

Fünf fantastische Tage verbrachte ich mit meinem Roller. Zu filmen hatte ich gar kein Bock. Naja, wäre auch ein bisschen lebensgefährlich gewesen. Nächstes Mal dann mit GoPro, versprochen.


NEU: Komm auf mein Tiktok-Account und schau dir meine Abenteuer auf den Philippinen und Co. im Videoformat an.

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Tag 1 in Porto: Das habe ich unternommen

Als ich in einem kleinen Zimmer in Porto aufwachte, wusste ich noch nicht, was mich an diesem Tag erwarten würde. Es regnete ziemlich heftig und ich ließ das Fahrrad stehen. Porto liegt auf einem ziemlich steilen Hügel und mit einem Fahrrad, dessen Bremsen nicht das Gelbe vom Ei sind, wollte ich diesen nicht erkunden. Also ging ich zu Fuß los. Was mir gleich auffiel, war diese entzückende Architektur: Kleine, rechteckige Häuser – bedeckt mit bunten Fliesen in allen möglichen Mustern und Farben. Ein wirklich schöner Ausflug für das Auge.

Eine Häuserreihe in einem steilen Gässchen der portugiesischen Stadt Porto. Bunte Vielfalt, Kopfsteinpflaster und parkende Autos.
Eine kleine Gasse in Porto. Hier sieht man schön, wie steil die Straßen dieser Stadt sind – und auch, wie lebendig die Architektur der kleinen Häuser ist.

Mein erster Tag in Porto verlief planlos

Planlos ging ich durch die Straßen, um das Leben der Portugiesen in Porto aufzufangen. Natürlich ist es anders, als in A Ver-o-Mar, wo ich die Tage zuvor verbracht hatte. Es läuft schneller, ist energischer und bunter. Ich sah viele schöne Menschen, kreative Geschäfte und diese freundlich lockende Kulisse des bunten Meeres aus Fliesenfassaden und roten Dächern. Ich ging in eine Gasse und landete plötzlich auf einem kleinen Aussichtspunkt neben der Igreja da Misericórdia. Ich sah über die gesamte Stadt bis nach Vila Nova de Gaia, während im Hintergrund der Regen rauschte und die Möwen ihre frechen Zwischenrufe absonderten. In diesem Moment wusste ich, dass der „ewig lange“ Weg von A Ver-o-Mar sich in jedem Sinne gelohnt hatte.

Blick über die portugiesische Stadt Porto. Zu sehen sind bunte Häuser, Kirchen, Kathedralen und Co.
Als ich die architektonische Pracht Portos erblickte, war ich kurz sprach- und atemlos. Man beachte nur die Harmonie, Ausgeglichenheit und den Farbreichtum der einzelnen Häuser.

Gefrühstückt hatte ich mitten in der Fußgängerzone. Wahllos ging ich in ein kleines Café und landete einen Volltreffer. Da Fußgängerzone, waren meine Erwartungen aufs Minimalste heruntergeschraubt. Um so mehr wusste ich den guten Kaffee, den ich dort bekam und das köstliche Pastel de Nata (oder Pastel de Belém) zu schätzen. Bestens gelaunt ging es weiter durch die Straßen von Porto.

Portugal: Diese Kirchen habe ich in Porto entdeckt

Wenn ich eine schöne Kirche sehe – dann gehe ich rein. Ich hatte bereits als Kind eine ausgeprägte Affinität für Gotteshäuser, ohne dabei besonders gläubig aufgewachsen zu sein. Klar, liebte ich es damals, mit meiner Mutter in Sochi in eine Kirche zu gehen, um Kerzen aufzustellen, russisch-orthodoxe Ikonen zu begutachten und den engelsgleichen Stimmen der Kirchensänger zu lauschen. Doch die Kunstgeschichte und die Auseinandersetzung mit den Besonderheiten von Kirchenbauten sowie auch Bibelinhalten hob dieses Interesse auf ein ganz anderes Level.

Also fand ich auch in Porto zwei Kirchen, die mich schwer beeindruckt hatten. Die erste fiel mir durch ihre beachtliche Größe und massive Architektur ins Auge – zumindest im Vergleich zu den zierlichen, farbenfrohen Häuschen, die sie umgaben. Es handelt sich hierbei um die barocke Igreja dos Clérigos mit dem zugehörigen Torre dos Clérigos. Das Innenleben ist an Detailreichtum kaum zu überbieten. Die güldene Orgel, rosafarbenen Säulen und die zart ausgearbeiteten Figuren aus Marmor verleihen der Kirche ihre Einzigartigkeit und geben einen schönen Einblick in den Glauben der Portugiesen im 18. Jahrhundert. Für 8 Euro kannst du das kleine aber feine Kirchenmuseum besuchen und auch den Turm hochwanden, von dem du die Stadt im Panorama-Modus sehen kannst. Hier geht’s zu den besten Aussichtspunkten in Porto.

