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Kunst

So erkennen wir Manierismus

Um 1520 hatte die Malerei ihren Höhepunkt der Vollkommenheit erreicht. Harmonische Bewegungen, die Ruhe ausstrahlen; Darstellungen des idealisierten, heroischen Menschen prägen die Hochrenaissance. Doch diese utopische Vorstellung kann nicht lange bestehen und endet spätestens 1527. Ihr folgt der Manierismus, der sich nur schwer in zeitliche und ästhetische Rahmen setzen lässt.

Mit dem Begriff „Maniera“ bezeichnet man zunächst den Spätstil Michelangelos, der als eine der zentralen Quellen des Manierismus gilt. Darin experimentiert der große Meister mit einer bis dahin unbekannten Vielfalt an Bewegungen und oft komplexen Körperhaltungen. Gemeinsam mit Raffael löst er er sich zunehmend von den Idealen der Renaissance. Der Fokus liegt nahezu vollständig auf dem menschlichen Körper. Viele junge Künstler orientieren sich stark an diesem Stil. Spätere Kritiker erkennen, dass diese jungen Maler mehr die Manier, als den Geist seiner Werke nachahmen. Also geben die dem Zeitabschnitt den Namen „Manierismus“.

Michelangelo, Tondo Doni (Die heilige Familie mit dem Johannesknaben), um 1503/1504 oder um 1507. Galleria degli Uffizi, Florenz.

Eigentlich gar kein Spätwerk. Doch wenn wir genauer hinsehen, erkennen wir schon erste Tendenzen: Die nicht ganz eindeutige Sitzweise der weiblichen Figur, die Spontanität der Bewegung – die sehe ich etwa in der Überreichung des Kindes – und natürlich die satte Farblichkeit mit einer Palette, die nicht ganz Renaissance-typisch ist.

Was währenddessen gesellschaftlich passiert

Der Beginn dieser Epoche fällt im Anschluss an eine Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher und religiöser Erschütterungen. Mit dem Sacco di Roma im Jahr 1527, als spanisch-kaiserliche Truppen Rom plündern und verwüsten, gerät das geistige und kulturelle Zentrum der Hochrenaissance ins Wanken. Die Vorstellung einer stabilen, humanistisch geordneten Welt verlor ihre Glaubwürdigkeit.

Die zuvor angeschlagenen Thesen Luthers (1517) zeigen auch in Italien ihre Nachwirkung. Die Reformation bricht die Einheit einer bisher einzigen Kirche und einer katholischen Wahrheit.

Was passiert in der Kunst?

Die Ideale der Renaissance werden in der Kunst zwar noch aufgegriffen, jedoch auch weiterentwickelt und oft bis zur Übersteigerung getrieben. An die Stelle der Norm tritt das Abnorme. Unnatürliche Proportionen, abrupt verkürzte Raumkonstruktionen, neue Farbkonstellationen, Asymmetrien und verschlüsselte Bildinhalte prägen diese vergleichsweise kurze Epoche von etwa 1527 bis um 1600.

Angolo Bronzino, Allegorie der Liebe, vor 1550, National Gallery, London

Vor allem die erste Generation der Manieristen stellt bewusst die Meister der Renaissance in Frage. Getrieben wird ihre Vision vom Wunsch, die großen Vorbilder zu übertreffen. Manche Künstler erreichen dies durch ungewöhnliche Themen und tiefsinnige Gegenstände, die ihre Werke mit einer Weisheit füllen sollen, dass nur die gut Gebildeten sie verstehen können. Andere gehen noch weiter und schaffen regelrechte Rätselbilder, in denen das Überraschende, Unerwartete oder sogar Unerhörte das Ziel ist.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts reagiert die katholische Kirche mit massiven Eingriffen in die Kunst: Bilder sollen sich an Regeln halten und die katholische Lehre unmissverständlich vermitteln. Besonders deutlich zeigt sich dies an der Kritik an Michelangelos Jüngstem Gericht, das wegen der Vielzahl nackter Figuren als anstößig galt. Forderungen nach der Entfernung des Freskos stehen im Raum. Letztlich wurden die Nacktheit durch nachträglich gemalte Lendenschurze überdeckt. Das betraf die kirchliche Kunst. In der höfischen Malerei galten andere Regeln. Körperbetonte, wenn nicht sogar erotische Darstellungen sind hier weiterhin geschätzt und akzeptiert.

Michelangelo, Jüngstes Gericht, um 1540, Sixtinische Kapelle, Vatikan

Die Schule von Fontainebleau

Bleiben wir mal bei der höfischen Malerei. Die Schule von Fontainebleau ist eigentlich gar keine Schule. Viel mehr eine Künstlergemeinschaft, die den Manierismus nach Frankreich bringt und daraus durch Experimente eine ganz neue Ästhetik und Bildsprache entwickelt. Der Begriff ist zwischenzeitlich problematisch, da mit ihm auch irgendwann der Manierismus, der in Italien geschaffen wurde, betitelt wird.

Doch wie kommt Manierismus überhaupt nach Frankreich? König Franz I. holt gezielt italienische Künstler nach Frankreich, in sein Schloss Fontainebleu, um das Land als neue europäische Kunstmacht zu etablieren. Mit Rosso Fiorentino und Francesco Primaticcio prägen zentrale Vertreter des Manierismus die französische Hofkunst. An die Stelle biblischer Themen traten zunehmend mythologische Darstellungen, in denen Ornament und Figur eng miteinander verschmelzen und ein komplexes, dekorativ aufgeladenes Bildgefüge entsteht.

Jean Mignon, das Urteil des Paris, um 1544–1545, Louvre

Immer mehr gewinnt die Schule von Fontainebleu an Ornamentarik im Hintergrund der Figuren. Das soll besondere künstlerische Rafinesse zeigen. Hier in diesem Bild ist jedoch wenig Ornamentarik. Das, was allerdings stark den französischen Manierismus repräsentiert, sind die Figuren, die regelrecht in den Hintergrund „eingebettet“ sind. Sie verschmelzen fast mit dem Hintergrund, weil er ebenso reichhaltig ist.

So erkennst du Manierismus

In der Malerei des Manierismus wird Bewegung stark betont. Eine neue Figurenform entsteht: die Figura serpentinata, die sich spiralförmig zu winden scheint. Die Perspektive dient nicht mehr allein dazu, den Raum gesetzmäßig darzustellen, sondern wird eingesetzt, um mit ihm zu spielen, metaphorische Aussagen zu erzeugen oder Inhalte zu verschleiern. Häufig begegnen uns fragende Blicke aus dem Bild heraus, und die klassische Bildsprache wird buchstäblich verzerrt, wie etwa bei Darstellungen in Konvexspiegeln oder bei Parmigianino.

Parmigianino, Selbstporträt im konvexen Spiegel, 1524, Kunsthistorisches Museum, Wien

Ein besonders anschauliches Beispiel ist die Madonna mit dem langen Hals. Auch ihre Finger sind ungewöhnlich verlängert. Das wirkt anmutig und elegant, zugleich aber unnatürlich, besonders in der Körperhaltung. Das Christuskind scheint jeden Moment vom Schoß zu fallen. Der Vorhang im Hintergrund zerstört ein logisches Raumgefüge, und Marias Körperposition ist schwer einzuordnen: Etwas zwischen Stehen und Sitzen.

Parmigianino, Madonna mit dem Langen Hals, 1534/1535, Uffizien, Florenz

Den Höhepunkt des Manierismus erreichte Domenikos Theotokopolus (1541-1614), auch bekannt als der Grieche, „El Greco“, da er aus Kreta kommt. Dort erlernt er die griechische Ikonenmalerei. Als er nach Venedig kommt, sieht er erstmals, was sich in der Kunst gemacht hat. Als Tizians Schüler geht er neue Wege. Und bringt seinen einzigartigen Stil nach Spanien, wo er die bisherige, konservative Kunsttradition nachhaltig beeinflusst.

El Greco, Das Begräbnis des Grafen von Orgaz,1586 und 1588

Manieristische Skulpturen

Eines der Haupterkennungsmerkmale manieristischer Skulpturen ist die Spontaneität der Bewegungen. Beispiele hierfür liefert Giambologna, eigentlich Jean de Boulogne (1529–1608), mit seinen Werken Fliegender Merkur und Raub der Sabinerin. In ihnen vereint sich Bewegung mit Ausdruck in einem zuvor unbekannten Maß. Giambologna stellte sich dabei bewusst eine scheinbar unmögliche Aufgabe: Eine Statue zu schaffen, die gegen alle Gesetze der Schwerkraft zu fliegen scheint. Merkur berührt den Luftstrom aus dem Mund einer Maske nur mit seiner Fußspitze.

Architektur im Manierismus

Florenz blieb im 16. Jahrhundert das führende Kunstzentrum, maßgeblich geprägt durch das Mäzenatentum der Medici. Giorgio Vasari entwarf hier die Uffizien als Verwaltungsgebäude. In ihrer Architektur zeigt sich der manieristische Gestaltungswille: Die gleichförmige Abfolge dekorativer Elemente erzeugt einen starken Sog- und Tiefeneffekt, der Bau wirkt bewusst in die Länge gezogen.

