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Kunst & Architektur

Impressionismus: Max Liebermann im Frieder Burda

Das Frieder Burda Museum in Baden-Baden stellt derzeit das Werk von Max Liebermann im Kontext mit dem deutschen Impressionismus aus. Diesmal kann ich guten Gewissens sagen, dass das die wohl beste Ausstellung seit Langem war, die das Frieder Burda zusammengestellt hatte. Geht unbedingt hin, sie läuft noch bis zum 8. Februar 2026.

Besonders gut gefiel mir diesmal die Präsentation der Bilder. Wahlweise war die Wandfarbe ausgesprochen harmonisch gewählt, sodass eher schlichte Bilder sehr gut zur Geltung kamen. Auch gab es viele Tafeln neben den Gemälden, die vorikonographisch bis ikonographische, manchmal sogar ikonologische Beschreibungen lieferten. Die waren sehr aufschlussreich und schön formuliert. Allerdings entschieden sich die Kuratoren dafür, das Material der Arbeiten außen vor zu lassen. Ich meine, das Frieder Burda macht diesen Kunstgriff des Öfteren. Mich triggert er enorm, hat aber eine tiefere Bedeutung: meistens tun Kuratoren uns das nämlich an, damit das Werk samt seiner Wirkung für sich steht, anstatt dass wir gleich dazu eingeladen werden, es technisch zu analysieren. Ob das nun aber auch die Absicht im Frieder Burda war, weiß ich (noch) nicht.

1. Heinrich Hübner, Rittersporn (1913). Für alle, die sich nach der Haftbefehl-Doku fragen, wie Rittersporn aussieht 😛
2. Sabine Lepsius, Mädchen im Sonntagskleid (1914)
3. Lovis Corinth, Die Lesende (1911)

Frieder Burda: Exklusive Einblicke in Privatsammlungen

Viele Gemälde kamen aus Privatsammlungen, was bedeutet, dass wir sie sonst kaum zu Gesicht bekommen. Das steigert die Exklusivität dieser Ausstellung enorm. Gezeigt werden dabei nicht nur Arbeiten von Max Liebermann, sondern auch von Lovis Corinth, Max Slevogt und Fritz von Uhde. Ergänzt wird das Ganze um einige Werke von Malern, die weniger bekannt sind: darunter Dora Hitz, Philipp Franck, Friedrich Kallmorgen, Gotthardt Kuehl, Christian Landenberg.

Die Bilder von Lovis Corinth ragten für mein ästhetisches Empfinden besonders hervor. Anders als viele andere Impressionisten arbeitet er viel mit gedämmten Farben, spielt auf seine ganz individuelle Weise mit Schatten und Lichteinfall und zeigt uns eine Pinselstrich-Dynamik, die sich deutlich von den anderen Exponaten dieser Ausstellung unterschied. Jedes Gemälde, vor dem ich innehalten musste, war von Corinth. Somit konnte ich also einen (für mich) neuen Künstler entdecken, über den ich mehr erfahren will und vielleicht demnächst sogar etwas publiziere. Und mehr kann man sich von einer Ausstellung eigentlich gar nicht wünschen. Es gab sogar zwei Gänsehautmomente. Diese beiden Gemälde haben es mir besonders angetan:

Impressionismus in Deutschland

Das Frieder Burda beschreibt den „Impressionismus in Deutschland“, so heißt nämlich die Ausstellung, als eine der einflussreichsten Bewegungen der europäischen Kunstgeschichte. Die etwa 100 Leihgaben, die dort gezeigt werden, belichten diese Thematik. Es ist sozusagen die Deutsche Variante einer Stilrichtung, die ihren Ausgangspunkt in den 1860er Jahren um französische Künstler wie Claude Monet und Pierre Auguste Renoir gefunden hatte. Im Fokus steht natürlich Max Liebermann (1847–1935), der der Künstlerbewegung zum Durchbruch verhalf.

So wie diese Ausstellung war (und immer noch ist) sollten alle Ausstellungen im Frieder Burda aufgebaut sein. Das ist meine Traumvorstellung. Denn für Corinth und Liebermann und den Impressionismus im Allgemeinen kommen Kunstkenner auch mal von weiter weg nach Baden-Baden. Bitte mehr davon <3

Die Ausstellung „Impressionismus in Deutschland“ könnt ihr hier mit  „I Feel the Earth Whisper“  vergleichen. Beide wurden im Frieder Burda ausgestellt. Welche spricht euch mehr an?

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Kunst & Architektur

Barock: Wie du die prunkvolle Epoche sofort erkennst

Üppige Gemälde, güldene Altäre und theatralische Schnörkel-Elemente – der Barock macht keine halben Sachen. Wer einmal weiß, worauf er achten muss, wird diese opulente Stilrichtung überall entdecken: in Kirchen, Schlössern, auf Gemälden und in der Musik.

Der Trevibrunnen (italienisch Fontana di Trevi) ist ein Monumentalbrunnen auf der Piazza di Trevi vor dem Palazzo Poli in Rom. Er wurde in den Jahren 1732–1762 vom Architekten Nicola Salvi für Papst Clemens XII. geschaffen und gilt als Meisterwerk des Barock.
Der Trevibrunnen auf der Piazza di Trevi in Rom. Er wurde in den Jahren 1732–1762 vom Architekten Nicola Salvi für Papst Clemens XII. geschaffen. Foto von Mike Hsieh auf Unsplash

Was ist Barock?

Der Barock ist eine Kunstepoche, die etwa zwischen 1600 und 1750 in Europa vorherrschte. Sie entstand im Anschluss an die Renaissance und wurde vor allem von der katholischen Kirche als Antwort auf die Reformation gefördert. Ziel war es, durch prunkvolle, emotionale Kunst, Gläubige zu beeindrucken und zu inspirieren. Das Wort „Barock“ stammt vermutlich vom portugiesischen barroco – eine unregelmäßig geformte Perle – und war zunächst abwertend gemeint.

