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Tag 1 in Porto: Das habe ich unternommen

Als ich in einem kleinen Zimmer in Porto aufwachte, wusste ich noch nicht, was mich an diesem Tag erwarten würde. Es regnete ziemlich heftig und ich ließ das Fahrrad stehen. Porto liegt auf einem ziemlich steilen Hügel und mit einem Fahrrad, dessen Bremsen nicht das Gelbe vom Ei sind, wollte ich diesen nicht erkunden. Also ging ich zu Fuß los. Was mir gleich auffiel, war diese entzückende Architektur: Kleine, rechteckige Häuser – bedeckt mit bunten Fliesen in allen möglichen Mustern und Farben. Ein wirklich schöner Ausflug für das Auge.

Eine Häuserreihe in einem steilen Gässchen der portugiesischen Stadt Porto. Bunte Vielfalt, Kopfsteinpflaster und parkende Autos.
Eine kleine Gasse in Porto. Hier sieht man schön, wie steil die Straßen dieser Stadt sind – und auch, wie lebendig die Architektur der kleinen Häuser ist.

Mein erster Tag in Porto verlief planlos

Planlos ging ich durch die Straßen, um das Leben der Portugiesen in Porto aufzufangen. Natürlich ist es anders, als in A Ver-o-Mar, wo ich die Tage zuvor verbracht hatte. Es läuft schneller, ist energischer und bunter. Ich sah viele schöne Menschen, kreative Geschäfte und diese freundlich lockende Kulisse des bunten Meeres aus Fliesenfassaden und roten Dächern. Ich ging in eine Gasse und landete plötzlich auf einem kleinen Aussichtspunkt neben der Igreja da Misericórdia. Ich sah über die gesamte Stadt bis nach Vila Nova de Gaia, während im Hintergrund der Regen rauschte und die Möwen ihre frechen Zwischenrufe absonderten. In diesem Moment wusste ich, dass der „ewig lange“ Weg von A Ver-o-Mar sich in jedem Sinne gelohnt hatte.

Blick über die portugiesische Stadt Porto. Zu sehen sind bunte Häuser, Kirchen, Kathedralen und Co.
Als ich die architektonische Pracht Portos erblickte, war ich kurz sprach- und atemlos. Man beachte nur die Harmonie, Ausgeglichenheit und den Farbreichtum der einzelnen Häuser.

Gefrühstückt hatte ich mitten in der Fußgängerzone. Wahllos ging ich in ein kleines Café und landete einen Volltreffer. Da Fußgängerzone, waren meine Erwartungen aufs Minimalste heruntergeschraubt. Um so mehr wusste ich den guten Kaffee, den ich dort bekam und das köstliche Pastel de Nata (oder Pastel de Belém) zu schätzen. Bestens gelaunt ging es weiter durch die Straßen von Porto.

Portugal: Diese Kirchen habe ich in Porto entdeckt

Wenn ich eine schöne Kirche sehe – dann gehe ich rein. Ich hatte bereits als Kind eine ausgeprägte Affinität für Gotteshäuser, ohne dabei besonders gläubig aufgewachsen zu sein. Klar, liebte ich es damals, mit meiner Mutter in Sochi in eine Kirche zu gehen, um Kerzen aufzustellen, russisch-orthodoxe Ikonen zu begutachten und den engelsgleichen Stimmen der Kirchensänger zu lauschen. Doch die Kunstgeschichte und die Auseinandersetzung mit den Besonderheiten von Kirchenbauten sowie auch Bibelinhalten hob dieses Interesse auf ein ganz anderes Level.

Also fand ich auch in Porto zwei Kirchen, die mich schwer beeindruckt hatten. Die erste fiel mir durch ihre beachtliche Größe und massive Architektur ins Auge – zumindest im Vergleich zu den zierlichen, farbenfrohen Häuschen, die sie umgaben. Es handelt sich hierbei um die barocke Igreja dos Clérigos mit dem zugehörigen Torre dos Clérigos. Das Innenleben ist an Detailreichtum kaum zu überbieten. Die güldene Orgel, rosafarbenen Säulen und die zart ausgearbeiteten Figuren aus Marmor verleihen der Kirche ihre Einzigartigkeit und geben einen schönen Einblick in den Glauben der Portugiesen im 18. Jahrhundert. Für 8 Euro kannst du das kleine aber feine Kirchenmuseum besuchen und auch den Turm hochwanden, von dem du die Stadt im Panorama-Modus sehen kannst. Hier geht’s zu den besten Aussichtspunkten in Porto.

Innenleben der Kirche Igreja dos Clérigos in Porto, Portugal. Auf dem Bild ist der Altar zu sehen, sowie auch  die charakteristischen barocken Säulen und Goldelemente.
Eine kleine Impression aus der Igreja dos Clérigos. Die barocke Pracht beeindruckt mit ihrer symmetrischen Meisterarbeit. Für mich war der portugiesische Charakter hier deutlich spürbar

Gold im Übermaß: In diese Kirche ging ich als nächstes

Die zweite Kirche zog mich mit ihrer mystischen Dunkelheit und der Menge an Gold in ihren Bann. Ich liebe diesen „Gold-in-die-Fresse-Effekt“. Diesen konnte ich hier gut auskosten, denn die Rokoko-Kirche Igreja Do Carmo hat genug davon. Wie mir ein junger Mann, der dort arbeitete, verriet, handelt es sich bei der inneren Gestaltung um Holzarbeiten, die zunächst rot und dann gold gefärbt worden waren. Die wunderbaren Spiralsäulen sollen dabei eine Hommage an die Vatikankirche sein. 

Die Rokoko-Kirche Igreja Do Carmo von innen. Dem Betrachter fällt gleich das viele Gold und die kleinen Detailarbeiten auf. Zwei Besucher haben sich auf die Bänke platziert und fotografieren die sakralen Künste.
Klein, aber fein: Die Igreja Do Carmo von innen. Hier fiel mir auf, dass in den meisten portugiesischen Kirchen, die ich besuchte, im Hintergrund der Gesang eines Kirchenchors läuft.

In der Igreja Do Carmo in Porto finden Besucher auch etwas, das nicht so ganz zum Rest der Kirche passt. Neben der filigran ausgearbeiteten Marmor-Figuren stehen hie und da auch Holzfiguren, die durch den entstehenden Stilbruch etwas vom Rest der Kirche herausragen. Laut dem jungen Mann soll es sich dabei um Holzfiguren aus dem 19. Jahrhundert handeln. Diese sollen dort irgend wann installiert worden sein und später ihre bunten Gewänder bekommen haben. Seinem Gesicht konnte ich entnehmen, dass er diese ebenso ästhetisch fand, wie ich. 