Innenleben der Kirche Igreja dos Clérigos in Porto, Portugal. Auf dem Bild ist der Altar zu sehen, sowie auch  die charakteristischen barocken Säulen und Goldelemente.
Eine kleine Impression aus der Igreja dos Clérigos. Die barocke Pracht beeindruckt mit ihrer symmetrischen Meisterarbeit. Für mich war der portugiesische Charakter hier deutlich spürbar

Gold im Übermaß: In diese Kirche ging ich als nächstes

Die zweite Kirche zog mich mit ihrer mystischen Dunkelheit und der Menge an Gold in ihren Bann. Ich liebe diesen „Gold-in-die-Fresse-Effekt“. Diesen konnte ich hier gut auskosten, denn die Rokoko-Kirche Igreja Do Carmo hat genug davon. Wie mir ein junger Mann, der dort arbeitete, verriet, handelt es sich bei der inneren Gestaltung um Holzarbeiten, die zunächst rot und dann gold gefärbt worden waren. Die wunderbaren Spiralsäulen sollen dabei eine Hommage an die Vatikankirche sein. 

Die Rokoko-Kirche Igreja Do Carmo von innen. Dem Betrachter fällt gleich das viele Gold und die kleinen Detailarbeiten auf. Zwei Besucher haben sich auf die Bänke platziert und fotografieren die sakralen Künste.
Klein, aber fein: Die Igreja Do Carmo von innen. Hier fiel mir auf, dass in den meisten portugiesischen Kirchen, die ich besuchte, im Hintergrund der Gesang eines Kirchenchors läuft.

In der Igreja Do Carmo in Porto finden Besucher auch etwas, das nicht so ganz zum Rest der Kirche passt. Neben der filigran ausgearbeiteten Marmor-Figuren stehen hie und da auch Holzfiguren, die durch den entstehenden Stilbruch etwas vom Rest der Kirche herausragen. Laut dem jungen Mann soll es sich dabei um Holzfiguren aus dem 19. Jahrhundert handeln. Diese sollen dort irgend wann installiert worden sein und später ihre bunten Gewänder bekommen haben. Seinem Gesicht konnte ich entnehmen, dass er diese ebenso ästhetisch fand, wie ich. 

Hier habe ich in Porto gegessen

Zu Mittag aß ich in einem authentischen Restaurant – „Solar Minho de Vento“. Es gab frisch gefangene Sardinen als Vorspeise und Kabeljau als Hauptgang. Sehr klarer Geschmack, tolle Oliven und aromatisches Gemüse. Hier verstand ich, dass ich rote Paprika doch nicht so hasse, wie bisher vermutet. Zufrieden schlenderte ich weiter durch die Straßen in die Richtung des Museu Nacional de Soares dos Reis

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Die Straßenkinder von Manila

In Manila hat bereits vor einigen Stunden die Dämmerung eingesetzt. Ich laufe wie immer relativ planlos durch die Straßen und werde von den bunten Lichtern vorbeifahrender Jeepneys geblendet. Lärm, Staub und kein fühlbares Anzeichen für Gefahr. Das entspannt mich in der Tiefe und ich befinde mich in meiner euphorischen Phase, in der ich die Stadt mit allen Sinnen einatme und eins mit ihr werde. Manches hier erinnert mich sogar an Vietnam. Das fast kindliche Interesse der Einheimischen, die kleinen schmalen Häuschen und natürlich diese warme Luftfeuchtigkeit, die mir das Gefühl gibt, mit ihr bereits in einem längst vergangenen Leben vereint gewesen zu sein.

Langsam fühle ich, dass ich Hunger habe. So richtig ans Essen habe ich mich hier noch nicht getraut. Immerhin ist das mein erster Abend auf den Philippinen und ich tu mich grundsätzlich schwer damit, Neues zu probieren. Bis mein Bus in Richtung Baler kommt, werden noch fünf Stunden vergehen. Also lasse ich mich von meiner Intuition treiben und laufe durch die nächtliche Menschenmenge. Dann gehe ich in eine Essbude, die sauber aussieht. Hier servieren sie Longsilog. Ein Frühstück, dass man sich hier zu jeder Tageszeit und beinahe überall holen kann: Knoblauchreis, zwei Spiegeleier, Würstchen, Ketchup. Handy laden verboten. In meiner Unsicherheit, ob mir der Akku bis zum Busbahnhof reichen würde, scrolle ich nervös durch Tiktok. Bis ich mich von zwei großen Augen beobachtet fühle.