Architektonisch macht sich die Epoche bemerkbar durch ungewöhnliche Lösungen, Gegensätze und asymmetrische Ordnungen. Klassische Bauelemente wie Säulen verlieren dabei ihre tragende Funktion und werden zu rein dekorativen Motiven, ergänzt durch ornamentale Details wie Fruchtgirlanden und Skulpturen, die an das Prinzip der Figura serpentinata erinnern.


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Quellen:

Ernst H. Gombrich, Die Geschichte der Kunst
Henry Zerner, Die Schule von Fontainebleu: das graphische Werk, 1982
Gerd Betz, Wie erkenne ich Manieristische Kunst? – Architektur, Skulptur, Malerei
André Perret, Die Zyklen der europäischen Architektur: eine Theorie dynamischer Zyklen der europäischen Architekturgeschichte seit dem Jahr 1000
Klaus Jan Philipp, Das Buch der Architektur, 2017

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Kultur

Wassily Kandinsky: Nur Bilder

Porträt von Wassiky Kandinsky. Der Künstler sitzt am Tisch und schaut in die Kamera
Wassily Kandinsky in seinem Atelier, 1912. Geboren: 16. Dezember 1866 (nach gregorianischem Kalender), gestorben am 13. Dezember, 1944. Copyright: IMAGO / Bridgeman Images

Improvisationen

Improvisation 13 (1910), ZKM Kunsthalle Karlsruhe
Improvisation Klamm (1914), Lenbachhaus München

Unbenannte Improvisation I (1914), Lenbachhaus München

Kompositionen

Komposition (1922), Lenbachhaus München
Komposition 8 (1923),  Guggenheim Museum New York
Entwurf zu Komposition VII (1913), Lenbachhaus München
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Allein an Weihnachten? Ideen jenseits von Kitsch und Zwang

Unsere Gesellschaft scheint immer weiter zu vereinsamen. Das führt dazu, dass wir auch an vermeintlich „wichtigen Tagen“ mit uns selbst alleine sind – an Weihnachten etwa. Zwei Dinge will ich dir mitgeben, bevor ich weiterschreibe. Erstens: So wie dir geht es gerade auch mindestens 6 Millionen anderen Menschen in Deutschland. Und zweitens: Wir sollten von unserer bis in die Perversion romantisierten Vorstellung vom perfekten Weihnachtsfest im Kreise der Familie ablassen. Diese Erwartungshaltung führt überhaupt erst dazu, dass wir das Gefühl der Einsamkeit nur schwer ertragen können. Wenn es allerdings bereits dabei ist aufzukommen, tun wir Folgendes.

Ein paar Wochen noch bis Weihnachten? Easy!

Wir planen eine Single-Party bei uns zu Hause. Für all jene, die an Weihnachten auch alleine sind. Wir müssen jetzt nicht komplett übertreiben, aber ein Kuchen, ein paar Häppchen und Cocktails sollten drin sein. Auch wenn es „nur“ eine Party aus drei Personen wird. Es wird für alle drei sicherlich besser, als einer depressiven Episode zu verfallen.

Wenn wir allerdings gar keine Freunde haben und wenn es die Arbeit, Finanzen und Zeit zulässt, buchen wir uns eine Reise. Egal wohin. Hauptsache, wir katapultieren uns aus der Realität irgendwo hin, wo es schön und neu ist. Damit sind eigentlich auch alle weihnachtlichen Probleme gelöst. Vorausgesetzt, wir suchen uns ein Land, das nicht gerade streng katholisch ist und wo uns die Tradition, mit der gesamten Familie zu feiern, noch ordentlich unter die Nase gerieben wird. Dennoch können wir auch da einfach raus in die Natur oder ans Meer oder den Ozean, um alle Gedanken und Gefühle besser verarbeiten zu können. Natürlich ist nicht jeder so privilegiert, einfach abzuhauen, wenn ihm danach ist. Ich bin es dieses Jahr ebenso wenig. Daher müssen wir noch kreativer werden.

Ein paar Tage vor dem Weihnachtsfest

Wenige Tage davor werden viele von uns bereits wissen, dass sie Weihnachten auf sich selbst gestellt sind. Und deshalb besorgen wir uns einen kleinen (oder großen) Weihnachtsbaum, schmücken ihn ganz nach unserem Geschmack – kitschig, monochrom, mit Lametta oder Bonbons – am besten so, wie wir lustig sind. Dann backen wir Plätzchen und verschenken sie NICHT. Die sind nämlich für uns. So können wir das Weihnachtsfeeling auskosten, sind aber nicht auf die Anwesenheit anderer Menschen gestellt.

Oder wir buchen uns ein Solo-Dinner in einem völlig überteuerten Restaurant, das wir schon lange mal besuchen wollten, kochen alternativ ein 5-Gänge-Menü zu Hause, lassen uns am 24. Dezember tätowieren, vorausgesetzt unser Tattoo-Artist macht da mit, oder fangen endlich das neue Hobby an, das wir seit Jahren vor uns her schieben. Wie wir damit anfangen ist egal. Ob wir gleich loslegen, ob wir uns auf YouTube Tutorials zu unserem Traum-Hobby reinziehen oder die ersten Vorbereitungen dafür treffen – alles macht Sinn.

(Freiwillige) Arbeit an Weihnachten

Oder wir gehen halt arbeiten. Bisher hat mir noch nie ein Arbeitgeber gesagt „nein, du bleibst zu Hause.“ In der Heidelberger Redaktion hatte ich das große Glück, dass meine Lieblingskollegin an Heiligabend mit mir zusammen die Stellung hielt. Recht still, aber fokussiert saßen wir den ganzen Abend nebeneinander und hauten in die Tasten. Jene, die selbständig sind, wissen sowieso, was zu tun ist: sich derart mit Arbeit zuzuladen, bis wir vergessen, wo oben und unten ist. Natürlich ist nicht jeder Job so und deshalb suchen wir nach einer anderen sinnvollen Aufgabe.

Ehrenamt: Manche Gemeinden (etwa Rastatt und Baden-Baden) organisieren an Heiligabend ein gemeinsames Abendessen für Leute, die alleine feiern müssen und dies nur schwer ertragen können. Als Gast würde ich da persönlich nicht hingehen, da ich Aktivität brauche. Als freiwillige Helferin hingegen schon. Letztens hatte ich ein Interview mit den Organisatoren der Baden-Badener Initiative „Gemeinsam an Heiligabend“. Es war sehr spannend, was die zu erzählen hatten und eine Message kann ich davon an euch weitertragen: Helfende Hände werden niemals abgelehnt. Selbst wenn alle Posten vergeben sind, könnt ihr durch den Saal gehen und die Gäste, die vielleicht genauso einsam sind, wie ihr es gerade seid, bespaßen, sie kennenlernen und ihnen ein gutes Gefühl geben. Meistens sind es, zumindest bei uns in der Region, ältere Frauen, die ein solches Angebot in Anspruch nehmen. Wenn ihr ihnen etwas von eurer Wärme und Aufmerksamkeit schenkt, fühlt ihr euch nicht mehr so alleine und habt dabei das Prinzip der Nächstenliebe erfüllt. Informiert euch über Angebote in eurer Stadt. Selbst wenn ihr spontan hingeht, wird euch kaum jemand vor die Tür setzen und eure Hilfe ablehnen.

O-oh, es ist bereits Heiligabend! Was tun?

Das Erste, was wir an Heiligabend machen: wir machen uns hübsch. Frisieren uns, cremen uns ein, parfümieren uns, wenn wir Lidschatten benutzen, dann den richtig extravaganten, für den wir bisher nicht den passenden Anlass hatten – wir schaffen eine Full-Glam-Eskalation, ziehen unsere schönsten „Ornate“ und den üppigsten Schmuck an und genießen uns selbst.

Foto von yunona uritsky auf Unsplash

An Heiligabend, wenn es nicht gerade ein Sonntag ist, haben die Läden bis zur Mittagszeit noch offen. Wir nutzen das, gehen noch ein bisschen bummeln, gehen durch die Stadt, trinken dort einen Tee oder Kaffe, gehen vielleicht sogar zum Gottesdienst, auch wenn wir nicht katholisch sind, aber unser Glaube es zulässt, eine Kirche zu betreten.

Allein an Weihnachten: Wanderung und Unterhaltungsprogramm

Wir könnten auch wandern gehen. Für Baden-Württemberg und Hessen habe ich hier ein paar schöne Ausflugstipps publiziert. Die können wir nutzen, wenn das Wetter mitmacht. Oder wir gehen eben „all in“ bei Schlamm und Regen – ist auch recht abenteuerlich und mit Sicherheit nur schwer zu vergessen. Und wer will nicht eines Tages jemandem erzählen, wie er mal an Heiligabend die Offenbarung erlangt hatte, als er knöcheltief im nassen Dreck auf einem Berg mitten im Schwarzwald stand?

