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Kunst

Kirchen: Baden-Badens geheime Schatzkammern

In Baden-Baden liegt Geschichte nicht nur in der Luft. Sie spiegelt sich auch in Stein und Glas wider. Werfen wir doch mal einen Blick auf die architektonischen Meisterwerke der Stadt – die Gotteshäuser. Sie zeigen uns nicht nur, wie unsere Stadtbewohner seit vielen Generationen ihren Glauben leben, sondern geben auch Einblicke in die europäische Baukultur und Experimentierfreude an Gestaltung. Gehen wir sie einmal chronologisch durch und fangen mit der ältesten und wohl bekanntesten Kirche an.

Stiftskirche Liebfrauen in Baden-Baden

Markant thront die Stiftskirche Liebfrauen am Florentinerberg. Ihr rund 68 Meter hoher Turm prägt die Silhouette der Altstadt. Nicht nur meine Fotoarchive sind voll von ihr. Erstmals 987 urkundlich erwähnt, wurde sie im Laufe der Zeit mehrfach umgebaut, erweitert und geformt. Aus dem 13. Jahrhundert ist der romanische Turmschaft erhalten geblieben, während der Chor und das Langhaus zwischen 1453 und 1474 im spätgotischen Stil erbaut wurden.

Was erwartet uns im Inneren? Die Kirche ist dreischiffig mit Querhaus und Chor angelegt. Ihre Decken sind von Kreuzrippengewölben überspannt, die von Sandsteinpfeilern getragen werden. Im Chor finden wir das aufwendig gestaltete Hochgrab des Markgrafen Ludwig Wilhelm (Türkenluis). Davor bleibe ich immer besonders lange stehen, egal, wie oft ich es bereits gesehen habe.

Die evangelische Stadtkirche

Nachdem 1855 der Grundstein gelegt wurde, fand 1864 die Einweihung der Evangelischen Stadtkirche statt. Ihr denkt euch vielleicht: „Wie bitte?“ Zurecht – bei ihrem Anblick könnte man leicht glauben, sie stamme aus der Hochgotik. Doch dem ist nicht so. Tatsächlich gehört sie der Neogotik an, einem Stil des 19. Jahrhunderts, der bewusst die Formen und Motive der Gotik wieder aufgriff. Die Neogotik zählt zu den frühesten Unterarten des Historismus, der sich in Kunst und Architektur an den Stilen vergangener Jahrtausende und verschiedener Kulturen orientierte. Wir kennen das etwa auch vom (Neo-)Klassizismus, der sich an der Antike, vor allem am griechischen und römischen Tempelbau, orientiert hatte.

Die Stadtkirche ist meistens geschlossen, weshalb ich sie heute erstmals, nach all den Jahren, betreten habe. Wunderschön – auch von innen: Im Hauptschiff finden wir spitzbogige Fenster mit farbigen Glasmalereien, die viel Tageslicht hineinlassen. Das Kreuzrippengewölbe überspannt den gesamten Raum und über der Empore am Eingang steht seit 1973 eine eindrückliche Orgel, auf der während meines Besuchs fleißig geprobt wurde. Ein magischer Moment, der mir für lange Zeit im Herzen bleiben wird. Die Deckenhöhe beträgt schätzungsweise 15–20 Meter, aber manche von euch werden wissen, wie (un)zuverlässig ich im Schätzen bin, daher Angabe ohne Gewähr.

Stourdza-Kapelle auf dem Michaelsberg

Mit Neoklassizismus geht es weiter. Die rumänisch-orthodoxe Kapelle Heiliger Erzengel Michael, auch bekannt als Stourdza-Kapelle, wurde zwischen 1863 und 1866 nach Plänen der Architekten Leo von Klenze und Georg von Dollmann erbaut. Sie steht auf dem Michaelsberg. Von Weitem erkennen wir sie an einer der zwei güldenen Kuppeln der Stadt. Sie ist 24 Meter hoch und eine Miniaturreplik der Kuppel der Peterskirche in Rom.

So einfach lässt die Stourdza-Kapelle sich jedoch nicht betreten. Man muss schon einen Termin erbitten, um sie von innen zu sehen. Von außen sehen wir einen kubischen Baukörper, dessen Wandflächen abwechselnd mit weißem, rotem und gelbem Sandstein „gestreift“ sind. Die Vorhalle wird von vier ionischen Säulen getragen. Diese Kirche ist für mich immer wieder ein krönender Abschluss, nach einem Spaziergang auf dem Michaelsberg.

Russisch-Orthodoxe Kirche Baden-Baden

1880 bis 1882 folgt der nächste große Bau: Die russisch-orthodoxe Kirche an der Lichtentaler Straße wird nach den Plänen des St. Petersburger Architekten Iwan Strom errichtet. Sie gehört zum nordrussischen bzw. russisch‑orthodoxen Stil mit byzantinischen Elementen. Ihr Grundriss hat die Form eines griechischen Kreuzes. Das ist auch bei vielen katholischen Kirchen und Klöstern üblich. Wie ihr euch sicher denken könnt, ist das die zweite güldene Kuppel der Stadt. Nur hat sie eine etwas andere Form: Im Deutschen sagen wir „Zwiebelkuppel“ dazu. Diese wird gekrönt von einem dreibalkigen Kreuz.

Das Mosaik über dem Portal und der prächtig ausgestattete Innenraum stammen vom „Malerfürsten“ Grigor Gagarin. Eine sogenannte Ikonostase aus weißem Marmor trennt den Altarraum vom Gemeinderaum – der Blick auf den Altar wird, wie in der russischen Kultur üblich, nur zu bestimmten Gottesdienstzeiten freigegeben.

Weststadt: Katholische Kirche St. Bernhard

Sehenswert ist auch die katholische Kirche St. Bernhard in der Baden-Badener Weststadt. Sie wurde zwischen 1911 und 1914 nach den Bauplänen von Johannes Schroth erbaut. Diese stießen damals auf deutliche Kritik vom bischöflichen Ordinariat, da sie Jugendstil-Elemente aufwiesen. Der Architekt konnte seine Vision des Bauwerks jedoch verteidigen, indem er argumentierte, dass die katholische Kirche damit mit der Zeit gehe.

Stilistisch prägend ist außerdem eine byzantinisch-frühchristlich wirkende Architektur, die sich in der zentralen Rotunde mit Kuppel widerspiegelt. Ihre Fresken und das einfallende Tageslicht wirkten auf mich überwältigend. Ganz zu schweigen von der gigantischen Orgel auf der Empore über dem Haupteingang.

Den Namen St. Bernhard verdankt das Gotteshaus dem seligen Bernhard von Baden. Der verzichtete auf seinen Herrschaftsanspruch und linderte stattdessen die Armut und Not der Bevölkerung, indem er einen Großteil seines Vermögens hinterließ.


Kein Anspruch auf Vollständigkeit, es gibt nämlich noch mehr Kirchen in Baden-Baden, die ich euch nach und nach hier vorstellen werde. Freut euch also auf Updates.

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Reisen

„Können Sie überhaupt fahren?“ – NEIN!

Brumm – ich rausche in unbekannter Richtung die giftgrünen Feldwege entlang. Ab und zu muss ich den abgemagerten Hunden ausweichen, die unverhofft meine Wege queren. Ich fahre und höre kaum etwas außer dem Motor und das schwache Stimmchen meines Navis, das mir bereits seit 40 Minuten versucht weiß zu machen, dass ich auf der falschen Route bin.

Der Himmel färbt sich grau und ich sehe die ersten güldenen Blitze am Horizont aufleuchten. Kurz muss ich mich schon fragen, ob ich nicht lebensmüde bin, doch werde gleich wieder von den grünen Weiten abgelenkt. Es regnet bereits seit heute Morgen, was mich in einer gewissen Anspannung hält. Auf den Philippinen hat die Regenzeit begonnen. Und diese ist bekannt für ihre Taifune, die kaum etwas stehen lassen, wenn sie über das Land ziehen. Jeden Tag und jede Nacht hoffe ich insgeheim, die Naturgewalt miterleben zu dürfen. Andererseits hab ich großen Respekt davor, wenn nicht zu sagen: große Angst. Ok, erwischt: ich hab die Hosen randvoll.

Baler – wie im Film

Ich fahre weiter. Der Nebel hat sich um die Gebirgskette vor mir gelegt. Alles, was ich wahrnehme, kommt mir vor wie im Film. Der wohl beste und arthousigste, den ich je gesehen habe. Mit seinen Höhen, Tiefen, Wendepunkten, einer erhöhten Farblichkeit, einem chaotischen Drehbuch, über das ich keinerlei Kontrolle habe.

