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Das Gösser Ornat: Kommunikation mit der Außenwelt

Geistliche Frauen versuchten im Mittelalter mit der Außenwelt zu kommunizieren. Sie taten dies mithilfe von Kunst, da sie in der Klosterkirche nicht anwesend sein durften. Diese Kommunikation war hauptsächlich an Verwandte und an Laien gerichtet, die sich in der Klosterkirche als Pfarrgemeinde versammelten. Die künstlerischen Botschaften sollen den Frauen dazu verholfen haben, in der äußeren Kirche Präsenz zu erlangen, von der sie räumlich getrennt waren.

Das Gösser Ornat ist nicht nur ein liturgisches Gewand, sondern auch ein „Kommunikationsmittel“ der geistlichen Frauen. Es besteht aus Seidenstickereien auf Leinen und zeigt die Marienvita, also das Leben der Jungfrau Maria. Die „Urheberin“ des Bildprogramms, das wir auf dem Gösser Ornat sehen, ist ebenfalls mehrfach dargestellt. Dies ist in der Paramentenkunst des 13. Jahrhunderts absolut einmalig ist.

Das Antependium des Gösser Ornats: Hier ist seine "Urheberin", Äbtissin Kunegunde II, im Gebetsgestus zu sehen. Die Bedeutung der Tiere, die sie umgeben, bleibt bis heute umstritten. Copyright: Museum für Angewandte Kunst Wien
Das Antependium des Gösser Ornats (Ein Bildausschnitt von links unten): Hier sehen wir seine „Urheberin“, Äbtissin Kunegunde II, im Gebetsgestus. Die Bedeutung der Tiere, die sie umgeben, bleibt bis heute umstritten. Copyright: Museum für Angewandte Kunst Wien

Was ist ein Ornat?

Das (oder der) Ornat ist die festliche Amtstracht eines Geistlichen, Herrschers oder hohen Beamten, die bei feierlichen, weihevollen und repräsentativen Anlässen getragen wird, wie z. B. bei der Krönung das Krönungsornat. Die Bezeichnung Ornat wird auch als Zusammenfassung der für den Gottesdienst verwendeten Paramente benutzt.

Grafik: Hier sind verschiedene Ornate mit ihren Attributen dargestellt. Zu sehen sind Adel und Klerus in üppig geschmückten Gewändern. Unterhalb der fünf prachtvoll gekleideten Personen sind weitere sechs Personen mit Kronen zu sehen.
Hier sind verschiedene Ornate mit ihren Attributen dargestellt.

Paramente sind die im Kirchenraum und in der Liturgie verwendete Textilien, die oftmals künstlerisch aufwendig gestaltet sind. In der katholischen Kirche versteht man unter einem Ornat die für ein Hochamt gebräuchlichen Paramente gleicher Farbe und gleichen Musters mit unterschiedlichem Zubehör.

Das Gösser Ornat beinhaltet mehrere kirchliche Gewänder, die eine liturgische Einheit bilden. Das Ornat wurde im ausgehenden Hochmittelalter im Stift Göß in der Steiermark in Österreich hergestellt.

Rihanna bei der Met Gala 2018: Hier trägt der Megastar ein Gewand, das stark an ein Ornat erinnert.
2018 trägt auch Rihanna bei der Met Gala etwas, das stark an ein Ornat erinnert. Das Thema der damaligen Gala: „Fashion and the Catholic Imagination“. Copyright: IMAGO

Aus welchen Teilen besteht das Gösser Ornat?

Das Gösser Ornat besteht aus den Teilen Antependium, Pluviale, Kasel, Dalmatika und Tunika. Alle Teile haben diverse Funktionen, da sie auch zu unterschiedlichen Anlässen getragen werden konnten.

Hier ist die Tunika des Gösser Ornats zu sehen. Die bestickte Seide aus dem 13. Jahrhundert ist hierbei sichtlich seht gut erhalten. Copyright: Museum für Angewandte Kunst Wien
Das ist die Tunika des Gösser Ornats. Man beachte den wunderbaren Zustand der bestickten Seide aus dem 13. Jahrhundert. Copyright: Museum für Angewandte Kunst Wien

Franz Bock erwähnt darüber hinaus zwei Stolen, die dem Gösser Ornat angehören sollen. Seine Theorie wird später von Gudrun Sporbeck widerlegt. Der Verbleib der bei Bock erwähnten Stolen bleibt somit bis heute ungeklärt. Weitere Kleinteile des Ornats befinden sich im Victoria & Albert Museum in London.

Diese Funktionen hatte das Ornat

Das textile Bildmedium des Gösser Ornats kommunizierte den Laien die Botschaften der Schenkung, der Heiligen Drei Könige, der Fundatorin Adala sowie die der jungfräulichen Bräute des Frauenkonvents. Betrachtet man die Abbildungen, so lässt sich entnehmen, dass die Äbtissin Kunegunde II den Armen, die während des Festes gespeist wurden, wie eine Maria lactans entgegentrat, also diejenige, die die Bedürftigen nährte. Heilgeschichtlich wird das Bildprogramm auf Christus bezogen. Aber auch die einzelnen Themenbereiche stehen in enger Verbindung zueinander. 

Die Gösser Stiftskirche war Maria geweiht. Daher scheint die Ikonographie des Ornats in erster Linie auf die Verehrung der Patronin ausgerichtet zu sein. Der Nutzungskontext der Paramente offenbart einen weiteren Marienbezug. Das Gösser Ornat war für die Gedächtnisfeier anlässlich des Todestages der pfalzgräflichen Stiftsgründerin Adala bestimmt.

Ist dieses Datum ein mysteriöser Zufall?

Der Todestag der Stiftsgründerin fällt auf den 7. September, den Tag vor der Geburt Mariens. Zu deren Gedenken wurde ein Gottesdienst gefeiert. Nur an diesem einzigen Tag im Jahr wurde das Gösser Ornat angelegt. Dadurch lässt sich seine relativ gute Erhaltung erklären.

Das liturgische Zentrum des Gedächtnisgottesdienstes war der Katharinenaltar, der mit einem bestimmten Teil des Gösser Ornats geschmückt wurde, nämlich dem Antependium. Für die Gösser Bevölkerung war dieser Gedächtnisgottesdienst ein bedeutsames Fest. Um es zu ehren, waren sie im pfarrkirchlich genutzten Teil der Stiftskirche zugegen.

Sie fertigten das Gösser Ornat – aber nicht für sich selbst

Bei den Festivitäten waren Äbtissin und die Kanonissen nicht wirklich anwesend. Kunegunde II fertigte folglich gemeinsam mit ihren Stiftsdamen die Paramente an, die sie selbst nie angelegt haben. Die Eucharistie fand an einem Altar statt, an dem die Frauen selbst nicht als sichtbar Agierende teilnehmen konnten. Sie waren räumlich davon abgesondert.