Foto von Mohadese Rezaei auf Unsplash

Checkliste: So erkennst du die Stilrichtung auf den ersten Blick

  1. Dramatik und Bewegung: In der Malerei wie in der Architektur ist nichts statisch. Figuren sind in Bewegung, Emotionen stark, Licht und Schatten wechseln sich in dramatischen Kontrasten ab.
  2. Prunk und Pracht: Goldverzierte Altäre, aufwendig geschwungene Formen, üppige Deckenmalereien… Barock ist niemals schlicht. Er will beeindrucken.
  3. Zentrale Perspektive: In vielen barocken Werken wird der Blick des Betrachters in die Tiefe gezogen, oft auf einen göttlichen Mittelpunkt hin.
  4. Theatralik: Barock liebt das Spektakel – ob auf der Bühne, im Kirchenraum oder im Schlossgarten. Alles ist inszeniert.
  5. Vergänglichkeit und Ewigkeit: Häufige Themen sind Tod, Erlösung, die Macht Gottes; aber auch weltlicher Reichtum und die Eitelkeit des Lebens (Vanitas-Motive).
Foto von Antonio Sessa auf Unsplash

Wichtige Stationen des Barock

  • 1600: Beginn der Epoche in Italien, vor allem durch Maler wie Caravaggio (berühmt für sein dramatisches Licht).
  • 1610–1680: Hochbarock mit Künstlern wie Gian Lorenzo Bernini (Architekt des Petersplatzes in Rom) und Peter Paul Rubens, dem belgischen Maler voller Bewegung und Sinnlichkeit. Hier kannst du Rubens‘ Venus sehen. Für mich ist sie die Verkörperung einer barocken Schönheit.
  • 1700–1750: Spätbarock, in Deutschland auch als Rokoko bekannt – hier wird alles noch verspielter und dekorativer, etwa im Schloss Sanssouci in Potsdam.
  • In der Musik: Komponisten wie Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel oder Antonio Vivaldi prägen das barocke Klangbild. Meine Musiker erzählen mir gerne, dass sie Barock lieben, weil er sich so schön interpretieren ließe, etwa im Gegensatz zu Romantik. Wie genau sie das meinen, verraten sie mir jedoch nie.
Mein persönlicher Favorit: Caravaggios Judith

Barock erleben: Wo du die Spuren der Epoche sehen kannst


Quellen:

  • Deutsche Digitale Bibliothek / Themenportal Barock
  • Museum Barberini Potsdam – Einführung zur Barockkunst
  • Wikipedia (de/en) – Artikel „Barock“ + Einzelbiografien (Rubens, Caravaggio etc.)

Titelbild von RUT MIIT auf Unsplash

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Kunst & Architektur

Hans Baldung: Lots heilig-unheilige Töchter

Mit einem einzigen Blick auf dieses Gemälde wird der Betrachter in ein heilig-unheiliges Spannungsfeld versetzt. Ich beschreibe heute eines meiner aktuellen Lieblingsbilder in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Als ich sie das letzte Mal besuchte, hing dieses Bild dort noch gar nicht, um so überraschter war ich, es direkt vor mir zu sehen. Es geht um Hans Baldungs Lot und seine Töchter um 1535/1540, Mischtechnik auf Holz.

Ikonographie: Hans Baldungs Lot und seine Töchter

Hans Baldung, auch Grien genannt, bekam den Namen, weil er am liebsten mit grüner Farbe hantierte, was auf diesem Bild nicht zu sehen ist. Die Farbtöne bewegen sich im Bereich Elfenbein, Rot, Schwarz. Im Vordergrund sehen wir einen weiblichen Akt auf einer Liege, den Schambereich bedeckend, geschmückt mit güldenen Kettchen, Perlen und einem Ring. Über ihr steht ein Mann mit einem Gefäß in der Hand, aus dem er trinkt. In schwarz-weiß sehen wir eine weitere weibliche Figur, ebenfalls unbekleidet. Sie nimmt hier eine beobachtende Rolle ein und blickt hinter einem Vorhang hervor. Auf der rechten Seite des Gemäldes sehen wir ein kleines Weinfass, im Hintergrund eine brennende Stadt. Bei genauerem Hinsehen entdecken wir eine weiße Salzsäule.

Die Gesamtheit dieser Elemente, eine Bildinschrift in der oberen Bildhälfte, sowie auch der Titel des Gemäldes deuten darauf, dass es Lot und seine beiden Töchter sind. Ein Blick ins Buch Genesis im Alten Testament gibt uns Aufschluss. Nach der Zerstörung von Sodom und Gomorra, den beiden Städten die sinnbildlich für moralischen Verfall und Gottes Strafe stehen, flieht Lot mit seiner Frau und den beiden Töchtern in eine Höhle. Auf dem Weg da hin blickt die Frau zurück auf die brennende Stadt, obwohl zwei Engel ihr dies deutlich untersagt haben. Die Folge: Sie erstarrt zu einer Salzsäule. Aus Angst, dass ihre Familie aussterben könnte, berauschen die Töchter ihren Vater nacheinander mit Wein und zeugen so Kinder mit ihm. Die Nachkommen werden als die Völker Moab und Ammon angesehen.

Hans Baldung Grien: Lot und seine Töchter (1535/1540)

Kunsthistorische Einordnung des Gemäldes

In der Kunstgeschichte wird das Motiv häufig genutzt, um Themen wie Verderbtheit, Inzest, göttliches Gericht und moralische Ambivalenz darzustellen. Es erlaubt Künstlern, sowohl narrative als auch erotische Elemente in biblischer Rahmung zu thematisieren, oft mit Betonung von Schuld und Sünde. Typologisch sehen wir hier das jüngste Gericht. Dieses wird mit dem farbintensiven Feuer im Hintergrund, der roten Farblichkeit im Vordergrund des Bildes sowie auch mit der Sünde, die durch die Gesamtheit dieser Atmosphäre geschaffen wird, untermauert.

Hans Baldung: Die Epoche und ihr Schönheitsideal

Der weibliche Blick aus dem Bild heraus zeigt uns eine Darstellung, die in der Renaissance üblich war. Mit diesem Blick wird auch der Betrachter zum Verführten. Stilistisch deutet das Bild auf Hans Baldungs spätere Werke. Da er hier seinen Hang zur stilisierten Körperdarstellung auskostet. Er malt ein Schönheitsideal mit überlangen Beinen, kleinen, weit auseinanderliegenden Brüsten und diesem elfenbeinfarbenen Inkarnat. Es erinnert uns ein kleines bisschen an Lucas Cranach d.Ä.; sogar das Frisürchen und die Katzigkeit des Frauengesichts könnte ein Indiz dafür sein, dass Baldung sich von Cranach inspirieren lassen hat.

Der Kontrast zwischen Lot uns seiner älteren Tochter verdeutlicht die Ungleichheit zwischen diesem Paar. Sie bleich, jung und nackt, er dunkleres Inkarnat, angezogen, alt. Es tangiert die Thematik des „ungleichen Paares“, die wir von Greisen und geldinteressierten Dirnen kennen, jedoch trifft nicht ganz zu. Denn statt des Geldes wollen die beiden Töchter Kinder.

An dieser Stelle müssen wir uns fragen: Warum ist dieses Bild dermaßen erotisch geladen? Wir sehen, wie der Künstler eine Atmosphäre schafft, indem er viel mit Farbkontrasten (hell zu dunkel), Blicken, in denen wir das Verbotene erkennen, Rottönen und Schmuck auf nackten Körpern spielt. Die Schmuckelemente deuten übrigens darauf, dass die Auftraggeber adelig oder gar hochadelig waren. Die ältere, hell hervorgehobene Tochter im Vordergrund erinnert uns sogar an die Liebesgöttin Venus. Was Baldung vermittelt, kommt jedenfalls stark bei uns an. Warum macht er das? Es ist eine inzestuöse Thematik, die mit einem hohen Grad an Erotik und Ästhetik präsentiert wird. Musste das sein? Ich denke, Ja.