Aus den kleinen Betonhütten mit Gittern statt gläserner Fenster strecken sich kleine winkende Hände in meine Richtung. Die Kinder freuen sich, mich zu sehen. Manche rennen raus auf die Straße und hüpfen und rufen mir etwas in ihrer Muttersprache zu. Ich hupe – und sie freuen sich noch mehr. Hüpfen durch die Pfützen und kreisen sich mit ausgestreckten Armen und dem Gesicht gen Himmel, als würden sie versuchen, die von dort herabfallenden Tropfen aufzufangen.

Ich hab ihn lange gesucht…

Die Suche nach einem fahrbaren Untersatz dauerte ewig. Eines Freitags war es aber soweit: Der Mann an der Hotelrezeption füllte die nötigen Papiere aus und übergab mir auf Verlangen den Helm. „Können Sie überhaupt fahren?“, fragte er mich halb ernst. „Klar“, log ich ohne mit der Wimper zu zucken. Die beobachtete Proberunde mündete fast im Meer. Zum Glück lasse ich mich von Missgeschicken nicht beeindrucken. Deshalb fuhr ich schnell davon und winkte nett, als wäre nichts gewesen.

Philippinen: Mein erster Tag auf dem Roller

Freiheit. Die feuchte Luft schmettert mir ins Gesicht, während meine Hände die noch unbekannte Maschine lenken. Wie schnell ich fahre, weiß ich nicht, da meine Geschwindigkeitstafel vermutlich schon lange vor meiner Zeit den Geist aufgegeben hatte. Ich fahre und lache und drücke auf die Tube und schau mir die üppige Natur von Baler im Schnelldurchlauf an. Keine Ahnung, wohin. Hauptsache staunen.

Ein reines Glücksgefühl war das, zum aller ersten Mal durch kaum bewohnte Gegenden zu düsen und dabei zu wissen, dass ich genau da ankomme, wo Gott mich haben will. Vor mir sah ich die unendlichen Berglandschaften von Aurora, während das einzige, was mich vom Meer trennte, Kokospalmen und der mal sandige mal steinerne Strand war. So fühlte sich Glück also an. Zum einen wurde das dadurch intensiviert, dass ich nach tagelanger Suche endlich mein Moped fand, das nicht allzu überteuert war. Zum anderen, weil ich, nachdem ich die ersten 20 Minuten erhöhten Unfallrisikos überstanden hatte, tatsächlich fahren konnte. So schwer ist es aber auch gar nicht. Die Straßen in Baler sind neu gemacht und es fährt sich auf ihnen gar besser, als auf unseren. Wenn in der Provinz Aurora etwas funktioniert, dann offensichtlich Straßenbau.

Schau gerne auch hier vorbei: Die Brücke in Baler, die mich Demut lehrte

Natürlich spiele ich mit dem Gedanken, mir einen Roller zu holen

Ich vermisse den Roller. Ich denke mir jedes Mal: Jetzt mit dem Ding mit einem Zigarettchen zwischen den Zähnen durch das nächtliche Baden-Baden düsen. Das wär’s doch. Es wäre aber niemals so, wie auf den Philippinen. Dort fühlte ich die Freiheit förmlich tanzen, als ich der Sonne entgegen durch befahrbare und nicht befahrbare Straßen sauste. Es war zu cool. Der linke zerbrochene Spiegel zeigte mir immer ein Stück von der Straße hinter mir und etwas Palmen, Berge sowie den strahlend blauen Himmel.

Fünf fantastische Tage verbrachte ich mit meinem Roller. Zu filmen hatte ich gar kein Bock. Naja, wäre auch ein bisschen lebensgefährlich gewesen. Nächstes Mal dann mit GoPro, versprochen.


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Kunst

Wer war Lucas Cranach der Ältere? – Kleiner Crashkurs

Mit Lucas Cranach dem Älteren beginnt eine neue Ära in der deutschen Kunst: Eine, die Porträtmaler, Bildung, Begabung und handwerkliches Können miteinander verbindet. Unser Künstler wird 1472 in der oberfränkischen Stadt Kronach geboren. Das Malerhandwerk erlernt er bei seinem Vater Hans Molle, bevor er sich als Geselle auf Wanderschaft begibt. Er wählt den Nachnamen Cranach und signiert seine Bilder mit den berühmten Initialen „LC“. Eine Namensänderung beim Verlassen des Herkunftsorts war im Zeitalter der Renaissance absolut üblich, insbesondere bei Künstlern, Gelehrten und Handwerkern. Lucas Cranach bedeutet so viel wie „Lucas aus Kronach“.

Erst um das Jahr 1500 lassen sich die ersten erhaltenen Werke Lucas Cranachs datieren – zu diesem Zeitpunkt ist der Künstler etwa 30 Jahre alt. In Wien, dem kulturellen und humanistischen Zentrum Mitteleuropas, entstehen frühe Porträts sowie die Schottenkreuzigung.

Cranach ist Teil der künstlerischen Wandlung: Nicht mehr das Handwerk des mittelalterlichen Bildermachers soll im Vordergrund stehen, sondern die Bildung und Begabung des Renaissancemenschen. Im Porträt, einem damals neuen Bildtypus, spiegeln sich die Auftraggeber einer einflussreichen städtischen Gesellschaftsschicht wider: Kaufleute und wohlhabende Bürger.

Cranach: Künstler plus Werkstatt

Hören wir den Namen „Cranach“, so ist meistens Lucas Cranach der Ältere gemeint. Außerdem gab es da noch die Cranach-Werkstatt mit ihren anonymen Meistern, den Umkreis und natürlich auch Sohn Lucas Cranach den Jüngeren, der erst später als eigenständiger Künstler agiert. Er ist es auch, der Cranach d.Ä. als Werkstattleiter ablöst.

Bei machen Bildern lässt es sich trotz Analysen gar nicht so genau sagen, wer sie eigentlich gemalt hat. Manches passierte arbeitsteilig, bei manchen Bildern schafft Lucas Cranach d.Ä. die Vorlagen. Vielleicht kontroliert er das Bild am Ende auch und ergänzt letzte Details.

Im Sinne des damaligen Werkstattgedanken ist das Gesamtwerk als ein Produkt aus mehreren Händen zu betrachten. Ein traditioneller Handwerksbetrieb eben (ähnlich wie bei den Bellini in Venedig). Was die Werkstatt verlässt, wird mit dem Cranach-Emblem versehen – einer Art Markenlogo, das der Künstler im Jahr 1508 mit seinem Wappenbrief erhalten hat. Es zeigt eine Schlange mit aufgestellten Flügeln.

Philipp Melanchthon, zugeschrieben: Cranach-Werkstatt (1532). In der oberen Bildhälfte rechts können wir das Schlangenemblem sehr deutlich erkennen. Copyright: IMAGO / Artokolor

Übergang von Spätmittelalter zu Frührenaissance

Cranach gilt heute als Innovator zwischen Mittelalter und beginnender Neuzeit. Im Repertoire hat er sowohl mythologische als auch biblische Themen. Zusammen mit Albrecht Dürer, Hans Baldung Grien, Hans Holbein, Albrecht Alrdorfer und Matthias Grünewald gehört Lucas Cranach d. Ä. zu den bedeutendsten deutschen Künstlern seiner Zeit. Sie alle sind sowohl Kollegen als auch Kontrahenten und kennen das Werk des jeweils anderen. Teilweise sollen sie in ihren Bildern sogar aufeinander reagiert haben. Etwa, indem sie ähnliche Motive malten o.ä.

Wer heute durch ein Cranach-Gemälde blickt, spürt nicht nur die Technik eines Meisters, sondern auch den Geist einer ganzen Epoche, eingefangen in Farbe und Form. Hier geht’s zu Cranachs „blutrünstigen Frauen“ – da ich großer Fan bin, bin ich ständig auf der Suche nach seinen Bildern, sobald ich ein Kunsthaus betrete.


Quelle

Dankend erwähne ich an dieser Stelle ein ganz wunderbares Buch, das ich irgendwo in einem Museumsshop gekauft habe: Cranach A–Z von Teresa Präauer (ISBN: 978-3-7757-5179-7). Die Autorin schreibt in einer klaren und verständlichen Sprache, die nicht nur Kunsthistoriker begeistern kann, sondern auch jene, die sich viele spannende Fakten auf einmal reinballern wollen. Hinzu kommt ihr pointierter Humor und die sagenhafte Illustration des Buches. Sehr empfehlenswert.

Titelbild

Zu sehen ist unser Lucas Cranach d. Ä., laut Inschrift im Alter von 77 Jahren. Vermutlich von seinem Sohn gemalt (1550), manche Quellen schließen ein Selbstbildnis jedoch nicht aus. Man beachte die kontrastiert hervorgehobenen Hände des Künstlers. Sie schufen tausende Werke, die in ihrer Einzigartigkeit unter die Haut gehen. Copyright: IMAGO / H. Tschanz-Hofmann.

