Kategorien
Blog

Allein an Weihnachten? Ideen jenseits von Kitsch und Zwang

Unsere Gesellschaft scheint immer weiter zu vereinsamen. Das führt dazu, dass wir auch an vermeintlich „wichtigen Tagen“ mit uns selbst alleine sind – an Weihnachten etwa. Zwei Dinge will ich dir mitgeben, bevor ich weiterschreibe. Erstens: So wie dir geht es gerade auch mindestens 6 Millionen anderen Menschen in Deutschland. Und zweitens: Wir sollten von unserer bis in die Perversion romantisierten Vorstellung vom perfekten Weihnachtsfest im Kreise der Familie ablassen. Diese Erwartungshaltung führt überhaupt erst dazu, dass wir das Gefühl der Einsamkeit nur schwer ertragen können. Wenn es allerdings bereits dabei ist aufzukommen, tun wir Folgendes.

Ein paar Wochen noch bis Weihnachten? Easy!

Wir planen eine Single-Party bei uns zu Hause. Für all jene, die an Weihnachten auch alleine sind. Wir müssen jetzt nicht komplett übertreiben, aber ein Kuchen, ein paar Häppchen und Cocktails sollten drin sein. Auch wenn es „nur“ eine Party aus drei Personen wird. Es wird für alle drei sicherlich besser, als einer depressiven Episode zu verfallen.

Wenn wir allerdings gar keine Freunde haben und wenn es die Arbeit, Finanzen und Zeit zulässt, buchen wir uns eine Reise. Egal wohin. Hauptsache, wir katapultieren uns aus der Realität irgendwo hin, wo es schön und neu ist. Damit sind eigentlich auch alle weihnachtlichen Probleme gelöst. Vorausgesetzt, wir suchen uns ein Land, das nicht gerade streng katholisch ist und wo uns die Tradition, mit der gesamten Familie zu feiern, noch ordentlich unter die Nase gerieben wird. Dennoch können wir auch da einfach raus in die Natur oder ans Meer oder den Ozean, um alle Gedanken und Gefühle besser verarbeiten zu können. Natürlich ist nicht jeder so privilegiert, einfach abzuhauen, wenn ihm danach ist. Ich bin es dieses Jahr ebenso wenig. Daher müssen wir noch kreativer werden.

Ein paar Tage vor dem Weihnachtsfest

Wenige Tage davor werden viele von uns bereits wissen, dass sie Weihnachten auf sich selbst gestellt sind. Und deshalb besorgen wir uns einen kleinen (oder großen) Weihnachtsbaum, schmücken ihn ganz nach unserem Geschmack – kitschig, monochrom, mit Lametta oder Bonbons – am besten so, wie wir lustig sind. Dann backen wir Plätzchen und verschenken sie NICHT. Die sind nämlich für uns. So können wir das Weihnachtsfeeling auskosten, sind aber nicht auf die Anwesenheit anderer Menschen gestellt.

Oder wir buchen uns ein Solo-Dinner in einem völlig überteuerten Restaurant, das wir schon lange mal besuchen wollten, kochen alternativ ein 5-Gänge-Menü zu Hause, lassen uns am 24. Dezember tätowieren, vorausgesetzt unser Tattoo-Artist macht da mit, oder fangen endlich das neue Hobby an, das wir seit Jahren vor uns her schieben. Wie wir damit anfangen ist egal. Ob wir gleich loslegen, ob wir uns auf YouTube Tutorials zu unserem Traum-Hobby reinziehen oder die ersten Vorbereitungen dafür treffen – alles macht Sinn.

(Freiwillige) Arbeit an Weihnachten

Oder wir gehen halt arbeiten. Bisher hat mir noch nie ein Arbeitgeber gesagt „nein, du bleibst zu Hause.“ In der Heidelberger Redaktion hatte ich das große Glück, dass meine Lieblingskollegin an Heiligabend mit mir zusammen die Stellung hielt. Recht still, aber fokussiert saßen wir den ganzen Abend nebeneinander und hauten in die Tasten. Jene, die selbständig sind, wissen sowieso, was zu tun ist: sich derart mit Arbeit zuzuladen, bis wir vergessen, wo oben und unten ist. Natürlich ist nicht jeder Job so und deshalb suchen wir nach einer anderen sinnvollen Aufgabe.

Ehrenamt: Manche Gemeinden (etwa Rastatt und Baden-Baden) organisieren an Heiligabend ein gemeinsames Abendessen für Leute, die alleine feiern müssen und dies nur schwer ertragen können. Als Gast würde ich da persönlich nicht hingehen, da ich Aktivität brauche. Als freiwillige Helferin hingegen schon. Letztens hatte ich ein Interview mit den Organisatoren der Baden-Badener Initiative „Gemeinsam an Heiligabend“. Es war sehr spannend, was die zu erzählen hatten und eine Message kann ich davon an euch weitertragen: Helfende Hände werden niemals abgelehnt. Selbst wenn alle Posten vergeben sind, könnt ihr durch den Saal gehen und die Gäste, die vielleicht genauso einsam sind, wie ihr es gerade seid, bespaßen, sie kennenlernen und ihnen ein gutes Gefühl geben. Meistens sind es, zumindest bei uns in der Region, ältere Frauen, die ein solches Angebot in Anspruch nehmen. Wenn ihr ihnen etwas von eurer Wärme und Aufmerksamkeit schenkt, fühlt ihr euch nicht mehr so alleine und habt dabei das Prinzip der Nächstenliebe erfüllt. Informiert euch über Angebote in eurer Stadt. Selbst wenn ihr spontan hingeht, wird euch kaum jemand vor die Tür setzen und eure Hilfe ablehnen.

O-oh, es ist bereits Heiligabend! Was tun?

Das Erste, was wir an Heiligabend machen: wir machen uns hübsch. Frisieren uns, cremen uns ein, parfümieren uns, wenn wir Lidschatten benutzen, dann den richtig extravaganten, für den wir bisher nicht den passenden Anlass hatten – wir schaffen eine Full-Glam-Eskalation, ziehen unsere schönsten „Ornate“ und den üppigsten Schmuck an und genießen uns selbst.

Foto von yunona uritsky auf Unsplash

An Heiligabend, wenn es nicht gerade ein Sonntag ist, haben die Läden bis zur Mittagszeit noch offen. Wir nutzen das, gehen noch ein bisschen bummeln, gehen durch die Stadt, trinken dort einen Tee oder Kaffe, gehen vielleicht sogar zum Gottesdienst, auch wenn wir nicht katholisch sind, aber unser Glaube es zulässt, eine Kirche zu betreten.

Allein an Weihnachten: Wanderung und Unterhaltungsprogramm

Wir könnten auch wandern gehen. Für Baden-Württemberg und Hessen habe ich hier ein paar schöne Ausflugstipps publiziert. Die können wir nutzen, wenn das Wetter mitmacht. Oder wir gehen eben „all in“ bei Schlamm und Regen – ist auch recht abenteuerlich und mit Sicherheit nur schwer zu vergessen. Und wer will nicht eines Tages jemandem erzählen, wie er mal an Heiligabend die Offenbarung erlangt hatte, als er knöcheltief im nassen Dreck auf einem Berg mitten im Schwarzwald stand?

Alternativ schauen wir, ob es noch Tickets für die Oper, Theater, Konzert, Kino, Comedy-Show – egal was – gibt. Single-Plätze sind in letzter Minute wesentlich einfacher zu ergattern.

Eine kleine anonyme Freude

Wir könnten auch einfach jemandem ganz anonym ein Geschenk vor die Tür legen. Dafür steigern wir uns maximal in die Situation rein, tun so als seien wir 007 höchstpersönlich und platzieren es mit übertriebener Dramaturgie am Zielort. Tut dies aber NICHT bei Ex-Partnern oder Situationships. Wir wollen Spaß haben und nicht noch weiter in unserer Verzweiflung versinken. Hierfür eignen sich eher neutrale Personen besonders gut: Nachbarn, alte Klassenkameraden, ehemalige Kollegen, Omis und Opis in eurer Stadt, von denen ihr genau wisst, dass sie an Weihnachten ebenso einsam sein könnten. Ein Päckchen eurer selbstgebackenen Plätzchen, die ihr eigentlich für euch selbst geplant habt, wären etwa eine nette Geste.