Hans Baldung erschütterte durch die Darstellungsweise seiner späteren Werke die spätmittelalterlichen Glaubensvorstellungen. Stellen nun eine kleine Verbindung zu Baldungs Skandalmadonna mit den Papageien her. Auch sie stellte der Künstler in einer höchst sinnlichen Atmosphäre da. Eine solche Nacktdarstellung biblischer Figuren war seinerzeit unzulässig. Seine Bilder wurden teilweise aus den Kirchen verbannt (etwa in Straßburg), doch er machte weiter. Denn er malte für die jene Kennerkreise, die diese Art der Darstellung zu schätzen wussten.

Um es mit anderen Worten zu sagen: Die Kraft er Erotik in der Madonna mit den Papageien lässt den Betrachter eine unberührte Lebensspenderin nicht nur sehen, sondern erleben. So empfinde ich es persönlich auch bei den Töchtern Lots. Die Sinnlichkeit lässt uns Betrachter erst spüren, welcher Versuchung Lot ausgesetzt war.

Klicke hier, um mehr über die gezeigte Madonna mit den Edelsteinen zu erfahren.

Lot und seine Beiden Töchter: Zerstörung des Bildes

Kommen wir nun zum Offensichtlichen: Das Bild wurde mittels Säge zerstört. Man sägte so, dass beide Töchter als separate Bilder verwertet werden konnte. Die Wissenschaft ist sich allerdings noch nicht einig, weshalb man das Gemälde zerstört hatte. War es zu provokant? Oder war man der Meinung, dass mehrere kleine Baldungs mehr Geld einbringen würden, als ein großer?

Im Frühjahr 2019 kaufte die Kunsthalle Karlsruhe jedenfalls die drei Fragmente, die bislang aufgetaucht sind. Man hofft, dass auch die jüngere Tochter bald auftaucht. Derzeit ist eine schwarzweiße Fotografie an der leeren Stelle des Gemäldes eingesetzt.


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Künstlicher Marmor: Imitat wertvoller als Original?

Die Technik, über die wir heute sprechen, verblüfft seit Jahrhunderten mit ihrer Schönheit – und ist dabei eine Illusion. Scagliola, auch bekannt als Gipsintarsien, ist eine kunstvolle Methode, um edle Gesteine wie Marmor nachzuahmen. Statt echtem Marmorstein kommen hier ein paar Zutaten zum Einsatz: Anhydrit, eine Form von Gips, wird mit Leimwasser vermischt. Dieses besteht meistens aus Perl- oder Knochenleim, also tierischem Bindematerial. Die Masse wird mit Farbpigmenten wie etwa gemahlenem Lapislazuli oder Granat angereichert, kräftig durchgeknetet und modelliert. Weil Anhydrit nur langsam aushärtet und der Leim diesen Prozess zusätzlich verzögert, bleibt genug Zeit, um die Mischung zu formen und kunstvoll ineinanderzuwirbeln, bis sie wie Marmor aussieht.

Anschließend wird die fertige Masse in etwa ein Zentimeter dicke Scheiben geschnitten und auf eine Unterlage, etwa Mauerwerk, aufgetragen. Wenn der Anhydrit zu Gips ausgehärtet ist, wird er grob geschliffen, Fehlstellen ausgespachtelt und die Oberfläche mit immer feiner werdenden Schleifsteinen geschliffen. Anschließend wird das Ganze aufpoliert.

Um es also auf den Punkt zu bringen: Künstlicher Marmor ist in seiner Herstellung extrem aufwendig und es werden (Halb-)Edelsteine beigemengt. Das macht das ganze besonders exklusiv.

Die Epoche des künstlichen Marmors

Diese Art Stuckmarmor gab es schon in der Spätantike, jedoch fällt seine Blütezeit in den Barock. Große Flächen dieses künstlich hergestellten Marmors finden wir etwa im Rastatter Residenzschloss oder im Schloss Favorite. Die Herstellung des „künstlichen Marmors“ war manchmal tatsächlich teurer als echter Marmor. Dennoch bevorzugten manche Baumeister Stuckmarmor für ihre Projekte, da sich mit ihm Farb- und Musterspiele erzeugen lassen, die natürlicher Marmor nicht bietet (z. B. blauer Marmor mit ockergelben Einfärbungen). Zudem können beliebig große Flächen hergestellt werden.

Scagliola im Wandel der Zeit

In Europa sind die ältesten Scagliola-Platten aus der Zeit um 1600 überliefert. Zu einem Zentrum dieses Kunsthandwerks entwickelte sich München. Viele Objekte schmücken die Münchner Residenz. Herzog Maximilian I. beanspruchte das fürstliche Privileg über die Scagliola-Technik. Die Marmoristen und Stuckateure durften ihr Wissen nicht unerlaubt weitergeben. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts kam Stuckmarmor schließlich aus der Mode.

Im 21. Jahrhundert gibt es noch einige Restaurierungsbetriebe, die Stuckmarmor herstellen und ausbessern können. Stuckmarmor hat, neben der aufwendigen Herstellung, jedoch einige weitere Nachteile. Er ist nicht so hart wie echter Marmor (eignet sich daher beispielsweise nicht für stark beanspruchte Treppenbeläge) und ist nicht wetterfest, da Leim und Gips wasserlöslich sind. Schön, kostspielig und nicht alltagstauglich – so haben wir’s doch am liebsten.


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Kunst & Architektur

Barock zum Staunen: Das verbirgt sich im Rastatter Schloss

Wer nach Rastatt kommt, um nach Barock zu suchen, wird schnell fündig. Auch ich war dort auf den Spuren dieser Epoche. Besonders beeindruckt hat mich das Barockschloss. Ich ging in den vergangenen Jahren, als ich noch in Rastatt lebte, etliche Male daran vorbei, doch wusste es noch nie so richtig zu schätzen. Nun sollte sich das aber ändern: ich würde es auch mal von innen sehen. Das können alle. Betreten werden darf das Schloss allerdings nur im Rahmen einer Führung. Diese kostet 8 € (ermäßigte 4 €).

Einblicke ins Rastatter Schloss

Unsere Gruppe lauschte den Geschichten vom höfischen Leben und der Architektur. Die Dame, die uns durch die barocken Räumlichkeiten führte, teilte ihr Wissen mit einer solch ansteckenden Leidenschaft – es war einfach schön. Ich lernte viel von ihr. Ihre Art zu erzählen war aufregend und lebendig, sodass ich bei dieser Führung am liebsten gleich noch mal mitgemacht hätte.

Im Schlossinneren angekommen deutete sie auf eine Muschelarchitektur und sagte: „Die Muschel ist das Symbol des Barocks.“ Zudem spielte die Barock-Perle, eine unebene, meistens tropfenförmige Perle, eine Schlüsselrolle in der Epoche. Sie ist die Quelle der Ästhetik, die den Barock ausmacht und wurde als das Ideal angesehen. Ihre Struktur spiegelt sich oftmals in all den innen- und außenarchitektonischen Schnörkeleien und Verzierungen wider.