Hier nochmal in voller Pracht:

Die anderen ungekennzeichneten Bilder: Copyright avecMadlen.com

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Würzig duftende Tagetes: Deshalb sind sie so liebenswert

Zugegeben, ich habe sie immer angepflanzt, weil sie mich an meine Kindheit erinnern und mich vor allem ästhetisch ansprechen. Doch diese kleinen Schätze können mehr, als einfach nur gut aussehen! Studentenblumen, auch bekannt als Tagetes, beschäftigen mich, da ich sie selbst seit Jahren anbaue und sie mir von April bis in die Wintermonate viel Freude bereiten. Dieses Jahr hab ich es mit Vorkultur probiert. Für nächstes Jahr habe ich mich dazu entschieden, beides zu machen: Einen Teil der Samen nach den ersten warmen Tagen im März in die Erde zu werfen und zu gucken, was passiert. Und den anderen Teil drinnen vorzuziehen. Beides hat seinen Reiz – die Blumen entwickeln sich jeweils etwas anders und das finde ich so spannend zu beobachten.

An den robusten, würzig duftenden Pflänzchen habe ich gleich mehrere Sachen gern: Sie blühen lange, sind pflegeleicht und ich weiß nie, in welcher Farbkombination sie erblühen, da ich die Samen unsortiert in einem Bottich lagere. Werden sie vollständig rot oder kommen sie mit leuchtend orangenem Saum oder sogar ganz orange? Mit einer oder mit mehreren Blütenblätterreihen? Ihre Vielfalt entzückt mich immer wieder aufs Neue.

Insekten und Tagetes: Wen schreckt sie ab? Wen zieht sie an?

Meine Oma pflanzte sie an den Rand der Kräuter- und Gemüsebeete. Bestimmt wusste sie, dass der intensive Duft der Studentenblumen Schnecken anzieht, die man dort vor Ort dann einfach einsammeln kann. Somit gilt die Pflanze als natürlicher Schneckenschutz. Hinzu kommt, dass chemische Prozesse in ihren Wurzeln beim Reinigen der Erde helfen. Fadenwürmer und anderes Ungeziefer bleiben fern.

Gleichzeitig ist die Studentenblume eine echte Stütze für heimische Wild- und Honigbienen sowie Hummeln. Man könnte sagen: Sie fliegen auf sie. Vor allem dann, wenn im Spätsommer bereits alle anderen Blumen verblüht sind, stellen die Tagetes eine zuverlässige Nahrungsquelle dar.

Entscheidend ist jedoch, dass die Blüten ungefüllt sind. Der Unterschied zwischen „gefüllt“ und „ungefüllt“ ist, dass die gefüllten Blüten überzüchtet sind. Der Eingang zu Ihren Pollen und dem Nektar wird durch die zusätzlichen Blütenblätterreihen verengt. Die Folge: Insekten können nicht ins Blüteninnere gelangen und gehen hungrig aus.

Ich habe beide Sorten. Dieses Jahr wuchsen die mit den ungefüllten Blüten gut in die Höhe. Die gefüllten sind wirklich schön anzusehen, duften auch intensiv nach Tagetes (bitte schreibt mich an, wenn jemand ein Parfüm rausbringt, das danach duftet), sind für Bienen allerdings nur eine traurige Mogelpackung.

Was macht man mit überzüchteten Sorten?

Haben die überzüchteten Blumen denn überhaupt noch eine positive Auswirkung auf die Erdqualität? Grundsätzlich schon. Denn die Wurzelaktivitäten hängen nicht von der Blütenoptik ab. Bei stark überzüchteten Sorten tritt jedoch die natürliche Wirkung der Pflanze zugunsten der Optik in den Hintergrund. Weshalb wohl viele Sorten, die es im Handel gibt, nur noch einen minimalen Nutzen für die Flora und Fauna im Garten haben.

Ich züchte sie schon bald seit zehn Jahren. Einen Teil meiner aller ersten Samen kaufte ich auf konventionellem Wege. Den anderen… naja. Ich war damals noch jung und wild und hatte es eines Nachts auf verblühte Blumen eines städtischen Beets abgesehen. Ich entwendete sie, um ihre Samen im darauffolgenden Jahr einpflanzen zu können. Ein bisschen experimentieren eben.

Darf ich vorstellen? Die Nachkommen.

Kann sich eine überzüchtete Tagetes zurückbilden?

Mittlerweile sehen meine Studentenblumen ganz anders aus, als damals als ich sie gekl..auft habe. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sich in diesen vielen Jahren einfach zurückentwickelt haben. Denn die vom städtischen Beet hatten gigantische gelbe Köpfe und waren alle vollständig gefüllt. Ihre Nachkommen hingegen zeigen teils sogar einzelne Blütenblätterreihen und sind jetzt einfach orange.

Tatsächlich kann es passieren, dass überzüchtete Tagetes sich durch gezielte Aussaat über mehrere Generationen wieder zu einfacheren, bienenfreundlichen Blüten zurückentwickeln. Zwar ist das Ergebnis nicht exakt vorhersehbar, doch mit Geduld und konsequenter Selektion können Gartenliebhaber aus pompösen Zuchtformen nach zwei bis drei Generationen wieder natürliche, ungefüllte Tagetes kultivieren. Wie ihr euch sicher denken könnt: Selektion habe ich bisher noch nicht betrieben, sondern es eher dem Schicksal überlassen. Ich behalte jede einzelne Blüte, ob schmächtig oder prächtig, lasse sie trocknen und entnehme ihr alle Samen für meinen Bottich. Ihr erinnert euch an ihn, nicht wahr?

Pflege und Co.: Spannende Fakten zur Studentenblume

Manche Sorten der Tagetes kann man essen. Nicht alle. Probiert habe ich es noch nicht, aber vielleicht ist heute ja die Nacht der Nächte, in der ich mich endlich traue. Manche nehmen die Blütenblätter als eine Art Farbakzent für den Salat.

Zum Abschluss ein paar wichtige Pflegehinweise für alle Tagetes-Fans: Die Pflänzchen sind ziemlich durstig, mögen aber keine Staunässe. An sehr heißen Tagen gieße ich sie zwei Mal täglich und schaue einfach, wie sie aussehen und wie der Zustand der Blüten und Blätter ist. Wenn die Sonne weg ist, besprühe ich sie gerne mal mit Wasser und entferne ausgetrocknete Blätter. Das Verblühte schneide ich mit einer scharfen sauberen Schere ab, lasse es trocknen und lagere die entnommenen Samen an einem dunklen Ort. Wenn ich jemanden sehr mag, verschenke ich meine Babys auch gerne mal.

Die Exemplare, die jetzt gerade auf meinem Balkon in Baden-Baden wachsen, werden von Bienen und Hummeln gut angenommen und erinnern mich gleichzeitig daran, wie ich sie damals ergattert habe. Beides bringt mich regelmäßig zum Schmunzeln, weshalb ich sie wahrscheinlich immer anpflanzen werde.


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Quellen

  • mdr Garten: „Tausendsassa Tagetes: Was die Studentenblume alles kann“
  • samen.de: „Bunte Blüten für Bienen und Biodiversität: Studentenblumen im Garten“
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Kunst Reisen

Schloss Favorite: Hinter den Mauern der Markgräfin

Heute betat ich unverhofft die prunkvollen Räume des Schlosses Favorite in Rastatt. Hinter den kunstvollen Fassaden verbirgt sich das Vermächtnis einer Frau, die sich nicht mit der Rolle der stillen Fürstin und gehorsamen Ehefrau begnügte. Franziska Sibylla Augusta (1675–1733) ließ in Baden einige architektonische Meisterwerke bauen und konnte sich somit als Herrscherin, die im süßen Überschuss lebte, verewigen.

Sibylla Augusta: Kindheit und Intrigen

Nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1681 wuchs Franziska Sibylla Augusta gemeinsam mit ihrer Schwester Anna Maria Franziska unter der Obhut der Gräfin Polixena von Werschowitz auf, deren Porträt heute in einem der Flure des Schlosses Favorite hängt. Als Tochter des Hauses Sachsen-Lauenburg wurde sie standesgemäß in höfischer Konversation, Malerei und Musik unterrichtet.

Franziska Augusta Sibylla und Ihre Schwester Anna Maria Franziska. In solch einer friedvollen Aufmachung soll man die beiden nur selten erlebt haben. Unklar, wann das Porträt entstand. Vor allem ist auch der Künstler unbekannt.