Foto von Jess Bailey auf Unsplash

Abends zu Hause schauen wir uns dann einen schönen Film an. Nicht gerade einen weihnachtlichen, da in den Hollywoodfilmen dieses überromantisierte Familiengesülze oftmals stark propagiert wird. Und das ist das aller Letzte, was wir brauchen. Wir schauen uns irgend etwas Neutraleres an. Etwa eine nicht romantische Komödie, eine Biographie, einen Cartoon, eine Doku, avecMadlen auf YouTube, Tatort in der ARD-Mediathek oder, wenn es uns richtig dreckig geht, etwas Blutigeres: Quentin Tarantino Filme, Krimis, Horrorfilme, mörderische Dokumentationen. Wenn wir erstmal abgetrennte Körperextremitäten sehen, erkennen wir schnell, wie gut es uns eigentlich geht.

Allein an Weihnachten: Das lassen wir schön bleiben

Was wir NICHT machen: Saufen, Drogen nehmen, auf fragwürdige Dates gehen oder einfach weinend im Bett liegen. Ich verbiete euch das. Vor ein paar Jahren wollte ich mich betrinken, um das ganze zu vergessen, aber mein Nervensystem hat den Alkohol komplett blockiert. Also war mir einfach nur schlecht und mein Kopf war völlig nüchtern. Ich erkannte: das war ein schlechter Plan. Sorry fürs oversharen, aber es ist wie es ist. Schaut auch bei meinem Artikel „Allein an Valentinstag“ vorbei. Dort findet ihr weitere Ideen, die ihr auch an Weihnachten machen könnt. Und wenn’s gar nicht geht: schreibt mir bei Insta. Ich werde safe die meiste Zeit auch alleine sein und mich über eine nette Nachricht freuen.

Ho-ho-haltet die Ohren steif und denkt daran: wir alle gestalten unsere eigene Realität. Fühlt euch gedrückt und frohe Weihnachten. Eure Madlen.


Resume Installation

Copyright: Beitragsbild von Callum Blacoe auf Unsplash

Kategorien
Blog

Das ist dein Zeichen, mit Tiktok anzufangen

Vor etwa einem Monat habe ich angefangen, TikTok zu nutzen. Ich wollte ein neues Auditorium für meine Blogs avecMadlen und Tüll & Trüffel finden, war neugierig und hatte das Bedürfnis, meine Erlebnisse mit anderen zu teilen. Aber ich hab mich nicht getraut. Ich hatte schlicht keine Lust auf Haterkommentare, wollte etwas wirklich sinnvolles produzieren und fragte mich fortwährend, ob meine Ideen überhaupt gut oder spannend genug sind für ein Format wie Tiktok.

Irgendwann hab ich mich dann mit ChatGPT beraten – er schlug mir vor, einfach mal Landschaften mit cooler Musik zu posten. Ich hielt das für eine gute und vor allem sichere Idee, dachte noch eine Weile darüber nach… und dann, eines Nachts, hab ich einfach meine ersten Videos rausgeballert.

Hier geht’s zu meinem Tiktok-Account

So fühlt es sich an, endlich Tiktoks zu machen

Es fühlte sich erstaunlicherweise total geil und richtig an. Ich dachte mir: „Yeah, i did it!“ Nach all den Jahren voller Zweifel. TikTok hat jetzt nicht mein Leben umgekrempelt. Aber: Ich filme neben dem Fotografieren für meine Blogs inzwischen auch kurze Clips. Ganz automatisch. Und das fühlt sich an wie eine natürliche Erweiterung meiner Arbeit.

Blonde Frau, die am Strand hockt mit dem Handy die Wellen filmt.
Ist doch scheißegal, wie das auf andere wirkt: Hauptsache du bist in deiner Schaffensphase und hast (hoffentlich) auch noch Spaß dabei. Foto von Patti Black auf Unsplash

Was ich dabei gelernt habe: Ich kann tatsächlich Videos schneiden. Außerdem kann ich sie so gestalten, dass ich selbst Freude daran habe – und ein paar andere Menschen auch. Und das Schönste: Jedes Mal, wenn ich meine Clips anschaue, sie zusammenschneide und mich mit ihnen beschäftige, erlebe ich meine Reisen noch einmal. Sehr intensiv sogar. Es fühlt sich an, als wäre ich wieder mittendrin – in all diesen schönsten Momenten meines Lebens. Dieses Material wird dadurch zum Input für mich selbst. Es inspiriert mich über einen langen Zeitraum – zu Texten, zu neuen TikToks, sogar zu kleinen Malereien oder Comics. Es ist irgendwie ein Kreislauf, den ich mir da selbst schaffe, durch den ich mich wieder auflade und inspiriere.

Kurz zum Equipment: Ich habe eine gute Handykamera, nutze das Xiaomi Mi 14T pro mit Leica-Kamera. Ich bin wirklich begeistert davon. Fotos und Videos sehen damit wild aus. Licht, Mikrofon, andere Kameras habe (oder nutze) ich bis jetzt noch nicht. Bin demnächst dann wahrscheinlich aber offen für Anschaffungen.

Kamera- und Handy-Equipment für Blogger. Stative, Objektive, Mikrofone, künstliches Licht, Gopro und viel mehr.
Du kannst mit dem Equipment übertreiben, du musst aber nicht. Foto von Jakob Owens auf Unsplash

Trau dich, Schatz. Wenn ich es kann, kannst du es auch

TikTok hat mich in diesen Wochen mutiger gemacht und mir beigebracht, dass ich einfach losgehen kann. Ohne Masterplan und Rücksicht auf Perfektion. Ohne alles zu zerdenken und einfach mal Gleichgesinnte zu inspirieren und mich von ihnen inspirieren zu lassen. Kunst, Kulturen und die Liebe zu Abenteuern auch an die Jungs und Mädchen weiterzugeben, die noch gar nicht wissen, wie sehr sie das alles lieben könnten. Quasi all das, was ich auch mit avecMadlen versuche umzusetzen.

Und falls du denkst, TikTok wäre nur Trash-Content oder man müsste direkt mit dem ersten Video viral gehen: Das habe ich auch geglaubt. Beides trifft für mich aber nicht zu. Mit meinen kleinen Videos mache ich jetzt einfach mal stabil weiter. Weil ich stur bin, weil es wahnsinnig viel Spaß macht; und weil ich nach nur einem Monat sehe, dass es vorwärts geht – langsam, aber spürbar. Falls du also selbst überlegst, dort anzufangen: Warte nicht so lange wie ich.


Beitragsbild von J A N U P R A S A D auf Unsplash

Kategorien
Blog

Diese Liebe macht mich wahnsinnig

Mein Herz ist schwer, mein Kopf ist leer. Heute denke ich den ganzen Tag über eine Liebe nach, die mein Leben nachhaltig verändert und einen viel zu großen Teil meiner Gedanken- und Gefühlswelt einnimmt. Es geht um meine schmerzhafte Liebe zur Ästhetik. Wie ich hier bereits einige Male gestanden habe, liebe ich mit den Augen. Diese Liebe bewegte mich zu Dingen, die ich bereue, zu Elementen, ohne die ich nicht Leben kann und letztlich auch zu meinen ganz eigenen Untergängen, aus denen ich immer wieder wie neu geboren hervorgehe, als wäre nichts gewesen.

Heute Morgen sprach ich noch mit einem Freund, den ich darin verdächtige, mich in dieser Hinsicht gut zu verstehen. Er hat den Sinn für das Wunderbare, obschon wir beide feststellten, dass er, anders als ich, das Schöne besitzen will. Ich hingegen gebe mich offenbar damit zufrieden, es aus der Ferne zu betrachten, ohne zwingend den Anspruch zu haben, darüber zu herrschen. Ohne dieser distanzierten Annäherung kann ich aber nicht leben. Leide ich manchmal, weil ich das, was ich liebe, nicht beherrsche? Ja. Finde ich diesen Schmerz geil? Womöglich schon ein kleines bisschen.

