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Wild as f*ck: Hip-Hop-Ausstellung in der Schirn

Es war voll, es war laut, es war Frankfurt an einem Mittwoch. Die Ausstellung „The Culture“ in der Schirn Kunsthalle eröffnete mit einer wilden Hip-Hop-Party. DJs traten auf, unzählige Leute tanzten zur Musik und ich war mitten drin. Und das Wichtigste: Ich sah jede Menge Kunst von schwarzen Künstlerinnen und Künstlern. Ihre Werke sind nicht nur unfassbar kreativ, sondern drücken ihre Kultur in einer kraftvollen künstlerischen Sprache aus.

Party in der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Ausstellungseröffnung
So voll habe ich die Schirn noch nie erlebt – auch wenn sie praktisch immer voll ist.

Kultur HipHop: „The Culture“ in der Schirn-Kunsthalle

Die Ausstellung „The Culture“ in der Schirn widmet sich der bedeutenden Rolle des Hip-Hop in der zeitgenössischen Kunst und Kultur. Sie zeigt Exponate wie etwa Kunstwerke und Mode, die die Verbindung von Hip-Hop zur Pop-Kultur und seine soziale Relevanz verdeutlichen. Besuchen kannst du die Ausstellung noch bis zum 26. Mai 2024.

The Culture: Hiphop-Ausstellung in der Schirn
Mein absolutes Lieblingswerk – hierbei handelt es sich um einen Tintenstrahldruck von Deana Lawson: „Nation“ aus dem Jahr 2018. Die mit Bedacht platzierten Metallelemente in der Bildszene deuten auf die Geschichte der Metallverarbeitung in der afrikanischen Diaspora. Ich liebe es einfach.

Die Geburtsstunde des HipHop

Die Hip-Hop-Kultur, inklusive Rappen, DJing, Breakdance und Graffiti, hat weltweit Bekanntheit und Erfolg erlangt. Ursprünglich eine kleine Subkultur aus der Bronx in New York, erobert Hip-Hop im Sturm die Welt.

Im August 1973, inmitten des finanziellen und sozialen Untergangs der Bronx, führte DJ Kool Herc, ein Sohn jamaikanischer Einwanderer, in einer Blockparty eine innovative Technik vor. Er verlängerte Instrumentalabschnitte von Funk- und Soulsongs durch manuelles Loopen und Samplen mit zwei Plattenspielern und einem Mischpult. Um es kurz zu machen: Der HipHop wurde geboren. Schnell entwickelte sich eine kraftvolle Bewegung, die die gesellschaftlichen Strukturen kritisierte und neue Perspektiven zur Darstellung diasporischer Erfahrungen bot.

Auch Jean-Michael Basquiat dabei

Die Sonderausstellung in der Schirn präsentiert über 100 Werke international bekannter Künstlerinnen und Künstler der letzten 20 Jahre. Die Kunsthalle wirbt mit Namen wie Lauren Halsey, Julie Mehretu und Virgil Abloh. Ich jedoch kannte von ihnen nur den großartigen Jean-Michel Basquiat.

Die Kuratoren der Schirn sehen HipHop als einen neuen Kanon. Er soll die westliche kunsthistorische Tradition herausfordern und alternative Ideale von künstlerischer Qualität und Exzellenz vertreten. Die Ausstellung setzt sich mit der visuellen Kultur des HipHop auseinander und zeigt dessen Einfluss auf Malerei, Mode, Architektur und Technologie.

Besondersders ergriffen haben mich zwei Gemälde von Monica Ikegwu. Darauf war eine junge Frau in roter Jacke abgebildet. Die Technik und die Umsetzung erinnerte mich an Idowu Oluwaseun, dessen künstlerisches Schaffen ich wenige Tage zuvor auf der art Karlsruhe sah. Zwar würde er thematisch nicht in die Hip-Hop-Ausstellung passen, trägt mit seiner Kunst jedoch ebenfalls zur Repräsentation schwarzer Kultur bei.

THE CULTURE. Hip-Hop und zeitgenössische Kunst im 21. Jahrhundert, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2024, Foto: Emily Piwowar / NÓI Crew
Monica Ikegwu – Open/Closed, 2021, Öl auf Leinwand, je 121,9 × 91,4 cm | THE CULTURE. Hip-Hop und zeitgenössische Kunst im 21. Jahrhundert, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2024, Foto: Emily Piwowar / NÓI Crew

Quellen:

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Gegenwartskunst: Überwältigt von Idowu Oluwaseun

Der nigerianische Künstler Idowu Oluwaseun verwebt in seinen Kunstwerken die kraftvolle Schönheit afrikanischer Frauen. Seine Arbeiten spielen an der Grenze zwischen Malerei und Mode. Er schafft eine kreative Kreuzung, die nicht nur ästhetisch ansprechend ist, sondern auch inhaltlich tiefgründig. Oluwaseun nutzt seine Kunst als eine Bühne, um Frauen eine Stimme zu geben. Dabei will er ihre Weltanschauungen und Erfahrungen in den Vordergrund rücken, um die besondere Rolle der Frau in der afrikanischen Kultur zu beleuchten. Eines seiner Werke sah ich auf der art Karlsruhe – hier geht’s zu weiteren Highlights der diesjährigen Kunstmesse.

Idowu Oluwaseun: Gemälde auf der Kunstmesse art Karlsruhe. Abgebildet sind zwei afrikanische Frauen.
Als ich dieses gigantische Gemälde auf der art Karlsruhe sah, blieb ich wie angewurzelt stehen. Schnell bemerkte der zuständige Galerist mein Interesse – und wahrscheinlich auch meinen auf der Brust baumelnden Pressepass – und kam mit mir ins Gespräch.