Sowohl das Verhältnis zur drei Jahre älteren Schwester als auch zur Gräfin war angespannt, da die Werschowitz die Ältere bevorzugt haben soll (Spekulation). Zudem soll bittere Konkurrenz zwischen den beiden Schwestern geherrscht haben. 1689 starb auch der Vater. In höfischen Kreisen wurde gemutmaßt, er sei vergiftet worden. Verdächtigt wurde Gräfin Polixena von Werschowitz, die angeblich auf das Vermögen aus war (ebenfalls Spekulation).

Fünf Tage vor seinem Tod hatte der Vater die Töchter jedoch testamentarisch unter den Schutz des Kaisers gestellt sodass die Gräfin leer ausging.

Ehe mit Türkenlouis

Später heiratete unsere Protagonistin Ludwig Wilhelm von Baden-Baden, besser bekannt als „Türkenlouis“. Mit gerade einmal 15 Jahren trat sie als seine Gemahlin auf die politische und kulturelle Bühne des badischen Hofes. Er war bei der Eheschließung 34 Jahre alt.

Als Ludwig Wilhelm 1707 im Krieg tödlich verwundet wurde, übernahm Franziska Sibylla Augusta die Regentschaft – die gemeinsamen Kinder waren noch zu jung dafür. Mit kluger Heiratspolitik, einem wachsamen Blick auf die Finanzen und durchgreifenden Verwaltungsreformen erwarb sie sich bald hohes Ansehen und das Vertrauen der Bevölkerung.

Sybilla Augusta als Bauherrin

Ihre Baupolitik schaffte Arbeitsplätze, doch dem Volk ging es erbärmlich. Ihr Versuch, die allgemeine Armut zu lindern, war da. Vor allem entfaltete ihre Bautätigkeit aber ihr künstlerisches Geschick.

Was mir bei unserer Schlossführung gleich ins Auge sprang, war natürlich der üppige Empfangsbereich. Unter anderem wachen in den Ecken des Raumes vier weibliche Figuren mit Füllhörnern über das Geschehen. Diese verweisen auf die katholische Prägung Badens, zu der auch Rastatt zählte: Der Segen der Fruchtbarkeit, so die Botschaft, bewahrte die Region vor Hungersnöten. Ein bisschen widersprüchlich kam mir das schon vor. Einerseits herrschte Armut, andererseits soll es während der Regentschaft von Sybilla Augusta keine außerordentlichen Hungersnöte gegeben haben. Aber dem gehen wir an anderer Stelle genauer auf den Grund.

Schloss Favorite: Bau und Besonderheiten

Als Bauherrin des Schlosses Favorite ließ sie einen privaten Rückzugsort errichten, der auch Ausdruck ihrer Sammelleidenschaft war – insbesondere ihrer Vorliebe für Porzellan. Hierzu gibt es eine gesonderte Führung durch andere Teile des Schlosses, die vor mir bisher jedoch verborgen blieben. Demnächst will ich euch die Porzellansammlung aber zeigen. Immerhin wurde für sie (und ganz nebenbei auch für die beiden Söhne) das Schloss Favorite überhaupt erst erbaut.

Zwischen 1710 und 1730 entstand der Bau unter der Leitung des Architekten Johann Michael Ludwig Rohrer. Die Arbeiten zogen sich über zwei Jahrzehnte hin – immer wieder verzögerten sie sich durch französische Truppenbewegungen in der Region.

Geile Fakten und Legenden rund ums Schloss Favorite

  • Es gilt als das einzige fast unveränderte Porzellanschloss Deutschlands.
  • Die Bauarbeiten begannen nur 3 Jahre nach dem Tod von Türkenlouis.
  • Das „Florentiner Kabinett“ im Schloss ist einzigartig in Europa und besteht aus 758 Paneelen aus Marmor, Granit und Halbedelsteinen. Unser Schlossführer nannte sie etwas verallgemeinert, aber umso verständlicher, „Steinbilder“. Sehr eindrücklich und sehenswert.
  • Der barocke Lustgarten rund um das Schloss wurde später in einen englischen Landschaftsgarten umgestaltet, der den Charakter der Gesamtanlage bis heute prägt.
  • Das Schloss wurde mehrfach für Film- und Fernsehproduktionen genutzt, darunter als Hauptschauplatz des ARD-Märchenfilms „Der Froschkönig“ im Jahr 2008.
  • Und mein persönlicher Favorit (haha verstehste, wegen Schloss Favorite xD) ist die Legende zur Kieselstein-Fassade: Die Markgräfin Sibylla Augusta soll während des Baus des Schlosses arme Kinder gebeten haben, in Bächen und im Flussbett der Murg Kieselsteine zu sammeln. Für jedes Körbchen bezahlte sie mit einigen Kreuzern1 und einem Stück Brot. Diese Geste wird als Umsetzung des biblischen Mottos „Steine zu Brot“ interpretiert. Die gesammelten Kieselsteine wurden anschließend als Verzierung an der Fassade des Schlosses angebracht und machen es absolut einzigartig.

Auch interessant: So erkennst du Barock auf den ersten Blick

Schlusswort

An dieser Stelle möchte ich zum Ende kommen und meine Eindrücke im Schlossinneren mit euch teilen. Besonders überragend fand ich den bereits erwähnten Empfangsbereich: Wände mit einem leuchtend roten, künstlich hergestellten Marmor, der etwa dreimal so kostbar sein soll, wie echter Marmor. Damals mischte man nämlich feinstes Edelstein-Pulver aus Granat, Lapislazuli und anderen in eine Betonmasse, um Farbintensität und Glanz zu erzeugen. Des Weiteren viel Gold und barocke Schnörkeleien, Skulpturen, handbemalte Platten, Reliefs und, und, und… Wirklich sehenswert. Führung gibt’s für 10 €, Ermäßigte 5€.

Eines meiner weiteren Lieblingsprunkstücke des Schlosses ist das Spiegelkabinett. Es diente weniger dem persönlichen Blick als dem gesellschaftlichen Statement – ein Symbol von Macht, Glanz und unerschütterlichem Selbstverständnis.

Ungewöhnlich an unserer Sybilla Augusta ist also nicht nur ihr architektonisches Erbe, sondern auch ihre Position: In einer Zeit, in der Machtfragen fast ausschließlich Männersache waren, gelang es ihr, als Frau Einfluss zu nehmen – und Markgräfin zu werden. Lieben wir! Oder?


NEU

Auf meinem TikTok-Account kannst du dir das Schloss Favorite sowie alle anderen Highlights aus der Region im Videoformat ansehen.

Fußnote

  1. Der Kreuzer war eine kleine Münze im Heiligen Römischen Reich und später in vielen deutschen Staaten. Sie diente als Zahlungsmittel für alltägliche Dinge und hatte nur einen geringen Wert – vergleichbar mit ein paar Cent heute. ↩︎

Bebilderung

Das Porträt der beiden Schwestern unterliegt urheberrechtlich der Stadt Rastatt.
Das linke Bild des Florentiner Kabinetts: Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Günther Bayerl
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Reisen

Tag 1 in Porto: Das habe ich unternommen

Als ich in einem kleinen Zimmer in Porto aufwachte, wusste ich noch nicht, was mich an diesem Tag erwarten würde. Es regnete ziemlich heftig und ich ließ das Fahrrad stehen. Porto liegt auf einem ziemlich steilen Hügel und mit einem Fahrrad, dessen Bremsen nicht das Gelbe vom Ei sind, wollte ich diesen nicht erkunden. Also ging ich zu Fuß los. Was mir gleich auffiel, war diese entzückende Architektur: Kleine, rechteckige Häuser – bedeckt mit bunten Fliesen in allen möglichen Mustern und Farben. Ein wirklich schöner Ausflug für das Auge.

Eine Häuserreihe in einem steilen Gässchen der portugiesischen Stadt Porto. Bunte Vielfalt, Kopfsteinpflaster und parkende Autos.
Eine kleine Gasse in Porto. Hier sieht man schön, wie steil die Straßen dieser Stadt sind – und auch, wie lebendig die Architektur der kleinen Häuser ist.

Mein erster Tag in Porto verlief planlos

Planlos ging ich durch die Straßen, um das Leben der Portugiesen in Porto aufzufangen. Natürlich ist es anders, als in A Ver-o-Mar, wo ich die Tage zuvor verbracht hatte. Es läuft schneller, ist energischer und bunter. Ich sah viele schöne Menschen, kreative Geschäfte und diese freundlich lockende Kulisse des bunten Meeres aus Fliesenfassaden und roten Dächern. Ich ging in eine Gasse und landete plötzlich auf einem kleinen Aussichtspunkt neben der Igreja da Misericórdia. Ich sah über die gesamte Stadt bis nach Vila Nova de Gaia, während im Hintergrund der Regen rauschte und die Möwen ihre frechen Zwischenrufe absonderten. In diesem Moment wusste ich, dass der „ewig lange“ Weg von A Ver-o-Mar sich in jedem Sinne gelohnt hatte.