Sie entdeckt ihre Liebe zum Schönen: Rote Tulpen

Die Liebe zum Schönen hat jeder von uns. Es weilen jedoch einige unter uns, die danach besessen sind. Ich zum Beispiel. Ich bin besessen – und ich weiß, von wem ich es vererbt habe. Mama jedoch hat es nicht vererbt. Also fragte ich sie heute, wie ihre Obsession zustande kam. Sie erzählte mir von der grauen und traurigen Oblast Donezk. Sozialismus, Kohlekraftwerke, Plattenbauten. Grauer Staub, graue Gesichter, matschiger Himmel. „Und dann sah ich sie“, erzählte sie mir, „rote Tulpen – inmitten all der grauen Massen (bitte mit russischem Akzent lesen, sonst kommt das nicht authentisch rüber)“. Sie sei damals erst 3 oder 4 Jahre alt gewesen und die roten Tulpen seien so riesig, dass ihre Blüten auf der Ebene ihrer Augen blühten.

„Ich war wie gelähmt von ihrer Schönheit, von ihrem Duft. Ich stand hypnotisiert da und taumelte“, sagte sie mir. Die roten Tulpen wuchsen in dem kleinen Garten meiner Uroma. Bis heute liebt Mama Tulpen mehr als alles andere. Für sie sind sie wahrscheinlich das Ebenbild der Perfektion, die sie damals so ergriffen hatte. Die Faszination für „das Perfekte“ fand sie auch in den Blüten und Früchten der Stachelbeeren in Uromas Garten. Später auch in einem schwarz-weißen Fotobuch der Sankt Petersburger Ermitage, das sie „löchrig blätterte“. Dann in den Architektur-Kursbüchern meiner Tante und dann ist das ganze komplett ausgeartet und wurde auf ein Level gehoben, das mich zu meiner Zeit hart traumatisiert hat.

IMAGO / Depositphotos: Die Liebe zum Schönen und zut Ästhetik: Meine Mutter verliebte sich damals in rote Tulpen
Tulips. a bulbous spring-flowering plant of the lily family, with boldly colored cup-shaped flowers.

Sie zieht es eiskalt durch…

Meine Mutter ist scheinbar wie der Freund, den ich heute Morgen gesprochen hatte – sie will sich ausschließlich mit dem Schönen umgeben. Und sie zieht es eiskalt durch. Ich jedoch, brauche das Hässliche, Stinkende für den Kontrast, um das Schöne deutlicher spüren zu können. Vielleicht einer der Gründe, warum ich Frankfurt liebe? Idk.

Frankfurter Skyline vom Aussichtspunkt auf dem Dach der Skyline Plaza. Man sieht den Messeturm, das Hochhaus "One" uns andere bei gutem Wetter.
Hier ein random Foto von der Frankfurter Skyline – ganz einfach weil ich sie über alles liebe und mein Sinn für Ästhetik sich in ihren Glasfassaden widerspiegelt.

Dann sagte Mama: „Ich fragte mich schon immer wieder, wie sich meine Museumsbesuche während der Schwangerschaft auf dich auswirken würden.“ Tjaaaa. Meine Liebe zur Kunst ging irgendwann mit mir durch, als ich noch gar nicht in vollständigen Sätzen formulieren konnte. Kunst, Architektur, Couture, Autos, Diamanten, die Gesichter schöner Menschen – um ein paar meiner Fetische zu nennen. Ich würde am liebsten alles ablecken, was mir derart gefällt.

Habe ich meine Liebe verloren?

Neulich war ich in der Gemäldegalerie. Und weißte was? Als ich zwischen den ganzen Rubensen stand, dachte ich für einen Moment, ich hätte es verloren: Dieses Hochgefühl, dass immer dann aufkocht, wenn ich etwas sehe, das ich liebe und mein Herz beginnt anders zu schlagen und ich ein bisschen benebelt und lüstern werde. Es war einfach weg. Wahrscheinlich, weil ich die Rubense zuvor schon so lange angestarrt hatte, dass sie mich locker in meinen Träumen hätten heimsuchen können. Dennoch fühlte ich kaum etwas, als ich sie sah. „Ist es vorbei?“, dachte ich. Es fühlte sich ziemlich vorbei an.

Bei diesem Gemälde von Paul Peter Rubens würde ich immer etwas fühlen.

Dann betrat ich den nächsten Raum. Ich dachte, ich komme. Wirklich. Cranach d.Ä. en masse – Cranachs, die ich bislang noch nicht gesehen hatte, weil das letzte Mal, als ich in der Gemäldegalerie war, in diesen Räumen Umbauarbeiten stattfanden. Was auch immer die darin umgebaut haben. Ich war beruhigt – ich hatte meine größte Liebe nicht verloren. Sie war nur etwas betäubt. Doch was wäre, wenn ich sie eines Tages verlieren würde? Dieser Gedanke plagt mich seither und lässt mich nachts kaum Schlafen.

Kleiner Cranach-Reminder aus der Gemäldegalerie:

Ich will zum Punkt kommen. Besessenheit von den schönen Dingen dieser Welt – sie treibt mich voran, sie hält mich zurück, sie reißt mich zu Grunde, sie lässt mich Raum und Zeit vergessen. Sie macht mich geil, sie deprimiert mich, sie inspiriert mich, sie nimmt mir alles, was ich habe. Aber eins macht sie immer: sie nötigt mich regelrecht dazu, mich am Leben zu fühlen.


Titelbild Copyright: IMAGO / Depositphotos

Kategorien
Blog

Meine Quellen der Inspiration

Quellen der Inspiration sind so individuell wie wir Menschen selbst. Sie können uns in unerwarteten Momenten und durch unterschiedlichste Auslöser begegnen: Kunstwerke, inspirierende Menschen oder berührende Momente. Doch manchmal sind es auch die scheinbar negativen oder ungewöhnlichen Dinge, die uns zu kreativen Höhenflügen verhelfen können. Heute will ich mit euch ein paar meiner persönlichen Inspirationsquellen teilen, die auf den ersten Blick vielleicht banal erscheinen mögen, aber mich immer wieder aufs Neue antreiben.

Negative Inspiration: Schlechte Ausstellungen und Co.

Schlechte Ausstellungen. Die guten inspirieren mich natürlich auch. Aber eben auf einer ganz anderen Ebene. Während ich über die Guten schreiben will, will ich die Schlechten zu meinem Eigen machen und sie in meiner eigenen Art reproduzieren. Nachdem ich mir schlechte Ausstellungen reinziehe, bin ich meistens wütend und kann an nichts anderes mehr denken, bis ich mir eines der Exponate imitiert habe. Für mich ist das eine „Negativinspiration“, die Spaß macht und dabei eine intime und emotional geladene Erfahrung ist.

Madlen Romanowna: Stillleben 2024
Das war spaßig. Inspiriert wurde das von einem Gemälde von Nicolas Party. Der Künstler gab seinen Werken mehr Bedeutung, als es je angemessen sein würde. Als angehende Kunsthistorikerin (und Fan der Alten Meister) bekam ich zunächst ein nervöses Zucken im Auge und schließlich auch in den Fingern.

Menschen, die mir seelischen Schmerz zufügen. Der Klassiker. Manche Situationen erlebe ich so intensiv, dass ich mich danach tagelang in meiner Wohnung einsperren muss, um überhaupt verarbeiten zu können (ich bin neurotypisch btw). Mit ein bisschen Glück durchlebe ich dabei einen unendlichen Flow. Worte, Themen, Skizzen, Ideen sprudeln nur so aus mir heraus, machen dabei Sinn und werden auch noch zu etwas Größerem, als ursprünglich geplant. Im weitesten Sinne bin ich dankbar – ohne dieser Zwischenfälle wäre ich wahrscheinlich nicht so erfüllt. Immer wieder sage ich, dass es nicht darauf ankommt, wie heftig der emotionale Schmerz ist, der dir zugefügt wurde, oder wie groß das Problem ist, mit dem du klarkommen musst – viel wichtiger ist, wie du damit umgehst. Also versuch das Ganze in Inspiration umzuwandeln. Faustregel, die ich dabei allerdings aufstellen musste: Immer erst dann publizieren, wenn ich wieder abgekühlt bin. Nicht, dass avecMadlen wieder verboten wird.