Die Muschel: Oft als Indiz für barocke Architektur zu deuten.

Rokoko im Barockschloss

Wir befanden uns im ehemaligen Einfahrtsbereich des Schlosses. Einer Art „Kutschen-Tiefgarage“ für Gäste, die einfuhren und dabei incognito bleiben wollten. Eine pompöse Deckenarchitektur im Stile des Rokoko begrüßte uns und blickte beinahe spöttisch auf uns herab. Rokoko erkennt man daran, dass die Zierelemente nicht so gleichschenklig sind wie die im Barock. Darüber hinaus ist es kantiger, unebenmäßiger, herausragender.

Dann ging es die Treppen hinauf. Die Dame zeigte uns pompöse doppelte Decken, güldene Verzierungen, Statuen, Reliefs und Gemälde. „Die große Pracht war dazu da, um die Gäste klein zu halten.“ All das war eine Hommage an die griechische Mythologie. Obwohl der Glaube christlich war, ließen die Architekten hier die Griechen hochleben – sie formten ihre Götter aus Stein und mindestens einen sogar aus Bronze. Schließlich galt der christliche Gott als unantastbar und durfte strenggenommen nicht dargestellt werden.

Fakten zum Schloss: Bauherr und Co.

Im größten und prächtigsten Raum des Schlosses, dem Ahnensaal, stießen wir auf noch mehr eindrückliche Elemente des Rokoko. Zahlreiche Fresken schmückten die meterhohen Wände. Sie zeigen nicht nur die Vorfahren des Bauherrn, sondern auch viele gefangene Osmanen. Diese Darstellungen sollten den Besuchern vermitteln, dass der Markgraf von Baden-Baden – auch bekannt als „Türkenlouis“ – als siegreicher Feldherr der Christenheit galt. Er wurde als jener gefeiert, der Europa vor den Osmanen beschützt hatte.

Ahnensaal im Barockschloss Rastatt

Der Markgraf residierte zu Lebzeiten im Schloss Rastatt. Es wurde ab 1697 nach den Entwürfen von Domenico Egidio Rossi erbaut. Zuvor hatte er zusammen mit seiner Frau Franziska Sibylla Augusta von Sachsen-Lauenburg im Neuen Schloss in Baden-Baden gelebt. Dieses war jedoch von französischen Truppen niedergebrannt worden. Eine neue Residenz musste her.

Franziska Augusta Sibylla und Ihre Schwester Anna Maria Franziska. Unbekannter Künstler.

Das Residenzschloss Rastatt wurde nach dem französischen Vorbild Versailles gebaut. Ganz Europa schaute auf die Machtfülle des französischen Monarchen und versuchte diesem nachzueifern.

Macht: So wurde sie im Barock repräsentiert

Mit dem Bau des Rastatter Schlosses verfolgte Ludwig Wilhelm ein ehrgeiziges Ziel: Er wollte die Kurwürde erlangen. Nachdem ihm trotz seiner militärischen Erfolge – sowohl in den Türkenkriegen als auch am Rhein – die erhofften Ehren verwehrt blieben, setzte er stattdessen auf repräsentative Architektur. Das prachtvolle Schloss sollte seine Machtansprüche sichtbar untermauern.

Allzu viel hatte Ludwig Wilhelm selbst jedoch nicht von seiner Residenz. Die meiste Zeit verbrachte er im Feld. Bereits 1707 starb er an den Folgen einer Kriegsverletzung.

Dieses Barockjuwel zeigt eindrucksvoll, wie Architektur, Macht, Kunst und Geschichte miteinander verbindet. Du kriegst von Schlössern nicht genug? Hier geht’s zu der atemberaubenden Münchner Residenz.


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Die Öffnungszeiten und alle andere Infos rund um deinen Besuch des Rastatter Schlosses findest du hier.

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Reisen

Eine Reise durch Portugal: Póvoa de Varzim mit allen Sinnen

Sturm, Regen, heulender Wind: In Portugal neigte sich der November seinem Ende zu. Um den meterhohen Wellen des Atlantischen Ozeans näher zu sein, begab ich mich auf den gigantischen Wellenbrecher in Póvoa de Varzim. Ich war so gerne dort, dass ich auch meine Bekanntschaft, die ich später kennenlernen würde, dort hin brachte.

Am Ende des Wellenbrechers stand ich schon beinahe mitten im Ozean. Die Wellen türmten sich vor mir auf und zerschlugen auf dem mit Algen bedeckten Beton in hunderttausende Tropfen, die ich auf meinem Gesicht spüren konnte. Der Blick in die Ferne brachte nur noch mehr aufkommende Wellen, während die Luft nach Salz und der kalten frische des Atlantischen Ozeans roch.

Portugal, Atlantischer Ozean: Ein kleines Fischerschiff fährt auf See hinaus. Im Hintergrund sieht man die Stadt Póvoa de Varzim.
Hier sah ich, wie die Tiefseefischer auf See hinausfuhren. Ich hätte einiges dafür gegeben, um dort an Bord gewesen zu sein.

Während ich in Portugal war, vergaß ich Frankfurt

In meinen Ohren machte sich das laute Rasseln der mächtigen Wassermengen breit. Im Hintergrund hörte ich eine Fischverkäuferin am Strand, die die Möwen mit ihrer Krücke abwehrte. Wahrscheinlich rief sie den Vögeln, die es auf ihre Fische abgesehen hatten, die eine oder andere Drohung zu. Da sich die Szene auf portugiesisch abspielte, kann ich die Bedeutung ihrer Zurufe nur erahnen.

Mal schlug der Regen mehr in mein Gesicht, mal weniger – doch das Salz der Atlantik konnte er nicht von mir spülen. Mit dem Blick in die hundert Blautöne des Ozeans spürte ich, wie ich alles vergaß, was auf mich in Frankfurt wartete. Ich würde mich erst wieder daran erinnern, wenn ich in Frankfurt landen würde.

Am Ende eines Wellenbrechers in Póvoa de Varzim, Portugal, steht ein kleiner, rot-weiß gestreifter Leuchtturm. Im Hintergrund befindet sich der Arlantische Ozean mit seinen großen Wellen.
Diesen kleinen Leuchtturm sah man nachts bis nach A Ver-o-Mar.

Póvoa de Varzim: Dieses Restaurant hat mich überwältigt

Am Abend war es an der Zeit, mich verwöhnen zu lassen. Ich entschied mich für das Restaurant Marinheiro in Póvoa de Varzim und trudelte dort am Abend ein. Mich erwartete dort der charmante Oberkellner, eine tolle Location und guter, schwerer Rotwein aus Portugal, wie ich ihn gerne habe. Als kleine Vorspeise wurden Riesengarnelen serviert. Ich schmeckte heraus, dass die Biester noch um die Mittagszeit im Ozean herumlungerten. 

