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Erich Maria Remarque: Dieses Buch verändert dich

Allen, die ich liebe, empfehle ich immer ein und dasselbe Buch: „Der schwarze Obelisk“ von Erich Maria Remarque. Dieser Ausnahmeautor gehört zu meinen absoluten Lieblingen im deutschsprachigen Raum. Schwierige Sachverhalte erklärt er einfach und mit Leichtigkeit. Seine Gabe, fesselnd, emotional und poetisch zu schreiben sowie den Zeitgeist seiner Lebensjahre wiederzugeben entführt mich jedes Mal aufs Neue in eine unbekannte Welt, die ich, trotz Themen wie Tod, Nationalsozialismus und Krieg, nicht verlassen will. Ich kann seine Bücher während eines Tages runterbingen und dabei die Welt um mich herum vergessen. Es ist erstaunlich, dass er beim deutschen Publikum derart unterschätzt wird.

Ein schwarzer Obelisk zur Veranschaulichung (Symbolbild). Hierbei handelt es sich um die Grabstätte des virtuosen Komponisten und Pianisten Frédéric Chopin. Copyright: IMAGO / Depositphotos

„Der Schwarze Obelisk“

Remarque veröffentlichte seinen Zwischenkriegs-Roman „Der schwarze Obelisk“ im Jahr 1956. Darin schildert er das Leben der Überlebenden des Ersten Weltkriegs und deren Schwierigkeiten, nach ihren Kriegserfahrungen ein „normales“ Leben aufzubauen. Die Handlung spielt vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise und der galoppierenden Inflation in Deutschland.

Der Roman ist eine thematische Fortsetzung von Remarques Werken „Im Westen nichts Neues“ und „Der Weg zurück“. Die Vorarbeiten zu „Der schwarze Obelisk“ leistete der Autor bereits in den 1920er- und 1930er-Jahren, parallel zu seiner Arbeit an „Drei Kameraden“. Wer diese Bücher direkt nacheinander liest, bemerkt den einen oder anderen Charakter aus einer neuen Perspektive – Gänsehaut, Leute.

Darum geht es in Remarques Roman

Die Geschichte wird aus der Perspektive des Ich-Erzählers Ludwig Bodmer erzählt und spielt im Jahr 1923 in der fiktiven Stadt Werdenbrück. Ludwig arbeitet als Grabsteinverkäufer und spielt gelegentlich Orgel im örtlichen Irrenhaus. Dort trifft er oft auf Geneviève Terhoven, die unter einer Persönlichkeitsstörung leidet. Ludwig empfindet eine mehr oder minder platonische Liebe für sie und philosophiert mit ihr.

Den Beruf des Grabsteinverkäufers führt Ludwig mit einer gehörigen Portion Sarkasmus aus – eine Haltung, die er sich während des Krieges angeeignet hat. Seinen Humor verpackt Erich Maria Remarque in seine Figuren teils trocken, teils schwarz, aber immer hochintellektuell und pointiert.

Der Erste Weltkrieg hat tiefe Spuren bei den Charakteren hinterlassen. Sie sprechen häufig über ihre Erlebnisse, die wir als Leser auch gut historisch verordnen können. Gemeinsam mit seinem Chef Georg Kroll führt Ludwig das Geschäft, das durch die Inflation immer schwieriger wird, obwohl uns während des gesamten Romans immer vor Augen geführt wird, dass Menschen fortwährend sterben müssen. Doch die aufeinanderfolgenden Krisen beeinflussen sogar dieses lukrative Geschäft, um nun bei der zynischen Ausdrucksweise der Protagonisten zu bleiben.

Erich Maria Remarques Umgang mit Frauen

Remarque reflektiert in seinem Werk auch die Überlebensstrategien der Menschen in dieser Zeit. Frauen suchen sich reiche Männer zum Heiraten, was zu Verwirrung und Eifersucht bei Ludwig führt, als er seine große Liebe an einen wohlhabenden Mann verliert. Wie in jedem seiner Romane zeigt er auch hier seine wunderbare Gabe, Frauen als mystische, intellektuelle und vielschichtige Wesen darzustellen. Ich spürte in jedem Wort, das er dazu nutzt, um Frauen zu beschreiben, wie sehr er sie liebt, respektiert und bewundert. Es ist zutiefst berührend.

Ein bedeutender Aspekt des Romans ist der aufkommende Nationalsozialismus, dargestellt durch einen Kriegerverein, der sich zunehmend nach rechts ausrichtet.

Gegen Ende des Buches tritt Ludwig eine Stelle bei einer Zeitung an und wird in Roggenmark bezahlt – einer Währung, die aufgrund der Hyperinflation diskutiert wurde.

Das letzte Kapitel bietet einen Einblick ins Jahr 1955 auf das weitere Schicksal der Figuren. Was mit den meisten Freunden Ludwigs während des zweiten Weltkrieges passiert ist, werdet ihr selbst herausfinden müssen.

Symbolik: Schwarzer Obelisk

Das zentrale Symbol des Romans ist ein schwarzer Obelisk aus Mikrogabbro, bekannt unter dem Kürzel „SS“. Dieser Grabstein wird einerseits als Warnung vor drohender Aufrüstung interpretiert, andererseits als Symbol bürgerlichen Herrschaftsanspruchs gesehen. Der Verkauf des Steins an eine Bordellbesitzerin verdeutlicht den Verfall bürgerlicher Werte. Das aber habe ich erst jetzt während meiner Recherche herausgefunden. Mind=blown.

Hier findest du ein Mini-Detail zum Mikrogabbro

Fälschlicherweise wurde dieser Naturstein wegen seiner Härte als Granit bezeichnet und in Deutschland als Schwarz-Schwedisch bekannt und mit „SS“ abgekürzt.

Der Protagonist Ludwig Bodmer weist viele autobiografische Züge von Remarque selbst auf. Beide waren nach dem Ersten Weltkrieg kurzzeitig Volksschullehrer, verkauften Grabsteine und spielten Orgel im Irrenhaus. Werdenbrück entspricht weitgehend Remarques Heimatstadt Osnabrück.

Erich Maria Remarques Schlüsselroman

„Der schwarze Obelisk“ wird oft als Schlüsselroman gelesen. Viele Figuren basieren auf realen Personen aus Osnabrück. Remarque verwendet diese historischen Anspielungen, um die Wurzeln des Nationalsozialismus im Kleinbürgertum seiner Heimatstadt offenzulegen.

Wenn ich du wäre, würde ich zunächst andere Werke Remarques lesen, falls nicht ohnehin schon passiert. Die perfekte Reihenfolge für mich war: Zeit zu leben und Zeit zu sterben – Arc de Triomphe – Im Westen nichts Neues (für alle die Bock auf Depressionen haben) – Die drei Kameraden und zu guter Letzt Der schwarze Obelisk, den ich immer und immer wieder lesen würde.


