Die Schreibtischkante ist kaum noch zu sehen. Bücher stapeln sich neben dem Haufen Stiften und Pinseln, irgendwo dazwischen liegen ungelesene, wenn nicht gar ungeöffnete Briefe, und in der Ecke ruht eine angefangene Flasche armenischen Cognacs. Für manche ist das der blanke Horror. Für andere ist es ein fruchtbarer Nährboden. Kreatives Chaos wirkt aufgeräumten Seelen wie ein Angriff auf die Effizienz – dabei ist es für viele Gemüter das Gegenteil: ein funktionierendes System aus Impulsen, Ideen und Intuition.
Ordnung suggeriert Kontrolle. Sie vermittelt, dass alles seinen Platz hat und nichts aus der Reihe tanzt. Das klingt nach Ruhe und Klarheit. Aber nicht jede Idee gedeiht im Reinen. Wer schreibt, malt, komponiert oder entwirft, kennt das Gefühl: Die besten Gedanken kommen nicht, wenn alles perfekt sortiert ist. Sie entstehen oft mitten im Durcheinander – dort, wo man nichts erzwingen kann.
Die Wissenschaft hinter dem kreativen Durcheinander
Eine Untersuchung der University of Minnesota soll gezeigt haben, dass Menschen in unaufgeräumten Räumen zu unkonventionelleren Lösungen greifen. Eher als ihre ordnungsliebenden Kollegen. Chaos regt offenbar das Denken abseits gewohnter Bahnen an.
„Wenn ein voller Schreibtisch ein Zeichen für einen vollen Geist ist – was sagt dann ein leerer Schreibtisch über den aus?“ Dieses Zitat wird häufig Albert Einstein zugeschrieben. Auch Steve Jobs oder Frida Kahlo waren nicht gerade für ihre minimalistische Umgebung bekannt. Sie schufen zwischen Farbtuben, Notizen, Technikschrott oder zerknüllten Papieren. Was wie Nachlässigkeit wirkt, ist oft Ausdruck einer inneren Dynamik, die Raum braucht.
Kreatives Chaos: Zwischen Impuls und Instinkt
Kreativität ist kein linearer Prozess. Sie lebt von Störungen, vom Wechsel, von der Symbiose scheinbar widersprüchlicher Dinge. Nicht zuletzt lebt sie sogar von Depression. In einem aufgeräumten Raum bleiben die Gedanken oft dort, wo sie auch gestern waren. Ein wild durchmischter Haufen alter Zeitschriften hingegen kann plötzlich zur Inspirationsquelle werden. Ein vergessenes Foto, das beim Aufräumen auftaucht, kann eine neue Geschichte erzählen.
Dabei geht es mir nicht darum, Unordnung zu romantisieren. Dauerhaftes Chaos kann belasten, blockieren oder sogar krank machen. Aber ein gewisses Maß an Unstrukturiertheit kann helfen, aus eingefahrenen Routinen auszubrechen. Wer jeden Tag am selben Schreibtisch sitzt, dieselbe Tasse benutzt und dieselbe To-do-Liste abarbeitet, produziert oft nur noch Vorhersehbares. Kreative Prozesse brauchen Luft, Reibung und Überraschung. Sie lieben Ortswechsel, Planänderungen, Fehlentscheidungen.
Nicht jede Form von Chaos ist kreativ. Der Unterschied liegt in der Haltung. Wer bewusst ein bisschen Unordnung zulässt, um Verbindungen zu erkennen, Ideen zu entwickeln oder sich treiben zu lassen, schafft eine produktive Umgebung. Das kann sogar ein simples Moodboard sein, das hin und wieder neu bestückt wird. Oder ein Regal, in dem Bücher nicht nach Alphabet, sondern nach Gefühl sortiert sind. Auch digitale Unordnung – unzählige offene Tabs oder ein wild beschrifteter Desktop – kann ein solches System bilden. Na, erkennst du dich wieder?
Was für andere wie Kontrollverlust aussieht, ist oft ein funktionierendes Netzwerk aus Inspiration, Recherche und Emotion. Entscheidend ist, ob man sich darin zurechtfindet – oder aber die Fassung vollständig verliert.
Doch Vorsicht: Unordnung kann zwar kreative Prozesse anregen – doch sie ist kein Allheilmittel. Rainer Holm-Hadulla, Psychotherapeut und Kreativitätsforscher an der Universität Heidelberg, warnt: „Man darf nicht nur Chaos in sich haben, sondern braucht auch Struktur und Gewohnheit, um sich auf Chaos einlassen zu können.“ Das kreative Potenzial entfaltet sich also nicht im völligen Durcheinander, sondern in einem kontrollierten Spannungsfeld zwischen Ordnung und Freiheit. Balance ist nun mal der Schlüssel zu allem Guten – wie in vielen anderen Lebensbereichen auch.
Mein erster Tag in Malaysia war aufregend. Ich spürte die Vision der Architekten und Stadtplaner. Diese futuristischen Gebäude könnten unterschiedlicher kaum sein. Gleichzeitig harmonieren sie auf einem ganz anderen Level miteinander.
Die Stadt ist sauber, es gibt eine Hochbahn (Monorail), viele Restaurants, Geschäfte und Moped-Werkstätten. Die Einheimischen empfingen mich freundlich. Die Malaien und die meisten Chinesen waren mir gegenüber korrekt, empathisch und ich habe mich in deren Gesellschaft sicher und willkommen gefühlt. Als Frau ist es nicht immer ohne, alleine durch die Welt zu reisen. Aber es macht viel zu viel Spaß, als dass ich jemals darauf verzichten könnte.
Bis auf ein paar merkwürdige Situationen, die sich im weiteren Verlauf meiner Reise durch Malaysia massiv häufen würden, fand ich alles ziemlich cool. Naja, fast.
Das erste Horrorhotel in Malaysia
Mein Hotel sah nicht wie auf den Bildern aus. In so einer Absteige habe ich noch nie genächtigt. Zumindest nicht bis zu diesem Tag. Was ich nicht wusste (aber ihr wisst es jetzt): hier in Malaysia gibt es in den aller meisten Städten eine Touristen-Taxe. Plus: es ist üblich, dass die Hotelbetreiber einen Geldbetrag als Pfand verlangen. Vor der Abreise kriegt man den wieder.
Diese Prozesse zogen sich in die Länge, was mir missfiel. Ich war dehydriert, rote Fresse, hatte mich eben erst mit dem Grab-Fahrer gezankt – komplett gejetlagt. Das Zimmer war nicht bezugsfertig. Man ließ mich dennoch rein. Noch während ich meinen aufs Ambiente bezogenen Schock verarbeitete, klopfte es natürlich an der Tür. Ein Mann trat ein und zeigte mir, dass meine Dusche nicht funktionierte. Er fing an, darin rumzustochern. Ich fragte zwischendrin, ob ich Bettwäsche kriegen würde. Würde ich nicht. Während er die Dusche reparierte, spritzte das Wasser quer durch das gesamte Zimmer. Daraufhin musste die Situation dringlichst verlassen.
Dafuq… Habs dennoch durchgezogen xD. Spoiler-Alarm: das war nicht das schlimmste Hotel, das mir in Malaysia unterkam.
Kuala Lumpur: Mal ehrlich, ohne Chaos wäre es doch langweilig
Während ich da so stand und die Stadtsilhouette vom Hotelflur beobachtete, musste ich schmunzeln. Eine chaotische Anreise gehört einfach zu meinen unverzichtbaren Ritualen. Ihr erinnert euch: In Vietnam landete ich einfach mal in der falschen Stadt, auf Teneriffa fand ich mein Hotel gar nicht und hatte auch kein Internet, um danach zu suchen und auf den Philippinen ging mir sowieso der Allerwerteste auf Grundeis.
Love ya
Die Zeit rannte. Irgendwann zog ich den Mann aus meinem Zimmer und den Zimmerschlüssel aus seiner Hand, um mich umzuziehen und anschließend Malaysias Hauptstadt mit ihren über zwei Millionen Einwohnern näher kennenzulernen.
In einer Obsthalle
Ich ging planlos durch die heißen, von der Mittagssonne gezeichneten Straßen Kuala Lumpurs. Wie auch schon in den anderen Teilen Südostasiens, fiel ich hier auf. Ich sah eine Markthalle und ging hinein. Asiatische Märkte sind ein Vibe. Die Farben, Düfte, Spezialitäten… Jedes Mal ein unvergleichliches Erlebnis.
Rambutan
Die Händler waren freundlich und setzten mir, anders als auf den Philippinen, keine Touristenpreise auf. Sie ließen mich Marian Plum („Mini-Mango“) probieren – köstlich. Wie Mango, nur um einiges geschmacksintensiver und aromatischer. Die sauren Noten waren pointierter, die Süße war üppiger. Die Schale rundete das Ganze mit einer leichten Herbe ab. Ich kaufte. Dann nahm ich noch Rambutan, das ich bereits aus Vietnam kannte, und Salak (Schlangefrucht) mit. Salak war geschmacklich bahnbrechend. Ich hab selten etwas gegessen, das eine so harmonische und gleichzeitig breite Geschmackspalette in sich trug. Dabei war die Textur auch sehr, für mich zumindest, extraordinär. Die Frucht erinnerte mich an Jackfruit, aber gehaltener und tiefer. Weniger glibschig und faserig, dafür glatt von angenehmer Festigkeit. Wobei ich glibschig auch total abfeier.
Was ich in Malaysia nicht probiert hatte ist Durian. Bereue ich es? Ein wenig. Hierbei handelt es sich um diese Frucht, die so sehr stinkt, dass man sie weder in Hotels noch in Taxis mitnehmen darf. Und das hat mich ehrlich gesagt ein wenig abgeschreckt. Ich probierte es mit einem Durian-Wassereis, aber auch das konnte ich nicht essen. Wegen des Geruchs, versteht sich.