Auch im Schönen suche ich die Inspiration

Menschen, die meine Energie spiegeln. Am liebsten bin ich zwar immer noch mit mir selbst, habe aber mit den Jahren gelernt, dass nicht alle Mitmenschen mich überfordern. Es gibt auch jene, mit denen ich Zeit verbringe und mich danach gut fühle. Manche Begegnungen gehen dabei so tief unter die Haut, dass sie in meinem Kopf Steine ins Rollen bringen. Je seltener das passiert, desto mehr wachse ich durch diese intensiven Begegnungen und es kommen Stücke wie etwa „Diese Liebe macht mich wahnsinnig“ zustande.

Die Natur – sie ist ein Teil von mir und ich bin ihre treue Dienerin. Geht es mir wegen Punkt 1 oder 2 schlecht, sperre ich mich erst ein bisschen in meiner Wohnung ein, mache mein Ding und traue mich später aus der Tür, um mir einen zweiten Inspirationsschub zu holen. Mein Kopf wird frei, wenn ich in einen Wald hinein starre. Wenn ich Gräser, Büsche, Blätter berühre und an Blumen rieche, komme ich sofort wieder zur Vernunft. Auch dann, wenn ich meine Hände in der Erde vergrabe, Samen säe, Äste schneide, gieße, grabe und Blätter sammle, fühle ich mich glücklich und inspiriert.

Quelle meiner Inspiration: Die Schwanheimer Düne. Hier komme ich her, um mich instand aufladen zu lassen.
Eine der Quellen meiner Inspiration: Die Schwanheimer Düne. Hier kam ich her, um mich instand aufzuladen. Seit ich wieder in Baden-Baden lebe, wurde die Düne von den Geroldsauer Wasserfällen abgelöst.

Herbst, depressive Verstimmungen und Romane

Der Herbst. Er ist eine Inspiration an sich. Das Wetter wird trüb und traurig, die Blätter färben sich gülden und depressive Verstimmungen kommen wie bestellt. Die Kombi aus Herbst und Verstimmung ist eh ein Unschlagbares Duo und daher oft auch inspirierend. Ich tendiere dazu, mich mit dem Sinn des Lebens auseinanderzusetzen und das Größere zu erkennen – auch dann, wenn es gar nicht da ist. Wie die meisten von euch aber wissen, können depressive Verstimmungen leicht in richtige Depressionen übergehen und dann geht bei mir leider gar nichts mehr. Aber ja, der Herbst ist super, um sich Denkanstöße zu holen.

Bücher. Selbsterklärend. Romane, biografische Sachbücher, Monographien zum Thema Kunst und Modezeitschriften am liebsten. Bei literarischen Meisterwerken am liebsten Kafka, Dostojewski und Erich Maria Remarque.

Psychischer Druck als Inspirationsquelle

Unter Druck entstehen Diamanten. Ich liebe den Druck, den meine Psyche an mir selbst übt. Es ist wie ein Sich-Selbst-Auffressen, das mich gleichzeitig beflügelt. Einen positiven Effekt hat Druck aber nur dann, wenn ich ihm gerecht werde und ihn gezielt dazu nutze, um über mich selbst hinaus zu wachsen. Sei es, um meine Emotionen unter Kontrolle zu nehmen und meine Gedanken zu strukturieren, oder um jene Emotionen in Texte oder andere kreative Tätigkeiten umzuwandeln. Dabei spielt es keine Rolle, welchen Druck ich als Quelle der Inspiration verwende: Zeitdruck, Perfektionsdruck, Gelddruck, zu Hohe Erwartungen an mich selbst, Ungeduld – jede Art des Drucks inspiriert in irgendeiner Weise.

Zwei Extreme, die mich wahrscheinlich am meisten inspirieren

Industriebauwerke. Gott, ich HASSE Industriebauwerke. Sie machen mir Angst, sie widern mich an, sie sind das, was in meinen Augen direkt aus der Hölle kommt. Rohre, Rauch, massige Gebäudeteile, die das Landschaftsbild versauen, ekelhafte Wendetreppen und Leitern aus Metall sowie rot blinkende Warnlichter. Ich hasse es so sehr, dass es mich jedes Mal durchschüttelt, wenn ich davorstehe. Diese eigenartige Erfahrung inspiriert mich aber jedes Mal aufs Neue. Merkwürdig, oder? Ich weiß gar nicht, wo dieser Ekel herkommt, ein paar einschneidende Erfahrungen machte ich jedoch. Wenn ich bereit bin, sie zu teilen, lasse ich es euch wissen.

Meine geliebten Leser. Für mich ist jede Reaktion auf mein „pseudointellektuelles Geschreibsel“, wie einst ein Leser sagte, ein Geschenk. Ich liebe jedes Wort, das ihr mir schreibt, nachdem ihr mich gelesen habt. Ich könnte jedes Mal vor Glück weinen, wenn ihr mir mitteilt, dass ihr das Gleiche durchlebt habt, dass ihr meine Worte nachvollziehen könnt, oder dass ihr meine Geschichten witzig oder geil oder spannend fandet. Für meine Leser ALLES. Egal, von welchen Portalen, Zeitungen, Kanälen ihr mich auch lesen mögt – ihr seid die Besten und Geilsten. Hört niemals auf, mir eure Kommentare und Nachrichten zu schreiben, auch wenn ihr mich einfach nur kritisieren wollt und mir mitteilen wollt, dass ich wieder mal nur Scheiße publiziere. Ich lebe dafür, euch zu unterhalten, zu inspirieren und von euch inspiriert zu werden. Danke, dass es euch gibt.


Zum Beitragsbild: Das ist Nicolas Party’s, wie ich ihn gerne nenne, „Osthaufen“. Dieses Werk existiert nicht mehr, da es wieder von den Wänden des Museums Frieder Burda in Baden-Baden abgetragen wurde. Das Bild an sich gehörte zu den stärksten Arbeiten, die dort zu dem Zeitpunkt ausgestellt wurden. Die leuchtenden Farben mochte ich besonders. Doch die Bedeutungstiefe der Früchte, die als die menschliche Sexualität im Bezug auf Adam, Eva, Kain und Abel zu lesen war, fand ich etwas weit hergeholt. Aber so ist die Kunst der Gegenwart nun mal. Manchmal zumindest.

Kategorien
Blog Reisen

Ein Blick in die Sterne

Ich will etwas Neues fühlen. Deshalb gehe ich in Richtung Wald. Es ist schon Dunkel und Frankfurt ist Frankfurt. Also bleibe ich kurz vor dem Waldrand abrupt stehen. Meine Füße wollen da nicht weiter rein. Ursprünglich wollte ich den Meteorstrom von der Schwanheimer Wiese aus beobachten und ggf. weiter zur Schwanheimer Düne gehen. Dort hat man, laut mir, freie Sicht auf den Himmel und die Lichter der Stadt stören nicht beim Blick in die Sterne. Aber ich trau mich nicht in den Wald, verdammt noch mal. Das macht mich bockig.

Wenige Minuten später liege ich auf meiner Veranda, weil ich keinen Balkon habe, und starre in den nächtlichen Himmel. Meinen Lesern versprach ich heute ab 23 Uhr Sternschnuppen en masse. Auf diese warte ich auch. Ich warte, doch sie lassen sich nicht blicken. Leise spielt meine Jazz-Playlist im Hintergrund und je länger ich nach oben blicke, desto bedeutungsloser komme ich mir vor. Desto kleiner scheint mir all das, was mich bedrückt und beschäftigt. Desto spannender erscheint mir das Funkeln der Sterne.

Ich starre sie so lange an, bis ich selbst Sternschnuppen sehe. Da eine, und dort noch eine. Bilde ich sie mir ein? Keine Ahnung. Wahrscheinlich wird das das Geheimnis bleiben, das das Universum vor mir hat. Ich lausche der Nacht. Es sind zu viele Flugzeuge am Himmel. Zu viele Gedanken in meinem Kopf, die ich längst hätte loslassen sollen und zu wenig Wörter, um sie jemals jemandem erklären zu können.