Idowu Oluwaseuns Gemälde können in der Düsseldorfer Galerie Voss käuflich erworben werden. (Unbezahlte Werbung)

Idowu Oluwaseun hinterfragt Hierarchien – mit seiner Kunst

Ein prägnantes Beispiel für Oluwaseuns Ansatz ist sein Gemälde „Propped“ aus dem Jahr 2023. In diesem Werk fordert er konventionelle Machtstrukturen heraus. Er stellt eine Frau dar, die mutig auf zwei Hockern steht – ein Symbol, das traditionell mit Männern oder Monarchen assoziiert wird. Diese Darstellung ist ein bewusster Akt, der bestehende Hierarchien in Frage stellt, ohne dabei in direkte Vergleiche zwischen den Geschlechtern abzugleiten. Oluwaseun konzentriert sich vielmehr darauf, die innere Stärke, Widerstandsfähigkeit und das Können der Frauen in den Vordergrund zu stellen – und wenn du mich fragst, gelingt ihm das.

„Propped II“ Copyright: Galerie Voss

Ikonischen Frauen, wie etwa Funmilayo Ransome-Kuti, eine Vorreiterin für Frauenrechte und Schlüsselfigur im Kampf um Nigerias Unabhängigkeit, inspirieren den Künstler. Mit seiner Malerei erweckt Oluwaseun die Errungenschaften und den soziopolitischen Einfluss solch kraftvoller Frauen erneut zum Leben. Seine Werke strahlen eine dominante Aura aus und fangen das Wesen der porträtierten Frauen ein, deren Gesichter oft von Stoffen umhüllt sind. Diese Stoffe kommunizieren durch ihre Form und Farbe die individuelle Motivation der Frauen. Darüber hinaus verweisen sie auf die sozialen, kulturellen oder politischen Kontexte ihrer Regionen.

Eine Kooperation zwischen Künstler und Designerin

Oluwaseuns arbeitet mit der nigerianischen Modedesignerin Ejiro Amos Tafiri zusammen. Sie ist bekannt für ihre innovativen und kulturell verwurzelten Designs. Diese Kooperation verschafft seinen Gemälden eine neue Dimension. Tafiris Beitrag verleiht den Geschichten afrikanischer Frauen eine zusätzliche Tiefe und trägt dazu bei, das nigerianische Kulturerbe lebendig zu halten. Ihre Kleidungsstücke verstärken nicht nur die visuelle Anziehungskraft der Gemälde, sondern sind auch entscheidend für die Schaffung der individuellen Persönlichkeiten.

Indem Oluwaseun und Tafiri Hand in Hand arbeiten, bringen sie die reichen Erzählungen afrikanischer Frauen ins Rampenlicht und fordern den Betrachter dazu auf, ihre Erfahrungen und Beiträge zur Gesellschaft neu zu bewerten.

„Prestine II“ (2023) – Acryl auf Leinwand. Copyright: idowuoluwaseun.com

Idowu Oluwaseun und Ejiro Amos Tafiri: Mode als Ausdruck von Kultur und Tradition

Oluwaseun wurde 1982 in Lagos (Nigeria) geboren und ist derzeit in Houston (Texas) ansässig. Er vereint seine Ausbildung an der Kunstakademie Düsseldorf und seine Leidenschaft für Themen wie Tradition und Identität, um einzigartige Porträts zu schaffen, die das Wesen afrikanischer Menschen einfangen. Tafiri, Absolventin des Yaba College of Technology und Gründerin ihres gleichnamigen Labels, bringt traditionelle afrikanische Kleidungsstile mit modernen Techniken zusammen und präsentiert ihre innovativen Kollektionen auf internationalen Bühnen.

Diese künstlerische Synergie zwischen Oluwaseun und Tafiri unterstreicht die Bedeutung von Mode als Ausdruck von Kultur und Tradition. Diese Verbindung von Mode und Malerei stellt die afrikanische Frau, ihre Geschichte und ihre unerschütterliche Stärke auf ein Pedestal. „Pedestal heißt auch die Bilderreihe von Idowu Oluwaseun – hier gibt es weitere Gemälde von ihm.


Quellen:

  • galerievoss.de: „Idowu Oluwaseun | PEDESTAL 09.12.2023 – 10.02.2024“
  • Gespräch mit Galerist auf der art Karlsruhe
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Kunst & Architektur

Was geht denn bei der art Karlsruhe ab?

Letzter Tag art Karlsruhe. Lustlos, aber gut gelaunt schleppe ich mich zwei Stunden vor Feierabend hin. Ich hoffe gar nicht erst darauf, überrascht zu werden, denn ich meine, alles mögliche bereits gesehen zu haben. Dann betrete ich die Ausstellungshallen.

art Karlsruhe: Chagall in die Fresse

Das erste was ich sehe, ist eine riesige Farblithographie von Chagall, die zum Verkauf steht. Meine Hände zittern, der Atem stockt. 88K soll sie kosten, wie der Herr aus der Galerie Rudolf mir auf Anfrage verrät. Recht bodenständiger Preis, auch wenn ich mit Chagall eine sehr komische Beziehung führe. Unfassbare Werke stellt diese Galerie zum Verkauf aus – unfassbare! Frecherweise hängt gleich daneben auch noch eine Landschaft von Otto Dix. Ich weiß, dass wenn ich jetzt nicht die Fliege mache, ich womöglich ohnmächtig werde.

art Karlsruhe: Marc Chagall
Take My Money: Marc Chagall (1887-1985) „Romeo und Julia“. Farblithographie angeführt von Charles Sorlier auf Vélin d‘ Arche 1964. Auflage 200 Exemplare, signiert.

Ich liebe diese Kunstmesse, wtf?