… und dann diese Begegnung
Ich zog von dannen. Ein älterer Mann in der Nähe des Marktes versuchte mir irgendetwas anzudrehen. Ich lehnte dankend ab und ging weiter, ohne mich umzudrehen. My bad. Er ging mir hinterher. Plötzlich zerrte er an meinen Haaren. Das war unerwartet, creepy und auch ziemlich schmerzhaft. Meine Reaktion war überraschend kontrolliert. Mein Unterbewusstsein beschloss wohl kein all zu großes Fass aufzumachen, da es nicht einschätzen konnte, wozu der Mann sonst noch fähig war.
Ich brauchte ein paar Minuten, um auf die Situation klarzukommen. Ich wolle es nicht dramatisieren, aber ich empfand es durchaus als gewaltsamen Angriff auf meine Intimsphäre. Das sind genau die Momente, die nicht passieren würden, wenn ich mit einem Mann unterwegs gewesen wäre. Irgend etwas musste ich aber daraus lernen. Mir wurde etwa klarer, wie sehr ich den Umgang deutscher Männer mit mir liebe und schätze. Ich fühle mich gesehen, respektiert und ernstgenommen. Mehr als Mensch, weniger als Frau, allerdings. Damit kann ich aber arbeiten. Also buchstäblich arbeiten haha.
Die Stadt pulsierte. Ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Die höchst ästhetische Zusammensetzung der Architekturwerke verschiedener Bauphasen hier halte ich für ein Phänomen. Wie noch nie zuvor hatte ich das Gefühl, dass die einzelnen Gebäude in einem Dialog zueinander stehen. Sie vervollständigen sich gegenseitig und ihre Einwirkung aufeinander verändert sich mit jedem einzelnen, die perspektivische Sicht verändernden Schritt durch die heißen Straßen. In solchen Momenten wünsche ich mir so sehr, mich wenigstens ein kleines bisschen mit Architektur auszukennen. Aber den Wunsch erfülle ich mir: ab nächstes Semester gönn ich mir Architektur im Nebenfach.
Die nackte Frau auf der Straße
Als ich weiter ging sah ich eine Frau am Boden liegen. Ich hab mir nichts dabei gedacht, denn ich hatte am frühen Nachmittag viele Leute auf dem Boden liegen sehen. Jedes Mal unsicher, ob sie sich von der drückenden Hitze erholen, oder ob sie Obdachlos sind. Viele von ihnen waren nämlich gut und sauber gekleidet. Als ich aber nähertrat, erkannte ich zunächst die langen braunen Beine und kurz darauf den entblößten Schritt. Es war schauderhaft. Für Kuala Lumpur ist das wohl ganz und gar nicht die Norm. Aber wie in jeder anderen Großstadt gibt es auch hier einen Gesellschaftsrand.
Die Frau bewegte sich. Vorüber gingen neugierige Männer. Einer davon blieb stehen, überlegte, ging weiter, blieb wieder stehen, schaute sich um, näherte sich wieder. Ich hatte einfach wahnsinnige Angst, dass sie, sobald es dämmert, sexueller Gewalt ausgesetzt sein würde. Ich ging in einen nahegelegenen Laden und kaufte ihr eine Hose und eine Flasche Wasser. Als ich wieder bei ihr war, reagierte sie nicht. Aber sie bewegte sich. Ihr Kopf war, anders als der Körper, zugedeckt. Unter der Decke murmelte sie etwas. Ihr Bauch sah aus, als sei sie mehrfache Mutter. Sonst war ihre goldbraune Haut glatt und nicht älter als meine.
Ich legte die kleine Tüte vorsichtig neben sie und entfernte mich. Dann wählte ich den Notruf 999. Merkt euch diese Zahl, wenn ihr in Malaysia seid. Dort verwies man mich an die Rufnummer 103. 103 war nicht oder nicht mehr erreichbar. Fuck. Ich suchte einen verantwortungsvoll aussehenden Erwachsenen. Und fand ihn bei Domino’s Pizza. Ich entschied mich gezielt für einen Konzernmitarbeiter, weil etwa ein Ladenbesitzer, so meine Erfahrung, seinen Laden eher nicht für eine Frau in Not schließen würde. Ich führte den freundlichen jungen Mann den ganzen Weg zurück. Dort hin, wo die Frau lag. Als er in etwa drei Metern Nähe war, blieb er stehen und winkte ab. Ich sah, dass er sie wohl kannte. „She’s crazy“, sagte er. Einen ID hätte sie auch nicht. Man kenne sie in diesem Teil der Stadt. Er ging zurück auf seine Arbeit. Ich blieb stehen und überlegte.
Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich davon ablassen durfte. Die Situation bekam nicht unter Kontrolle, auch wenn ich es so sehr wollte. Der Anblick der nackten Frau am Boden schneidet mir eine Wunde ins Herz. Ihr Anblick trifft mich in etwa so schwer, wie die Erfahrung mit den Straßenkindern in Manila.
Kuala Lumpur: Ein verrückter Tag neigt sich dem Ende zu
Ich brauchte langsam eine Pause von meinem Tag voller Kontraste und ging zurück zum Hotel. Unten im Gebäude befindet sich ein Kashmir Restaurant, das ich bereits Vormittags ins Visier genommen hatte. Hausgemachte Küche mit scharfem Wumms, sehr schmackhaft. Habe es genossen. Während ich da saß, fiel der erste Regen seit meiner Ankunft in Malaysia. Während unter seiner Gewalt alles abkühlte, wuchs in mir der Wusch empor, die Stadt im nassen Zustand kennenzulernen. Also spazierte ich planlos durch die Straßen, bis es dunkel wurde. Bevor ich schlafen ging, wollte ich nochmal nach der Frau sehen. Sie lag dort nicht mehr. Und die kleine Tüte war auch weg. Am nächsten Morgen reiste ich weiter nach Ipoh.
Was kann ich abschließend sagen? Ich liebe Kuala Lumpur. Es war gut, es war verrückt, es war ein bisschen gefährlich. Es war eine emotionale Achterbahnfahrt. Aber vor allem war es ein Tag, an dem ich deutlich das durch meine Adern fließende Leben gespürt habe. Deshalb werde ich ihn niemals vergessen.
Mit der Ausstellung „Wettstreit mit der Wirklichkeit. 60 Jahre Fotorealismus“ widmet sich das Museum Frieder Burda einer der konsequentesten Bewegungen der gegenständlichen Malerei nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Stilrichtung, die sich ab Mitte der 1960er-Jahre in den USA herausbildete, steht für eine Kunst, die den fotografischen Blick auf die Welt zum Ausgangspunkt nimmt und diesen mit malerischen Mitteln auf illusionistische Weise reproduziert.
Über 90 bildgewaltige Werke von über 30 Künstlerinnen und Künstlern aus sechs Jahrzehnten zeigen, wie der Anspruch auf Wirklichkeitsnähe mit handwerklicher Präzision neu definiert wurde. Von frühen Positionen wie Robert Bechtle, Richard Estes, Ralph Goings und Audrey Flack bis zu internationalen Entwicklungen der Gegenwart. Ausgangspunkt der Schau ist die Sammlung Frieder Burda. Ergänzt wird sie durch hochkarätige Leihgaben aus rund 20 internationalen Sammlungen, darunter dem Whitney Museum of American Art in New York und dem Museo Nacional Thyssen-Bornemisza in Madrid.
Seit der Antike gilt die möglichst detailgetreue Wiedergabe der Wirklichkeit als eines der zentralen Anliegen der Malerei. Schon früh wurden große Maler dafür bewundert, täuschend echte Bildwelten zu schaffen. Immer wieder erzählen antike Autoren von Werken, die so illusionistisch waren, dass Betrachter sie zunächst für Realität hielten. In dieser langen Tradition steht auch der Fotorealismus als eine Malerei, die das Ringen um Wirklichkeitsnähe im 20. Jahrhundert unter den Bedingungen der Fotografie neu in den Mittelpunkt rückte.
Als Gegenreaktion auf den Abstrakten Expressionismus wandten sich Künstler erneut der gegenständlichen Malerei zu. Ausgangspunkt ihrer Werke waren neben Fotografien auch Werbebroschüren und andere Bildvorlagen. Mithilfe von Projektionen oder Rasterstrukturen übertrugen sie die detailgenau auf die Leinwand. Motive fanden sie vor allem in der amerikanischen Konsum- und Alltagskultur. Die Motive: Sonnenbeschienenene Straßenzüge, polierte Oberflächen von Autos und Motorrädern, glänzende Diner-Interieurs oder farbintensiven Leuchtreklamen.
Der Fotorealismus bildet immer auch eine Wirklichkeit ab, die bereits durch den kühl objektiven Blick der Kamera vorgefiltert ist. Während das menschliche Sehen immer zwischen Schärfe und Unschärfe wechselt, zielen fotorealistische Gemälde auf eine Genauigkeit, die bis ins kleinste Detail reicht. Charakteristisch sind es oft glatte Oberflächen, die an Fotoabzüge erinnern, sowie eine malerische Präzision, die selbst feinste Strukturen sichtbar macht. Teilweise kommen auch Sprühpistolen zum Einsatz, um die Spuren der Hand noch stärker zurückzunehmen. Einige Künstler setzen ihre Motive zudem aus mehreren fotografischen Quellen zusammen. Besonders bei Stadtansichten entstehen dabei komplexe Bildwelten, die zugleich vertraut wirken und in ihrer Perfektion leicht irritieren.
War der frühe Fotorealismus zunächst ein US-amerikanisches Phänomen, so fand die Bewegung in der zweiten und dritten Generation internationale Ausbreitung. Aauch heute noch ist sie im globalen Kontext präsent. Neue Entwicklungen in der Fototechnik und die Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung geben der Auseinandersetzung mit Wirklichkeitsnähe immer wieder neue Impulse. In Europa wurde der Fotorealismus bereits in den 1970er Jahren intensiv rezipiert. Auf der documenta 5 in Kassel, die 1972 unter dem Titel „Befragung der Realität – Bildwelten heute“ stattfand, wurde die Bewegung institutionell anerkannt. Es folgten große Ausstellungen in London, Kopenhagen und Paris. Durch die etablierte sich die neue Kunstströmung auch außerhalb der USA.