Alternativ schauen wir, ob es noch Tickets für die Oper, Theater, Konzert, Kino, Comedy-Show – egal was – gibt. Single-Plätze sind in letzter Minute wesentlich einfacher zu ergattern.

Eine kleine anonyme Freude

Wir könnten auch einfach jemandem ganz anonym ein Geschenk vor die Tür legen. Dafür steigern wir uns maximal in die Situation rein, tun so als seien wir 007 höchstpersönlich und platzieren es mit übertriebener Dramaturgie am Zielort. Tut dies aber NICHT bei Ex-Partnern oder Situationships. Wir wollen Spaß haben und nicht noch weiter in unserer Verzweiflung versinken. Hierfür eignen sich eher neutrale Personen besonders gut: Nachbarn, alte Klassenkameraden, ehemalige Kollegen, Omis und Opis in eurer Stadt, von denen ihr genau wisst, dass sie an Weihnachten ebenso einsam sein könnten. Ein Päckchen eurer selbstgebackenen Plätzchen, die ihr eigentlich für euch selbst geplant habt, wären etwa eine nette Geste.

Foto von Jess Bailey auf Unsplash

Abends zu Hause schauen wir uns dann einen schönen Film an. Nicht gerade einen weihnachtlichen, da in den Hollywoodfilmen dieses überromantisierte Familiengesülze oftmals stark propagiert wird. Und das ist das aller Letzte, was wir brauchen. Wir schauen uns irgend etwas Neutraleres an. Etwa eine nicht romantische Komödie, eine Biographie, einen Cartoon, eine Doku, avecMadlen auf YouTube, Tatort in der ARD-Mediathek oder, wenn es uns richtig dreckig geht, etwas Blutigeres: Quentin Tarantino Filme, Krimis, Horrorfilme, mörderische Dokumentationen. Wenn wir erstmal abgetrennte Körperextremitäten sehen, erkennen wir schnell, wie gut es uns eigentlich geht.

Allein an Weihnachten: Das lassen wir schön bleiben

Was wir NICHT machen: Saufen, Drogen nehmen, auf fragwürdige Dates gehen oder einfach weinend im Bett liegen. Ich verbiete euch das. Vor ein paar Jahren wollte ich mich betrinken, um das ganze zu vergessen, aber mein Nervensystem hat den Alkohol komplett blockiert. Also war mir einfach nur schlecht und mein Kopf war völlig nüchtern. Ich erkannte: das war ein schlechter Plan. Sorry fürs oversharen, aber es ist wie es ist. Schaut auch bei meinem Artikel „Allein an Valentinstag“ vorbei. Dort findet ihr weitere Ideen, die ihr auch an Weihnachten machen könnt. Und wenn’s gar nicht geht: schreibt mir bei Insta. Ich werde safe die meiste Zeit auch alleine sein und mich über eine nette Nachricht freuen.

Ho-ho-haltet die Ohren steif und denkt daran: wir alle gestalten unsere eigene Realität. Fühlt euch gedrückt und frohe Weihnachten. Eure Madlen.


Resume Installation

Copyright: Beitragsbild von Callum Blacoe auf Unsplash

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Kunst

So entdeckte ich Frank Gehry in Frankfurt

Diese brutalistisch angehauchten Wohnhäuser bemerkte ich bereits, als ich zum aller ersten Mal mit der Straßenbahnlinie 12 nach Frankfurt-Schwanheim einfuhr. Ihre kantigen Fassaden ragten zwischen den Bäumen hervor, sodass mich ihre Architektur magnetisch anzog. Konnten sie wirklich das Werk des fantastischen Frank Gehry sein?

Goldstein-Siedlung in Frankfurt

Treten wir mal einen Schritt zurück und sehen uns die Frankfurter Goldstein-Siedlung an. Immerhin ist das die Gegend, in der unsere Gehry-Bauwerke Mitte der 90er Jahre errichtet wurden.

Ich halte sie für eine der spannendsten Siedlungen der Stadt, die ich bisher näher betrachten konnte. Vor Langer Zeit plante man hier ein Zuhause für alle Gesellschaftsschichten: Arbeiter, Sozialhilfeempfänger, später auch Geflüchtete und sonstige Ausländer. All sie sollten sich hier wohl fühlen und in einem friedlichen Miteinander ihre Kinder großziehen.

Die Idee war herzergreifend human, wenn man mal ganz vergisst, dass die NSDAP da anfangs mitgemischt hat und wir es hierbei mit ursprünglich idealistischen Strukturen und Visionen zu tun haben. Was heute davon übriggeblieben ist, ist eine beachtliche Profitgeilheit einer bestimmten Verwaltungs- und Baufirma, die auf meine Presse-Anfragen mittlerweile allergisch reagiert und nur noch pampig antwortet oder gar Antworten verweigert. Als Journalistin ist es mir manchmal schon eine Ehre, ungeliebt zu sein. In diesem ganz bestimmten Fall ist es das jedenfalls.

Durch Zufall entdeckt

Womit haben wir es also zu tun, wenn wir uns die Wohnhäuser, die sich da in Goldstein zwischen den Bäumen blicken lassen, ansehen? Nachdem sie mir ein ganzes Jahr lang immer wieder ins Auge sprangen, fand ich bei meinem Besuch im Historischen Museum Frankfurt heraus, das sie das Werk Frank Gehrys sind. Ganz durch Zufall las ich bei der Sonderausstellung zu Frankfurter Fotografien aus längst vergangenen Zeiten eine Bildunterschrift, die meine Recherche anregte.

Wie ich die Frank-Gehry-Siedlung in Frankfurt-Goldstein entdeckte.
Da stand ich nun vor dem eingerahmten Bild. Ich erkannte meine geliebten Bauten. Dann las ich das Schildchen unterhalb des hölzernen Rahmens: „Frank Gehry“. Meine Augen weiteten sich.

Verwaltung durch die Nassauische Heimstätte omg

Oh Wunder, oh Wunder. Diese hohe Architektur wird von der Nassauischen Heimstätte (NHW) verwaltet, die ich natürlich an keiner anderen Stelle dieses Textes erwähnt habe. Genau genommen handelt es sich bei den Gehry-Häusern um eine ganze Gehry-Siedlung (in der Goldstein-Siedlung – quasi Siedlung in Siedlung, lol) . Und sie soll damals das gemeinsame Projekt der NHW und des großen Frank Gehry gewesen sein. Die NHW schreibt sogar, das diese Siedlung das Paradebeispiel dafür sei, dass sie auch Non-Profit-Projekte hat. Immerhin blicken wir hier auf ein ganzes Ensemble an Sozialbauten; in verschiedensten architektonischen Ausführungen.

Die Anlage besteht aus 162 Zwei- bis Fünfzimmerwohnungen, darunter auch barrierefreie Ausstattungen. Jede Wohnung bietet durchschnittlich eine Fläche von 73 Quadratmetern. Errichtet wurde die Gehry-Siedlung zwischen 1994 und 1996.

Frank Gehry Siedlung in Frankfurt: Architektur

Gehrys extravagante Handschrift zeigt sich deutlich in der farbenfrohen Gestaltung der Fassaden mit skulpturalen Elementen und den teilweise mit Zinkblech verkleideten Balkonen und Treppenhäusern. Die Balkone sind wie Logen gestaltet und bieten einen Blick auf einen Innenhof mit Spielbereich.

Zu Beginn seiner Karriere baute Gehry konventionell. Gegen Ende der 70er Jahre veränderte er seine architektonische Formensprache. Er begann, vermeintlich „ärmliche“ Materialien wie etwa Sperrholz und Wellblech einzusetzen. Im, Möbelbau sogar Wellpappe. Charakteristisch für Gehrys Baustil sind seitdem abgewinkelte Ebenen, kippende Räume, umgekehrte Formen und eine gebrochene Geometrie. Seine Bauten haben typischerweise auseinanderstrebende Bauelemente, die miteinander verknüpft werden – so, dass es wie ein Ineinanderfließen der Räume wirkt.

Infrastruktur der Frank-Gehry-Siedlung

Nicht nur Design und Ästhetik stehen bei der Siedlung im Vordergrund. Die Infrastruktur spielt ebenfalls eine Rolle in diesem Projekt. In unmittelbarer Nähe zur Wohnanlage stehen den Bewohnern eine Sozialstation, ein Jugendzentrum sowie diverse Geschäfte zur Verfügung. Außerdem eine gepflegte Wiese zum Spazieren- und Gassigehen plus Straßenbahn-Haltestelle.

Architekt Frank Gehry

Frank Owen Gehry, 1929 in Toronto geboren, ist bekannt als Vertreter des Dekonstruktivismus. Seine Bauten sind auffällig collageartig und folgen keinen strengen Konstruktionsprinzipien. Oftmals fließen ganze Gebäude ineinander über und wirken wie glänzende UFOs oder sonstige Objekte, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen. Mit seinem Stil, den ungewöhnlichen Formen, Farben und Baumaterialien, wie etwa Zinkblech für die Außenfassaden, bringt er ganz neuen Glanz in die Siedlung Goldstein.