Was ich auf der art Karlsruhe sehe, gefällt mir nicht nur. Es berührt mich und es inspiriert mich. Die Farben, die Innovationen und die Wege der Expressionen. Ich liebe es, ich kann nichts sagen. Ich bin wirklich überrascht. Das letzte Mal, als ich diese Messe (evtl. 2017?) besuchte, fand ich es nicht so knorke. Ich weiß nicht, warum. Ebendas war auch der Grund, weshalb ich diesmal keine Erwartungen hatte. 

Sogar „welt.de“ schreibt: „Die art Karlsruhe hat sich behutsam erneuert, ohne ihr Erfolgsrezept zu verraten.“ Nachvollziehbar. Im Zentrum steht Klassische Moderne und die Kunst nach 1945. Davon gibt es auch reichlich. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich hinsehen soll. Alles ist so geil, so bunt, so voll von Zeitgeist und Energie. Ich liebe es, aber ich wiederhole mich. 

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Kunst & Architektur

Rubens‘ Venus: Die sanfte Schönheit göttlicher Erotik

Venus, in der römischen Mythologie bekannt als die Göttin der Liebe, entstand aus der Inspiration durch die griechische Göttin Aphrodite. Mit anderen Worten: Die Römer schufen Venus, indem sie Aspekte von Aphrodite übernahmen und an ihre eigene Kultur anpassten. Dieser Vorgang, bei dem Elemente aus verschiedenen Kulturen übernommen und miteinander verschmolzen werden, war besonders in der Zeit des Hellenismus verbreitet. In der Hellenismus-Epoche nahm die griechische Kultur Einfluss auf Gebiete, die weit über die Grenzen Griechenlands reichten.

Venus wird vor allem als Göttin der Schönheit, Fruchtbarkeit und Liebe verehrt. Typischerweise wird sie mit Symbolen wie der Rose, der Myrte und dem Apfel dargestellt. Diese Attribute symbolisieren jeweils Liebe, Schönheit und Verführung. Darüber hinaus kann sie auch von Tieren begleitet sein, die für sie von Bedeutung sind, einschließlich der Taube, des Sperlings, des Kaninchens, des Delphins und des Schwans (wobei ich beim Schwan aufpassen würde – könnte nämlich oftmals der der Leda sein). Alle beigefügten Tiere repräsentieren verschiedene Aspekte der Liebe und Fruchtbarkeit.

Hier eine Darstellung der Venus von Lucas Cranach dem Älteren im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg: Man sieht die Göttin mit ihrem Sohn Amor als Honigdieb (1537).

Venus war nicht immer die Allegorie der Liebe und Schönheit

In ihren frühesten Anfängen wurde Venus gar nicht mit der romantischen Liebe assoziiert, sondern galt als Schutzpatronin des Garten- und Weinbaus sowie als Symbol für sinnliche Freuden und den Frühling.

Das lateinische Wort „venus“, aus dem ihr Name stammt, bezieht sich auf Konzepte der Anziehung und Schönheit und ist verwandt mit Worten wie „venustas“ (Anmut), „venerari“ (verehren) und „venos“ (Huld und Liebreiz), die alle aus derselben sprachlichen Wurzel kommen. Ursprünglich bezeichnete „venus“ einen allgemeinen Zauber oder Charme, bevor es zur Personifizierung in der Figur der Göttin Venus kam.

Zahlreiche Mythen und Legenden, die sich um Venus ranken, bieten Künstlern und Schriftstellern viel Spielraum für Interpretationen. So kann die Darstellung der Venus in der Kunst je nach Zeitperiode und künstlerischem Kontext stark variieren, was ihre Rolle und Bedeutung in der jeweiligen Kultur widerspiegelt.

Paul Peter Rubens: Venus vor dem Spiegel

Kommen wir zu Rubens‘ Venus: Haut so zart wie Seide, Haar, das wie Gold im Licht schimmert. Paul Peter Rubens lässt in seinem Gemälde „Venus vor dem Spiegel“ die Göttin der Schönheit in all ihrer Pracht erstrahlen. Dabei erweckt der Künstler den Eindruck, als würde die sinnliche Schönheit direkt den Betrachter anblicken.

Paul Peter Rubens: Venus
Peter Paul Rubens, Venus vor dem Spiegel, um 1614–15, Copyright: LIECHTENSTEIN. The Princely Collections, Vaduz-Vienna

In seiner meisterhaften Darstellung von nackter Haut und glänzendem Haar hat Rubens die Venus inszeniert und schafft damit ein Sinnbild der Schönheit schlechthin. Die Aufmerksamkeit des Betrachters wird durch den prominenten Spiegel auf Venus gelenkt, das ihr Antlitz wie ein Porträt rahmt.

Erfahre hier, wie Hans Baldung die Schönheit der Erotik in einem skandalösen Marienbildnis verbaut.

Rubens: Betonte Erotik durch schmückende Elemente

Ein weiterer Blickfang sind die wenigen, aber kostbaren Schmuckstücke, die eher zur Unterstreichung ihrer Nacktheit als zur Beeinträchtigung ihrer natürlichen Blöße dienen. Die subtile Malweise von Rubens ist unverkennbar und trägt maßgeblich zu den sinnlichen Qualitäten des Gemäldes bei. Man beachte dabei das sanft eingearbeitete Wangenrot der Göttin, sowie auch das zart andeutende Gewand, das ihre Hüften umschmeichelt.

Das Motiv des Spiegels gibt in diesem Gemälde den Ton an. Doch diese Darstellung, in Verbindung mit Venus und Amor, war nicht exklusiv für Rubens reserviert. Auch Tizian und Veronese griffen auf dieses Thema zurück und dienten somit als Inspiration für Rubens.

Die schöne Venus: Was bedeutet der vorgehaltene Spiegel?