Museum Frieder Burda: Wettstreit mit der Wirklichkeit. 60 Jahre Fotorealismus
Mit „Wettstreit mit der Wirklichkeit. 60 Jahre Fotorealismus“ zeigt das Museum Frieder Burda eine der größten Ausstellungen zum Fotorealismus in Deutschland. Dabei wird die technische Meisterschaft und die thematische Vielfalt dieser Malerei sichtbar. Anhand von über 30 Positionen gibt die Schau einen facettenreichen Überblick von den Anfängen bis zur Gegenwart.
Im Erdgeschoss liegt der Fokus auf den Gründerfiguren der Bewegung und ihrem Interesse an der amerikanischen Lebenskultur. Darunter befinden sich Arbeiten von John Baeder, Robert Bechtle, Charles Bell, Chuck Close, Don Eddy, Richard Estes, Ron Kleemann und Richard McLean. Das Kabinett im Mezzanin ist als monografisches Kapitel dem Werk Karin Kneffels gewidmet. Im Obergeschoss versammelt die Schau jüngere Entwicklungen des internationalen Fotorealismus, mit Werken von unter anderem Pedro Campos, Andrés Castellanos, François Chartier, Ben Johnson, Bertrand Meniel, Johannes Müller-Franken, Rod Penner und Craig Wylie. Im Untergeschoss des Museums erweitern Fotografien von Lars Eidinger als zeitgenössischer Kommentar den Blick auf das Verhältnis von Bild und Realität.
Ausstellungsansicht „Wettstreit mit der Wirklichkeit“, Foto: Jigal Fichtner
Fakten zur Ausstellung
Kurator: Dr. Daniel Zamani. Er ist Künstlerischer Direktor im Museum Frieder Burda, Baden-Baden. Assistenzkuratorin: Judith Irrgang, Leiterin der Sammlung Frieder Burda und wissenschaftliche Mitarbeiterin.
Künstlerinnen und Künstler (*Anzahl der gezeigten Werke): Alexandra Averbach (2), John Baeder (2), Robert Bechtle (3), Charles Bell (4), Roberto Bernardi (9), Tom Blackwell (1), Pedro Campos (3), Andrés Castellanos (1), Franҫois Chartier (2), Chuck Close (1), Davis Cone (1), Robert Cottingham (5), Lars Eidinger (3), Don Eddy (3), Richard Estes (3), Audrey Flack (1), Ralph Goings (7), Don Jacot (4), Ben Johnson (5), Ron Kleemann (2), Alexandra Klimas (2), Karin Kneffel (8), Richard McLean (2), Bertrand Meniel (2), Malcolm Morley (2), Johannes Müller-Franken (3), Yigal Ozeri (1), David Parrish (1), Rod Penner (1), Gerhard Richter (2), John Salt (2), Raphaella Spence (6), Craig Wylie (4).
Leihgeber: Acht Werke aus der Sammlung Frieder Burda von Richard Estes (1), Karin Kneffel (3), Malcolm Morley (2) und Gerhard Richter (2) treten in einen Dialog mit 87 Werken aus 18 internationalen Sammlungen. Die Leihgeber sind Roberto Bernardi, Holtzbrinck in Stuttgart, das Museo Nacional Thyssen-Bornemisza in Madrid, die Olbricht Collection, die Plus One Gallery in London, Raphaella Spence, Waddington Custot in London, Paris, Dubai, das Whitney Museum of Modern Art in New York, sowie zahlreiche nationale und internationale Privatsammlungen, die namentlich nicht genannt werden möchten.
Passend zur Ausstellung gibt es auch einen Katalog
Der reich bebilderte Katalog zur Ausstellung mit 200 Seiten ist im Hirmer Verlag in deutscher und englischer Sprache erschienen. Sonderpreis exklusiv im Concept Store des Museums: 39 Euro. Der Katalog enthält Beiträge von Lars Eidinger, Judith Irrgang, Jeremy Lewison, David M. Lubin, Christiane Righetti, Daniela Sistermanns und Daniel Zamani.
Als ich die Ausstellung „Wettstreit mit der Wirklichkeit – 60 Jahre Fotorealismus“ im Museum Frieder Burda betrat, war ich aufs Angenehmste überrascht. Bereits nach wenigen Sekunden merkte ich, dass hier diesmal etwas gezeigt wird, das man nicht alle Tage sieht.
Pedro Campos, A Hot Day II (2008)
Fotorealismus im Frieder Burda: Was Eindruck hinterließ
Mit Fotorealismus hatte ich mich vorher noch nie beschäftigt. Auf der Art Basel kam ich immer mal wieder in Berührung damit, aber ohne jemals wirklich die Hintergründe zu kennen. Selbst in meinem Epochenlexikon fand ich dazu nichts. Wer sich also ernsthaft mit dieser Kunstrichtung befassen will, muss tiefer graben. In unserer Region ist die beste Anlaufstelle für dieses Vorhaben die Badische Landesbibliothek in Karlsruhe. Hier gibt’s einen kleinen Vorgeschmack auf den Fotorealismus.
Umso spannender war es, völlig unvoreingenommen durch die Ausstellung zu gehen. Was mich am meisten beeindruckte, war die technische Präzision. Immer wieder stand ich vor Gemälden und fragte mich, wie es überhaupt möglich sei, so etwas mit Farbe zu erschaffen. Wie ich mithörte, konnten einige Besucher es kaum glauben, dass es sich bei den Werken nicht um Fotografien handelt. Verständlich. Bei einem winterlichen Architekturbild von New York musste auch ich genauer hinsehen. Unbeschreiblich, wie viel handwerkliches Können in diesen Werken steckt.
Meine Lieblingsbilder
Besonders in Erinnerung geblieben sind mir: ein gecrashtes grünes Auto, verschiedene Diner-Szenen und die asiatische Frau in städtischer Kulisse. Vor diesem Bild blieb ich am längsten stehen. Es war eines dieser wenigen Werke, das nicht nur durch Dramaturgie, hohe Ästhetik und surreales Lichtspiel fesselt, sondern auch durch die hyperrealistische Ausführung. Fast schon übermenschlich. Wirklich. Ich war elektrisiert. Und ich hoffe, dass keiner meiner Profs oder Kommilitonen dieses schmalzig-schnulzige Gesülze liest, weil ich es selbst gerade ein bisschen peinlich finde, wie sehr meine Emotionen außer Kontrolle geraten.
1: Don Eddy, Wrecking Yard VI (1971) 2: Ralph Goings (??), Blue Diner with Figures (1981) 3 und 4: Johannes Müller-Franken, Castel Rigone (2012)
Generell war die Ausstellung für mich vor allem technisch beeindruckend. Vielleicht habe ich die amerikanischen Künstler unterschätzt. Viele der gezeigten Werke stammen aus den USA, und gerade bei den Stadtansichten, Fahrzeugen und Alltagsszenen wird deutlich, wie konsequent diese Künstler ihre Technik perfektioniert haben.
Wettstreit mit der Wirklichkeit: Ausstellungsprogramm und Präsentation
Ich ziehe meinen Hut vor dem Kurator Dr. Daniel Zamani. Das ist der charismatische junge Kunsthistoriker und Künstlerische Direktor, der uns häufig auf dem Tiktok-Kanal des Frieder Burda begegnet. Den Kanal kann ich übrigens schwer empfehlen. Von allen Museen, die ich abonniert habe, hat das Frieder Burda den mit Abstand elegantesten und spannendsten Content.
Eine solche Auswahl nach Baden-Baden zu holen dürfte einerseits nicht einfach gewesen sein. Andererseits schuf Zamani ein einzigartiges Ensemble an Werken, die die USA der letzten 60 Jahre spiegelt. Als Besucherin fühlte ich mich magisch in diesen Vibe versetzt. Das Ganze wurde natürlich durch üppige Formate und sowieso auch den Realismus intensiviert.
Don Jacot, The Palace Theatre, 1953 (2014)
Besonders schön fand ich diesmal wieder die Wandfarben. Da ist das Frieder Burda grundsätzlich sehr kreativ. Aufregende Schriftwahl bei den Werkbeschriftungen. Doch wie so oft habe ich die Materialangaben vermisst. Ich weiß, ich weiß. Das machen Kuratoren, damit man das Werk als Werk erlebt und nicht gleich anfängt technisch zu analysieren, aber meine Seele verlangt danach – und dagegen bin ich machtlos.
Einige Leihgaben stammen aus renommierten internationalen Sammlungen. Die Qualität der Werke ist außergewöhnlich hoch. Wer Autos liebt, wird auf seine Kosten kommen. Für mich war die Schau eine der besten Ausstellungen, die ich bisher im Museum Frieder Burda gesehen habe. Die russischen Impressionisten von vor einigen Jahren toppt allerdings kaum etwas. Das schreibe ich immer und immer wieder und werde es auch immer und immer wieder hervorholen.
Zugänglich, technisch stark und schier unvergesslich
Das Schöne an der Ausstellung „Wettstreit mit der Wirklichkeit – 60 Jahre Fotorealismus“ ist zudem ihre Zugänglichkeit. Man muss Kunstgeschichte überhaupt nicht beherrschen. Man muss keine Konzepte (oder Pseudo-Konzepte) entschlüsseln. Man kann einfach staunen. Man sieht, dass hier Menschen am Werk waren, die eine nahezu unglaubliche Technik entwickelt haben und damit Bilder erschaffen, die selbst aus nächster Nähe faszinieren.
1: Karin Kneffel, Ohne Titel, 2004 2: Karin Kneffel, Ohne Titel, 2021
Deshalb würde ich die Ausstellung eigentlich jedem empfehlen, der sich gerne überraschen lässt. Kunstliebhabern sowieso. Aber auch Menschen, die mit zeitgenössischer Kunst sonst wenig bis überhaupt nichts anfangen können. Denn hier steht handwerkliche Meisterschaft im Vordergrund. Und das auf höchstem Niveau. Das sieht man als Profi ebenso gut wie als Laie.