Philippinos: Das schönste Lächeln der Welt

Ich setze von meinem Handy ab und erblicke ein zartes kleines Mädchen, das neben meinem Tisch steht und mich aus vollem Herzen anlächelt. Die Menschen auf den Philippinen haben das schönste Lächeln der Welt. Ich kann euch nicht sagen, warum. Und es liegt nicht zwingend daran, dass die aller meisten von ihnen einfach schneewüstenweiße Zähne haben. Es ist mehr als das. Sie lächeln dir direkt in die Seele und du kannst gar nicht anders, als es ebenfalls zu tun.

Das kleine Mädchen, nicht älter als sechs, redet mit mir in ihrer Sprache, mischt aber ein paar englische Wörter dazu. Sie sagt „money“ und deutet auf ihren Mund. Das Kind hat Hunger. Ohne Zögern schütte ich ihr alles, was sich in meinem Portemonnaie befindet, in die ausgestreckten Hände. Sie bedankt sich, zieht von dannen. Dann bleibt sie vor der Essbude stehen, dreht sich noch mal um und schenkt mir das süßeste Lächeln, das ich auf dieser Reise sehen würde.

Habe ich ein Kind in Schwierigkeiten gebracht?

Wieder voller Fokus auf Tiktok. Ich schneide mein erstes Manila-Video und schlürfe den köstlichen Kalamansi-Juice, den mir die freundliche junge Frau hinter der Theke empfohlen hatte. Dann höre ich einen Schrei. Ich springe auf. Es ist das kleine Mädchen. Ich sehe, wie ein Junge sie gegen den Baum drückt. Er hat sogar Verstärkung mitgebracht. Sie schreit erneut auf, lacht aber diesmal. Ich bin maximal verwirrt. Gemischte Signale kann ich überhaupt nicht deuten, habe aber stark das Gefühl, dass ich erst mal nicht dazwischengehen sollte. Dennoch halte ich mich bereit und bin mit den Augen und den Gedanken beim Baum da draußen. Er fordert von ihr das Geld, das ich ihr eben gab und versucht ihr in die Hosentasche zu greifen. Sie jedoch kann sich verteidigen und macht sich schnell aus dem Staub.

Mir wird richtig schwarz vor Augen. Was hab ich getan? Hat meine impulsive Fürsorge das Mädchen in Schwierigkeiten gebracht? Irgendwie will ich weinen, muss mich aber ordnen und wenigstens etwas aus der Situation lernen. Ich sitze also da und starre in die Leere. Es vergeht einige Zeit. Dann stehe ich auf und gehe.

Ein kurzer Spaziergang durch das nächtliche Manila

Wieder laufe ich durch die Straßen, durch die Menge. Ich komme an einem Gemüse- und Fischmarkt an. Manche Jungs dort wollen mit mir Selfies machen. Unter einer Bedingung mache ich mit: Im Gegenzug kriege ich auch ein Selfie mit ihnen. Sie sind einverstanden und strahlen freundlich in meine Frontkamera. Ich kaufe mir eine richtig verrückte rote Sonnenbrille am Straßenrand, weil ich meine verloren habe.

Ich scheine das rege Treiben zu verlassen und mein Bauchgefühl sagt mir: Lauf da nicht weiter rein ins Dunkle. Ich höre darauf und biege ab. Wieder Menschenmengen. Die einen warten auf ihren Jeepney, die anderen sitzen gelangweilt hinter ihren üppig dekorierten Obstständen, die dritten drängen sich aneinander vorbei und bleiben mit einem Grinsen stehen, wenn sie mein osteuropäisches Gesicht entdecken, das nicht so ganz zum sonnengeküssten Rest zu passen scheint. Mein Rucksack ist scheiße schwer, ich bin müde und will einfach nur noch ein Nickerchen im Bus machen.

Neue Begegnung mit Straßenkind: Geht meine neue Strategie auf?