Beitragsbild Quelle: IMAGO / Bridgeman Images

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Reisen

Baler: Die Brücke die mich Demut lehrte

Der Tag am Strand von Baler war pure Träumerei. Ich lief, wohin das Auge reichte – bis es eben nicht mehr weiterging, weil ein Fluss meinen Weg kreuzte. Auf meinem Rückweg luden mich ein paar Fischerjungs zu einem köstlichen Mittagessen ein. Sie machten mir kleine Krebse und zwei verschiedene Fischarten. Dazu gab es eine leichte, hausgemachte Fischsuppe. Ich wiederum teilte meine Gemüsechips mit ihnen, die Gefallen fanden. Ihre Gastfreundschaft ging ins Herz.

Philippinen, Insel Luzon: Dieser Strand in Baler kam mir beinahe unendlich vor.

Brücke in Baler: Mein Weg zurück zur Unterkunft

Auf dem Rückweg lief ich über die Brücke, die abrupt endete. Begehen konnte man sie lediglich über zwei steile wackelige Bambusleitern an beiden Enden. Als ich zum ersten Mal mit diesen konfrontiert wurde, traute ich mir gar nicht zu, sie meistern zu können. Bereits beim vierten Mal hatte ich aber meine perfekte Technik, sie zu besteigen, voll und ganz entwickelt. Das ging sogar mit Flip Flops und einem schweren Rucksack.

Das, was die Brücke ausmacht, hab ich blöderweise nur auf Video festgehalten. Aber wofür gibt es denn eigentlich die gute alte Screenshot-Funktion? Man beachte die atemberaubende Aussicht.

Ich mutmaße mal, dass diese Brücke ursprünglich für den Verkehr gedacht war. Sie war sehr robust, aus Beton und groß genug, um Autos, Mopeds und Tricycles zweispurig zu dienen. Ihre beiden Enden könnten entweder einfach nie fertiggebaut worden sein, oder aber sie wurden von Taifunen weggerissen.

Philippinen: Menschen leben ohne fließendes Wasser

Auch unter dieser Brücke befand sich ein Fluss, der direkt ins Meer floss. Außerdem war da noch eine öffentliche Wasserquelle. Entweder wuschen die Dorfbewohner da sich selbst, ihre Kleider oder holten Wasser für Zuhause. Als ich dort kleine zierliche Mädchen sah, die Wasserkanister nach Hause schleppten, verstand ich, dass es in Baler durchaus Haushalte gibt, die kein fließendes Wasser haben.

Lief man nämlich am anderen Ufer des Flusses, lebten dort zwischen den Palmen die Menschen etwa in Zelten. Dort habe ich überwiegend Männer gesehen, daher denke ich, dass es Saisonarbeiter oder Fischer gewesen sein könnten. Das würde nämlich Sinn machen, weil am gleichen Ufer auch die ganzen Fischerboote angebunden waren. Und eines Morgens hörte ich sogar, wie sie allesamt mit ihren dröhnenden Motoren ausfuhren. Später fand ich bei den Einheimischen heraus, dass die Thunfischsaison begonnen hatte.

Baler: Die Begegnung, die mich als Mensch veränderte

Unter jener Brücke sah ich auch eine junge Frau, vielleicht etwas jünger als ich. Sie trug einen blauen Badeanzug und shampoonierte ihr Haar. Sie saß an dieser kleinen Wasserquelle. Unter ihren nackten Füßen war Erde – und sie hockte mittendrin. Ihr Blick hatte etwas von Hinnehmen und Aushalten. Er ging unter die Haut. Mir kommen sogar beim Korrekturlesen die Tränen. Im gleichen Moment fiel mir ein, wie ich noch vor sieben Tagen darunter zu leiden dachte, hier in Baden-Baden keine Badewanne in meiner Wohnung zu haben. Ich schämte mich leise.

Und obwohl in meiner Unterkunft kein gefiltertes Wasser aus dem Hahn lief, duschte ich an jenem Abend mit Dankbarkeit. Trübes Wasser hin oder her.


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Deep Rouge: Eine Ode an Erotik und Überschuss

Aus dem Nebel erscheint eine Grazie in Schwarz und betritt die Bühne. Ihr Charakter verkörpert den Zeitgeist Zentraleuropas der späten 1930er Jahre. Anmutig schreitet sie über die rote Bühne, während die Plastik ihrer Bewegungen französisch spricht und die Musik im Hintergrund an Marlene Dietrich erinnert. Ihr strenger, verführender Blick hat auch etwas Deutsches an sich. Er durchdringt den Körper des Zuschauers bis in die Zehenspitzen. Wie gebannt sind alle Augen im Salon auf sie gerichtet. Herrschaftlich registriert sie das und erwidert jene, die es würdig sind. Als die Spannung kaum auszuhalten ist, streift sie ihren rechten seidenen Handschuh ab und lässt ihn zu Boden fallen. Später würde sie ihrem Publikum einen Blick auf ihre makellose Porzellanhaut gewähren, die zunächst jedoch von einem Mieder mit güldenen Inkrustationen verdeckt blieb. Was dann im Salon Marlene passierte, hättet ihr mit eigenen Augen sehen sollen.

„Deep Rouge“-Showgirl Tara D’Arson

Tara D’Arson liebt das Spiel zwischen Fantasie und Wirklichkeit. „Wenn ich die Bühne betrete, bin ich eine andere – ich kann sein, wer ich will“, erzählt sie mir nach Showende. Der Moment, der ihr von jedem Abend in Baden-Baden bleibt, ist, als sie ihre Choreografie im Hosenanzug und Zylinder aufführt: „Ich merkte, wie die Zeit plötzlich stillstand.“ Ein Zustand, in dem sie eine unausgesprochene Verbindung mit ihrem Publikum eingeht und spürt, wie alles den Atem anhält. „Vor allem beobachte ich gerne die Paare im Publikum; wie sich etwas Elektrisierendes zwischen ihnen aufbaut. Ich liebe den Gedanken daran, dass sie Sex haben, wenn sie nach der Show nach Hause gehen“, sagt sie mir, während ich meinen Blick nicht von ihren zweifarbig schimmernden Augen abwenden kann.

Copyright: Tanja Dammert 

Tara genoss eine klassische Ballettausbildung, tanzte später Cabaret im Pariser Moulin Rouge und auf den Bühnen von Bordeaux. „Als ich zum ersten Mal eine Broulesque-Show erlebte, wusste ich, dass das meine Bestimmung ist.“ Zehn Jahre lebte sie in Berlin und arbeitete auch dort als Showgirl. Meine Frage, was sie auf der Bühne fühlt, beantwortet sie leidenschaftlich mit „everything“. Ihre Message an die Frauenwelt: „Jede hat diese erotische Energie in sich. Nur hat jede ihren ganz eigenen Weg, um sie nach außen zu tragen.“ Ihre Porzellanpuppenfigur verwöhnt die kürzlich gewordene Mutter mit viel Tanz, Yoga und Pilates; „everything soft“, formuliert sie. Zudem unterrichtet sie Heels, Broulesque und etwas Ballett.