Hier habe ich in Porto gegessen

Zu Mittag aß ich in einem authentischen Restaurant – „Solar Minho de Vento“. Es gab frisch gefangene Sardinen als Vorspeise und Kabeljau als Hauptgang. Sehr klarer Geschmack, tolle Oliven und aromatisches Gemüse. Hier verstand ich, dass ich rote Paprika doch nicht so hasse, wie bisher vermutet. Zufrieden schlenderte ich weiter durch die Straßen in die Richtung des Museu Nacional de Soares dos Reis

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Reisen

Die Straßenkinder von Manila

In Manila hat bereits vor einigen Stunden die Dämmerung eingesetzt. Ich laufe wie immer relativ planlos durch die Straßen und werde von den bunten Lichtern vorbeifahrender Jeepneys geblendet. Lärm, Staub und kein fühlbares Anzeichen für Gefahr. Das entspannt mich in der Tiefe und ich befinde mich in meiner euphorischen Phase, in der ich die Stadt mit allen Sinnen einatme und eins mit ihr werde. Manches hier erinnert mich sogar an Vietnam. Das fast kindliche Interesse der Einheimischen, die kleinen schmalen Häuschen und natürlich diese warme Luftfeuchtigkeit, die mir das Gefühl gibt, mit ihr bereits in einem längst vergangenen Leben vereint gewesen zu sein.

Langsam fühle ich, dass ich Hunger habe. So richtig ans Essen habe ich mich hier noch nicht getraut. Immerhin ist das mein erster Abend auf den Philippinen und ich tu mich grundsätzlich schwer damit, Neues zu probieren. Bis mein Bus in Richtung Baler kommt, werden noch fünf Stunden vergehen. Also lasse ich mich von meiner Intuition treiben und laufe durch die nächtliche Menschenmenge. Dann gehe ich in eine Essbude, die sauber aussieht. Hier servieren sie Longsilog. Ein Frühstück, dass man sich hier zu jeder Tageszeit und beinahe überall holen kann: Knoblauchreis, zwei Spiegeleier, Würstchen, Ketchup. Handy laden verboten. In meiner Unsicherheit, ob mir der Akku bis zum Busbahnhof reichen würde, scrolle ich nervös durch Tiktok. Bis ich mich von zwei großen Augen beobachtet fühle.

Philippinos: Das schönste Lächeln der Welt

Ich setze von meinem Handy ab und erblicke ein zartes kleines Mädchen, das neben meinem Tisch steht und mich aus vollem Herzen anlächelt. Die Menschen auf den Philippinen haben das schönste Lächeln der Welt. Ich kann euch nicht sagen, warum. Und es liegt nicht zwingend daran, dass die aller meisten von ihnen einfach schneewüstenweiße Zähne haben. Es ist mehr als das. Sie lächeln dir direkt in die Seele und du kannst gar nicht anders, als es ebenfalls zu tun.

Das kleine Mädchen, nicht älter als sechs, redet mit mir in ihrer Sprache, mischt aber ein paar englische Wörter dazu. Sie sagt „money“ und deutet auf ihren Mund. Das Kind hat Hunger. Ohne Zögern schütte ich ihr alles, was sich in meinem Portemonnaie befindet, in die ausgestreckten Hände. Sie bedankt sich, zieht von dannen. Dann bleibt sie vor der Essbude stehen, dreht sich noch mal um und schenkt mir das süßeste Lächeln, das ich auf dieser Reise sehen würde.

Habe ich ein Kind in Schwierigkeiten gebracht?

Wieder voller Fokus auf Tiktok. Ich schneide mein erstes Manila-Video und schlürfe den köstlichen Kalamansi-Juice, den mir die freundliche junge Frau hinter der Theke empfohlen hatte. Dann höre ich einen Schrei. Ich springe auf. Es ist das kleine Mädchen. Ich sehe, wie ein Junge sie gegen den Baum drückt. Er hat sogar Verstärkung mitgebracht. Sie schreit erneut auf, lacht aber diesmal. Ich bin maximal verwirrt. Gemischte Signale kann ich überhaupt nicht deuten, habe aber stark das Gefühl, dass ich erst mal nicht dazwischengehen sollte. Dennoch halte ich mich bereit und bin mit den Augen und den Gedanken beim Baum da draußen. Er fordert von ihr das Geld, das ich ihr eben gab und versucht ihr in die Hosentasche zu greifen. Sie jedoch kann sich verteidigen und macht sich schnell aus dem Staub.

Mir wird richtig schwarz vor Augen. Was hab ich getan? Hat meine impulsive Fürsorge das Mädchen in Schwierigkeiten gebracht? Irgendwie will ich weinen, muss mich aber ordnen und wenigstens etwas aus der Situation lernen. Ich sitze also da und starre in die Leere. Es vergeht einige Zeit. Dann stehe ich auf und gehe.

Ein kurzer Spaziergang durch das nächtliche Manila

Wieder laufe ich durch die Straßen, durch die Menge. Ich komme an einem Gemüse- und Fischmarkt an. Manche Jungs dort wollen mit mir Selfies machen. Unter einer Bedingung mache ich mit: Im Gegenzug kriege ich auch ein Selfie mit ihnen. Sie sind einverstanden und strahlen freundlich in meine Frontkamera. Ich kaufe mir eine richtig verrückte rote Sonnenbrille am Straßenrand, weil ich meine verloren habe.

Ich scheine das rege Treiben zu verlassen und mein Bauchgefühl sagt mir: Lauf da nicht weiter rein ins Dunkle. Ich höre darauf und biege ab. Wieder Menschenmengen. Die einen warten auf ihren Jeepney, die anderen sitzen gelangweilt hinter ihren üppig dekorierten Obstständen, die dritten drängen sich aneinander vorbei und bleiben mit einem Grinsen stehen, wenn sie mein osteuropäisches Gesicht entdecken, das nicht so ganz zum sonnengeküssten Rest zu passen scheint. Mein Rucksack ist scheiße schwer, ich bin müde und will einfach nur noch ein Nickerchen im Bus machen.

Neue Begegnung mit Straßenkind: Geht meine neue Strategie auf?

In Gedanken versunken spüre ich warme feuchte Händchen an meinem Arm. Diesmal steht ein Junge im Vorschulalter vor mir und schaut zu mir herauf. So ein süßer Bengel. Aber es hat die Augenbrauen zusammengezogen und gibt mir den bösen Blick, obwohl die Händchen sich ganz sanft an mir festhalten. „Give me money!“, fordert er. Ich aber meine, aus meinem vorherigen Fehler gelernt zu haben. Und sage: „I can buy you food. What would you like to eat?“ Er lässt von meinem Arm ab und versucht in die Tasche zu greifen, die ich außer dem blöden Rucksack mit mir rumschleppe. Eigentlich ist er gar nicht blöd, ich hatte ihn bei jedem Städtetrip quer durch Europa dabei, deshalb hänge ich auch so sehr an ihm. Aber ich lenke ab.

Ich ziehe vorsichtig seine Hand aus meiner Tasche und sage streng: „Nooo“, und schüttle langsam meinen Kopf. Bevor ich wiederholen kann, dass ich gewillt bin, ihm etwas zu Essen zu kaufen, haut er ab und ruft mir, als würde er mich ein wenig beleidigen wollen, „American […]“ zu. Ich habe das zweite Wort akustisch nicht verstanden, war aber überrascht, dass ich für ihn wie eine Amerikanerin aussah. Ich lief weiter, gähnte zwischendurch und entschied, dass das meine neue Strategie werden würde, wenn die Kinder von Manila wieder Geld von mir fordern sollten. Ob es aber eine richtige ist, weiß ich jedoch bis heute nicht.

Schau hier auch vorbei: Das ist ein Eindruck, den ich in Baler hatte, der mir die Augen öffnete.