Zu sehen ist das Pluviale des Gösser Ornats. Im oberen Teil kann man gut erkennen, wie es vor geraumer Zeit geändert und wieder falsch zusammengenäht wurde. Die abgebildeten Teile passen gar nicht auf das restliche Muster und gehören eigentlich auf die Kasel, die im Titelbild dieses Beitrages hinterlegt ist. Copyright: Museum für Angewandte Kunst Wien
Zu guter Letzt: Das ist das wunderbare Pluviale. Im oberen Teil kann man gut sehen, wie es vor geraumer Zeit geändert und wieder falsch zusammengenäht wurde. Die abgebildeten Teile passen gar nicht auf das restliche Muster und gehören eigentlich auf die Kasel (siehe Titelbild). Copyright: Museum für Angewandte Kunst Wien

Die räumliche Absonderung wurde durch die Paramente des Gösser Ornats gemildert. Die Inschriften und Porträts von Kunegunde II und ihren Stiftsdamen erlangten in der Gedächtnisfeier und am Altar Präsenz. Die Donatrixporträts und Inschriften befinden sich jeweils auf der Rückseite der Gewänder, also auf der Schauseite der Stiftsdamen. So sollen sie sich an der Feier beteiligt gefühlt haben.


Folgende Quellen habe ich für diesen Beitrag verwendet:

Darüber hinaus trat ich mit dem Museum für Angewandte Kunst Wien in Kontakt und befragte die Mitarbeitenden zum Gösser Ornat. Freundlicherweise gaben sie mir auf alle meine Fragen Antworten. Sie gaben mir sogar Quellen, auf die ich selbst nie gekommen wäre. Einfach fabelhaft!

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Kunst

Wer ist Selma Selman?

Die Künstlerin Selma Selman stammt aus Bosnien und Herzegowina und lebt und arbeitet in New York, Amsterdam sowie Bihać. Nach ihrem Bachelor of Fine Arts an der Fakultät für Malerei der Universität Banja Luka 2014 machte Selman weiter. Sie schloss ihr Studium an der Syracuse University 2018 ab. Und das mit einem Master of Fine Arts in Transmedia, Visual and Performing Arts.

Von 2021 bis 2023 war sie Stipendiatin an der Rijksakademie in Amsterdam. Ihre Werke wurden international gezeigt. Ausgestellt wurde sie unter anderem im Gropius Bau, Hamburger Bahnhof, documenta fifteen, Manifesta 14 in Pristina, Kunstraum Innsbruck, MO Museum Vilnius, Kasseler Kunstverein Museum Fridericianum, National Gallery of Bosnia and Herzegovina, acb Gallery in Budapest und FutuRoma Pavillon auf der Biennale di Venezia 2019.

Seit 2017 richtet Selma Selman in ihrer Heimatstad Bihać das Filmfestival „The Open Screen at Selma’s“ aus. Dieses soll den Austausch der ansässigen Rom*nja mit interessiertem Publikum fördern. Mit „Get the Heck to School” (seit 2017) gründete sie zudem ein Projekt, das insbesondere jungen Romnja-Mädchen eine Schulbildung ermöglichen soll.

Selma Selman in der Schirn Kunsthalle Frankfurt
Selma Selman in der Schirn von ihren eigenen Werken. © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2024, Foto: Esra Klein

Selma Selman in der Frankfurter Schirn Kunsthalle

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmete der Künstlerin vom 20. Juni bis zum 15. September 2024 eine Soloausstellung. Erst vor wenigen Jahren ist sie in die internationale Kunstwelt vorgedrungen und bezeichnet sich selbst als „gefährlichste Frau der Welt“. Zusammen mit ihrer Familie schlachtet Selman vor Publikum einstige Statussymbole aus. Dabei schlachtet knöpft sie sich etwa Mercedes Benzer vor, um an die wenigen noch verwendbaren Edelmetalle zu gelangen.

Besonders laut sind in der Regel auch die sprachlichen Performances der Künstlerin mit Rom*nja-Hintergrund. In ihnen kommen Wut und der Drang nach einer Umkehrung der Machtverhältnisse zum Ausdruck.

Selma Selman thematisiert Diskriminierung, Gewalt und Sexismus

Selmans Kunst behandelt in unterschiedlichen Medien die Erfahrungen mit Diskriminierung, Gewalt, Sexismus und dem Patriarchat. Ihr Werk umfasst Performances, Skulpturen, Malereien auf Autoteilen und Altmetall, Zeichnungen und Video.

In der Schirn präsentiert die Künstlerin Grafiken, kleine skulpturale Arbeiten aus Edelmetallen und zwei Performances. Die Installation Flowers of Life (2024) aus Mehrschalengreifern verweist auf die Lebensgrundlage ihrer Familie. Die soll auf dem Sammeln und dem Weiterverkauf von Metallschrott fußen.

Die Videoarbeit Crossing the Blue Bridge (2024) basiert auf den Erinnerungen ihrer Mutter an Erlebnisse in ihrer Heimatstadt Bihać während des Bosnienkrieges (1992–1995). Selman nimmt diese familiären Erfahrungen als Ausgangspunkt, um sich selbst als feministisch-aktivistische Künstlerin zu verorten. Heute setzt sich die Künstlerin international für ihre Community einsetzt.

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Kunst

Ikonenmalerei: Exklusives Interview mit Igor Kaplun

Ich freue mich, euch mitteilen zu dürfen, dass der Ikonenmaler Igor Kaplun sich auf ein exklusives Interview mit mit eingelassen hat. Entdecke seine faszinierende Welt der Ikonenmalerei! In unserem spannenden Gespräch erzählt der zeitgenössische Künstler über seinen Werdegang, seinen einzigartigen Stil und die Balance zwischen Tradition und Innovation. Erfahre auf tuellundtrueffel.com mehr über Kapluns Techniken, Inspirationen und wie er es schafft, klassische Ikonenmalerei in die moderne Kunstszene zu integrieren.

Du interessierst dich für Ikonenmalerei? Dann solltest du das Ikonenmuseum in Frankfurt unbedingt kennenlernen.

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Meine Quellen der Inspiration

Quellen der Inspiration sind so individuell wie wir Menschen selbst. Sie können uns in unerwarteten Momenten und durch unterschiedlichste Auslöser begegnen: Kunstwerke, inspirierende Menschen oder berührende Momente. Doch manchmal sind es auch die scheinbar negativen oder ungewöhnlichen Dinge, die uns zu kreativen Höhenflügen verhelfen können. Heute will ich mit euch ein paar meiner persönlichen Inspirationsquellen teilen, die auf den ersten Blick vielleicht banal erscheinen mögen, aber mich immer wieder aufs Neue antreiben.

Negative Inspiration: Schlechte Ausstellungen und Co.

Schlechte Ausstellungen. Die guten inspirieren mich natürlich auch. Aber eben auf einer ganz anderen Ebene. Während ich über die Guten schreiben will, will ich die Schlechten zu meinem Eigen machen und sie in meiner eigenen Art reproduzieren. Nachdem ich mir schlechte Ausstellungen reinziehe, bin ich meistens wütend und kann an nichts anderes mehr denken, bis ich mir eines der Exponate imitiert habe. Für mich ist das eine „Negativinspiration“, die Spaß macht und dabei eine intime und emotional geladene Erfahrung ist.