In Gedanken versunken spüre ich warme feuchte Händchen an meinem Arm. Diesmal steht ein Junge im Vorschulalter vor mir und schaut zu mir herauf. So ein süßer Bengel. Aber es hat die Augenbrauen zusammengezogen und gibt mir den bösen Blick, obwohl die Händchen sich ganz sanft an mir festhalten. „Give me money!“, fordert er. Ich aber meine, aus meinem vorherigen Fehler gelernt zu haben. Und sage: „I can buy you food. What would you like to eat?“ Er lässt von meinem Arm ab und versucht in die Tasche zu greifen, die ich außer dem blöden Rucksack mit mir rumschleppe. Eigentlich ist er gar nicht blöd, ich hatte ihn bei jedem Städtetrip quer durch Europa dabei, deshalb hänge ich auch so sehr an ihm. Aber ich lenke ab.

Ich ziehe vorsichtig seine Hand aus meiner Tasche und sage streng: „Nooo“, und schüttle langsam meinen Kopf. Bevor ich wiederholen kann, dass ich gewillt bin, ihm etwas zu Essen zu kaufen, haut er ab und ruft mir, als würde er mich ein wenig beleidigen wollen, „American […]“ zu. Ich habe das zweite Wort akustisch nicht verstanden, war aber überrascht, dass ich für ihn wie eine Amerikanerin aussah. Ich lief weiter, gähnte zwischendurch und entschied, dass das meine neue Strategie werden würde, wenn die Kinder von Manila wieder Geld von mir fordern sollten. Ob es aber eine richtige ist, weiß ich jedoch bis heute nicht.

Schau hier auch vorbei: Das ist ein Eindruck, den ich in Baler hatte, der mir die Augen öffnete.


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  • Alle Bilder unterliegen dem Copyright von avecMadlen.com
  • Das Titelbild stellt keine Straßenkinder dar und dient lediglich als Symbolbild 🙂
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Teneriffa: Einfach planlos durch die Gegend ziehen

Meine Reise nach Teneriffa schenkte ich mir zu meinem 30sten Geburtstag (21. April – safe the Date). Über dieses Geschenk habe ich mich sehr gefreut. Danke Madlen, dass du immer so großzügig bist. Du schlägst mir echt gar nichts aus (an dieser Stelle versuche ich witzig zu sein). Einen Plan hatte ich nicht, was ich an jenem besonderen Tag machen wollte. Bock hatte ich aber auf eine hübsche Geburtstagstorte mit 30 brennenden Kerzen, und darauf, in den erst besten Bus zu steigen und ihn erst dann zu verlassen, wenn mir die Aussicht besonders gut gefiele. Dies tat ich auch.

Teneriffa entdecken: Ich lasse den Zufall entscheiden

Nachdem ich alle Kerzen ausgepustet und ein Stück meiner Torte genossen hatte, stieg ich in einen zufällig gewählten Bus ein und an der Endhaltestelle aus. Dort befand mich in einem entzückenden kleinen Dorf, das aber gebietsmäßig immer noch zu Puerto de la Cruz gehört. Auch hier, wie überall auf der Kanarischen Insel, war die Natur atemberaubend. Ein gigantischer Drachenbaum hier, eine faszinierende Klippe da – ein Waldrand dort drüben. Absolut traumhaft.

Besonders liebte ich es, endlich mal ein Stück Kontrolle abzugeben. Rational veranlagte Menschen kriegen beim Lesen gerade womöglich die Krise. Ich hatte jedoch das starke Bedürfnis, den Zufall und meine Intuition entscheiden zu lassen, was mit mir passiert – und vor allem wo. Es war geil und es hat sich zu 100 Prozent gelohnt. Da ich ohne Internet auf dem Handy unterwegs war, war die ganze Reise gleich noch viel spannender.

Neue pelzige Bekanntschaft geschlossen

Nicht einen blassen Schimmer hatte ich, wo ich gleich lande, wenn ich die Nächste nach links abbiege. Ein kleiner Überraschungseffekt also. So landete ich in einer abgezäunten Gemeinschaft aus künstlerisch angelegten Gärten. Die dort arbeitenden Menschen wussten viel eher als ich, dass ich mich verirrt hatte. Dann, als ich aus diesem kleinen Paradies den Weg hinaus gefunden hatte, war ich nicht weniger ver(w)irrt. Ich passierte Häuschen über Häuschen, landete mehrmals in Sackgassen und entschied mich immer wieder dagegen, umzukehren, sondern bog in neue steile Gässchen ein.