Das Restaurant Marinheiro in Póvoa de Varzim, Portugal: Vier aneinander gereihte, leuchtend orange-rote Riesengarnelen scheinen in die Kamera zu starren, während sie auf einem Teller liegen.
Der Tisch war großzügig gedeckt und die Spezialitäten des Hauses waren traditionell und einzigartig im Geschmack.

Die Hauptspeise ließ danach auch nicht lange auf sich warten. Ich entschied mich für die Rotbrasse, die mir glasiertem Kohl und anderem Gemüse serviert wurde. Filetiert wurde der Fisch sehr elegant am Tisch. Der Service war aufmerksam und freundlich, während die Rotbrasse zart und leicht war. Als Dessert bestellte ich Pão-de-ló de Ovar – ein Biskuit-Küchlein, das entfernt an ein Soufflé erinnert, das ich mache, da wahrscheinlich die gleiche Eiermenge drin ist. Ich werde dieses Restaurant nie vergessen. 

Zurück zum Hotel ging ich zu Fuß, denn es hatte endlich aufgehört zu regnen. Auf dem Weg lernte ich einen Straßenkater kennen, der sich zunächst an mich ran kuschelte, dann aber mit voller Wucht in meine Hand biss. Ich nehme ihm das nicht übel.

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Kunst & Architektur

Egon Eiermann baut die geilsten Türme Frankfurts

Als ich zum ersten Mal in Frankfurt aufwachte, erblickte ich die Türme von Egon Eiermann. Ich musste gleich ehrlich zu mir selbst sein: Die Konstruktion der beiden architektonischen Meisterwerke war bei Weitem das Beeindruckendste, das ich seit langer Zeit gesehen hatte. Und das, obwohl ich die Architektur vergangener Epochen viel besser kenne und, zugegeben, auch schätze. Bis zu meinem letzten Tag in Frankfurt fuhr ich aufgeregt an der Station „Börostadt Niederrad“ vorbei, weil man dort die Eiermann-Türme direkt aus der Straßenbahn heraus bestaunen kann.

Laut „stadtkindfrankfurt.de“ soll Egon Eiermann zu den einflussreichsten deutschen Architekten der Nachkriegszeit gehören. Seine beiden Türme in Frankfurt soll er erst im späten Abschnitt seines Lebens für die Firma Olivetti konstruiert haben. Olivetti ist ein Unternehmen, das heutzutage Computer, Bürogeräte und -maschinen sowie Anwendungssoftware herstellt.

Eiermann-Türme in Bürostadt-Niederrad in Frankfurt.
Es ist unfassbar, wie filigran der Architekt seine beiden Türme konstruiert hat. Zum Zeitpunkt der Konstruktion hatte er nur eine begrenzte Fläche, die er nutzen durfte. Das flache Gebäude in der Mitte der beiden Türme, das wir hier im Bild sehen, beeinflusste die Bauweise stark.

Die beiden Bauwerke wurden erst zwei Jahre nach dem Tod von Egon Eiermann fertiggestellt. Dass die extravagantesten Türme Frankfurts direkt am Stadtwald grenzen, intensiviert den Kontrast zwischen Naturkulisse und einer Architektur, die nicht von dieser Welt zu sein scheint.

Die Vita des Egon Eiermann

Egon Eiermann wurde am 29. September 1904 in Neuendorf bei Berlin geboren. Seine architektonische Reise begann er nach dem Abitur an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg, wo er – man ahnt es – Architektur studierte. Während seines Studiums hatte er das Privileg, von herausragenden Lehrern wie Heinrich Tessenow und Hans Poelzig unterrichtet zu werden, von dem er später auch als Meisterschüler anerkannt wurde.

Nach dem erfolgreichen Abschluss seines Studiums im Jahr 1927 trat Egon Eiermann seine erste Anstellung im Baubüro der Karstadt AG in Hamburg an. Seine Fähigkeiten und sein Talent als Architekt blühten dort auf und ebneten den Weg für eine herausragende Karriere. 1931 wurde er selbstständiger Architekt und kehrte nach Berlin zurück.

Eiermann: Das macht den Architekten aus

Die Jahre von 1931 bis 1945 waren geprägt von Egon Eiermanns unermüdlichem Schaffen und seiner Leidenschaft für die Architektur. Während dieser Zeit schuf er Werke, die seine innovative Denkweise und sein strenges Designprinzip widerspiegelten. Seine Entwürfe und Projekte zeichneten sich stets durch Klarheit, Funktionalität und zeitlose Eleganz aus.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eröffneten sich für Egon Eiermann neue Möglichkeiten. Im Jahr 1947 wurde er zum Lehrstuhl für Architektur an der Technischen Hochschule Karlsruhe berufen. In dieser Position konnte er sein umfangreiches Wissen und seine kreativen Ideen an die nächste Architektengeneration weitergeben. Neben seiner akademischen Laufbahn etablierte er auch sein eigenes Architekturbüro in Karlsruhe.

Fun Fact: Am KIT gibt es ihm zu Ehren sogar einen Egon-Eiermann-Hörsaal. Dort finden Vorlesungen der Architektur und Kunstgeschichte statt.

Egon-Eiermann-Türme im Frankfurter Stadtteil Niederrad.
Allein dafür lohnt es sich nach Frankfurt zu kommen. Traurig finde ich, dass die Grünfläche um die beiden Türme herum immer weiter verwahrlosen, obschon in den Gebäuden noch etwas Leben herrscht.

Eiermann stirbt – doch hinterlässt bleibenden Eindruck

Eiermann verstarb 1970 im Alter von nur 65 Jahren in Baden-Baden. Trotz seines viel zu frühen Todes hinterließ er ein beeindruckendes Erbe in der Welt der Architektur.

Seine Werke und sein Einfluss auf die moderne Architektur sind auch heute noch lebendig und inspirierend für kommende Generationen von Architekten und Designer. Egon Eiermann wird nicht nur für seine herausragenden Bauten, sondern auch für seine unermüdliche Hingabe an die Architektur in Erinnerung bleiben.


Quellen: stadtkindfrankfurt.de und egon-eiermann-gesellschaft.de

Bilderrechte: avecMadlen.com

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Manila erschüttert mich

Ein Meer aus Farben flutete meine Sinne auf dem Markt in Manila. Unmengen neuer Gerüche und erstaunter Blicke. Ich ging vorsichtig durch die Reihen und schaute mir die getürmten Jackfruit, Drachenfrüchte, Bananen und Co. an. Kaufen konnte ich nicht viel, da mein Rucksack schon fast eine Tonne wog. Immerhin würde mein Bus nach Baler erst um Mitternacht kommen und bis dahin müsste ich den ganzen Tag das Ding quer durch die Hauptstadt schleppen.