Madlen Romanowna: Stillleben 2024
Das war spaßig. Inspiriert wurde das von einem Gemälde von Nicolas Party. Der Künstler gab seinen Werken mehr Bedeutung, als es je angemessen sein würde. Als angehende Kunsthistorikerin (und Fan der Alten Meister) bekam ich zunächst ein nervöses Zucken im Auge und schließlich auch in den Fingern.

Menschen, die mir seelischen Schmerz zufügen. Der Klassiker. Manche Situationen erlebe ich so intensiv, dass ich mich danach tagelang in meiner Wohnung einsperren muss, um überhaupt verarbeiten zu können (ich bin neurotypisch btw). Mit ein bisschen Glück durchlebe ich dabei einen unendlichen Flow. Worte, Themen, Skizzen, Ideen sprudeln nur so aus mir heraus, machen dabei Sinn und werden auch noch zu etwas Größerem, als ursprünglich geplant. Im weitesten Sinne bin ich dankbar – ohne dieser Zwischenfälle wäre ich wahrscheinlich nicht so erfüllt. Immer wieder sage ich, dass es nicht darauf ankommt, wie heftig der emotionale Schmerz ist, der dir zugefügt wurde, oder wie groß das Problem ist, mit dem du klarkommen musst – viel wichtiger ist, wie du damit umgehst. Also versuch das Ganze in Inspiration umzuwandeln. Faustregel, die ich dabei allerdings aufstellen musste: Immer erst dann publizieren, wenn ich wieder abgekühlt bin. Nicht, dass avecMadlen wieder verboten wird.

Auch im Schönen suche ich die Inspiration

Menschen, die meine Energie spiegeln. Am liebsten bin ich zwar immer noch mit mir selbst, habe aber mit den Jahren gelernt, dass nicht alle Mitmenschen mich überfordern. Es gibt auch jene, mit denen ich Zeit verbringe und mich danach gut fühle. Manche Begegnungen gehen dabei so tief unter die Haut, dass sie in meinem Kopf Steine ins Rollen bringen. Je seltener das passiert, desto mehr wachse ich durch diese intensiven Begegnungen und es kommen Stücke wie etwa „Diese Liebe macht mich wahnsinnig“ zustande.

Die Natur – sie ist ein Teil von mir und ich bin ihre treue Dienerin. Geht es mir wegen Punkt 1 oder 2 schlecht, sperre ich mich erst ein bisschen in meiner Wohnung ein, mache mein Ding und traue mich später aus der Tür, um mir einen zweiten Inspirationsschub zu holen. Mein Kopf wird frei, wenn ich in einen Wald hinein starre. Wenn ich Gräser, Büsche, Blätter berühre und an Blumen rieche, komme ich sofort wieder zur Vernunft. Auch dann, wenn ich meine Hände in der Erde vergrabe, Samen säe, Äste schneide, gieße, grabe und Blätter sammle, fühle ich mich glücklich und inspiriert.

Quelle meiner Inspiration: Die Schwanheimer Düne. Hier komme ich her, um mich instand aufladen zu lassen.
Eine der Quellen meiner Inspiration: Die Schwanheimer Düne. Hier kam ich her, um mich instand aufzuladen. Seit ich wieder in Baden-Baden lebe, wurde die Düne von den Geroldsauer Wasserfällen abgelöst.

Herbst, depressive Verstimmungen und Romane

Der Herbst. Er ist eine Inspiration an sich. Das Wetter wird trüb und traurig, die Blätter färben sich gülden und depressive Verstimmungen kommen wie bestellt. Die Kombi aus Herbst und Verstimmung ist eh ein Unschlagbares Duo und daher oft auch inspirierend. Ich tendiere dazu, mich mit dem Sinn des Lebens auseinanderzusetzen und das Größere zu erkennen – auch dann, wenn es gar nicht da ist. Wie die meisten von euch aber wissen, können depressive Verstimmungen leicht in richtige Depressionen übergehen und dann geht bei mir leider gar nichts mehr. Aber ja, der Herbst ist super, um sich Denkanstöße zu holen.

Bücher. Selbsterklärend. Romane, biografische Sachbücher, Monographien zum Thema Kunst und Modezeitschriften am liebsten. Bei literarischen Meisterwerken am liebsten Kafka, Dostojewski und Erich Maria Remarque.

Psychischer Druck als Inspirationsquelle

Unter Druck entstehen Diamanten. Ich liebe den Druck, den meine Psyche an mir selbst übt. Es ist wie ein Sich-Selbst-Auffressen, das mich gleichzeitig beflügelt. Einen positiven Effekt hat Druck aber nur dann, wenn ich ihm gerecht werde und ihn gezielt dazu nutze, um über mich selbst hinaus zu wachsen. Sei es, um meine Emotionen unter Kontrolle zu nehmen und meine Gedanken zu strukturieren, oder um jene Emotionen in Texte oder andere kreative Tätigkeiten umzuwandeln. Dabei spielt es keine Rolle, welchen Druck ich als Quelle der Inspiration verwende: Zeitdruck, Perfektionsdruck, Gelddruck, zu Hohe Erwartungen an mich selbst, Ungeduld – jede Art des Drucks inspiriert in irgendeiner Weise.

Zwei Extreme, die mich wahrscheinlich am meisten inspirieren

Industriebauwerke. Gott, ich HASSE Industriebauwerke. Sie machen mir Angst, sie widern mich an, sie sind das, was in meinen Augen direkt aus der Hölle kommt. Rohre, Rauch, massige Gebäudeteile, die das Landschaftsbild versauen, ekelhafte Wendetreppen und Leitern aus Metall sowie rot blinkende Warnlichter. Ich hasse es so sehr, dass es mich jedes Mal durchschüttelt, wenn ich davorstehe. Diese eigenartige Erfahrung inspiriert mich aber jedes Mal aufs Neue. Merkwürdig, oder? Ich weiß gar nicht, wo dieser Ekel herkommt, ein paar einschneidende Erfahrungen machte ich jedoch. Wenn ich bereit bin, sie zu teilen, lasse ich es euch wissen.

Meine geliebten Leser. Für mich ist jede Reaktion auf mein „pseudointellektuelles Geschreibsel“, wie einst ein Leser sagte, ein Geschenk. Ich liebe jedes Wort, das ihr mir schreibt, nachdem ihr mich gelesen habt. Ich könnte jedes Mal vor Glück weinen, wenn ihr mir mitteilt, dass ihr das Gleiche durchlebt habt, dass ihr meine Worte nachvollziehen könnt, oder dass ihr meine Geschichten witzig oder geil oder spannend fandet. Für meine Leser ALLES. Egal, von welchen Portalen, Zeitungen, Kanälen ihr mich auch lesen mögt – ihr seid die Besten und Geilsten. Hört niemals auf, mir eure Kommentare und Nachrichten zu schreiben, auch wenn ihr mich einfach nur kritisieren wollt und mir mitteilen wollt, dass ich wieder mal nur Scheiße publiziere. Ich lebe dafür, euch zu unterhalten, zu inspirieren und von euch inspiriert zu werden. Danke, dass es euch gibt.