Kategorien
Blog

Die Geburt einer Heldin

Gestern schrieb ich über ein brennendes Auto auf der A5. Heute wachte ich auf und eine vergessene Erinnerung war freigeschaltet: In den späten 90-ern fuhr meine Mutter mich von Sochi nach Novomihailovskyi. Damals lebten wir in einer Wohnung in Sochi, meine Großeltern aber in dem von meinem Opa erbauten Ziegelsteinhaus in Novomihailovskyi. Die Fahrt von einem Ort zum anderen dauerte etwa drei Stunden. Und wir fuhren oft hin und her. Oft. Also könnt ihr euch auch vorstellen, wie viel ich auf dieser Strecke erlebt habe: Glatteis, umgekippte Lkw (weil wilde Kurven), Honig aus eigenem Anbau und Wassermelonenverkauf am Straßenrand.

Doch diese Episode, die sich an jenem Tage zugetragen hatte, prägte mich als Mensch für alle Zeiten. Mama wie immer am Steuer ihres buttercremefarbenen Lada Samara – wir kommen in etwa 40 Minuten an. Sie trägt eine Sonnenbrille und einen selbstdesignten, hautengen Overall in Blumenmuster und offenem Rücken. Tiefer Ausschnitt, kleiner Kragen, toller Stoff – wie immer ein Stück Kleidung nicht von dieser Welt. Wie immer in High Heels.

Ich blickte aus dem Fenster, und plötzlich…

Ich bin etwa 3 oder 4 – Mama führt ein ernstes Gespräch mit mir, die hinten sitzt. Wenn sich nicht alles irrt, ging es um Bienchen und Blümchen, doch heute erinnere sie sich wohl nicht mehr dran. Maximal verwirrt von dem, was ich eben erfahren hatte, blicke ich aus dem Fenster auf der Fahrerseite und sehe auf dem entgegenkommenden Streifen: einen bereits zerschmetterten Pkw, wie er erneut in einen kleineren Transporter knallt. Natürlich wie in Zeitlupe.

Mama bremst. Der Pkw fängt Flammen, ziemlich schnell. Es brennt und die Fahrer anderer Autos halten an. Sie steigen aus ihren Fahrzeugen und eilen zum Unfallgeschehen. Ehe ich realisieren kann, was gerade passiert, springt meine Mutter aus dem Auto und eilt in ihren High Heels über die Straße zu dem brennenden Auto. Zwei Männer versuchen, die Türen mit Gewalt aufzureißen. Vergebens. Sie rufen einander etwas zu. Hektik und Adrenalin.

Die Flammen werden immer größer

Meine Mutter versucht eine der hinteren Türen aufzureißen. Es klappt nicht. Sie hat ein eiskaltes Gesicht – wie immer, wenn etwas passiert, wenn es um Leben und Tod geht. Sie reißt an der Tür, sie hört gar nicht auf und sie will allem Anschein auch gar nicht aufgeben. Die Flammen werden größer. Sie hebt ihr Bein an und drückt mit ihrem Highheel gegen das Auto, während sie weiter an der Tür zerrt. Und sie geht auf.

Meine Mutter zieht einen Mann mit Glatze vom Rücksitz. Er trägt einen grauen Sakko hält sich an ihr fest. Sein Kopf blutet, doch er macht einen recht glücklichen Eindruck – er weiß, er wird weiterleben. Inzwischen wurde auch die junge, blonde Fahrerin aus dem Auto gezogen. Sie war benommen, aber ebenfalls sichtlich dankbar dafür, dass sei eine zweite Chance bekommt. Der Mann vom Beifahrersitz kann ebenfalls gerettet werden.

Elena Wismahr-Gruzinova
Diese kleine, zierliche Frau, Leute. Hier ist übrigens ihr Insta. Fotografiert von Jenna Haag.

Meine Mutter ist eine Heldin

Und so erlebte ich meine Mutter, wie sie furchtlos und ohne nachzudenken handelte. Sie hatte sich heldenhaft verhalten und installierte auch in mir diesen Mechanismus. Jahre später sprach sie darüber, wie sie im Nachhinein die Gefahr realisierte, die ihr drohte. Während ich ihr vom Rücksitz unseres Lada zusah, wie sie zielorientiert um das Leben der Menschen kämpfte, die sie nicht kannte, saugte ich dieses Verhalten auf. Mama wurde für mich zu einem noch größeren Heiligtum.

Ich denke viel zu selten an diese Geschichte. Doch sie ist eines der wichtigsten Bausteine für mich, die mein Frauenbild geprägt hatte. Eine Frau war für mich schon sehr früh eine Heldin. Und dies baute ich immer weiter aus. Frauen können alles – und zwar ganz allein. Und zwar nicht nur Menschen aus brennenden Autos retten. Meine Mutter etwa zog mich ganz allein groß. Später auch in einem völlig fremden Land. Sie gab niemals auf. Durch ihr „richtiges Handeln“ und durch ihre „Fehler“ bin ich heute die furchtlose, wilde, energische Frau, die ich immer sein wollte. Danke Mama, dass du du bist. Danke auch dafür, dass du in mir durch dein Wesen diese verrückte Liebe zum Schönen großgezogen hast.

Was ich abschließend sagen will ist, dass jeden Tag Heldinnen geboren werden. Auch wenn die Welt für die zarte Seele oder das Herz einer Frau kein wirklich richtiger Ort ist. Dass wir dennoch wachsen, handeln und nach all dem auch noch lachen können, macht jede von uns zu einer Heldin. Sorry Boys, nächstes Mal schreib ich auch was über euch.


Foto von V T auf Unsplash

Kategorien
Blog

Warum alte Fotoalben ALLES sind

Fotoalben sind für mich das Größte. Zwei mal schenkten mir Freundinnen Fotoalben und ich garantiere euch: das waren die besten Geschenke, die ich je bekommen habe. Bis heute blättere ich darin rum und bin sofort in eine Zeit zurückversetzt, in der ich glücklich und wild war. Bin ich heute natürlich auch noch, aber bestimmte Momente erneut zu durchleben und die Liebe zu spüren, die die Personen in diese Alben gesteckt haben, ist mit nichts zu vergleichen.

Schwierige Freundschaft endet – was bleibt, sind Fotos

Das erste Album ist von einer ehemaligen Freundin. Nennen wir sie Maria Eduarda. Wir haben seit Jahren keinen Kontakt mehr. Maria Eduarda hatte vermutlich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung – eine etwas andere als ich. Sie äußerte sich dadurch, dass sie mich vor anderen Personen ständig versuchte runterzumachen, um sich selbst auf ein Piedestal zu heben. Ich ertrug es irgendwann nicht und verschwand aus ihrem Leben. Zuvor sprach ich sie offen darauf an und erzählte ihr, wie unwohl ich mich dabei fühle. Sie zeigte sich einsichtig, doch es dauerte nicht lange, bis das wieder von vorne losging.

Dennoch verbrachten Maria Eduarda und ich sehr viel Zeit zusammen. Wir trafen uns eine Zeit lang jeden Tag – wir lebten nicht weit voneinander entfernt. Als ich sie das erste Mal sah, begeisterte sie mich mit ihrer Verrücktheit, ihrer Dynamik und ihrer charismatischen Energie. Wir standen uns sehr nahe, aber waren emotional nicht auf dem gleichen Level. Sie war eine dieser Freundinnen, mit der man Spaß haben konnte, ohne dabei deep zu werden. Doch das reichte mir nicht. Und ihre narzisstischen Anfälle konnte und wollte ich nicht mehr ertragen. Also war ich raus.

Das Fotoalbum lässt mich unsere Freundschaft überdenken

Vor nur wenigen Monaten sah ich sie nach langer Zeit wieder, doch sie weiß nichts davon. Ich erkannte sie von hinten an ihrer beachtlichen Größe, dem unfassbaren Haar und der Männermenge, die sie umgab. Außerdem trug sie die Jacke, die ich ihr vor Jahren geschenkt hatte, als ich mich auf eine lange Reise begab. Im Gegenzug gab sie mir ein Fotoalbum mit Erinnerungen an unsere Freundschaft.