In einer davon traf ich eine verschmuste Katze. Eine Glückskatze wieder mal. Einer meiner Journalistenfreunde sagte mal, dass die Glückskatzen immer besonders verrückt sind. Recht hatte er. Jedes Mal, wenn ich nun so eine treffe, denke ich an seine Worte. Liebe Grüße an der Stelle.
Die pelzige Kleine wollte mich gar nicht loslassen und rieb sich mit dem ganzen dicken Körper an meinen Beinen. Ich fand gefallen dran und verweilte ein wenig mit ihr. Als ich ging, geleitete sie mich mit ihren stillen Schritten bis hin zur Straße.

Wo bin ich denn da gelandet?

Die nächste Gasse, in die ich bog, führte steil abwärts. „Wenn mich der Weg nicht zu einem Strand führt, fange ich an, meinen Ausflug zu hinterfragen“, dachte ich mir. Hier sah ich zahlreiche Eingezäunte Grundstücke. Manche davon wahrscheinlich Ferienhäuser. Ich ging und ging. Ab durch einen Tunnel mit atemberaubenden Fresken – zugegeben: die Streetart hier auf Teneriffa ist einfach next Level.

Ich landete mitten auf einem Schrumepelkartoffelfeld. Und ich liebte alles daran. Weiter kam ich zu einem Wildpfad. Man überlege – ich habe diesen Pfad durch reinen Zufall, oder aber wahrscheinlich mit Gottes Hilfe, gefunden. Mir eröffnete sich eine Naturkulisse, die mir den Atem stocken ließ. Ich  traute meinen Augen kaum. Etwa 200 Meter (ich bin beschissen im Schätzen) über dem Meeresspiegel stand ich da und blickte in den Abgrund. Unter mir: Klippe, Schlucht, freier Fall, Atlantischer Ozean. Endlich fühlte ich wieder, wie es ist, glücklich zu sein.

Hier mein geliebtes Kartoffelfeld

Theatralisches Teneriffa: Klippen, Schloss und Ozean

Mitten in den Klippen stand ein verlassenes Schloss. Es sah aus, als sei es nie zu Ende gebaut worden. Und der Wildpfad führte mich panoramamäßig durch die unbeschreibliche Natur inmitten der üppig florierenden Klippen. Ich stand also da – neben mir die Möwen kreis(ch)end – und blickte auf die Schlossmauern herab; sah den Wellen dabei zu, wie sie unermüdlich gegen Felsen schlugen und ihr salziger Schaum sich darüber legte. Es war wie ein Fiebertraum. In diesem Moment dachte ich: „Mein Gott, das Leben hat doch so viel mehr zu bieten, als… [Diesen Teil habe ich bewusst rausgeschnitten.]“

Der Gedanke daran, dass das Leben auch andere Farben spielen kann, machte mich zufrieden. Damit etwas wachsen kann, muss meistens etwas anderes zuvor kaputt gehen.

Ich lasse meinen Geburtstag ausklingen

Nun denn. Als ich auf einer Aussichtsplattform ankam, hatte ich freie Sicht auf den „verbotenen Strand“, wie ich ihn getauft hatte. Von dort sah ich auch ganz genau, wie ich mich nach unten sneaken könnte. Hierfür war ein kleiner Umweg nötig, der wiederum auch atemberaubend schön war.

Am Ende des Tages trug ich dunkelroten Lippenstift auf und ging schick essen. Es gab, ihr ahnt es, Schrumpelkartoffeln! Mir dem Fang des Tages. Das war der schönste Geburtstag, den ich je hatte. Obwohl nicht der erste, den ich alleine verbrachte. Den 23sten feierte ich nämlich ebenfalls allein (aber ungewollt) und wurde zum Abend hin von der Polizei verhaftet hahaha. Aber das ist eine ganz andere Geschichte, die ich vielleicht ein andermal erzähle.


NEU: Auf meinem TikTok-Kanal kannst du alle meine Abenteuer im Videoformat erleben.

Die Bebilderung dieses Beitrags unterliegt dem Copyright © avecMadlen

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Ein kleiner Tod: Der Abschied von Teneriffa

Der Tag der Abreise fühlt sich doch immer wie ein kleiner Tod an. Gerne gehe ich da noch ein letztes Mal durch die Gassen und lasse Revue passieren, was ich dort in den Tagen zuvor getrieben habe. In Puerto de la Cruz regnete es an jenem Tag. Viel war nicht zu machen. Teneriffa weinte wohl, weil sie fühlte, dass ich mich wieder zurück nach Deutschland verpissen musste.