Wie immer sah ich mir die Ausstellung alleine an. Könnte mir gut vorstellen, ein zweites Mal hinzugehen, wenn jemand Lust hat mitzukommen. Sie läuft noch bis zum 2. August 2026. Um nun abschließend auf die Frage in der Überschrift zu antworten: Ja, die Ausstellung lohnt sich absolut. Hier geht’s zu den Tickets.
Wir lieben sie, wir verwöhnen sie – wir tragen vor allem aber auch die Verantwortung für sie. Hunde sind längst nicht nur Haustiere. Sie sind ein fester Bestandteil der Familie und damit oftmals auch treue Begleiter im Urlaub. Ob innerhalb Deutschlands oder auf Reisen ins Ausland: Das gemeinsame Abenteuer will gut vorbereitet sein. Mit der richtigen Planung kann Mensch wie Tier die Urlaubszeit entspannt und sicher genießen.
Reisedokumente und Kennzeichnung
Für Reisen innerhalb der EU ist ein gültiger EU-Heimtierausweis Pflicht. Dieser dokumentiert unter anderem den aktuellen Impfstatus. Ebenso vorgeschrieben ist die eindeutige Kennzeichnung des Hundes mittels Mikrochip. Ohne diese Voraussetzungen kann es bei Grenzübertritten zu Problemen kommen. Nicht verpflichtend vorgeschrieben, aber unbedingt zu empfehlen ist der Eintrag von Chip- und Halterdaten in den einschlägigen Tierregistern.
Vor der Reise: Impfschutz rechtzeitig prüfen
Ein vollständiger Impfschutz gegen Tollwut ist Voraussetzung für die Einreise in viele Länder. Die vorgegebenen zeitlichen Fristen sind unbedingt zu beachten. Für einige Länder muss der Tollwutimpfschutz auch serologisch nachgewiesen werden. Das bedeutet so viel wie: der Nachweis erfolgt über eine Blutuntersuchung. „Serologisch“ bezieht sich auf das Blutserum, also den flüssigen Bestandteil des Blutes. In diesem Fall wird im Labor geprüft, ob im Blut genügend Antikörper gegen Tollwut vorhanden sind. Diese Antikörper zeigen, dass der Körper nach der Impfung ausreichend Schutz aufgebaut hat.
Kurz gesagt: Nicht die Impfung selbst wird bestätigt, sondern ihre Wirkung im Blut messbar nachgewiesen. Ein guter Impfschutz gegen die wichtigsten auch hier bedeutenden Krankheiten ist daher unbedingt empfehlenswert. Ggf. empfiehlt sich bei Reisen in südliche Länder auch die Impfung gegen die Infektionserkrankung Leishmaniose. Da es einige Zeit dauert bis nach einer Impfung der vollständige Impfschutz ausgebildet ist, sollte der Impfstatus frühzeitig durch den Tierarzt überprüft werden. Für einige Länder wie UK, Irland, Malta, Finnland oder Norwegen ist auch eine vom Tierarzt dokumentierte Behandlung gegen den Fuchsbandwurm Vorschrift.
Bildrechte: Bundesverband für Tiergesundheit e.V.; Fotograf: Andrea Klostermann / BfT
Parasitenprophylaxe nicht vergessen
Je nach Reiseziel besteht ein erhöhtes Risiko für Ektoparasiten wie Zecken, Flöhe oder durch Mücken. Diese können verschiedene Krankheitserreger übertragen, darunter beispielsweise Leishmanien oder Babesien. Seid auc vor Würmern und Herzwürmern gewarnt. Vor allem in südlichen Regionen. Um den Hund bestmöglich zu schützen, sollte eine geeignete Parasitenprophylaxe vor der Reise gemeinsam mit dem Tierarzt abgestimmt werden.
Transport und Versorgung unterwegs
Während der Reise muss der Hund sicher untergebracht sein, beispielsweise in einer Transportbox oder durch andere geeignete Sicherungssysteme im Fahrzeug. Regelmäßige Pausen, ausreichend Wasser und Schutz vor Hitze sind essenziell. Besonders im Sommer kann es schnell zu lebensbedrohlicher Überhitzung kommen. Daher darf der Hund selbst bei kurzen Pausen niemals im Auto zurückgelassen werden.
Chihuaha-Besitzer müssen sich womöglich noch intensiver um ihre zierlichen, aber nicht minder dramatischen Tiere kümmern. Das Flugzeug ist zu laut, lange Autofahrten zu anstrengend und Züge sowieso eine Instand-Panikattacke für die Minis. Wir haben unsere Valentina mal mit nach Zypern genommen (siehe Titelbild). Sie durfte im Salon mitfliegen. Nur erste Klasse gestattet. Fragt nicht mich, fragt Lufthansa, was das sollte. Der Hund kam nicht auf sein Leben klar. Aber im zypriotischen Klima ist sie derart aufgegangen – das war schon sehr schön mit anzusehen.
Dafür fährt sie regelmäßig in die Schweiz oder nach Italien, wo sie komplett chillt und regelmäßige Pinkelpausen bekommt. Diese Fahrten verträgt sie gut.
Andere Länder – andere Sitten
Einige Länder haben spezifische Einreisebestimmungen oder Einschränkungen für bestimmte Hunderassen. Auch regionale Gesundheitsrisiken und tierärztliche Versorgungsmöglichkeiten vor Ort sollten vorab recherchiert werden. Es empfiehlt sich, bereits vor der Abreise eine Tierarztpraxis am Urlaubsort zu identifizieren. Zudem sollten auch die Rückreisebestimmungen aus Drittländern beachtet werden, um Probleme bei der Wiedereinreise zu vermeiden.
Eine gut ausgestattete Reiseapotheke kann im Notfall hilfreich sein. Dazu gehören z.B. Mittel gegen Übelkeit und Durchfall, Verbandsmaterial für kleinere Verletzungen sowie Augenpflegeprodukte, beispielsweise bei Reizungen durch Sand oder Staub. Bei bekannten Allergien und chronischen Erkrankungen legt der Bundesverband für Tiergesundheit ans Herz, entsprechende Medikamente unbedingt mitzuführen. Informiert sich der Tierhalter frühzeitig und holt sich den Rat seiner Tierarztpraxis ein, steht einem entspannten Urlaub mit Hund nicht mehr viel im Weg.
Angekommen in Ipoh merkte ich bereits am Bahnhof, dass hier die Natur und der Vibe besonders sind. Ich lud mein Zeug in meinem Horrorhotel ab und zog einfach los, um die Gegend zu Fuß zu erkunden. Schnell stellte ich fest, dass ich ganz nah am indischen Viertel wohnte. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht so genau, wie ich mich in Malaysia kleiden sollte. In Kuala Lumpur hab ich mich im Trägertop extrem fehl am Platz gefühlt, da ich von den Männern massiv angestarrt wurde. Dabei soll Ipoh noch konservativer sein. Wir erinnern uns: ich wusste bis zuletzt nicht, dass ich nach Malaysia reisen würde. Hätte ich das auch nur ansatzweise erahnen können, hätte ich mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas nicht so ganz „offenherziges“ wie ein Trägertop angezogen.
In einem der indischen Läden holte ich mir etwas Langärmliges. Als ich rausging, fing der Tropenregen an. Es war magisch. Ich stand unter einem Dach und durfte das Naturspektakel aus nächster Nähe erleben. Die riesigen tropfen Trommelten auf die blechernen Dächer alter Daimler hernieder. Schnell bildeten sich kleine Bäche mit strömendem Regenwasser an den Straßenrändern. Alles andere schien stillzustehen. Von einer Sekunde auf die nächste löste sich auch die schwere hitzige Luft auf.
Ipoh: Ich entdecke die Stadt bei Regen
Als der Regen weniger wurde, holte ich mir einen Schirm und ging weiter. In wenigen Minuten war ich ziemlich nass. Mein neues indisches Gewand, meine Tasche, die Jeans… Da es aber warm war und ziemlich viele Passanten ebenso nass waren wie ich, störte mich das nicht. Ich ging vorbei an indischen Geschäften, Restaurants, die auf Bananenblättern servieren, Schmuckläden, indischen Lebensmitteln, kleinen Tonschälchen. Am meisten gefiel mit der direkt vor Ort geflochtene Blumenschmuck.
Das finde ich in Malaysia auch so spannend – hier leben drei wesentliche Kulturen miteinander (oder zumindest nebeneinander her): muslimisch geprägte Malaien sowie Inder und Chinesen. Wie ein gesprächiger Grab-Fahrer mir am nächsten Tag erklären würde, leben sie auch in Harmonie und haben Respekt voreinander. Ich sah einige Freundesgruppen, etwa mehrere muslimische Mädchen und eine Chinesin. Die Chinesen scheinen mir, so wie bereits in Shanghai beobachtet, auch in Malaysia mit der Mode sehr experimentell zu sein. Spätestens als ich ein Mädchen mit super knapper Hotpants und tiefem Ausschnitt sah, verstand ich, dass meine Befürchtung, jemandem mit meinem Kleidungsstil zu nahe zu treten, wahrscheinlich eher unbegründet war. Angestarrt wurde ich, von Männern versteht sich, aber dennoch. Scheißegal, was ich hatte.
Ich laufe rum, bis es dunkel wird (gar kein Bock auf mein Hotel)
Die malaysische Sprache habe ich bis jetzt noch nicht so richtig aufgenommen, da sich die Menschen untereinander sehr leise unterhalten. Sie erinnert mich, vom Klangmuster her, an die philippinischen Sprachen. Englisch sprechen in Malaysia die aller meisten. Probleme, mich zu verständigen, habe ich kaum.
Von „Little India“ ging ich weiter zu einem Volkspark. Davor stand das Regenwasser teils knöcheltief, während in den Pfützen gelbe Blüten von den herabschmetternden Tropfen hin und her gewirbelt wurden. Hie und da versteckte sich jemand unter einem Dach. Es war schön.