  • NEU: Alle meine Reiseabenteuer gibt es seit neuesten Ereignissen auch als im Videoformat auf Tiktok.
  • Alle Bilder unterliegen dem Copyright von avecMadlen.com
  • Das Titelbild stellt keine Straßenkinder dar und dient lediglich als Symbolbild 🙂
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Kunst & Architektur

Kandinsky hört Farben

Hörte Wassily Kandinsky Musik, während er seine Genialität auf die Leinwand brachte? Das werden wir womöglich nie erfahren. Was wir jedoch mit Sicherheit sagen können, ist, dass er sich von den Werken Wagners, Schoenbergs und Mussorgsky’s inspirieren ließ. Seine Erfahrungen beim Musikhören beeinflussten ihn und seine Kunst sehr stark. Klang wandelte er nämlich in Farbbewegung um und nannte seine abstrakten Bilder zudem auch „Impression“, „Improvisation“ oder „Komposition“ – Begriffe, die wir sonst nur aus der klassischen Musik kennen.

links: Improvisation 26 (Rudern), 1912
rechts: Große Studie zu einem Wandbild für Edwin R. Campbell (Sommer), 1914

Was hat es mit dem Hören von Farben auf sich?

Dieser Umwandlugsprozess ist weniger mystisch als psychologisch. In der Forschung gibt es sogar einen gesonderten Begriff dafür: Synästhesie. Also der Prozess einer automatischen Kopplungen zwischen zwei verschiedenen Reizen (etwa Chromästhesie: Klänge→Farben). Das kann zum einen an einer engen Verschaltung benachbarter Hirnareale liegen („cross-activation“), oder an einer Enthemmung bestehender Rückkopplungen („disinhibited feedback“). Zweiteres heißt so viel wie: Das Gehirn lässt Infos aus einem Sinnesbereich leichter in andere Bereiche fließen, statt sie zu stoppen. Manche Menschen haben das, manche nicht.

Mein lieber Schatz (ein Geiger) sagte mir neuerdings, er könne das. Was mich überhaupt dazu veranlasste, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Er meinte, meine Sprechstimme würde gülden klingen. Wenn ich lustig gelaunt sei, eher zitronengelb. Wenn ich sowas schon höre, erlebe ich natürlich den Höhenflug des Jahrtausends. Das muss ich hier an der Stelle ganz offen zugeben.

Natürlich ist nicht jeder so gebaut wie dieser Musiker. Aber die aller meisten von uns werden unterscheiden können was mit „warme Farbe“ oder „kühler Ton“ gemeint ist. Was ein warmer Klang ist und was etwa ein metallisches, kaltes Geräusch ist. Und das obwohl Temperaturen weder gesehen noch gehört werden können. Höchstens ihre Auswirkungen. Ihr wisst schon, worauf ich hinaus will.

Entwurf 2 zu Komposition VII, 1913

Wassily Kandinsky: Synästhesie oder doch nur Strategie

„Farbe ist die Taste, das Auge der Hammer, die Seele das Klavier mit vielen Saiten“, schrieb Kandinsky in „Über das Geistige in der Kunst“ (1911). Vor allem in der abstrakten Phase seiner Kunst lebt er dieses Prinzip und spielt mit der Leuchtkraft und Kombination seiner Farben, die beim Betrachter eine tiefe Emotionalität hervorrufen können. Ich für meinen Teil bin nach einer Kandinsky-Ausstellung sehr auf Endorphinen und erreiche ebenso einen aufgeladenen Zustand, wie nach einem guten klassischen Konzert. Aber ich bin, ihr kennt mich ja, sehr empfänglich für all sowas.

Inwieweit Kandinsky jedoch eine angeborene Synästhesie hatte oder einfach nur konsequent seine Vision der Farben und Klänge durchgedrückt hatte – darüber streitet sich die Forschung bis heute. Doch dass unser geliebter Künstler wirklich wenig Menschen kalt lässt, ist Tatsache. Unzählige Sammlungen und Ausstellungen auf der ganzen Welt, tausende Besucher, tausende Artikel und Kunstbücher, Postkarten, Drucke usw. sprechen meines Achtens ganz dafür, dass er wohl doch mit seiner Kunst in vielen von uns einen ganz bestimmten Punkt unserer Seele berührt, was sonst selten einer schafft.

rechts:  Improvisation 19, 1911
links: St. Georg III, 1911

Farbwirkung und Emotionalität

Kandinsky’s Absichten in der Malerei waren nicht nur ästhetisch geprägt, sondern spirituell-emotional. Mit seinen Farben und Formen wollte er gezielt im Betrachter ähnliche Gefühlsreaktionen auslösen wie Musik es tut. Er war überzeugt, dass Farben eine direkte „seelische Vibration“ hervorrufen können. Daher ordnete er Farben bewusst bestimmten Stimmungen und Klängen zu:

  • Blau steht bei Wassily Kandinsky für Ruhe, Spiritualität und Unendlichkeit.
  • Gelb hat eine exzentrische, hervorbrechende Wirkung und einen hohen, durchdringenden Klang.
  • Rot symbolisiert Energie, Leidenschaft und Dynamik, ist dabei jedoch eine sehr widersprüchliche Farbe in Kandinsky’s Werk. Sie kann sowohl eine warme, reife und energiegeladene Kraft als auch eine innere Unruhe und Erregung darstellen. Rot kann gleichzeitig stürmisch und aufpeitschend, aber auch bodenständig und ruhig sein, je nach Nuance und Kontext.
  • Schwarz und Weiß: repräsentieren Gegensätze wie Dunkelheit und Licht.

Außerdem nutze er bewusst musikalische Begriffe als Malstrategie. „Kompositionen“ waren bei ihm streng geplante, komplexe Werke, „Improvisationen“ hingegen spontanere, emotionale Farbklänge.


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Kunst- und Reiseimpressionen gibt’s jetzt auch im Video-Format: Hier geht’s zu meinem Tiktok-Account

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Reisen

Teneriffa: Einfach planlos durch die Gegend ziehen

Meine Reise nach Teneriffa schenkte ich mir zu meinem 30sten Geburtstag (21. April – safe the Date). Über dieses Geschenk habe ich mich sehr gefreut. Danke Madlen, dass du immer so großzügig bist. Du schlägst mir echt gar nichts aus (an dieser Stelle versuche ich witzig zu sein). Einen Plan hatte ich nicht, was ich an jenem besonderen Tag machen wollte. Bock hatte ich aber auf eine hübsche Geburtstagstorte mit 30 brennenden Kerzen, und darauf, in den erst besten Bus zu steigen und ihn erst dann zu verlassen, wenn mir die Aussicht besonders gut gefiele. Dies tat ich auch.

Teneriffa entdecken: Ich lasse den Zufall entscheiden

Nachdem ich alle Kerzen ausgepustet und ein Stück meiner Torte genossen hatte, stieg ich in einen zufällig gewählten Bus ein und an der Endhaltestelle aus. Dort befand mich in einem entzückenden kleinen Dorf, das aber gebietsmäßig immer noch zu Puerto de la Cruz gehört. Auch hier, wie überall auf der Kanarischen Insel, war die Natur atemberaubend. Ein gigantischer Drachenbaum hier, eine faszinierende Klippe da – ein Waldrand dort drüben. Absolut traumhaft.