Blick über die portugiesische Stadt Porto. Zu sehen sind bunte Häuser, Kirchen, Kathedralen und Co.
Als ich die architektonische Pracht Portos erblickte, war ich kurz sprach- und atemlos. Man beachte nur die Harmonie, Ausgeglichenheit und den Farbreichtum der einzelnen Häuser.

Gefrühstückt hatte ich mitten in der Fußgängerzone. Wahllos ging ich in ein kleines Café und landete einen Volltreffer. Da Fußgängerzone, waren meine Erwartungen aufs Minimalste heruntergeschraubt. Um so mehr wusste ich den guten Kaffee, den ich dort bekam und das köstliche Pastel de Nata (oder Pastel de Belém) zu schätzen. Bestens gelaunt ging es weiter durch die Straßen von Porto.

Portugal: Diese Kirchen habe ich in Porto entdeckt

Wenn ich eine schöne Kirche sehe – dann gehe ich rein. Ich hatte bereits als Kind eine ausgeprägte Affinität für Gotteshäuser, ohne dabei besonders gläubig aufgewachsen zu sein. Klar, liebte ich es damals, mit meiner Mutter in Sochi in eine Kirche zu gehen, um Kerzen aufzustellen, russisch-orthodoxe Ikonen zu begutachten und den engelsgleichen Stimmen der Kirchensänger zu lauschen. Doch die Kunstgeschichte und die Auseinandersetzung mit den Besonderheiten von Kirchenbauten sowie auch Bibelinhalten hob dieses Interesse auf ein ganz anderes Level.

Also fand ich auch in Porto zwei Kirchen, die mich schwer beeindruckt hatten. Die erste fiel mir durch ihre beachtliche Größe und massive Architektur ins Auge – zumindest im Vergleich zu den zierlichen, farbenfrohen Häuschen, die sie umgaben. Es handelt sich hierbei um die barocke Igreja dos Clérigos mit dem zugehörigen Torre dos Clérigos. Das Innenleben ist an Detailreichtum kaum zu überbieten. Die güldene Orgel, rosafarbenen Säulen und die zart ausgearbeiteten Figuren aus Marmor verleihen der Kirche ihre Einzigartigkeit und geben einen schönen Einblick in den Glauben der Portugiesen im 18. Jahrhundert. Für 8 Euro kannst du das kleine aber feine Kirchenmuseum besuchen und auch den Turm hochwanden, von dem du die Stadt im Panorama-Modus sehen kannst. Hier geht’s zu den besten Aussichtspunkten in Porto.

Innenleben der Kirche Igreja dos Clérigos in Porto, Portugal. Auf dem Bild ist der Altar zu sehen, sowie auch  die charakteristischen barocken Säulen und Goldelemente.
Eine kleine Impression aus der Igreja dos Clérigos. Die barocke Pracht beeindruckt mit ihrer symmetrischen Meisterarbeit. Für mich war der portugiesische Charakter hier deutlich spürbar

Gold im Übermaß: In diese Kirche ging ich als nächstes

Die zweite Kirche zog mich mit ihrer mystischen Dunkelheit und der Menge an Gold in ihren Bann. Ich liebe diesen „Gold-in-die-Fresse-Effekt“. Diesen konnte ich hier gut auskosten, denn die Rokoko-Kirche Igreja Do Carmo hat genug davon. Wie mir ein junger Mann, der dort arbeitete, verriet, handelt es sich bei der inneren Gestaltung um Holzarbeiten, die zunächst rot und dann gold gefärbt worden waren. Die wunderbaren Spiralsäulen sollen dabei eine Hommage an die Vatikankirche sein. 

Die Rokoko-Kirche Igreja Do Carmo von innen. Dem Betrachter fällt gleich das viele Gold und die kleinen Detailarbeiten auf. Zwei Besucher haben sich auf die Bänke platziert und fotografieren die sakralen Künste.
Klein, aber fein: Die Igreja Do Carmo von innen. Hier fiel mir auf, dass in den meisten portugiesischen Kirchen, die ich besuchte, im Hintergrund der Gesang eines Kirchenchors läuft.

In der Igreja Do Carmo in Porto finden Besucher auch etwas, das nicht so ganz zum Rest der Kirche passt. Neben der filigran ausgearbeiteten Marmor-Figuren stehen hie und da auch Holzfiguren, die durch den entstehenden Stilbruch etwas vom Rest der Kirche herausragen. Laut dem jungen Mann soll es sich dabei um Holzfiguren aus dem 19. Jahrhundert handeln. Diese sollen dort irgend wann installiert worden sein und später ihre bunten Gewänder bekommen haben. Seinem Gesicht konnte ich entnehmen, dass er diese ebenso ästhetisch fand, wie ich. 

Hier habe ich in Porto gegessen

Zu Mittag aß ich in einem authentischen Restaurant – „Solar Minho de Vento“. Es gab frisch gefangene Sardinen als Vorspeise und Kabeljau als Hauptgang. Sehr klarer Geschmack, tolle Oliven und aromatisches Gemüse. Hier verstand ich, dass ich rote Paprika doch nicht so hasse, wie bisher vermutet. Zufrieden schlenderte ich weiter durch die Straßen in die Richtung des Museu Nacional de Soares dos Reis

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Reisen

Die Straßenkinder von Manila

In Manila hat bereits vor einigen Stunden die Dämmerung eingesetzt. Ich laufe wie immer relativ planlos durch die Straßen und werde von den bunten Lichtern vorbeifahrender Jeepneys geblendet. Lärm, Staub und kein fühlbares Anzeichen für Gefahr. Das entspannt mich in der Tiefe und ich befinde mich in meiner euphorischen Phase, in der ich die Stadt mit allen Sinnen einatme und eins mit ihr werde. Manches hier erinnert mich sogar an Vietnam. Das fast kindliche Interesse der Einheimischen, die kleinen schmalen Häuschen und natürlich diese warme Luftfeuchtigkeit, die mir das Gefühl gibt, mit ihr bereits in einem längst vergangenen Leben vereint gewesen zu sein.

Langsam fühle ich, dass ich Hunger habe. So richtig ans Essen habe ich mich hier noch nicht getraut. Immerhin ist das mein erster Abend auf den Philippinen und ich tu mich grundsätzlich schwer damit, Neues zu probieren. Bis mein Bus in Richtung Baler kommt, werden noch fünf Stunden vergehen. Also lasse ich mich von meiner Intuition treiben und laufe durch die nächtliche Menschenmenge. Dann gehe ich in eine Essbude, die sauber aussieht. Hier servieren sie Longsilog. Ein Frühstück, dass man sich hier zu jeder Tageszeit und beinahe überall holen kann: Knoblauchreis, zwei Spiegeleier, Würstchen, Ketchup. Handy laden verboten. In meiner Unsicherheit, ob mir der Akku bis zum Busbahnhof reichen würde, scrolle ich nervös durch Tiktok. Bis ich mich von zwei großen Augen beobachtet fühle.

Philippinos: Das schönste Lächeln der Welt

Ich setze von meinem Handy ab und erblicke ein zartes kleines Mädchen, das neben meinem Tisch steht und mich aus vollem Herzen anlächelt. Die Menschen auf den Philippinen haben das schönste Lächeln der Welt. Ich kann euch nicht sagen, warum. Und es liegt nicht zwingend daran, dass die aller meisten von ihnen einfach schneewüstenweiße Zähne haben. Es ist mehr als das. Sie lächeln dir direkt in die Seele und du kannst gar nicht anders, als es ebenfalls zu tun.

Das kleine Mädchen, nicht älter als sechs, redet mit mir in ihrer Sprache, mischt aber ein paar englische Wörter dazu. Sie sagt „money“ und deutet auf ihren Mund. Das Kind hat Hunger. Ohne Zögern schütte ich ihr alles, was sich in meinem Portemonnaie befindet, in die ausgestreckten Hände. Sie bedankt sich, zieht von dannen. Dann bleibt sie vor der Essbude stehen, dreht sich noch mal um und schenkt mir das süßeste Lächeln, das ich auf dieser Reise sehen würde.

Habe ich ein Kind in Schwierigkeiten gebracht?