Zum Beitragsbild: Das ist Nicolas Party’s, wie ich ihn gerne nenne, „Osthaufen“. Dieses Werk existiert nicht mehr, da es wieder von den Wänden des Museums Frieder Burda in Baden-Baden abgetragen wurde. Das Bild an sich gehörte zu den stärksten Arbeiten, die dort zu dem Zeitpunkt ausgestellt wurden. Die leuchtenden Farben mochte ich besonders. Doch die Bedeutungstiefe der Früchte, die als die menschliche Sexualität im Bezug auf Adam, Eva, Kain und Abel zu lesen war, fand ich etwas weit hergeholt. Aber so ist die Kunst der Gegenwart nun mal. Manchmal zumindest.

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Franz Kafka in Frankfurt

Franz Kafka: brillanter Schriftsteller und… Künstler? Ganz genau. Diese bislang wenig bekannte Seite seines Schaffens wurde erst 2021 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, als Prof. Andreas Kilcher von der ETH Zürich Kafkas Zeichnungen edierte.

Die Zeichnungen, die viele Jahre in einem Zürcher Banksafe aufbewahrt wurden, sind nun in einem Band veröffentlicht, der bereits in mehr als zehn Sprachen übersetzt wurde. Diese Veröffentlichung hat eine neue Dimension von Kafkas künstlerischem Vermächtnis offenbart und bietet neue Perspektiven auf seine literarischen Werke.

Franz Kafka Buch: Die Zeichnungen
Na ratet mal, wer es von seinem Ex zu Weihnachten bekommen hat.

Franz Kafka: Verbindung zwischen Kunst und Literatur

Prof. Kilcher widmet sich in seinem jüngsten Buch „Kafkas Werkstatt. Der Schriftsteller bei der Arbeit“ der Verbindung von Kafkas zeichnerischem und schriftstellerischem Wirken. Er argumentiert, dass Kafkas Schreiben durch visuelle Elemente beeinflusst wurde und dass das Verständnis seiner Zeichnungen auch neues Licht auf sein literarisches Werk wirft.

Am Donnerstag, 12. September, beleuchtet das Jüdische Museum am Bertha-Pappenheim-Platz 1 in Frankfurt diese Thematik. In Kooperation mit dem Buber-Rosenzweig-Institut an der Goethe-Universität Frankfurt findet um 19 Uhr eine Veranstaltung statt. Bei dieser werden Kafkas Zeichnen und sein Schreiben ins Verhältnis gesetzt.

Das Gespräch mit Prof. Kilcher moderiert Julia Encke, Feuilletonchefin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Ich werde vor Ort sein und euch mehr von dieser fantastischen Veranstaltung erzählen.

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Kunst

Sinnliche Reise durch das Museum Frieder Burda

Unter dem Titel „I Feel the Earth Whisper“ lädt das Museum Frieder Burda in Baden-Baden Besucher ein, sich auf eine sinnliche Reise durch die Kunst der Natur zu begeben. Die Ausstellung zeigt Werke von Bianca Bondi, Julian Charrière, Sam Falls und Ernesto Neto. Ziel ist es, die Verbundenheit des Menschen mit der Natur zu beleuchten. Ein paar Exponate gefielen mir ziemlich gut, also zeige ich sie euch weiter unten.

Die Schau umfasst Skulpturen, Malereien, Videos und Fotos. Diese Werke sollen den Betrachtern helfen, ihre Rolle als respektvolle Hüter der Erde wiederzuentdecken. „Wir wollen neue, fürsorgliche Beziehungen zwischen Mensch und Erde erzählen – wahre ‚planetare‘ Liebesgeschichten“, so die Kuratoren. Die aktuelle Ausstellung „Heilende Kunst“ im LA8 beschäftigt sich mit einem sehr ähnlichen Thema aus einer anderen Perspektive. Zufall? Ich glaube nicht. Also wenn hingehen, dann wohl in beide Ausstellungen, so wie ich das gemacht habe.

Museum Frieder Burda: „I Feel the Earth Whisper“

Die Künstler haben im Ramen der Frieder-Burda-Ausstellung „I Feel the Earth Whisper“ Installationen geschaffen, die Naturlandschaften ins Museum holen und damit dynamische Räume schaffen. Diese fordern dazu auf, neue Perspektiven einzunehmen und eine Harmonie mit der Erde zu empfinden. So zumindest die Absicht der Künstler und Koratoren. Als ich durch das Werk „The Birth of Contemporous Blue Tree“ im Erdgeschoss lief, spürte ich sogar etwas Derartiges.

Die Installation „The Birth of Contemporous Blue Tree“ ist von Ernesto Neto und symbolisiert die Verbindung zwischen Erde und Himmel. Sie lädt Besucher dazu ein, alle Sinne zu nutzen: riechen, hören oder berühren. Die Interaktion mit dem Betrachter fand ich wirklich faszinierend. Das gesamte Werk ist handgehäkelt und man muss die Schuhe ausziehen, bevor man es betritt. Ich fands cool. Die von der Kuppel des Werks hängenden Steine in den gehäkelten Schaukeln fand ich schon ganz interessant. Woran sie mich erinnerten, kann ich aus dem Stehgreif gar nicht sagen. Im Inneren der Installation stehen rhythmische Musikinstrumente zur freien Verfügung. Dort habe ich mir ordentlich einen abgetrommelt – und hatte Spaß bei.

Bianca Bondiy und Julian Charrière im Frieder Burda

Die Ausstellung ist aufgeteilt in die vier Künstler und ihre Auffassung von der Thematik Erde. Bianca Bondis beschäftigt sich in ihrer Installation „Salt Kisses My Lichens Away“ mit chemischen Prozessen wie Salzwasserreaktionen. Ihr Ziel ist es, Alltagsgegenstände in Kunst zu verwandeln. „Meine Werke sind eine eindringliche Erinnerung an die fragile Schönheit unseres Ökosystems“, sagt die Künstlerin selbst. In diesem Raum hielt ich mich allerdings nur sehr kurz auf.

Julian Charrière präsentiert unter dem Titel „Where Clouds Become Smoke“ Projekte über die Verflechtung von Mensch und Natur. Ein Highlight ist sein partizipatives Projekt „Calls for Action“. Es nutzt eine Live-Videoübertragung zwischen dem Schwarzwald und einem Küstenwald in Ecuador. Diese Idee fand ich sehr interessant und hab in dem abgedunkelten Raum, wo die Videoübertragung stattfindet, sogar ein Pärchen kennengelernt, das in der Nähe des Küstenwaldes in Ecuador lebte und demnach auch eine starke Verbindung zum Dargestellten hatte. Sie erzählten mir von ihren Spaziergängen durch die dortige Natur. Wir haben wirklich nett geplaudert. Die ölige Lavalampen-Action fand ich auch super und starrte sie richtig lange an.