Auf vielen Bildern sind wir zu zweit zu sehen, manche zeigen uns beim Kiffen, manche beim Saufen, in der Sauna, auf Raves, im Lift, in der Shishabar – manche zeigen ihre Katzen. Letztens beschloss ich ein paar Bilder auszusortieren, um mir Platz für jene zu schaffen, die ich lieber habe. Ich zog Maria Eduardas Bilder aus ihren Hüllen und entdeckte erstmals die Aufschriften an den Rückseiten: „Lerne, ohne Erwartungen zu leben, so kannst du die Wunder sehen, die jeden Tag geschehen… Mein Wunder ist es, Dich zu kennen“, schrieb sie mit einem grünen Stift auf die Rückseite eines Bildes von einer Party in Karlsruhe. Jetzt, in diesem Moment, tränen meine Augen, wenn ich das lese und wiedergebe. Und auch als ich Wochen später redigiere, muss ich ein bisschen heulen.

Foto von Madlen Romanowna Trefzer und einer unbekannten Freundin.
Hier waren wir auf einem verrückten Rave in Karlsruhe mit anschließender Afterhour bei Maria Eduarda. Man beachte den lila Lippenstift, der an mir etwas dunkler und an ihr SO elektrisierend aussah. Sie mochte es nicht; eine andere Wahl hatte sie aber nicht. Immerhin vergaß sie ihren Roten zu Hause.

Auf jedem Bild steht hinten etwas. Das zeigt, dass sie sich Gedanken machte und ich ihr vermutlich doch mehr bedeutet hatte, als ich immer dachte. Das macht mich emotional. Natürlich habe ich die Bilder nach dieser Entdeckung nicht mehr auswechseln oder vernichten wollen. Diese Erfahrung und das gründliche Studieren der Bildaufschriften haben mich erkennen lassen, dass diese Freundschaft nicht nur toxisch war. Wie das Leben nicht nur schwarz oder weiß ist. Es gab Gründe, warum wir zueinander fanden und ich denke gerne an diese wilde Zeit zurück. Das Bedürfnis, sie erneut zu durchleben habe ich aber nicht. Dafür reichen mir unsere Fotos.

Fotoalben: Emotion und Erinnerung an die wilden Zeiten

Unvergessliche Momente aus meiner Zeit in Heidelberg

Das zweite Fotoalbum ist gerade Mal ein Jahr alt. Dennoch fühlt es sich an, als sei es aus einem andren Leben. Ich bekam es von einer Arbeitskollegin, mit der ich eine Freundschaft entwickeln konnte, obwohl wir ganz unterschiedliche Dynamiken und Weltanschauungen hatten. Kurz gesagt: Teresa und ich hatten unterschiedliche Paradigmen, aber wir verstanden uns auf bestimmten Ebenen: Beide verträumt und kreativ, beide exzentrisch und seelisch in einer ganz eigenen Welt.

Als ich den Job bei wir-wissen-welchem-Medium aufgab, ging Teresa wenig später auch. Zu meinem Abschied schenkte sie mir ein Fotoalbum. Jedes Mal, wenn ich es sehe, lache und weine ich. Manchmal gleichzeitig. Sie gab sich wahnsinnig viel Mühe dabei, die besten Momente zusammenzustellen und den Vibe dieser verrückten und wilden Zeit, die überwiegend scheiße anstrengend war, wiederzugeben. Sie hat alles mit ihren eigenen Händen gemalt, ausgeschnitten, beklebt, recherchiert, ausgedruckt. Ich liebe dich dafür, Teresa. Ich vermisse die Zeit mit dir, mit euch. Es ist schwer die Energy unserer arbeitsinternen Girl-Gang zu schildern, aber wir hatten Momente zusammen, die ich niemals vergessen werde.

Diesmal war ich die toxische Freundin – ein bisschen jedenfalls

Ich werde niemals auf unsere Boots- und Sauftouren klarkommen. Ich werde nie unsere Interventionen und unsere Nähe zueinander vergessen. Wie sauer auf mich alle waren, als ich abgehauen bin, habe ich deutlich zu spüren bekommen und nehme es hin wie eine Frau. Der kollektive Unmut ist auch nachvollziehbar. Aber ich musste weg, weil ich die Möglichkeit hatte, mich selbst zu verwirklichen. Und diese Gelegenheit konnte ich mir nicht entgehen lassen.

Boots- und Sauftour im Tretboot am Neckar: ALLE Mädels waren dabei. Bester Tag ever.

Aber ja, ich weiß auch genau, was die Girls mir auf diese Argumentation antworten würden. Es ging nicht um das Gehen, sondern um das wie. Deshalb sehe ich meinen Fehler ein: ich hätte meinen Abgang mit allen persönlich besprechen sollen, statt sie mit einer kurzen Nachricht ins kalte Wasser zu werfen. Ich mache auch Fehler, die ich bereue. Und wie ich letztens zu hören bekam, bin ich auch noch ein schlechter Empath. Ich dachte immer, dem sei nicht so, weshalb ich über diese Information erstmal reflektieren muss. Aber ich schweife ab, wie so oft. Kennen wir ja. Jedenfalls deute ich mein Verhalten den Girls gegenüber als Beleg dafür, dass ich tatsächlich weniger empathisch bin, als ich immer dachte zu sein.

„mad memories“ – ein Fotoalbum wilder als ’ne Horde Giraffen

Dieses Fotoalbum – es heißt übrigens „mad memories“, weil mein Autorenkürzel seit Anbeginn meiner journalistischen Karriere (mad) ist – fasst die besten und verrücktesten Momente zusammen, die wir in dieser viel zu kurzen Zeit miteinander hatten. Mädels, ihr habt alles Beste dieser Welt verdient. Ich hoffe, dass die, die noch dort sind, unsere Traditionen am Leben halten und immer noch zusammen auf „verbotene Reportagen“, Bootstouren, Lesungen und Co. gehen und somit alles aus diesem harten und psychisch belastenden Job mitnehmen. Ich denke an euch alle und ich liebe euch. Daran wird sich niemals etwas ändern.

links: die Gang, rechts: Chefi. Wie er es nur mit uns allen aufgenommen hat… Hätte ich ihn unkenntlich machen sollen? Egaaal, Yolo soll mich mal verklagen – das Bild ist einfach Perfektion auf Fotopapier.
Mannheim: Bundesgartenschau bei Sonnenuntergang
Das war so eine crazy Reportage. Kollegin und Freundin Mona und ich waren unterwegs auf der Eröffnung der Bundesgartenschau in Mannheim. Hier sitzen wir gerade in der Seilbahn, nachdem wir so einen wahnsinnig schönen und energetischen Tag mit fünf Kameras in einer Hand und sechs Mikros in der anderen verbracht haben.

Diese emotionalen Erfahrungen mit Fotoalben haben mich dazu veranlasst, selbst Fotoalben zu erstellen. Mit mir in der Hauptrolle, natürlich. Ich liebe es, immer mal wieder reinzuschauen und festzustellen, was für ein erfülltes und intensives Leben ich führe. Ich will einfach alles von diesem Leben. Meine Fotoalben helfen mir dabei, zu erkennen, dass ich mir auch alles nehme. Und diese Erkenntnis fühlt sich geil an. Habe ich auch ein Fotoalbum, das den Namen „EROS“ trägt? Vielleicht ;). Aber ob das jemals jemand zu Gesicht bekommen wird – das muss ich mir noch gründlich überlegen.

Kategorien
Blog

Wie Paradigmen unsere Wahrnehmung formen

Das Konzept des Paradigmas hat seinen Ursprung in der Wissenschaft, wird aber heute weitläufig genutzt, um Modelle, Theorien oder Annahmen zu beschreiben. Ein Paradigma hilft uns dabei, die Welt um uns herum zu verstehen und zu interpretieren.

Paradigmen: Die Landkarten der Wahrnehmung

Denke an ein Paradigma wie an eine Landkarte. Eine Karte repräsentiert nicht das tatsächliche Land, sondern liefert uns eine Darstellung bestimmter Aspekte eines Gebiets. Genauso ist ein Paradigma eine Theorie oder ein Modell von etwas anderem – etwas Größerem. Nehmen wir an, du willst einen bestimmten Ort im Zentrum Frankfurts erreichen und hast dazu einen Stadtplan zur Hand. Was wäre aber, wenn dieser Stadtplan irrtümlicherweise der von Hannover ist? Dein Bemühen, das Ziel zu erreichen, wäre frustrierend erfolglos.