Ob der von Sohnemann Amor vorgehaltene Spiegel eine tiefgreifende Bedeutung trägt, kann ich nicht so genau einschätzen. Es bietet sich allerdings durchaus an, über die Symbolik des Spiegels nachzudenken. Die Künstlerin Lea Finke hat in ihrem coolen Blog (Quelle unten) den Spiegel als Bedeutungsträger in der Kunst thematisiert. Das könnte laut ihr die Darstellung eines Spiegels bedeuten:

  • Erkenntnis: Der Spiegel als Symbol der Selbsterkenntnis sowie die Suche nach der Wahrheit.
  • Illusion: Die Darstellung eines Spiegels kann auch das genaue Gegenteil Bedeuten, nämlich Illusion und Täuschung.
  • Vergänglichkeit: Oftmals soll ein Spiegel in der Malerei auch daran erinnern, dass die Jugend nicht ewig währt.
  • Schönheit: „Von der Antike bis zur Gegenwart haben Künstler den Spiegel als ein ikonisches Symbol der Weiblichkeit und Schönheit genutzt. Die römische Göttin Venus wird oft mit einem Spiegel dargestellt, der ihre Schönheit und ihr Selbstbewusstsein betont“, schreibt Finke. In der Porträtmalerei diene der Spiegel oftmals als Requisit zur Unterstreichung der Attraktivität des Dargestellten. Klingt doch passend zu unserer Rubens-Venus, oder?

Hier gibt es sie zu sehen

Wer die zarte Venus mit dem Spiegel von Paul Peter Rubens aus nächster Nähe bestaunen will, sollte sich die Sonderausstellung „HERKULES DER KÜNSTE Johann Adam Andreas I. von Liechtenstein und das Wien um 1700“ nicht entgehen lassen. Sie startet am 16. Februar und endet am 1. April 2024 im Gartenpalais Liechtenstein, Fürstengasse 1, 1090 Wien.


Quellen:

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Kunst & Architektur

Giovanni Bellini – Rockstar der Renaissance

Giovanni Bellini, auch als Giambellino oder Gian Bellin bekannt, war ein venezianischer Maler. Er wurde etwa 1437 in Venedig geboren wurde starb ebenda am 29. November 1516. Er war nicht nur Künstler, sondern auch ein wichtiger Akteur in der Gründung der venezianischen Schule der Frührenaissance. Diese initiierte er gemeinsam mit seinem Bruder Gentile Bellini. Darüber hinaus war er ein raffinierter Geschäftsmann.

Porträt von Giovanni Bellini
Tizian: Das Porträt des großen Giovanni Bellini (1511/1512)

Das Schicksal machte Giovanni Bellini zum Künstler

Giovanni Bellini kam aus einer Familie von Künstlern. Sein Vater Jacopo Bellini war ebenfalls ein begnadeter Maler. Die Anfänge Giovannis als Maler waren stark geprägt durch den Stil seines Schwagers Andrea Mantegna. Durch ihn kam Giovanni in Berührung mit dem Werk des großen Francesco Squarcione und den Skulpturen von Donatello. Diese beiden Männer waren sehr einflussreiche Akteure der italienischen Renaissance.

Giovanni Bellini: Der Doge Leonardo Loredan (1438-1521) mit seinen vier Söhnen (1507), Gemäldegalerie Berlin. Leider extrem beschissener Zustand.

Das Geschäft boomt: Bellini vervielfacht Andachtsbilder

Kommen wir zu Giovanni’s eigenen Werken: Den größten Teil seines Repertoires bildeten Andachtsbilder, insbesondere Darstellungen von Madonna mit Kind. Für diese Bilder ließ er sich von griechischen und byzantinischen Ikonen inspirieren. Die flachen Gemälde, meist religiösen Inhalts, waren im damaligen Venedig weit verbreitet. Allerdings verwandelte Bellini diese traditionellen Bilder in Werke voll emotionaler Tiefe und manchmal auch gefühlsbetonter Beziehung zwischen Mutter und Kind.

Der Geschäftsmann in ihm kam zum Vorschein, als er eine Methode entwickelte, die Bilder schnell und effizient zu vervielfältigen. Der Gute benutzte Schablonen und Karton-Vorlagen, um die Grundumrisse der Figuren festzulegen. Manche Arbeitsschritte, wie etwa Grundierung, überließ er wohl seiner Werkstatt. Bei einigen Gemälden malte Bellini nur die Pigmentschicht oder prüfte gar nur die Qualität des fertigen Bildes. Diese werden heute üblicherweise der Bellini-Werkstatt zugeschrieben.

Giovanni Bellini: „Beweinung Christi“ oder „Der Leichnam Christi von Maria und Johannes gehalten“, 1490 – 1500, Gemäldegalerie Berlin

Giovanni Bellini: Entwicklung des Portraits

Neben diesen Andachtsbildern war Giovanni Bellini maßgeblich an der Entwicklung des Portraits in der venezianischen Malerei beteiligt. Hierbei wurde er durch Antonello da Messina beeinflusst, einen sizilianischen Maler. Dieser bevorzugte, ähnlich wie Bellini, das Dreiviertelprofil. Die Idee der Landschaft im Hintergrund übernahm Giovanni Bellini ebenfalls von ihm und hob es auf ein höheres Level. Hie und da erblickt man bei ihm nämlich zusätzlich zur Landschaft auch noch außergewöhnliche Architekturelemente.

Giovanni Bellini: Gemälde in de Venezia 500 Ausstellung
Giovanni Bellini: Maria mit Kind zwischen Johannes d.T. und einer Heiligen (1500–1505), 55 x 77 cm; Venedig, Gallerie dell’Accademia.