Kulisse der „Deep Rouge“-Show war das Casino Baden-Baden. Entstanden aus der Kooperation von Rizzi & Co. und Industrial Theater verkörpert das neue Format etwas, was es in unserer Stadt noch nicht gab. Zumindest nicht zu meiner Zeit hier.

Venedig-Vibes mit der temperamentvollen Jacky Lu

Als die im üppigen Federkleid gekleidete Jacky Lu den Salon stürmt, wird es wild und zügellos. Sie hat nämlich das Temperament einer Diva, das Gesicht einer Pin-up-Malerei und den Körper eines Mannequins. Spielend flirtet sie mit dem einen Kopf kleineren Conférencier und zeigt uns das Funkeln der Strasssteine, die sie unter den pinken Federn trägt. Ihr Tanz scheint Spontanität und Freiheit zu verkörpern – der Blick verrät, dass sie jeden Moment davon genießt. Zusammen mit den Federn legt sie auch den letzten Funken ihrer gespielten Schüchternheit ab und beherrscht die rote Bühne mit ihrer lauten, unantastbaren Erotik.

„I enjoyed myself very much tonigt“, verrät sie mir später, „When I’m on stage, I feel like a queen, I feel like I own everything.“ Sie liebt die glühenden Blicke aus dem Publikum und fühlt sich bei jeder ihrer Shows wie ein vollkommen neuer Charakter. Wie Tara auch, liebt Jacky Lu es, verschiedene Rollen zu spielen, die sie während ihrer Auftritte zu erschaffen scheint. Jede ihrer Shows ist daher anders, oft tanzt die Künstlerin freestyle, obwohl sie sich auch an die Choreographien hält, die ihre kleine Schwester für sie konzipiert. Währenddessen kreiert die große Schwester ihre Bühnenkostüme. Die DNA ihrer Designs ist im venezianischen Carneval verankert. Draußen trägt Jacky Lu meistens Baggy – auch diesen Stil feiert sie. Die, buchstäblich, glanzvollen Roben hebt sie sich aber für die Bühne auf.

Ich frage sie, was wir Nicht-Showgirls tun können, um unsere Erotik zu entfachen. Sie gibt mir eine Anleitung zum ausprobieren: „Schließ deine Augen, hab Spaß, mach deine Lieblingsmusik an und stell dir vor, du würdest für jemanden Tanzen, den du richtig gern hast.“

Carlo geleitet uns mit seinem Wiener Charme durch den Abend

Einen festen Platz in der Late-Night-Show hat auch der zierliche Conférencier Carlo aus Wien. Bescheiden beschreibt er sich selbst als „den roten Faden“ des Abends. Dabei nimmt er sowohl die Rolle eines Showmans als auch die eines Zuschauers ein. Nachdem er die Tänzerinnen ankündigt und sie die Bühne zum Leben erwecken, positioniert er sich im Raum und schaut ihnen mit gewisser Theatralik zu – etwa in einer güldenen Badewanne.

Sein Ziel ist es, dem Publikum Freude geben. Er verpackt es in eine Metapher: „Ein Glas zu zerbrechen ist einfach. Eines herzustellen ist die schwierige Aufgabe und erfordert seine Zeit.“ Doch der Artist in vierter Generation weiß genau: „Wenn die Menschen im Publikum sitzen, lassen sie alles hinter sich.“ Alle Nachrichten, Krisen, Medien – all die Reizüberflutung, der der moderne Mensch ausgesetzt ist. Mitten in der Show wirft er ein: „Eine Stadt, in der keine Orgie stattfindet ist eine tote Stadt.“ Meine Augen weiten sich.

Auf ein Wort mit Regisseur Enno-Ilka Uhde

„Eine Orgie kann auch eine Baustelle sein“, löst Regisseur Enno-Ilka Uhde auf. Meinen ersten interpretativen Gedanken fand ich zwar lustiger, der wahre Sinn dieser Phrase ist jedoch auch ganz schlüssig. Für ihn ist „Kunst immer Politik“ und seine Shows seien voll davon. Für die meisten Zuschauer allerdings oft ungreifbar, da subtil hineingeflochten. In der Musikwahl etwa finden wir Indizien dafür: „Die Stücke aus Klassik, Rock, Jazz und Elektro gehen abrupt ineinander über. Der Zuschauer kann nicht erahnen, was als nächstes kommt – wie im Leben selbst.“ Uhde scheint gut damit leben zu können, dass seine versteckten Botschaften nicht bei jedem ankommen und betont: „die Künstler verstehen es aber.“

Ob das die Magie hinter seiner Show ist, können wir nur erahnen. Als er die folgende Phrase ausspricht, muss ich lange in die Leere starren, bis ich wieder auf der Erde ankomme: „Das Überschüssige ist das höchst Notwendige.“ Damit brachte er die Atmosphäre dieser Nacht auf den Punkt und hielt auch mir ganz unverhofft einen kleinen Spiegel hin. Ich fragre ihn, was in ihm passiere, wenn er eine Show, die vorher nur in seiner Fantasie lebte, in die Realität umsetzt. „Depression.“ Wieder weiten sich meine Augen. „Wenn die Show stattfand, ist sie tot.“ Der einzige Weg, mit diesem Schmerz umzugehen, sei es, die nächste Show zu schaffen.

Copyright: Tanja Dammert 

„Deep Rouge“ geht schon bald in die nächste Runde

Die nächste „Deep Rouge“-Show wird es im Salon Marlene schon bald wieder geben. Hier gehts zum Veranstaltungskalender und den Tickets. Vielleicht haben die Gäste auch bei den kommenden Shows das Vergnügen, ein paar Worte mit dem Gastgeber Maurice Schreck zu wechseln. Für ihn wird die Einführung der Late-Night-Show zum Erfolg. „Wir sind happy“, teilt er mit Blick nach vorne und will erstmal noch tiefer in die Materie der Dinnershows einsteigen.

An dieser Stelle verabschiede ich mich von euch, da ich nämlich hohen Besuch erwarte. Und wenn ihr bald auch unsere Stadt beehren wollt, um Jacky Lu und Tara D’Arson live zu erleben, dann nehmt euch am besten Zeit für euren unvergesslichen Abend und die Nacht im Casino Baden-Baden. Zieht eure prunkvollsten Ornate an, trinkt an der Bar, verspielt euer Geld beim Blackjack und Poker, genießt die Show, lauscht den Cellos von Sia und Vassily Bystroff, dem Gesang von Liangliang und geht anschließend im Club Bernstein tanzen. Wir wissen ja, was Enno-Ilka Uhde uns zum Thema Überschuss erzählt hat.