Besonders liebte ich es, endlich mal ein Stück Kontrolle abzugeben. Rational veranlagte Menschen kriegen beim Lesen gerade womöglich die Krise. Ich hatte jedoch das starke Bedürfnis, den Zufall und meine Intuition entscheiden zu lassen, was mit mir passiert – und vor allem wo. Es war geil und es hat sich zu 100 Prozent gelohnt. Da ich ohne Internet auf dem Handy unterwegs war, war die ganze Reise gleich noch viel spannender.

Neue pelzige Bekanntschaft geschlossen

Nicht einen blassen Schimmer hatte ich, wo ich gleich lande, wenn ich die Nächste nach links abbiege. Ein kleiner Überraschungseffekt also. So landete ich in einer abgezäunten Gemeinschaft aus künstlerisch angelegten Gärten. Die dort arbeitenden Menschen wussten viel eher als ich, dass ich mich verirrt hatte. Dann, als ich aus diesem kleinen Paradies den Weg hinaus gefunden hatte, war ich nicht weniger ver(w)irrt. Ich passierte Häuschen über Häuschen, landete mehrmals in Sackgassen und entschied mich immer wieder dagegen, umzukehren, sondern bog in neue steile Gässchen ein.

In einer davon traf ich eine verschmuste Katze. Eine Glückskatze wieder mal. Einer meiner Journalistenfreunde sagte mal, dass die Glückskatzen immer besonders verrückt sind. Recht hatte er. Jedes Mal, wenn ich nun so eine treffe, denke ich an seine Worte. Liebe Grüße an der Stelle.
Die pelzige Kleine wollte mich gar nicht loslassen und rieb sich mit dem ganzen dicken Körper an meinen Beinen. Ich fand gefallen dran und verweilte ein wenig mit ihr. Als ich ging, geleitete sie mich mit ihren stillen Schritten bis hin zur Straße.

Wo bin ich denn da gelandet?

Die nächste Gasse, in die ich bog, führte steil abwärts. „Wenn mich der Weg nicht zu einem Strand führt, fange ich an, meinen Ausflug zu hinterfragen“, dachte ich mir. Hier sah ich zahlreiche Eingezäunte Grundstücke. Manche davon wahrscheinlich Ferienhäuser. Ich ging und ging. Ab durch einen Tunnel mit atemberaubenden Fresken – zugegeben: die Streetart hier auf Teneriffa ist einfach next Level.

Ich landete mitten auf einem Schrumepelkartoffelfeld. Und ich liebte alles daran. Weiter kam ich zu einem Wildpfad. Man überlege – ich habe diesen Pfad durch reinen Zufall, oder aber wahrscheinlich mit Gottes Hilfe, gefunden. Mir eröffnete sich eine Naturkulisse, die mir den Atem stocken ließ. Ich  traute meinen Augen kaum. Etwa 200 Meter (ich bin beschissen im Schätzen) über dem Meeresspiegel stand ich da und blickte in den Abgrund. Unter mir: Klippe, Schlucht, freier Fall, Atlantischer Ozean. Endlich fühlte ich wieder, wie es ist, glücklich zu sein.

Hier mein geliebtes Kartoffelfeld

Theatralisches Teneriffa: Klippen, Schloss und Ozean

Mitten in den Klippen stand ein verlassenes Schloss. Es sah aus, als sei es nie zu Ende gebaut worden. Und der Wildpfad führte mich panoramamäßig durch die unbeschreibliche Natur inmitten der üppig florierenden Klippen. Ich stand also da – neben mir die Möwen kreis(ch)end – und blickte auf die Schlossmauern herab; sah den Wellen dabei zu, wie sie unermüdlich gegen Felsen schlugen und ihr salziger Schaum sich darüber legte. Es war wie ein Fiebertraum. In diesem Moment dachte ich: „Mein Gott, das Leben hat doch so viel mehr zu bieten, als… [Diesen Teil habe ich bewusst rausgeschnitten.]“

Der Gedanke daran, dass das Leben auch andere Farben spielen kann, machte mich zufrieden. Damit etwas wachsen kann, muss meistens etwas anderes zuvor kaputt gehen.

Ich lasse meinen Geburtstag ausklingen

Nun denn. Als ich auf einer Aussichtsplattform ankam, hatte ich freie Sicht auf den „verbotenen Strand“, wie ich ihn getauft hatte. Von dort sah ich auch ganz genau, wie ich mich nach unten sneaken könnte. Hierfür war ein kleiner Umweg nötig, der wiederum auch atemberaubend schön war.

Am Ende des Tages trug ich dunkelroten Lippenstift auf und ging schick essen. Es gab, ihr ahnt es, Schrumpelkartoffeln! Mir dem Fang des Tages. Das war der schönste Geburtstag, den ich je hatte. Obwohl nicht der erste, den ich alleine verbrachte. Den 23sten feierte ich nämlich ebenfalls allein (aber ungewollt) und wurde zum Abend hin von der Polizei verhaftet hahaha. Aber das ist eine ganz andere Geschichte, die ich vielleicht ein andermal erzähle.


NEU: Auf meinem TikTok-Kanal kannst du alle meine Abenteuer im Videoformat erleben.

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Selbstbetrug durch kognitive Dissonanz

Heute sprechen wir über mein zurzeit geliebtes Thema: Kognitive Dissonanz. Gemeint ist damit der innere Zwiespalt, wenn sich zwei widersprüchliche Gedanken oder Gefühle gleichzeitig bemerkbar machen – ein innerer Kampf zweier Motive, der uns hin- und herreißt. Und während wir in jenem Zustand sind, stellt sich (hoffentlich) die leise Frage: „Was bin ich eigentlich für ein Mensch?“

Treten wir etwa nach außen hin überzeugt auf, während in uns Zweifel nagen, zeigt sich darin oft eine kognitive Dissonanz. Dieses unbewusste psychologische Phänomen tritt mit einem Spannungsgefühl auf. Es entsteht immer dann, wenn unser Denken, Fühlen und Handeln nicht im Einklang stehen. Doch was genau bedeutet das – und warum ist es so schwer, diese innere Spannung auszuhalten?

Kognitive Dissonanz: Ein Begriff aus der Psychologie

Den Begriff prägte der US-amerikanische Sozialpsychologe Leon Festinger im Jahr 1957. Seine Theorie besagt: Menschen streben grundsätzlich nach konsistentem Denken – also danach, dass ihre Überzeugungen, Einstellungen und Handlungen zueinander passen. Gerät dieses innere Gleichgewicht ins Wanken, empfinden wir Unbehagen.

Beispiele aus dem Alltag:

  • Eine Raucherin weiß, dass Zigaretten schädlich sind, raucht aber trotzdem.
  • Jemand will ein guter Partner sein, betrügt seine Verlobte aber mit 35 anderen Frauen.
  • Konsumenten kaufen ein überteuertes, aber prestigevolles Smartphone, das objektiv kaum mehr Funktionen bietet, und rechtfertigen dies später mit angeblichem „besserem Design“.
  • Eine Frau befindet sich seit Jahren in einer Beziehung mit emotionalen Missbrauch, leidet darunter, erkennt dies auch, doch beendet es trotzdem nicht.
  • Ein Vater schlägt sein Kind regelmäßig und erzählt ihm im Erwachsenenalter, er sei ein sehr schwieriges Kind gewesen.

Meine persönliche kognitive Dissonanzen:

Natürlich hat mein Verhalten seine Gründe und Ursprünge. Doch dadurch werden die Bedürfnisse, die in mir koexistieren nicht weniger widersprüchlich. Was ist hier also los?