Das Essen in Malaysia
Lange war ich unterwegs. Aß Tofu mit Gemüse, Ingwerreis und süß-sauer Soße. Alles, was ich bisher probierte, war köstlich. In Kuala Lupur aß ich etwas aus der kaschmirischen Küche, am Bahnhof zog ich mir Sushi rein. Egal, was ich probierte, es war einfach mega geil.
Ich hatte den Eindruck, dass das Essen nicht nur einen zentralen kulturellen Punkt ausmachte, sondern auch dass die Malaysier ziemlich hohe Ansprüche an ihr Essen hatten. Frische und Qualität, Vielfalt und geschmack scheinen hier viel essenzieller zu sein, als in dem einen oder anderen westlichen Land.
Und da frage ich mich schon, warum ich noch nie im Leben in einem malaysischen Restaurant war. Mir fiel auch noch nie eines auf. Aber ich lebe ja auch in Baden-Baden ahaha. Im Moment.
Ipoh: Nichts gesehen, aber viel gefühlt
Es war ein geladener Tag. Voller Wiedersprüche, Entdeckungen und Neugierde. Ein Tag, an dem ich nicht eine einzige Sehenswürdigkeit erblickt hatte, aber den Puls von Ipoh kennenlernte. Sehen durfte, wie die Leute hier leben, essen, arbeiten, miteinander umgehen, auf mich reagieren. Alle waren freundlich und reserviert. Vor allem die Frauen. Aber Frauen gehen auf Reisen IMMER gut mit mir um.
Jetzt lese ich gerade, dass die Stadt (Stand 2005) rund 675 000 Einwohner hatte. Den Eindruck machte sie natürlich nicht auf mich. Ich dachte, es seien circa 10 Mal weniger. Muss mal kurz darüber reflektieren.
Um 1520 hatte die Malerei ihren Höhepunkt der Vollkommenheit erreicht. Harmonische Bewegungen, die Ruhe ausstrahlen; Darstellungen des idealisierten, heroischen Menschen prägen die Hochrenaissance. Doch diese utopische Vorstellung kann nicht lange bestehen und endet spätestens 1527. Ihr folgt der Manierismus, der sich nur schwer in zeitliche und ästhetische Rahmen setzen lässt.
1: (Renaissance) Giovanni Bellini, Pala di San Giobbe ca. 1487, Galleria dell’Accademia, Venedig 2: (Manierismus) Jacopo Tintoretto, Madonna mit Kind und den Hl. Markus und Lukas, vor 1570, Gemäldegalerie, Berlin
Seht ihr, wie gechillt und harmonisch die Figuren im Bild Bellinis sind? Und wie hektisch die Körpersprache der Heiligen in Tintorettos Gemälde ist? Am einfachsten erkennen wir Manierismus, wenn wir ihn mit Renaissance vergleichen.
Mit dem Begriff „Maniera“ bezeichnet man zunächst den Spätstil Michelangelos, der als eine der zentralen Quellen des Manierismus gilt. Darin experimentiert der große Meister mit einer bis dahin unbekannten Vielfalt an Bewegungen und oft komplexen Körperhaltungen. Gemeinsam mit Raffael löst er er sich zunehmend von den Idealen der Renaissance. Der Fokus liegt nahezu vollständig auf dem menschlichen Körper. Viele junge Künstler orientieren sich stark an diesem Stil. Spätere Kritiker erkennen, dass diese jungen Maler mehr die Manier, als den Geist seiner Werke nachahmen. Also geben die dem Zeitabschnitt den Namen „Manierismus“.
Michelangelo, Tondo Doni (Die heilige Familie mit dem Johannesknaben), um 1503/1504 oder um 1507. Galleria degli Uffizi, Florenz.
Eigentlich gar kein Spätwerk. Doch wenn wir genauer hinsehen, erkennen wir schon erste Tendenzen: Die nicht ganz eindeutige Sitzweise der weiblichen Figur, die Spontanität der Bewegung – die sehe ich etwa in der Überreichung des Kindes – und natürlich die satte Farblichkeit mit einer Palette, die nicht ganz Renaissance-typisch ist.
Was währenddessen gesellschaftlich passiert
Der Beginn dieser Epoche fällt im Anschluss an eine Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher und religiöser Erschütterungen. Mit dem Sacco di Roma im Jahr 1527, als spanisch-kaiserliche Truppen Rom plündern und verwüsten, gerät das geistige und kulturelle Zentrum der Hochrenaissance ins Wanken. Die Vorstellung einer stabilen, humanistisch geordneten Welt verlor ihre Glaubwürdigkeit.
Die zuvor angeschlagenen Thesen Luthers (1517) zeigen auch in Italien ihre Nachwirkung. Die Reformation bricht die Einheit einer bisher einzigen Kirche und einer katholischen Wahrheit.
Was passiert in der Kunst?
Die Ideale der Renaissance werden in der Kunst zwar noch aufgegriffen, jedoch auch weiterentwickelt und oft bis zur Übersteigerung getrieben. An die Stelle der Norm tritt das Abnorme. Unnatürliche Proportionen, abrupt verkürzte Raumkonstruktionen, neue Farbkonstellationen, Asymmetrien und verschlüsselte Bildinhalte prägen diese vergleichsweise kurze Epoche von etwa 1527 bis um 1600.
Angolo Bronzino, Allegorie der Liebe, vor 1550, National Gallery, London
Vor allem die erste Generation der Manieristen stellt bewusst die Meister der Renaissance in Frage. Getrieben wird ihre Vision vom Wunsch, die großen Vorbilder zu übertreffen. Manche Künstler erreichen dies durch ungewöhnliche Themen und tiefsinnige Gegenstände, die ihre Werke mit einer Weisheit füllen sollen, dass nur die gut Gebildeten sie verstehen können. Andere gehen noch weiter und schaffen regelrechte Rätselbilder, in denen das Überraschende, Unerwartete oder sogar Unerhörte das Ziel ist.
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts reagiert die katholische Kirche mit massiven Eingriffen in die Kunst: Bilder sollen sich an Regeln halten und die katholische Lehre unmissverständlich vermitteln. Besonders deutlich zeigt sich dies an der Kritik an Michelangelos Jüngstem Gericht, das wegen der Vielzahl nackter Figuren als anstößig galt. Forderungen nach der Entfernung des Freskos stehen im Raum. Letztlich wurden die Nacktheit durch nachträglich gemalte Lendenschurze überdeckt. Das betraf die kirchliche Kunst. In der höfischen Malerei galten andere Regeln. Körperbetonte, wenn nicht sogar erotische Darstellungen sind hier weiterhin geschätzt und akzeptiert.
Michelangelo, Jüngstes Gericht, um 1540, Sixtinische Kapelle, Vatikan
Die Schule von Fontainebleau
Bleiben wir mal bei der höfischen Malerei. Die Schule von Fontainebleau ist eigentlich gar keine Schule. Viel mehr eine Künstlergemeinschaft, die den Manierismus nach Frankreich bringt und daraus durch Experimente eine ganz neue Ästhetik und Bildsprache entwickelt. Der Begriff ist zwischenzeitlich problematisch, da mit ihm auch irgendwann der Manierismus, der in Italien geschaffen wurde, betitelt wird.
Doch wie kommt Manierismus überhaupt nach Frankreich? König Franz I. holt gezielt italienische Künstler nach Frankreich, in sein Schloss Fontainebleu, um das Land als neue europäische Kunstmacht zu etablieren. Mit Rosso Fiorentino und Francesco Primaticcio prägen zentrale Vertreter des Manierismus die französische Hofkunst. An die Stelle biblischer Themen traten zunehmend mythologische Darstellungen, in denen Ornament und Figur eng miteinander verschmelzen und ein komplexes, dekorativ aufgeladenes Bildgefüge entsteht.
Jean Mignon, das Urteil des Paris, um 1544–1545, Louvre
Immer mehr gewinnt die Schule von Fontainebleu an Ornamentarik im Hintergrund der Figuren. Das soll besondere künstlerische Rafinesse zeigen. Hier in diesem Bild ist jedoch wenig Ornamentarik. Das, was allerdings stark den französischen Manierismus repräsentiert, sind die Figuren, die regelrecht in den Hintergrund „eingebettet“ sind. Sie verschmelzen fast mit dem Hintergrund, weil er ebenso reichhaltig ist.
So erkennst du Manierismus
In der Malerei des Manierismus wird Bewegung stark betont. Eine neue Figurenform entsteht: die Figura serpentinata, die sich spiralförmig zu winden scheint. Die Perspektive dient nicht mehr allein dazu, den Raum gesetzmäßig darzustellen, sondern wird eingesetzt, um mit ihm zu spielen, metaphorische Aussagen zu erzeugen oder Inhalte zu verschleiern. Häufig begegnen uns fragende Blicke aus dem Bild heraus, und die klassische Bildsprache wird buchstäblich verzerrt, wie etwa bei Darstellungen in Konvexspiegeln oder bei Parmigianino.
Parmigianino, Selbstporträt im konvexen Spiegel, 1524, Kunsthistorisches Museum, Wien
Ein besonders anschauliches Beispiel ist die Madonna mit dem langen Hals. Auch ihre Finger sind ungewöhnlich verlängert. Das wirkt anmutig und elegant, zugleich aber unnatürlich, besonders in der Körperhaltung. Das Christuskind scheint jeden Moment vom Schoß zu fallen. Der Vorhang im Hintergrund zerstört ein logisches Raumgefüge, und Marias Körperposition ist schwer einzuordnen: Etwas zwischen Stehen und Sitzen.
Parmigianino, Madonna mit dem Langen Hals, 1534/1535, Uffizien, Florenz
Den Höhepunkt des Manierismus erreichte Domenikos Theotokopolus (1541-1614), auch bekannt als der Grieche, „El Greco“, da er aus Kreta kommt. Dort erlernt er die griechische Ikonenmalerei. Als er nach Venedig kommt, sieht er erstmals, was sich in der Kunst gemacht hat. Als Tizians Schüler geht er neue Wege. Und bringt seinen einzigartigen Stil nach Spanien, wo er die bisherige, konservative Kunsttradition nachhaltig beeinflusst.