Ich spazierte zwischen den Fleischtheken. Ein regelrechtes Erlebnis war das für mich, jedoch kein besonders angenehmes. Doch ich war entschlossen, Eindrücke zu sammeln. Hier beachtete mich kaum jemand und ich filmte ungestört. Die Marktverkäufer waren viel zu beschäftigt damit, Schweineköpfe zu zerhacken, mit der Kundschaft zu verhandeln und die ganze pampige Soße mit Wasserschläuchen von den Gehwegen abzuspritzen. Dieses Geräusch, wenn das Metzgermesser den Schweineschädel spaltet, hallt mir immer noch in den Ohren nach. Wie es mit einem peitschenden Ton erst an Geschwindigkeit gewinnt und schließlich auf das tote Tier prallt, sodass der Schädelknochen knackt. Ich gruselte mich und bekam überall kalte Gänsehaut, wie damals, als ich an meinem aller ersten Tatort war.

Ich ging weiter. Haushaltswaren, Gewürze, lange Bohnen, getrocknete Gräser, Pflanzen und Gurkenarten, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Planlos bog ich hier und da ab und landete wieder beim Obst. Es wäre eine Schande gewesen, wenn ich hier nicht doch etwas gekauft hätte. Also kaufte ich etwas Jackfruit bei einem Mann, der die gigantische Frucht vor meinen Augen zerteilte und ein Stück davon in eine kleine Tüte steckte, die er mir dann reichte. „How much?“, fragte ich. Er musterte mich von Kopf bis Fuß. Dann tuschelte er mit seinem jüngeren Kollegen vom Obststand gegenüber. Beide lachten mir recht dreckig ins Gesicht. „100 Pesos“. Von mir aus. Ich verließ die Markthalle.

Ab auf die Straße

Draußen: reges Treiben. Drei hübsche Philippiner kamen mir entgegen und schauten mich so an, wie ich üblicherweise Statuen aus der Renaissance anschaue. „Hi Mam'“ sagte einer. „Mother“, sagte der zweite. Ich schmunzelte. Tricycles und Motorräder rauschten an mir vorbei – ich stolz mit der Tüte Jackfruit in der Hand. Gleich würde ich nach Kaffee Ausschau halten. Meinen ersten Kaffee auf den Philippinen.

Ab durch die dicht befahrene Straße. Auf beiden Seiten: Blechhütten. So etwas habe ich noch nie in meinem Leben gesehen. Noch nicht einmal vermutet hätte ich, dass solche Orte existieren. Aber hier leben Menschen. Männer, Frauen, Kinder, Alte. Das Blech der Fassaden glänzte in der Sonne. Vor den Fenstern hing Kleidung zum Trocknen, der Verkehr floss unaufhörlich, während die mageren Straßenhunde sich mit ihm arrangierten.

Ich bin in einem dieser Momente gefangen, in denen ich so wahnsinnig gerne Fotos machen würde, um es mit euch zu teilen, aber ich bremse mich, weil ich vermute, dass das Abfotografieren der Lebensbedingungen auf die Bewohner respektlos wirken könnte. Ich ringe innerlich mit mir selbst, da ich niemanden verletzen möchte. Schließlich mache ich ein einsekündiges Video. Diese Blechhütten waren der bisher heftigste Indikator für Armut, den ich auf den Philippinen erlebt habe. Doch schon sehr bald würde ich noch intensivere Erlebnisse sammeln.

Ich schließe eine Freundschaft in Manila

Mitten in diesem Blechhüttenviertel sah ich einen kleinen Laden. Zigaretten, Chips, Kaffee… Sogar ein Platz zum Hinsetzen. Ich fragte den Besitzer, ob er mir Kaffee aufgießen könne. Er freute sich über mich, platzierte mich herzlich, richtete den Ventilator auf mich und schlug mir vor, mein Handy zu laden. Ich war sehr dankbar für diesen Mann. Ralph ist sein Name.

„Du bist meine erste ausländische Kundin“, berichtete er in verhandlungssicherem Englisch. Sein kleines Geschäft führte er erst seit wenigen Monaten. Gut lief es, er habe bereits viele Freundschaften mit den Anwohnern geschlossen. Diese kamen auch fortwährend vorbei, um bei ihm einzelne Zigaretten, Cola und Bier zu kaufen. Viele der Männer sahen aus wie Badass-Gangster: Bandana, silberne Ringe, Narben im Gesicht, dünner Bart, Killerblick mit einem gleichzeitigen Funken kindlichen Interesses, als sie mein schneeweißes Gesicht hinter dem Tresen bemerkten.

Philippinen: Einheimische mit besonderer Mentalität

Bauarbeiter, Jungs, Großväter – alle kamen vorbei, während Ralph mir über seine Frau und die beiden Kinder erzählte. Sein Sohn 15, seine Tochter 8. Sein Hauptbusiness: Software-Ingenieur, wahrscheinlich irgendwo in einem der Hochhausbüros Manilas. Normalerweise kümmerte sich die Frau um den kleinen Laden. Doch heute musste sie zu einem Elterngespräch in die Schule, weshalb er einsprang. Ich stellte mir vor, was für ein liebevoller Vater er sein musste. Seine Besonnenheit, Güte und Offenheit leben bis heute in meiner Erinnerung. Ich ahnte noch nicht, dass das die schönste Begegnung meiner ganzen Zeit auf den Philippinen werden würde. Zum Glück sind wir Facebook-Freunde geblieben.

„Wenn hier die Taifune wüten, verlieren viele Menschen ihr Zuhause. Armut ist hier Teil unseres Lebens“, erzählte er mir. Nach den schwerwiegenden Naturkatastrophen zieht er mit seinem Sohn los und verteilt Reis und Essenspakete an die Menschen, die alles verloren haben. Grundsätzlich herrscht auf den Philippinen ein starker Zusammenhalt. Besonders kommt dieser bei Katastrophen zum Vorschein. Er ist Teil der Mentalität. Das spürt man sogar als jemand, der nicht ihre Sprache spricht. Es ist nicht greifbar, aber es ist da. „Ich spreche immer mit meinem Sohn und zeige ihm, wie wichtig es ist, Menschen in Not zu helfen.“ Ich schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen und Mund an und saugte seine Weisheit auf. „Manchmal frage ich ihn, wie er sich bei der Essensverteilung fühlt und er sagt mir, dass er es liebt, den Armen zu helfen. Ich bin sehr stolz auf ihn.“ Das war ich auch. Auf beide – Vater und Sohn.

Ihm vertraute ich und verriet, dass ich alleine reiste. Er schüttelte den Kopf, aber entmutigte mich nicht. Viel mehr erkannte er meinen Mut an und zeigte seinen Respekt davor. Dann gab er mir eine philippinische Süßigkeit zum Probieren. Es war köstliches Gebäck mit Nüssen, einer gelartigen Füllung und Puderzucker obendrauf. Ich bestellte einen zweiten Kaffee.

So waren die traditionellen Leckereien verpackt. Hübsch, nicht wahr? Weiß jemand, ob man die auch hier bei uns in Deutschland kaufen kann?