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Kunst

Impressionismus: Max Liebermann im Frieder Burda

Das Frieder Burda Museum in Baden-Baden stellt derzeit das Werk von Max Liebermann im Kontext mit dem deutschen Impressionismus aus. Diesmal kann ich guten Gewissens sagen, dass das die wohl beste Ausstellung seit Langem war, die das Frieder Burda zusammengestellt hatte. Geht unbedingt hin, sie läuft noch bis zum 8. Februar 2026.

Besonders gut gefiel mir diesmal die Präsentation der Bilder. Wahlweise war die Wandfarbe ausgesprochen harmonisch gewählt, sodass eher schlichte Bilder sehr gut zur Geltung kamen. Auch gab es viele Tafeln neben den Gemälden, die vorikonographisch bis ikonographische, manchmal sogar ikonologische Beschreibungen lieferten. Die waren sehr aufschlussreich und schön formuliert. Allerdings entschieden sich die Kuratoren dafür, das Material der Arbeiten außen vor zu lassen. Ich meine, das Frieder Burda macht diesen Kunstgriff des Öfteren. Mich triggert er enorm, hat aber eine tiefere Bedeutung: meistens tun Kuratoren uns das nämlich an, damit das Werk samt seiner Wirkung für sich steht, anstatt dass wir gleich dazu eingeladen werden, es technisch zu analysieren. Ob das nun aber auch die Absicht im Frieder Burda war, weiß ich (noch) nicht.

1. Heinrich Hübner, Rittersporn (1913). Für alle, die sich nach der Haftbefehl-Doku fragen, wie Rittersporn aussieht 😛
2. Sabine Lepsius, Mädchen im Sonntagskleid (1914)
3. Lovis Corinth, Die Lesende (1911)

Frieder Burda: Exklusive Einblicke in Privatsammlungen

Viele Gemälde kamen aus Privatsammlungen, was bedeutet, dass wir sie sonst kaum zu Gesicht bekommen. Das steigert die Exklusivität dieser Ausstellung enorm. Gezeigt werden dabei nicht nur Arbeiten von Max Liebermann, sondern auch von Lovis Corinth, Max Slevogt und Fritz von Uhde. Ergänzt wird das Ganze um einige Werke von Malern, die weniger bekannt sind: darunter Dora Hitz, Philipp Franck, Friedrich Kallmorgen, Gotthardt Kuehl, Christian Landenberg.

Die Bilder von Lovis Corinth ragten für mein ästhetisches Empfinden besonders hervor. Anders als viele andere Impressionisten arbeitet er viel mit gedämmten Farben, spielt auf seine ganz individuelle Weise mit Schatten und Lichteinfall und zeigt uns eine Pinselstrich-Dynamik, die sich deutlich von den anderen Exponaten dieser Ausstellung unterschied. Jedes Gemälde, vor dem ich innehalten musste, war von Corinth. Somit konnte ich also einen (für mich) neuen Künstler entdecken, über den ich mehr erfahren will und vielleicht demnächst sogar etwas publiziere. Und mehr kann man sich von einer Ausstellung eigentlich gar nicht wünschen. Es gab sogar zwei Gänsehautmomente. Diese beiden Gemälde haben es mir besonders angetan:

Impressionismus in Deutschland

Das Frieder Burda beschreibt den „Impressionismus in Deutschland“, so heißt nämlich die Ausstellung, als eine der einflussreichsten Bewegungen der europäischen Kunstgeschichte. Die etwa 100 Leihgaben, die dort gezeigt werden, belichten diese Thematik. Es ist sozusagen die Deutsche Variante einer Stilrichtung, die ihren Ausgangspunkt in den 1860er Jahren um französische Künstler wie Claude Monet und Pierre Auguste Renoir gefunden hatte. Im Fokus steht natürlich Max Liebermann (1847–1935), der der Künstlerbewegung zum Durchbruch verhalf.

So wie diese Ausstellung war (und immer noch ist) sollten alle Ausstellungen im Frieder Burda aufgebaut sein. Das ist meine Traumvorstellung. Denn für Corinth und Liebermann und den Impressionismus im Allgemeinen kommen Kunstkenner auch mal von weiter weg nach Baden-Baden. Bitte mehr davon <3

Die Ausstellung „Impressionismus in Deutschland“ könnt ihr hier mit  „I Feel the Earth Whisper“  vergleichen. Beide wurden im Frieder Burda ausgestellt. Welche spricht euch mehr an?

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Kunst

Barock: Wie du die prunkvolle Epoche sofort erkennst

Üppige Gemälde, güldene Altäre und theatralische Schnörkel-Elemente – der Barock macht keine halben Sachen. Wer einmal weiß, worauf er achten muss, wird diese opulente Stilrichtung überall entdecken: in Kirchen, Schlössern, auf Gemälden und in der Musik.

Der Trevibrunnen (italienisch Fontana di Trevi) ist ein Monumentalbrunnen auf der Piazza di Trevi vor dem Palazzo Poli in Rom. Er wurde in den Jahren 1732–1762 vom Architekten Nicola Salvi für Papst Clemens XII. geschaffen und gilt als Meisterwerk des Barock.
Der Trevibrunnen auf der Piazza di Trevi in Rom. Er wurde in den Jahren 1732–1762 vom Architekten Nicola Salvi für Papst Clemens XII. geschaffen. Foto von Mike Hsieh auf Unsplash

Was ist Barock?

Der Barock ist eine Kunstepoche, die etwa zwischen 1600 und 1750 in Europa vorherrschte. Sie entstand im Anschluss an die Renaissance und wurde vor allem von der katholischen Kirche als Antwort auf die Reformation gefördert. Ziel war es, durch prunkvolle, emotionale Kunst, Gläubige zu beeindrucken und zu inspirieren. Das Wort „Barock“ stammt vermutlich vom portugiesischen barroco – eine unregelmäßig geformte Perle – und war zunächst abwertend gemeint.