Die letzten Momente auf Teneriffa

Daher verabschiedete ich mich von den wogenden Wellen des Atlantischen Ozeans und atmete so tief, wie es nur ging, seine Brise ein. Die Wellen schienen mir heute besonders heftig zu sein. Meinen Kaffee trank ich an der Promenade, dann ging ich durch die kleinen Gässchen. Hier und da sah ich Männer bei Reparaturarbeiten an den Zäunen und Hausfassaden. Die Insel würde ohne mich weiterleben – so wie ich ohne ihr.

Viel Zeit blieb mir nicht. Also beschloss ich meine letzten Minuten auf der Kanarischen Insel so effektiv wie möglich zu verbringen und ging ein paar Runden im Pool schwimmen. Bei Regen ist das sowieso die reinste Romantik.

Adiós Tenerife: Mit dem Shuttle zurück zum Airport

Um 11.30 Uhr sollte mein Shuttle zum Flughafen kommen. Obschon mein Flug erst um 16.50 Uhr ging. Ein bisschen drüber, wenn ihr mich fragt. Zumal ich drei Stunden sinnfrei auf dem Airport herumlümmeln musste. Aber besser zu früh, als zu spät. Oder? Trotzdem ist ein Shuttle-Service vom Flughafen zur Unterkunft und wieder zurück sehr bequem. Man muss sich einfach keine Gedanken um nichts machen.

Ich weiß jetzt schon, dass ich Teneriffa wiedersehen werde. Wann, weiß ich noch nicht. Auch nicht, unter welchen Umständen, und ob ich wieder alleine sein werde, wenn es wieder soweit ist. Ich will nämlich noch einiges anderes erleben und sehen. In erster Linie in Asien, Philippinen genau genommen. Doch die Natur, die friedvolle Atmosphäre und das Klima werden mich bestimmt noch viele Male wieder auf die sonnige Insel Teneriffa locken.


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Alle Bilder in diesem Artikel: © avecMadlen

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Reisen ohne Internet: So war’s auf Teneriffa

Was erwartest du, hier zu lesen? Es war normal. Es war gut. Erstaunlicherweise braucht man das Handy nicht, wenn man so planlos unterwegs ist, wie ich. Ich merke mir einfach den Weg den ich gegangen / gefahren bin und gehe oder fahre ebenden auch wieder zurück. Und wenn ich lustig bin, mit Umwegen. Das Handy brauchte ich ausschließlich zum Bilder machen. Und natürlich Videos machen. Ich hab jetzt nämlich endlich wieder Tiktok. Dort kannst du alle meine Abenteuer im Videoformat erleben.

Aber, wie sonst auch immer, war meine Anreise nicht ohne Abenteuer. Genau weil ich kein Internet hatte, konnte ich mein Hotel nicht finden. Aber die netten Bewohner von Puerto de la Cruz haben mir geholfen. Zwischendurch bin ich aber, zugegeben, fast verzweifelt. Das aber habe ich als Teil meines Experiments verstanden.

Zufall oder Schicksal? Unverhofft finde ich einen Naturpfad

Am schönsten fand ich meinen Geburtstag. Den 30sten wollte ich unbedingt alleine feiern. Ich holte mir morgens eine kleine Torte, pustete die Kerzen aus und setzte mich in einen Bus, von dem ich nicht wusste, wohin er fahren würde. Der Plan war es, da auszusteigen, wo es mir am meisten gefiele. Das war dann die Endstation. Planlos schlenderte ich durch die Gässchen, erlebte die Natur der Kanarischen Insel ganz nah, lernte wie immer Katzen kennen und ging, wohin der Wind mich trug.

Durch mein Treibenlassen entdeckte ich einen Wildpfad. Den hätte ich wahrscheinlich niemals , hätte ich mich bei Google Maps bedient. Dort war es so schön, dass ich an einer Stelle das Gefühl hatte, das Leben neu verstanden zu haben. Es war das beste Geburtstagsgeschenk, das mit Mutter Natur, das Universum, Gott und wer auch immer daran beteiligt gewesen war, hätte machen können.

Internet gab’s nur im Hotel

Es war total befreiend, für keinen verfügbar zu sein, während ich meine Abenteuer gelebt habe. Zu Hause in Deutschland hatte man sogar etwas Verständnis für meine Entscheidung. Im Hotel hab ich dann wieder Internet genutzt, vor allem um meine Mitteilungsbedürftigkeit auf Insta zu befriedigen. Diesmal war diese recht ausgeprägt.