Wieder voller Fokus auf Tiktok. Ich schneide mein erstes Manila-Video und schlürfe den köstlichen Kalamansi-Juice, den mir die freundliche junge Frau hinter der Theke empfohlen hatte. Dann höre ich einen Schrei. Ich springe auf. Es ist das kleine Mädchen. Ich sehe, wie ein Junge sie gegen den Baum drückt. Er hat sogar Verstärkung mitgebracht. Sie schreit erneut auf, lacht aber diesmal. Ich bin maximal verwirrt. Gemischte Signale kann ich überhaupt nicht deuten, habe aber stark das Gefühl, dass ich erst mal nicht dazwischengehen sollte. Dennoch halte ich mich bereit und bin mit den Augen und den Gedanken beim Baum da draußen. Er fordert von ihr das Geld, das ich ihr eben gab und versucht ihr in die Hosentasche zu greifen. Sie jedoch kann sich verteidigen und macht sich schnell aus dem Staub.

Mir wird richtig schwarz vor Augen. Was hab ich getan? Hat meine impulsive Fürsorge das Mädchen in Schwierigkeiten gebracht? Irgendwie will ich weinen, muss mich aber ordnen und wenigstens etwas aus der Situation lernen. Ich sitze also da und starre in die Leere. Es vergeht einige Zeit. Dann stehe ich auf und gehe.

Ein kurzer Spaziergang durch das nächtliche Manila

Wieder laufe ich durch die Straßen, durch die Menge. Ich komme an einem Gemüse- und Fischmarkt an. Manche Jungs dort wollen mit mir Selfies machen. Unter einer Bedingung mache ich mit: Im Gegenzug kriege ich auch ein Selfie mit ihnen. Sie sind einverstanden und strahlen freundlich in meine Frontkamera. Ich kaufe mir eine richtig verrückte rote Sonnenbrille am Straßenrand, weil ich meine verloren habe.

Ich scheine das rege Treiben zu verlassen und mein Bauchgefühl sagt mir: Lauf da nicht weiter rein ins Dunkle. Ich höre darauf und biege ab. Wieder Menschenmengen. Die einen warten auf ihren Jeepney, die anderen sitzen gelangweilt hinter ihren üppig dekorierten Obstständen, die dritten drängen sich aneinander vorbei und bleiben mit einem Grinsen stehen, wenn sie mein osteuropäisches Gesicht entdecken, das nicht so ganz zum sonnengeküssten Rest zu passen scheint. Mein Rucksack ist scheiße schwer, ich bin müde und will einfach nur noch ein Nickerchen im Bus machen.

Neue Begegnung mit Straßenkind: Geht meine neue Strategie auf?

In Gedanken versunken spüre ich warme feuchte Händchen an meinem Arm. Diesmal steht ein Junge im Vorschulalter vor mir und schaut zu mir herauf. So ein süßer Bengel. Aber es hat die Augenbrauen zusammengezogen und gibt mir den bösen Blick, obwohl die Händchen sich ganz sanft an mir festhalten. „Give me money!“, fordert er. Ich aber meine, aus meinem vorherigen Fehler gelernt zu haben. Und sage: „I can buy you food. What would you like to eat?“ Er lässt von meinem Arm ab und versucht in die Tasche zu greifen, die ich außer dem blöden Rucksack mit mir rumschleppe. Eigentlich ist er gar nicht blöd, ich hatte ihn bei jedem Städtetrip quer durch Europa dabei, deshalb hänge ich auch so sehr an ihm. Aber ich lenke ab.

Ich ziehe vorsichtig seine Hand aus meiner Tasche und sage streng: „Nooo“, und schüttle langsam meinen Kopf. Bevor ich wiederholen kann, dass ich gewillt bin, ihm etwas zu Essen zu kaufen, haut er ab und ruft mir, als würde er mich ein wenig beleidigen wollen, „American […]“ zu. Ich habe das zweite Wort akustisch nicht verstanden, war aber überrascht, dass ich für ihn wie eine Amerikanerin aussah. Ich lief weiter, gähnte zwischendurch und entschied, dass das meine neue Strategie werden würde, wenn die Kinder von Manila wieder Geld von mir fordern sollten. Ob es aber eine richtige ist, weiß ich jedoch bis heute nicht.

Schau hier auch vorbei: Das ist ein Eindruck, den ich in Baler hatte, der mir die Augen öffnete.


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  • Alle Bilder unterliegen dem Copyright von avecMadlen.com
  • Das Titelbild stellt keine Straßenkinder dar und dient lediglich als Symbolbild 🙂
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Kunst

Kandinsky hört Farben

Hörte Wassily Kandinsky Musik, während er seine Genialität auf die Leinwand brachte? Das werden wir womöglich nie erfahren. Was wir jedoch mit Sicherheit sagen können, ist, dass er sich von den Werken Wagners, Schoenbergs und Mussorgsky’s inspirieren ließ. Seine Erfahrungen beim Musikhören beeinflussten ihn und seine Kunst sehr stark. Klang wandelte er nämlich in Farbbewegung um und nannte seine abstrakten Bilder zudem auch „Impression“, „Improvisation“ oder „Komposition“ – Begriffe, die wir sonst nur aus der klassischen Musik kennen.

links: Improvisation 26 (Rudern), 1912
rechts: Große Studie zu einem Wandbild für Edwin R. Campbell (Sommer), 1914

Was hat es mit dem Hören von Farben auf sich?

Dieser Umwandlugsprozess ist weniger mystisch als psychologisch. In der Forschung gibt es sogar einen gesonderten Begriff dafür: Synästhesie. Also der Prozess einer automatischen Kopplungen zwischen zwei verschiedenen Reizen (etwa Chromästhesie: Klänge→Farben). Das kann zum einen an einer engen Verschaltung benachbarter Hirnareale liegen („cross-activation“), oder an einer Enthemmung bestehender Rückkopplungen („disinhibited feedback“). Zweiteres heißt so viel wie: Das Gehirn lässt Infos aus einem Sinnesbereich leichter in andere Bereiche fließen, statt sie zu stoppen. Manche Menschen haben das, manche nicht.

Mein lieber Schatz (ein Geiger) sagte mir neuerdings, er könne das. Was mich überhaupt dazu veranlasste, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Er meinte, meine Sprechstimme würde gülden klingen. Wenn ich lustig gelaunt sei, eher zitronengelb. Wenn ich sowas schon höre, erlebe ich natürlich den Höhenflug des Jahrtausends. Das muss ich hier an der Stelle ganz offen zugeben.

Natürlich ist nicht jeder so gebaut wie dieser Musiker. Aber die aller meisten von uns werden unterscheiden können was mit „warme Farbe“ oder „kühler Ton“ gemeint ist. Was ein warmer Klang ist und was etwa ein metallisches, kaltes Geräusch ist. Und das obwohl Temperaturen weder gesehen noch gehört werden können. Höchstens ihre Auswirkungen. Ihr wisst schon, worauf ich hinaus will.

Entwurf 2 zu Komposition VII, 1913

Wassily Kandinsky: Synästhesie oder doch nur Strategie

„Farbe ist die Taste, das Auge der Hammer, die Seele das Klavier mit vielen Saiten“, schrieb Kandinsky in „Über das Geistige in der Kunst“ (1911). Vor allem in der abstrakten Phase seiner Kunst lebt er dieses Prinzip und spielt mit der Leuchtkraft und Kombination seiner Farben, die beim Betrachter eine tiefe Emotionalität hervorrufen können. Ich für meinen Teil bin nach einer Kandinsky-Ausstellung sehr auf Endorphinen und erreiche ebenso einen aufgeladenen Zustand, wie nach einem guten klassischen Konzert. Aber ich bin, ihr kennt mich ja, sehr empfänglich für all sowas.

Inwieweit Kandinsky jedoch eine angeborene Synästhesie hatte oder einfach nur konsequent seine Vision der Farben und Klänge durchgedrückt hatte – darüber streitet sich die Forschung bis heute. Doch dass unser geliebter Künstler wirklich wenig Menschen kalt lässt, ist Tatsache. Unzählige Sammlungen und Ausstellungen auf der ganzen Welt, tausende Besucher, tausende Artikel und Kunstbücher, Postkarten, Drucke usw. sprechen meines Achtens ganz dafür, dass er wohl doch mit seiner Kunst in vielen von uns einen ganz bestimmten Punkt unserer Seele berührt, was sonst selten einer schafft.

rechts:  Improvisation 19, 1911
links: St. Georg III, 1911

Farbwirkung und Emotionalität

Kandinsky’s Absichten in der Malerei waren nicht nur ästhetisch geprägt, sondern spirituell-emotional. Mit seinen Farben und Formen wollte er gezielt im Betrachter ähnliche Gefühlsreaktionen auslösen wie Musik es tut. Er war überzeugt, dass Farben eine direkte „seelische Vibration“ hervorrufen können. Daher ordnete er Farben bewusst bestimmten Stimmungen und Klängen zu:

  • Blau steht bei Wassily Kandinsky für Ruhe, Spiritualität und Unendlichkeit.
  • Gelb hat eine exzentrische, hervorbrechende Wirkung und einen hohen, durchdringenden Klang.
  • Rot symbolisiert Energie, Leidenschaft und Dynamik, ist dabei jedoch eine sehr widersprüchliche Farbe in Kandinsky’s Werk. Sie kann sowohl eine warme, reife und energiegeladene Kraft als auch eine innere Unruhe und Erregung darstellen. Rot kann gleichzeitig stürmisch und aufpeitschend, aber auch bodenständig und ruhig sein, je nach Nuance und Kontext.
  • Schwarz und Weiß: repräsentieren Gegensätze wie Dunkelheit und Licht.