Foto von Mohadese Rezaei auf Unsplash

Checkliste: So erkennst du die Stilrichtung auf den ersten Blick

  1. Dramatik und Bewegung: In der Malerei wie in der Architektur ist nichts statisch. Figuren sind in Bewegung, Emotionen stark, Licht und Schatten wechseln sich in dramatischen Kontrasten ab.
  2. Prunk und Pracht: Goldverzierte Altäre, aufwendig geschwungene Formen, üppige Deckenmalereien… Barock ist niemals schlicht. Er will beeindrucken.
  3. Zentrale Perspektive: In vielen barocken Werken wird der Blick des Betrachters in die Tiefe gezogen, oft auf einen göttlichen Mittelpunkt hin.
  4. Theatralik: Barock liebt das Spektakel – ob auf der Bühne, im Kirchenraum oder im Schlossgarten. Alles ist inszeniert.
  5. Vergänglichkeit und Ewigkeit: Häufige Themen sind Tod, Erlösung, die Macht Gottes; aber auch weltlicher Reichtum und die Eitelkeit des Lebens (Vanitas-Motive).
Foto von Antonio Sessa auf Unsplash

Wichtige Stationen des Barock

  • 1600: Beginn der Epoche in Italien, vor allem durch Maler wie Caravaggio (berühmt für sein dramatisches Licht).
  • 1610–1680: Hochbarock mit Künstlern wie Gian Lorenzo Bernini (Architekt des Petersplatzes in Rom) und Peter Paul Rubens, dem belgischen Maler voller Bewegung und Sinnlichkeit. Hier kannst du Rubens‘ Venus sehen. Für mich ist sie die Verkörperung einer barocken Schönheit.
  • 1700–1750: Spätbarock, in Deutschland auch als Rokoko bekannt – hier wird alles noch verspielter und dekorativer, etwa im Schloss Sanssouci in Potsdam.
  • In der Musik: Komponisten wie Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel oder Antonio Vivaldi prägen das barocke Klangbild. Meine Musiker erzählen mir gerne, dass sie Barock lieben, weil er sich so schön interpretieren ließe, etwa im Gegensatz zu Romantik. Wie genau sie das meinen, verraten sie mir jedoch nie.
Mein persönlicher Favorit: Caravaggios Judith

Barock erleben: Wo du die Spuren der Epoche sehen kannst


Quellen:

  • Deutsche Digitale Bibliothek / Themenportal Barock
  • Museum Barberini Potsdam – Einführung zur Barockkunst
  • Wikipedia (de/en) – Artikel „Barock“ + Einzelbiografien (Rubens, Caravaggio etc.)

Titelbild von RUT MIIT auf Unsplash

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Kunst

Hans Baldung: Lots heilig-unheilige Töchter

Mit einem einzigen Blick auf dieses Gemälde wird der Betrachter in ein heilig-unheiliges Spannungsfeld versetzt. Ich beschreibe heute eines meiner aktuellen Lieblingsbilder in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Als ich sie das letzte Mal besuchte, hing dieses Bild dort noch gar nicht, um so überraschter war ich, es direkt vor mir zu sehen. Es geht um Hans Baldungs Lot und seine Töchter um 1535/1540, Mischtechnik auf Holz.

Ikonographie: Hans Baldungs Lot und seine Töchter

Hans Baldung, auch Grien genannt, bekam den Namen, weil er am liebsten mit grüner Farbe hantierte, was auf diesem Bild nicht zu sehen ist. Die Farbtöne bewegen sich im Bereich Elfenbein, Rot, Schwarz. Im Vordergrund sehen wir einen weiblichen Akt auf einer Liege, den Schambereich bedeckend, geschmückt mit güldenen Kettchen, Perlen und einem Ring. Über ihr steht ein Mann mit einem Gefäß in der Hand, aus dem er trinkt. In schwarz-weiß sehen wir eine weitere weibliche Figur, ebenfalls unbekleidet. Sie nimmt hier eine beobachtende Rolle ein und blickt hinter einem Vorhang hervor. Auf der rechten Seite des Gemäldes sehen wir ein kleines Weinfass, im Hintergrund eine brennende Stadt. Bei genauerem Hinsehen entdecken wir eine weiße Salzsäule.

Die Gesamtheit dieser Elemente, eine Bildinschrift in der oberen Bildhälfte, sowie auch der Titel des Gemäldes deuten darauf, dass es Lot und seine beiden Töchter sind. Ein Blick ins Buch Genesis im Alten Testament gibt uns Aufschluss. Nach der Zerstörung von Sodom und Gomorra, den beiden Städten die sinnbildlich für moralischen Verfall und Gottes Strafe stehen, flieht Lot mit seiner Frau und den beiden Töchtern in eine Höhle. Auf dem Weg da hin blickt die Frau zurück auf die brennende Stadt, obwohl zwei Engel ihr dies deutlich untersagt haben. Die Folge: Sie erstarrt zu einer Salzsäule. Aus Angst, dass ihre Familie aussterben könnte, berauschen die Töchter ihren Vater nacheinander mit Wein und zeugen so Kinder mit ihm. Die Nachkommen werden als die Völker Moab und Ammon angesehen.

Hans Baldung Grien: Lot und seine Töchter (1535/1540)

Kunsthistorische Einordnung des Gemäldes

In der Kunstgeschichte wird das Motiv häufig genutzt, um Themen wie Verderbtheit, Inzest, göttliches Gericht und moralische Ambivalenz darzustellen. Es erlaubt Künstlern, sowohl narrative als auch erotische Elemente in biblischer Rahmung zu thematisieren, oft mit Betonung von Schuld und Sünde. Typologisch sehen wir hier das jüngste Gericht. Dieses wird mit dem farbintensiven Feuer im Hintergrund, der roten Farblichkeit im Vordergrund des Bildes sowie auch mit der Sünde, die durch die Gesamtheit dieser Atmosphäre geschaffen wird, untermauert.

Hans Baldung: Die Epoche und ihr Schönheitsideal

Der weibliche Blick aus dem Bild heraus zeigt uns eine Darstellung, die in der Renaissance üblich war. Mit diesem Blick wird auch der Betrachter zum Verführten. Stilistisch deutet das Bild auf Hans Baldungs spätere Werke. Da er hier seinen Hang zur stilisierten Körperdarstellung auskostet. Er malt ein Schönheitsideal mit überlangen Beinen, kleinen, weit auseinanderliegenden Brüsten und diesem elfenbeinfarbenen Inkarnat. Es erinnert uns ein kleines bisschen an Lucas Cranach d.Ä.; sogar das Frisürchen und die Katzigkeit des Frauengesichts könnte ein Indiz dafür sein, dass Baldung sich von Cranach inspirieren lassen hat.

Der Kontrast zwischen Lot uns seiner älteren Tochter verdeutlicht die Ungleichheit zwischen diesem Paar. Sie bleich, jung und nackt, er dunkleres Inkarnat, angezogen, alt. Es tangiert die Thematik des „ungleichen Paares“, die wir von Greisen und geldinteressierten Dirnen kennen, jedoch trifft nicht ganz zu. Denn statt des Geldes wollen die beiden Töchter Kinder.