Der Mensch versucht, seine Dissonanzen aktiv abzubauen – meist unbewusst. Das funktioniert etwa durch Rechtfertigung, Bagatellisierung1 oder das Ignorieren widersprüchlicher Impulse und Bedürfnisse.

Warum erleben wir Dissonanzen?

Da die Theorie auf der Annahme basiert, dass psychisches Wohlbefinden stark mit kognitiver Konsistenz2 verbunden ist, stellen Widersprüche zwischen Wissen, Überzeugungen und Verhalten eine Bedrohung für das Selbstbild dar. Die Folge: Menschen sind bereit, teils absurde Erklärungen zu akzeptieren oder Informationen zu verzerren, um den inneren Konflikt zu lindern.

Neurobiologisch lässt sich dieses Unbehagen sogar messen. Während einer Dissonanzsituation wird vor allem der anterior cinguläre Cortex aktiviert wird – ein Hirnareal, das an der Verarbeitung von Konflikten und Fehlern beteiligt ist.

Mechanismen der Dissonanzreduktion

Menschen nutzen verschiedene Strategien, um kognitive Dissonanz abzubauen:

  • Verhaltensänderung: Das eigene Handeln wird an die Überzeugung angepasst (Beispiel: Das Rauchen wird aufgegeben).
  • Einstellungsänderung: Überzeugungen werden angepasst, um das Verhalten zu rechtfertigen („So schlimm ist Rauchen gar nicht“).
  • Informationsvermeidung: Widersprechende Informationen werden ausgeblendet oder ignoriert.
  • Selektive Wahrnehmung: Nur Informationen, die das eigene Verhalten unterstützen, werden wahrgenommen.

Diese Anpassungsmechanismen dienen weniger der objektiven Wahrheitsfindung, sondern eher der psychischen Entlastung.

Kognitive Dissonanz im Konsum und in der Gesellschaft

Besonders in der Werbung und im Marketing spielt das Phänomen eine zentrale Rolle. Unternehmen nutzen gezielt das Bedürfnis nach Konsistenz:

  • Hochpreisige Produkte werden als „Lifestyle“ verkauft – wer sie nicht kauft, muss sich fragen, ob er „außerhalb des Trends“ lebt, außerhalb der Zugehörigkeit zum Kollektiv, das den meisten Menschen ein wohliges Gefühl beschert.

Auch in gesellschaftlichen Kontexten begegnet uns das Prinzip:

  • Menschen bleiben in Gruppierungen oder Ideologien, obwohl ihnen innere Zweifel kommen – aus Angst vor dem Verlust ihres Weltbilds oder sozialen Status.
  • Politische Polarisierung kann teilweise als Schutzmechanismus gegen kognitive Dissonanz verstanden werden: Informationen, die das eigene Weltbild in Frage stellen, werden abgewehrt.

Ein gesundes Maß an Dissonanz gehört zum Leben

Kognitive Dissonanz ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein zutiefst menschlicher Mechanismus. Sie hilft, ein konsistentes Selbstbild aufrechtzuerhalten und psychische Belastung zu vermeiden. Doch nur wer sich der eigenen Widersprüche bewusst wird, kann lernen, differenzierter und freier zu denken.

Psychologen raten: Statt jede Dissonanz sofort aufzulösen, lohnt es sich manchmal, das Spannungsgefühl auszuhalten. Es kann der Ausgangspunkt für persönliche Weiterentwicklung und echte Veränderung sein. Wird das aber zu intensiv, kann man sich die gegebene Situation auch aus unterschiedlichen Perspektiven ansehen:

Was genau bringt mir diese Kippe gerade? Beruhigt sie mich wirklich, oder ist sie der Ausdruck meines Suchtverhaltens? Was passiert, wenn ich in diesem Tempo so weiterrauche? Welche sofortigen Konsequenzen trage ich davon, wenn ich sie jetzt qualme? Wodurch könnte ich die Fluppe ersetzen? Gibt es eigentlich auch was Positives daran, bis auf das kurzfristige Gefühl der inneren Fülle? Welcher Mensch will ich sein? Einer, der raucht, stinkt und seiner Gesundheit schadet, oder einer, der dieses Problem in den Griff bekommen will und dies auch aktiv versucht?

No hate an die Raucher an dieser Stelle, ich rauche in bestimmten Lebenslagen selbst mal gerne eine. Meine Motive dahinter: Ich finde es ästhetisch ansprechend, wie das Zigarettchen da so elegant zwischen meinen Fingern glüht oder in anderen Szenarien auch meine ungeschliffene, maskuline Seite zum Vorschein bringt. Oder einfach nur nach außen trägt, wie verloren ich mich gerade fühle und mit sehnlichst wünsche, dass es von irgend einem anderen Lebewesen auf diesem Planeten bemerkt wird. Egal, welche Motivation dahinter steckt: Ich rauche, obwohl ich weiß, dass es mir schadet. Und das ist meine kognitive Dissonanz. Und was ist deine?


Artikelbild von Dasha Yukhymyuk auf Unsplash

Quellen:

Fußnoten:

  1. Bagatellisierung bedeutet, ein Problem herunterzuspielen; einen Fehler oder eine unangenehme Wahrheit kleinzureden oder als unwichtig darzustellen – obwohl es objektiv betrachtet durchaus bedeutend oder ernst sein könnte.

    Beispiele:

    Jemand sagt nach einem Autounfall: „War doch nur ein kleiner Kratzer“, obwohl der Schaden erheblich ist.
    In einer missbräuchlichen Beziehung: „Er hat mich angeschrien, aber ich kann das mittlerweile total gut ausblenden.“
    Oder die Raucherin: „Rauchen? Ach, mein Großvater hat auch geraucht und ist 90 geworden.“
    Oder ich, nachdem ich ein Törtchen inhaliert habe: „Ohne Törtchen fühlt sich die innere Leere in mir unerträglich an.“

    Bagatellisierung ist eine Strategie zur psychischen Entlastung. Etwa um Schuldgefühle zu vermeiden oder kognitive Dissonanz abzubauen. Das Problem wird verharmlost, um sich selbst besser zu fühlen oder um Kritik abzuwehren. ↩︎
  2. Kognitive Konsistenz bezeichnet in der Psychologie das innere Gleichgewicht eines Menschen, bei dem seine Überzeugungen, Einstellungen und Handlungen widerspruchsfrei und im Einklang miteinander sind.

    Im Zustand kognitiver Konsistenz:
    Passen Gedanken, Gefühle und Handlungen zusammen.
    Erlebt eine Person keine innere Spannung oder Unruhe.
    Das eigene Selbstbild bleibt stabil und logisch nachvollziehbar.

    Beispiel:
    Eine Person glaubt, Umweltschutz sei wichtig (Überzeugung).
    Sie fährt deshalb Fahrrad statt Auto (Handlung).
    Sie fühlt sich dabei gut (Gefühl).