Am 5. Dezember 2025 stirbt die Legende und hinterlässt auf ewig ein beachtliches Lebenswerk, das noch viele Generationen nach ihm magnetisieren, faszinieren und inspirieren wird.

Frank Gehry
Da ist der Mann der Stunde (schwarzer Mantel und Brille): Architekt Frank Gehry beim Richtfest der Goldstein-Siedlung. Copyright: Nassauische Heimstätte.

So fühlte es sich an, vor Ort zu sein

Natürlich eilte ich damals hin, als ich erfuhr, dass die Häuser von unserem Architekten-Superstar sind. Der Weg dort hin war für Frankfurt-Verhältnisse idyllisch. Die Architektur – überwältigend. Wenn ihr die Gehry-Siedlung besuchen wollt, beachtet bitte, dass dies der Wohnraum der dort lebenden Menschen ist. Hinterlasst nichts, seid leise und verhaltet euch respektvoll – ihr seid auf fremdem Terrain. Stellt euch darauf ein, dass die Anwohner, die auf den Bänken zwischen den Gebäuden sitzen, euch sofort als Fremdkörper identifizieren werden. Versucht daher eher unauffällig oder gar keine Bilder zu machen, aber nicht so auffällig unauffällig wie ich.

Das hat mir ganz und gar nicht gefallen

Was mir sehr weh tat, war der Zustand der architektonischen Meisterwerke. Genau genommen, das, was die einen oder anderen Bewohner der Siedlung dort veranstaltet haben. Die Wege drum herum waren sehr gepflegt. Bei den Wiesen sah es schon etwas trauriger aus. Die Häuser haben mich teilweise nur noch deprimiert. Kaputte klingeln und Briefkästen, billige und vor allem leere und abgeranzte Blumentöpfe, die von den grafischen Logen-Balkonen hingen, ohne auch nur ansatzweise stilistisch oder farblich dazu zu passen. Billige Sonnenschirme, irgendwelche Boho-Dekoartikel und Lampen, Zäune im rustikalen Stil (!!!), alte ausgeblichene Aufkleber an den Fenstern – einfach nur ein geschmackloser Horror, der diese klare Architektur regelrecht vergewaltigt. Wie immer mache ich keine Bilder vom Hässlichen, weil ich da einfach kein Bock drauf habe. Aber das Hässliche gehört zum Leben dazu – wenn auch nicht auf meinen Blog.

Ich finde diesen Billo-Dekowahn wirklich respektlos gegenüber Frank Gehry. Und das hat nichts mit Geld haben oder nicht haben zu tun. Ich weiß genau, was finanzielle Schwierigkeiten sind. Doch sowas Geschmackloses brachte ich noch nicht einmal zustande, als ich mir während meiner Studienzeit lediglich eine Matratze und ein improvisiertes Bücherregal leisten konnte, welches ich übrigens bis heute nutze. Dennoch merkt man schon, dass die NHW da regelmäßig pflegt. Die Farbe an den Häusern war relativ frisch und die Außenanlagen genossen offenbar Aufmerksamkeit. Die Blechelemente der einzelnen Bauwerke waren in gutem Zustand. Ich nehme stark an, dass da regelmäßig restauriert wird. Zumindest außen.

Zwischen Wohnsiedlung und Kunstobjekt

Beenden wir diesen kleinen Ausflug mit einer positiven Note. Egal wie abgeranzt die Häuser aktuell sind – sie tragen den Geist unserer Legende in sich weiter und werden dies auch noch viele Jahre tun. Vielleicht sieht er mir gerade aus den Wolken dabei zu, wie ich mich über den Zustand auslasse und zeigt mir, wie auch anderen Journalisten vor mir „den Finger“. Vielleicht ist er der veranstalteten Geschmacklosigkeit gegenüber viel toleranter als ich und versteht viel besser als ich, dass die Häuser für das Leben darin gemacht wurden und nicht dafür, um als Kunstobjekte betrachtet zu werden. Wir wissen es nicht.

Bleiben wir mal ganz kurz bei Kunst: Die Gehry-Siedlung befindet sich nur einen kurzen Spaziergang von meinen geliebten Eiermann-Türmen entfernt. Wenn ihr also einen vollumfassenden architektonischen Orgasmus erleben wollt, plant bitte auch einen Besuch zu diesen ausgefallenen Bauwerken in Frankfurt-Niederrad.


Quellen:

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Kunst

Städel Frankfurt: Max Beckmann ist da!

Zwei Maxe werden derzeit parallel ausgestellt. Seit heute, 3. Dezember, finden wir Max Beckmann im Frankfurter Städel und Max Liebermann im Frieder Burda Baden-Baden. Widmen wir uns aber meinem Lieblingsmax: Beckmann (1884-1950).

Sein Werk entsteht in einer von Krisen und Umbrüchen geprägten Welt. Diese Erfahrungen wandelt er in seine ganz eigene Bildsprache. Den wohl intimsten Teil der Arbeiten bilden seine Zeichnungen. Wie ein Tagebuch dokumentieren sie Beckmanns künstlerische Entwicklung und dienen ihm gleichzeitig als Medium der Beobachtung, Bildfindung und -Erfindung. Das Städel Museum rückt diese Arbeiten nun in den Mittelpunkt und präsentiert rund 80 Werke aus allen Schaffensphasen. Von bislang wenig bekannten bis hin zu „herausragenden Hauptwerken“, wie das Kunsthaus ankündigt, soll alles dabei sein. Ob ich mich auf die Ausstellung freue? Fuck, yes. Wer kommt mit?

Max Beckmann im Städel: Ein weltweit bedeutender Bestand

Das Städel Museum hat eines der „herausragendsten Beckmann-Bestände weltweit“, heißt es in einer Pressemitteilung. Es widmet sich bereits seit mehr als hundert Jahren der Sammlung, Forschung und Vermittlung seines Werks. In der Ausstellung werden sowohl Zeichnungen aus dem eigenen Bestand als auch Leihgaben internationaler Museen und Privatsammlungen gezeigt. Uns erwarten Werke aus renommierten Kunsthäusern wie etwa dem Museum of Modern Art in New York, British Museum in London, Art Institute of Chicago, Kunstmuseum Basel, der Hamburger Kunsthalle, dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin und dem Museum der bildenden Künste Leipzig. Einzelne Gemälde und Druckgrafiken eröffnen darüber hinaus Einblicke in Beckmanns Arbeitsprozess und das Wechselspiel verschiedener Medien.

„Trotz der Verluste fast aller Werke des Künstlers während der NS-Zeit verfügt das Museum heute über einen Beckmann-Bestand von internationalem Rang. Mit der aktuellen Ausstellung rücken wir nach über vierzig Jahren erstmals wieder gezielt Beckmanns Zeichnungen in den Mittelpunkt“, so Philipp Demandt, Direktor des Städels.

Städel Museum Frankfurt: Rundgang durch die Ausstellung

Die Ausstellung verfolgt in sechs Kapiteln Beckmanns eigenständige künstlerische Entwicklung von der frühen Berliner Zeit bis zu den letzten Lebensjahren in den USA. Ergänzend sind ausgewählte druckgrafische Blätter in einem eigenen Kabinett neben dem Beckmann-Saal in der Dauerausstellung der Moderne zu sehen.

Ausstellungsansicht „Beckmann“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Max Beckmann: Anfänge in Berlin

Seine ersten künstlerischen Erfolge erzielte Max Beckmann 1906 in der Ausstellung der Berliner Secession. Akademisch ausgebildet, entwickelte er einen Stil, der dem deutschen Impressionismus nahestand. Dies zeigt sich etwa in den sanften Schraffuren des Selbstporträts von 1912 oder in der atmosphärischen Abendlichen Straßenszene (1913?).

Inhaltlich reizten ihn die großen Themen: In Historiengemälden mit biblischen, mythologischen oder zeitgeschichtlichen Motiven verarbeitete er grundlegende menschliche Konflikte. Mit dem aufkommenden Expressionismus und der wachsenden kritischen Resonanz auf seine Werke begann Beckmann, sich stärker mit persönlichen Erlebnissen auseinanderzusetzen. Dies zeigen die Skizzen zum Entwurf von Die Nacht (1912), die Szenen einer Gewalttat festhalten, von der Beckmann vermutlich selbst Zeuge war.

Der Künstler im Krieg

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sich Max Beckmann – wie viele Künstler seiner Generation –freiwillig zum Sanitätsdienst in der Hoffnung, neue Impulse für sein Schaffen zu gewinnen. Auf frühere, bildhaft komponierte Werke, die das Grauen des Krieges in Ostpreußen zeigen, folgten in Flandern zunehmend reduzierte Zeichnungen, die den Alltag der Soldaten, das Leid der Verwundeten und die Zerstörungen des Krieges sachlich und knapp festhalten. Werke wie Verwundeter Soldat mit Kopfverband (1915) zeigen den Menschen mit schnellen, kantigen Strichen in seiner Verletzlichkeit, während Aufgebahrter Toter (1915) durch seine eindringliche Bildsprache mit starken perspektivischen Verkürzungen wirkt.