An dieser Stelle müssen wir uns fragen: Warum ist dieses Bild dermaßen erotisch geladen? Wir sehen, wie der Künstler eine Atmosphäre schafft, indem er viel mit Farbkontrasten (hell zu dunkel), Blicken, in denen wir das Verbotene erkennen, Rottönen und Schmuck auf nackten Körpern spielt. Die Schmuckelemente deuten übrigens darauf, dass die Auftraggeber adelig oder gar hochadelig waren. Die ältere, hell hervorgehobene Tochter im Vordergrund erinnert uns sogar an die Liebesgöttin Venus. Was Baldung vermittelt, kommt jedenfalls stark bei uns an. Warum macht er das? Es ist eine inzestuöse Thematik, die mit einem hohen Grad an Erotik und Ästhetik präsentiert wird. Musste das sein? Ich denke, Ja.

Hans Baldung erschütterte durch die Darstellungsweise seiner späteren Werke die spätmittelalterlichen Glaubensvorstellungen. Stellen nun eine kleine Verbindung zu Baldungs Skandalmadonna mit den Papageien her. Auch sie stellte der Künstler in einer höchst sinnlichen Atmosphäre da. Eine solche Nacktdarstellung biblischer Figuren war seinerzeit unzulässig. Seine Bilder wurden teilweise aus den Kirchen verbannt (etwa in Straßburg), doch er machte weiter. Denn er malte für die jene Kennerkreise, die diese Art der Darstellung zu schätzen wussten.

Um es mit anderen Worten zu sagen: Die Kraft er Erotik in der Madonna mit den Papageien lässt den Betrachter eine unberührte Lebensspenderin nicht nur sehen, sondern erleben. So empfinde ich es persönlich auch bei den Töchtern Lots. Die Sinnlichkeit lässt uns Betrachter erst spüren, welcher Versuchung Lot ausgesetzt war.

Klicke hier, um mehr über die gezeigte Madonna mit den Edelsteinen zu erfahren.

Lot und seine Beiden Töchter: Zerstörung des Bildes

Kommen wir nun zum Offensichtlichen: Das Bild wurde mittels Säge zerstört. Man sägte so, dass beide Töchter als separate Bilder verwertet werden konnte. Die Wissenschaft ist sich allerdings noch nicht einig, weshalb man das Gemälde zerstört hatte. War es zu provokant? Oder war man der Meinung, dass mehrere kleine Baldungs mehr Geld einbringen würden, als ein großer?

Im Frühjahr 2019 kaufte die Kunsthalle Karlsruhe jedenfalls die drei Fragmente, die bislang aufgetaucht sind. Man hofft, dass auch die jüngere Tochter bald auftaucht. Derzeit ist eine schwarzweiße Fotografie an der leeren Stelle des Gemäldes eingesetzt.


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Künstlicher Marmor: Imitat wertvoller als Original?

Die Technik, über die wir heute sprechen, verblüfft seit Jahrhunderten mit ihrer Schönheit – und ist dabei eine Illusion. Scagliola, auch bekannt als Gipsintarsien, ist eine kunstvolle Methode, um edle Gesteine wie Marmor nachzuahmen. Statt echtem Marmorstein kommen hier ein paar Zutaten zum Einsatz: Anhydrit, eine Form von Gips, wird mit Leimwasser vermischt. Dieses besteht meistens aus Perl- oder Knochenleim, also tierischem Bindematerial. Die Masse wird mit Farbpigmenten wie etwa gemahlenem Lapislazuli oder Granat angereichert, kräftig durchgeknetet und modelliert. Weil Anhydrit nur langsam aushärtet und der Leim diesen Prozess zusätzlich verzögert, bleibt genug Zeit, um die Mischung zu formen und kunstvoll ineinanderzuwirbeln, bis sie wie Marmor aussieht.

Anschließend wird die fertige Masse in etwa ein Zentimeter dicke Scheiben geschnitten und auf eine Unterlage, etwa Mauerwerk, aufgetragen. Wenn der Anhydrit zu Gips ausgehärtet ist, wird er grob geschliffen, Fehlstellen ausgespachtelt und die Oberfläche mit immer feiner werdenden Schleifsteinen geschliffen. Anschließend wird das Ganze aufpoliert.

Um es also auf den Punkt zu bringen: Künstlicher Marmor ist in seiner Herstellung extrem aufwendig und es werden (Halb-)Edelsteine beigemengt. Das macht das ganze besonders exklusiv.

Die Epoche des künstlichen Marmors

Diese Art Stuckmarmor gab es schon in der Spätantike, jedoch fällt seine Blütezeit in den Barock. Große Flächen dieses künstlich hergestellten Marmors finden wir etwa im Rastatter Residenzschloss oder im Schloss Favorite. Die Herstellung des „künstlichen Marmors“ war manchmal tatsächlich teurer als echter Marmor. Dennoch bevorzugten manche Baumeister Stuckmarmor für ihre Projekte, da sich mit ihm Farb- und Musterspiele erzeugen lassen, die natürlicher Marmor nicht bietet (z. B. blauer Marmor mit ockergelben Einfärbungen). Zudem können beliebig große Flächen hergestellt werden.

Scagliola im Wandel der Zeit

In Europa sind die ältesten Scagliola-Platten aus der Zeit um 1600 überliefert. Zu einem Zentrum dieses Kunsthandwerks entwickelte sich München. Viele Objekte schmücken die Münchner Residenz. Herzog Maximilian I. beanspruchte das fürstliche Privileg über die Scagliola-Technik. Die Marmoristen und Stuckateure durften ihr Wissen nicht unerlaubt weitergeben. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts kam Stuckmarmor schließlich aus der Mode.

Im 21. Jahrhundert gibt es noch einige Restaurierungsbetriebe, die Stuckmarmor herstellen und ausbessern können. Stuckmarmor hat, neben der aufwendigen Herstellung, jedoch einige weitere Nachteile. Er ist nicht so hart wie echter Marmor (eignet sich daher beispielsweise nicht für stark beanspruchte Treppenbeläge) und ist nicht wetterfest, da Leim und Gips wasserlöslich sind. Schön, kostspielig und nicht alltagstauglich – so haben wir’s doch am liebsten.


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Kunst

Barock zum Staunen: Das verbirgt sich im Rastatter Schloss

Wer nach Rastatt kommt, um nach Barock zu suchen, wird schnell fündig. Auch ich war dort auf den Spuren dieser Epoche. Besonders beeindruckt hat mich das Barockschloss. Ich ging in den vergangenen Jahren, als ich noch in Rastatt lebte, etliche Male daran vorbei, doch wusste es noch nie so richtig zu schätzen. Nun sollte sich das aber ändern: ich würde es auch mal von innen sehen. Das können alle. Betreten werden darf das Schloss allerdings nur im Rahmen einer Führung. Diese kostet 8 € (ermäßigte 4 €).

Einblicke ins Rastatter Schloss

Unsere Gruppe lauschte den Geschichten vom höfischen Leben und der Architektur. Die Dame, die uns durch die barocken Räumlichkeiten führte, teilte ihr Wissen mit einer solch ansteckenden Leidenschaft – es war einfach schön. Ich lernte viel von ihr. Ihre Art zu erzählen war aufregend und lebendig, sodass ich bei dieser Führung am liebsten gleich noch mal mitgemacht hätte.