El Greco, Das Begräbnis des Grafen von Orgaz,1586 und 1588
Manieristische Skulpturen
Eines der Haupterkennungsmerkmale manieristischer Skulpturen ist die Spontaneität der Bewegungen. Beispiele hierfür liefert Giambologna, eigentlich Jean de Boulogne (1529–1608), mit seinen Werken Fliegender Merkur und Raub der Sabinerin. In ihnen vereint sich Bewegung mit Ausdruck in einem zuvor unbekannten Maß. Giambologna stellte sich dabei bewusst eine scheinbar unmögliche Aufgabe: Eine Statue zu schaffen, die gegen alle Gesetze der Schwerkraft zu fliegen scheint. Merkur berührt den Luftstrom aus dem Mund einer Maske nur mit seiner Fußspitze.
1: Giambologna, Fliegender Merkur, 1578–ca. 1580, Bargello, Florenz 2: Giambologna, der Raub der Sabinerin, 1579, Loggia dei Lanzi, Florenz
Architektur im Manierismus
Florenz blieb im 16. Jahrhundert das führende Kunstzentrum, maßgeblich geprägt durch das Mäzenatentum der Medici. Giorgio Vasari entwarf hier die Uffizien als Verwaltungsgebäude. In ihrer Architektur zeigt sich der manieristische Gestaltungswille: Die gleichförmige Abfolge dekorativer Elemente erzeugt einen starken Sog- und Tiefeneffekt, der Bau wirkt bewusst in die Länge gezogen.
1: Uffizien, Florenz nach Plänen von Giorgio Vasari; erbaut 1560-1588 2: Bibliothek von San Marco, Architekt: Jacopo Sansovino (1536-1554), Venedig
Architektonisch macht sich die Epoche bemerkbar durch ungewöhnliche Lösungen, Gegensätze und asymmetrische Ordnungen. Klassische Bauelemente wie Säulen verlieren dabei ihre tragende Funktion und werden zu rein dekorativen Motiven, ergänzt durch ornamentale Details wie Fruchtgirlanden und Skulpturen, die an das Prinzip der Figura serpentinata erinnern.
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Quellen:
Ernst H. Gombrich, Die Geschichte der Kunst Henry Zerner, Die Schule von Fontainebleu: das graphische Werk, 1982 Gerd Betz, Wie erkenne ich Manieristische Kunst? – Architektur, Skulptur, Malerei André Perret, Die Zyklen der europäischen Architektur: eine Theorie dynamischer Zyklen der europäischen Architekturgeschichte seit dem Jahr 1000 Klaus Jan Philipp, Das Buch der Architektur, 2017
Es war soweit. In 24 Stunden würde ich nach Bali fliegen. Ich buchte bereits vor Monaten, was mir eigentlich gar nicht ähnlich sieht, aber ich musste meine Reise diesmal auf einen bestimmten Zeitraum legen. Da heute mein letzter Tag in Deutschland war, hatte ich 700 Sachen zu erledigen und zudem noch zwei Reportagen auf dem Tisch. Alle stressten mich, als hätten sie sich abgesprochen. Dann kam die alles entscheidende Mail.
Meine Reiseagentur blies meine Reise ab. Knapp 24 Stunden vor Abflug. Das Ding ist: Ich hätte eine Zwischenladung in Katar gehabt. Und in Nahost geht der Bevölkerung der Arsch auf Grundeis. Es herrscht Krieg. Wohl zu riskant, um dort zu landen. Zumal der Luftraum teils geschlossen ist. Warum das super gute Vergleichsportal CHECK24 dennoch Last-Minute-Flüge über Nahost anbietet, ist eine interessante Frage, die ich nicht beantworten kann.
Ich muss nach Asien. Was mache ich jetzt?
Ich war genervt und enttäuscht. Aber ich war entschlossen. Deshalb ging ich schlafen und fuhr am nächsten Morgen zum Frankfurter Flughafen. Dort hieß es: „Es steht schon seit Wochen fest, dass nichts nach Katar fliegt.“ Die Wahrheit: es stand nicht fest. Jede Fluggesellschaft genießt ihre eigenen Regelungen. Ich hätte es riskiert, in Katar zwischenzulanden.
Am Stand einer Last-Minute-Reiseagentur wollte ich schon immer mal stehen, um weiß Gott wohin zu reisen. Nach Corona änderte sich wohl die Preispolitik solcher Flughafenstände. Die Preise vor Ort am Schalter sind heute nämlich höher, als wenn man selbst im Internet bucht.
Das Schicksal hat entschieden: Es sollte Malaysia werden
Mit leeren Händen kam ich nicht nach Frankfurt. Dennoch war das Budget begrenzt. „Malaysia“, sagte die pissige Frankfurterin am Schalter – etwas über dem genannten Budget. Let’s fetz. Meinen Rucksack hab ich für alle Lebenslagen gepackt. Ich war sogar bereit für die Mongolei. Als ich allerdings erfuhr, dass dort kuschelige -9 Grad herrschen, war ich, um ehrlich zu sein, mental etwas weniger bereit auf diese Art von Abenteuer. Ein wenig wärmer müsste es schon sein.
Also dann ab nach Kuala Lumpur. Mit 21 Stunden Aufenthalt in Istanbul. Viel bekam ich von der Stadt nicht mit. Ich bin seit Monaten chronisch übermüdet und mein Nervensystem beschloss gerade in Istanbul runterzufahren. Ich fand ein kleines Hotel, fuhr mit der Metro hin und ging fußläufig weiter. Wurde fast kein einziges Mal um mein Geld betrogen hahaha. Naja. Fast.
Der Flug nach Kuala Lumpur, Malaysia
Jetzt sitze ich seit über 7 Stunden im Flugzeug. Turkish Airlines verwöhnen einen auf Langstrecken, wie ich gerade erfahre. In 3 Stunden lande ich in der Hauptstadt von Malaysia. Ich bin aufgeregt wie Scheiße. Was mich dort wohl erwarten wird… Diesmal bin ich ohne Hotelbuchung unterwegs. Daher bin ich frei, mich durch das ganze Land zu bewegen, wenn ich lustig bin.
Meine Mutter äußert nicht mal mehr Einwände. Sie weiß, sie ist machtlos gegen Asien. Da ich, wie während des Flugs nach Vietnam auch, nicht schlafen kann, wird das wieder ein benebeltes Jetlag-Abenteuer, wenn ich dort ankomme… Ich bleibe einen Tag in der Hauptstadt und dann mal sehen, was mir einfällt.
Beschreitet er die Bühne, spüren auch die letzten Reihen seine Präsenz. Er ist humorvoll, freundlich, energiegeladen – und vermutlich der geborene Entertainer; oder aber er machte sich selbst zu einem. Vasily Bystroff ist der vielseitigste Cellist unserer Region. Und wie einige andere Musiker, bei denen ich die Ehre hatte, hinter die Fassade blicken zu dürfen, hat er eines: ganz viel Leben ins sich. Gestern kamen wir ins Gespräch.
Vasily kam 2006 aus St. Petersburg, Russland, zunächst nach Berlin, später führte ihn sein Weg zu uns nach Karlsruhe. Musik prägte seine Familie seit Generationen: Der Urgroßvater war Dirigent, mütterlicherseits spielten nahezu alle Klavier. Der Vater sang, die Mutter und die Großeltern musizierten ebenfalls. Eigentlich schien immer irgendwie klar, dass auch Vasily Musiker werden würde. Nur das Instrument war offen. Während seine Schwester eher unter familiärem Erwartungsdruck stand, entwickelte sich bei ihm der Wunsch aus eigenem Antrieb. Er wollte besser werden. Erst verliebte er sich ins Klavier, dann durfte er sich schließlich ein Instrument aussuchen. Dass es das Cello wurde, daran hatte seine Mutter wohl nicht ganz unbeteiligt Anteil.
Heute bewegt sich Vasily Bystroff zwischen klassischer Musik, Popproduktionen, kleinen Konzerten und großen Bühnen. SAVE THE DATE: Sein nächstes Konzert spielt er am 29. August auf Burg Stettenfels bei Heilbronn gemeinsam mit seiner atemberaubenden Freundin Sia (ebenfalls Cello). Im Gespräch mit mir (Madlen von avecMadlen) spricht er über russische Musiktraditionen, Chaos, Energie auf der Bühne und darüber, warum Kunst Menschen verbinden sollte.
avecMadlen: War Musik in deiner Kindheit Alltag oder etwas Heiliges?
Vasily Bystroff: Totaler Alltag. Mein Opa war wahnsinnig talentiert. Viel talentierter als ich. Er wurde sehr streng erzogen. Dementsprechend war er genial, in dem was er tat. In gewissen Kreisen genoss er später besondere Anerkennung. So kamen etwa einige seiner Schüler groß raus.
avecMadlen: Ist das Cello wirklich das „menschlichste“ Instrument?
Vasily Bystroff: Wer hat das gesagt? Fragt er, ich hab natürlich gar keinen Plan. Ja. Von der Tonalität ist es einem Menschen sehr ähnlich. Im Russischen ist das Cello kein Neutrum, sondern ein Femininum. Er deutet die Form des Instruments an, das an weibliche Kurven erinnert.
avecMadlen: Was unterscheidet russische und deutsche Musiktradition?
Vasily Bystroff: Russisch: konservativ und diszipliniert. Wenn du aus der Reihe tanzt, wirst du belächelt. Die einzige Chance auf Anerkennung ist es, andere zu übertrumpfen. Wenn du einfach besser bist, als andere. Wenn du die Seele der Musik mit technischen Stärken beherrschst. In Deutschland gibt es weniger Druck. Auch in Russland ist es aber mittlerweile entspannter geworden. Ich habe einige Merkmale sowohl von dem als auch von dem System aufgenommen.
avecMadlen: Wie viel russische Melancholie steckt in deiner Musik?