Höhepunkt und Verlust seiner Gemälde

Im Jahr 1483 erreichte Giovanni Bellinis Karriere einen Höhepunkt: Er wurde zum offiziellen Maler der Republik Venedig ernannt. Gleich darauf bekam er den Auftrag zur Ausmalung des Sala del Maggior Consiglio im Dogenpalast.

Leider gingen viele seiner Werke bei einem Großbrand im Dogenpalast 1577 verloren. Dann stahlen Unbekannte 1993 eines seiner Bildnisse der Madonna mit Kind (1480) aus der Cappella Valier der Kirche Madonna dell’Orto in Cannaregio. Bis heute konnte niemand das Gemälde auffinden. Trotz dieser Verluste bleibt Bellini eine unvergessliche Figur in der Geschichte der Kunst.

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Kunst & Architektur

Mir geht einer ab: Alte Pinakothek München

Die Alte Pinakothek in München: Der Ort einer der spektakulärsten Gemäldesammlungen Europas. Mit über 700 Kunstwerken aus dem 14. bis zum 18. Jahrhundert, darunter Werke von Meistern wie Dürer, Rubens und sogar Da Vinci, lockt sie Kunstliebhaber aus aller Welt an. So auch mich. Zum zweiten Mal innerhalb von sechs Monaten.

Alte Pinakothek: Eine der bedeutendsten Galerien der Welt

Die bemerkenswerte Sammlung der Alten Pinakothek in München verdankt ihren Reichtum den Fürsten des Hauses Wittelsbach. Sie starteten ihre Kunstsammlung im 16. Jahrhundert und weiteten sie kontinuierlich aus. Als Familienzweige der Wittelsbacher um 1800 ausstarben, wurden die Galeriebestände der Residenzen in Düsseldorf, Mannheim und Zweibrücken nach München verlagert. Dadurch entstand eine beeindruckende Sammlung, die im frühen 19. Jahrhundert durch Säkularisation (die Übertragung kirchlichen Eigentums an den Staat) und den bedeutenden Erwerbungen Ludwigs I. von Bayern weiter wuchs.

Die Alte Pinakothek befindet sich im Zentrum des Münchener Kunstareals und ist Teil der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Das Museum wurde 1836 eröffnet und zählt heute zu den bedeutendsten Galerien der Welt.

Alte + Neue Pinakothek = Münchner Kunstareal

Direkt gegenüber befindet sich die Neue Pinakothek mit Kunstwerken des späten 18., des gesamten 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts. Diese ist derzeit jedoch nicht zugänglich, da dort Bauarbeiten stattfinden. Zusammen bilden die beiden Pinakotheken das Münchner Kunstareal – ein einzigartiges Ensemble von Museen und Kunstsammlungen.

Alte Pinakothek in München: Außenfassade

Die Geschichte des renommierten Kunsthauses in München

Die Geschichte der Alten Pinakothek begann im 16. Jahrhundert mit Herzog Albrecht V., der eine Kunstkammer errichten ließ – den Vorläufer heutiger Museen. Die Nachkommen des Herzogs erweiterten die Sammlung stetig, was zu ihrer heutigen Größe und Bedeutung führte. Nach ihrer Eröffnung als Museum im Jahre 1836 erlebte die Pinakothek wechselnde Phasen von Ankäufen bedeutender Werke bis hin zu Verlusten in Kriegen oder durch Raubzüge wie jenen von Napoléon Bonaparte.

Heute wird die Pinakothek neben dem Land Bayern vor allem durch den Pinakotheks-Verein gefördert, dessen Ziel es ist, weitere Kunstwerke für die Münchner Sammlungen anzukaufen. Erfahre hier, wie es am Tag darauf in der Münchner Residenz war.


* Diese Gemälde sah ich in der Alten Pinakothek während der sich dem Ende neigenden Sonderausstellung „Venezia 500“.

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Kunst & Architektur Reisen

Zwei Nächte in München: Das habe ich getrieben

Meine Zeit in München war im Großen und Ganzen schön. Dort angekommen stürmte ich sofort in die Alte Pinakothek. Auch wenn meine Begleitung versuchte, das renommierte Kunsthaus schlecht zu reden, ändert dies nichts an der Tatsache, dass die Pinakothek eines der bedeutendsten Kunstmuseen der Welt ist. Sie beherbergt eine umfangreiche Sammlung europäischer Malerei vom 14. bis zum 18. Jahrhundert. Auch zeichnet sich das Museum durch seine beeindruckende Architektur aus. Die Alte Pinakothek ist nicht nur ein Ort der Kunstgeschichte, sondern auch ein kulturelles Wahrzeichen Münchens, das ich niemals NIEMALS verpassen würde.

Giovanni Bellini: Maria mit Kind zwischen Johannes dem Täufer und einer Heiligen (1500-1505). Dieses Gemälde kenne ich seit über 20 Jahren, erstmals gesehen habe ich es in der Sonderausstellung der Alten Pinakothek.

Sonderausstellung in der Alten Pinakothek München

In der Alten Pinakothek erwischte ich auch den vorletzten Tag der Sonderausstellung „Venezia 500“. Sie bezog sich insbesondere auf die Malerei während der Renaissance. Dabei wurden 15 Werke aus der Münchner Sammlung sowie etwa 70 Leihgaben aus internationalen Kunsthäusern gezeigt. Es war eine wirklich sagenhafte Ausstellung. Da ich unersättlich und verwöhnt bin, hätte ich mir mehr Bellini gewünscht – ganz egal ob Jacopo, Gentile oder Giovanni Bellini.

Im Museumsshop der Alten Pinakothek angekommen lauteten meine Worte: „Ich kauf’ hier safe nichts. Gar kein Bock, heute den ganzen Abend lang da so ne scheiß Tüte mitzuschleppen.“ Etwa 25 Sekunden später stand ich da – das Riesenbuch von Hans Baldung mit seiner frivolen Madonna auf dem Titel fest umschlossen.