Mein persönliches Highlight

Sam Falls setzt in seiner Ausstellung „Waldeinsamkeit“ auf natürliche Materialien wie etwa Heilsteine und Keramik aus dem Schwarzwald. Er lässt natürliche Prozesse auf seine Werke einwirken, um Vergänglichkeit und Zeitverlauf hervorzuheben. Am aller geilsten fand ich seinen „Vorhang“ aus den Halbedelsteinen. Es war eins meiner persönlichen Highlights in der gesamten Ausstellung. Ich hätte die Dinger am liebsten angeknabbert. Es war toll, es war anders, es war ästhetisch, es war geil und das beste: ich durfte es anfassen.

Die Ausstellung findet anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Museums statt. Gründer Frieder Burda wird mit der Schau für seinen visionären Geist gewürdigt. Sein lichtdurchflutetes Museum bietet eine Symbiose aus Kunst, Architektur und Natur entlang der wunderbaren Lichtentaler Allee in Baden-Baden. „I Feel the Earth Whisper“ ist noch bis zum 3. November 2024 im Museum Frieder Burda zu sehen.

Nach der recht interessanten Ausstellung ging ich ins Untergeschoss und stieß auf meinen geliebten Max Beckmann. Zwei seiner Werke lachten mich dort an.


Quelle: Website museum-frieder-burda.de „I Feel the Earth Whisper“

Bebilderung: Urheberrechte bei avecmadlen.com

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Heilende Kunst: Kohlrabi-Aposteln und nackte Hippies

Bei meiner letzten Tour durch mein geliebtes Baden-Baden entdeckte ich das Museum LA8 neu. Ich überflog die Ausstellungsbeschreibung und las dort den Namen Rudolf Steiner. Für mich stand sofort fest: ich muss da hin. Die Ausstellung hieß „Heilende Kunst“. Diese läuft auch noch bis zum 12. Januar 2025. Ich wurde im LA8 sehr herzlich empfangen. So etwas hatte ich noch nie erlebt – doch, im Fabergé Museum, ebenfalls in Baden-Baden vielleicht. Es war mal wieder so, als wäre ich nach einer langen Zeit nach Hause zurückgekehrt. Es war schön.

Ich nehme es gleich vorweg: Die Ausstellung war spannend, es waren einige bekannte Künstler dabei, ich konnte zahlreiche Anregungen mitnehmen und die öffentliche Führung, die mir die süße Frau am Eingang ans Herz gelegt hatte, war aufschlussreich, inspirierend und absolut empfehlenswert. Durchgeführt wurde sie von Elisabeth Gurock. Sie erzählte fesselnd, humorvoll, spannend und man spürte in jedem Satz, wie sehr sie für ihre Thematik brennt. Ich genoss jede Sekunde davon und konnte folgendes aus dieser Sonderausstellung mitnehmen (kein Anspruch auf Vollständigkeit):

„Heilende Kunst“: Der Mensch gegen die Industrialisierung

Das Thema Ernährung hat schon im Zeitalter der Industrialisierung eine große Rolle gespielt. Die Menschen experimentierten mit Vegetarismus, Rohkost und verzichteten auf Genussmittel wie Alkohol und Tabak. Ihnen war klar, dass der Wunsch nach einer Veränderung immer beim Individuum selbst beginnen muss. Dieser Wunsch wurde wiederum durch die Folgen der Industrialisierung hervorgerufen. Wir erinnern uns: Sie startete 1711 in England mit der Dampfmaschine und kam im 19. Jahrhundert auch auf dem restlichen Kontinent an. Hier geht es zum Zeitstrahl der Industrialisierung.

Die Menschen hatten es satt. Sie fingen an, die negativen Auswirkungen der Industrialisierung wahrzunehmen: Schwindende Flächen, Arbeitsstellenverlust, miserable Lebensverhältnisse, Luftverpestung, Verschmutzung der Gewässer und viele andere Nachteile. Gehobene Gesellschaftsschichten, vor allem die mit einem kritischen Geist, wussten, dass sie aufstehen und etwas tun müssen. Geboren war eine ganze Bewegung von Industrialisierungsgegnern, die eine Lebensweise im Einklang mit der Natur angestrebt hatten.

LA8 Museum in Baden-Baden

Künstler und Kohlrabi-Apostel Karl Wilhelm Diefenbach

Einer der wichtigsten Vertreter dieser Bewegung war Karl Wilhelm Diefenbach. Nach einer langen Krankheitsphase hatte er ein Erweckungserlebnis, nach dem er eine Umstellung wollte. Er wurde Vegetarier, verzichtete auf Genussmittel und trug eine Kutte. Seine Kritiker nannten ihn „Kohlrabi-Apostel“. Davon ließ sich Diefenbach jedoch nicht aufhalten und gründete eine Kommune mit seinen Anhängern in der Nähe Münchens, wo er ganz und gar nicht willkommen war.

"Heilende Kunst": Gemälde von Karl Wilhelm Diefenbach im Museum LA8 in Baden-Baden
Diefenbach war als bekennender Pazifist, Nudist und Vegetarier. Barfuß und in eine Kutte gehüllt prangerte er vor dem Münchner Hofbräuhaus den „Tiermord“ an. „Lieber sterben, als meine Ideale verleugnen.“ Von der Nachwelt wurde Diefenbach weitgehend vergessen. Der dem Symbolismus der Jahrhundertwende nahestehende Künstler fand zu einer eigenständigen, überraschend modernen Bildsprache, die ihre Spuren bei Schülern wie František Kupka hinterlassen hat. Das. „Du sollst nicht töten“ (1902) gilt als eines der Hauptwerke des Künstlers.

Das vorliegende Bild gehört dem Städel Museum in Frankfurt und ist eine Leihgabe für die Ausstellung „Heildende Kunst“. Das Gebot „Du sollst nicht töten“ gilt dabei den Tieren. Das pathetische an diesem Gemälde: Karl Wilhelm Diefenbach malte sein eigenes Gesicht in der Darstellung Gottes.

Heilende Kunst im LA8: Karl Wilhelm Diefenbach
Und das ist der Mann der Stunde: Karl Wilhelm Diefenbach

Nackte Selbstversorger in Ascona

Ein weiterer wichtiger Akteur dieser Bewegung war Henri Oedenkoven. Er war zum einen Sohn eines Industriellen, zum anderen aber Mitbegründer des alternativen Siedlungsprojektes Monte Verità in Ascona. Oedenkoven war angewidert von der kapitalistischen Industriegesellschaft, also nutzte er das Familienvermögen für den Ausbau eines vegetarischen Zentrums, das sich zu einem spirituellen Sanatorium entwickelt hatte.