Verwundeter Soldat mit Kopfverband, 1915, Bleistift, 151 × 120 mm, Museum der bildenden Künste Leipzig

Noch im Dezember 1914 entstanden Entwürfe für das Gemälde Auferstehung (Staatsgalerie Stuttgart), das Beckmann 1915 in Straßburg beginnen, aber nie vollenden sollte. Es ist das einzige Ölbild, das Beckmanns Kriegserfahrungen unmittelbar reflektiert. Fernab jeder Hoffnung steigen Tote aus ihren Gräbern in eine zersplitterte Landschaft. Erstmals wird in der Ausstellung eine große Entwurfszeichnung zu diesem Schlüsselwerk präsentiert, die vor wenigen Jahren im Nachlass Mathilde Q. Beckmanns entdeckt wurde.

Einen kleinen Vorgeschmack auf den Stil Max Beckmanns können meine Baden-Badener tatsächlich im Frieder Burda erlangen. Im Untergeschoss, dort, wo der Museumsshop ist, hängt mindestens ein Gemälde Beckmanns, das unsere schöne Stadt zeigt. Mutmaßlich die Trinkhalle.


Quelle: Pressekit des Städel Museums

Beitragsbild: Max Beckmann, Der Mord, 1933 Aquarell und Pinsel in Schwarz über schwarzer Kreide
498 × 455 mm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Dauerleihgabe aus der Sammlung Karin & Rüdiger Volhard

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Reisen

Madeira, das Paradies für Achtsamkeit und Erholung

Madeira, die „Insel des ewigen Frühlings“, begeistert mit majestätischen Bergen, Levadas und grünen Küstenpfaden. Zwischen all den Abenteuerorten offenbart sich eine sanfte, fast meditative Seite: ein Refugium für Achtsamkeit und Erholung. Dank des ganzjährig milden Klimas finden Reisende auf der portugiesischen Inselgruppe ideale Bedingungen, um innezuhalten und die Natur zu spüren. Wer das Besondere sucht, entdeckt auf Madeira und deren kleine Schwesterinsel Porto Santo einzigartige Formen der Entspannung.

Madeira: Waldbaden im UNESCO-Naturpark

Ein Großteil Madeiras ist als Naturpark geschützt und Teil des UNESCO-Weltnaturerbes. Lorbeerwälder, moosbewachsene Steinen und sanft plätschernden Bächlein finden wir hier an jeder Ecke. Die Natur hier bietet den idealen Rahmen fürs Waldbaden – eine Praxis, die Körper und Seele ins Gleichgewicht bringt.

Atemübungen, Meditationen unter mächtigen Baumstämmen oder stille Pausen auf sonnengefluteten Lichtungen lassen uns die heilsame Kraft der Insel intensiv spüren. Der Duft der Pflanzenvielfalt, das Lichtspiel und die Ruhe der Natur entfalten eine heilsame Wirkung.

©Henrique Seruca

Yoga und Klangreisen am Atlantik

Die Lage Madeiras im Atlantischen Ozean macht die Insel zu einem einzigartigen Ort für Yoga, Meditation und Klangreisen. Umgeben von der Weite des Meeres, der klaren Luft und sattem Grün entsteht eine Atmosphäre, die Körper und Geist zur Ruhe kommen lässt. Das Rauschen der Wellen wirkt wie eine reinigende Kraft, die Spannungen löst und neue Energie schenkt. Ob auf einer Klippe hoch über dem Atlantik, an einem schwarzen Sandstrand oder auf einer einsamen Waldlichtung – fast überall auf Madeira lässt sich die Yogamatte ausrollen und bewusst durchatmen. Entsprechende geführte Kurse sind vor Ort ebenfalls schnell gefunden.

©Savoy Signature

Wellness-Innovationen in Funchal

Auch für Regeneration und Gesundheit gibt es ein breites Spektrum an Möglichkeiten. Neben klassischen Massage- und Wellnessangeboten, die nach einem aktiven Tag wohltuend wirken, finden zunehmend moderne Methoden ihren Platz: Lichttherapien, Kältekammern oder Sauerstoffanwendungen. Ergänzt wird das durch traditionelle Verfahren, ganzheitliche Retreats wie die Thalassotherapie, bei der die Wirkung des Meeres für Stressabbau oder zur Linderung von Beschwerden wie Rheuma oder Arthritis genutzt wird. Einige Hotels bieten ein breites Spektrum dieser Behandlungen an, sodass man gar nicht lange suchen muss.

Heilsamer Sand auf Porto Santo

Ein Geheimtipp für Wellnessreisende liegt nur wenige Kilometer entfernt, auf der Nachbarinsel Porto Santo. Während Madeira mit Bergen und Wäldern begeistert, ist Porto Santo für seinen goldgelben Sandstrand bekannt. Der feine, goldene Sand der Insel ist reich an Mineralien und bekannt für seine therapeutischen Eigenschaften und lädt zu einem wohltuenden Sandbad ein.

Madeira: Sandstrand, Erholung, Spa und Co.
Praia do Porto Santo ©Francisco Correia

Ein paar Worte zu Madeira

Die autonome Region Madeira, die zu Portugal gehört und knapp vier Flugstunden von Deutschland entfernt ist, liegt vor der Westküste Afrikas im Atlantischen Ozean. Beeindruckende Flora und Fauna, ganzjährig milde Temperaturen, malerische Fischerdörfer, Wandermöglichkeiten auf bis zu 1.800 Höhenmeter sowie außergewöhnliche Ausblicke auf Steilküsten, Felsformationen und Wasserfälle machen die Blumeninsel Madeira zum idealen ganzjährigen Outdoor-Ziel. Aber auch Kulturverliebte und Strandurlauber kommen etwa in der historischen Hauptstadt Funchal oder an den inseltypischen schwarzen Sandstränden auf ihre Kosten.


Bild- und Textquelle: Pressemitteilung der Global Communication Experts GmbH (Madeira Promotion Bureau)

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Kunst

Ikonographie und Ikonologie anwenden

Erwin Panofsky (1892–1968) beschäftigte sich intensiv mit der inhaltlichen Deutung von Gemälden. Sein methodischer Ansatz prägte die deutsche Kunstgeschichte nachhaltig. Zudem brachte er ein außergewöhnlich breites Wissen mit: Geisteswissenschaften, Theologie, Mythologie, Philosophie, Dichtung, Rechtsgeschichte. Dieses Fundament bildet die Grundlage seiner Methode. Wer sie anwenden möchte, muss daher ein solides Grundwissen haben.

Panofsky arbeitet mit einem dreistufigen Interpretationsmodell: der vorikonographischen Beschreibung, der ikonographischen Analyse und der ikonologischen Deutung. Diese Schritte erschließen den Phänomensinn, den Bedeutungssinn und schließlich auch den Wesenssinn eines Werks. Sein Ansatz führt von den augenscheinlichen Elementen eines Bildes zu immer tieferen Bedeutungsebenen und ermöglicht schrittweise eine Aneignung des vorliegenden Kunstwerks.

Schritt 1: Die vorikonographische Beschreibung

In der vorikonographischen Beschreibung erkennen wir lediglich Farbe, Linienführung und natürliche Gegenstände: Menschen, Tiere, Pflanzen, Häuser und sonstige Objekte, die wir aus unserem Alltag kennen. Sind etwa Personen im Bild zu sehen, achten wir auf ihre Körpersprache. Drückt diese etwa Trauer, Extase, Meditation o. Ä. aus? Was erzählen uns Mimik und Gestik der Personen im Bild? Sehen wir vielleicht einen Segensgestus, einen stillen Dialog zwischen den Figuren oder vernehmen wir sogar eine friedvolle Atmosphäre eines dargestellten Raumes oder einer Landschaft, in der die Szene spielt? Wie und durch welche Elemente wird diese geschaffen? Etwa durch helle Farben und Lichteinfall?

„Eine Aufzählung dieser Motive wäre eine vorikonographische Beschreibung des Kunstwerks“, so Panofsky. Unsere praktische Alltagserfahrung ist dafür unerlässlich und reicht im Grunde aus – sie garantiert jedoch nicht, dass wir mit unserer Einschätzung immer richtig liegen.

Schritt 2: Die ikonographische Analyse

Als nächstes erfolgt die ikonographische Analyse. In diesem Schritt werden die dargestellten Personen, Objekte und Symbole identifiziert. Das zuvor erwähnte fundierte Hintergrund wissen bildet hierfür die notwendige Grundlage und ist zugleich Voraussetzung für die Durchführung dieser Analysestufe. Im Kontext der europäischen Kunstgeschichte können dazu beispielsweise Kenntnisse der Bibel, der antiken Mythologie sowie verschiedener Sagen und Märchen zählen.