Spaß in München: So schön war’s

Wenig später traf ich mich mit einer Kollegin und einem Kollegen aus der Münchner Redaktion. Ein Vibe die zwei. Habe es sehr genossen, sie wiederzusehen. Beide sind extrem lustig, gut gelaunt und intelligent. Ihre Geschichten und seine dazu passenden Witze sind eine fatale Kombination. In dem Restaurant, in dem wir saßen, lachte ich natürlich am lautesten und hatte wahrscheinlich auch den größten Spaß.

Viel zu früh ging ich ins Bett und machte mich am nächsten Tag auf den Weg in die Münchner Residenz. Die pompösen Zimmer des Schlosses und das großzügig verteilte Gold darin haben ihren Eindruck hinterlassen. Es gab ziemlich viel zu sehen. Schimmernd und funkelnd wurde es ebenfalls. Erfahre hier, ob sich der beinahe-wuchere Ticketpreis für die Residenz in München lohnt.

München: Rotes Zimmer in der Residenz
An Üppigkeit ist die Münchner Residenz wohl kaum zu überbieten. Eine schöne Erfahrung, die mich eine Menge Geld gekostet hat.

Die Münchener Nächte sind anders wild

Dann wurde der Abend richtig spicy. Ich traf mich mit der gleichen Kollegin wie am Vorabend und einer weiteren Granate aus der Redaktion in München. Eigentlich wollten wir einfach nur eine Stunde unterwegs sein. Zwei Bars und mehrere Lachanfälle später landeten wir – eine im Dirndl, eine im Engelskostüm, eine im Feenkostüm – bei einer der beiden Granaten daheim. Das nächste, woran ich mich erinnere, ist die Münchner Redaktion am nächsten Morgen. Dann fuhr ich wieder schweren Herzens und Kopfes nach Frankfurt.

Was mir bei dieser Reise in die bayerische Landeshauptstadt auffiel, waren die Menschen. Sie sind schön, weitaus besser angezogen als in den anderen Städten, in denen ich bisher gelebt habe; sie sind sexy, sie flirten ständig und sie können sich benehmen. Einfach angenehm. Darüber hinaus ist München extrem sauber und ist für mich allumfassend die schönste Stadt Deutschlands. Frankfurt liebe ich aber natürlich auch. Keine Frage.

Bei einem vormaligen Besuch in München legte ich noch einen großen, nächtlichen Spaziergang durch die Innenstadt ein. Zu diesem Zeitpunkt herrschte noch der Sommer über die Straßen der Stadt. Ich werde diese Nächte niemals vergessen. 

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Kunst & Architektur

Hat Martin Schaffner von Dürer abgekupfert?

Die Anbetung der Heiligen Drei Könige ist ein zentrales Thema des Neuen Testaments. Künstler des Spätmittelalters stellten diese Thematik oft auf Flügelaltären dar. Und das sowohl in geschnitzter als auch in gemalter Form. Die vorliegende Szene von Martin Schaffner zeigt die Weisen aus dem Orient, die Gott in der Welt erscheinen und ihn anbeten.

Martin Schaffner: Das bildet die „Anbetung der Heiligen Drei Könige“ ab

Die Darstellung selbst ist reich an Details. In der Szene sitzt das Christuskind auf dem Schoß Marias. Sie trägt ein edles Kleid aus Goldbrokat und einen blauen Mantel. Der älteste König, kniend, hat sein Geschenk, eine Deckeldose mit Kugelfüßen, abgestellt und verehrt das Kind mit gefalteten Händen. Der – Gott vergib mir, aber so ist die biblische und kunsthistorische Sprache nun Mal – „Mohrenkönig“ öffnet einen Deckelpokal, während der dritte König, einen Buckelpokal haltend, sein Barett lüftet.

Im Hintergrund ist der Nährvater Joseph zu sehen. Ihn umgeben Ochse und Esel in einem Stall, der als herrschaftliche Ruine im Renaissancestil dargestellt ist.

Martin Schaffners Gemälde "Die Heiligen Drei Könige"
Martin Schaffner (um 1477/78-1547) im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg: „Anbetung der Heiligen Drei Könige“ (um 1512/1514). Höhe 78,8 cm; Breite 86,2 cm

Offenbar durch Albrecht Dürer inspiriert

Auffällig ist, dass die Architektur und die Figuren durch Albrecht Dürers Holzschnitte inspiriert wurden, insbesondere durch den Holzschnitt B.87 aus dem „Marienleben“, der dem gleichen Thema gewidmet ist. Martin Schaffner entnahm auch Elemente aus Dürers Holzschnitt der Geburt Christi (B.85), speziell das innere schräge Bretterdach vor dem Rundbogen.

Die Altartafel mit der Anbetung der Heiligen Drei Könige signierte Martin Schaffner sogar. Sie weckte schon früh das Interesse von Kennern. Diese Tafel ist ein gutes Beispiel der Verbindung verschiedener Kunstformen und der Bedeutung religiöser Darstellungen in der spätmittelalterlichen Kunst.

Martin Schaffner: Wer ist dieser Typ überhaupt?

Die genauen Geburts- und Sterbedaten von Schaffner sowie Details über seine Ausbildung sind nicht bekannt. Es besteht jedoch die Möglichkeit, dass Bartholomäus Zeitblom, ein Künstler seiner Zeit, sein Lehrer war. Schaffner wird erstmals 1499 als Maler in der Werkstatt von Jörg Stocker in Ulm erwähnt. Er hat seinen Namen auf dem Ennetacher Altar hinterlassen, ein Kunstwerk, das von Stocker geschaffen wurde.