Die Ausstellung „Heilende Kunst“ präsentiert eine durch und durch interessante Fotogalerie seiner Anhänger, die nackt an der Sonne Gemüse ernteten. Ein Sanatorium, das ich nur zu gerne besuchen würde. Die Menschen, die dort lebten und arbeiteten, brachen wohl aus der von Zivilisation strotzenden Gesellschaft aus und wollten offenbar zurück zu ihrem natürlichen Ursprung. Sie versprachen sich Heilung durch nackte Arbeit, Selbstversorgung und Gemüseanbau. Eigentlich völlig logisch, oder?

Schönheit: Ein Grundbedürfnis des Menschen

1900 kam das Motto „zurück zur Natur“ auch in die Häuser der Reichen und Schönen. Die Arts & Crafts Bewegung wurde geboren. William Morris, Maler, Architekt, Dichter, Kunstgewerbler, Ingenieur und einer der wichtigsten Vertreter dieser Bewegung, erkannte, dass Schönheit ein Grundbedürfnis des Menschen ist. Das, was ich euch schon seit einiger Zeit predige. Er wollte weg von der Massenproduktion, die für ihn (und für alle anderen klar denkenden Menschen) ästhetisch unbefriedigend war.

Seine Idee griff Johann Heinrich Vogeler auf und brachte sie nach Deutschland. Er überdachte die Prinzipien von Morris und bezog die Idee dieser Ästhetik auf Kleidung, Geschirr, Besteck, Handtücher – eben auf alles, was in einem Haus zu finden sein könnte. Er sah das Haus sozusagen als Gesamtkunstwerk an. Schließlich mutierte Vogeler vom Ästhet in einen radikalen Kommunisten und verließ Deutschland.

Modell des Goetheanums im Museum LA8

In der LA8-Ausstellung „Heilende Kunst“ wird auch eins meiner ganz persönlichen Highlights ausgestellt: Das Goetheanum von (bitte jetzt Engelsgesang einsetzten) Rudolf Steiner. Also, nicht das ganze Goetheanum, nein, natürlich nicht. Lediglich die beiden Modelle: Der erste, vollständig aus Holz bestehende Tempel, der durch mutmaßliche Brandstiftung 1920 den Flammen zum Opfer fiel, und das zweite, steinerne (höhö Steiner) Goetheanum, das bis heute in Dornach vor sich hin steht und alle Interessierten zu einem unvergesslichen Besuch einlädt.

2014, glaube ich, war ich vor Ort. Es war wahnsinnig faszinierend. Das Goetheanum hat keinen einzigen rechten Winkel im gesamten Baukomplex. Es hat freie Räume, ein absolut verrücktes Spiel mit dem durch die Fenster eindringendes Licht – die Atmosphäre darin ist maximal sexuell aufgeladen. Ich bin demnächst wieder vor Ort und entdecke es für euch neu. Bleibt also dran. Es lohnt sich. Ich werde dann auch versuchen, mich dem schwierigen Thema Rudolf Steiner anzunehmen.


Quellen:

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Kandinsky und Münter verfilmt: Eine bodenlose Liebe

Nach mehr als 100 Jahren kehren Gabriele Münter und Wassily Kandinsky in einem neuen Film erneut an den Starnberger See zurück. Marcus O. Rosenmüllers Film „Münter & Kandinsky“ beleuchtet die komplexe Liebesgeschichte des Künstlerpaares und wird vor dem Kinostart im Oktober auf dem Fünfseen-Filmfestival gezeigt. Das Drehbuch, geschrieben von Alice Brauner, basiert auf Dokumenten, Tagebucheinträgen und Briefen, wobei viele Dialoge aus Originalzitaten bestehen.

Der Film zeigt jedoch nur eine vereinfachte Darstellung der Beziehung: Ein erfolgreicher Mann verlässt seine kluge Partnerin für eine jüngere Frau. Die Realität war weitaus vielschichtiger.

Wenn ihr Interesse an Kandinsky und dem Blauen Reiter habt, ist das bundesweit das BESTE, was ihr euch ansehen könnt.

Das war Gabriele Münter für Wassily Kandinsky

Gabriele Münter wurde 1877 in Berlin geboren und wuchs in Koblenz auf. Sie kam 1901 nach München, nachdem sie zuvor zwei Jahre durch die USA gereist war und das Fotografieren für sich entdeckt hatte. In München schrieb sie sich in der Schule des Künstlerinnen-Vereins ein, da Frauen kein Studium an der Kunstakademie erlaubt war. Später wechselte sie zur Phalanx-Kunstschule, wo sie einen Bildhauerkurs bei Wilhelm Hüsgen belegte, der auch Abendaktunterricht bei Wassily Kandinsky einschloss.

Kandinsky stammte aus einer wohlhabenden russischen Teehändlerfamilie und hatte ein Jurastudium in Moskau absolviert, bevor er sich 1896 endgültig für die Malerei entschied. In München studierte er bei Franz von Stuck an der Kunstakademie und gründete 1901 die Künstlervereinigung „Phalanx“, wo er auch als Lehrer tätig wurde.

Lehrer und Schülerin verliebten sich schnell ineinander, obwohl Kandinsky verheiratet war. Er versicherte ihr jedoch seine unglückliche Ehe. Anfangs wies Münter ihn zurück, begleitete ihn dann aber doch zu Malferien nach Kochel.

Porträt von Wassiky Kandinsky. Der Künstler sitzt am Tisch und schaut in die Kamera
Kandinsky in seinem Atelier. Copyright: IMAGO / Bridgeman Images

Münter stellt Kandinsky ein Ultimatum

Als Kandinskys Ehefrau Anja Tschimiakin ihren Besuch ankündigte, bat er Münter abzureisen. Sie ging nach Bonn zu ihren Geschwistern und verlangte eine Entscheidung von ihm.

Kandinsky lebte wie auf der Flucht – immer unterwegs zwischen verschiedenen Orten wie Holland, Tunis oder Italien – oft auch am Starnberger See zum Malen oder Urlaub machen. Er schrieb Briefe voller Sehnsucht an Münter und arrangierte Treffen mit ihr in Starnberg. „Ich hoffe sehr, dass ich beim Aussteigen in Starnberg dich am Perron stehen sehe“, schrieb er ihr in einem Brief.

Münter zeigte große Geduld mit seinen unsteten Gemütszuständen, doch schrieb in einem ihrer Briefe: „Das Leben war zu provisorisch… um befriedigend zu sein.“

Kandinskys Kunst verändert sich

Am 17. Juni 1908 suchten beide erstmals aktiv nach einer festen Bleibe im Land – ihre erste Station war Starnberg. Der mondäne Kurort erschreckte sie jedoch; von der Einsamkeit Südtiroler Berge kommend suchten sie das Weite Richtung Murnau – wo sie schließlich heimisch wurden. Dort fanden sie zur neuartigen Malerei mit intensiven Farben; diese Phase veränderte bald darauf grundlegend die Kunstgeschichte.

Hier erfährst du welches Gemälde Kandinskys ein entscheidender Wendepunkt in seiner Kunst war.