Die Tüte Jackfruit und ich ziehen weiter

So gerne ich auch hier war, Manila würde sich nicht von selbst erkunden lassen. Ralph – ich wette, er ist höchstens 5 Jahre älter als ich – bat darum, ihm zu versprechen, dass ich in Baler auf mich aufpassen würde. „God bless you“, sagte er mir mit ernstem langen Blick und weigerte sich, von mir Geld anzunehmen. Wir verabschiedeten uns wie alte Freunde und machten dieses Foto zusammen, auf dem mein Gesicht nach dem Langstreckenflug, der zu dem Zeitpunkt nur wenige Stunden zurücklag, maximal geschwollen ist:

Die Tüte Jackfruit hat mit mir zusammen die halbe Stadt gesehen. Sie war sogar bei der Begegnung mit den Straßenkindern dabei, über die ich euch bereits erzählt habe. Kurz bevor mein Bus kam, habe ich den Inhalt vernascht. Dieser war zwar schon etwas gequetscht, aber immer noch saftig und schier unvergesslich. Ich pulte die essbaren Stücke mit schmutzigen Fingern aus dem faserigen Fruchtfleisch, das ihr wirklich nur dann essen solltet, wenn ein Zahnstocher o.ä. in greifbarer Nähe ist. Der klebrige Saft rannte mir bis zu den Ellenbogen und ich reagierte ein bisschen allergisch auf die Frucht. War mir aber egal. Es war ein hoher Moment des Genusses.

Klebrig und zufrieden am Busbahnhof. Schon bald würde es nach Baler gehen.

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Kunst & Architektur

Kirchen: Baden-Badens geheime Schatzkammern

In Baden-Baden liegt Geschichte nicht nur in der Luft. Sie spiegelt sich auch in Stein und Glas wider. Werfen wir doch mal einen Blick auf die architektonischen Meisterwerke der Stadt – die Gotteshäuser. Sie zeigen uns nicht nur, wie unsere Stadtbewohner seit vielen Generationen ihren Glauben leben, sondern geben auch Einblicke in die europäische Baukultur und Experimentierfreude an Gestaltung. Gehen wir sie einmal chronologisch durch und fangen mit der ältesten und wohl bekanntesten Kirche an.

Stiftskirche Liebfrauen in Baden-Baden

Markant thront die Stiftskirche Liebfrauen am Florentinerberg. Ihr rund 68 Meter hoher Turm prägt die Silhouette der Altstadt. Nicht nur meine Fotoarchive sind voll von ihr. Erstmals 987 urkundlich erwähnt, wurde sie im Laufe der Zeit mehrfach umgebaut, erweitert und geformt. Aus dem 13. Jahrhundert ist der romanische Turmschaft erhalten geblieben, während der Chor und das Langhaus zwischen 1453 und 1474 im spätgotischen Stil erbaut wurden.

Was erwartet uns im Inneren? Die Kirche ist dreischiffig mit Querhaus und Chor angelegt. Ihre Decken sind von Kreuzrippengewölben überspannt, die von Sandsteinpfeilern getragen werden. Im Chor finden wir das aufwendig gestaltete Hochgrab des Markgrafen Ludwig Wilhelm (Türkenluis). Davor bleibe ich immer besonders lange stehen, egal, wie oft ich es bereits gesehen habe.

Die evangelische Stadtkirche

Nachdem 1855 der Grundstein gelegt wurde, fand 1864 die Einweihung der Evangelischen Stadtkirche statt. Ihr denkt euch vielleicht: „Wie bitte?“ Zurecht – bei ihrem Anblick könnte man leicht glauben, sie stamme aus der Hochgotik. Doch dem ist nicht so. Tatsächlich gehört sie der Neogotik an, einem Stil des 19. Jahrhunderts, der bewusst die Formen und Motive der Gotik wieder aufgriff. Die Neogotik zählt zu den frühesten Unterarten des Historismus, der sich in Kunst und Architektur an den Stilen vergangener Jahrtausende und verschiedener Kulturen orientierte. Wir kennen das etwa auch vom (Neo-)Klassizismus, der sich an der Antike, vor allem am griechischen und römischen Tempelbau, orientiert hatte.

Die Stadtkirche ist meistens geschlossen, weshalb ich sie heute erstmals, nach all den Jahren, betreten habe. Wunderschön – auch von innen: Im Hauptschiff finden wir spitzbogige Fenster mit farbigen Glasmalereien, die viel Tageslicht hineinlassen. Das Kreuzrippengewölbe überspannt den gesamten Raum und über der Empore am Eingang steht seit 1973 eine eindrückliche Orgel, auf der während meines Besuchs fleißig geprobt wurde. Ein magischer Moment, der mir für lange Zeit im Herzen bleiben wird. Die Deckenhöhe beträgt schätzungsweise 15–20 Meter, aber manche von euch werden wissen, wie (un)zuverlässig ich im Schätzen bin, daher Angabe ohne Gewähr.

Stourdza-Kapelle auf dem Michaelsberg

Mit Neoklassizismus geht es weiter. Die rumänisch-orthodoxe Kapelle Heiliger Erzengel Michael, auch bekannt als Stourdza-Kapelle, wurde zwischen 1863 und 1866 nach Plänen der Architekten Leo von Klenze und Georg von Dollmann erbaut. Sie steht auf dem Michaelsberg. Von Weitem erkennen wir sie an einer der zwei güldenen Kuppeln der Stadt. Sie ist 24 Meter hoch und eine Miniaturreplik der Kuppel der Peterskirche in Rom.

So einfach lässt die Stourdza-Kapelle sich jedoch nicht betreten. Man muss schon einen Termin erbitten, um sie von innen zu sehen. Von außen sehen wir einen kubischen Baukörper, dessen Wandflächen abwechselnd mit weißem, rotem und gelbem Sandstein „gestreift“ sind. Die Vorhalle wird von vier ionischen Säulen getragen. Diese Kirche ist für mich immer wieder ein krönender Abschluss, nach einem Spaziergang auf dem Michaelsberg.

Russisch-Orthodoxe Kirche Baden-Baden

1880 bis 1882 folgt der nächste große Bau: Die russisch-orthodoxe Kirche an der Lichtentaler Straße wird nach den Plänen des St. Petersburger Architekten Iwan Strom errichtet. Sie gehört zum nordrussischen bzw. russisch‑orthodoxen Stil mit byzantinischen Elementen. Ihr Grundriss hat die Form eines griechischen Kreuzes. Das ist auch bei vielen katholischen Kirchen und Klöstern üblich. Wie ihr euch sicher denken könnt, ist das die zweite güldene Kuppel der Stadt. Nur hat sie eine etwas andere Form: Im Deutschen sagen wir „Zwiebelkuppel“ dazu. Diese wird gekrönt von einem dreibalkigen Kreuz.