Vasily Bystroff: In meiner Musik nicht immer, aber in mir sehr viel.
avecMadlen: Klassische oder andere Genres?Ich stellte diese Frage, weil Vassily ein Repertoire an Klassischer Musik, Pop, Rock, Electro und Co. hat.
Vasily Bystroff: Beides.
avecMadlen: Warum?
Vasily Bystroff: Ich kam mit 15 nach Deutschland. Allein. Damals hatte mein Leben nichts mit Popmusik zu tun. Ich wollte ein großer Cellist werden. Etwa so, wie mein Vorbild Mstislaw Rostropovitsch. Meine Eltern beschlossen, mich nach Deutschland zu schicken. Sie sahen dort bessere Chancen, sicherer war es auch. Die deutschen Behörden waren allerdings nicht sehr begeistert von einem minderjährigen Jungmusiker, der allein nach Deutschland kommen sollte. Es dauerte also ein paar Jahre, bis ich tatsächlich hier war. Er denkt kurz nach. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich so viele Schwierigkeiten auf meinem Lebensweg hatte.
Als ich das Studium in Karlsruhe an der Musikhochschule anfing, suchte ich nach allen Möglichkeiten, Geld zu verlieren. Plötzlich bekam ich das Angebot, Popmusik in einem Studio aufzunehmen für eine holländische Sängerin. Ich nahm den Gig an. Später kam ein Geiger auf mich zu. Zwei Musiker wollten Simon and Garfunkel mit Streichquartett spielen. Der erste Termin kam nicht zustande, aber ich blieb dran. Vasily spielt bis zum heutigen Tag in der Simon & Garfunkel Tribute Show „Graceland“.
avecMadlen: Gibt es Stücke, die dich emotional an Grenzen bringen?
Vasily Bystroff: Ich versuche mich manchmal absichtlich an emotionale Grenzen zu bringen, um das Gefühl ans Publikum zu tragen. Aber da muss ich echt aufpassen, damit ich danach nicht so fertig bin. Alles, was um mich herum passiert, nehme ich als Klangraum wahr. Vielleicht.
avecMadlen: Wie viel Chaos braucht große Musik?
Vasily Bystroff: Es hängt sehr davon ab, wer die Musik macht. Menschen sind unterschiedlich. Einige Artisten sind extrem chaotisch, aber extrem genial. Einige versuchen das Chaos mit Struktur zu bekämpfen und werden dadurch groß. Ich brauche sehr viel Chaos, aber für den Erfolg brauche ich jemanden an meiner Seite, der mich strukturiert.
avecMadlen: Was reizt dich an kleinen Konzerten?
Vasily Bystroff: Es gibt nichts Schöneres. Jeder Mensch ist ein eigenes Universum. Wenn ich auf der großen Bühne stehe, bekomme ich die geballte Energie. Bum. Eine 30-Meter-Welle, die schier überrollt. Danach bist du echt platt, weil du dieser Energie entgegengewirkt hast, um nicht in ihr zu versinken. Das ist besser als jede Droge, so eine große Bühne.
Wenn du so ein kleines Konzert hast, oder auf der Straße spielst, ist es leichter, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Auch mit solchen, die kaum Berührungspunkte mit Musik haben. Diese Kontakte bereichern meine Seele. Bei einem kleinen Konzert ist mein Anspruch, dass die Leute die Energie bekommen, die ich auch auf der großen Bühne gebe. Aus zwei Metern Distanz spürst du sie nämlich genau. Das ist schon einzigartig.
avecMadlen: Was war dein schwierigster Auftritt?
Vasily Bystroff: Es gibt immer Sachen, die du zum ersten Mal machst. Solche Momente sind nicht selten. Zum ersten Mal das Konzert auf Deutsch moderieren, zum ersten Mal neben einem Schlagzeug spielen und mit der Lautstärke klarkommen, zum ersten Mal mit einem Mikrofon spielen. Das Cello klingt nämlich ganz anders mit Mikro. Technische Momente, die unverhofft kommen, sind Teil unseres Jobs. Improvisieren muss man deshalb können. Hier geht es darum, Verantwortung für die Situation zu übernehmen und einen Übergang zu schaffen, der beim Zuhörer so ankommt, als wäre er teil des Programms.
Ich versuche mich immer an Schwierigkeiten mit einer positiven Note zu erinnern. Mein erster DJ-Gig zum Beispiel. Ja, Vasily ist auch DJ. Da ging technisch einiges schief. Plus die Aufregung… Er schüttelt den Kopf. Immerhin hat er an jenem Abend einiges gelernt.
avecMadlen: Wird man als Musiker mit den Jahren freier oder strenger?
Vasily Bystroff: Ich würde sagen freier. Durch die Hochschulausbildung wirst du in einen strengen Rahmen gesteckt. Dann gehst du auf die Straße und improvisierst. Du fragst dich: Was passiert, wenn ich Bach mit Vibrato spiele? Oh, den Leuten gefällt’s ja.
avecMadlen: Fühlst du dich eher russisch oder europäisch?
Vasily Bystroff: Beides. Europäisch und russisch liegen viel näher beieinander, als man glaubt. Viele Stereotypen hindern uns aber daran, dies zu erkennen.
avecMadlen: Hat sich das Klima für russische Künstler verändert?
Vasily Bystroff: Kunst und Sport sind die einzigen Dinge, die die Menschen vereinen müssen. Dass man die Leute da ausgrenzt, finde ich von beiden Seiten falsch. Eine Leidenschaft, und das ist das, was ich in Kunst und Sport erkenne, ist eine Sprache, über die man kommuniziert und sich näher kommt.
avecMadlen: Welche Komponisten stehen dir am nächsten?
avecMadlen: Gibt es Musik, die du privat nie hören würdest?
Vasily Bystroff: Nein. Er grinst. Es gebe für jede Lebenssituation den passenden Soundtrack.
avecMadlen: Boheme oder harte Arbeit?
Vasily Bystroff: Ich brauche beides. Am liebsten 14 Tage pausenlos arbeiten und dann fünf Tage nichts tun.
avecMadlen: Was macht einen großen Musiker aus?
Vasily Bystroff: Disziplin, Ehrlichkeit – vor allem zu sich selbst –, Glück und heutzutage auch die richtige Selbstwahrnehmung.
avecMadlen: Würdest du denselben Weg nochmal gehen?
Vasily Bystroff: Joa. Wenn ich den Weg mit dem Wissen, das ich heute habe, gegangen wäre, wäre das wahrscheinlich effektiv, aber langweilig.
avecMadlen: Bewunderung oder Gefühl — was soll bei deinen Zuhörern bleiben?
Vasily Bystroff: Gefühl. Aber jeder soll für sich selbst entscheiden, was er braucht.
Kennengelernt habe ich Vassily bei der Show Deep Rouge im Casino. Er spielte dort mit Sia im Duett. Sia durfte ich sogar schon früher einmal hören, bei einem Weihnachtskonzert, das ein großer Medienkonzern, für den ich tätig war, intern organisiert hatte.
Haltet gerne Ausschau nach den beiden. Sie sind außergewöhnlich und machen ganz viele spannende Sachen. Alle Insta-Profile habe ich euch oben verlinkt.
UND: ich suche eine Begleitung für deren gemeinsames Konzert am 29. Mai. DM me on Insta.
Ich sitze in der Wohnung von Elena Politowa und Lukas Buol. Ich spüre, wie hier in der Gestaltung die beiden Charaktere einander begegnen. Die Decken sind hoch, es ist viel Platz zum Nachdenken und Schaffen. Glatte, graue Betonwände, Fokus auf Holz und Stein, freche Lösungen, die ebenso ästhetisch wie praktisch sind – Lukas‘ Handschrift ist deutlich erkennbar. Ich entdecke viele Kunstbücher, hier und da blinkt ein Philosoph hervor.
Das besondere Augenmerk fällt auf die Wolkenbilder, die das Grau der Wände durchbrechen. Sie bewegen sich in einem zarten, aber leuchtenden Farbspektrum. Die Bilder hängen bewusst ohne Rahmen. „Ich will, dass es weitergeht“, sagt mir Elena Politowa mit einer Handbewegung, die grenzenlose Ferne andeutet. Dem Motiv soll durch das Framing keine physische Grenze gesetzt werden. Dadurch wirken die Bilder regelrecht wie Fenster – Fenster zu einer Welt, in der die Sonne immer auf- oder unterzugehen scheint.
Das Besondere: Unter Schwarzlicht bringen Elenas Bilder ganz neue Dimensionen hervor.
Elena Politowa: „Es zerreißt mich“
Ihre künstlerischen Absichten sind klar definiert. „Ich will meinen Blick auf Emotionen richten, nicht auf Provokation.“ Heute erwartet man regelrecht eine versteckte politische Message von Künstlern. Doch es gibt auch die, die sich bewusst rausnehmen, weil sie sich von den massiven Aufdeckungen durch die Medien, Fehlgriffen der „großen Entscheider“, Kriegen und sonstigen Katastrophen, der die Menschen zur Zeit massiv ausgesetzt sind, überwältigt fühlen.
„Es zerreißt mich innerlich. Und wenn ich die Geschehnisse der Welt abbilden würde, würde ich auch andere damit zerreißen“, sagt mir Elena Politowa. Dieses Gefühl kenne ich gut. Denn auch ich konnte es eines Tages nicht mehr tragen, Frankfurts blutige Geschichten zu schreiben. Ich ließ all die Wut der Menschen durch mich hindurch, die politisch oder religiös oder sonst wie motivierte Taten begingen, und transportierte diesen Hass hinaus in die Welt. Klar, wurde das ganze gut und gerne gelesen – der Mensch interessiert sich nun mal für das Düstere, das neben ihm her lebt. Doch ich musste mich eines Tages fragen, ob es wirklich das ist, was ich bin. Und entschied mich dagegen. Daher freue ich mich um so mehr, euch heute auf einen Tieftauchgang mitzunehmen, vielleicht sogar ein bisschen buchstäblich, um eine Künstlerin vorzustellen, die hart daran arbeitet, das Gute in die Welt zu setzen – und damit Anklang findet.