Der Film „Münter & Kandinsky“ läuft erstmals am Mittwoch (4. September) um 17 Uhr in Gauting noch vor dem eigentlichen offizielle Veröffentlichungsdatum im Oktober. Ab dann wird eine Kinoformatierung starten, auf die ich natürlich hot hot hot bin. Vielleicht wird das mein erster Kinobesuch nach 5 Jahren (wenn nicht noch davor etwas derart interessantes rauskommt).


Quelle: sueddeutsche.de, „Stelldichein am See“

Artikelbild-Copyright: IMAGO / Heritage Images

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Kunst

Deshalb sollet ihr das LA8 in Baden-Baden besuchen

Ich freue mich, euch das Museum LA8 vorzustellen. Dieses Kunsthaus ist mit Sicherheit eine kleine kulturelle Bereicherung für jeden Besuch in der wunderschönen Kurstadt Baden-Baden.

Das Museum LA8, eingebettet im historischen Zentrum von Baden-Baden, bietet einen tiefen Einblick in die Kunst und Kultur des 19. Jahrhunderts. Es ist Teil der Stiftung Gesellschaft für Geschichte des Welthandels, die sich darauf konzentriert, historische Zusammenhänge aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Zu finden ist das LA8 direkt an der Lichtentaler Allee in der Nähe des Museums Frieder Burda sowie auch der Baden-Badener Kunsthalle.

LA8 Museum in Baden-Baden
Ausstellung „Heilende Kunst“ im LA8

Ich liebe das LA8 in Baden-Baden

Die Ausstellungen im Museum sind sorgfältig kuratiert und thematisieren bedeutende Entwicklungen und Ereignisse des 19. und manchmal auch 20. Jahrhunderts. Besucher können sich auf Werke aus den Bereichen Malerei, Skulptur und Grafik freuen sowie auf interessante Exponate aus dem Gebiet der Wissenschaftsgeschichte. Durch wechselnde Sonderausstellungen bleibt das Angebot stets spannend und abwechslungsreich. Ich war erst wenige Male hier, doch wurde nie enttäuscht. Die Sonderausstellungen ragten für mich durch ihre Klaren Konzepte und Linien heraus. Dabei konnte ich natürlich auch jedes Mal über spannende Künstlerbewegungen und Kulturen lernen. Das Interessante dabei ist, dass das LA8 stets bekannte Künstler ausstellt. In jeder Thematik findet sich mindestens ein richtiger Banger wieder.

Der Museumsbesuch wird durch ein umfangreiches Rahmenprogramm ergänzt. Zu den Angeboten zählen Führungen, Vorträge und Workshops, die es ermöglichen, noch tiefer in die behandelten Themen einzutauchen und mehr über die ausgestellten Werke und deren historischen Kontext zu erfahren.

Madlen Trefzer im Museum LA8
Hi allerseits 😛

Öffnungszeiten und Preise

Öffnungszeiten:
– Dienstag bis Sonntag: 11 bis 18 Uhr
– Montag: geschlossen

Eintrittspreise:
– Erwachsene: 7 Euro
– Ermäßigt (Schüler, Studenten): 5 Euro
– Kinder unter 6 Jahren: frei
– Familienkarte (2 Erwachsene + Kinder): 15 Euro

Das Museum LA8 liegt zentral und ist gut zu erreichen:
Lichtentaler Allee 8
76530 Baden-Baden

Weitere Informationen findet ihr auf der Website des Museums.

Kombiniert euren Museumsbesuch mit einer Wanderung

Ich kann das Museum LA8 jedem Besucher von Baden-Baden wärmstens empfehlen. Es bietet eine hervorragende Gelegenheit, spannende historische Einblicke zu gewinnen und beeindruckende Kunstwerke zu bewundern. Macht euren Aufenthalt in Baden-Baden mit einem Besuch dieses außergewöhnlichen Museums unvergesslich! Und geht im Anschluss rauf auf das Schloss Hohenbaden (alias Altes Schloss).

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Kunst

So war die Ausstellung „Flowers of Life“ in der Schirn

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet der Künstlerin Selma Selman (*1991) nur noch bis
zum 15. September 2024
eine Soloausstellung. Nichts wie hin also, wenn ihr auf sowas steht.

Selma Selman in der Schirn Kunsthalle Frankfurt
Selma Selman, „Flowers of Life“, Porträt der Künstlerin. © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2024, Foto: Esra Klein

Das sagt der Direktor der Schirn zur Ausstellung

„Selma Selman ist eine der energischsten Künstlerinnen der jungen Generation“, findet Sebastian Baden, Direktor der Schirn. „In ihrem emanzipatorischen Werk arbeitet sie eng mit ihrer Familie zusammen. Sie überträgt mit ihren Performances die Lebensrealität nichtprivilegierter Minderheiten in den Ausstellungsraum.“, heißt es weiter

Sebastian Baden sagt überdies, Selmans Arbeit fordere eine kulturelle und ökonomische Umdeutung scheinbar festgelegter Normen, Werte und Zuschreibungen. Für die Ausstellung in der Schirn habe die Künstlerin zwei neue, raumgreifende Arbeiten geschaffen. Darin beziehe sie sich auf Traumata ihrer Elterngeneration und verarbeite diese mit poetischen Gesten.

„Flowers of Life“ zeigt nur wenige Exponate

Stellt euch darauf ein, dass es nur wenige Exponate zu bestaunen gibt. Die Video-Arbeiten jedoch sind knapp eine halbe Stunde lang. Diese wiederum habe ich mir nicht reingezogen, weil ich erst im Nachhinein erfahren habe, dass sie von großer Bedeutung sind. Fan bin ich grundsätzlich nicht von sowas, außer es handelt sich natürlich um so eine crazy Action wie Avatar DOKU bei der Art Basel 2024. Doch ich muss sagen, dass die anderen Besucher der Ausstellung ziemlich von Selmans Videos gefesselt zu sein schienen.

Im Zentrum der Ausstellung steht die und titelgebende Arbeit „Flowers of Life“ (2024). Die raumeinnehmende Installation besteht aus vier gebrauchten Mehrschalengreifern, wie sie auf Baustellen oder Schrottplätzen zum Einsatz kommen. Sie erinnern an bestimmte Szenen aus den Matrix-Filmen. Selma Selman aber verwandelt die massiven Maschinen in blumenartige kinetische Skulpturen, deren Blüten sich mithilfe eines Motors langsam öffnen und schließen. Im Inneren der massiven Metallblüten enthüllen sie Miniaturmalereien der Künstlerin, die Augen von Frauen mit eindringlichem Blick zeigen sollen.

„Flowers of Life“: Umkehrung von männlich und weiblich

Mit „Flowers of Life“ knüpft Selman an ihre bekannten Paintings on Metal (seit 2014) an, Arbeiten mit Altmetall, die zwischen Malerei und Skulptur changieren und auf den Schrotthandel ihrer Familie verweisen. Die sinnlich-florale Interpretation von „Flowers of Life“ spielt mit der Umkehrung von männlichen und weiblichen Zuschreibungen und offenbart zugleich die Frauen als zentrale Trägerinnen der Gemeinschaft.