Im Schlossinneren angekommen deutete sie auf eine Muschelarchitektur und sagte: „Die Muschel ist das Symbol des Barocks.“ Zudem spielte die Barock-Perle, eine unebene, meistens tropfenförmige Perle, eine Schlüsselrolle in der Epoche. Sie ist die Quelle der Ästhetik, die den Barock ausmacht und wurde als das Ideal angesehen. Ihre Struktur spiegelt sich oftmals in all den innen- und außenarchitektonischen Schnörkeleien und Verzierungen wider.

Die Muschel: Oft als Indiz für barocke Architektur zu deuten.

Rokoko im Barockschloss

Wir befanden uns im ehemaligen Einfahrtsbereich des Schlosses. Einer Art „Kutschen-Tiefgarage“ für Gäste, die einfuhren und dabei incognito bleiben wollten. Eine pompöse Deckenarchitektur im Stile des Rokoko begrüßte uns und blickte beinahe spöttisch auf uns herab. Rokoko erkennt man daran, dass die Zierelemente nicht so gleichschenklig sind wie die im Barock. Darüber hinaus ist es kantiger, unebenmäßiger, herausragender.

Dann ging es die Treppen hinauf. Die Dame zeigte uns pompöse doppelte Decken, güldene Verzierungen, Statuen, Reliefs und Gemälde. „Die große Pracht war dazu da, um die Gäste klein zu halten.“ All das war eine Hommage an die griechische Mythologie. Obwohl der Glaube christlich war, ließen die Architekten hier die Griechen hochleben – sie formten ihre Götter aus Stein und mindestens einen sogar aus Bronze. Schließlich galt der christliche Gott als unantastbar und durfte strenggenommen nicht dargestellt werden.

Fakten zum Schloss: Bauherr und Co.

Im größten und prächtigsten Raum des Schlosses, dem Ahnensaal, stießen wir auf noch mehr eindrückliche Elemente des Rokoko. Zahlreiche Fresken schmückten die meterhohen Wände. Sie zeigen nicht nur die Vorfahren des Bauherrn, sondern auch viele gefangene Osmanen. Diese Darstellungen sollten den Besuchern vermitteln, dass der Markgraf von Baden-Baden – auch bekannt als „Türkenlouis“ – als siegreicher Feldherr der Christenheit galt. Er wurde als jener gefeiert, der Europa vor den Osmanen beschützt hatte.

Ahnensaal im Barockschloss Rastatt

Der Markgraf residierte zu Lebzeiten im Schloss Rastatt. Es wurde ab 1697 nach den Entwürfen von Domenico Egidio Rossi erbaut. Zuvor hatte er zusammen mit seiner Frau Franziska Sibylla Augusta von Sachsen-Lauenburg im Neuen Schloss in Baden-Baden gelebt. Dieses war jedoch von französischen Truppen niedergebrannt worden. Eine neue Residenz musste her.

Franziska Augusta Sibylla und Ihre Schwester Anna Maria Franziska. Unbekannter Künstler.

Das Residenzschloss Rastatt wurde nach dem französischen Vorbild Versailles gebaut. Ganz Europa schaute auf die Machtfülle des französischen Monarchen und versuchte diesem nachzueifern.

Macht: So wurde sie im Barock repräsentiert

Mit dem Bau des Rastatter Schlosses verfolgte Ludwig Wilhelm ein ehrgeiziges Ziel: Er wollte die Kurwürde erlangen. Nachdem ihm trotz seiner militärischen Erfolge – sowohl in den Türkenkriegen als auch am Rhein – die erhofften Ehren verwehrt blieben, setzte er stattdessen auf repräsentative Architektur. Das prachtvolle Schloss sollte seine Machtansprüche sichtbar untermauern.

Allzu viel hatte Ludwig Wilhelm selbst jedoch nicht von seiner Residenz. Die meiste Zeit verbrachte er im Feld. Bereits 1707 starb er an den Folgen einer Kriegsverletzung.

Dieses Barockjuwel zeigt eindrucksvoll, wie Architektur, Macht, Kunst und Geschichte miteinander verbindet. Du kriegst von Schlössern nicht genug? Hier geht’s zu der atemberaubenden Münchner Residenz.


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Die Öffnungszeiten und alle andere Infos rund um deinen Besuch des Rastatter Schlosses findest du hier.

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Reisen

Eine Reise durch Portugal: Póvoa de Varzim mit allen Sinnen

Sturm, Regen, heulender Wind: In Portugal neigte sich der November seinem Ende zu. Um den meterhohen Wellen des Atlantischen Ozeans näher zu sein, begab ich mich auf den gigantischen Wellenbrecher in Póvoa de Varzim. Ich war so gerne dort, dass ich auch meine Bekanntschaft, die ich später kennenlernen würde, dort hin brachte.

Am Ende des Wellenbrechers stand ich schon beinahe mitten im Ozean. Die Wellen türmten sich vor mir auf und zerschlugen auf dem mit Algen bedeckten Beton in hunderttausende Tropfen, die ich auf meinem Gesicht spüren konnte. Der Blick in die Ferne brachte nur noch mehr aufkommende Wellen, während die Luft nach Salz und der kalten frische des Atlantischen Ozeans roch.

Portugal, Atlantischer Ozean: Ein kleines Fischerschiff fährt auf See hinaus. Im Hintergrund sieht man die Stadt Póvoa de Varzim.
Hier sah ich, wie die Tiefseefischer auf See hinausfuhren. Ich hätte einiges dafür gegeben, um dort an Bord gewesen zu sein.

Während ich in Portugal war, vergaß ich Frankfurt

In meinen Ohren machte sich das laute Rasseln der mächtigen Wassermengen breit. Im Hintergrund hörte ich eine Fischverkäuferin am Strand, die die Möwen mit ihrer Krücke abwehrte. Wahrscheinlich rief sie den Vögeln, die es auf ihre Fische abgesehen hatten, die eine oder andere Drohung zu. Da sich die Szene auf portugiesisch abspielte, kann ich die Bedeutung ihrer Zurufe nur erahnen.

Mal schlug der Regen mehr in mein Gesicht, mal weniger – doch das Salz der Atlantik konnte er nicht von mir spülen. Mit dem Blick in die hundert Blautöne des Ozeans spürte ich, wie ich alles vergaß, was auf mich in Frankfurt wartete. Ich würde mich erst wieder daran erinnern, wenn ich in Frankfurt landen würde.

Am Ende eines Wellenbrechers in Póvoa de Varzim, Portugal, steht ein kleiner, rot-weiß gestreifter Leuchtturm. Im Hintergrund befindet sich der Arlantische Ozean mit seinen großen Wellen.
Diesen kleinen Leuchtturm sah man nachts bis nach A Ver-o-Mar.