Während meiner Zeit in Portugal, oder meinem Trip in die Türkei, oder sonstigen Auslandsaufenthaltne kam nicht ein kleiner Post von mir. Hängt wohl mit meinem Gemütszustand zusammen. Oder womit auch immer. Wie ist denn das eigentlich bei euch?

Teneriffa: Kurze Kein-Internet-Krise in Güimar

Da fällt mir gerade ein Moment ein, in dem ich wünschte, doch etwas Internet gehabt zu haben. An meinem Tag in Güimar, als ich beschlossen hatte, südlichere Teile Teneriffas zu sehen, hat mich meine Landkarte aus Papier so hart verirrt, dass ich mir einfach nur noch dachte: Yo. Fick doch alles. Fick das Handy, fick das nicht vorhandene Internet – ich will gar nichts mehr. Ich will eine rauchen.

Fazit: Lohnt sich das Reisen ohne Internet?

Abschließend lässt sich sagen (Gott, mit diesem Einstieg in den Schlussteil komme ich mir vor wie ChatGPT – if you know, you know): Ich kann den Flugmodus während deiner nächsten Abenteuerreise sehr empfehlen. Es ist ein anderes feeling. Du merkst schnell, wie all deine Sinne geschärft sind und du dich noch mehr auf deinen inneren Kompass, die Instinkte und das Gedächtnis verlassen musst. Und du gehst zudem auch noch verantwortungsvoll damit um.

Außerdem gab es mir, zugegeben, auch ein bisschen den Kick. So nach dem Motto „komme ich an, oder übernachte ich heute mal am Strand?“

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Van Huong: Ein Spaziergang durch Vietnams Geisterstadt

Auf der Halbinsel Van Hương angekommen, merkte ich gleich die Stille, die dort herrschte. Mein Plan war es eigentlich im Meer zu baden und faul am Strand zu liegen, aber ich entschied mich dazu, die Halbinsel, die größer war als vermutet, zu Fuß zu erkunden.

Dort begegnete ich nur sehr wenigen Menschen. Es war der wahrscheinlich friedlichste Ort, an dem ich seit Langem war. Doch ich verstand nicht ganz, was auf Van Huong abging. Einerseits hatte ich den Eindruck, dass die Insel mitten in der Bebauungsphase sei, damit dort eines Tages ein touristisches Zentrum entsteht. Andererseits sahen viele Häuser und einige Baustellen verlassen aus, ohne jemals belebt gewesen zu sein. Das eine oder andere Luxushotel war zwar in Betrieb – außer als ein paar Bauarbeitern und Snackverkäufern bin ich jedoch nicht begegnet.

Fischerboote im stillen Wasser.
So ruhig hier… Sogar des Meeres Wellen scheinen zu schlummern.

Diese Menschenleere führte dazu, dass ich den wenigen Anwesenden noch mehr auffiel, als in den sonstigen nicht-touristischen Gegenden Haiphongs. Ich kann nicht sagen, dass mir das Gefühl besonders gefiel. Aber die Vietnamesen begegneten mir zu jedem Zeitpunkt meiner Reise mit vollem Respekt, Herzlichkeit und Aufgeschlossenheit. Viets, wenn ihr mich lest: ich liebe euch und eure Kultur.

Ein Blick auf die Karte. Fest stand, dass ganz in meiner Nähe wohl eine künstliche Insel in der Form einer Blume entstand. „Nichts wie hin“, dachte ich mir und betrat den trockenen, staubigen Weg, der mich dort hin führen sollte. Keine Menschenseele weit und Breit. Nur Sonne, Palmen, die staubige Straße und ich. Die Entfernung habe ich wie so oft unterschätzt und ging lang und stur zu meinem Ziel. Bald würde ich es erreichen, oder?

Vietnam: Allein (?) auf der Halbinsel Van Huong

Felder und künstliche Seen, ein paar quakende Enten, in der Ferne ein vielgeschossiges Hotel mit eigenem Strand. Ich ging weiter, genoss dabei die Sonne auf meiner Haut. Ein Lkw mit Schotter kam mir entgegen. Schnurgerade blickte ich daran vorbei und tat so, als wäre ich gar nicht da. Plötzlich hupt der Fahrer. In mir zieht sich alles zusammen. Er zeigt mir Handgesten, dass es da nicht weitergeht. Erzwingen wollte ich es nicht und ging brav zurück in Richtung Ghost-town.

Nachdem ich meine große Runde gedreht, mich in einem verlassenen Hotel umgesehen habe und bis zur vordersten Spitze der Halbinsel gegangen war, hatte ich Hunger und wollte wieder unter Menschen sein. Ein Taxifahrer fuhr mich zurück in die Innenstadt von Haiphong.