Außerdem nutze er bewusst musikalische Begriffe als Malstrategie. „Kompositionen“ waren bei ihm streng geplante, komplexe Werke, „Improvisationen“ hingegen spontanere, emotionale Farbklänge.


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Kunst- und Reiseimpressionen gibt’s jetzt auch im Video-Format: Hier geht’s zu meinem Tiktok-Account

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Reisen

Teneriffa: Einfach planlos durch die Gegend ziehen

Meine Reise nach Teneriffa schenkte ich mir zu meinem 30sten Geburtstag (21. April – safe the Date). Über dieses Geschenk habe ich mich sehr gefreut. Danke Madlen, dass du immer so großzügig bist. Du schlägst mir echt gar nichts aus (an dieser Stelle versuche ich witzig zu sein). Einen Plan hatte ich nicht, was ich an jenem besonderen Tag machen wollte. Bock hatte ich aber auf eine hübsche Geburtstagstorte mit 30 brennenden Kerzen, und darauf, in den erst besten Bus zu steigen und ihn erst dann zu verlassen, wenn mir die Aussicht besonders gut gefiele. Dies tat ich auch.

Teneriffa entdecken: Ich lasse den Zufall entscheiden

Nachdem ich alle Kerzen ausgepustet und ein Stück meiner Torte genossen hatte, stieg ich in einen zufällig gewählten Bus ein und an der Endhaltestelle aus. Dort befand mich in einem entzückenden kleinen Dorf, das aber gebietsmäßig immer noch zu Puerto de la Cruz gehört. Auch hier, wie überall auf der Kanarischen Insel, war die Natur atemberaubend. Ein gigantischer Drachenbaum hier, eine faszinierende Klippe da – ein Waldrand dort drüben. Absolut traumhaft.

Besonders liebte ich es, endlich mal ein Stück Kontrolle abzugeben. Rational veranlagte Menschen kriegen beim Lesen gerade womöglich die Krise. Ich hatte jedoch das starke Bedürfnis, den Zufall und meine Intuition entscheiden zu lassen, was mit mir passiert – und vor allem wo. Es war geil und es hat sich zu 100 Prozent gelohnt. Da ich ohne Internet auf dem Handy unterwegs war, war die ganze Reise gleich noch viel spannender.

Neue pelzige Bekanntschaft geschlossen

Nicht einen blassen Schimmer hatte ich, wo ich gleich lande, wenn ich die Nächste nach links abbiege. Ein kleiner Überraschungseffekt also. So landete ich in einer abgezäunten Gemeinschaft aus künstlerisch angelegten Gärten. Die dort arbeitenden Menschen wussten viel eher als ich, dass ich mich verirrt hatte. Dann, als ich aus diesem kleinen Paradies den Weg hinaus gefunden hatte, war ich nicht weniger ver(w)irrt. Ich passierte Häuschen über Häuschen, landete mehrmals in Sackgassen und entschied mich immer wieder dagegen, umzukehren, sondern bog in neue steile Gässchen ein.

In einer davon traf ich eine verschmuste Katze. Eine Glückskatze wieder mal. Einer meiner Journalistenfreunde sagte mal, dass die Glückskatzen immer besonders verrückt sind. Recht hatte er. Jedes Mal, wenn ich nun so eine treffe, denke ich an seine Worte. Liebe Grüße an der Stelle.
Die pelzige Kleine wollte mich gar nicht loslassen und rieb sich mit dem ganzen dicken Körper an meinen Beinen. Ich fand gefallen dran und verweilte ein wenig mit ihr. Als ich ging, geleitete sie mich mit ihren stillen Schritten bis hin zur Straße.

Wo bin ich denn da gelandet?

Die nächste Gasse, in die ich bog, führte steil abwärts. „Wenn mich der Weg nicht zu einem Strand führt, fange ich an, meinen Ausflug zu hinterfragen“, dachte ich mir. Hier sah ich zahlreiche Eingezäunte Grundstücke. Manche davon wahrscheinlich Ferienhäuser. Ich ging und ging. Ab durch einen Tunnel mit atemberaubenden Fresken – zugegeben: die Streetart hier auf Teneriffa ist einfach next Level.

Ich landete mitten auf einem Schrumepelkartoffelfeld. Und ich liebte alles daran. Weiter kam ich zu einem Wildpfad. Man überlege – ich habe diesen Pfad durch reinen Zufall, oder aber wahrscheinlich mit Gottes Hilfe, gefunden. Mir eröffnete sich eine Naturkulisse, die mir den Atem stocken ließ. Ich  traute meinen Augen kaum. Etwa 200 Meter (ich bin beschissen im Schätzen) über dem Meeresspiegel stand ich da und blickte in den Abgrund. Unter mir: Klippe, Schlucht, freier Fall, Atlantischer Ozean. Endlich fühlte ich wieder, wie es ist, glücklich zu sein.

Hier mein geliebtes Kartoffelfeld

Theatralisches Teneriffa: Klippen, Schloss und Ozean

Mitten in den Klippen stand ein verlassenes Schloss. Es sah aus, als sei es nie zu Ende gebaut worden. Und der Wildpfad führte mich panoramamäßig durch die unbeschreibliche Natur inmitten der üppig florierenden Klippen. Ich stand also da – neben mir die Möwen kreis(ch)end – und blickte auf die Schlossmauern herab; sah den Wellen dabei zu, wie sie unermüdlich gegen Felsen schlugen und ihr salziger Schaum sich darüber legte. Es war wie ein Fiebertraum. In diesem Moment dachte ich: „Mein Gott, das Leben hat doch so viel mehr zu bieten, als… [Diesen Teil habe ich bewusst rausgeschnitten.]“

Der Gedanke daran, dass das Leben auch andere Farben spielen kann, machte mich zufrieden. Damit etwas wachsen kann, muss meistens etwas anderes zuvor kaputt gehen.

Ich lasse meinen Geburtstag ausklingen

Nun denn. Als ich auf einer Aussichtsplattform ankam, hatte ich freie Sicht auf den „verbotenen Strand“, wie ich ihn getauft hatte. Von dort sah ich auch ganz genau, wie ich mich nach unten sneaken könnte. Hierfür war ein kleiner Umweg nötig, der wiederum auch atemberaubend schön war.

Am Ende des Tages trug ich dunkelroten Lippenstift auf und ging schick essen. Es gab, ihr ahnt es, Schrumpelkartoffeln! Mir dem Fang des Tages. Das war der schönste Geburtstag, den ich je hatte. Obwohl nicht der erste, den ich alleine verbrachte. Den 23sten feierte ich nämlich ebenfalls allein (aber ungewollt) und wurde zum Abend hin von der Polizei verhaftet hahaha. Aber das ist eine ganz andere Geschichte, die ich vielleicht ein andermal erzähle.


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Blog

Selbstbetrug durch kognitive Dissonanz

Heute sprechen wir über mein zurzeit geliebtes Thema: Kognitive Dissonanz. Gemeint ist damit der innere Zwiespalt, wenn sich zwei widersprüchliche Gedanken oder Gefühle gleichzeitig bemerkbar machen – ein innerer Kampf zweier Motive, der uns hin- und herreißt. Und während wir in jenem Zustand sind, stellt sich (hoffentlich) die leise Frage: „Was bin ich eigentlich für ein Mensch?“

Treten wir etwa nach außen hin überzeugt auf, während in uns Zweifel nagen, zeigt sich darin oft eine kognitive Dissonanz. Dieses unbewusste psychologische Phänomen tritt mit einem Spannungsgefühl auf. Es entsteht immer dann, wenn unser Denken, Fühlen und Handeln nicht im Einklang stehen. Doch was genau bedeutet das – und warum ist es so schwer, diese innere Spannung auszuhalten?