Später wechselte Schaffner zu einer anderen Werkstatt in Ulm und arbeitete schließlich in Augsburg mit Hans Holbein dem Älteren (ich liebe diesen sexy Motherfucker) zusammen. Sein eigener Stil wurde sowohl von Holbein als auch von Albrecht Dürer und Hans Burgkmair beeinflusst. Ab 1510 zeigen Schaffners Bilder eine klare Perspektive, die Figuren erscheinen räumlicher und die Farben sind harmonisch abgestimmt. Seine Kunst orientierte sich an der italienischen Renaissance und brach mit der traditionellen, regionalen Malweise in Ulm.

1526 wird Schaffner in einem Dokument als Stadtmaler von Ulm bezeichnet. Während einer wichtigen Abstimmung im November 1530 in Ulm stimmte er gegen die Einführung der Reformation. Infolgedessen erhielt er in dem nun protestantischen Ulm nur noch wenige Aufträge. Die letzten ihm sicher zugeschriebenen Werke datieren aus dem Jahr 1535. Er muss jedoch noch mindestens bis 1546 gelebt haben, da sein Name in einer offiziellen Liste aus diesem Jahr erscheint.

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Kunst & Architektur

„Das ungleiche Paar“ von Lucas Cranach d.Ä.

Lucas Cranach der Ältere (1472-1553) und das Werk „Das ungleiche Paar“ – eine Gesellschaftssatire, die auch heute noch Relevanz besitzt. In diesem Artikel werde ich ein bisschen die Bedeutung des Dargestellten erläutern. Das Kunstwerk hängt im renommierten Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, wo ich auch Cranachs Darstellung der Salome betrachten konnte – eine seiner blutrünstigen Frauen.

„Das ungleiche Paar“ in der Kunst

Seit dem 15. Jahrhundert erfreuten sich Darstellungen von Liebschaften und Affären großer Beliebtheit. Künstler jener Zeit zeigten häufig „ungleiche Paare“, und die variierende Darstellung des „Liebesnarren“, wie man ihn in Liebesgärten und Bordellen findet, war weit verbreitet.

Lucas Cranach der Ältere und "Die Fabel vom Mund der Wahrheit" - ein Gemälde aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg
Lucas Cranach d.Ä. „Die Fabel vom Mund der Wahrheit“ (1534): Eine des Ehebruchs angeklagte Frau legt die Hand in den Löwenrachen. Sie bekennt, nur in den Armen ihres Ehemanns und des Narren (in weiß) gelegen zu haben.

Cranachs Paar hat wohl wirklich existiert

Im häufigsten Szenario des „ungleichen Paares“ begehrt ein alter Mann, oft hässlich und maskenhaft dargestellt, eine junge, schöne Frau. Diese erwidert seine Begierde nur im Austausch gegen Geld oder Schmuck. Es gibt jedoch auch Darstellungen alter Frauen mit jungen Liebhabern, die sich aus deren Geldbeutel bedienen. Hier findest du etliche Darstellungen von Cranach zu dieser Thematik.

Zu diesem spezifischen Gemälde gibt es eine interessante Anekdote. Laut dem Oettingen-Wallersteinischen Grundbuch stellt das Bild den Nürnberger Bürgermeister Tucher und seine Magd dar. Angeblich ließ seine Familie das Bild zur Verspottung anfertigen, was dazu führte, dass er die Magd heiratete.

Lucas Cranach d.Ä: "Das ungleiche Paar" Gemälde im Germanischen Nationalmuseum
Lucas Cranach d. Ä. und Werkstatt: „Das ungleiche Paar“ um 1530 im Germanischen Nationalmuseum.

Was zeigt das Gemälde „Das ungleiche Paar“?

Eine junge Frau umarmt einen alten, verliebten Mann, während sie gleichzeitig den Betrachter des Bildes ansieht. Ihr verschlagener Blick macht den Betrachter zum Mitwisser. Der bärtige Mann trägt eine pelzverbrämte Schaube, während die Frau in ein rot-goldenes Kleid mit goldenen Borten an Brust, Schultern und Ärmeln, sowie einer perlenbesetzten Brustplatte gekleidet ist. Sie trägt als Schmuck ein Halsband und eine Hobelspankette. Ihre Haarhaube ist mit Edelsteinen verziert. Das Bild zeigt ein Kniestück vor einer dunklen Wand mit einem Ausblick auf eine Landschaft.


Verwendete Quellen:

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Skandal! Baldungs Madonna macht Furore

Die unkonventionelle Darstellung der stillenden Madonna von Hans Baldung beeindruckt durch ihre absichtliche Künstlichkeit. Auch die stilisierte Abweichung von einer natürlichen Darstellung verleiht dem Gemälde das „gewisse Etwas“. Besonders auffällig sind die intensiven Lichtkontraste und Farben. Ebenso ungewöhnlich sind die exotisch-luxuriösen Akzente und die stark sinnliche Anziehungskraft.

Durch gewagte Elemente wie den Papageienbiss und die Berührung der Brust durch die Lippen des Jungen hat Baldung seiner Darstellung sinnliche Bedeutungen verliehen. Diese geht weit über das Sehen hinaus. Als ich vor dem Gemälde stand, fesselte es mich und ließ mich gar nicht mehr los.
In dieser Darstellung pickt der Papagei, der traditionell das „Ave“ sagt, Maria in den Hals. Damit stellt er ihre Jungfräulichkeit dar. Gleichzeitig zeigt der Christusknabe mit Heiligenschein geradezu ihre Brustspitze. Währenddessen schaut der Knabe intensiv in Richtung des Betrachters.

Hans Baldung greift bewusst auf ältere Bildtraditionen zurück

Ein schwebender Engel mit verschmitztem Gesichtsausdruck berührt gerade Marias durchsichtigen Schleier. Es lässt sich nicht genau deuten, ob er das Marienhaupt enthüllt, oder es verschleiert. Das Gemälde hat etwas Geheimnisvolles an sich, das schwer zu greifen ist. Auch dieses Gemälde einer Baldung-Madonna hat es in sich.