    Alles passt zusammen – es besteht kognitive Konsistenz. Das Streben nach kognitiver Konsistenz gilt als ein grundlegendes psychologisches Bedürfnis, weil es das Selbstwertgefühl stabilisiert und emotionale Belastungen reduziert. Gerät dieses Gleichgewicht ins Wanken (etwa durch widersprüchliches Verhalten), entsteht kognitive Dissonanz. ↩︎
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Kunst & Architektur

Ein Genie und seine Ikonen: Igor Kaplun

Heute stelle ich euch einen ganz besonderen Menschen vor. Ich habe Igor Kaplun (*1991) vor einiger Zeit bei Instagram gefunden. Er malt Ikonen. Nachdem ich ihn monatelang beobachtet hatte und seinen Stil, Humor sowie auch seine Leidenschaft für Ikonenmalerei kennenlernte, musste ich ihn um ein Interview bitten.

Das ist der Mann der Stunde: Igor Kaplun

Ikonenmalerei: Interview mit einem Gegenwartskünstler

avecMadlen: Wie begann Ihre künstlerische Reise und was hat Sie dazu inspiriert, sich auf Ikonenmalerei zu spezialisieren?

Igor Kaplun: Mein kreativer Weg begann, bevor ich zur Ikonenmalerei kam. Ich habe schon seit meiner Kindheit gezeichnet. Im Grunde war es das Einzige, was mir gut gelang. Deshalb besuchte ich Kunstkurse sowie auch eine Kunstschule. Später, als es Zeit wurde, mich für ein Studium zu entscheiden, wählte ich zwischen Architektur und Buchillustration. Schließlich landete ich an der Fakultät für Malerei.

Meine Lehrer waren Monumentalkünstler. Sie teilten ihre Erfahrungen in Wandmalerei und Mosaik mit uns. Daher war es nur logisch, dass wir uns in den letzten Semestern mit Mosaiken und Kleber auf Baugerüsten in der Nähe von Wänden wiederfanden. Diese Wände gehörten zu einer Kirche. Von diesem Punkt aus war der Schritt zur Ikonenmalerei klein, da ich mich bereits innerhalb der plastischen Welt der Kirchenmalerei befand.

Zwischen Tradition und Innovation

avecMadlen: Ihre Werke sind bekannt für ihre einzigartige Mischung aus traditionellen und unkonventionellen Elementen. Wie haben Sie diesen unverwechselbaren Stil entwickelt?

Igor Kaplun: Alle Überlegungen von Künstlern über ihren Stil oder die Suche nach ihrem Stil sind in der Regel sinnlos. Am Anfang des beruflichen Werdegangs beschäftigt es noch, aber wenn man sich in den Arbeitsprozess vertieft (bei mir geschah das etwa im dritten Studienjahr), verschwinden diese Fragen. Der Stil ist kein Ziel, sondern ein Bonus für die Arbeit.

Das Ziel ist es viel mehr, ein gutes, solides Bild zu schaffen. Wenn es um traditionelle und unkonventionelle Elemente geht, habe ich das Gefühl, dass ich innerhalb der Tradition der Ikonenmalerei lebe, aber mit verschiedenen Strömungen und Künstlern der Weltkunst vertraut bin. Daher erscheinen auf meinen Ikonen unterschiedliche plastische Ansätze und Entdeckungen, die sowohl aus der traditionellen Ikone als auch aus der sogenannten „weltlichen“ Malerei stammen.

avecMadlen: Welche spezifischen Aspekte der traditionellen russischen Ikonenmalerei faszinieren Sie am meisten und wie integrieren Sie diese in Ihre zeitgenössischen Arbeiten?

Igor Kaplun: Ich kann sagen, dass ich definitiv die Sprache der Ikonenmalerei benutze – das mittelalterliche Verständnis von Form und eine Reihe von Techniken, mit denen Form und Volumen in einer Ikone dargestellt werden. Außerdem ist mir die Freiheit der Ikone sehr nahe. In der Ikonenmalerei gibt es völlige Freiheit der Darstellung, im Gegensatz zur akademischen Malerei, zum Beispiel.

„Die Idee“ sei eher was für Autoren und Ingenieure

avecMadlen: Können Sie ein Beispiel eines Ihrer Werke nennen, das besonders gut Ihre moderne Interpretation eines traditionellen Themas zeigt?

Igor Kaplun: Leider nein. Ich glaube, dass ich als Künstler, der heute lebt, bereits zeitgenössisch bin. In jedem Fall werde ich meine heutigen Gefühle und mein heutiges Verständnis von Raum und Form zum Ausdruck bringen. Und die Idee – das ist schließlich ein Begriff für Schriftsteller oder Ingenieure. Ein Künstler spricht in einer plastischen Sprache – diese lässt sich schwer in Worte fassen. Wenn das möglich wäre, würde der Künstler nicht malen.

avecMadlen: Wie reagieren Kunsthistoriker oder Anhänger der klassischen Ikonenmalerei auf Ihre innovativen Ansätze?

Igor Kaplun: Ich kenne nicht viele Kunsthistoriker. Ich hoffe, dass der Beruf des Kunsthistorikers einen Blick auf die Gegenwart und die Zukunft richtet und nicht nur auf die Vergangenheit. Das würde nämlich bedeuten, dass er bereit wäre, Neues wahrzunehmen und es „auszuprobieren“. Ich bin offen für jede Meinung, und ich würde sogar sagen, dass mir Meinungen fehlen.

Ikonenmalerei: Mit diesen Materialien malt Kaplun am liebsten

avecMadlen: Gibt es bestimmte Techniken oder Materialien, die Sie bevorzugen?

Igor Kaplun: Ich liebe Tempera und Öl. Ikonen male ich jedoch nur mit traditionellen Materialien: Kasein– oder Eitempera.

avecMadlen: In welcher Weise reflektieren Ihre Werke aktuelle gesellschaftliche oder kulturelle Themen in Russland?

Igor Kaplun: Ich glaube, gar nicht. Ich bin nicht wirklich in der Welt der zeitgenössischen oder konzeptuellen Kunst zu Hause. Es interessiert mich mehr, wenn ich arbeite und sehe, wie die Farben zu Tönen werden und zusammen erklingen.

avecMadlen: Welche Herausforderungen begegnen Ihnen bei der Balance zwischen Ehrfurcht vor der Tradition und dem Drang zur Innovation?

Igor Kaplun: Für mich gibt es keine solche Schwierigkeit. Respekt vor der Tradition und das Streben nach Innovation existieren in mir untrennbar miteinander, noch bevor ich mir dieser Prozesse bewusst wurde. Ich liebe die Tradition, aber es interessiert mich, Neues zu schaffen. Ich denke, dass die Tradition, wenn sie nichts Neues erschafft, aufhört lebendig zu sein und somit aufhört, Tradition zu sein. Das Neue und die Tradition sind untrennbare Dinge.

Inspitation und Botschaft

avecMadlen: Was inspiriert Sie?

Igor Kaplun: Malerei, Natur und Literatur.

avecMadlenWas möchten Sie mit Ihren Werken ausdrücken und welche Botschaft hoffen Sie, dass Betrachter von ihnen mitnehmen?

Igor Kaplun: Ich hoffe, dass traditionelle Malerei, die auf einer Oberfläche mit Farben gemalt wird, gefragt sein wird. Und dass die Menschen sich diese Kunst anschauen, diskutieren, sich darüber freuen, sie kaufen und zu Hause aufhängen. Ich würde mir sehr wünschen, dass man sich an der Malerei erfreut und dass sie eine der schönen Dinge ist, die den Menschen umgibt.