Du könntest versuchen, dein Verhalten anzupassen: Dich mehr anzustrengen, oder dich schneller durch die einzelnen Straßen arbeiten. Dennoch würde jede zusätzliche Anstrengung dich nur schneller zum falschen Ort führen. Eine positivere Einstellung könnte zwar deine Frustration lindern, aber du wärst immer noch am falschen Ort verloren.

Durch diese Einflüsse formen sich Paradigmen

Das grundlegende Problem hat also nichts mit deinem Verhalten oder deiner Einstellung zu tun. Es hängt damit zusammen, dass du einen falschen Stadtplan hast. Erst dann, wenn du einen richtigen Plan von Frankfurt hast, spielt dein Fleiß überhaupt eine Rolle. Wenn du unterwegs auf frustrierende Hindernisse triffst, dann kann es wesentlich auf deine innere Einstellung ankommen. Aber die erste und wichtigste Bedingung ist die Genauigkeit des Stadtplans. Ähnlich ist es mit den „mentalen Landkarten“ in unseren Köpfen, die unsere Sicht auf Realität und Werte prägen.

Hast du dich jemals gefragt, warum du Dinge so siehst, wie du sie siehst? Die Antworten liegen in unseren Paradigmen – den mentalen Rahmen oder Landkarten, die wir im Laufe unseres Lebens erstellen. Sie formen sich durch vielfältige Einflüsse: Familie, Schule, Arbeitswelt oder Freunde sind nur einige davon.

Kleine Übung: So schnell erkennst du Paradigmen

Eine einfache Übung zeigt, wie schnell diese Paradigmen unsere Wahrnehmung beeinflussen können. Hierzu führt Stephen R. Covey folgendes Bild auf, das uns allen bestimmt ein Begriff sein sollte. Je nach Perspektive sieht man beim Betrachten dieses Bildes eine alte oder eine junge Frau. Sieht man das Bild zum aller ersten Mal, so sieht man meistens nur eine der beiden Frauen. Erst wenn wir genauer hinsehen und die Darstellung auf uns wirken lassen, entdecken wir die zweite Frau.

William Ely Hill: Optische Täuschung, alte oder junge Frau
Diesen weltberühmten Entwurf namens „Meine Frau und meine Schwiegermutter“ fertigte der Engländer William Ely Hill um 1915 an.

Dieser Entwurf wirft zwangsläufig folgende Frage auf: Sehen wir die Welt wirklich so, wie sie ist? Oder interpretieren wir einfach alles durch unsere eigenen mentalen Filter? Eher Letzteres, oder? Wir neigen dazu zu glauben, dass unsere Sichtweise objektiv ist. Aber in Wirklichkeit beschreiben wir mehr uns selbst und unsere Paradigmen als die Welt um uns herum.

Wahrnehmung ist von vielen Faktoren geprägt

Was also tun? Zunächst einmal akzeptieren, dass deine Wahrnehmung von vielen Faktoren geprägt ist. Und wenn du das nächste Mal auf eine Meinungsverschiedenheit stößt, denke daran: Es ist nicht unbedingt etwas mit der anderen Person falsch – es könnte einfach eine andere Paradigmenperspektive sein. Denke daran, dass die Welt nicht nur so ist, wie du sie siehst, sondern auch so, wie du konditioniert bist, sie zu sehen.

Deine persönlichen Erfahrungen hinterlassen ihren Abdruck auf deiner Wahrnehmung der Welt. Es ist, als ob du durch die einzigartige Brille deiner Erfahrung schaust. Doch das bedeutet nicht, dass es keine Tatsachen gibt. Stell dir vor, du und jemand anderes betrachten gemeinsam das Bild mit der jungen und der alten Dame – ihr seht dieselben schwarzen Striche und weißen Flächen. Ihr würdet beide diese Elemente als Tatsachen anerkennen. Aber wie ihr diese Fakten interpretiert, hängt von euren bisherigen Erfahrungen ab.

Anschauliches Beispiel: Geschichte über zwei Kriegsschiffe im Nebel

Zwei dem Ausbildungsgeschwader zugeteilte Kriegsschiffe übten seit Tagen bei schwerem Wetter Manöver. Ich fuhr auf dem Leitschiff und hatte gegen Abend Dienst auf der Bricke. Nebelschwaden erschwerten die Sicht, also blieb auch der Kapitän oben und überwachte alles, Kurz nach Anbruch der Dunkelheit meldete der Ausguck: „Licht steuerbord voraus!“ „Bleibt es stehen oder bewegt es sich achteraus?“, rief der Kapitän. Der Ausguck antwortete: „Es bleibt, Kapitän.“ Was hieß, dass wir uns auf einem gefährlichen Kollisionskurs mit dem anderen Schiff befanden. Da rief der Kapitän dem Signalgast zu: „Schicken Sie dem Schiff ein Signal: Wir sind auf Kollisionskurs, empfehlen 20 Grad Kursänderung.“ Zurück kam das Signal: „Empfehlen Ihnen, den Kurs um 20 Grad zu ändern.“ Der Kapitän sagte: „Melden Sie: Ich bin ein Kapitän. Kurs um 20 Grad ändern.“ „Ich bin ein Seemann 2. Klasse“, lautete die Antwort. „Sie sollten Ihren Kurs besser um 20 Grad ändern.“ Inzwischen war der Kapitän ziemlich wütend. Er schimpfte: „Signalisieren Sie, dass ich ein Kriegsschiff bin. Er soll den Kurs um 20 Grad ändern.“ Prompt wurde eine Antwort zurückgeblinkt: „Ich bin ein Leuchtturm.“ Wir änderten unseren Kurs.

Diese Kurzgeschichte verdeutlicht: Die Art und Weise, wie wir die Welt sehen, wird stark von unserer begrenzten Wahrnehmung beeinflusst. Es ist wichtig zu verstehen, dass unsere subjektive Darstellung der Realität – unsere Landkarte des Lebens – nicht das tatsächliche Territorium darstellt.

Bestimmte Faktoren können wir nicht außer Kraft setzen

Wer versucht, seinen Weg durch Frankfurt mit dem Stadtplan von Hannover zu finden, wird schnell feststellen, dass seine „Landkarte“ nicht mit der Realität übereinstimmt. Daher ist es entscheidend, sich immer wieder bewusst zu machen: Prinzipien sind wie Leuchttürme, Naturgesetze, die wir nicht außer Kraft setzen können. Nur wenn wir unser Sein und unsere Sichtweise ändern, können wir auch unsere Wahrnehmung der Welt um uns herum verändern.

Wie kannst du also deine eigenen Paradigmen erkennen und sie in Einklang mit der objektiven Realität bringen? Indem du andere Meinungen anhörst und offen für neue Perspektiven bleibst. So kannst du dazu lernen und wachsen – sowohl als Einzelperson als auch in deinen Beziehungen zu anderen Menschen. Du willst Vertrauen gewinnen? Sei vertrauenswürdig. Du möchtest in deinem Talent anerkannt werden? Dann konzentriere dich zuerst auf deinen Charakter. Schaffe aus Gedanken Worte; Aus Worten Taten. Aus Taten Gewohnheiten. Lerne, dir selbst treu zu sein und deine eigenen Versprechen (vor allem die an dich selbst) einzuhalten.

Demnach liegt Schlüssel zum persönlichen Erfolg in der Philosophie „von innen nach außen“. Das bedeutet, persönliche Erfolge kommen vor öffentlichen. Es ist nutzlos, dein Image vor deinen Charakter zu stellen oder Beziehungen verbessern zu wollen, ohne zunächst an dir selbst zu arbeiten.


Quelle: Stephen R. Covey „Die 7 Wege zur Effektivität – Prinzipien für persönlichen und beruflichen Erfolg“

Titelfoto von oxana v auf Unsplash

Kategorien
Blog

Die Frau im Spiegel

Da stand ich nun vor dem Spiegel. Ich trat näher. Ganz nah, bis ich nur noch mein Gesicht erblicken konnte. Suchend nach der Makellosigkeit, die meine Mutter immer wieder darin fand. Ich fragte mich, wo sie diese sah. Dann schaute ich mir tief in die Augen. Sie waren so wie immer, aber nicht wiederzuerkennen. Ich trat erschrocken zurück.