Póvoa de Varzim: Dieses Restaurant hat mich überwältigt

Am Abend war es an der Zeit, mich verwöhnen zu lassen. Ich entschied mich für das Restaurant Marinheiro in Póvoa de Varzim und trudelte dort am Abend ein. Mich erwartete dort der charmante Oberkellner, eine tolle Location und guter, schwerer Rotwein aus Portugal, wie ich ihn gerne habe. Als kleine Vorspeise wurden Riesengarnelen serviert. Ich schmeckte heraus, dass die Biester noch um die Mittagszeit im Ozean herumlungerten. 

Das Restaurant Marinheiro in Póvoa de Varzim, Portugal: Vier aneinander gereihte, leuchtend orange-rote Riesengarnelen scheinen in die Kamera zu starren, während sie auf einem Teller liegen.
Der Tisch war großzügig gedeckt und die Spezialitäten des Hauses waren traditionell und einzigartig im Geschmack.

Die Hauptspeise ließ danach auch nicht lange auf sich warten. Ich entschied mich für die Rotbrasse, die mir glasiertem Kohl und anderem Gemüse serviert wurde. Filetiert wurde der Fisch sehr elegant am Tisch. Der Service war aufmerksam und freundlich, während die Rotbrasse zart und leicht war. Als Dessert bestellte ich Pão-de-ló de Ovar – ein Biskuit-Küchlein, das entfernt an ein Soufflé erinnert, das ich mache, da wahrscheinlich die gleiche Eiermenge drin ist. Ich werde dieses Restaurant nie vergessen. 

Zurück zum Hotel ging ich zu Fuß, denn es hatte endlich aufgehört zu regnen. Auf dem Weg lernte ich einen Straßenkater kennen, der sich zunächst an mich ran kuschelte, dann aber mit voller Wucht in meine Hand biss. Ich nehme ihm das nicht übel.

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Kunst

Egon Eiermann baut die geilsten Türme Frankfurts

Als ich zum ersten Mal in Frankfurt aufwachte, erblickte ich die Türme von Egon Eiermann. Ich musste gleich ehrlich zu mir selbst sein: Die Konstruktion der beiden architektonischen Meisterwerke war bei Weitem das Beeindruckendste, das ich seit langer Zeit gesehen hatte. Und das, obwohl ich die Architektur vergangener Epochen viel besser kenne und, zugegeben, auch schätze. Bis zu meinem letzten Tag in Frankfurt fuhr ich aufgeregt an der Station „Börostadt Niederrad“ vorbei, weil man dort die Eiermann-Türme direkt aus der Straßenbahn heraus bestaunen kann.

Laut „stadtkindfrankfurt.de“ soll Egon Eiermann zu den einflussreichsten deutschen Architekten der Nachkriegszeit gehören. Seine beiden Türme in Frankfurt soll er erst im späten Abschnitt seines Lebens für die Firma Olivetti konstruiert haben. Olivetti ist ein Unternehmen, das heutzutage Computer, Bürogeräte und -maschinen sowie Anwendungssoftware herstellt.

Eiermann-Türme in Bürostadt-Niederrad in Frankfurt.
Es ist unfassbar, wie filigran der Architekt seine beiden Türme konstruiert hat. Zum Zeitpunkt der Konstruktion hatte er nur eine begrenzte Fläche, die er nutzen durfte. Das flache Gebäude in der Mitte der beiden Türme, das wir hier im Bild sehen, beeinflusste die Bauweise stark.

Die beiden Bauwerke wurden erst zwei Jahre nach dem Tod von Egon Eiermann fertiggestellt. Dass die extravagantesten Türme Frankfurts direkt am Stadtwald grenzen, intensiviert den Kontrast zwischen Naturkulisse und einer Architektur, die nicht von dieser Welt zu sein scheint.

Die Vita des Egon Eiermann

Egon Eiermann wurde am 29. September 1904 in Neuendorf bei Berlin geboren. Seine architektonische Reise begann er nach dem Abitur an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg, wo er – man ahnt es – Architektur studierte. Während seines Studiums hatte er das Privileg, von herausragenden Lehrern wie Heinrich Tessenow und Hans Poelzig unterrichtet zu werden, von dem er später auch als Meisterschüler anerkannt wurde.

Nach dem erfolgreichen Abschluss seines Studiums im Jahr 1927 trat Egon Eiermann seine erste Anstellung im Baubüro der Karstadt AG in Hamburg an. Seine Fähigkeiten und sein Talent als Architekt blühten dort auf und ebneten den Weg für eine herausragende Karriere. 1931 wurde er selbstständiger Architekt und kehrte nach Berlin zurück.

Eiermann: Das macht den Architekten aus

Die Jahre von 1931 bis 1945 waren geprägt von Egon Eiermanns unermüdlichem Schaffen und seiner Leidenschaft für die Architektur. Während dieser Zeit schuf er Werke, die seine innovative Denkweise und sein strenges Designprinzip widerspiegelten. Seine Entwürfe und Projekte zeichneten sich stets durch Klarheit, Funktionalität und zeitlose Eleganz aus.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eröffneten sich für Egon Eiermann neue Möglichkeiten. Im Jahr 1947 wurde er zum Lehrstuhl für Architektur an der Technischen Hochschule Karlsruhe berufen. In dieser Position konnte er sein umfangreiches Wissen und seine kreativen Ideen an die nächste Architektengeneration weitergeben. Neben seiner akademischen Laufbahn etablierte er auch sein eigenes Architekturbüro in Karlsruhe.

Fun Fact: Am KIT gibt es ihm zu Ehren sogar einen Egon-Eiermann-Hörsaal. Dort finden Vorlesungen der Architektur und Kunstgeschichte statt.

Egon-Eiermann-Türme im Frankfurter Stadtteil Niederrad.
Allein dafür lohnt es sich nach Frankfurt zu kommen. Traurig finde ich, dass die Grünfläche um die beiden Türme herum immer weiter verwahrlosen, obschon in den Gebäuden noch etwas Leben herrscht.

Eiermann stirbt – doch hinterlässt bleibenden Eindruck

Eiermann verstarb 1970 im Alter von nur 65 Jahren in Baden-Baden. Trotz seines viel zu frühen Todes hinterließ er ein beeindruckendes Erbe in der Welt der Architektur.

Seine Werke und sein Einfluss auf die moderne Architektur sind auch heute noch lebendig und inspirierend für kommende Generationen von Architekten und Designer. Egon Eiermann wird nicht nur für seine herausragenden Bauten, sondern auch für seine unermüdliche Hingabe an die Architektur in Erinnerung bleiben.


Quellen: stadtkindfrankfurt.de und egon-eiermann-gesellschaft.de

Bilderrechte: avecMadlen.com

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