Das Mosaik über dem Portal und der prächtig ausgestattete Innenraum stammen vom „Malerfürsten“ Grigor Gagarin. Eine sogenannte Ikonostase aus weißem Marmor trennt den Altarraum vom Gemeinderaum – der Blick auf den Altar wird, wie in der russischen Kultur üblich, nur zu bestimmten Gottesdienstzeiten freigegeben.

Weststadt: Katholische Kirche St. Bernhard

Sehenswert ist auch die katholische Kirche St. Bernhard in der Baden-Badener Weststadt. Sie wurde zwischen 1911 und 1914 nach den Bauplänen von Johannes Schroth erbaut. Diese stießen damals auf deutliche Kritik vom bischöflichen Ordinariat, da sie Jugendstil-Elemente aufwiesen. Der Architekt konnte seine Vision des Bauwerks jedoch verteidigen, indem er argumentierte, dass die katholische Kirche damit mit der Zeit gehe.

Stilistisch prägend ist außerdem eine byzantinisch-frühchristlich wirkende Architektur, die sich in der zentralen Rotunde mit Kuppel widerspiegelt. Ihre Fresken und das einfallende Tageslicht wirkten auf mich überwältigend. Ganz zu schweigen von der gigantischen Orgel auf der Empore über dem Haupteingang.

Den Namen St. Bernhard verdankt das Gotteshaus dem seligen Bernhard von Baden. Der verzichtete auf seinen Herrschaftsanspruch und linderte stattdessen die Armut und Not der Bevölkerung, indem er einen Großteil seines Vermögens hinterließ.


Kein Anspruch auf Vollständigkeit, es gibt nämlich noch mehr Kirchen in Baden-Baden, die ich euch nach und nach hier vorstellen werde. Freut euch also auf Updates.

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Reisen

„Können Sie überhaupt fahren?“ – NEIN!

Brumm – ich rausche in unbekannter Richtung die giftgrünen Feldwege entlang. Ab und zu muss ich den abgemagerten Hunden ausweichen, die unverhofft meine Wege queren. Ich fahre und höre kaum etwas außer dem Motor und das schwache Stimmchen meines Navis, das mir bereits seit 40 Minuten versucht weiß zu machen, dass ich auf der falschen Route bin.

Der Himmel färbt sich grau und ich sehe die ersten güldenen Blitze am Horizont aufleuchten. Kurz muss ich mich schon fragen, ob ich nicht lebensmüde bin, doch werde gleich wieder von den grünen Weiten abgelenkt. Es regnet bereits seit heute Morgen, was mich in einer gewissen Anspannung hält. Auf den Philippinen hat die Regenzeit begonnen. Und diese ist bekannt für ihre Taifune, die kaum etwas stehen lassen, wenn sie über das Land ziehen. Jeden Tag und jede Nacht hoffe ich insgeheim, die Naturgewalt miterleben zu dürfen. Andererseits hab ich großen Respekt davor, wenn nicht zu sagen: große Angst. Ok, erwischt: ich hab die Hosen randvoll.

Baler – wie im Film

Ich fahre weiter. Der Nebel hat sich um die Gebirgskette vor mir gelegt. Alles, was ich wahrnehme, kommt mir vor wie im Film. Der wohl beste und arthousigste, den ich je gesehen habe. Mit seinen Höhen, Tiefen, Wendepunkten, einer erhöhten Farblichkeit, einem chaotischen Drehbuch, über das ich keinerlei Kontrolle habe.

Aus den kleinen Betonhütten mit Gittern statt gläserner Fenster strecken sich kleine winkende Hände in meine Richtung. Die Kinder freuen sich, mich zu sehen. Manche rennen raus auf die Straße und hüpfen und rufen mir etwas in ihrer Muttersprache zu. Ich hupe – und sie freuen sich noch mehr. Hüpfen durch die Pfützen und kreisen sich mit ausgestreckten Armen und dem Gesicht gen Himmel, als würden sie versuchen, die von dort herabfallenden Tropfen aufzufangen.

Ich hab ihn lange gesucht…

Die Suche nach einem fahrbaren Untersatz dauerte ewig. Eines Freitags war es aber soweit: Der Mann an der Hotelrezeption füllte die nötigen Papiere aus und übergab mir auf Verlangen den Helm. „Können Sie überhaupt fahren?“, fragte er mich halb ernst. „Klar“, log ich ohne mit der Wimper zu zucken. Die beobachtete Proberunde mündete fast im Meer. Zum Glück lasse ich mich von Missgeschicken nicht beeindrucken. Deshalb fuhr ich schnell davon und winkte nett, als wäre nichts gewesen.

Philippinen: Mein erster Tag auf dem Roller

Freiheit. Die feuchte Luft schmettert mir ins Gesicht, während meine Hände die noch unbekannte Maschine lenken. Wie schnell ich fahre, weiß ich nicht, da meine Geschwindigkeitstafel vermutlich schon lange vor meiner Zeit den Geist aufgegeben hatte. Ich fahre und lache und drücke auf die Tube und schau mir die üppige Natur von Baler im Schnelldurchlauf an. Keine Ahnung, wohin. Hauptsache staunen.

Ein reines Glücksgefühl war das, zum aller ersten Mal durch kaum bewohnte Gegenden zu düsen und dabei zu wissen, dass ich genau da ankomme, wo Gott mich haben will. Vor mir sah ich die unendlichen Berglandschaften von Aurora, während das einzige, was mich vom Meer trennte, Kokospalmen und der mal sandige mal steinerne Strand war. So fühlte sich Glück also an. Zum einen wurde das dadurch intensiviert, dass ich nach tagelanger Suche endlich mein Moped fand, das nicht allzu überteuert war. Zum anderen, weil ich, nachdem ich die ersten 20 Minuten erhöhten Unfallrisikos überstanden hatte, tatsächlich fahren konnte. So schwer ist es aber auch gar nicht. Die Straßen in Baler sind neu gemacht und es fährt sich auf ihnen gar besser, als auf unseren. Wenn in der Provinz Aurora etwas funktioniert, dann offensichtlich Straßenbau.

Schau gerne auch hier vorbei: Die Brücke in Baler, die mich Demut lehrte

Natürlich spiele ich mit dem Gedanken, mir einen Roller zu holen

Ich vermisse den Roller. Ich denke mir jedes Mal: Jetzt mit dem Ding mit einem Zigarettchen zwischen den Zähnen durch das nächtliche Baden-Baden düsen. Das wär’s doch. Es wäre aber niemals so, wie auf den Philippinen. Dort fühlte ich die Freiheit förmlich tanzen, als ich der Sonne entgegen durch befahrbare und nicht befahrbare Straßen sauste. Es war zu cool. Der linke zerbrochene Spiegel zeigte mir immer ein Stück von der Straße hinter mir und etwas Palmen, Berge sowie den strahlend blauen Himmel.

Fünf fantastische Tage verbrachte ich mit meinem Roller. Zu filmen hatte ich gar kein Bock. Naja, wäre auch ein bisschen lebensgefährlich gewesen. Nächstes Mal dann mit GoPro, versprochen.


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