Mit ihrer Formensprache deutet Selman stigmatisierende Stereotype um, die die patriarchale Mehrheitsgesellschaft rund um die Kultur der Romnja und die Rolle der Frauen konstruiert hat. Die Installation wird begleitet von dem Duft „The Most Dangerous Woman in the World“ (2024), den die Künstlerin in Kollaboration mit Expertinnen kreierte. Dies soll einen Geruch von Motoröl im Raum um die Skulpturen verbreiten. Ich wiederum interpretierte dies als Pheromon-Duft und war kurz davor, da mitten in der Schirn mein Top auszuziehen. Nur ein kleiner Spaß am Rande.

Selmans Herkunft und die Einbeziehung ihrer Familie in ihre künstlerische Praxis sind integraler
Bestandteil ihres Werkes. Und das ist eins der vielen Dinge, die ich an ihrer Kunst cool finde. Insbesondere die intensive Zusammenarbeit mit ihrer Mutter dreht sich um autobiografische Erfahrungen, Sichtbarkeit und Emanzipation als Frau und Romni und hat sich bereits in zahlreichen Werken niedergeschlagen.

Selma Selman: „Crossing the Blue Bridge“

Kommen wir nun zu der filmischen Arbeit „Crossing the Blue Bridge“ (2024, 27:15 Min.), die die Schirn in einer Installation auf zwei Leinwänden zeigt. „Crossing the Blue Bridge“ handelt vom Fortwirken historischer Traumata, von Fürsorge, Mut und Widerständigkeit. Selman schlüpft in die Rolle ihrer Mutter und reinszeniert deren Erinnerung. Der Film geht von Erlebnissen ihrer Mutter im Bosnienkrieg aus.

An einem Tag der Waffenruhe im Jahr 1994 ging die Mutter mit Selmans Schwester in die Stadt, um Lebensmittel zu besorgen und musste auf dem Heimweg die mit Leichen und Tierkadavern übersäte Alija-Izetbegović-Brücke in Bihać überqueren. Beim Versuch die Augen des Kindes zu verdecken und zugleich den schweren Korb mit Lebensmittel zu tragen, wehte der starke Wind ihr die Haare ins Gesicht und verdeckte die Sicht. Selman wiederholt dieses Motiv in ihrer Inszenierung.

In einem eindringlich vorgetragenen Text auf Englisch, Bosnisch und Romanes verbindet sie es u.a. mit Figuren der griechischen Mythologie und stilisiert ihre Mutter zu einer Heldin, die mitverantwortlich ist, dass sich ihre Tochter heute unter widrigsten Bedingungen zu behaupten weiß. Die blaue Brücke wird
so auch zu einem Sinnbild für Selmans künstlerischen Aktivismus, mit dem sie neue Wege erschließt. Das alles und vor allem die Thematik der Mutter als Heldin macht mich natürlich wahnsinnig emotional, weshalb ich tendiere, da tatsächlich noch einmal hinzugehen und mir die Video-Arbeiten vollständig reinzuziehen, damit ich da überhaupt mitreden kann.

Das sagt der Kurator der Schirn Kunsthalle Frankfurt

Matthias Ulrich, Kurator der Ausstellung, über die Künstlerin: „Selma Selman verbindet in ihrem Werk partizipative Kunst, Institutionskritik, Aktivismus und Performance. Im Mittelpunkt steht die Künstlerin selbst. Mit protestierender Stimme und visionärer Präsenz ergreift sie in ihrer Kunst das Wort. Sie führt sich selbst vor und setzt ihren Körper, ihre Stimme und ihre Identität als ein Medium ihrer künstlerischen Praxis sowie der Selbstermächtigung ein. Dabei sind reale soziale Veränderung und gesellschaftlicher Wandel, die Sichtbarmachung und die Stärkung marginalisierten Gruppen und ihrer Community stets das unbedingte Ziel ihrer Kunst.

Fazit

Wie das in der modernen Kunst eben ist, hat auch Selma Selman tiefere Bedeutungsebenen in ihrem künstlerischen Schaffen. Während ich dort war, fand ich die Atmosphäre in dem Raum sehr anziehend. Irgendwie dunkel und gruselig, dann noch diese riesigen Metallblüten mittendrin, die sich langsam bewegen und auch noch der sexy Duft überall im Raum. Ich befand mich jedoch maximal 5 Minuten drin. Ich bin jemand, der sich doch mehr von der Ästhetik angesprochen und angezogen fühlt. Erst, als ich mich später dann in die Bedeutung des Ganzen eingelesen hatte, fand ich die Idee dahinter sehr kraftvoll.

Vor allem finde ich es geil, wie eine junge Frau die Traumata ihrer Mutter nimmt und durch sie ihre Kunst beeinflussen lässt. Das geht wirklich wahnsinnig tief ins Herz. So hat das ganze natürlich einen sehr starken Charakter, sodass man diese Verbindung zwischen Mutter und Tochter als außenstehender Betrachter deutlich spürt. Das finde ich wirklich schön. Außerdem finde ich es anziehend, dass sie sich selbst als Kunstobjekt in Szene setzt. Sehr narzisstisch und dadurch auch sehr sympathisch. Darüber hinaus lässt sie ihre Wurzeln und ihre Herkunft durch ihre Kunst hochleben und für mich ist das immer ein sehr nachvollziehbarer Punkt.

Selfie von Madlen Romanowna Trefzer in der Schirn Kunsthalle
halli hallöööööchen aus der Schirn, meine süßen Lieblingsleser <3

Ihr wisst, wie sehr ich aufgezwungene Bedeutungsebenen in der Kunst hasse. Wir erinnern uns nur mal an meinen Anfall nach der Frieder-Burda-Ausstellung mit Nicolas Party. Was an Selma Selmans schaffen anders ist, ist dass sie ihre persönliche Familiengeschichte zur Bedeutungsebene macht. Und nicht irgendwelche ausgelutschten biblischen Passagen. Dadurch hat ihre Angehensweise nicht diese Banalität, die ich so abgrundtief hasse. Und auch wenn ihre Kunstobjekte nicht gerade alle Sinne meines ästhetischen Empfindens ansprechen, finde ich es geil, was sie macht. Doof hingegen fand ich die runden Zeichnungen. Die sprachen mich weder ästhetisch noch technisch noch sonst wie an. Hingehen lohnt sich aber dennoch.

Ok. Eine Sache noch, dann mach ich hier Feierabend, ernsthaft aber. Ich finde es schön, dass parallel zu „Flowers of Life“ im Städel Museum die Ausstellung „Städelfrauen“ läuft. So hat der diesjährige Sommer in Frankfurt einen eindeutig feministischen Flair angenommen. Angenehm. Tschüss.


Quellen:

  • Pressemitteilung der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main
  • und natürlich war ich vor Ort, meine Lieben
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