Sie liebt es, den Himmel zu malen, „weil er niemanden angreift und niemandem weh tut.“ Sie probierte auch schon mal aus, politische Bilder zu malen. Es schmerzte sie sogar, die anzusehen. Dadurch erkannte sie die Wichtigkeit, „Gefühle in Bildsprache zu transportieren und mich dabei selbst nicht zu belügen.“ Sie will nicht das Medium sein, das Hass, Gewalt und politische Machtspielchen in die Welt trägt. „Ich war so übersättigt von dem Ganzen, dass ich anfing, Wolken zu malen. Es war so, als hätte ich nach langer Zeit wieder einatmen können“, teilt sie mit mir. Und fügt mit einem Schmunzeln an: „Es ist mir egal, ob sich die Bilder verkaufen oder nicht.“ Es sei ihr auch egal, was mit ihren Bildern nach ihrem Ableben passiert.
Ich frage sie, was Kunst für sie ist
„Kunst ist für mich ein Fenster in die Freiheit. Ich bin offen für Themen, die das Schöne und das Positive dieser Welt beleuchten. Das mag kitschig sein, aber ich bin in dieser Phase meines Lebens, in der ich gerne den Himmel oder Tänzerinnen male, die kraftvoll, selbstbewusst und schön sind.“ Die Bilder wirken.
„Jeder Mensch hat eine Bestimmung. Wenn mir die Gabe zu malen gegeben wurde, wäre es Blasphemie, diese nicht zu nutzen.“ Elena hatte schon immer sehr viel Humor und eine solch endlose Energie, von der ich bis heute gar nicht verstehe, woher sie sie nimmt und wie sie die überhaupt aufrechterhalten kann. Vielleicht verrät sie es mir eines Tages.
Fest steht, dass sie diese Energie nimmt und sie mit Farben auf die Leinwand bringt. Der Entstehungsprozess ist für Elena eine Art Workout da er viel Armbewegungen und Sprünge erfordert, die man als Betrachter meint, erkennen zu können.
Ihre Wolkenbilder transportieren die Emotion, die sie fühlt, während sie sie malt: Harmonie, Energie, Leichtigkeit und Zartheit. Sie deutet auf mein Lieblingswerk in ihrer Wohnung: „So eins kann ich nicht nochmal schaffen“, findet sie. Das Gemälde ist wirklich einzigartig: Leuchtkraft und frablicher Einklang. Ich kann und will nicht wegsehen. Es ist Bewegung und Stillstand drin, pastellige und leuchtende Töne, einzelne Wolken, ein sanft angedeuteter Horizont. Vor allem aber: Tiefe. Unklar, wo der Betrachter positioniert ist – mitten im Flug durch die Wolken, am Strand oder auf einer Anhöhe. Ich meine, dass unsere Künstlerin hier aus ihrem Kopf heraus gemalt haben könnte, da die Farben so fantasievoll wirken. Außerdem sind die Pinselstriche sehr geladen und frei; mitunter eines der Gründe, weshalb sie großformatige Leinwände bevorzugt. „Du gibst dem Pinsel die Möglichkeit, dich zu führen.“ Und das bracht Platz. „Ich berühre die Leinwand und ich spüre die elektrisch geladene Energie, die durch mich fließt. Dann geht’s los mit Farbe – ohne Vorzeichnung, ohne Skizze“, sagt sie zum Entstehungsprozess.
Warum macht Elena Politowa Kunst?
Sie zitiert eine chinesische Weisheit: „Frag den Vogel nicht, warum er singt.“ Die Chinesen meinten damit so viel wie: Schönheit, Kreativität oder Ausdruck brauchen keine Erklärung. Bzw.: Manche Dinge geschehen einfach aus innerem Antrieb, und nicht, weil sie einen Zweck erfüllen müssen. „Ich will nichts erklären“, sagt sie. „Ich will einen Raum schaffen, der auf die Menschen wirkt. Damit sie die Leichtigkeit und Zartheit nachempfinden, die ich in dem Moment empfand.“
Seit sie ein kleines Mädchen ist, malt sie gerne. Mit 12 malte sie unaufhörlich Autos. Das führte sie irgendwann in die Architektur, und später in die Kunst.
Im Atelier mit Elena Politowa
Wir kommen in das Atelier. Neue Bildthemen hängen hier an den Wänden: Unterwasserszenen, ein unerklärliches Objekt im Wasser. Ich frage, was das ist. Elena sagt ganz selbstverständlich: „ich weiß es nicht“. Es könne etwas Lebendes sein, ein Schatten, ein Portal. Ich liebe es, dass sie sich selbst und den Betrachtern Interpretationsraum lässt.
Direkter Vergleich: Das Bild offenbart durch die spezielle Beleuchtung neue Elemente.
Doch diese Bilder gehen tiefer. Das höchst belastende Zeitgeschehen veranlasst Politowa dazu, sich zurückziehen zu wollen. „Ins Wasser, da wo es energetisch ist, da wo es sicher ist, wie im Mutterleib.“ Auch die Gefahr der Unterwasserwelt spiele dabei eine Rolle. Vielleicht verarbeite sie dadurch sogar eine schwierige Erfahrung. Als kleines Mädchen ertrank sie beinahe und vermutet, dass das Bedürfnis, Unterwasserszenen abzubilden, die Aufarbeitung dieses einschneidenden Erlebnisses sein könnte.
Elenas kritischer BlickOlá
Wann weißt du, wann ein Bild fertig ist?
„Nie. Manche Bilder rühre ich einfach nicht mehr an. Je abstrakter ich male, desto lauter ist das Gefühl, wenn etwas fertig ist.“
Ich frage: „Wirst du als Künstlerin, mit Betonung auf Frau, anders gelesen oder anders behandelt als männliche Kollgen?“
Sie sagt: „Nein. Ich habe viel maskuline Energie in mir.“
Das äußert sich für mich in einer praktischen Angehensweise der Künstlerin. Sie ist strukturiert, bei ihr funktioniert der Tagesablauf „nach System“, sie ist eine Macherin – keine Theoretikerin – ich habe sie als furchtlose Kraft erlebt. Eine, die rettet und hilft, eine die sich vor allem gegen gewaltvolle Männer auftürmt und als Beschützerin der Frauen und Kinder auftritt. Und wenn sie das macht, hat sie in ihren Augen nicht die Spur von Angst. Ich kriege beim Schreiben (jetzt auch beim Redigieren wieder) gerade nasse Augen, weil ich noch sehr klein war, als ich Elena in dieser Rolle erlebt habe. Aus erster Hand, versteht sich.
Für mich wird sie deshalb immer eine kraftvolle Frauenrolle sein. Ein Vorbild, das mir gezeigt hat, wie geil es ist, vor nichts und niemandem Angst zu haben. Ihr wisst wahrscheinlich aber, wie ich es hin und wieder mit meinem riskanten Verhalten übertreibe.
Was war das Risikoreichste, das Elena Politowa gemacht hat?
„Das Riskanteste war es wohl, Künstlerin zu werden. 2003 neigte sich mein Architekturstudium dem Ende zu. Ich hörte von einigen Jungarchitekten, dass die Chancen auf dem Arbeitsmarkt eher schlecht stehen“, es war 2003. Elena musste neue Wege finden. Sie malte.
2011 kommt ein neuer Schritt hinzu: Elena Politowa gründet ihre eigene Kunstschule, wo wir später zusammen sitzen. Ich kenne die Räumlichkeiten noch von früher. Damals war es nämlich ihr Atelier. Nach und nach baute sie es aus. Das Atelier verwandelte sich in eine Kunstschule mit Staffeleien, einer beachtlichen Sammlung an Pinseln, Monitoren, Stiften, Farben und sonstigen Materialien.
In der Kunstschule Elena Politowa
Die Wände werden geziert von Elenas großformatigen Unterwasserbildern (circa 7,5 (!) x 2 Meter). Die auch noch ganz neue Dimensionen des Farbauftrags eröffnen, sofern man UV- oder Schwarzlicht darauf richtet. Ich fühle mich wie auf einem unerforschten Planeten, während wir da sitzen und reden. Alles leuchtet violett und neon, die Unterwasserwesen umgeben uns und die eigenwillige Heizung gurgelt leise vor sich hin.
Lenchik lacht. So habe ich sie all die Jahre in Erinnerung behalten. Es ist gemeingefährlich, mit dieser Frau unterwegs zu sein, denn das garantiert am nächsten Tag ein leichtes Ziehen im Bereich der Lachmuskulatur.
2014 entdeckte sie durch Zufall, dass manche Bilder ganz anders wirken, wenn man das spezielle Licht hinzunimmt. Sie findet großen Gefallen daran und entwickelt diese Technik weiter. Ich frage die Künstlerin, wie die Arbeit mit Kindern ihre Kunst beeinflusst hat.
„Sehr stark“, sagt sie, „Wenn ich mit Kindern interagiere, sehe ich, wie wenig es sie interessiert, was andere über ihre Werke denken. Sie haben extrem viele Ideen und eine Leichtigkeit in der Auffassung unserer Welt. Diese kindliche Leichtigkeit ist das Wichtigste, was du in der Kunstschöpfung hast. Du darfs keine Angst haben. Natürlich braucht es Mut, um das zu machen was man will. Willst du etwa ohne Punkt und Comma Wolken zeichnen? Tu das. Sei offen. Egal, was du machst, es führt dich zu einem positiven Ergebnis. Hab keine Angst, irgend etwas falsch zu machen, etwa Farben oder Material zu verschwenden. Das macht alles nichts. Es kann ja neues gekauft werden.“
Elena Politowas Vision: „Es ist mir wichtig, dass die Kinder ihr Talent genießen, dass sie selbstbewusster werden.“