Auch spannend: Mitten in der Ha Long Bay kommen mir die Tränen.


Was ist los auf der Halbinsel Van Huong?

Die Halbinsel Van Huong liegt im Stadtbezirk Do Son, etwa 20 Kilometer südlich des Zentrums von Haiphong, der drittgrößten Stadt Vietnams, die ich vollumfassend erkunden konnte. Einst galt Do Son als beliebter Erholungsort für französische Kolonialbeamte, später als Treffpunkt der vietnamesischen Elite. Heute jedoch scheint vieles auf der Halbinsel im Dornröschenschlaf zu liegen.

Einfach unfassbar, diese Architektur.

Van Huong: Großprojekte mit ungewisser Zukunft

Eines der größten Vorhaben ist die künstliche Insel Hoa Phuong Island. Das Projekt wurde erstmals 2003 angekündigt. Geplant war ein luxuriöses Tourismuszentrum mit Villensiedlungen, 5‑Sterne-Hotels, Yachthafen, Einkaufszentren und künstlichen Seen – teilweise in Form einer Blume (Hoa Phuong bedeutet Flamboyant, die Stadtblume von Haiphong).

Der Bauträger war das Unternehmen Glexhomes, das zur Gleximco Group gehört, einem mächtigen vietnamesischen Mischkonzern unter Leitung von Vũ Văn Tiền, einem der reichsten Männer des Landes. Die Bauarbeiten begannen Anfang der 2000er, kamen jedoch nie über erste Aufschüttungen und einige Rohbauten hinaus. Immer wieder wurden neue Etappen angekündigt – zuletzt 2021. Dennoch bleibt das Gelände bis heute weitgehend leer.

Die Geisterstadt von Do Son

Wer sich auf der Halbinsel umsieht, entdeckt halbfertige Gebäude, verlassene Zufahrtsstraßen und leerstehende Baucontainer. Teilweise scheint das Projekt komplett eingestellt – offizielle Stellungnahmen dazu gibt es kaum. Auch das benachbarte Projekt Hon Dầu Resort, das ursprünglich botanische Gärten, Themenparks und Konferenzzentren vorsah, entwickelt sich nur schleppend. Einzelne Bereiche – wie ein künstlicher Strand oder kleinere Resorts – sind bereits in Betrieb. Der Rest wirkt wie aus der Zeit gefallen.

Auf der Halbinsel Van Huong: Luxushotel in Betrieb
Dieses Resort schien mir in Betrieb zu sein.

Eine Halbinsel im Schwebezustand

Laut Plänen der Stadt Haiphong soll Do Son als Küstenstadt mittelfristig wieder touristisch belebt werden. Dazu gehören:

  • ein Fokus auf Vier-Jahreszeiten-Tourismus (Konferenzen, Wellness, Sport),
  • der Ausbau des internationalen Fährhafens in Lạch Huyen,
  • und langfristig der Anschluss an die großen Investitionen im nördlichen Wirtschaftsraum.

Doch die fehlende Investitionssicherheit und veränderte geopolitische Prioritäten scheinen diese Entwicklungen zu bremsen. Einige Flächen sind zudem ökologisch sensibel – der Sandaufschüttung für künstliche Inseln steht oft Widerstand von Umweltorganisationen entgegen.

Van Huong ist also ein Ort voller Widersprüche. Die Visionen von Luxustourismus und wirtschaftlichem Aufschwung stehen leerstehenden Hotelruinen und verlassenen Bauprojekten gegenüber. Während Haiphong rasant wächst, bleibt die Halbinsel in einer Art Warteschleife. Doch genau das macht sie in meinen Augen zu einem verwunschenen Ort, den man unbedingt gesehen haben sollte, wenn man im schillernden Haiphong unterwegs ist. Diese Atmosphäre, der (nicht ganz fertiggestellte) Prunk und die verdächtige Ruhe machen das Erlebnis unvergesslich.


Der Fakten-Teil dieses Beitrags wurde mithilfe von ChatGPT übersetzt und recherchiert. Auf diese Quellen wurde dabei Bezug genommen:

  1. Vietnam Investment Review, „Glexhomes launches Hoa Phuong Island tourism complex“
  2. Vietnam Tonkin Travel, „Hon Dau – A new significant attraction in Haiphong City“
  3. Haiphong.gov.vn (EN) Haiphong develops four-season tourism
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