Darüber hinaus ist die Vertrautheit mit Allegorien, stilgeschichtlichen Grundkenntnissen, Werken der Antike, etwa von Platon und Aristoteles, fachspezifischer Literatur zu Pflanzen-, Tier- und Farbensymbolik sowie weiteren literarischen Quellen hilfreich, um Personen und Orte anhand ihrer charakteristischen Attribute zu erkennen. Panofsky weist jedoch darauf hin, dass jede Quelle mit kritischem Bewusstsein herangezogen werden muss.

Natürlich setzt die ikonographische Analyse eine korrekte Identifizierung der Motive voraus. Ziel und Zweck dieses Schrittes ist die Hilfe für die Feststellung von Datierungen, Herkunftsorten und gelegentlich auch Echtheit. Die Ikonographie sammelt und klassifiziert das Material. Was sie nicht tut, ist es, die Bedeutung und Entstehung dieses Materials zu erforschen und einzuordnen. Das macht nämlich die Ikonologie.

Schritt 3: Die ikonologische Deutung

„Die ikonologische Deutung erschließt das Kunstwerk als kulturgeschichtliches Zeugnis, als symbolische Form seiner Entstehungszeit.“ Dabei wird untersucht, inwiefern religiöse, philosophische oder politische Vorstellungen die Darstellungen beeinflussen, welche Intentionen oder ästhetischen Präferenzen einzelne Künstler verfolgten und in welchem sozialen oder kulturellen Umfeld sie wirkten.

Für uns bedeutet das: Wir machen uns auf die Suche nach zeitgenössischen Quellen und Dokumenten, um so „den ursprünglichen geistesgeschichtlichen Kontext zu erschließen, in dem der Künstler als Kind seiner Zeit ein Thema für darstellungswürdig befand, es in einem bestimmten Sinne auslegte und in einer spezifischen Form visualisierte.“ Die eigentliche Bedeutung des Kunstwerks steht dabei im Vordergrund. Hierzu werden Prinzipien ermittelt, die die Grundeinstellungen einer Nation, einer Epoche, einer sozialen Klasse oder einer religiösen beziehungsweise philosophischen Überzeugung offenbaren. Dies wird durch die Persönlichkeit des Künstlers modifiziert und in einem einzelnen Werk verdichtet und spiegelt sich sowohl in den „Kompositionsmethoden“ als auch in der „ikonographischen Bedeutung“ eines Werkes wider.

Als Beispiel dafür führt Panofsky den traditionellen Typus der Geburt Christi auf: Im 14. und 15. Jahrhundert ersetzt eine Darstellung, in der Maria vor dem Kind kniet, die frühere Version, in der sie auf einer Liege liegt. Unter dem Aspekt der Komposition entspricht dies der Einführung eines Dreieck- anstelle eines Rechteck-Schemas. Aus ikonographischer Perspektive markiert es die Einführung eines neuen Themas. Gleichzeitig offenbart diese Veränderung eine neue emotionale Haltung, die für die späten Phasen des Mittelalters charakteristisch ist.

Die Ikonologie erfüllt in der Bildanalyse die Funktion der interpretativen Deutung. Sie ist die Synthese aller zuvor erfassten Elemente. Eine Ausnahme bilden Kunstwerke, in denen das gesamte Spektrum sekundärer oder konventioneller Sujets entfällt und ein unmittelbarer Übergang von Motiven zum Gehalt erfolgt – wie etwa in der europäischen Landschaftsmalerei, in Stillleben oder in der Genremalerei.

Ikonographie und Ikonologie – mein Fazit

Wir halten fest, dass Ikonographie und Ikonologie unterschiedliche, aber aufeinander aufbauende Funktionen in der Bildanalyse erfüllen. Die Ikonographie konzentriert sich auf die systematische Identifikation und Klassifikation von Personen, Objekten und Symbolen und liefert damit die Grundlage für die Interpretation eines Werkes. Die Ikonologie hingegen erweitert diesen Ansatz um die kulturgeschichtliche Deutung. Sie verknüpft die ikonographischen Elemente mit dem (geistes-)geschichtlichen Kontext, untersucht Einflüsse religiöser, philosophischer oder politischer Natur und berücksichtigt die individuellen Intentionen der Künstler.

Durch diese Synthese erschließt die Ikonologie die eigentliche Bedeutung eines Kunstwerks und macht es zu einem Spiegel seiner Epoche. Panofskys dreistufiges Modell – vorikonographische Beschreibung, ikonographische Analyse und ikonologische Deutung – verdeutlicht, dass die differenzierte Betrachtung von Form, Motiv und Kontext unverzichtbar ist, um Kunst in ihrer ganzen Tiefe zu verstehen.

Gleichzeitig zeigt es, dass die Ikonologie bei Werken, die konventionelle Sujets überspringen, an ihre Grenzen stößt, was die Notwendigkeit einer flexiblen methodischen Herangehensweise unterstreicht. Zudem ist es schwierig einzuordnen, inwieweit eine Objektivität beim Anwenden von Panofskys Methode überhaupt bestehen kann. Beim interpretativen Arbeiten bleibt stets ein Anteil persönlicher Perspektive bestehen, der beeinflusst, welche Literatur und Dokumente herangezogen werden, um das eigene „Bild vom Bild“ zu stützen. Um die Bildanalyse zu vertiefen, ist es daher sinnvoll, weitere kunsthistorische Methoden ergänzend einzubeziehen.


Quellen:

  • Brassat, Wolfgang/Kohle, Hubertus: „Der geistesgeschichtlich-ikonologische Ansatz“, in: Methoden Reader Kunstgeschichte. Texte zur Methodik und Geschichte der Kunstwissenschaft, Köln: Deubner Verlag für Kunst, Theorie und Praxis, 2003
  • Panofsky, Erwin: „Ikonographie und Ikonologie. Eine Einführung in die Kunst der Renaissance“, in: Sinn und Deutung in der bildenden Kunst (Aus d. Engl. von Wilhelm Höck), Köln: DuMont, 1975

Copyright Artikelbild: IMAGO / UIG

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Reisen

Elefantenberg Haiphong: „Du bist in Gefahr!“

Da stand ich nun. Mitten auf der Straße. Mein Fahrer war längst über alle Berge, und die Berge, die ich sehen wollte waren nicht ansatzweise in Sicht. Was also tun? Ich folgte der Adresse zum Elefantenberg, die ich bisweilen herausrecherchiert hatte und begab mich auf einen schmalen Pfad, der mich zum ersehnten Ziel führen sollte.

Es war eine unvergessliche Naturszene. Ich wanderte quer über ein gigantisches Feld, sah eine weiße Entenfamilie dort grasen, sah, wie die trockene Erde in tiefe Risse zerteilt war. Sah das grünste Gras, das ich wahrscheinlich je gesehen hatte und kam am anderen Ufer des Flusses an, an dem ich zuvor schon stand.

Da war er nun: der Elefantenberg

Dann kapierte ich endlich, wo der Elefantenberg war. Er türmte sich direkt vor mir auf. Seine Schönheit machte mich ganz benommen. Ich ging über den Feldweg, der von kleinen Blümchen und hohen Halmen gesäumt war, direkt auf ihn zu. Die Sonne leuchtete schon neon-rot am Horizont. Kam ich näher, so verschwand sie hinter dem Berg. Machte ich ein paar Schritte zurück, so tauchte die Feuerkugel über mir wieder auf. Ich beschloss weiterzugehen. Von Weitem sah ich bereits, dass ich diesen Berg heute wohl eher nicht besteigen würde, da meine Lebensmüdigkeit sich in Grenzen hält, aber ich wollte wenigstens noch etwas näher ran.

Elefantenberg in Haiphong, Vietnam

Wenig später blieb ich stehen. Irgend etwas in mir wollte nicht weitergehen. Ein paar hundert Meter von mir entfernt sah ich eine mutmaßliche Fabrik. Sie grenzte mehr oder minder an meinem Elefantenberg und ich müsste das Fabrikgelände betreten, um zum eigentlichen Ziel zu gelangen. Das jedoch fühlte sich für mich zu verrückt an, zumal auf dem Fabrikgelände Objekte herumlagen, die ich von Weitem als riesige Gaskartuschen identifiziert hatte. Und vor Fabriken, Kraftwerken und vielen weiteren zeitgenössischen Industriebauten fürchte ich mich auf eine ganz merkwürdige Art und Weise, wie ihr bereits wisst, da ihr meine persönlichen Quellen der Inspiration gelesen habt.

Auch der Rückweg war ereignisreich

Ich ging zurück, setzte mich auf eine aus der Erde ragende Wurzel und sah der Sonne bei ihrem Untergang zu. Hinter mir fuhr ein leises Frachtschiff vor sich hin – der Abend war perfekt. Dann, als die Dämmerung sich bereits andeutete, begab ich mich auf den Rückweg. Wahrscheinlich nahm ich die Straße, über die ich bereits zuvor mit dem Fahrer fuhr, so genau weiß ich es aber nicht. Am Straßenrand verkaufte eine Frau Gurken aus Eigenanbau und zeigte darauf, als ich an ihr vorüberging. Ich kaufte. Sie waren köstlich. Sie waren so gut, ich war empört darüber, nicht mehr gekauft zu haben.