Tänzelnd vor dem Spiegel betrachtete ich das Gesamtbild. Dann wurde die Frau im Spiegel wieder völlig ernst. Sie schaute seriös, dann wieder voller Seelenschmerz, dann machte sie mir Rehaugen und wurde wieder ernst. Ich merkte, dass die Frau im Spiegel innerlich lacht. Ob über mich oder etwas anderes – wohl eher über mich, ja. Ich erschrak und wich erneut zurück.

Ich suchte Schutz vor ihren durchdringenden Blicken hinter dem Türrahmen und bemerkte jetzt erst meinen rasenden Puls. Mit wurde klar, dass ich diese Frau nicht kenne. Aber sie zieht mich magnetisch an und sie ist immer da – ich sehe sie nur nie. Oder eben nur in Spiegeln. Ich musste mich sammeln. Doch ich hatte Angst, wieder aus der Tür hervorzukommen und ihren Blick aufs Neue über mich ergehen zu lassen. Aber ich musste.

Also ging ich an ihr vorbei zum Lichtschalter. Ein flüchtiger Blickkontakt verriet, dass sie meine Angst genauestens roch. Sie schien mir, als würde sie ihre Erkenntnis zu ihrem Vorteil nutzen wollen. Die Frau im Spiegel schnitt eine satanische Grimasse. Nun erreichte ich auch schon den Lichtschalter. Als nächstes müsste ich auch noch in der Dunkelheit an ihr vorbeischreiten.

Ich weiß, dass sie jetzt auch da ist. Sie lebt. Im Bett liegend sah ich ihren Schatten über die Wand wandern. Sie war nicht ich, denn ich lag regungslos auf einer Stelle. Als sie bemerkte, dass ich sie wieder sehe, ging sie aus dem Zimmer zurück in meine Gedanken und tauchte als einäugiger, grau befellter Vierbeiner auf und schrie in einem klirrenden Ton, den nur ich hören konnte.


Ein kleiner Kommi zu der „Frau im Spiegel“

Die Frau im Spiegel

Was soll ich zu meiner Verteidigung sagen? Ich war bekifft, nehme ich mal an. Ich konnte mich lange Zeit nicht mit der Frau im Spiegel anfreunden, weil ich sie nicht so gut kannte, wie es mir lieb gewesen wäre. Dann änderte sich das langsam. Diese Geschichte entstand im Jahr 2018 – dem Jahr, in dem auch „die Verschmelzung“ entstand. Ich hatte wirklich Spaß daran, mich kreativ auszuprobieren und meinen Dämonen zu erlauben, meinen Körper und meinen Geist zu verlassen. Dann wuchs mir kruzerhand das alles über den Kopf.

Habe ich mir einen abgegruselt, als ich diese Geschichte runtergetippt habe? JA!

Mittlerweile gehe ich mit meinen Dämonen anders um. Naja. Wirklich? Weiß ich nicht genau. Nach wie vor schreibe ich – jedoch bin ich der Realität, was auch immer sie ist, viel näher als damals. Momentan benutze ich das Zeichnen als Dämonen-Ventil. Denn ich zeichne derzeit – Achtung – Dämonen. Macht irgendwie Bock. Bilder zeig ich hier demnächst dann auch.

Kategorien
Blog

Die Verschmelzung

Es brach die frühe Weihnachtszeit an, als J. eines morgens aufwachte und sie weg war. Verschwunden, verschollen, entführt – in Luft aufgelöst. Sein Körper schien gelähmt oder beeinträchtigt, doch wie so oft wusste er nicht, die sich ergebene Situation zu beherrschen.

J. wusste, sie kommt zurück. Wo sollte sie denn ohne in hin? Er dachte, der Fels zu sein, den sie sich immer erträumt hatte. Warum sollte sie fort gehen? Sie würde schon wiederkommen – schließlich waren sie durch den Bund eines Versprechens füreinander bestimmt.

Mit dieser Überzeugung kroch J. aus seinem reizlosen Bette, in dem er bereits seit Tagen alleine schlief, ohne diese bis dahin bemerkt zu haben. Er fragte sich unaufhörlich, was sie geritten haben könnte, dass sie kurzerhand unterblieb. Sie war doch wohl irre.

Um Gras über die Sache wachsen zu lassen, lebte J. die nächste Zeit in dem Wunschtraum, sie durch Zufriedenlassen wieder zur Besinnung zu bringen. Jedoch vergingen Stunden, Tage, ja, sogar Wochen ohne jeder Spur von ihr. Hatte sie sich in einen anderen vernarrt? War sie es vielleicht schon die lange, trostlose Zeit ihrer Zweisamkeit? War sie überhaupt noch bei Sinnen? J. wusste keine Antwort darauf, die plausibel genug wäre, um dieses abwegige Verhalten, das sie ihm bot, darzulegen.

An ihre letzten Worte erinnerte er sich nicht. Und auch nicht an die Worte davor. Hatte er sie nicht gehört? Gehört, aber nicht hingehört? Dies spielte für ihn keine treffliche Rolle. Es war allein ihre Entscheidung, die sie aus heiterem Himmel gefällt hatte.

Was er nicht ahnte, ist dass sie nie weg war. Sie war da – in seiner Nähe, in seinem Bette. Bloß übersah er sie konsequent. Als er aber nichtstuend auf ihre Rückkehr wartete und sich ihrer Schuld an diesem Bruch so klar wie nie zuvor war, wurde sie immer unsichtbarer, bis sie schließlich, eine Schrift hinterlassend, irreversibel verschwand. Diese Schrift lesend verließ J. das Haus, ging über die eisigen, verschneiten Straßen, bis er letzlich eine vergleichbar vereinsamte Laterne fand, die herrenlos in einem dunklen Winkel vor sich hin leuchtete. Ihr Licht erhellte nicht das Geringste ihrer Umgebung.

J. stellte sich unter die Laterne und umfasste sie. Für einen Augenblick dachte er, sie wieder in seinen Armen zu halten und die Stimme zu hören, für die er bislang so taub gewesen ist. Er entkleidete sich sogar, um dieses Gefühl zu intensivieren.

Als der Frühling anflaniert kam, fand ein Arbeiter der Baden-Badener Stadtwerke die kaputte Laterne vor, die in erfrorene Reste menschlichen Fleisches geschmückt war und eine Glückseligkeit überkam sein Herz, wie er sie bislang noch nie verspürt hatte.


Ein Kommentar zu dieser kleinen Geschichte

Nun. Ganz davon abgesehen, dass diese Geschichte – und vielleicht auch mein Scheffelpreis – mir meinen ersten Job im Journalismus sicherten, war es ein Ausbruch meiner emotionalen Angestautheit, die mein erster Verlobter J. nicht verstehen wollte. Einerseits hatte ich Schwierigkeiten damit, adäquat zu artikulieren, was ich auf dem Herzen habe, andererseits wollte er es auch gar nicht wissen oder verstehen. Wiederum muss ich sagen, dass wir beide damals sehr jung waren und dass diese leere Schlucht zwischen zwei Individuen, die versuchen miteinander zu sein, vielen Leuten bekannt vorkommen sollte. Oder könnte.

„Die Verschmelzung“ entstand 2018. Die Trennung hatte mich damals schwer mitgenommen (obviously) und ich verkackte in diesem emotionalen Zustand halber mein ganzes Abitur am Rastatter Abendgymnasium. Aber alles, was in dieser Phase meines Lebens passierte, brachte mich näher mit mir selbst zusammen und zeigte mir den Weg auf, den ich wirklich beschreiten wollte.

Ich hatte wahnsinnig Spaß dran, diese Geschichte zu schreiben. Damals war ich so weit weg davon, mir vorstellen zu können, dass ich sie eines Tages veröffentliche. Oder dass das Schreiben eines Tages ernsthaft zu meinem Beruf wird. Aber so geht es vielen in meiner Branche. Grüße gehen raus an J. – schreib mir bloß nicht, Bruder.

Die mobile Version verlassen