Obwohl das Andachtsbild von Hans Baldung ungewöhnlich und neuartig erscheint, griff er bewusst auf ältere Bildtraditionen zurück. Er veränderte bekannte Darstellungsweisen, Bilder und Attribute. Darüber hinaus wählte er das Bild einer stillenden Muttergottes, das im Mittelalter sehr beliebt war. In diesem Bild wurde Marias mütterliche Liebe dargestellt. Auch ihre lebensspendende Kraft und ihre Rolle als Fürsprecherin für die sündige Menschheit wird in diesen Darstellungen am deutlichsten.

Die stillende Madonna mit Kind und Papageien von Hans Baldung
Maria mit Kind und Papageien (1533) im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg von Hans Baldung, auch Grien genannt (1484/85-1545) Oberrhein, Straßburg. Hierbei handelt es sich um Malerei auf Lindenholz. Maße: Höhe 91,5 Zentimeter; Breite 63,3.

Unangemessen: Baldungs Bilder wurden vollständig entfernt

Es ist schwer zu sagen, inwieweit Baldungs persönliche Interpretation des Bildes auf die Wünsche eines elitären Auftraggebers zurückzuführen ist. Es gibt nämlich keine schriftlichen Aufzeichnungen, die darüber Aufschluss geben. Baldung malte das Bild im Jahr 1533 in Straßburg. Diese Stadt galt bereits zwei Jahrzehnte vor der Reformation im Jahr 1524 als ein Zentrum der evangelischen Bewegung. Zwischen 1526 und 1530 verschärfte sich die Situation weiter. Die Messe wurde abgeschafft. Die Bilder – vollständig entfernt, nachdem der Bildersturm nur auf als unangemessen angesehene Bilder abgezielt hatte.

Die Darstellung der stillenden Maria war in diesem Kontext besonders heikel, da gerade dieses Motiv als eines der anstößigsten angesehen wurde. In Straßburg haben Marienbilder, ähnlich wie Baldungs Gemälde aus Nürnberg, Kontroversen ausgelöst. Zum Beispiel wurden im Jahr 1541 Kunstexperten in die Werkstatt des Straßburger Malers Jost Krieg von Barr geschickt, um seine Bilder zu begutachten.

Stillende Maria mit Papageien: Hatte der Künstler eine Strategie?

Sollten seine Marienbilder „schandtlich und entblößt gemalet“ sein, solle man ihm dies untersagen (Rott 1936, S. 227). Es ist möglich, Baldungs nachreformatorische Madonnenbilder als einen Versuch zu interpretieren, ein Bildthema, das in die Kritik der Reformation geraten war, aber in der Tradition eine zentrale Rolle spielte, durch die künstlerische Darstellung zu bewahren. Es könnte eine Strategie gewesen sein, dieses umstrittene Motiv der stillenden Maria in einer künstlerischen Form wiederzubeleben und gleichzeitig die religiösen Bedenken zu umgehen, die mit der traditionellen Darstellung verbunden waren.

Die künstliche Darstellung in Baldungs Werken lässt vermuten, dass er möglicherweise einen exklusiven Kreis von Altgläubigen ansprach. Diese Interpretation kann jedoch nicht durch historische Quellen gestützt werden kann. Es ist denkbar, dass Baldung durch seine Herkunft aus einer Gelehrtenfamilie mit einflussreichen Verbindungen zum habsburgischen Hof und zur katholisch gebliebenen Universität Freiburg einen Kundenstamm entwickelte, den er auch nach der Reformation weiter bediente. Diese Verbindungen könnten dazu beigetragen haben, dass er einen Markt für seine Kunstwerke fand, die die traditionelle religiöse Ikonografie beibehielten. Solche Darstellungen wurden womöglich von Altgläubigen geschätzt.

Ausstellungsfilm "Geheimnisse der Bilder. Die Gemälde Hans Baldung Griens" | AM
Andere Werke des Künstlers: Ausstellungsfilm des Freiburger Augustinermuseums „Geheimnisse der Bilder. Die Gemälde Hans Baldung Griens“

Was war das Ziel von Hans Baldung?

Die Betrachtung von Weber am Bach aus dem Jahr 2006 interessiert sich für die mögliche Verbindung zwischen der betonten Fleischlichkeit in Baldungs Gemälde und der Straßburger Synode gegen die Täufer im Jahr 1533. Gemäß dieser Interpretation könnte das Gemälde dazu dienen, die „Zwei-Naturen-Lehre“ Christi und die Mutterschaft Mariens zu bekräftigen. In diesem Zeitabschnitt wurde sie von Täufern in Frage gestellt.

Ziel des Künstlers könnte es sein, diese zu bekräftigen und in ein entsprechendes Andachtsbild zu übersetzen, das sowohl neue als auch traditionelle Kunstliebhaber anspricht. Dies könnte eine weitere mögliche Erklärung für die ungewöhnliche Darstellung von Baldungs Werk sein und auf eine gezielte theologische Botschaft hinweisen. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass diese Deutung spekulativ ist, da es keine schriftlichen Aufzeichnungen gibt, die Baldungs Absichten bei der Schaffung des Gemäldes eindeutig belegen könnten.

Baldungs Gemälde könnte nach dieser Theorie als ein theologisches Bekenntnis zur wahren Mutterschaft Mariens betrachtet werden. Es scheint, dass die Auftraggeber und Käufer solcher eigenwilligen Werke eine Vorliebe für gewagte und hintergründige Meisterwerke des berühmten Straßburger Malers hatten.


Verwendete Quellen: Objektkatalog des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg

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