Dann ging ich wieder eine dicht befahrene Straße entlang. In einem meiner anderen Artikel hab ich euch bereits davon erzählt, dass Vietnam – zumindest die Teile Hanois und Haiphongs die ich kennengelernt habe – nicht wirklich auf Fußgänger zugeschnitten sind. Man bewegt sich dort auf Rollern, Mopeds und Motorrädern fort. Für die gegebenen Verhältnisse sind das die wahrscheinlich sichersten Fahrzeuge. Zumindest, wenn man mit ihnen aufgewachsen ist und sich wie die Einheimischen in einer unübersichtlichen Verkehrssituation orientieren muss.

Gefährliche Gegend: Ich fahre mit einer Unbekannten

Lange ging ich nicht. Vorbei am riesigen Gelände meiner mutmaßlichen Fabrik, vorbei an Wohnhäusern am Straßenrand entlang. Auf der anderen Straßenseite hielt ein Mädchen. Sie schaute zu mir und deutete auf den Rücksitz ihres Rollers. Ich lehnte dankend, mit Hand am Herz und kleiner Kopfverbeugung ab. Sie fuhr davon. Wenig später fuhr sie mir schon von der anderen Straßenseite entgegen und hielt an. Sie zeigte mir ihr Handy auf dem mithilfe von einer Übersetzer-App geschrieben stand: „Komm mit mir. Du bist in Gefahr. Diese Gegend ist nicht sicher.“ Was aber genau gefährlich war, verstand ich nicht. Der zügellose Verkehr? Die Kriminalitätsrate dieser Gegend? Die Dämmerung? Ich werde es wohl nie erfahren. Wir fuhren los. Ich ohne Helm, sie mit einer Hand am Handy – es war ne schöne Fahrt.

Die nächtliche Wärme umarmte meine unbedeckte Haut an den Beinen, der warme Wind blies, zusammen mit den Abgasen anderer Mopeds und Busse, sanft in mein Gesicht. Wilder Verkehr, leuchtende Reklamen – wusch, wusch, wusch – eine nach der anderen. Das Mädchen sprach in ihr Handy und zeigte es mir erneut. Sie fragte, wo ich hin will. „Eat“, sagte ich, sie nickte. Sie schlug mir sogar vor, mich bis in mein Hotel zu fahren, aber ich überredete sie, es nicht zu tun. Es wäre viel zu weit gewesen und ich wollte vorher noch etwas Schönes in diesem neu entdeckten Stadtteil Haiphongs futtern.

Abenteuer endet: ich suche mir etwas zu Essen

Einige Zeit später setzte mich an einem belebten Kreisel ab und ich drückte ihr 200K in die Hand. Mit großen Augen sah sie mich an: „No.“ Und ich: „Yes“. Dann faltete ich meine Hände vor der Brust und legte anschließend beide Hände aufs Herz. „Cảm ơn“ (danke), sagte ich, worauf sie mit einem akzeptierenden Lächeln ihren Kopf schüttelte und winkend wieder davonfuhr.

„Was stelle ich jetzt an?“, war der erste Gedanke, der mir in meiner neu gewonnenen Einsamkeit kam. Viel war es dann aber doch nicht. Ich ging Suppe essen, dann vietnamesischen Eistee trinken und dann ließ ich mir ein Taxi zurück ins Hotel bestellen. Als ich hinten drin saß, reichten meine Mundwinkel mir fast bis zu den Ohren. Wieder zog die Leuchtreklame mit einem wusch-wusch-wusch an mir vorbei, wieder fuhren die anderen Verkehrsteilnehmer viel zu dicht an das Taxi heran. Hupen, Brummen, Menschen am Straßenrand, die rituell Papier und Falschgeld verbrennen und dabei meditativ in die Flammen und den an ihnen vorbeiziehenden Verkehr hineinblicken. Ich liebe dich, Vietnam!

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Reisen

Elefantenberg Haiphong: Werde ich jemals ankommen?

Der Elefantenberg in Haiphong zog mich magnetisch an. Also ging ich los. Mein Navi berechnete mir einen Fußmarsch von etwa drei Stunden. Die Sonne schien warm auf die vietnamesische Erde hernieder und ich verließ langsam die staubige Straße, die mich von meinem Hotel fast überall hin führte. Dann ging ich durch ein Dorf, das am helllichten Tage zu schlafen schien. Schmale Häuschen, meditierende Obstverkäufer, ein buddhistischer Friedhof. In der Ferne ein Feuerwerk. Was gefeiert wurde, weiß ich nicht. Hochzeit? Geburtstag? Ich malte es mir aus.

Vietnam: Ich lande in einem Sumpfgebiet

Als ich weiterging, landete ich mitten in einem Sumpfgebiet. Ob das wirklich ein Sumpf war, wage ich natürlich zu hinterfragen, aber für mich sah es ganz danach aus, als würden die vielen ledrigen Blätter und Pflanzen auf einer Wasseroberfläche ruhen. Es war ein schöner Anblick und ich blieb stehen, um ihn länger auszukosten. Mitten im Grün ein kleines Schild aus Holz. Doch da der Fotoübersetzer mir wieder Mal Unsinn lieferte, werde ich wohl kaum erfahren, was da drauf steht.

Haiphong Vietnam

Nur wenige Schritte weiter lag ein Fluss. Er erinnerte mich so wahnsinnig an das Heimatdorf meines Vaters. Es waren die gleichen naturbelassenen Gehwege – von tausend Füßen zerstampft. Es waren die gleichen Fischer am Ufer, nur eben nicht die gleichen. Frachtschiffe, Steine, Stille. Sonne, Staub und Schmetterlinge. Was anders war, waren all die Bäume und Pflanzen rings rum. Ich weiß nicht, wie ich sie beschreiben soll, wer aber einen Blick drauf würfe, würde sie mit Sicherheit als „asiatisch“ bezeichnen. Vorausgesetzt er ist ebenso botanisch unterbelichtet, wie ich es bin.

Haiphong: Muss das Abenteuer enden?

Ich ging und ging. Der Fluss glitzerte mir entgegen, während die Bewohner der Häuser entlang des Ufers mir zuwinkten – manche sogar mit Palmenblättern aus ihren Gärten. Hin und wieder riefen sie etwas in meine Richtung, was ich jedoch nicht verstand. Dann endete die Idylle.

Mein Navi wollte mich über eine Autobahnbrücke führen. Und wer Vietnam auch nur ein bisschen kennt, weiß, dass viele Orte sowieso nicht für Fußgänger geeignet sind. Diese dicht befahrene Brücke war aber in Sachen Lebensgefahr sogar für mich zu viel, obschon ich mich sehr gerne auf adrenalinerfüllte Erfahrungen einlasse.

Doch so ein hohes Level an Verrücktheit konnte ich in dieser Lebenssituation nicht aufbringen. Kurz schoss mir durch den Kopf, dass mein Abenteuer hier sein Ende nehmen könnte. Doch ich wollte es wissen. Deshalb versuchte ich den gefährlichen Weg nach dem Gefühl meines inneren Kompass zu umgehen. Ich ging und ging – meine Füße schmerzten. Immerhin hatte ich einen bösen Glassplitter in der linken Fußsohle. Dann kam ich in einem Arbeitergebiet an, wie es schien.

Sackgasse: Wo bin ich denn hier wieder gelandet?

Dort sah ich junge Frauen in kleinen Häuschen, die hektisch, aber eingeübt etwas auf ihren Nähmaschinen nähten. Ich fragte mich, ob es das war, was ich dachte, was es war. Aber für einen Sweatshop kam mir das ganze viel zu privat vor. Ich weiß nicht, was ich da gesehen habe. Als ich weiterging, kam ich an einem Tor an. Personenkontrolle. Ich blickte auf mein Handynavi – auf den uniformierten Wärter – auf mein Handynavi – auf die Leute, die die Kontrolle passieren und wieder auf den uniformierten Wärter. 

Dann zeigte ich in die Richtung, in die ich wollte und blickte ihn fragend an. Er lehnte ab und zeigte auf seine Hose. Sie war lang. Ok. Meine war kurz. Ich werde wohl nie erfahren, ob er mich wegen meiner kurzen Hose nicht rein ließ, ob er mich als dumme Hose bezeichnete, oder ob er mich lediglich darauf aufmerksam machte, dass ich versuche, mir Zugang auf das Gelände einer Hosenfabrik zu verschaffen.

Was nun?

Umkehren. Jetzt schon war ich müde und hungrig, obwohl ich noch gute 1h 40 Fußmarsch vor mir hatte. Es schien, als wäre der einzige Weg auf die andere Seite des Flusses die dicht befahrene Autobahnbrücke. Einige planlose Schritte weiter stand ich mal wieder mitten in der Pampa. Langsam sah ich ein, dass ich ein Taxi brauchte. Wo um alles in der Welt sollte ich jetzt nur eines herkriegen?