Und wenn jemand meine Ikonen oder Bilder mag, freue ich mich sehr. Und wenn nicht – dann gibt es eben genügend große Künstler auf dieser Welt, an denen sich die Betrachter erfreuen können.

Ikonenmalerei: Ein Interwiev mit dem Gegenwartskünstler Igor Kaplun

Wie kann man eine Ikone von Igor Kaplun ergattern?

Der Künstler verkauft seine Ikonen auch ins Ausland. Trotz Einschränkungen und Sanktionen konnte er in diverse europäische Länder verkaufen. In einem einzigen Land kam es bisher jedoch zu Komplikationen an der Grenze: in Deutschland. In Österreich nicht und in der Schweiz bislang auch nicht. Wer Igor Kaplun kontaktieren will, tut dies am besten über Instagram.

Du bist auf der Suche nach Ikonen in deiner Nähe? Entdecke hier das Ikonenmuseum in Frankfurt am Main.


Dieses Interview veröffentlichte ich letztes Jahr schon bei tuellundtrueffel.com. Doch da die Kunst von Igor Kaplun für mich eine Herzensangelegenheit ist, wollte ich sie den Lesern von avecMadlen nicht vorenthalten.

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Kunst & Architektur

Brutalismus: Zwischen Faszination und Abscheu

Brutalismus polarisiert: roh, wuchtig, oft abweisend, aber faszinierend. Was auf den ersten Blick wie angsteinflößende Betonmassen wirken mag, ist einerseits die Schaffung von sozialem Raum – meistens unter Zeitdruck und auf begrenzten Flächen. Andererseits ist Brutalismus eine charakteristische Ästhetik der Extraklasse.

Brutalistisches Bauelement aus Beton
An diesen Betonmassen können viele gar nicht vorbei gehen, ohne stehenzubleiben und sie einige Momente lang betrachten zu wollen. Foto von Nenad Radojčić auf Unsplash

Was zeichnet Brutalismus aus?

Der Begriff stammt vom französischen béton brut – „roher Beton“. Dieser rohe Beton prägt viele Gebäude des Brutalismus. Doch die Bewegung ist mehr als nur ein Material. Brutalismus steht für eine Architektur, die Konstruktion und Materialien unverblümt zeigt. Keine dekorativen Fassaden, keine Verzierungen. Stattdessen bleiben konstruktive Elemente sichtbar: Träger, Stützen und der rohe Beton werden nicht verkleidet, sondern sind bewusst Teil des Designs. Statt Dekoration zeigt die Architektur ihre Struktur. Das Tragwerk wird dabei zur Gestaltung. Dazu gehören natürlich auch sichtbare Stützen, markante Linien und massive Baukörper.

Der Begriff „Brutalismus“ entstand in den 1950er-Jahren. Als Vorreiter gilt der französische Architekt Le Corbusier, der mit seinem Konzept des béton brut (roher Beton) stilistisch den Weg bereitete. Die britischen Architekten Alison und Peter Smithson entwickelten darauf aufbauend den sogenannten „New Brutalism“, eine bewusst reduzierte und konstruktionsbetonte Architektursprache. Der Architekturkritiker Reyner Banham trug maßgeblich dazu bei, den Begriff „Brutalismus“ als Bezeichnung für diese Bewegung zu etablieren.

rechts: Foto von Piotr Chrobot auf Unsplash
links: Foto von kiryl auf Unsplash

Was macht Brutalismus aus?

  • Materialehrlichkeit: Beton bleibt sichtbar, manchmal rau, manchmal geglättet – aber niemals verkleidet.
  • Massive Formen: Gebäude wirken blockhaft, wuchtig, fast monumental.
  • Offenlegung der Konstruktion: Tragende Elemente und funktionale Teile werden nicht versteckt, sondern betont.
  • Sozialer Gedanke: Brutalismus war oft Architektur für die Öffentlichkeit – Universitäten, Rathäuser, Sozialbauten. Es ging um Gemeinschaft, nicht um Eliten.
Foto von Aram Ramazyan auf Unsplash

Wo und wann entstand der Brutalismus?

Nach dem Zweiten Weltkrieg suchte Europa nach neuen Lösungen für den Wiederaufbau. Der Brutalismus entstand vor allem in Großbritannien und Frankreich, breitete sich aber schnell weltweit aus. In Deutschland finden sich brutalistische Bauten besonders in den 1960er- und 70er-Jahren: Kirchen, Universitäten und Schwimmbäder wurden im Stil des Betonbrut gestaltet.

Brutalistische Kirche Monte Grisa, Trieste, Province of Trieste, Italy
Ein schönes Beispiel für eine brutalistische Kirche. Diese steht nicht in Deutschland, sondern in Italien, Monte Grisa, Trieste. Foto von Daniel Diesenreither auf Unsplash

Wichtige Fakten und Eckdaten zum Brutalismus:

  • Zeitraum der Blüte: Der Brutalismus war vor allem zwischen den 1950er und 1970er Jahren weltweit verbreitet. In vielen Städten Europas und Nordamerikas prägen brutalistische Gebäude bis heute das Stadtbild.
  • Typische Baumaterialien: Neben Sichtbeton kamen häufig Stahl, Glas und Backstein zum Einsatz, oft in Kombination, um Funktionalität und Ästhetik zu vereinen.
  • Kritik: Brutalismus wurde teils als kalt, abweisend und unpersönlich wahrgenommen. Sichtbeton kann mit der Zeit durch Witterung Schäden zeigen, was den Ruf mancher Bauten beeinträchtigte.
  • Renaissance: Seit den 2010er-Jahren erlebt Brutalismus eine neue Wertschätzung, besonders bei jungen Architekten und Designliebhabern, die die Materialität und den markanten Charakter schätzen.
  • Geografische Verbreitung: Brutalismus ist kein rein westliches Phänomen – auch in Osteuropa und Teilen der ehemaligen Sowjetunion entstanden brutalistische Bauten, allerdings oft mit eigenständigen regionalen Varianten. Nicht zu verwechseln ist dies mit dem Sowjetischen Klassizismus.

Auch interessant: So erkennst du sofort, ob es sich bei der Kunst und Architektur um Barock handelt.


Artikelbild von Stefan Spassov auf Unsplash

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Reisen

Ein kleiner Tod: Der Abschied von Teneriffa

Der Tag der Abreise fühlt sich doch immer wie ein kleiner Tod an. Gerne gehe ich da noch ein letztes Mal durch die Gassen und lasse Revue passieren, was ich dort in den Tagen zuvor getrieben habe. In Puerto de la Cruz regnete es an jenem Tag. Viel war nicht zu machen. Teneriffa weinte wohl, weil sie fühlte, dass ich mich wieder zurück nach Deutschland verpissen musste.

Die letzten Momente auf Teneriffa

Daher verabschiedete ich mich von den wogenden Wellen des Atlantischen Ozeans und atmete so tief, wie es nur ging, seine Brise ein. Die Wellen schienen mir heute besonders heftig zu sein. Meinen Kaffee trank ich an der Promenade, dann ging ich durch die kleinen Gässchen. Hier und da sah ich Männer bei Reparaturarbeiten an den Zäunen und Hausfassaden. Die Insel würde ohne mich weiterleben – so wie ich ohne ihr.