Kognitive Dissonanz: Ein Begriff aus der Psychologie

Den Begriff prägte der US-amerikanische Sozialpsychologe Leon Festinger im Jahr 1957. Seine Theorie besagt: Menschen streben grundsätzlich nach konsistentem Denken – also danach, dass ihre Überzeugungen, Einstellungen und Handlungen zueinander passen. Gerät dieses innere Gleichgewicht ins Wanken, empfinden wir Unbehagen.

Beispiele aus dem Alltag:

  • Eine Raucherin weiß, dass Zigaretten schädlich sind, raucht aber trotzdem.
  • Jemand will ein guter Partner sein, betrügt seine Verlobte aber mit 35 anderen Frauen.
  • Konsumenten kaufen ein überteuertes, aber prestigevolles Smartphone, das objektiv kaum mehr Funktionen bietet, und rechtfertigen dies später mit angeblichem „besserem Design“.
  • Eine Frau befindet sich seit Jahren in einer Beziehung mit emotionalen Missbrauch, leidet darunter, erkennt dies auch, doch beendet es trotzdem nicht.
  • Ein Vater schlägt sein Kind regelmäßig und erzählt ihm im Erwachsenenalter, er sei ein sehr schwieriges Kind gewesen.

Meine persönliche kognitive Dissonanzen:

Natürlich hat mein Verhalten seine Gründe und Ursprünge. Doch dadurch werden die Bedürfnisse, die in mir koexistieren nicht weniger widersprüchlich. Was ist hier also los?

Der Mensch versucht, seine Dissonanzen aktiv abzubauen – meist unbewusst. Das funktioniert etwa durch Rechtfertigung, Bagatellisierung1 oder das Ignorieren widersprüchlicher Impulse und Bedürfnisse.

Warum erleben wir Dissonanzen?

Da die Theorie auf der Annahme basiert, dass psychisches Wohlbefinden stark mit kognitiver Konsistenz2 verbunden ist, stellen Widersprüche zwischen Wissen, Überzeugungen und Verhalten eine Bedrohung für das Selbstbild dar. Die Folge: Menschen sind bereit, teils absurde Erklärungen zu akzeptieren oder Informationen zu verzerren, um den inneren Konflikt zu lindern.

Neurobiologisch lässt sich dieses Unbehagen sogar messen. Während einer Dissonanzsituation wird vor allem der anterior cinguläre Cortex aktiviert wird – ein Hirnareal, das an der Verarbeitung von Konflikten und Fehlern beteiligt ist.

Mechanismen der Dissonanzreduktion

Menschen nutzen verschiedene Strategien, um kognitive Dissonanz abzubauen:

  • Verhaltensänderung: Das eigene Handeln wird an die Überzeugung angepasst (Beispiel: Das Rauchen wird aufgegeben).
  • Einstellungsänderung: Überzeugungen werden angepasst, um das Verhalten zu rechtfertigen („So schlimm ist Rauchen gar nicht“).
  • Informationsvermeidung: Widersprechende Informationen werden ausgeblendet oder ignoriert.
  • Selektive Wahrnehmung: Nur Informationen, die das eigene Verhalten unterstützen, werden wahrgenommen.

Diese Anpassungsmechanismen dienen weniger der objektiven Wahrheitsfindung, sondern eher der psychischen Entlastung.

Kognitive Dissonanz im Konsum und in der Gesellschaft

Besonders in der Werbung und im Marketing spielt das Phänomen eine zentrale Rolle. Unternehmen nutzen gezielt das Bedürfnis nach Konsistenz:

  • Hochpreisige Produkte werden als „Lifestyle“ verkauft – wer sie nicht kauft, muss sich fragen, ob er „außerhalb des Trends“ lebt, außerhalb der Zugehörigkeit zum Kollektiv, das den meisten Menschen ein wohliges Gefühl beschert.

Auch in gesellschaftlichen Kontexten begegnet uns das Prinzip:

  • Menschen bleiben in Gruppierungen oder Ideologien, obwohl ihnen innere Zweifel kommen – aus Angst vor dem Verlust ihres Weltbilds oder sozialen Status.
  • Politische Polarisierung kann teilweise als Schutzmechanismus gegen kognitive Dissonanz verstanden werden: Informationen, die das eigene Weltbild in Frage stellen, werden abgewehrt.

Ein gesundes Maß an Dissonanz gehört zum Leben

Kognitive Dissonanz ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein zutiefst menschlicher Mechanismus. Sie hilft, ein konsistentes Selbstbild aufrechtzuerhalten und psychische Belastung zu vermeiden. Doch nur wer sich der eigenen Widersprüche bewusst wird, kann lernen, differenzierter und freier zu denken.

Psychologen raten: Statt jede Dissonanz sofort aufzulösen, lohnt es sich manchmal, das Spannungsgefühl auszuhalten. Es kann der Ausgangspunkt für persönliche Weiterentwicklung und echte Veränderung sein. Wird das aber zu intensiv, kann man sich die gegebene Situation auch aus unterschiedlichen Perspektiven ansehen:

Was genau bringt mir diese Kippe gerade? Beruhigt sie mich wirklich, oder ist sie der Ausdruck meines Suchtverhaltens? Was passiert, wenn ich in diesem Tempo so weiterrauche? Welche sofortigen Konsequenzen trage ich davon, wenn ich sie jetzt qualme? Wodurch könnte ich die Fluppe ersetzen? Gibt es eigentlich auch was Positives daran, bis auf das kurzfristige Gefühl der inneren Fülle? Welcher Mensch will ich sein? Einer, der raucht, stinkt und seiner Gesundheit schadet, oder einer, der dieses Problem in den Griff bekommen will und dies auch aktiv versucht?

No hate an die Raucher an dieser Stelle, ich rauche in bestimmten Lebenslagen selbst mal gerne eine. Meine Motive dahinter: Ich finde es ästhetisch ansprechend, wie das Zigarettchen da so elegant zwischen meinen Fingern glüht oder in anderen Szenarien auch meine ungeschliffene, maskuline Seite zum Vorschein bringt. Oder einfach nur nach außen trägt, wie verloren ich mich gerade fühle und mit sehnlichst wünsche, dass es von irgend einem anderen Lebewesen auf diesem Planeten bemerkt wird. Egal, welche Motivation dahinter steckt: Ich rauche, obwohl ich weiß, dass es mir schadet. Und das ist meine kognitive Dissonanz. Und was ist deine?


Artikelbild von Dasha Yukhymyuk auf Unsplash

Quellen:

Fußnoten:

  1. Bagatellisierung bedeutet, ein Problem herunterzuspielen; einen Fehler oder eine unangenehme Wahrheit kleinzureden oder als unwichtig darzustellen – obwohl es objektiv betrachtet durchaus bedeutend oder ernst sein könnte.

    Beispiele:

    Jemand sagt nach einem Autounfall: „War doch nur ein kleiner Kratzer“, obwohl der Schaden erheblich ist.
    In einer missbräuchlichen Beziehung: „Er hat mich angeschrien, aber ich kann das mittlerweile total gut ausblenden.“
    Oder die Raucherin: „Rauchen? Ach, mein Großvater hat auch geraucht und ist 90 geworden.“
    Oder ich, nachdem ich ein Törtchen inhaliert habe: „Ohne Törtchen fühlt sich die innere Leere in mir unerträglich an.“

    Bagatellisierung ist eine Strategie zur psychischen Entlastung. Etwa um Schuldgefühle zu vermeiden oder kognitive Dissonanz abzubauen. Das Problem wird verharmlost, um sich selbst besser zu fühlen oder um Kritik abzuwehren. ↩︎
  2. Kognitive Konsistenz bezeichnet in der Psychologie das innere Gleichgewicht eines Menschen, bei dem seine Überzeugungen, Einstellungen und Handlungen widerspruchsfrei und im Einklang miteinander sind.

    Im Zustand kognitiver Konsistenz:
    Passen Gedanken, Gefühle und Handlungen zusammen.
    Erlebt eine Person keine innere Spannung oder Unruhe.
    Das eigene Selbstbild bleibt stabil und logisch nachvollziehbar.

    Beispiel:
    Eine Person glaubt, Umweltschutz sei wichtig (Überzeugung).
    Sie fährt deshalb Fahrrad statt Auto (Handlung).
    Sie fühlt sich dabei gut (Gefühl).

    Alles passt zusammen – es besteht kognitive Konsistenz. Das Streben nach kognitiver Konsistenz gilt als ein grundlegendes psychologisches Bedürfnis, weil es das Selbstwertgefühl stabilisiert und emotionale Belastungen reduziert. Gerät dieses Gleichgewicht ins Wanken (etwa durch widersprüchliches Verhalten), entsteht kognitive Dissonanz. ↩︎
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