Ich suchte ein Restaurant, um meine Gedanken zu ordnen. Ich fand keins. Nur Karaoke-Bars, in denen gerade aus ganzem Herzen vietnamesische Lieder gesungen wurden. Ruhige Wohngebiete, grasende Kühe und Ziegen – kein Mensch weit und breit. Ich atmete tief durch. Dann fand ich einen Kiosk und holte mir Wasser und einen kleinen Snack. Die Besitzerin war, wie praktisch alle Menschen in Vietnam, herzlich nett und holte ihre Kinder, um mich ihnen zu zeigen. Die Kinder blickten mich mit großen Augen an und sagten mir, ich sei „beautiful“.

Allein in Haiphong: Ein schwarzer Wagen hält vor mir

Ich schlenderte weiter planlos durch die Straßen, bis mir ein schwarzer Wagen in Hochglanz den Weg kreuzte und staubaufwirbelnd abbremste. Der etwa 45-jährige Fahrer mit einem gepflegten, schmalen Schnauzbart stieg aus und forderte mich wohl dazu auf, hinten einzusteigen. Ich fragte: „Taxi?“ Er nickte. Ich hakte skeptisch nach: „Ja?“ Er nickte. So, wie ich bislang nur Asiaten habe nicken sehen. Mit meinem ach-was-solls-Gedanken stieg ich ein und zeigte ihm meine Zieladresse. Zu meinem Glück, oder vielmehr Staunen, holte er den Taxometer raus. Er hatte nicht gelogen.

All zu lange fuhren wir nicht. Der Weg war schön – ein sehr ländlicher Teil von Haiphong. Als wir mitten auf einer abgelegenen, jedoch befahrenen Straße anhielten, stellte ich fest, dass Trip Advisor mich erneut hintergangen hatte. Zwar existierte dieser Ort grob gesehen, die Bilder dazu, sowie auch die angegebene Adresse passten aber nicht. Schhhh…weinerei. Ich bezahlte und ging zu Fuß weiter. So ging’s weiter.

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Erich Maria Remarque: Dieses Buch verändert dich

Allen, die ich liebe, empfehle ich immer ein und dasselbe Buch: „Der schwarze Obelisk“ von Erich Maria Remarque. Dieser Ausnahmeautor gehört zu meinen absoluten Lieblingen im deutschsprachigen Raum. Schwierige Sachverhalte erklärt er einfach und mit Leichtigkeit. Seine Gabe, fesselnd, emotional und poetisch zu schreiben sowie den Zeitgeist seiner Lebensjahre wiederzugeben entführt mich jedes Mal aufs Neue in eine unbekannte Welt, die ich, trotz Themen wie Tod, Nationalsozialismus und Krieg, nicht verlassen will. Ich kann seine Bücher während eines Tages runterbingen und dabei die Welt um mich herum vergessen. Es ist erstaunlich, dass er beim deutschen Publikum derart unterschätzt wird.

Ein schwarzer Obelisk zur Veranschaulichung (Symbolbild). Hierbei handelt es sich um die Grabstätte des virtuosen Komponisten und Pianisten Frédéric Chopin. Copyright: IMAGO / Depositphotos

„Der Schwarze Obelisk“

Remarque veröffentlichte seinen Zwischenkriegs-Roman „Der schwarze Obelisk“ im Jahr 1956. Darin schildert er das Leben der Überlebenden des Ersten Weltkriegs und deren Schwierigkeiten, nach ihren Kriegserfahrungen ein „normales“ Leben aufzubauen. Die Handlung spielt vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise und der galoppierenden Inflation in Deutschland.

Der Roman ist eine thematische Fortsetzung von Remarques Werken „Im Westen nichts Neues“ und „Der Weg zurück“. Die Vorarbeiten zu „Der schwarze Obelisk“ leistete der Autor bereits in den 1920er- und 1930er-Jahren, parallel zu seiner Arbeit an „Drei Kameraden“. Wer diese Bücher direkt nacheinander liest, bemerkt den einen oder anderen Charakter aus einer neuen Perspektive – Gänsehaut, Leute.

Darum geht es in Remarques Roman

Die Geschichte wird aus der Perspektive des Ich-Erzählers Ludwig Bodmer erzählt und spielt im Jahr 1923 in der fiktiven Stadt Werdenbrück. Ludwig arbeitet als Grabsteinverkäufer und spielt gelegentlich Orgel im örtlichen Irrenhaus. Dort trifft er oft auf Geneviève Terhoven, die unter einer Persönlichkeitsstörung leidet. Ludwig empfindet eine mehr oder minder platonische Liebe für sie und philosophiert mit ihr.

Den Beruf des Grabsteinverkäufers führt Ludwig mit einer gehörigen Portion Sarkasmus aus – eine Haltung, die er sich während des Krieges angeeignet hat. Seinen Humor verpackt Erich Maria Remarque in seine Figuren teils trocken, teils schwarz, aber immer hochintellektuell und pointiert.

Der Erste Weltkrieg hat tiefe Spuren bei den Charakteren hinterlassen. Sie sprechen häufig über ihre Erlebnisse, die wir als Leser auch gut historisch verordnen können. Gemeinsam mit seinem Chef Georg Kroll führt Ludwig das Geschäft, das durch die Inflation immer schwieriger wird, obwohl uns während des gesamten Romans immer vor Augen geführt wird, dass Menschen fortwährend sterben müssen. Doch die aufeinanderfolgenden Krisen beeinflussen sogar dieses lukrative Geschäft, um nun bei der zynischen Ausdrucksweise der Protagonisten zu bleiben.

Erich Maria Remarques Umgang mit Frauen

Remarque reflektiert in seinem Werk auch die Überlebensstrategien der Menschen in dieser Zeit. Frauen suchen sich reiche Männer zum Heiraten, was zu Verwirrung und Eifersucht bei Ludwig führt, als er seine große Liebe an einen wohlhabenden Mann verliert. Wie in jedem seiner Romane zeigt er auch hier seine wunderbare Gabe, Frauen als mystische, intellektuelle und vielschichtige Wesen darzustellen. Ich spürte in jedem Wort, das er dazu nutzt, um Frauen zu beschreiben, wie sehr er sie liebt, respektiert und bewundert. Es ist zutiefst berührend.

Ein bedeutender Aspekt des Romans ist der aufkommende Nationalsozialismus, dargestellt durch einen Kriegerverein, der sich zunehmend nach rechts ausrichtet.

Gegen Ende des Buches tritt Ludwig eine Stelle bei einer Zeitung an und wird in Roggenmark bezahlt – einer Währung, die aufgrund der Hyperinflation diskutiert wurde.

Das letzte Kapitel bietet einen Einblick ins Jahr 1955 auf das weitere Schicksal der Figuren. Was mit den meisten Freunden Ludwigs während des zweiten Weltkrieges passiert ist, werdet ihr selbst herausfinden müssen.

Symbolik: Schwarzer Obelisk

Das zentrale Symbol des Romans ist ein schwarzer Obelisk aus Mikrogabbro, bekannt unter dem Kürzel „SS“. Dieser Grabstein wird einerseits als Warnung vor drohender Aufrüstung interpretiert, andererseits als Symbol bürgerlichen Herrschaftsanspruchs gesehen. Der Verkauf des Steins an eine Bordellbesitzerin verdeutlicht den Verfall bürgerlicher Werte. Das aber habe ich erst jetzt während meiner Recherche herausgefunden. Mind=blown.

Hier findest du ein Mini-Detail zum Mikrogabbro

Fälschlicherweise wurde dieser Naturstein wegen seiner Härte als Granit bezeichnet und in Deutschland als Schwarz-Schwedisch bekannt und mit „SS“ abgekürzt.

Der Protagonist Ludwig Bodmer weist viele autobiografische Züge von Remarque selbst auf. Beide waren nach dem Ersten Weltkrieg kurzzeitig Volksschullehrer, verkauften Grabsteine und spielten Orgel im Irrenhaus. Werdenbrück entspricht weitgehend Remarques Heimatstadt Osnabrück.

Erich Maria Remarques Schlüsselroman

„Der schwarze Obelisk“ wird oft als Schlüsselroman gelesen. Viele Figuren basieren auf realen Personen aus Osnabrück. Remarque verwendet diese historischen Anspielungen, um die Wurzeln des Nationalsozialismus im Kleinbürgertum seiner Heimatstadt offenzulegen.

Wenn ich du wäre, würde ich zunächst andere Werke Remarques lesen, falls nicht ohnehin schon passiert. Die perfekte Reihenfolge für mich war: Zeit zu leben und Zeit zu sterben – Arc de Triomphe – Im Westen nichts Neues (für alle die Bock auf Depressionen haben) – Die drei Kameraden und zu guter Letzt Der schwarze Obelisk, den ich immer und immer wieder lesen würde.


Beitragsbild Quelle: IMAGO / Bridgeman Images

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