Viel Zeit blieb mir nicht. Also beschloss ich meine letzten Minuten auf der Kanarischen Insel so effektiv wie möglich zu verbringen und ging ein paar Runden im Pool schwimmen. Bei Regen ist das sowieso die reinste Romantik.

Adiós Tenerife: Mit dem Shuttle zurück zum Airport

Um 11.30 Uhr sollte mein Shuttle zum Flughafen kommen. Obschon mein Flug erst um 16.50 Uhr ging. Ein bisschen drüber, wenn ihr mich fragt. Zumal ich drei Stunden sinnfrei auf dem Airport herumlümmeln musste. Aber besser zu früh, als zu spät. Oder? Trotzdem ist ein Shuttle-Service vom Flughafen zur Unterkunft und wieder zurück sehr bequem. Man muss sich einfach keine Gedanken um nichts machen.

Ich weiß jetzt schon, dass ich Teneriffa wiedersehen werde. Wann, weiß ich noch nicht. Auch nicht, unter welchen Umständen, und ob ich wieder alleine sein werde, wenn es wieder soweit ist. Ich will nämlich noch einiges anderes erleben und sehen. In erster Linie in Asien, Philippinen genau genommen. Doch die Natur, die friedvolle Atmosphäre und das Klima werden mich bestimmt noch viele Male wieder auf die sonnige Insel Teneriffa locken.


NEWS: Meine Teneriffa-Abenteuer gibt’s jetzt auch im Video-Format auf Tiktok

Alle Bilder in diesem Artikel: © avecMadlen

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Blog Immobilien

Was ist der Unterschied zwischen Sanieren und Renovieren?

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Sanieren und Renovieren? Wer ein Haus kauft oder eine Wohnung übernimmt, hört beide Begriffe oft in einem Satz. Und dennoch bedeuten sie nicht das Gleiche. Kurz gesagt: Renovieren verschönert, Sanieren rettet. Schauen wir mal genauer hin.

Das meinen Vermieter und Makler mit „Renovieren“

Renovieren bedeutet, etwas optisch aufzufrischen. Hier geht es darum, den normalen Verschleiß zu beheben und Räume wieder wohnlich zu machen. Typische Renovierungsarbeiten sind zum Beispiel:

  • Wände neu streichen oder tapezieren
  • Böden verlegen oder abschleifen
  • Türen und Fenster lackieren
  • Kleine Risse im Putz ausbessern

Das Ziel: Die Wohnung oder das Haus soll wieder hübsch und gepflegt aussehen. Renovieren ist also eher oberflächlich, vergleichbar mit leichten Tagesmakeup für deine vier Wände.

Foto von Kenny Eliason auf Unsplash

Beim Sanieren geht’s ans Eingemachte

Sanieren greift tiefer. Hier werden Schäden beseitigt oder das Gebäude technisch auf den neuesten Stand gebracht. Sanierungen können nötig werden, wenn das Haus in die Jahre gekommen ist oder versteckte Mängel entdeckt werden. Dazu zählen beispielsweise:

  • Erneuerung der Elektrik oder Wasserleitungen
  • Austausch einer alten Heizung
  • Wärmedämmung für Dach oder Fassade
  • Schimmelbekämpfung oder Abdichtung gegen Feuchtigkeit

Auch interessant: Das solltest du unbedingt wissen, bevor du in eine Altbauwohnung ziehst

Hier wird eindeutig saniert. Foto von Alex Plesovskich auf Unsplash

Sanieren und Renovieren

Während das Renovieren also eher der Optik dient, zielt das Sanieren darauf ab, die Immobilie überhaupt bewohnbar, sicher und energieeffizient zu halten. Sanieren bedeutet: Substanz sichern und Lebensdauer verlängern. Beispiel: Wir streichen in einer Altbauwohnung die Wände und verlegen neuen Parkettboden – also renovieren wir. Müssen wir jedoch die maroden Stromleitungen ersetzen und das Dach dämmen, sanieren wir.

Beides kann Hand in Hand gehen, muss es aber nicht. Deshalb lohnt es sich, genau hinzuschauen, wenn (vor allem beim Kauf einer Immobilie) von „ein bisschen was machen“ die Rede ist. Denn ob du nur streichst oder das Haus technisch auf Vordermann bringen musst, macht finanziell einen gewaltigen Unterschied.


Beitragsbild von Brina Blum auf Unsplash

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Kunst & Architektur

Die radikale Veränderung in Kandinskys Malstil

Wassily Kandinsky ist bekannt für seine farbenfrohe und ausdrucksstarke Malerei. Doch sein außerordentliches Werk „Roter Fleck II“ (1921) zeigt eine entscheidende Wendung in seiner künstlerischen Karriere.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, verließ Kandinsky Deutschland und kehrte in sein Heimatland Russland zurück. In dieser Zeit ruhte seine Kunst. Er widmete sich eher politischen und kulturellen Aufgaben.

Porträt von Wassiky Kandinsky. Der Künstler sitzt am Tisch und schaut in die Kamera
Wassily Kandinsky in seinem Studierzimmer. Copyright: IMAGO / Bridgeman Images

„Roter Fleck II“ von Wassily Kandinsky

Das Werk „Roter Fleck II“, das im Münchner Lenbachhaus hängt, steht symbolisch für den bedeutenden Wandel in Kandinskys Ausdrucksweise. Sein typischer lebendiger Farbauftrag wurde durch eine glattere Art der Farbgebung ersetzt. Seine Bilder wirken nun kühler und rationaler. Die geometrischen Formen wie Dreiecke, Kreise und Linien dominieren seine Werke. Das ist ein klarer Einfluss des russischen Konstruktivismus, einer Strömung in der Kunst, die Wert auf geometrische Strukturen legt.

Künstler des Konstruktivismus wie Ljubow Popowa, Wladimir Tatlin und Malewitsch haben sicherlich zu diesem Wandel beigetragen. Dennoch unterscheidet sich Kandinskys Arbeit von ihrer rein konstruktivistischen Ansatzweise. Denn obwohl er geometrische Formen nutzt, sind sie in seinen Werken nicht streng logisch angeordnet.

Ein besonderes Element ist dabei der Kreis – diese Form wird zu einem zentralen Aspekt während seiner Zeit am Bauhaus. Für Kandinsky repräsentiert der Kreis die perfekte Form für sein neues künstlerisches Schaffen. „Neues“, da sein Herz in der frühen Schaffensphase dem Expressionismus gehörte.

Wassily Kandinsky: Roter Felck II im Lenbachhaus München
1921: Roter Fleck II / Öl auf Leinwand

Konstruktivismus: Kandinskys streben nach reinen Formen

Mit seinen geometrischen Formen setzte er seine Suche nach immer reineren Formen fort. Diese sollten keine Erinnerungen oder ablenkende Assoziationen hervorrufen. Im Gegensatz zu anderen abstrakten Künstlern blieb Kandinsky jedoch stets bei der Darstellung von ‚Figuren‘, seien sie nun gegenständlich oder abstrakt.

Insgesamt betrachtet steht „Roter Fleck II“ als Zeichen eines neuen Kapitels in Kandinskys Werk. Es zeigt den Beginn seiner Auseinandersetzung mit dem Konstruktivismus und dem Streben nach reinen Formen. Erfahre hier von der größten Sammlung der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“, die Kandinsky mitbegründete.


Nicht ausdrücklich gekennzeichnete Bilder in diesem Artikel © avecMadlen

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